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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 8

29. Juli 2014

Ein Reisebericht

8. Teil und Schluss: Granada (2)

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

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Blick in eine Geschäftsstraße mit Sonnensegeln

Unser ausgefallen eingerichtetes Hotel lag mitten in der Innenstadt – in der Calle de los Mesones, einer sehr belebten Einkaufsstrasse mit feinen Läden. Sehr freundlich wurden wir begrüsst – wie überhaupt in allen offiziellen Einrichtungen und im Tourismusgewerbe die Leute zuvorkommend waren. Ganz besonders, wenn man sich bemühte, die Unterhaltung auf Spanisch zu führen. Dagegen auf der Strasse zuweilen gleichgültiges Treiben und Verhalten. So war mache Gasse übersät mit Zigarrettenkippen. Es fiel geradezu auf. Ansonsten waren die Strassen, die nachts gereinigt wurden, sauber.

Auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel war uns die Stele der Busstation S 5 Beethoven aufgefallen.

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Vom Hotel waren es nur wenige Schritte zur Calle Reyes Catolicos mit dem Denkmal von Königin Isabella und herrlichen Prachtbauten. Von dort sind es wieder nur wenige Schritte zur Kathedrale und zur Capilla Real.

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Prachtbau in der Calle Reyes Catolicos

Zweihundert Jahre wurde an der Kathedrale gebaut, die inmitten dichter Bebauung, am Platz der ehemaligen Moschee liegt. Begonnen wurde sie unter gotischem Einfluss. Dann wurden die Pläne geändert und es wurde die erste spanische Katherdale im Stil der Renaissance gebaut. Der Maler, Bildhauer und Architekt Alonso Cano, dem ein Denkmal gesetzt wurde, schuf die monumentale Hauptfassade. Sie erinnert an römische Triumphbögen – Symbole für den Sieg der Christen über den Islam.

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Kathedrale

Die Fassade lässt ihre Grösse im Innern jedoch nicht erkennen, das monumental, fünfschiffig, sehr hoch und hell ist. Ein Prachtstück ist die Capilla Mayor.

Die gebildete, selbstbewusste Isabella war die Tochter von König Johann II. von Kastilien und Léon und seiner zweiten Frau, Isabella von Portugal. Nach dem Tod des Vaters, da war sie drei Jahre alt, wurde die Mutter mit ihren beiden Kindern vom Hof durch den Halbbruder vertrieben. Dieser Halbbruder aus Johanns erster Ehe versuchte schon früh Isabella, noch ein Kind, zu verheiraten. Zu ihrem Glück starben alle vorgesehenen Ehemänner, und als sie erwachsen war, wehrte sie sich erfolgreich gegen eine Zwangsverheiratung. Sie wollte selber entscheiden, und sie wählte zum Ehemann Ferdinand, den zukünftigen König von Aragón. Als ihr Halbbruder Heinrich IV. starb, musste sie zunächst um den Thron kämpfen, den sie sich 1476 sicherte. Zusammen mit ihrem Mann regierten sie als die “Katholischen Könige” Isabella I. (1451-1504) und Ferdinand II. (1452- 1516). 1492 eroberten sie Granada. Im gleichen Jahr stach Christoph Kolumbus, den Isabella unterstützte, in See. Die Katholischen Könige führten die Inquisition ein. Muslime und Juden wurden gezwungen zu konvertieren oder auszuwandern oder wurden der Inquisition übergeben.

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Denkmal der Königin Isabella auf der Plaza Isabel la Católica (Christoph Kolumbus kniet vor der Königin)

Kein anderes Herrscherpaar hat Spanien so entscheidend geprägt und auch geeint. Aber ihre Vorgehensweise war von unglaublicher Brutalität geprägt. Das soll Papst Paul VI. nicht davon abgehalten haben, 1974 den Seligsprechungsprozess für Isabella einzuleiten. Isabella provoziert Bewunderung wie Ablehnung. “Jeder kennt ihren Mut, ihre Tatkraft, ihre Stärke und den Eifer, mit dem sie Böses rodete, um Gutes zu pflanzen“, wird der Erzieher ihrer Kinder zitiert.

Im “Palast der Vergessenen”, dem Anfang 2014 eröffneten sephardischem Museum, wird an die Vertreibung der Juden erinnert.

Zehn Kinder hatte Isabella geboren, von denen fünf starben. Eine ihrer Töchter, Johanna, genannt die Wahnsinnige, verheiratet mit Philipp I. (dem Schönen) von Habsburg, dem Sohn des späteren Kaisers Maximilian I., übernahm den Thron. Ihr gemeinsamer Sohn war Karl V.

Katharina, ihre jüngste Tochter, heiratete in zweiter Ehe den englischen König Heinrich VIII., von dem sie später geschieden wurde.

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Kathedrale, Portal

Direkt neben der Kathedrale liegt die Capilla Real, deren Bau Königin Isabella I. kurz vor ihrem Tod in Auftrag gab. Sie wurde erst 1521 fertiggestellt, und die sterblichen Überreste des Königspaares, die bis dahin im Konvent San Francisco auf der Alhambra bestattet waren, wurden dorthin überführt.

Neben ihren Marmorsarkophargen stehen dort auch die ihrer Tochter Johanna und derem Mann Philipp. Ein Prunkstück der Capilla ist der Renaissance-Hochaltar, überreich verziert mit Skulpturen. Die geschnitzten Holzfiguren sind erstaunlich realistisch. In der Sakristei, die als Museum und Schatzkammer dient, befindet sich ein prunkvoller Kirchenschatz und die Gemäldesammlung, die Isabella schuf, mit Bilden von Rogier van der Weyden, Hans Memling und anderen.

Gleich gegenüber der Capilla Real liegt die Madraza, die von Yusuf I. im 14.Jahrhundert gegründete Koranschule, die heute einige Dependancen der Universität beherbergt. In unmittelbarer Nähe liegen auch der ehemalige arabische Seidenmarkt und die ehemalige arabische Karawanserei.

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Blick auf die Alhambra

Das alte Granada wurde auf drei Hügeln erbaut: dem Burgberg Alhambra, dem Hügel auf dem Albaicin (Albayzin), wo Granadas ursprünglichstes “barrio” liegt. Seine alten arabischen Häuser gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Den dritten Hügel (Valpariso) bildet der Sacromonte, der Heilige Berg, in den die cuevas, die Höhlenwohnungen der Gitanos hineingeschlagen wurden. Sie gehören heute zum Museo de la cuevas del Sacromonte.

Wir haben uns entschlossen, die beiden Hügel zu Fuss zu erwandern. Es war sehr anstrengend, weil zum Teil sehr steil, aber faszinierend und lohnenswert.

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Weg am Rio Darro entlang

Wir starten an der Plaza Nueva, rechts und links bedeutende Monumente, gehen am Rio Darro entlang, einem kleinen Fluss zwischen dem Alhambra- und dem Albaicin-Hügel, und gelangen in eines der ältesten maurischen Bäder Andalusiens aus dem 11. Jahrhundert, El Bañuelo. Tonnengewölbe mit ihren sternförmigen Lichtquellen werden von verschieden verzierten Säulen getragen, die aus römischer und westgotischer Zeit stammen. In kaltem, warmem und heissem Wasser sollen die Bewohner des Viertels sich hier erfrischt haben.

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↑↓ El Bañuelo

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Mit hübschen kleinen, weiss getünchten Landhäusern, dahinter Gärtchen, lockt Albaicin, das im 13.Jahrhundert zum Zufluchtsort von Muslimen wurde. Sie flohen vor den Christen aus der Stadt Baeza, nördlich von Granada (Albayyasin bedeutet: der den Menschen aus Baeza gehört). Bis 1568 wurde das Viertel von Mauren bewohnt. Heute hat sich wieder eine moslemische Gemeinde angesiedelt.

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Gasse in Albaicin

Fast auf dem höchsten Punkt des Barrio Albaicin steht die Iglesia de San Nicolás aus dem 15.Jahrhundert und gleich dahinter Granadas neue Moschee. Es ist der erste Moscheebau seit 1492. Der Islam ist in die Stadt zurückgekehrt. Etwa 15000 Muslime, viele kommen aus Nordafrika, wohnen hier wieder. Und es gibt spanische Konvertiten. Unten und oben in der Stadt werden in den Kirchen Kerzen angezündet, im Viertel Albaicin erschallt jedoch auch der Ruf “Allahu akbar”.

Vor der Kirche vom Aussichtspunkt Miradór San Nicolás kann man sich am prachtvollen Blick auf die Alhambra und den Generalife erfreuen. Um diesen meistbesuchten Platz herum liegt eine Vielzahl von historischen Monumenten.

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Mit diesem Blick vom Miradór entspannten wir erst einmal nach unserem mühsamen Aufstieg zum Stadtviertel Sacromonte, der uns über einen anderen Weg geführt hatte. Steil steigt der Camino del Sacromonte, es fahren aber auch Busse, zu Granadas Höhlenviertel.

Seit dem 15./16.Jahrhundert siedelten sich die Gitanos, Roma und Sinti, hier an. Die Mühe des Aufstiegs lohnt sich. Im Museo wird von der Lebensweise dieser Menschen erzählt und auch von der Natur des Hügels Valparaiso. Auf seiner Spitze thront die Abtei Sacromonte, die im 17.Jahrhundert an der Stätte errichtet wurde, an der Granadas Stadtpatron Cecilio den Märtyrertod erlitt.

Beim sehr steilen Aufstieg zu den Gitano-Cuevas, der gutes Schuhwerk erfordert, sehen wir einige elende Bretterverschläge, zeltähnliche Behausungen, wo Menschen zu leben scheinen. Ein Schild mahnt: “Bitte nicht fotografieren”. Von Weitem ist der trostlose, ausgedörrte Hügel zu erkennen. Noch nicht einmal ein bescheidener Gartenanbau ist hier möglich.

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Gleich am Eingang des Museumsbereichs begrüssen uns Frösche. Schautafeln klären über die im Botanischen Garten existierende Tier- und Pflanzenwelt auf.

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Blick ins Tal des Río Darro – links auf dem Hügel die Alhambra

Das Museo Cuevas del Sacromonte rekonstruiert vor allem das Leben seiner Bewohner, der Gitano-Familien. Handwerker schmiedeten Silber, schufen Gefässe aus Kupfer und flochten Körbe, die Frauen nähten Kleider.

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Der Küchenbereich

Das Museo informiert auch über ihre Musik, den Flamenco, dessen maurischer Einfluss im traditionellen Tanz Zambra zu sehen ist. Er hat Bauchtanzelemente und wurde in Granada geboren. Die Grundlage für den Flamenco bildet der Gesang, der oft durch Händeklatschen unterstützt wird. Wichtig ist der Tanz und natürlich die alles begleitende Gitarrenmusik.

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Ahnengalerie der Flamenco-Künstler

Wir sind erstaunt, kaum Besucher im Museo Cuevas del Sacromonte anzutreffen, während es in Albaicin von Touristen wimmelt. Abends jedoch werden sie heraufströmen, um in den Tablaos, den Musikkneipen, einen Flamencoabend zu erleben. Er gibt einen Eindruck, auch wenn touristisch aufbereitet, von der hohen Kunst des Flamencos. Wenn die Meldung stimmt, soll ab kommendem Schuljahr in andalusischen Schulen Flamenco neben Musik und Sport als Wahlfach auf dem Lehrplan stehen.

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Impression im Viertel Sacromonte

Besonderes Interesse hatten wir noch für das Monasterio de la Cartuja, der Kartause, eines der bedeutendsten spanischen Barockschöpfungen. Es liegt ausserhalb Granadas umgeben von Feldern und ist problemlos mit dem Stadtbus zu erreichen.

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Monasterio de la Cartuja, Portal

Das Kartäuserkloster wurde 1516 mit der Spende von Gonzalo Fernández de Córdoba y Aguilar, genannt Gran Capitán (1453-1515) finanziert. Der Feldherr im Dienst der “Katholischen Könige”, der in Süditalien gegen die Franzosen siegreich war, vermittelte bei den Verhandlungen zwischen ihnen und dem letzten Nasriden-König, Muhammad XI., Boabdil genannt. Das war 1492 – das Ende der Reconquista. Der Gran Capitán begründete Spaniens ehemals militärische Grösse. Er starb in Granada.

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Gedenkplatte an den Gran Capitán

Erst im 18. Jahrhundert wurde der gesamte Klosterkomplex fertiggestellt. Er ist gekennzeichnet durch verschiedene Bauepochen von der Gotik bis zum Barock.

Glanzstück dieses Monumentes ist die spätbarocke Sakristei, die der Architekt und Bildhauer Francisco Hurtado Izquierdo Anfang des 18. Jahrhunderts gestaltete. Das vielfach aufgebrochene Dekor aus weissem Stuck, die marmornen Sockel, überspannt von einem Tonnengewölbe, macht die Sakristei zu einem aussergewöhnlichen Kleinod. Der Künstler schuf auch die Kapelle El Sagrario (Sakramentshaus) und den Hochaltar der einschiffigen Klosterkirche.

Im Mönchtrakt sind Bilder vom heiligen Bruno, geboren in Köln, dem Begründer des Ordens, und dem heiligen Hugo, Bischof von Grenoble (selbst kein Kartäuser, der Bruno aber unterstützte) erhalten. In einem anderen Raum befinden sich Gemälde, die vom Martyrium der Kartäuser in England berichten. Der englische König Heinrich VIII. liess die Mönche verfolgen. 1836 mussten die Mönche aufgrund des Gesetzes zur Enteignung von Kirchengütern das Monasterio de la Cartuja verlassen.

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Pflasterung vor dem Monastero

Als wir das Monastero besichtigten, wurden wir gebeten, vorzeitig die Kirche zu verlassen. Der Grund: eine Hochzeit. Es scheint viel geheiratet zu werden. Zumindest wurden wir Zeuge von einigen.

Einen ganzen Tag lang müsste man sich den Spuren des Schriftstellers und Dichters Federico García Lorca (1898-1936) widmen. Geboren und ermordet in der Nähe von Granada, ist er die Symbolfigur für den Widerstand gegen den Faschismus. Etwa 20 Kilometer ausserhalb der Stadt liegt sein Geburtshaus. Ebenfalls ausserhalb befinden sich auch seine Hinrichtungsstätte sowie das Casa Museo de Federico García Lorca. In der Ruhe des ehemaligen Sommerhauses der Familie, Huerta de San Vicente, schrieb er einige seiner wichtigsten Theaterstücke: “Yerma” und “Bluthochzeit”.

Detail aus der Skulptur Lorca in der Avenida de la Constitucío:

Stadt, o Stadt du der Zigeuner!
Wer wohl deiner nicht gedächte,
der dich jemals hat gesehn?”

aus “Romanze von der spanischen Guardia Civil” (“Zigeunerromanzen”, 1924-1927, Übersetzung Enrique Beck).

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Skulptur des Federico García Lorca in der Avenida de La Constitucion

Befreundet war Lorca mit dem Komponisten Manuel de Falla (1876-1946), der 18 Jahre in Granada wohnte. Er emigrierte 1939 nach Argentinien und kehrte nicht mehr in sein Heimatland zurück. Auch an ihn erinnert eine Skulptur in der Avenida de la Constitucion.

In Granada komponierte er einige seiner besten Werke: Opern und Zarzuelas (spanische Operetten). Persönliche Dinge, Noten und Bücher sind in dem Casa Museo Manuel de Falla zu sehen. In unmittelbarer Nähe wurde das nach ihm benannte Auditorio mit einem grossen Konzertsaal, Ende der 1970er Jahre gebaut.

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Hauseingang

Granada, die alte Palaststadt der Nasriden und der Katholischen Könige, hat heute über 230.000 Einwohner und mit etwa 60.000 Studenten eine der grössten Universitäten Spaniens. Es ist eine moderne, lebendige Stadt mit schönen Geschäften. Die vielen historischen Gebäude, die kostbaren Kirchen und Klöster nehmen viel Zeit in Anspruch, um sie halbwegs kennenzulernen.

*     *     *

Ein Nachwort des Herausgebers: Renate Feyerbacher gibt uns einen erzählenden, anschaulichen, vor allem sehr persönlichen, subjektiven, individuellen Bericht von ihrer Reise (mit einer ihrer Töchter) durch Andalusien – fernab jeder Reiseführer-Stilistik. Auch jenseits des Kanons der weltbekannten Sehenswürdigkeiten in den sechs von ihr besuchten Städten geht ihr Blick dabei auf vom allgemeinen Touristikbetrieb weniger Beachtetes. Ihre Fotografien zeigen entsprechende individuelle Perspektiven und Einstellungen. Wir freuen uns, dieses kleine “Kompendium” einer Andalusien-Reise in FeuilletonFrankfurt veröffentlichen zu können.

 

Die komplette Serie Andalusien – ein Reisebericht:

→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 1 (Málaga)
→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 2 (Ronda)
→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 3 (Cádiz)
→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 4 (Sevilla 1)
→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 5 (Sevilla 2)
→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 6 (Cordoba)
→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 7 (Granada 1)

Absolventenausstellung 2014 der Städelschule “Pashmina” im MMK-Zollamt (7)

27. Juli 2014

Margarethe Kollmer: “exhibit”

Unsere Reihe der Ausstellungsberichte schliessen wir mit einer Arbeit, die – über die aktuelle Absolventenausstellung der nunmehr die Hochschule verlassenden Studierenden hinaus – von grundsätzlicher Bedeutung ist, ja aus unserer Sicht in gewisser Weise ein “Schlüsselwerk” darstellt und deshalb, wie wir meinen, ebenso den Absolventenpreis verdient hätte.

Der eine oder andere Besucher der Absolventenausstellung nun wird “exhibit”, die grossformatige Videoarbeit der Frankfurter Künstlerin Margarethe Kollmer, womöglich gar nicht wahrgenommen haben, befindet sich die Projektion doch an der rückwärtigen Wand über dem Treppenaufgang zum Zollamtssaal, und wer sich nach erfolgtem Aufstieg nicht Raphaela Vogels imposantem Saurier von allen Seiten genähert und dabei das filmische Geschehen auf besagter Wand entdeckt hat, wird am Ende gar erst spät bei Verlassen des Saals darauf aufmerksam werden.

Die nach Art der Künstlerin wiederum ruhige, unaufdringliche, vom Betrachter aufmerksame Zuwendung wie auch Geduld eher ersuchende als verlangende Arbeit zeigt – nichts, und doch so vieles, das den Betrachter zu Kopfarbeit fordert: langsame Kamerafahrten wie durch einen Weichzeichner durch den leeren Zollamtssaal, über den grauen Boden und die rötlichen Fliesen, die Wände entlang, hier und da länger innehaltend, gerichtet auf das saaltypische Klinkerwerk oder weisse Wandflächen. Einiges verzerrte Stimmengewirr im Hintergrund, man geht auf Schuhabsätzen klackend hin und her, scheint aus der Nähe wie aus der Ferne über dies und jenes zu diskutieren, ohne dass wir es genauer verstehen können. Doch es wird uns vieles klar.

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Ausstellungsansicht mit der Arbeit “exhibit” der Künstlerin über dem Treppenaufgang der MMK-Dependance Zollamt

Ausführungen von Künstlerinnen und Künstlern zu ihren Arbeiten dokumentieren wir in aller Regel zwar nicht, heute jedoch tun wir es und überlassen Margarethe Kollmer gern das Wort:

Beim Gang durch eine Ausstellung sieht man die präsentierten Werke in einer akribisch geplanten Anordnung und Ausführung, so wie es Künstler und Kuratoren entschieden haben. Nichts lässt daran zweifeln, dass alles genau so ist, wie es sein soll.

Die Arbeit ‘exhibit’ zeigt eine Videoaufnahme aus dem Zeitraum vor dem Ausstellungsaufbau im MMK Zollamt. Darin sieht man eine Raumbegehung des noch unbespielten Hauses durch die Künstlerin. Alle Wände sind noch leer und bieten Platz für potentielle Arbeiten, die noch nicht ausgewählt oder hergestellt sind. Man hört im Hintergrund, wie während der Begehung über die Raumsituation beraten wird. Alles ist noch unentschieden. Der Weg führt von Wand zu Wand. Dabei werden die noch leeren weißen Hängflächen im Ausstellungsraum in das Videobild eingepasst. Dadurch wird ein Werkformat definiert – die Größe einer angenommenen Arbeit, die daran Platz finden würde. Gleichzeitig wird ein solches Format in der Kamera durch das Abfilmen hergestellt – ein Videobild entsteht. Das Abtasten und Ausloten der Raummöglichkeiten stellt somit selbst schon die Arbeit her, indem sich diese Bilder ansammeln und zum Video werden.

Die Arbeit zeigt nicht nur die Suche nach ihrem eigenen Platz, sondern auch den Raum an Möglichkeiten, den es zu Beginn der Planungsphase einer Ausstellung gibt, und zu dem der Ausstellungsbesucher normalerweise keinen Zugang hat, weil im Moment der Präsentation alle Entscheidungen schon getroffen und alle Werke platziert sind. Gleichzeitig generiert sich die Arbeit aus einer Anzahl an Möglichkeiten für ihre eigene Präsentation.

Sie fällt mit dem Prozess der Durchführung der Ausstellung zusammen und ist in ihrer Form darauf bezogen. So entspricht der Zeitraum, in dem die Arbeit entstanden ist, genau dem der Ausstellungsdauer.

Bitte auf das Foto klicken und einen Preview sehen:

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Wir sehen uns das Video wiederholt und immer wieder neu  an. Gibt es noch etwas anzumerken?

Ja, vielleicht dies: Wir sehen in dieser Arbeit auch ein Symbol, ein Sinnbild für die Suche schlechthin, die Suche eines Künstlers in der Welt und in sich selbst, nach seinen anfänglich noch tastenden und zum Ende hin gültigen Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten, nach seiner Kunst, nach seinem vollendeten Werk eben.

Fotos und Videoarbeit © Margarethe Kollmer

“Pashmina. Absolventen der Städelschule 2014″; MMK-Zollamt; bis 10. August 2014

→  Absolventenausstellung 2014 der Städelschule “Pashmina” im MMK-Zollamt (1)

→  Margarethe Kollmer: nicht nur Videokünstlerin

100 Jahre Goethe-Universität Frankfurt am Main (2)

25. Juli 2014

Die einflussreichen Gelehrten

Von Renate Feyerbacher

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Jaume Plensa, “Body of Knowledge” auf dem zentralen Platz des Campus Westend im Dezember 2010; Foto: FeuilletonFrankfurt

Im Anschluß an die erste Folge “Die Gründungsväter der Universität Frankfurt und ihre Mitbegründer und Stifter” folgt ein Blick auf einige einflussreiche Gelehrte an der Hochschule.

Die einflussreichen Gelehrten

Eine aussergewöhnliche Persönlichkeit war Franz Oppenheimer (1864-1943). Der assimilierte Jude, der auch anfangs mit Hitler sympathisierte, verliess 1938 Deutschland. Er, der sich in der deutschen Kultur verwurzelt fühlte, bekannte sich zeitlebens zu ihr, kehrte aber zu Lebzeiten nicht mehr zurück und wurde – testamentarisch verfügt – 2007 auf dem Sachsenhäuser Friedhof neben seiner zweiten Frau begraben.

Oppenheimer studierte zunächst Medizin, unter anderem bei Paul Ehrlich, der später in Frankfurt lehrte und dessen Dissertation betreute. Er hatte in seiner Praxis, die er nachher aufgab, die Not der Menschen kennengelernt. Er betätigte sich als Chefredakteur und Schriftsteller. Die Gedankenwelt des Sozialismus und der “Freiländer”-Bewegung erreichten ihn und wurden in seinem Leben bestimmend. Er gründete eigene landwirtschaftliche Siedlungsprojekte in Deutschland und in Palästina. Alle Gründungen scheiterten im Endeffekt. Kurz nach der Jahrhundertwende begegnete er Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus, und beteiligte sich massgeblich an dieser Bewegung.

Danach folgten der philosophische Doktorgrad in Kiel, Promotion und Habilitation im Fachgebiet Volkswirtschaftslehre, Privatdozentur, dann Titularprofessur in Berlin, die ihn bis 1919 beschäftigten. Dann übernahm er die erste Professur für Soziologie an der Frankfurter Universität, die er zehn Jahre lang inne hatte.

Oppenheimer war kein Marxist. Er war überzeugt, mit seinem “liberalen Sozialismus”, der keine Wettbewerbsbeschränkung zuliess, einen Beitrag zur Lösung der sozialen Frage zu leisten. Mit seinen wirtschaftstheoretischen Ausführungen, seinem “Dritten Weg”, “der weder im Kapitalismus noch im Kommunismus enden sollte”, hatte er Erfolg. Dagegen waren die interdisziplinären Vorlesungen seiner “Frankfurter Schule” bei den Studenten, zu denen der spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard, der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, gehörte, sehr beliebt. Oppenheimers Bild schmückte Erhards Bonner Arbeitszimmer.

Einer, der auch nicht mehr nach Deutschland zurückkehrte, war der Quantenphysiker Otto Stern (1888-1969), der 1933 in die USA emigrierte und in Pittsburgh eine Forschungsprofessur erhielt. Nur einmal nach Kriegsende besuchte er aus privaten Gründen Ostberlin. Dennoch lebte er trotz der Emigration in der deutschen Kultur weiter, sprach Deutsch und schrieb in Deutsch. Zürich wurde für Monate im Jahr zur neuen Heimat.

Er ist einer der ganz Grossen seines Fachbereichs. Seine bahnbrechende Methode schuf die Voraussetzung, um den inneren Bauplan des Atoms zu entschlüsseln. Er war der erste, der einzelne Atome isolieren und daran Quanteneigenschaften messen konnte. Er wurde zum Wegbereiter der modernen Quantenphysik, dem es wie seinem Lehrer und Freund Albert Einstein allerdings schwerfiel, sie zu akzeptieren. Kernspintomographie, Maser und Laser, Atomuhr und anderes sind ohne Otto Sterns Forschungsergebnisse nicht denkbar.

Frankfurt war in den 1920er Jahren ein Zentrum der Physik von internationaler Bedeutung. Namhafte Wissenschaftler arbeiteten hier, unter ihnen Max von Laue, ab 1914 Professor für Theoretische Physik, der im gleichen Jahr den Nobelpreis erhielt. Es gelang ihm, Otto Stern als ersten Privatdozenten in der Physik nach Frankfurt zu holen. Nach kurzem Intermezzo liess dieser sich beurlauben, da er sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte. Laut Vorlesungsverzeichnis hielt er aber Vorlesungen. Öfters kam er auch nach Berlin, wo er Albert Einstein traf. Nach dem 1. Weltkrieg war er Privatdozent bei Max Born. Dieser, ebenfalls Nobelpreisträger, war schon bald dem Ruf nach Göttingen gefolgt, weil die Universität Frankfurt Otto Stern eine etatgesicherte Professur verweigerte. Born schrieb dem gemeinsamen Freund Einstein, der Dekan habe geäußert, “Stern hat einen entsetzlichen jüdischen Intellekt”. Einstein hatte dagegen eine “ausgezeichnete Meinung” von ihm. Stern wechselte die Universität, wurde Professur in Rostock und folgte einem Ruf nach Hamburg. Hier forschte und lehrte er zehn Jahre, unterbrochen von einem Forschungssemester in Berkeley.

In seiner kurzen Frankfurter Zeit schrieb Otto Stern Physikgeschichte. Hier gelang ihm zusammen mit Walther Gerlach das Stern-Gerlach-Experiment – im Gebäude des Physikalischen Vereins in der Robert-Mayer Strasse. Dieses grundlegende Experiment, dessen Ergebnisse heute noch aktuell sind und diskutiert werden, hatte, wie noch zwei andere Experimente, Nobelpreisqualität. Den Nobelpreis erhielt er jedoch erst 1943, obwohl er mehrfach vorgeschlagen worden war. Mit dem Weggang Otto Sterns, dessen menschliche Qualitäten gewürdigt wurden, endeten Frankfurts physikalische Sternstunden.

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Plakat mit Otto Stern; Foto: Renate Feyerbacher

Besonderen Einfluss auf den noch jungen physikalischen und medizinischen Bereich der Universität Frankfurt hatte Friedrich Dessauer (1881-1963).

Bereits mit vierzehn Jahren baute er in seinem Zimmer einen Röntgenapparat nach und konnte damit die tödliche Krankheit seines Bruders diagnostizieren. Friedrich Dessauer experimentierte ein Leben lang ohne Rücksicht auf seine Gesundheit. Hauttumore und Hautkrebs erforderten um die hundert Operationen. Sein Studium der Physik und Elektrotechnik in München und Darmstadt musste er abbrechen, weil der frühe, plötzliche Tod des Vaters die Familie in finanzielle Schwierigkeiten brachte. Erst viel später konnte er es mit der Promotion an der neu gegründeten Frankfurter Universität abschliessen.

Noch minderjährig hatte er eine Firma für Röntgenapparate gegründet. Er kooperierte mit Frankfurter Ärzten. Die Familie zog nach Frankfurt. Aufreibend waren die beruflichen Jahre als Unternehmer. Er war einer der ersten Physiker, die sich für die Wirkung der Strahlen auf biologisches Gewebe interessierten.

Finanziell beteiligt war der Stifter Henry Oswalt am neu gegründeten Institut für Physikalische Grundlagen der Medizin, aus dem das heutige Max-Planck-Institut für Biophysik hervorging. Um das planmäßige Ordinariat gab es lange Zeit ein Gerangel zwischen dem Physiker und den Medizinern. Standesdünkel war ausschlaggebend.

Friedrich Dessauer war nicht nur Forscher und Lehrender, sondern auch Politiker. Der überzeugte Katholik wurde 1919 zum Stadtverordneten der Zentrumspartei und einige Jahre später in den Reichstag gewählt. Eng arbeitete er mit Reichskanzler Heinrich Brüning zusammen, mit dem er auch befreundet war. Als Fehler bezeichnete Dessauer nach dem Krieg die Zustimmung zu Hitlers Ermächtigungsgesetz.

Verhaftungen, Prozesse wegen angeblichen Landesverrats setzen Dessauer zu. Er wurde zwar freigesprochen, aber in Deutschland konnte er nicht bleiben, zumal 1934 ein SA-Mob das Haus der Familie in Sachsenhausen unbewohnbar gemacht hatte.

Die Familie mit den drei jüngeren Kindern fand Zuflucht in Istanbul, wo er ein Institut für Radiologie und Biophysik aufbaute. Ein schwieriges Unterfangen. Privat fühlte sich der Katholik Dessauer entwurzelt und litt unter religiöser Einsamkeit. Denn unter den 30 exilierten deutschen Professoren in Istanbul waren 28 jüdischer Herkunft. Die anderen ihn Umgebenden waren Muslime, die Jesus nur als Propheten anerkannten.

Als er noch während des Krieges ein Angebot von der katholischen Universität Fribourg in der Schweiz erhielt, zögerte er nicht und nahm die Professur an. Die Nazis bürgerten ihn schliesslich aus, die Frankfurter Universität entzog ihm den Doktorgrad, was sie nach dem Krieg rückgängig machte.

Nach 15 Jahren des Exils kehrte er für Gastvorlesungen wieder nach Deutschland zurück und nahm sogar 1953 für sieben Jahre seine Lehrtätigkeit an der Frankfurter Universität wieder auf. Er verstarb in Frankfurt.

Eine weitere Kapazität in einem anderen Fachbereich, den die Frankfurter Universität für Jahre verlor, war der Nationalökonom Fritz Neumark (1900-1991).

Obwohl er Soldat gewesen war, obwohl seine Frau evangelisch und “arisch” und er selbst konfessionslos war, wurde er wegen des antijüdischen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums als außerordentlicher Professor entlassen. Er emigrierte 1933 nach Istanbul, wo er an der Universität eine Professur innehatte. Kemal Atatürk, der erste türkische Präsident nach dem Weltkrieg, wollte ein modernes Land mit Universitäten nach westlichem Vorbild schaffen. Die verfolgten Wissenschaftler, Politiker und Künstler aus Nazi-Deutschland sollten diesen Aufschwung mit gestalten. Ausser Neumark waren auch andere namhafte Nationalökonomen aus Frankfurt nach Istanbul gekommen. Es gab die Verpflichtung, sehr schnell die türkische Sprache zu erlernen. Neumark hielt bereits nach zwei Jahren seine Vorlesungen auf Türkisch, und nach fünf Jahren publizierte er in dieser Sprache.

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Buch von Fritz Neumark in türkischer Sprache; aus der Ausstellung “Fremd bin ich den Menschen dort” im Herbst 2012 in der Deutschen Nationalbibliothek; Foto: Renate Feyerbacher

Als Regierungsberater kam er zu hohem Ansehen. Die Mitarbeit an der Modernisierung der türkischen Einkommenssteuer gehörte zu seiner wichtigsten Aufgabe.

Die meisten Gelehrten, die in Istanbul oder Ankara Zuflucht gefunden hatten, kehrten nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Neumark erhielt bereits 1949 einen “Rück”-Ruf an die Frankfurter Universität. Er hatte Bedenken und kam zunächst nur probeweise zu einer Gastprofessur, wurde aber sofort gebeten, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen zu werden. Es folgte eine Berufung nach der anderen in höhere Bundes-Gremien. Die Familie kehrte zurück. Neumark wurde Dekan und zweimal Rektor der Universität Frankfurt in den Jahren 1954/1955 und 1961/1962. Das spricht für sein hohes Ansehen und Vertrauen, das er gewonnen hatte. Bleibende Verdienste erwarb er sich mit seinen Formulierungen finanzpolitischer Prinzipien für Staatseingriffe, bei denen Interventionsgrundätze eine wichtige Rolle spielen. Am Handbuch der Finanzwissenschaften war er von der ersten bis zur letzten Ausgabe beteiligt. Bis ins hohe Alter wurde er mit Auszeichnungen und Ehrungen überhäuft.

Ein gespanntes Verhältnis, das Neumark “Entfremdung” nannte, hatte er zu den Professoren Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die beide ab 1948 aus dem USA-Exil zurückkehrten und ab 1950 für immer an der Frankfurter Universität blieben.

Max Horkheimer (1895-1973), der junge Unternehmersohn, wollte kein Juniorchef werden, hatte aber auch keine Universitätskarriere vor Augen – genauso wenig wie sein Freund, der Soziologe und Ökonom Friedrich Pollock (1894-1970). Horkheimer widersetzte sich seinen Eltern und heiratete die Sekretärin Rosa Christine Riekher (Maidon). Dieser “Dreierbund” mit Pollock bestand ein Leben lang: in Frankfurt, in New York, in Los Angeles, wieder zurück in Frankfurt und im Tessiner Montagnola.

Der Sozialphilosoph Horkheimer – “Der Philosoph lebt in der wirklichen Welt” – und Friedrich Pollock wurden 1924 Mitbegründer des ein Jahr zuvor eingerichteten, weltberühmten Instituts für Sozialforschung, dessen Leiter Horkheimer später wurde. Der Lehrstuhl für Sozialphilosophie war damit verbunden. Mangels Publikationen hatte sich die Universität lange gesträubt, Horkheimer zu berufen. Meisterhaft sind seine Aphorismen à la Schopenhauer. Bei seinen Vorlesungen gelang ihm der Brückenschlag zwischen Philosophie und Wissenschaft, Theorie und Empirie. Sein Denken kreiste um Karl Marx, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Sigmund Freud – Basis für seine kritische Theorie. Aber er war kein bekennender Marxist. Ihm ging es darum, auf die unbefriedigenden Zustände auf der Welt aufmerksam zu machen. Interdisziplinär war das Studium aufgestellt. Dialektische Durchdringung kennzeichnete das Programm.

Mit der Gründung des Instituts verbunden war die “Frankfurter Schule” einer Gruppe von Wissenschaftlern, die sich ideologiekritisch mit gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzten.

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Max Horkheimer (vorn links), Theodor W. Adorno (mitte) und Jürgen Habermas (rechts) im April 1964; Bildnachweis: Jeremy J. Shapiro/wikimedia commons GFDL

Der acht Jahre jüngere Theodor W. Adorno (eigentlich Theodor Ludwig Wiesengrund, 1903-1969) hatte sich 1931 in Frankfurt habilitiert und wurde mit Max Horkheimer zum Inbegriff der “Frankfurter Schule”. Adorno hob sich ab von den andern. Er war ein Künstler-Philosoph. Schon früh hatte er sich als Musikkritiker einen Namen gemacht und in Wien bei Alban Berg, einem Schönberg-Schüler, Komposition studiert. Adornos Kompositionen sind durchaus Konzertsaal-reif. In den 1940er Jahren gab er das Komponieren – enttäuscht über die mangelnde Anerkennung – auf. Wie Horkheimer emigrierte er in die USA und kehrte nach Kriegsende wieder in seine “Heimat” Frankfurt zurück. “Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll”, schreibt er in seinen “Minima Moralia”. Ein Trauma, was sich nie ausblenden liess. Nie hat er sich politisch exponiert, und er fürchtete kollektive Aktionen. Für die linken “68er” Studenten wurde er zum Idol, war aber im politischen Konflikt zerrissen und hilflos. Wohl niemand hatte von ihm eine Rädelsführerschaft erwartet, wohl aber die Unterstützung studentischer Forderungen, die er ja verstand und auch gut hiess. Im Streit gingen Professor und Studenten auseinander. Kurz danach starb Adorno im Urlaub.

Zwei einflussreiche Aussenseiter

Das Institut für Sozialforschung, “Café Marx” oder “Marxburg” genannt, wurde angefeindet auch von den Jüngern des Kreises um den Dichter Stefan George, der “Meister” genannt wurde, sich als Prophet sah und bedingungslose Gefolgschaft forderte. Er zog die Menschen in seinen Bann.

Zu diesem Kreis zählte der Historiker Ernst Kantorowicz (1895-1963), er nannte sich Georges “Kammerdiener”, der 1930 in Frankfurt zunächst Honorarprofessor und zwei Jahre später Ordentlicher Professor für Mittelalterliche Geschichte wurde. Kantorowicz war bereits berühmt, als er an die Frankfurter Universität kam – dank seiner Biografie über Kaiser Friedrich II., den Staufer, den Enkel Barbarossas, die er zusammen mit George erarbeitet hatte. Das drei Jahre zuvor veröffentlichte Werk hatte einen Streit unter Historikern ausgelöst, auch aufgrund der Tatsache, dass es keine einzige Fussnote, keinen Beleg enthielt. Allerdings lieferte er einen zweiten Band fast nur mit Fussnoten und Belegen nach. Anerkennung für die bedeutsame Leistung war nun sicher. Die Stifteruniversität Frankfurt engagierte den Aussenseiter, als den Kantorowicz sich sah. Grossen Zuspruch fand das Werk der sogenannten Nationalliteratur des jüdischen, aus Posen stammenden Autors bei den nationalsozialistischen Machthabern. Als über hundert jüdische Kollegen entlassen wurden, bat er um Beurlaubung. Kantorowicz, selbst Jude, Frontsoldat 1914, mit nationaler Gesinnung, hätte theoretisch an der Universität bleiben können. Er zog den Antrag zur Beurlaubung zunächst wieder zurück, kämpfte um sein Recht, dann beantragte er sie wieder, weil er einen Ruf ans New College in Oxford erhalten hatte. 1934 beantragte er seine Emeritierung, 1935 folgte der Ruhestand und das Publikations-Verbot. Aber erst drei Jahre später floh er von Berlin aus zunächst nach England, dann in die USA, wo er in Berkeley lehrte. Dort fühlte er sich wohl, verweigerte aber 1949 den anti-kommunistischen Loyalitätseid (McCarthy-Ära) und wurde als Professor entlassen. Die Krönung seiner wissenschaftlichen Laufbahn erfuhr er dann an der Universität in Princeton.

Kantorowicz polarisierte als Wissenschaftler genauso wie als Privatmann, aber er war aufrecht. Von Stefan George, der sich bis zu seinem Tod nicht von den Nationalsozialisten distanziert hatte, emanzipierte er sich.

Zehn Jahre nach der Gründung übernahm die Universität das Münchner Institut für Kulturmorphologie – heute Frobenius-Institut – und die Stadt Frankfurt kaufte das Afrika-Archiv von Leo Frobenius (1873-1938), das in das Völkermuseum – heute Weltkulturen Museum – kam. Er selbst erhielt einen bezahlten Lehrauftrag für Völkerkunde.

Viele Intellektuelle zeigten sich verwundert über dieses Geschehen. Es gab fachwissenschaftlichen Protest. Mit den Adjektiven weltfremd, neuromantisch, naiv wurde Frobenius tituliert, gespottet wurde über sein Gestammel, über seine “Wortornamentik” und über seine Fähigkeit zur “Ergriffenheit”. Einen Scharlatan und Pseudogelehrten, der vor allem Fantasieprodukte lieferte, nannten ihn einige. Seine faszinierende Erzählkunst, seine “Wiederverzauberung” der Welt und sein theatralisches Talent begeisterten hingegen viele. Wie andere intellektuelle “Irrationalisten”, sie waren auch im George-Kreis zu finden, lag er im damaligen Trend. Er arbeitete mehr mit Mythologie statt mit Fakten. Andere verstanden seine Ideen als antikolonialistischen Impuls. Das angeblich kulturlose Afrika war für Frobenius die “Kulturkonservenbüchse des lieben Gottes”. Léopold Sédar Senghor, der erste senegalesische Präsident, war begeistert und lobte, der Ethnologe habe Afrika die Würde zurückgegeben.

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Leo Frobenius; Bildnachweis: wikimedia

Frobenius war ein perfekter Selbstdarsteller, das musste er wohl sein, denn bis zum 61. Lebensjahr war er ohne feste Anstellung. Und als er zum Honoraprofesssor und Leiter des Völkermuseums ernannt wurde, geschah das gegen den Willen der Naturwissenschaftler und einiger Geisteswissenschaftler.

Alles, was er tat, war spektakulär, medial vorbereitet. Der Autodidakt, Vielschreiber und Abenteurer war ein Meister im Beschaffen von Spenden. Die Freundschaft mit Ex-Kaiser Wilhelm II., verbunden mit finanziellen Zuwendungen (es existiert ein intensiver Briefwechsel) beendete ein Dankestelegramm an Hitler. “Undankbarer Protégé”, bemerkte der Ex-Kaiser. Gelder kamen auch vom Konsul, Kaufmann und Stadtverordneten Karl Kotzenberg. Denn Geld brauchte Frobenius für seine zwölf strapaziösen innerafrikanischen Forschungs-Expeditionen. Die Erforschung der Felsbilder wurde verstärkt. 8500 Felsbildkopien, Zeichnungen, Aquarelle und Abreibungen aus vier Kontinenten entstanden und wurden dem Publikum gezeigt – nicht allein in Frankfurt, sondern auch in mehreren europäischen Städten, im südafrikanischen Afrika und sogar im New Yorker Museum of Modern Art (zur Eröffnung der entsprechenden Ausstellung reiste er 1937 nach New York). Ein Höhepunkt der internationalen Anerkennung. Die Felsbilder von Frobenius wurden unlängst (bis 22. Juli 2014) im Goethe-Institut in Paris ausgestellt.

Biografienreihe “Gründer, Gönner und Gelehrte”

Zu ihrem 100. Geburtstag gibt die Goethe-Universität die Biografienreihe “Gründer, Gönner und Gelehrte” heraus, erschienen im Frankfurter Societäts-Verlag. Renate Feyerbacher hat sie in der Jubiläumsausgabe des Wissenschaftsmagazins der Goethe-Universität “Forschung Frankfurt” unter dem Titel “Lebensbilder, die die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegeln – Ein Blick in die zwölf Bände der Biografienreihe ‘Gründer, Gönner und Gelehrte’ ” (S. 150 ff) besprochen. Weitere Bände sind geplant.

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↑ Eine schmucke Kassette; Foto: Tamara Marszalkowski/Goethe-Universität
↓ Die zwölf bisher erschienenen Ausgaben; Foto: Renate Feyerbacher

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Ein Fazit

Es waren vor allem die jüdischen Familien, die entscheidend zur Gründung der Universität beigetragen haben. Später wurde ein Drittel der Hochschulmitglieder, meistens jüdische, entlassen. An anderen Universitäten lag die Zahl der Entlassenen “nur” um die 10 bis 15 Prozent. Dafür kam zum Beispiel der Mediziner Josef Mengele (1911-1979) an das Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene der Universität Frankfurt, wo er von 1937 bis 1943 als Assistent arbeitete. Anschließend wurde der Hauptsturmführer Lagerarzt in Auschwitz, wo er seine Versuche an Sinti- und Roma-Kindern, an Zwillingen, an Kleinwüchsigen und anderen durchführte. Noch bis zum Wintersemester 1943/1944 stand er im Personalverzeichnis der Goethe-Universität. Nach dem Krieg gab er sich neue Namen und entzog sich durch Flucht nach Südamerika der Verantwortung. Dieses nationalsozialistische Kapitel müsste in den nächsten Büchern aufgearbeitet werden.

In den bisherigen Biografien wurden nur die Männer gefeiert. 1920 liess Preußen die Habilitation von Frauen zu. Als erste Frau an der Universität Frankfurt habilitierte sich die Bakteriologin Emmy Klieneberger-Nobel (1892-1985), ihr wurde die Lehrbefugnis 1933 entzogen. Sie forschte daraufhin in England, wo sie zeitlebens blieb und rund 80 wissenschaftliche Publikationen veröffentlichte. Ruth Moufang (1905- 1977) war die erste Lehrstuhlinhaberin für Mathematik in Deutschland. Auch sie verliess die Frankfurter Universität. Frieda Fromm-Reichmann (1889-1957) gilt als Pionierin der psychoanalytisch-orientierten Behandlung von Psychosen. Sie war eine der ersten Frauen, die Medizin studierten. Zusammen mit anderen Analytikern gründete sie 1929 das Frankfurter Psychoanalytische Institut und lehrte Psychoanalyse erstmals an einer deutschen Universität. 1933 floh sie. Die Habilitation von Tilly Eidinger (1897-1967) wurde von den Nazis verhindert. Als erste Frau Deutschlands hatte sie im Fach Paläontologie die Erforschung der Gehirne ausgestobener Wirbeltiere studiert. Auch sie verliess Deutschland.

Die Liste von bedeutenden Frauen an der Universität Frankfurt ist beachtlich. Das Cornelia Goethe-Centrum und das Gleichstellungsbüro der Goethe Universität haben mit ihrer Veröffentlichung “Einzeln & Gemeinsam – 100 Jahre starke Frauen an der Goethe-Universität” damit begonnen, an diese Frauen zu erinnern.

→  100 Jahre Goethe-Universität Frankfurt am Main (1)

 

Absolventenausstellung 2014 der Städelschule “Pashmina” im MMK-Zollamt (6)

24. Juli 2014

Malerei: Tobias Donat, Lena Grewenig, Huseyin Oylum, Marcel Petry, Lena Philipp, Giovanni Sortino

“Le roi est mort, vive le roi!” Die Malerei ist tot, es lebe die Malerei!

Quicklebendig ist sie, in der Tat. Eine Reihe von Künstlerinnen und Künstlern, die sich vorwiegend der Malerei verschrieben haben und die wir in manchen Rundgangsveranstaltungen der Städelschule haben beobachten können, gibt sich jetzt in der aktuellen Absolventenausstellung ein letztes gemeinsames Stelldichein.

Giovanni Sortino gefällt uns seit langem mit seinen grossformatigen, reliefartigen Malarbeiten: 2013 lernten wir “Charlotte” kennen und im jüngsten Rundgang 2014 ein mit “Untitled” bezeichnetes Werk im stattlichen Format 280 x 480 cm. 2013 erhielt er den Jürgen H. Conzelmann-Rundgangspreis. Wir werden Sortinos Arbeiten in Zukunft sicher öfter im Ausstellungs- und Galeriebetrieb begegnen.

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↑ Giovanni Sortino, Nonna Rosalia, 2014, Acrylic and venyl paint on canvas

↓ Tobias Donat, Untitled (Mod. 304), 2014, Polyester on Alu Stretcher
A-Z (black), 2014, Ink (Ausschnitt)

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In gewisser Weise – bei aller Unterschiedlichkeit – unverkennbar die Arbeiten des Absolventen Tobias Donat: Wir stellten drei seiner Werke anlässlich der Städelschul-Rundgänge 2012, im Jahr 2013 und unlängst im Frühjahr 2014 vor. Aktuell präsentiert er eine Wandarbeit, kombiniert mit einem Tafelbild, das Zusammenspiel hat einen installativen Charakter.

Immer wieder ziehen uns die Malereien von Lena Philipp und die vielseitigen Arbeiten von Lena Grewenig in Bann (Rundgang 2014 und Rundgang 2012). Die Werke sprechen jeweils bereits für sich und öffnen einen weiten Assoziationshorizont.

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↑ Lena Philipp, From the series “postural performance”, 2014, Ink, acrylic, oil on canvas

↓ Lena Grewenig, Untitled, 2014, Acrylic and silicone on cotton

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Als Künstler und Maler unverkennbar auch Marcel Petry. Wir sahen seine Arbeiten bei den Rundgängen 2013 und jüngst 2014 sowie bei den artspace-Ausstellungen 2013 in der alten Offenbacher Ölhalle. Seinen mit zeichnerischer Feinheit ausgeführten Figuren-Szenen eignet oft etwas Surrealistisches.

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Marcel Petry, HUKKK, 2014, Acrylic on canvas

Wuchtig und zugleich schwebend leicht, selbstbewusst und agressiv wie auch fast zärtlich und verstört; solche Widersprüche vereint die Malerei von Huseyin Oylum. Wir lernten den vielseitigen Städelabsolventen bereits als Installationskünstler und als Performer kennen. Beim jüngsten Rundgang durch die Hochschule bespielte er mit seiner Malerei ein eigenes Kabinett.

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Huseyin Oylum, From the series “1001 nights”, 2014, Acrylic on linen

Kein Zweifel und Gott sei es gedankt: Die Malerei lebt!

Werke © jeweilige Künstlerinnen und Künstler;
Fotos: FeuilletonFrankfurt

“Pashmina. Absolventen der Städelschule 2014″; MMK-Zollamt; bis 10. August 2014

→  Absolventenausstellung 2014 der Städelschule “Pashmina” im MMK-Zollamt (7)

→  Absolventenausstellung 2014 der Städelschule “Pashmina” im MMK-Zollamt (1)

 

Absolventenausstellung 2014 der Städelschule “Pashmina” im MMK-Zollamt (5)

23. Juli 2014

Billie Maya Johansen: “Lines in Transparency”
oder: Grau mit zehn Prozent Weiss

Wir haben länger überlegt, ob wir uns überhaupt auf ein Ranking einlassen sollten und wenn ja, welche Arbeit der 34 ausstellenden diesjährigen Absolventinnen und Absolventen der Städelschule wir – aus unserer subjektiv-individuellen Sicht – als die “beste” ausgezeichnet hätten. Denn jede künstlerische Arbeit ist im Grunde eine singuläre Leistung. So ist es also gewiss kein leichtes Unterfangen, doch kommen wir zu einem Ergebnis. Und wenn wir nun schon unsere “Lieblingsarbeit” benennen, dann muss auch eine “Urkunde” her. Hier ist sie:


Urkunde

 

FeuilletonFrankfurt

verleiht seinen

Preis zur Absolventenausstellung 2014

an

Billie Maya Johansen

für ihre Arbeit

Lines in Transparency

Von seiner Aufmachung und Ausstattung her ist das rund zehnminütige Video, in Wiederholungen abgespielt über einen grossformatigen Monitor, im Grunde bereits ein Kurzfilm. Drehbuch und Dialoge schrieb die Künstlerin. Die Hauptrolle der Clara Krug spielt die Schauspielerin Stephanie Engel. Gedreht wurde der Film in den Räumen der DWS Investments Company in der Mainzer Landstrasse. Die Arbeit wurde von der Hessischen Filmförderung unterstützt.

Der Inspiration für den Film liegt der Roman “Das graue Tuch und zehn Prozent Weiss – Ein Damenroman” des heute – zu Unrecht – vielerorts in Vergessenheit geratenen Schriftstellers und Zeichners Paul Scheerbart (1863 bis 1915) zugrunde. Von ihm stammt auch das Lautgedicht “Kikakokú! Ekoraláps!” (erschienen 1897 in seinem Roman “Ich liebe dich! Ein Eisenbahn-Roman mit 66 Intermezzos”), das die Protagonistin Clara im Laufe der Filmsequenzen vor einem virtuellen Publikum vorträgt. Scheerbart versuchte, wie man weiss vergeblich, das Perpetuum mobile zu erfinden und wurde zu Lebzeiten als Verfasser fantastischer und skurriler Romane und Gedichte bekannt. Insbesondere fand er dabei die Unterstützung des jungen Verlegers Ernst Rowohlt. Scheerbarts Interesse galt auch der Glasarchitektur, seine entsprechenden Abhandlungen und Romaninhalte beeinflussten durchaus die Architekten seiner Zeit. Vergleichbares gilt ebenso für seine Überlegungen zum Theater.

Kurz zusammengefasst nun die “Story”: Stararchitekt Edgar Krug entwarf eine gläserne Ausstellungshalle. Bei einem Konzert dort trifft er die Pianistin und Organistin Clara in ihrem grauen Kleid mit weissem Besatz. Er ist begeistert von der Komplementarität zwischen seinem architektonischen Kunstwerk und der Erscheinung der Frau. Edgar heiratet Clara mit der vertraglichen Massgabe, dass sie sich stets und ausschliesslich in diesem Stil kleidet. Ihre Zusage stösst bei ihren Freundinnen auf heftige Kritik. Das Paar reist um die ganze Welt, wobei Edgar verschiedene Glasbauprojekte realisiert, aber auch viel Kritik erfährt ebenso wie Clara wegen ihrer grau-weissen Garderobe. Als Edgar Clara von der vertraglich eingegangenen Kleidungsverpflichtung entbindet, ist es zu spät: Clara hat sie nunmehr für sich selbst verinnerlicht.

In Johansens Film führt Clara – jetzt eine gefeierte Schauspielerin – ihr Leben samt der Kleidungsverpflichtung auch nach Edgars Tod fort. Ihr Mann erscheint ihr in Stimmen aus dem Jenseits als stets präsent.

Bitte auf das Filmstill klicken und einen Preview sehen:

Clara

Billie Maya Johansens filmische Arbeit besticht bereits durch ihren formalen Aufbau und ihre besondere Bildsprache und Ästhetik, in der sie die ästhetischen Ansprüche des Stararchitekten Edgar Krug und seiner Frau Clara visuell umsetzt. Die Architektur gerät zur begehbaren Skulptur, in der sich Clara als ein wiederum gleichsam skulpturales Kunstwerk bewegt. In der für sich bestechenden Ästhetik des Grau spielen immer wieder Farben eine zentrale Rolle, die die filmische Montage durchziehen – man könnte von einer durchaus “malerischen” Arbeit sprechen. Faszinierend die Stimme des verstorbenen Ehemanns aus dem Off, mit der Clara sich in einem ständigen Dialog befindet. Dabei geht es in dem Streifen keinesfalls um eine vordergründige Diskussion um Emanzipation. Das in die Tiefe menschlicher Psyche hineinleuchtende Werk beansprucht den Betrachter durch seine vielfältigen erzählerischen Elemente, Handlungsebenen, Schichtungen und Brechungen, die schon alsbald und erst recht nach mehrmaligem Anschauen ein geschlossenes, überzeugendes Ganzes bilden.

Billie Maya Johansen studierte an der Funen Drawing and Painting School, der Design School in Odense, an der Ærø College Art School und der Funen Art Academy. 2011 kam sie an die Städelschule in die Klasse von Professorin Judith Hopf und 2013 an die Hochschule für bildende Künste Hamburg zu Jeanne Faust, Professorin für Mixed Media und künstlerische Entwicklungsvorhaben. In Berlin war sie künstlerische Assistentin von Alexander Komarov.

Unsere Empfehlung kann nur lauten: Hingehen in den MMK-Zollamtssaal – und ansehen!

Werk und Filmstill © die Künstlerin

“Pashmina. Absolventen der Städelschule 2014″; MMK-Zollamt; bis 10. August 2014

→  Absolventenausstellung 2014 der Städelschule “Pashmina” im MMK-Zollamt (6)

→  Absolventenausstellung 2014 der Städelschule “Pashmina” im MMK-Zollamt (1)