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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

„1 + 1 = 3“ und „Tokonoma“: Heide Weidele und Andreas Gärtner im Deutschen Werkbund Hessen

7. Dezember 2016

„1 + 1 = 3“ – so lautet ein Ausstellungsformat des Deutschen Werkbundes Hessen. Naturwissenschaftern, namentlich Mathematikern, stünden natürlich bei dieser Formel die Haare zu Berge, aber in der freien, schönen, bildenden Kunst ist alles möglich. Wir begaben uns deshalb – um das mathematisch scheinbar Unmögliche zu studieren – zum Hessischen Werkbund in die Frankfurter Inheidener Strasse, zur Ausstellung von Heide Weidele und Andreas Gärtner mit dem Titel „Tokonoma“. Und staunten nicht schlecht: Sie stimmt tatsächlich, die Formel „1 + 1 = 3“. Wieso? Ganz einfach: Zwei Künstler, die sich mit ihren so unterschiedlichen und doch miteinander korrespondierenden Arbeiten in einer solchen Ausstellung zusammenfinden, erschaffen ein Neues, ein Drittes eben. Kunst schlägt Mathematik.

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↑ Heide Weidele, gelbes ding, 2016, Plastikteile, Spanngurte, Höhe 175 cm, Durchmesser ca. 55 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn
↓ Heide Weidele, ikebana, 2016, Plastikteile, Stoff, Hocker, Höhe 140 cm, Durchmesser ca. 100 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn ;
im Hintergrund: Andreas Gärtner, Untitled, 2014, Malerei, Acryl, Gesso, Gouache, Klebstoff, Sprühfarbe, Papier auf Baumwolle, 85 x 95 cm

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„Tokonoma“ betiteln Künstlerin und Künstler ihre von den Werkbund-Mitgliedern Vroni Schwegler und Tobias Schnotale eröffnete Gemeinschaftsausstellung. Was nun ist das? In der traditionellen japanischen Innenarchitektur finden sich kleine Wandnischen oder fensterlose Erker – Tokonomas – zur Aufnahme ästhetischer Gegenstände, etwa von hängenden Schriftrollen, von Bonsai- oder Ikebana-Arrangements. In Ansehung der vorgefundenen Architektur des Ausstellungsraumes ward dieses Ausstellungsmotto alsbald gefunden. Und es lag nahe, dass Heide Weidele dazu ortsspezifisch zwei Ikebana-Objekte schuf, während Andreas Gärtner Wandhängendes auf Nessel und Baumwolle beisteuerte.

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↑ Andreas Gärtner, Untitled, 2016, Malerei, Acryl, Chlorbleiche, Gesso, Lack, Sprühfarbe auf gefärbter Nessel, 105 x 125 cm
↓ Heide Weidele, ikebana 2, 2016, 100 x 60 x 100 cm, 3-teilige Arbeit: (1) Plastikteile, Kunstleder, Spanngurte, Höhe 95 cm, Durchmesser ca. 33 cm; (2) Stein, Eisen, Plastikteile, 100 cm, Durchmesser 30 cm; (3) Sockel, Plastik, 100 x 60 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn

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Heide Weidele und Andreas Gärtner studierten beide sowohl an der Hochschule für Gestaltung Offenbach als auch der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule – in Frankfurt am Main. Gärtners künstlerischer Werdegang führte ihn dabei auch nach New York, Japan und Korea. In ihrer sozusagen „gegenstandslosen Gegenständlichkeit“ treten die Arbeiten der beiden in ein dialogisches Spannungsverhältnis. Heide Weidele – früher primär auf Alltagsgegenstände aus Kunststoffen fokussiert – erweitert ihr Spektrum an Materialien nunmehr um Dinge wie Stoffe, Kunstleder oder Spanngurte, um Gips, Stein oder Eisen. Auch Andreas Gärtner arbeitet bei seinen Bildern auf Malgründen wie Nessel oder Baumwolle mit vielfältigen Materialien: mit Acryl, Sprühfarbe und Lack, mit Gouache, Gesso und Klebstoff, in seinen Collagen zusätzlich mit Papier. Schicht um Schicht, zart transparent, trägt er dabei auf, die unteren Schichten sind, konzentriert man den Blick auf ein solches Werk, immer noch schemenhaft erkennbar. Welten tun sich auf – wie ebenso in Heide Weideles hintergründigen Arrangements. „1 + 1 = 3“? Ja, aus den Arbeiten der einen Künstlerin und des anderen Künstlers entsteht ein gemeinsames Drittes. Ach, Du arme Mathematik!

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↑ Andreas Gärtner, Untitled (Runners), 2015, Malelei, Acryl, Gesso, Lack, Sprühfarbe auf gefärbter Nessel, 105 x 125 cm
↓ Heide Weidele, souvenir, 2016, Plastikteile, Gips, ca 50 x 70 x 35 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn

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Andreas Gärtner ergänzt die Schau um sechs computergenerierte Prints, hochinteressante Arbeiten, die ein eingehenderes Studium lohnen.

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Andreas Gärtner, jeweils Untitled, 2016, K3 Pigment Prints auf Hahnemühle PhotoRag, Ed 3 + 1 AP, jeweils 30 x 40 cm

Heide Weidele und Andreas Gärtner „Tokonoma“, eine Ausstellung innerhalb der Reihe „1 + 1 = 2“ des Deutschen Werkbundes Hessen, bis 9. Dezember 2016
Am heutigen Mitwoch geöffnet von 16 bis 22 Uhr
Zur Finissage am 9. Dezember lädt der Werkbund für 19 Uhr in das WerkbundForum (Inheidener Str. 2, Frankfurt am Main) zu der Veranstaltung „Künstler überraschen einander – das etwas andere Gespräch“ ein.

Abgebildete Werke © jeweilige(r) Künstlerin/Künstler; Fotos: Andreas Gärtner, Heide Weidele, FeuilletonFrankfurt

→ Heide Weidele

 

„OPEN STUDIOS“ im ATELIERFRANKFURT (3)

5. Dezember 2016

Ein neues Highlight im ATELIERFRANKFURT: Restaurant „KANTINE“

Kulinarik soll zum ATELIERFRANKFURT gehören wie die bildende Kunst, wie Musik, Tanz, Literatur und Gespräche. Dazu hat sich das ehemalige „Vereinslokal“ von Hans Romanov zur neuen „KANTINE“ gemausert – mit anspruchsvollem künstlerischem Ambiente und einem neuen Konzept unter der Regie von Nik Mroch.

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Festliche Illumination der Treppentürme des Atelierhauses

Die KANTINE bietet, frisch gekocht, täglich neue Rezepte aus der Streetfood-Szene, mit Produkten aus der Region. „Nachhaltigkeit ist unser Mantra“, so Nik Mroch. „Bio wo es nur geht – Vegan, Veggy, Fleischig. Organic Coffee-Spezialitäten, frisch zubereitet mit Bio-Milch aus der Region und feinstem Bio-Röstkaffee aus Südamerika und Mexiko“.

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Unverkennbar Corinna Mayer: Wandmalerei der bekannten Atelierhaus-Künstlerin im Eingangsbereich zur KANTINE

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Verblüfft ist der Besucher, wenn er sich vom Hof her der gläsernen Eingangstür zur KANTINE nähert: sitzt da doch eine fein gekleidete Tischgesellschaft, die Herren: schwarzer Anzug, weisses Hemd, schwarze Fliege. Kein Zweifel: Corinna Mayer heisst die Malerin. Eine eigenartige Szene zur Linken: im Vordergrund zwei Damen mit ausgeprägtem Decolleté und im so typischen „Mayer-Rot“, weitere Damen im Kleinen Schwarzen, in der Mitte etwas ambivalente Figuren – sind es Gäste im weissen Dinner Jacket oder korrekt gekleidete Kellner? Einige Personen scheinen sich zu unterhalten, aber wie so oft bei der Künstlerin haben wir den Eindruck „jeder redet an jedem vorbei“. Andere stehen oder blicken abseits, nur eine Dame sitzt auf einem der Stühle, sie trägt eine bizarre Krause um Hals und Nacken. Ein wenig gespenstig ist das Ganze schon.

Gehen wir hinein, fallen wir von der einen Verblüffung in die nächste: Dem Blick öffnet sich ein weiter Kirchenraum mit einer Orgel auf der Empore, es dominiert ein zartes Lila, eine Farbe vorwiegend der Evangelischen Kirche. Zur Linken erhebt ein weissgefiederter, schwanenartiger, allerdings spitzschnabeliger Vogel seine Flügel über zwei Jungtiere im korbartigen Nest. Idee und Ausführung: einfach grossartig! Der Künstler heisst Samuel Adam Woodhall.

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Wandmalerei in der KANTINE von Samuel Adam Woodhall

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Im Gastraum erwarten uns schliesslich bekannte Jazzer: gekonnte, stimmig-stimmungsvolle Wandmalerei von Guido Zimmermann, natürlich darf der legendäre Satchmo (Jazz-Muffeln eher als Louis Armstrong bekannt) nicht fehlen. Gibt es eigentlich etwas, was Guido Zimmermann nicht malen kann?

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Wandmalerei von Guido Zimmermann, © VG Bild-Kunst, Bonn

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Exklusiv und mondän gestaltet ist der Club- und Disco-Raum im ATELIERFRANKFURT: hier ist die grafisch-architektonische Handschrift von Jörg Eibelshäuser unverkennbar. Chapeau!

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Und Gratulation dem Leitungsteam des Künstlerhauses: Corinna Bimboese (Direktorin) und Manuela Messerschmidt (Projektkoordination), Nina Reichert und Marie Schaarschmidt (Assistentinnen für Administration, Künstlerbetreuung, Austauschprogramme und Veranstaltungen).

Die „KANTINE“ ist von montags bis freitags jeweils von 12 bis 17 Uhr geöffnet; der Titel darf nicht täuschen: das künstlerisch ausgestaltete Lokal steht nicht nur den Künstlern und Kreativen des Atelierhauses, sondern auch den Nachbarn und externen Gästen zur Verfügung.

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Fotos: FeuilletonFrankfurt

→„OPEN STUDIOS“ im ATELIERFRANKFURT
→ „OPEN STUDIOS“ im ATELIERFRANKFURT (2)

 

Bjarke Ingels Group im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main

3. Dezember 2016

Spielerisch innovativ

HOT TO COLD: In der Ausstellung von BIG (Bjarke Ingels Group) im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt geht es um den Einfluss des Klimas auf die Architektur rund um den Globus. Die Architektengruppe agiert global und hat Niederlassungen in Kopenhagen, London und New York. Bei der Umsetzung ihrer Projekte erforscht ein Zusammenschluss von Architekten, Designern und Experten aus den Bereichen Architektur und Innen-Architektur, Städte- und Landschaftsplanung, Produktdesign, Forschung und Entwicklung die örtlichen Gegebenheiten und Interessen, um – orientiert an Klimazonen – zu neuartigen architektonischen Lösungen zu gelangen. Ein Bericht von

Petra Kammann

In der Regel sind heutige Großstädte gebaute und historisch gewachsene Gebilde mit geringen Freiflächen. Die Klimazonen, in denen sie liegen, haben sowohl die Baumaterialien als auch ihren Baustil bestimmt. Heute sind Architekten in den Städten von etlichen Vorgaben und Auflagen umstellt. Wo kann da die Aufgabe des Architekten beginnen? Und wie kann er dabei noch seinen ganz spezifischen Stil entwickeln? Für den dänischen 42-jährigen Architekten Bjarke Ingels und Gründer der Kopenhagener Architektengruppe BIG, der am liebsten alle glücklich machen möchte, lautet eine der Überzeugungen: „Architektur ist mehr als das Entwerfen hübscher Fassaden oder eindrucksvoller Skulpturen. Sie ist die Gestaltung von Menschen geschaffener Ökosysteme, in denen wir nicht nur die Wege der Menschen, sondern auch die der Ressourcen durch unsere Städte und Bauten lenken müssen.“ Der Architekt, der auch gerne Comiczeichner geworden wäre, erlegt sich keine Denktabus auf, empfindet Vorgaben nicht als Zwang, er sieht die Sache positiv und pragmatisch, weswegen er sich von einem Kürzel leiten lässt, das er selbst erfunden hat: YIM: „Yes Is More“.

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DAM-Direktor Peter Cachola Schmal im Gespräch mit Kai-Uwe Bergmann, Partner von BIG (Bjarke Ingels Group)

Ingels betrachtet Architektur als eine Form der Evolution, wobei er der Utopie eine reale Chance einräumt. Sein Credo lautet, dass in einem gemeinsamen Prozess vieler Spezialisten etwas Neues entsteht. Da lassen sich etwa Gegensätze wie Stadt und Peripherie, Bevölkerungsdichte und Gartenidyll unter einen Hut bringen. Voraussetzung ist, dass die Interessen von Architekten, Bauherren, Immobilienunternehmern, Bewohnern und auch die unmittelbare Umgebung in den Entstehungsprozess einbezogen werden, um als Beteiligte an einem Strang zu ziehen. Wichtig auch, dass die Gemengelage zunächst einmal sorgfältig analysiert werden muss. Daraus leitet Ingels dann flugs neue und unkonventionelle architektonische Lösungen ab. Er verbindet gemeinsame Wege und Gebäude auf überraschende Weise, lässt sie sich in die Luft erheben, dreht sie in eine andere Richtung, vergräbt sie oder lässt sie völlig neue Volten schlagen, ganz nach Belieben.

Ökologisches Bauen bedeutet für die dänische Architektengruppe daher auch nicht etwa Verzicht auf Komfort und Lebensfreude, was bisweilen als ungebremster Hedonismus missverstanden wird. Die Bauten von BIG vereinen häufig die besten Elemente europäischer Bautradition, sie verbinden Funktionalität und utopische Phantastereien so pragmatisch wie nonchalant. Dabei entstehen an den verschiedenen Ecken der Welt intelligente, bisweilen waghalsige, aber auch überzeugend schöne architektonische Gebäudekomplexe aus den gebündelten Synergien, nur weil sie aus der Not eine Tugend und „das Beste aus einer häufig verqueren Lage“ machen.

BIG traf eine Auswahl von 23 Projekten aus der Ausstellung „Hot to Could“, die in größerem Umfang im vergangenen Jahr im National Building Museum in Washington zu sehen war, eigens für die Frankfurter Räumlichkeiten des Deutschen Architekturmuseums. Sie ist noch bis zum 12. Februar 2017 zu sehen. Anhand der dort präsentierten Fotowände, die nach Klimazonen gegliedert sind, kann man sich ein Bild von Standort und Konzeption des jeweiligen Projekts machen und anhand der auf Sockeln präsentierten Modelle die Wirkung im Raum nachvollziehen, wie die entsprechend konzipierten Gebäude in den heißesten und kältesten Ländern, in denen die BIG-Gruppe arbeitet, als ganzheitliche Ökosysteme umweltgerecht, wirtschaftlich und architektonisch funktionieren können.

Durch die computergesteuerten Verfahren von heute ist es möglich, die Architektur mit ihrem internationalen Stil der klassischen Moderne weiterzuentwickeln und speziellen Gegebenheiten anzupassen. Hat sich die Architektur in den letzten 100 Jahren noch damit beschäftigt, wie man dasselbe Gebäude mit Heizung, Licht und Klimaanlagen weltweit auf gleiche Weise bauen konnte, ist es nun das Anliegen von BIG, die Architektur auf die Bedürfnisse der Menschen im jeweiligen Land individuell zuzuschneiden. Denn schließlich, und damit beginnt die Ausstellung, gibt es in den verschiedenen Ländern bereits eine Architektur, die nicht von Architekten gemacht worden ist, sondern aus den klimatischen und kulturellen Bedingungen des Landes entstanden ist. Da sieht ein Gebäude im Jemen eben völlig anders aus als in Grönland, in Mali oder in China.

Ich selbst erinnere mich an heruntergekommene Betongebäude aus den 60er oder 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mit ratternden Klimaanlagen in Westafrika, die gegen die Hitze und Feuchtigkeit völlig ungeeignet waren, wo Kakerlaken unter den geklebten Teppichböden hervorkrochen, während die Lehmbauten der Einheimischen sowie die Backsteinbauten der europäischen Missionare bestens auf natürliche Weise Durchlüftung, Kühle und Geborgenheit spendeten und sich außerdem in baulich gutem Zustand befanden.

Das bedeutet nun aber nicht, dass BIG im Jahre 2016 etwa jetzt nostalgisch wieder zu Lehmhütten oder Iglus zurückkehren wollte. BIG steht mit einem Fuß durchaus im Internationalen Stil, wenn es um Effizienz und Struktur geht. Dann wird auch heute das Beste daraus übernommen. Aber daneben beschäftigt sich die Gruppe mit dem gewachsenen Ort, seinen klimatischen Bedingungen und den neuen technischen und computergesteuerten Möglichkeiten. Da muss ein Gebäude bzw. die Architektur im heißen Sand oder auf kaltem Eis anders ausgerüstet sein als in klimatisch milderen Zonen.

Fliegender Teppich

Nehmen wir ein Beispiel der BIG-Architektur aus dem Nahen Osten. „Fliegender Teppich“ nennt sich ein Gebäude, das die Gruppe für die Zentrale eines einflussreichen Medienunternehmens in Doha / Katar entwickelt hat. Dort stehen zwei „Büroriegel“ einander gegenüber, eines für den Sender Al Jazeera und ein weiteres für einen regionalen Sender. Diese beiden Gebäude sollten einerseits eigenständig bleiben, andererseits jedoch auch kommunizieren. Außerdem sollten sie ein anderes Erscheinungsbild haben als westliche Sendeanstalten. BIG hat nun die beiden Gebäudeteile durch einen perforierten Baldachin aus Beton überzogen und miteinander verbunden, was ein arabisierend geometrisches Muster ergibt, in das ein Kabelnetz eingezogen ist, so dass der Gebäudekomplex eine eigenständige arabische Handschrift bekommt und außerdem auf dem Gelände eine Art Mikroklima entsteht. Denn zwischen den Gebäuden wurde eine Landschaft aus Außenterrassen geschaffen, die an arabische und schattenspendende Innenhöfe erinnern und auf denen sich die Mitarbeiter in Pausen aufhalten können. Die beiden Türme wurden so gedreht, dass der „Platz der Begegnung“ zwischen diesen beiden Medien vergrößert wurde und optisch zudem eine größere Spannung aufkommt. Der darüber schwebende perforierte Baldachin verschattet die Terrassen wie auch den Platz. Der dadurch entstehende Sonnenschutz minimiert die thermische Belastung des Gebäudes. Die auf dem Platz angelegten Wasserspiele sorgen in diesem heiß-trockenen Klima für eine Temperaturabsenkung. So etwas ist eben nur in Doha und nicht in Manhattan möglich.

Kai-Uwe Bergmann, einer der Partner von Bjarke Ingels, fügt hinzu: „Wir fanden es auch langweilig, Hochhäuser in die Wüste zu stellen. Denn dort ist die Lichteinstrahlung so stark, dass die Scheiben alle mit Sonnenfilter bezogen sind. Das hat den Effekt, dass es drinnen so dunkel ist, dass man gar nicht rausgucken kann und dort wieder künstlich Licht schaffen muss mit der Folge, dass die Lampen wiederum so heiß werden und man wieder Kühlanlagen braucht. Das stört dort zwar niemanden. Wir aber fanden die Verschwendung von Ressourcen eher verantwortungslos. Uns interessierte vielmehr, wie wir im Hinblick auf eine ressourcenärmere Zukunft ein bisschen schlauer werden könnten“.

Google V 2.0

Ebenso spannend, aber ganz anders gelagert ist auch BIGs Google-Projekt im Silicon Valley, was in der Ausstellung in Washington noch nicht gezeigt werden konnte, weil das Projekt damals noch nicht so weit fortgeschritten war. Dort baut BIG gerade drei Bürohäuser, gemeinsam mit Thomas Heatherwick. Anderthalb Jahre hat BIG allein daran gearbeitet, um einen Masterplan für die Stadt Mountain View und die zu erwartenden 30- bis 40-tausend zusätzlichen Arbeitsplätze zu erstellen, wozu eben auch Straßen, Schulen und Wohnungen gehören. Auch dies war schon eine extreme Herausforderung für das junge Team.

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Kai-Uwe Bergmann (BIG) erläutert die  Google-Zentrale V2.0 im Moutain View Campus / Silicon Valley

In der Zwischenzeit hatte schon der renommierte Norman Forster für Apple ein kreisrundes Gebäude für 12.000 Mitarbeiter in Cupertino entworfen, das aus der Luft wie ein Raumschiff aussehen und größer als das Pentagon in Washington sein würde. Dann das neue Facebook-Headquarter, das – für Frank Gehry untypisch – fast ganz ohne verdrehte Formen, wilde Schrägen oder glänzende Oberflächen auskam. Es soll im kalifornischen Menlo Park südlich von San Francisco das Zentrum der sozialen Macht von facebook – ein einzelner Raum für Tausende Menschen – darstellen, worüber der Spruch „Unsere Arbeit endet nie“ geschrieben steht. Zuckerbergs Wunsch war es, dass sich auf dem größten offenen Grundriss nicht nur alle 3.000 Mitarbeiter sehen können, sondern jeder das Arbeiten im Prozess erleben kann.

Der neue Unternehmenssitz von Google wiederum, bisher auf mehrere Gebäudekomplexe verteilt, soll jetzt mit allen Abteilungen des Konzerns an einem Standort zusammengefasst und mit seinen 30 Hektar Fläche in die Nachbarschaft von Mountain View integriert werden, sagt Ingels Kompagnon Kai-Uwe Bergmann. BIGs Antwort auf diese Herausforderung geht nun dahin, dass die Parkplätze erst einmal konsequent unter die Erde verlegt werden, damit es mehr Platz für Pflanzen und Bäume gibt. Auf dem von Rad- und Fußgängerwegen durchzogenen, grünen Campus sollen dann öffentliche Cafés und Geschäfte entstehen, so dass das Gelände auch für ganz normale Bürger attraktiv ist.

Für die digitalen Nomaden spannt sich über die Außen- und Arbeitsbereiche die „Kathedrale der Arbeit“, die nicht als permanentes Gebäude konzipiert ist, sondern als eine Art Zeltstadt aus Baldachinen in Leichtbauweise mit flexibler Raumstruktur.

Anders als Apple wollte Google nicht ein auf die Marke zugeschnittenes fertiges Produkt. Die vorgegebene Fragestellung lautete hier vielmehr: Wie komme ich von meinem Zuhause zur Arbeit? Wie kann ich von einem Büro zum anderen kommen? Wie funktioniert das Klima im Laufe eines Jahres? In wieweit ist das Gebäude bei Überschwemmungen betroffen? Das Interesse war also eher systematischer Art, was sicher damit zusammenhängt, dass Google eine Suchmaschine ist, die aber auch inzwischen Produkte wie Pixeltelefone produziert. Wer weiß, was noch folgt? Ausgehend von einer Software hat das Unternehmen inzwischen verschiedenste Systeme entwickelt. Hinter einer solch komplexen Ingenieursarbeit stehen dann in der Regel auch nicht nur einer, sondern zehn oder zwanzig Ingenieure, weil eine konstruktive Lösung nur noch durch Zusammenarbeit entstehen kann. So hatte Google bereits viermal versucht, mit Architekten ein Gebäude zu konzipieren, ist am Ende aber am Ego des jeweiligen Architekten gescheitert. Nun lässt der Konzern zwei Architekten wie BIG und Heatherwick gemeinsam an der Lösung arbeiten, um eine Arbeitsumgebung zu entwickeln, die so flexibel, intelligent und anpassungsfähig wie möglich ist, um auf ständig sich neu ergebende Kommunikationssituationen reagieren zu können.

Die Dryline – ein urbanes Projekt in Manhattan

In New York zu bauen, ist zwangsläufig an zahlreiche Bedingungen geknüpft. Über die besondere Hochhauspyramide in New York Via 57 West hatten wir bereits anlässlich des Hochhauspreises 2016 berichtet:

Ein Projekt völlig anderer Natur ist der von BIG konzipierte Hochwasserschutz für Manhattan, die „Dryline“. Denn immer wieder ist Manhattan von schweren Hurrikans bedroht wie zuletzt von Supersturm Sandy. So beschäftigte sich BIG nun damit, wie man in Manhattan einen 13 km langen Hochwasserschutz würde anlegen können, ohne eine Ufermauer zu bauen, und kam zu dem Schluss, dass dies durch eine perlenkettenartige Aneinanderreihung von Gemeinschaftseinrichtungen sowie Grünanlagen möglich wäre. An der Lower Eastside, einem dicht bebauten Wohngebiet mit hohem Anteil an Sozialwohnungen, gibt es äußerst wenig Grünflächen, so dass bei schweren Regenstürmen das Wasser nicht versickern kann. Da sollten also gezielt neue Vorschläge erarbeitet werden. Im East River Park wurde die Topografie angehoben, damit der Park vom Lärm des Highways abgeschirmt wird.

Auf der Highline, einer ehemaligen stillgelegten Bahnlinie, hat sich ein beliebter Spazierweg entwickelt, den BIG sich bei der Planung zunutze gemacht hat.

Die Ideen für den neu entstehenden Grüngürtel hatte BIG durch zahlreiche Gespräche und etwa 100 Treffen mit den Anwohnern an den verschiedensten Stellen entwickelt, um zu ermitteln, was ihnen fehlt. In einer Stadt wie New York setzt die Entwicklung eines solchen Konzepts außerdem eine konstruktive Zusammenarbeit mit 30 verschiedenen Ämtern voraus. So entstand bislang ein variables Konzept für 10 Meilen Küstenbefestigung und -sicherung als Park, vor allem durch Aufschüttung und Bepflanzung. Wichtig war hierbei auch, dass die Menschen den Park genießen können. Auch hier hat BIG sich einiges einfallen lassen. Die ersten zweieinhalb Meilen North East-side Manhattan mit Chinatown werden im Juni fertig sein, die nächsten Teilstrecken dann bis 2020.

Unmöglich ist es, in einem Artikel alle 23 ausgestellten Projekte angemessen zu beschreiben. Daher möchte ich hier also nur wenige Highlights streifen.

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Peter Cachola Schmal und Kai-Uwe Bergmann vor dem Modell des Vancouver House

In Vancouver entsteht an einem Autobahnkreuz auf einem günstigen, weil dreikantigen Grundstück mit winzigem Baufeld ein schlankes gläsernes Hochhaus, das sich in einer eleganten Drehung vom Lärm abwendet und gleichzeitig ein Gateway für die Stadt darstellt. Weil man oberhalb nicht mehr den Abstand zu den baulichen Gegebenheiten halten musste, konnte das „Vancouver House“ dort stärker in die Breite gebaut werden, und so konnten dort interessante Wohnlandschaften entstehen.

Auch in Frankfurt am Main ist man auf die Architektengruppe BIG aufmerksam geworden. Da wächst inzwischen auf dem Metzler-Areal der „Omniturm“ heran, ein 183 Meter hoher Turm mit Büros, der in der Mitte durch zwei skulptural anmutende Verschiebungen der Geschossflächen akzentuiert ist, wo erkennbar Wohnungen eingebaut werden. Schon jetzt trägt der „Frankfurt Shake“ den Spitznahmen „Hochhaus mit dem Hüftschwung“. Vielleicht könnte dieses Beispiel in Frankfurt Schule machen, wenn in Hochhäuserm künftig auch bezahlbarer Wohnraum entsteht.

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Im Entstehen begriffen: der Omniturm in Frankfurt

Im sogenannten„ZigZag-Haus“ in Basel wird über einem stillgelegten Güterbahnhof, einem dreistöckigen Transitlager, in das Ateliers ziehen werden, ein ZigZag-Gebäude auf das alte stabilen Betongebäude aufgesetzt. Diese spezielle Form maximiert für die Bewohner das einfallende Licht und lässt dort oben attraktive Wohnungen entstehen. Eine solche Um- und Zusatznutzung ist für die Stadt Basel absolute Novität.

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Das ZigZag-Haus in Basel

Erwähnenswert ist auch das im Herzen von Bordeaux am Ufer der Garonne entstehende „MÉCA“, die Maison de l’Économie Créative et de la Culture en Aquitaine, ein Kulturzentrum, das die regionalen Kulturzentren zu einem einzigen neuen zusammenführt: das Zentrum für zeitgenössische Kunst der Kunststiftung FRAC, welches große Ausstellungsräume benötigt, dann das Zentrum für Literatur und Film mit der Medienbibliothek ECLA sowie das Institut für Performing Arts, das um einen öffentlichen Raum, zum Zentrum von Bordeaux und zur Garonne hin geöffnet, arrangiert ist. Der FRAC-Teil wurde relativ lichtundurchlässig gestaltet, auch, um das Gebäude vor Sonneneinwirkung zu schützen, während das Gesamtgebäude so angelegt ist, dass es als Fenster zwischen Stadt und Fluss fungieren kann. Eine ringförmige Torarchitektur verbindet dort zudem das neue und das alte Bordeaux miteinander. Damit soll die Offenheit des Kulturzentrums für alle Bürger, Interessierten und Besucher von Bordeaux unterstrichen werden. Das MÉCA soll gewissermaßen ein neues Mekka für Kunstfans werden.

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Kulturzentrum MÉCA in Bordeaux

Natürlich wäre das entstehende Lego-Museum in der Stadt Billund, das nach dem Prinzip der Lego-Bauweise ohne Stützen auskommt und sicher ein neuer attraktiver Tummelplatz für Kinder werden wird, eine eigene Darstellung wert wie auch etliche andere BIG-Gebäude, so beispielsweise das spiralfömig in die Erde des Schweizer Jura gebaute Piguet-Haus, wo manufakturell die Schweizer Qualitätsuhren entstehen und eine Entsprechung im stützfreien, filigran anmutenden Bau mit gerundetem Glas finden. Wie auch immer, ein Besuch der Ausstellung im DAM ist auf jeden Fall anregend, nicht zuletzt als Mutmacher, als Impuls, nicht an scheinbar unüberwindlichen Gegebenheiten zu verzweifeln. Der Ideenreichtum der Architekten erscheint da unerschöpflich.

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Audemars Piguet – Maison des fondateurs im Schweizer Jura

Amagerforbraending und Superkilen in Kopenhagen

Zwei besonders bemerkenswerte Beispiele unter den ausgestellten Projekten kommen aus Ingels Heimatland Dänemark, eines aus dem reichen Süden von Kopenhagen und ein anderes aus dem armen Norden, dem Stadtteil Nørrebro., wo u.a. früher Bjarke Ingels Architekturbüro lag.

Was kann an einer Müllverbrennungsanlage in der dänischen Hauptstadt so bemerkenswert sein? Die dänische „Amagerforbraending“, Dänemarks größtes Müllheizkraftwerk, ist ein Unternehmen der Abfallverwertung zur Erzeugung von Elektrizität und Fernwärme, in einem Viertel, in dem rund 500.000 Menschen leben. „Amagerforbraending“ erscheint dort so absurd, dass seine architektonische Umsetzung heute umso überraschender wirkt. Genüsslich, ja fast poetisch, werden aus dem Schornstein große weiße Kringel in die Luft geblasen. Da hat nämlich BIG zusammen mit den Berliner Architekturkünstlern von realities:united und dem Raumfahrtunternehmen Copenhagen Suborbitals ein besonderes Zeichen gesetzt:

Die 25 Meter breiten Rauchkringel, die rund eine Million Mal pro Jahr aus der Anlage aufsteigen, bleiben bis zu sieben Minuten sichtbar und symbolisieren jeweils eine Tonne CO2, die bei der Müllverbrennung jeweils freigesetzt wird. Mit dieser neuen Art von stetiger Zeitmessung werden wir an unseren sorglosen Umgang mit dem Müll, den wir tagtäglich in der Stadt produzieren, gemahnt.

Aber Spaß muss eben auch sein. Und da ist BIG nie um einen Witz verlegen. Denn auf dieser Industrieanlage kann man vorbei an einem 100 Meter hohen Kübelgitter mit Grünpflanzen auf einer 1,5 km langen Piste rund um das Jahr Ski fahren. Außerdem hat man von dort aus einen einmaligen Blick auf Kopenhagens Wahrzeichen, auf die Kleine Meerjungfrau. Aber auch Aus- bzw. Einsichten ins Innere des Gebäudes werden gewährt. Durch ein großes Panoramafenster kann man der Fernwärmeerzeugung im Inneren zusehen, denn in der ansonsten flachen Stadt führt ein gläserner Aufzug am Schornstein entlang bis auf den Gipfel des Skibergs. Dabei hatte sich BIG die Erkenntnis zu eigen gemacht: Die Stadt hat zwar keine Berge, dafür aber Müllberge. Und während die „wahren“ Schneepisten Schwedens mehrere Stunden entfernt sind, liegt Schnee in Kopenhagen mehrere Monate lang auf der Straße. So also kann man das ganze Jahr hier Skifahren.

Im armen Nordwesten von Kopenhagen wiederum schiebt sich auf einer Länge von nahezu eineinhalb Kilometern der Landschaftspark „Superkilen“ durch ein international geprägtes Viertel, das als eines der sozial am meisten benachteiligten Gegenden Dänemarks gilt. Dort hat Ingels nach einer intensiven Befragung der meist eingewanderten Bevölkerung, die hier lebt, zusammen mit der dänischen Künstlergruppe Superflex einen neuartigen öffentlichen Raum geschaffen. Die Menschen verschiedener Herkunft haben zum Beispiel Bänke aus ihren Heimatländern mitgebracht und aufgestellt. Entstanden ist daraus eine bizarre Kunstlandschaft aus Objekten, welche die Zugewanderten an ihre alte Heimat erinnern. Konzeptuell wurde der Landschaftspark in drei Zonen und die Farben Grün, Schwarz und Rot gegliedert, woraus ein „Roter Platz“, ein „Schwarzmarkt“ und ein „Grüner Park“ entstand.

Dorthinein mischen sich nun außerdem Werbe-Stelen für unbekannte Produkte und arabische Zahnärzte, ein marokkanischer Brunnen, eine schwarze Oktopus-Rutsche, knallrote englische Mülleimer, gelbe Vogelkästchen, eine weiße Elefanten-Rutsche, ein Boxring, typisch südeuropäische Schachbrett-Spiele, Bänke unterm Apfelbaum und ein Arsenal unterschiedlicher Lampen, die eine Art ethnischen Heimatpark entstehen lassen. Die Bevölkerung hat damit einen Zipfel Heimat wiedergefunden in einem Viertel, das nicht nur heruntergekommen war, sondern wo auch starke Aggressionen ausgetragen wurden. Die Neugestaltung hat zweifellos zur Befriedung beigetragen, was man in einem Video auf der Bildschirmwand verfolgen kann.

Mit diesen Entwürfen ist die Gruppe BIG der eigenen Vision, unsere Städte und Gebäude als von Menschen geschaffene Ökosysteme zu gestalten, sicher schon ein Stückweit näher gekommen. Natürlich wird Architektur auch von anderen Aspekten beeinflusst wie von Programm, Funktion, Bürokratie, Ökonomie, Technologie, Gewerkschaften, Politik, Materialien, Kultur, Denkmalschutz, öffentlicher Meinung, Logistik etc. Aber dessen ist sich die Gruppe BIG auch bewusst. Mit den Gestaltungsprinzipien des Verschiebens, Verdrehens, Verkantens und Auffächerns sowie der Einbeziehung der sozialen und kommunikativen Elemente lassen sich auf jeden Fall neue originelle Lösungen finden, die mancher Stadt ein Vorbild sein könnten, indem sie auch jenseits von Geschäftszeiten lebendiger würden.

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Blick auf den Serpentinen-Pavillon für Großbritannien „Offener Reißverschluss“ aus Glasfaserelementen (im Hintergrund Modell des Omniturm)

Der Architekt

Bjarke Ingels wurde am 2. Oktober 1974 in Kopenhagen geboren. Nach seiner Architektenausbildung in Kopenhagen und Barcelona arbeitete er von 1998 bis 2001 in Rotterdam im Office for Metropolitan Architecture (OMA) von Rem Koolhaas. 2001 war er gemeinsam mit Julien de Smedt Mitbegründer des Architekturbüros PLOT. Zusammen entwarfen sie die „VM Houses“ in Kopenhagen. Auf der Architektur-Biennale in Venedig erhielten sie den Goldenen Löwen. 2006 wurde Bjarke Ingels Gründer und Namensgeber von BIG, der Bjarke Ingels Group. 2011 öffnete er eine Niederlassung in New York für die Realisierung des Wohnkomplexes „W57“ in Manhattan und weiterer Projekte in den USA. Seit 2013 unterhält BIG auch ein Büro in Peking.

Der 712 Seiten starke und durchgehend bebilderte Ausstellungskatalog „Bjarke Ingels Group: Hot to cold. An Odyssey of Architectural Adaptation“ ist 2015 im Taschen Verlag auf Englisch erschienen. Empfehlenswert ist der Kurzführer durch die DAM-Schau mit einer deutschen Übersetzung der Bildunterschriften.

Bjarke Ingels Group (BIG): HOT TO COLD, Deutsches Architekturmuseum Frankfurt, bis 12. Februar 2017

Abgebildete Modelle © Bjarke Ingels Group (BIG); Fotos: Petra Kammann

→ Der Internationale Hochhaus-Preis 2016 und innovative Entwicklungen im Hochhausbau

 

„OPEN STUDIOS“ im ATELIERFRANKFURT (2)

30. November 2016

Temporär für eine Woche: Gruppenausstellung „facing“
Eine Nachlese

Neben zahlreichen künstlerischen Aktivitäten präsentierte ATELIERFRANKFURT zu seinen diesjährigen „Open Studios“ eine bemerkenswerte Gruppenausstellung mit dem Titel „facing“, kuratiert von Nina Reichert und Marie Schaarschmidt. Beteiligt waren die sechs Künstlerinnen und Künstler Jo Albert, Jörg Ahrnt, Girmachew Getnet, Matthias Grübel, Dieter Mammel und Mirjam Martinovic, die sämtlich ihre Ateliers im Künstlerhaus haben.

Sechs höchst unterschiedliche Positionen vereinte die Ausstellung, die sich jeweils mit dem Begriff „facing“ auseinandersetzten. Durchaus vieldeutig lässt sich das Wort übersetzen oder deuten – von Angesicht zu Angesicht, jemanden ansehen, aber auch jemandem (friedfertig) begegnen oder (unfriedlich) gegenübertreten, sich jemandem (empathisch) zuwenden oder sich mit ihm (abweisend) auseinandersetzen. Stets stand in den Arbeiten der Ausstellung – so die kuratorische Intention – das menschliche Gesicht im Zentrum des künstlerischen Werkes.

Dieter Mammel hatte mit einem eigenen Raum eine grosszügige Präsentationsplattform erhalten, in der er fünf Tusche-Arbeiten zeigte; ferner gestaltete er gemeinsam mit Matthias Grübel die aktuelle Videoarbeit „Erzähl mir, woher Du kommst“ (22 min.) mit Zeichnungen und Gemälden von Flüchtlingskindern; in besagtem Film sprechen auch die Kinder über ihre Bilder. „Facing“: in der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion, namentlich in Zeiten der Flüchtlingskrise, stellen sich Assoziationen ein: an Begegnungen mit neuen, anderen Kulturen, aber auch an das Zeigen seines Gesichts wie umgekehrt an dessen Verhüllen und Verbergen.

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Dieter Mammel
↑ Sandsturm, 2016, Tusche auf Leinwand, 100 x 220 cm, Courtesy of Galerie Hübner + Hübner, Frankfurt; © VG Bild-Kunst, Bonn
↓ Blind Date, 2008, Tusche auf Leinwand, 90 x 190 cm; © VG Bild-Kunst, Bonn

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Von Dieter Mammel, einem Meister feiner, ins Malerische übergehender Tusche-Zeichnungen (hier sämtlich auf Leinwand), zeigen wir zwei der ausgestellten Arbeiten – beide haben mit dem Thema „facing“ zu tun – hier des absichtslosen wie dort des absichtsvollen Verbergens. Im Sandsturm liesse sich das Gesicht der Person kaum erkennen, die eilig ausschreitend vielleicht das Schutz verheissende Gebäude oder wenigstens den eigenartig in das Bild ragenden Pick-up erreichen will. Die Person ist in einem gewissen Sinne auf der Flucht – wie der Bildtitel suggeriert vor einer elementalen Naturgewalt. Anders wiederum die Frau in „Blind Date“, deren Augen- und Nasenpartie eine von links über das Gesicht geführte Hand verbirgt – weniger vielleicht eine Schmerzensgeste als der Ausdruck eines Etwas-nicht-sehen-wollens. Ein Spannungsfeld eröffnet die Frage, ob es die eigene Hand der Frau oder die eines Fremden ist, was zu unterschiedlichsten Deutungen führen kann.

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Jo Albert, hypóstatis, 2015, Klebefolie auf Holz, 300 x 175 cm

Jo Albert zeigte sein grossformatiges dreiteiliges Werk „hypóstasis“, das Brigitta Amalia Gonser aus Anlass der seinerzeitigen Präsentation im Ausstellungsraum EULENGASSE bereits in diesem Magazin ausführlich vorgestellt hat.

Von Jörg Ahrnt sahen wir ein Video mit dem Titel „Face to Face (10:42 min) mit verschiedenen in Persien aufgenommenen (Porträt)Fotos, ferner einen Digitaldruck gleichen Titels, beide aktuell aus diesem Jahr.

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Jörg Ahrnt, Face to Face, 2016, Digitaldruck; Foto: Jörg Ahrnt

Allein der Titel verleiht dem Werk durchaus etwas Beklemmendes: das „face“ – begrifflich wie metaphorisch abstrahiert und auf piktogrammlich Zeichenhaftes reduziert. Eine entindividualisierte Figur in Bet- und Bittstellung, in Gelb, einer auf Verkehrs- und Hinweistafeln gebräuchlichen „Warn- und Achtung-Farbe“. Im Rücken gibt der schroff schwarz-weisse Pfeil unmissverständlich das klare Signal „Hier geht es lang!“ und „Zurück!“. Die Arbeit spricht für sich.

Ein Doppel-Werk bzw. zwei Arbeiten, die bei aller Unterschiedlichkeit nicht nur vom Material her miteinander korrespondieren, zeigte Girmachew Getnet unter dem Titel „Circle“: zum einen eine flächige Arbeit aus acht bemalten Pappkarton-Tafeln, zum anderen eine kubusartige Skulptur aus 64 farbigen Papp-Ordnern, gelagert auf zwei hölzernen Euro-Paletten.

Menschen dunkler Hautfarbe, die Körper anscheinend zum Teil geweisst, scheinen zu schweben, zu fliegen – sich an den Händen haltend, die Gliedmassen eigentümlich verrenkt; davor Pappordner, in bunten Farben gemischt zwar, aber Ausdruck bürokratischen Verwaltungswesens: Was für Akten werden sie aufnehmen oder mögen sie bereits enthalten? Werden sie, mit Folien auf den Paletten fest verschnürt, an- oder abtransportiert? Geht oder ging es dabei um Menschen, für die Girmachew Getnet auf den acht Bildtafeln einen künstlerischen Ausdruck fand? Auch diese Arbeiten sprechen für sich.

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Girmachew Getnet
(vorn) Circle, 2016, 64 x industrieller Pappkarton, 123 x 83 cm
(hinten) Circle, 2016, 8 x industrieller Pappkarton, 25 x 35 cm

„Von Angesicht zu Angesicht“ betitelt Mirjam Martinovic ihre – die Gesamtausstellung vielleicht sogar bestimmende – mehrteilige Arbeit: „Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels wie in Rätsel, dann aber von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ Der Text ist dem 1. Brief des Paulus an die Korinther in einer der mehreren gebräuchlichen Fassungen entnommen – der Brief gilt, um das Jahr 55 datiert, als einer der ältesten Texte des Neuen Testaments.

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Mirjam Martinovic, Von Angesicht zu Angesicht, 2016, Divers, Gesamtansicht und Details

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Mirjam Martinovic studierte an der Hochschule für jüdische Studien, Heidelberg und an der Universität Heidelberg, an der Kunsthochschule Kassel, an der Bezalel Academy of Arts and Design Jerusalem und zuletzt – als Meisterschülerin – an der Kunsthochschule Weissensee, Berlin. Ihre Installation „Von Angesicht zu Angesicht“ spiegelt diese vielfältigen Studien-, Lebens- und Erfahrungsbereiche wider. In den grossformatigen Tafelbildern links und rechts sehen wir tempelartige architektonische Strukturen. Gesäumt werden sie von an Schriftrollen erinnernde, sich auf dem Boden faltenden Bändern, an ihnen sind handgeschriebene Papierzettel mit dem bereits zitierten Text mit Büroklammern angeheftet. Zettel – wie sie in den Spalten der Jerusalemer Klagemauer wie auch an christlichen Wallfahrtsstätten anzutreffen sind. Der Text aus dem Paulusbrief mag heutigen Generationen schwer zugänglich erscheinen, und doch ist er so aktuell wie vor rund 2000 Jahren – wie auch bereits zu Zeiten des vorchristlich-altgriechischen „Gnothi seauton“ – Erkenne dich selbst – und des späteren ciceronischen „Nosce te ipsum“. Aber nicht allein um Selbsterkenntnis geht es, sondern um Erkenntnis auch des Anderen, des Fremden.

Assoziationen an Thorarollen wie an liturgische Bänder im christlichen Kultus stellen sich ein. Spuren der Rollung zeigen auch die schwarz-weissen, übereinander gefügten Arbeiten aus der Werkgruppe „Jerusalem Syndrom“ in der Mitte der Installation. Es ist ein komplexes Ensemble, mit dem man sich lange beschäftigen kann und das sehr wohl einer Einzelausstellung wert wäre!

Abgebildete Werke © jeweilige Künstlerinnen und Künstler; Fotos (soweit nicht anders angegeben): FeuilletonFrankfurt

→ „OPEN STUDIOS“ im ATELIERFRANKFURT

– wird fortgesetzt –

Auf den Spuren bäuerlicher Kultur in Südtirol

29. November 2016

Wenn der Gigger zum Aufstehen kräht

Von Elke Backert

Südtirol ist ein ganz eigenes Land. Am Namen leicht zu erkennen, war es einmal ein Teil Tirols. Widrige Politik – lang ist’s her – schlug es zu Italien, was es aber für Besucher von heute reizvoll macht: Man versteht die deutsche Sprache und mischt österreichische mit italienischer Küche. Ein Urlaubsland par excellence also. Südlich des Brenners gelegen, bietet die autonome Provinz zwischen Etsch und Eisack fast alles: mediterrane Vegetation, Obstplantagen und sanfte Rebhügel vor der Kulisse der bizarren Felstürme der Dolomiten und der Hochgebirgsgletscher, an die 120 Burgen und Schlösser, schönste Bauern- und Weinmuseen sowie das Archäologische Museum in Bozen, wo die 5.300 Jahre alte Gletschermumie „Ötzi“ vom Hauslabjoch Besuchermagnet war und ist.

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