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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

200 Jahre Städel (5)

28. März 2015

Petra Kammann stellt ihre ganz persönlichen Schätze im Städel vor (5)

Panorama-Goethe

Die Ikone unseres in Frankfurt geborenen Dichterfürsten gehört auf jeden Fall an eine zentral exponierte Stelle im Städel: Tischbeins “Goethe in der römischen Campagna” von 1787, wenngleich dieses Bildnis bei näherer Betrachtung durchaus irritierend ist. Es stellt Goethe über lebensgroß dar, in einer kaum wahrnehmbaren Unterperspektive.

Der so mächtig thronende wie nachdenklich dreinblickende Dichter mit dem großen Schlapphut und gehüllt in ein ecrufarbenes Gewand, lagert mit seinen leicht verdrehten Beinen und linken Füßen (man musste die Schuhe damals erst als rechten und linken Schuh einlaufen) auf den Überbleibseln einer antiken Kulisse: den Resten eines ägyptischen Obelisken, eines griechischen Reliefs, eines römischen Kapitells, die kampanische Landschaft im Rücken.

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Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Goethe in der römischen Campagna, 1787, Öl auf Leinwand, 164 × 206 cm; Foto: Städel Museum – U. Edelmann – ARTOTHEK

Als Goethe nach dem Erfolg seines Werthers anonym zu seiner zweijährigen Italienreise aufbrach, hatte er in Rom eine Anlaufstelle, den Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, und zog in dessen Wohnung am Corso. Für den zeichnenden und malenden Dichter mag die Begegnung ebenso inspirierend gewesen sein wie für den Maler, der das Dichtergenie als Klassiker zwischen den Epochen inszenierte. Goethe bekannte: “Das Stärkste, was mich in Italien hält, ist Tischbein, ich werde nie … so viel in so kurzer Zeit lernen können als jetzt in Gesellschaft dieses ausgebildeten, erfahrenen, feinen, richtigen, mir mit Leib und Seele anhängenden Mannes.” Tischbein wiederum zeichnete Goethe in Rom mehrfach. Doch dieses Bildnis wirkte besonders stark weiter. Karl Meyer Freiherr von Rothschild vermachte es etwa 100 Jahre später, im Jahr 1887, dem Städel.

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Andy Warhol, Goethe, 1982, Siebdruck und Acryl auf Leinwand, 200 × 210 cm, seit 2010 Dauerleihgabe der Commerzbank AG, Frankfurt am Main; © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Foto © Städel Museum – ARTOTHEK

Abermals knapp 100 Jahre später, im Jahre 1982, verfremdete der Pop-Artist Andy Warhol Goethes Porträt. Er war bei einem Städel-Besuch mit Suhrkamp-Verleger und Goethe-Liebhaber Siegfried Unseld auf Tischbeins “Goethe in der römischen Campagna” gestoßen. Den markanten Kopf mit Hut verwandelte er in eine vierteilige Edition und als Siebdruck auf Leinwand. Andy Warhol hatte bereits 1962 damit begonnen, Pressefotos von Prominenten wie Marilyn Monroe und Elvis Presley im Siebdruck zu reproduzieren und durch den Einsatz poppiger Farben zu verfremden; zuletzt bediente er sich der Köpfe und Motive aus allen Lebensbereichen, gleich ob aus Musik, Kunst, Politik, Wirtschaft, Sport oder der Produktwelt. Die Porträt-Siebdrucke ziehen sich allerdings bis zuletzt durch sein gesamtes Werk. Mit Warhols “Fabrik” und den zahlreich darin wirkenden Mitarbeitern stellte er so Begriffe wie Originalität, Authentizität oder Einzigartigkeit, die normalerweise im Zusammenhang mit Kunst assoziiert werden, in Frage.

Das bekannte Städelbild, verfremdet als peppige Siebdruck-Ikone, ging endgültig ins kollektive Bewusstsein größerer Schichten ein. Da schon Warhol durch die Verfremdung des vertrauten Gemäldes unser Bewusstsein für den Charakter medial vermittelter Wirklichkeit geschärft hat, ist es nur folgerichtig, dass Warhols Siebdruck heutzutage im zeitgenössischen Erweiterungsbau des Museums hängt (die Commerzbank stellte es aus ihrer Sammlung als Dauerleihgabe dem Museum 2010 zur Verfügung), begleitet wiederum von einer weiteren medialen Vermittlung, der Schwarz-Weiß-Fotografie der Frankfurter Fotografin Barbara Klemm.

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Barbara Klemm, Andy Warhol, Frankfurt am Main 1981; Foto: © Barbara Klemm

Als die geniale FAZ-Fotografin Barbara Klemm, die etliche charakteristische Künstlerporträts geschaffen hat, mit ihrem Mann das Frankfurter Städel besuchte, begegnete sie zufällig dem Pop-Artisten, der den “Tischbein-Goethe in der Campagna” einmal “im Original” studieren wollte. Die Fotografin, bekannt dafür, den “richtigen Moment” zu erwischen, trägt ständig ihre kleine Leica griffbereit in der Umhängetasche mit sich. So konnte sie spontan reagieren und den fast scheuen und etwas starren Warhol vor Tischbeins berühmtem Gemälde ablichten. Entstanden ist so das Bild zweier Künstler, gesehen von einer Künstlerin, für die typische Körperhaltungen Teil der Persönlichkeit sind. So kann auch der heutige Besucher des Städel die doppelten medialen Brechungen, die für unsere Zeit so charakteristisch sind, nachvollziehen und erkennen, welche eigenen Wege die Rezeption von Ikonen nehmen kann.

→   200 Jahre Städel (1)
Petra Kammann stellt ihre ganz persönlichen Schätze im Städel vor

→  200 Jahre Städel-Stiftung – Städel Museum Frankfurt am Main

Norgall-Preis 2015 des Frankfurter IWC an Jasmina Prpic

27. März 2015

“Niemand will die Heimat verlassen!”
“Ich – Mann. Du – Frau.” Feste Rollen seit Urzeiten?

Von Renate Feyerbacher

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Preisträgerin Jasmina Prpic am Rednerpult

Einen Tag nach dem Geburtstag der Club-Gründerin Elisabeth Norgall (1887-1981) verlieh der International Women’s Club of Frankfurt (IWC) am 11. März 2015 in der Alten Oper Frankfurt – zum 38. Mal – den Elisabeth-Norgall-Preis, der mit 6.000 Euro dotiert ist. Wie in jedem Jahr geht er an eine aussergewöhnliche Frau, dieses Mal an die Bosnierin Jasmina Prpic. In ihrer Laudatio betonte die 1. Vizepräsidentin Helene Gressenbauer-Rösner, die die Juristin auch für den Preis vorgeschlagen hatte: “Die intensive Beschäftigung mit dem Thema Frauenrechte wird fortan ihren Lebensweg bestimmen und ihr uneigennütziger Einsatz für die Rechte der Frau wird zum Lebensinhalt.” Weiterlesen

“Paradies/Schwarz”: Anna Lehmann-Brauns in der Frankfurter Galerie Greulich

25. März 2015

Es ist bereits zum dritten Mal, dass Andreas Greulich in seiner Galerie in der Frankfurter Fahrgasse Werke von Anna Lehmann-Brauns ausstellt (zuvor schon hatte er Arbeiten der Künstlerin im Wiesbadener “Kunstadapter” präsentiert), und der Beobachter der Ausstellungsszene müsste wissen, dass es sich um fotografische Werke handelt. Gleichwohl – wer sich nicht mehr daran erinnert oder heuer unbefangen durch die Schaufenster der Galerie blickt, wähnt nicht nur im ersten Moment, Malereien vor sich zu haben. Vielmehr verstärkt sich dieser Eindruck, wenn man die Galerie betritt und sich etwa dem Bild “Farbdosen” nähert: Das soll kein Gemälde sein?

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Die Künstlerin mit ihrer Arbeit “Farbdosen”, 2014, Farbpigmentdruck auf Aluminium, Auflg. 6, 132 x 132 cm (Foto oben: FeuilletonFrankfurt)

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“Parsifal”, ein Bühnenweihfestspiel von Richard Wagner – Wiederaufnahme an der Oper Frankfurt

24. März 2015

Männerbündische Gralsritterschaft contra Kundry

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Monika Rittershaus/Oper Frankfurt (aus Spielzeit 2005/2006) u. a.

Vor neun Jahren hatte die Inszenierung von Christof Nel ihre Premiere an der Oper Frankfurt. Nichts hat sie von ihrer Faszination eingebüsst.

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Franz Seraph Hanfstaengl (1804-1877), Richard Wagner, Fotografie um 1860; Bildnachweis: wikimedia commons

Richard Wagner (1813-1883) diente das Versepos “Parzival” von Wolfram von Eschenbach, verfasst zu Beginn des 13. Jahrhunderts, als Vorlage für seinen “Parsifal”. Das viereinhalbstündige “Bühnenweihfestspiel” hat wenig Handlung. Lang sind die Erzählungen von Ritter Gurnemanz, der zunächst die Geschichte des Grals schildert Weiterlesen

Roger Pfund: “Dimension absurde” im Museum Wiesbaden

23. März 2015

Ölfarbe trocknet dem ungestümen Multitalent zu langsam
Landesmuseum mit fünf Sonderausstellungen voll bespielt

Von Hans-Bernd Heier

Roger Pfund ist ein Grafiker von Weltruhm und international anerkannter Maler. Seine kreativen Schöpfungen haben viele schon in der Hand gehabt, meist ohne es zu ahnen: Denn der 1943 in Bern geborene Künstler ist gefragter Gestalter von Banknoten, zum Beispiel für die Schweiz, Frankreich, Argentinien oder Russland.

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Roger Pfund in seinem Atelier; © Atelier Roger Pfund Communication visuell sa

Das Museum Wiesbaden widmet dem genialen Multitalent, der auch als Illustrator und Fotograf arbeitet, die große Sonderausstellung “Dimension absurde”. Der Titel der sehenswerten Schau, die das Wiesbadener Museum vom Musée d’art et l’histoire in Genf übernommen hat, stellt eine Referenz an eine frühe Selbstportraitserie des Schweizers aus dem Jahre 1974 dar, die er so benannt hat. Es war eine Studie entstanden mithilfe des damals neuen Phänomens Computer, ausgeführt in klassischer Kaltnadeltechnik. Diese schwarz-weißen Selbstbildnisse sind in der großen Präsentation im Landesmuseum ebenso zu sehen wie rund 250 weitere Exponate, die Pfunds ganze Bandbreite seines Wirkens demonstrieren Weiterlesen