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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

WHAT’S THE F***? – ATELIERFRANKFURT feiert die Eröffnung der neuen Räume

20. November 2014

“WHAT’S THE F***?
***Wir füllen den Frankfurter Osten mit Leben und zeitgenössischer Kunst”

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Johannes Kriesche, Lichtinstallation “Musenzopf”

Der 19. November 2014 wird als ein historischer Tag in die Geschichte der Frankfurter Kunst- und Kulturszene eingehen: Das ATELIERFRANKFURT eröffnete nach zweieinhalbjährigem “Exil” sein neues Domizil im Frankfurter Ostend. Bis Sonntag, 23. November 2014 sind die Besucher eingeladen, fünf Tage voller Kunst, Musik, Theater und vielem mehr zu erleben. Am Samstag, 22. November und Sonntag, 23. November 2014 geht das Festival in die “FAT – Frankfurter Ateliertage” über, an welchen die Künstler und Kreativen des ATELIERFRANKFURT die Türen ihrer Ateliers öffnen.

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Engagement und Kompetenz, Tatkraft und Mut: ATELIERFRANKFURT-Direktorin Corinna Bimboese und Jörg Mugrauer, Vorstandsvorsitzender des Vereins ATELIERFRANKFURT e.V.

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Ratgeber und Unterstützer in schwierigen Zeiten:
↑ Petra Roth, Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main a. D. und Vorsitzende des Beirats von ATELIERFRANKFURT e.V.
↓ Carolina Romahn, Leiterin des Kulturamts der Stadt Frankfurt am Main

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Den Auftakt bildete die feierliche Eröffnung des Hauses mit Ansprachen von Petra Roth, Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main a. D. und Beiratsvorsitzende von ATELIERFRANKFURT, der Kulturamtsleiterin der Stadt Frankfurt am Main, Carolina Romahn, sowie von Jörg Mugrauer und Corinna Bimboese.

“WHAT’S THE F***?” lautete das Motto des Eröffnungsfestivals. Die Antwort gibt ATELIERFRANKFURT: “***Wir füllen den Frankfurter Osten mit Leben und zeitgenössischer Kunst – auf 11.000 Quadratmetern, mit 130 Künstlerstudios und neuen Projektflächen”!

Das neue ATELIERFRANKFURT steht für Produktion und für 130 Atelier- und Projekträume, die in den vergangenen Monaten auf einer Fläche von 11.000 Quadratmetern entstanden sind. Die Zahl der Ateliers hat sich damit gegenüber der früheren Unterbringung in der Hohenstaufenstrasse verdreifacht. Vervielfacht hat sich auch die Fläche für die Präsentation zeitgenössischer Kunst. Auf über 1.000 Quadratmetern wird ab Herbst 2015 das Ausstellungsprogramm des Kunstzentrums zu sehen sein. Veranstaltungen rund um Kunst, Musik, Tanz und Theater werden bereits ab Jahresende das Haus beleben und Begegnungen zwischen Stadtgesellschaft, lokaler Kunstszene und globalem Kunstgeschehen möglich machen. Im Rahmen der Vernetzung sollen der regionale, nationale und internationale Austausch sowie die Kooperation mit externen Partnern ausgebaut werden. Neben bildenden Künstlern und Kreativen gibt es im neuen Kunstzentrum unter anderem Platz für Theatermacher, Filmschaffende, Komponisten, Galerien und einen Verlag.

Den Umbau des Hauses finanzierten der gemeinnützigen Verein ATELIERFRANKFURT e.V., der Hauseigentümer Michael Loulakis, das Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main sowie zahlreiche private und institutionelle Spender. Der Erlös einer Benefiz-Auktion mit Unterstützung des Auktionshauses Christie’s im September 2014 kam ebenfalls dem Umbau zu Gute. Noch konnten nicht alle Arbeiten abgeschlossen werden; ATELIERFRANKFURT bleibt deshalb auf die Unterstützung weiterer ehrenamtlicher Helfer und Sponsoren angewiesen.

Über ATELIERFRANKFURT

Das Atelier- und Ausstellungshaus ATELIERFRANKFURT bietet Künstlern und Kreativen eine interdisziplinäre Plattform für die Produktion, Präsentation und Vernetzung auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene.
PRODUKTION von zeitgenössischer Kunst auf interdisziplinärem Niveau in über 130 Studios auf sechs Stockwerken – das Atelierhaus bietet individuell sowie kooperativ genutzte Freiräume für kreatives und künstlerisches Arbeiten auf professioneller Ebene. ATELIERFRANKFURT stärkt so die regionale Kunstszene Frankfurts.
PRÄSENTATION von zeitgenössischer Kunst auf über 1.000 Quadratmetern Projektfläche – das Ausstellungshaus zeigt Ausstellungen aufstrebender Künstler auf nationaler und internationaler Ebene.
VERNETZUNG durch zeitgenössische Kunst und öffentlichem Interesse – Hessens grösstes Kunstzentrum ist durch internationale Kooperationsprojekte und Veranstaltungskonzepte eine Schnittstelle zwischen Stadtgesellschaft, lokaler Kunstszene und globalem Kunstgeschehen.

Der Verein

ATELIERFRANKFURT e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der die Produktion und Präsentation zeitgenössischer Kunst fördert und belebt. Er ist alleiniger Träger des gleichnamigen Atelier- und Ausstellungshauses. Der Verein finanziert sich hauptsächlich durch Spenden von Privatpersonen, Unternehmen, Institutionen und Stiftungen und wird durch das Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, unterstützt.
Mit der Errichtung von über 130 Ateliers, Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen schafft der Verein das größte Kunstzentrum Hessens. Damit fördert er nicht nur ca. 200 professionelle Künstler und Kreative aus dem Rhein-Main-Gebiet – er wirkt auch weit über die Grenzen des Standorts hinaus.
Insbesondere die unterschiedlichen Gastatelier-Stipendien sowie das vielfältige Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm zeigen die Vernetzung mit dem globalen Kunstgeschehen. Darüber hinaus verstärken sie das internationale Potential der Stadt Frankfurt am Main.
ATELIERFRANKFURT e.V. lebt von vielen engagierten Mitgliedern und ehrenamtlichen Helfern, die das Team und den geschäftsführenden Vorstand unterstützen. Der Beirat unter dem Vorsitz von Petra Roth (Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main a.D.) steht dem Verein beratend zur Seite.

Geschichte

Aus der privaten Initiative für bezahlbare Atelierräume für Künstler gründete sich 2004 das Atelier- und Ausstellungshaus ATELIERFRANKFURT. Das Haus etablierte sich schnell als Ort der Produktion, Präsentation und Vernetzung für die junge Frankfurter Kunstszene. Institutionen wie das Lichter Filmfest, die Musikreihe acousmain, die Initiativen Nitribitt-Frankfurter Ökonomien, freitagsküche, the thing, salon noir waren Teil des ATELIERFRANKFURT.
Von 2004 bis 2013 war ATELIERFRANKFURT Zwischenmieter des früheren Hauptverwaltungsgebäudes der Andreae-Noris Zahn AG, das später Teil des Polizeipräsidiums war. Dort stellte der Offspace auf 3.500 Quadratmetern 45 Atelierräume für Künstler und Kreative zur Verfügung, inszenierte zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen und war ein beliebter Ort für Lesungen und Diskussionen. 2014 folgte der Abriss des Gebäudes.
Seit 2014 bespielt das Atelier- und Ausstellungshaus 11.000 Quadratmeter im aufstrebenden Frankfurter Ostend. Das 1912 Lagerhaus im Osthafen wurde als Firmensitz der Lebensmittel- Einzelhandelskette Jakob Latscha errichtet und später von der Firma Getränkehandel Loulakis erworben und genutzt.
Nach dem Umbau des Gebäudes in 2013 und 2014 eröffnet ATELIERFRANKFURT mit erweitertem Konzept: Die bewährte Verbindung von Arbeitsräumen und Präsentationsflächen, von Veranstaltungs- und Förderprogrammen wird beibehalten und um eine internationale Ebene erweitert.
ATELIERFRANKFURT ist heute nicht nur das grösste Atelier- und Ausstellungshaus Hessens, sondern auch eines der grössten Kunstquartiere Deutschlands.

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Grund zur Freude: Manuela Messerschmidt, Jörg Mugrauer, Corinna Bimboese und Petra Roth

Performance von Edith Kollath und Raman Zaya

“restricted sceneries #01″ lautete der Titel einer Performance am Eröffnungsabend. Eingelassen wurden die Zuschauer in zwei Kategorien, je nachdem, wie sie verschiedene von einer Türsteherin ins Ohr geflüsterte Fragen beantworteten, zum Beispiel welche Augenfarbe die Mutter oder wann man zum letzten Mal Sex hatte.

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Performance “restricted sceneries #01″ (Ausschnitt)

Ten Years After – Eine Jubiläumsausstellung von ATELIERFRANKFURT, kuratiert von Corinna Mayer

Eine schöne Idee zur Eröffnungsfeier wie zum 10-jährigen Bestehen von ATELIERFRANKFURT hatte Corinna Mayer, Malerin, Zeichnerin und nicht zum ersten Mal Ausstellungskuratorin: ein Saal voll Wandmalereien aktueller und ehemaliger Künstlerinnen und Künstler des Hauses. Die Schau ist bis zum 19. Dezember 2014 zu sehen (Atelier 0.04 im EG).

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↑ Corinna Mayer
↓ Jörg Eibelshäuser

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Beteiligt an der Jubiläumsausstellung sind: Jörg Ahrnt, Fides Becker, Sascha Boldt, Il-Jin Atem Choi, Jörg Eibelshäuser, Bea Emsbach, Thomas Erdelmeier, Isabel Friedrich, Till Galunke, Natalie Goller, Barbara Gräwe, Ina Holitzka, Martin Holzschuh, Caroline Krause, Corinna Mayer, Hans Petri, Lionel Röhrscheid, Monika Romstein, Edwin Schäfer, Vroni Schwegler, Sandip Shah, Jörg Simon, Valentina Stanojev und Zeljko Vidovic.

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↑ Isabel Friedrich
↓ Barbara Gräwe

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Am Eröffnungsabend nicht zu vergessen schliesslich die Aufführung des Theaterstücks “Nipple Jesus” von Nick Hornby, gespielt von Carlos Garcia Piedra vor Arbeiten von Jan-Ulrich Schmidt!

DAS PROGRAMM
(Änderungen / Ergänzungen vorbehalten)

Donnerstag, 20. November 2014 – Eröffnung Vereinslokal
18.00 Uhr
• Eröffnung Vereinslokal
• Mit dem Live-Act Ludwig Röhrscheid
21.00 Uhr
• Buchverkochung mit Kai Söltner

Freitag, 21. November 2014 – Bands im Clubraum
ab 20.00 Uhr – Details und weitere Bands werden noch bekannt gegeben
• 20.00 Mitglieder des Ensemble Modern
• 21.15 N.N.
• 23.30 Kokonino Kounty
Jason Schneider: Gesang & Trompete, Clemens Wolfart: Gitarre, Manuel Tiranno: Bass, Mitja Hinzpeter: Drums
• 23.30 Mona D
Corinna Mayer: Gesang, Lionel Röhrscheid: Gitarre, Jörg Weil: Percussion, Peter Wolf: Theramin
• Fingerfood und Getränke gibt es im neu eröffnete Vereinslokal im Erdgeschoss
Ort: Vereinslokal im EG

Samstag, 22. November 2014 – FAT – Frankfurter Ateliertage
14.00 – 20.00 Uhr geöffnete Ateliers Ort: EG bis 6.OG
• LICHTER Filmfest Frankfurt International präsentiert “Es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn”
Ausgewählte Kurzspielfilme, Animationen und Experimentalfilme aus dem Archiv.
Ort: Veranstaltungsraum im EG
• Performance, Videoinstallation Let Go Anchor! (2014)
Raul Gschrey
Ort: Pförtnerloge im EG
• Erleuchtung der Lichtinstallation “Musenzopf”
Johannes Kriesche
Ort: linkes Türmchen im Innenhof
• Fingerfood und Getränke gibt es im neueröffneten Vereinslokal
Ort: Vereinslokal im EG
14.00 Uhr
• Führung “Experimentelle Raumkonzepte” von Michaela Filla
Atelierbesuche bei: Sabine Kuehnle, Merja Herzog-Hellsten, Patrick Raddatz
Treffpunkt: Empfang im EG (Eingang Innenhof)
14:00-18:00 Uhr
• Offene Theaterproben – Schauspielunterricht zum Zuschauen
TASK Schauspielschule für Kinder und Jugendliche
Ort: Atelier 0.02
15.00 – 15.30 Uhr
• Iris Welker Sturm liest aus Ihrem neuen Buch “das unerhörte zwischen. gedichte & mokka kaos”
Ort: Kantine im 4. OG
16.00 Uhr
• Führung “Zurück zum Wesentlichen. Gemalte Konzentration”
Atelierbesuche bei: Norbert Frensch, Jörg Ahrnt, Eberhard Ross/ Christine Brunella
Treffpunkt: Empfang im EG (Eingang Innenhof)
17.00 – 18.00 Uhr
• Ute Paul und Martina Weber
Zwei Frankfurter Lyrikerinnen lesen in Kooperation mit dem Frankfurter Kranz – Plattform für kulturschaffende Frauen
Ort: Kantine im 4. OG
19.00 Uhr
• Wiebke Dröge / Memory Chunk
Ort: Atelier 6.16
22.00 Uhr
• WHAT’S THE F***? – Clubraum Opening Party
Alex Hawn; Sebästschen; Jermaine Dotson; Romero Brothers; Napkid ; organisiert von reprint
Ort: Clubraum im EG

Sonntag, 23. November 2014 – FAT – Frankfurter Ateliertage
12.00 – 18.00 Uhr geöffnete Ateliers Ort: EG bis 6.OG
• LICHTER Filmfest Frankfurt International präsentiert “Es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn”
Ausgewählte Kurzspielfilme, Animationen und Experimentalfilme aus dem Archiv.
Ort: Veranstaltungsraum im EG
• Performance, Videoinstallation Let Go Anchor! (2014)
Raul Gschrey | www.gschrey.org
Ort: Pförtnerloge im EG
• Erleuchtung der Lichtinstallation “Musenzopf”
Johannes Kriesche
Ort: linkes Türmchen im Innenhof
• Fingerfood und Getränke gibt es im neueröffneten Vereinslokal
Ort: Vereinslokal im EG
13.00 – 14.00 Uhr
• Offene Theaterproben – Schauspielunterricht zum Zuschauen
TASK Schauspielschule für Kinder und Jugendliche
Ort: Atelier 0.02
14.00 – 15.00 Uhr
• Schauspiel-Schnupperstunde. Die Besucher sind zum Mitmachen eingeladen
TASK Schauspielschule für Kinder und Jugendliche
Ort: Atelier 0.02
15.00 Uhr
• Führung “Art and Society” (Englische Führung) von Michaela Filla
Atelierbesuche bei: Kevin Clarke, Federico Rosa, Khaled Barakeh
Treffpunkt: Empfang im EG (Eingang Innenhof)
16.00 – 17.00 Uhr
• Theateraufführung: Der Dieb der nicht zu Schaden kam“ von Dario Fo
TASK Schauspielschule für Kinder und Jugendliche
Ort: Atelier 0.02

Fotos: FeuilletonFrankfurt

→  ATELIERFRANKFURT rüstet sich für die Wiedereröffnung
→  ATELIERFRANKFURT – Familie Montez – Kulturbunker: Das neue Kunst- und Kulturdreieck im Frankfurter Ostend
→  Letzte Ausstellung im ATELIERFRANKFURT: Viaggio in Italia – Italienische Reise

Paco Aguilar, Rafael Alvarado, Chema Lumbreras und Sebastián Navas im Kunsthaus am Lohrberg

18. November 2014

Entrelíneas – Zwischen den Zeilen, zwischen den Fronten
Vier deutsche Künstler in Málaga und vier Künstler aus Málaga in Frankfurt

Künstleraustausch ganz privat, abseits der Institutionen: Auf Initiative der Frankfurter Künstlerin Jutta Heun, neben ihren wundervollen Arbeiten bekannt nicht zuletzt durch ihr Kunsthaus am Lohrberg, und Mariana Martín, Geschäftsführerin der Grafikwerkstatt “Taller Gravura” in Málaga, stellten vier Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland – Jutta Heun, Marina Raffaela Cerea, Charles Geiger und Line Krom – in Málaga aus; umgekehrt empfing Jutta Heun jetzt die vier untereinander etwa gleichaltrigen, sämtlich in Málaga geborenen Künstler Paco Aguilar, Rafael Alvarado, Chema Lumbreras und Sebastián Navas zu einem Gegenbesuch mit dem Titel “Entrelíneas – Zwischen den Zeilen, zwischen den Fronten” in ihrem Kunsthaus am Lohrberg. Die Vernissage – ein zünftiger spanischer Abend, begleitet von der Flamenco-Formation “Isla del Río” – fand am 7. November statt, die sehenswerte Ausstellung dauert bis zum 28. November 2014.

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Chema Lumbreras
Aguacero, 50 x 70 cm
La Risa Negra, 45 x 28 cm
jeweils 2014, Aquarell und Graphit auf Papier

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Unterschiedlicher könnten die Arbeiten der vier Künstler aus Málaga nicht sein:

Chema Lumbreras, Jahrgang 1957, begibt sich in die heitere – und am Ende vielleicht doch gar nicht so heitere – Welt der Märchen, wir denken an den “Froschkönig” der Brüder Grimm, vom Gedanken der Entzauberung wie Erlösung, von der Reifung des Prinzessinnen-Mädchens zur Braut, von der zudringlich-sexuellen Gewalt des Frosch-Prinzen bestimmt. An verschiedensten Deutungen dieser Geschichte, vor allem psychoanalytischer Art, mangelt es nicht.

Lumbreras, der 1981 seine künstlerische Laufbahn begann, stellte vielfach in verschiedenen spanischen Städten sowie in Frankreich aus. Stets blieb er seiner Heimatstadt Málaga verbunden, wo er auch heute lebt und arbeitet.

Paco Aguilar, 1959 geboren, nimmt Familienfotos zum Vorbild seiner melancholischen Zeichnungen. Über dem adrett-brav gekleideten, ernst dreinblickenden jungen Mann zieht eine Formation von Bomberflugzeugen des Zweiten Weltkriegs, wird auch er bald ein Opfer der tödlichen Fracht sein, die sie abwerfen? Den weiblichen Teil der Familie – sind es Mutter, Frau und Tochter? – bedroht eine Tellermine.

Aguilar, Maler, wandte sich dem Holzschnitt, der Litographie und dem Zeichnen zu. Er betreibt die 1979 von José Faria gegründete Werkstatt für Druckgrafik “Taller Gravura” in Málaga mit zahlreichen Ausstellungsaktivitäten, arbeitet aber auch im Bereich Malerei und Skulptur. Seine Werke wurden in über 30 Einzelausstellungen und einer kaum mehr überschaubaren Zahl von Gemeinschaftspräsentationen europaweit sowie in Asien, Mittel- und Südamerika, Nordafrika und in den USA bekannt.

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Paco Aguilar
↑ Seria Adelaida V
↓ Seria Adelaida III
jeweils 2014, Graphit und Tusche auf Papier, 50 x 70 cm

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Sebastián Navas
↑ Málaga 10.06.2014 20:18′
↓ Guangzhou 28.04.2014 11:26′
jeweils 2014, China-Tusche und Tempera auf Papier, 50 x 70 cm

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Sebastián Navas – er wurde 1959 geboren – zeichnet nach fotografisch erfassten Motiven flüchtig anmutende Strassenszenen in Málaga und in Guangzhou. Menschen in grossstädtischem Leben – und doch allein, jeder vorwärts hastend für sich. Konturen verschwimmen, Spuren verwischen.

Auch Navas bestritt als Maler, Zeichner und Grafiker eine Vielzahl an Einzel- und Gruppenausstellungen. Aktuell befasst er sich mit der Erkundung von Identität und Wesen von Mensch und Natur.

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Rafael Alvarado
↑ Sin Título V, 50 x 70 cm
↓ Sin Título III, 30 x 40 cm
jeweils 2014, Mischtechnik auf Papier

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Bedrückend in ihrer zeitlichen Gegenwart die dunklen, oft von Gewalt bestimmten Arbeiten von Rafael Alvarado, Jahrgang 1957. Vor einem Flugzeug prügeln und treten Uniformierte auf eine am Boden liegende Gestalt ein. Wollte sie illegal einreisen oder wehrte sie sich gegen Abschiebung? Die Bilder gleichen sich. Dann der auf den ersten Blick vielleicht grimmig, auf den zweiten, nachhaltigen eher in sich gekehrt, schuldbewusst dreinblickende Mann – dunkler Anzug, weisses Hemd, Krawatte, die Hände ineinander gefaltet – neben einem chimärenhaften, unbestimmten, amorphen, ihm sich kreiselnd näherndem Gegenüber. Symbolisiert es den nahenden Tod?

Alvarado lehrte an verschiedenen Bildungseinrichtungen im Bereich der Kunst, unter anderem als Professor an der Akademie für bildende Künste in Madrid. Unmittelbarkeit und starke Expressivität kennzeichnen seine Arbeiten.

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Chema Lumbreras, Sebastián Navas, Rafael Alvarado und Paco Aguilar in der Vernissage (Foto: Kunsthaus am Lohrberg)

“Entrelíneas – Zwischen den Zeilen, zwischen den Fronten”, Kunsthaus am Lohrberg, bis 28. November 2014; zu den diesjährigen Frankfurter Ateliertagen ist die Ausstellung am Samstag, 22. November, von 14 bis 20 Uhr und am Sonntag, 23. November 2014, von 12 bis 18 Uhr geöffnet

Fotos (soweit nicht anders bezeichnet): FeuilletonFrankfurt

→  Jutta Heun und der Genius loci

Die “Wende” geschafft – “Labung” von Hans von Marées jetzt in rechtmässigem Besitz des Museums Wiesbaden

16. November 2014

Landesmuseum restituiert das Gemälde und kauft es von den Erben zurück

Von Hans-Bernd Heier

Das Timing war optimal: Kurz bevor in Deutschland der 25. Jahrestag des Mauerfalls und damit der politischen Wende gedacht wurde, konnte das Museum Wiesbaden den erfolgreichen Abschluss der Kampagne “Wiesbaden schafft die Wende!” im kulturellen Bereich feiern.

In Anwesenheit von Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein, dem Schirmherrn der Kampagne, Stephanie Tasch, Dezernentin in der Kulturstiftung der Länder, und Gerd Eckelmann, Vorstandsvorsitzender der Freunde des Museums Wiesbaden, berichtete Museumsdirektor Alexander Klar über eine beispielgebende Aktion, die es bisher in Hessens Landeshauptstadt noch nie gegeben habe: Innerhalb von sieben Wochen gelang es, dank finanzkräftiger Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Freunde des Museums Wiesbaden und vieler Privatspenden von Bürgern das Geld für den Ankauf des Gemäldes “Die Labung” von Hans von Marées aufzubringen. Ohne diese Aktion, die auch weltweit Aufmerksamkeit erlangte, wäre es nicht möglich gewesen, dieses sammlungsrelevante Werk Marées aus dem Museumsetat zu erwerben.

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Raumansicht im Museum Wiesbaden mit dem noch nicht gewendeten Werk

Während der siebenwöchigen Kampagne “Wiesbaden schafft die Wende!” war von Marées Gemälde nur die Rückseite zu sehen. Die Bürger sollten damit zum Spenden animiert werden, um in der Sammlung auch wieder die Vorderseite des Spätwerks bewundern zu können.

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Die Überprüfung der zum Teil auf dem Kopf stehenden Aufkleber und der handschriftlichen Vermerke war mitentscheidend bei der Spurensuche der Provenienzforscher

Das Landesmuseum Wiesbaden widmet sich schon seit 2009 intensiv der Suche nach Raubkunst und hat bereits eine Reihe von Arbeiten restituiert. Im Zuge dieser akribischen und daher zeitraubenden Nachforschungen hatte sich herausgestellt, dass das 1980 dem Landesmuseum als Schenkung des Wiesbadener Ehepaares Rose und Friedrich Klein überlassene Gemälde im Jahre 1935 auf einer Auktion bei dem Kunsthändler Paul Graupe in Berlin ersteigert wurde. Den jüdischen Vorbesitzer Max Silberberg (1878 – 1945) hatten die Nationalsozialisten nicht nur zum Verkauf seiner Villa in Breslau gezwungen. Gleichzeitig musste der kunstsinnige Industrielle sich auch vom größten Teil seiner mehr als 200 Werke umfassenden Sammlung trennen. Diese wurde in mehreren Auktionen in dem Berliner Auktionshaus Graupe versteigert. Der Bibliothekar und Auktionator Paul Graupe zählte ab 1933 zu den wenigen Adressen, an die sich jüdische Kunstsammler wenden konnten, wenn sie sich genötigt sahen, ihren Besitz zu veräußern. Graupe, selbst ein Berliner Jude, der 1939 über Paris nach New York floh, galt als solider Notverkäufer jüdischer Besitztümer wie auch als wichtiger Devisenbringer für den NS-Staat. Am 23. März 1935 gelangte bei Graupe unter der Katalognummer 9 auch das Gemälde “Die Labung” von Hans von Marées aus der Sammlung Silberberg zur Versteigerung.

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Bei der Pressekonferenz: Stephanie Tasch, Dezernentin in der Kulturstiftung der Länder, Schirmherr der Kampagne Boris Rhein, Hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst, Museumsdirektor Alexander Klar und Gerd Eckelmann, Vorstandsvorsitzender der Freunde des Museums Wiesbaden; Foto: Hans-Bernd Heier

In Abstimmung mit dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gelangte das Museum Wiesbaden zu dem Schluss, dass der damalige Verkauf des Werkes während des Nationalsozialismus “verfolgungsbedingt” zustande kam und das Gemälde demzufolge auf der Grundlage der Washingtoner Prinzipien von 1998 und der Berliner Erklärung von 1999 an die Erben von Max Silberberg zurückzugeben sei. Bei der Washingtoner Erklärung handelt es sich um eine freiwillige Übereinkunft der Unterzeichnerstaaten mit dem Ziel, Raubkunst aus der Zeit des Nationalsozialismus zu identifizieren, die Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine gerechte und faire Lösung der Wiedergutmachung anzustreben. Der Selbstverpflichtung der Washingtoner Erklärung folgte Deutschland am 14. Dezember 1999 mit der Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz.

Die Erben Silberbergs zeigten sich im Anschluss an die Restitution bereit, das Spätwerk dem Museum Wiesbaden zu dem günstigen Preis von 200.000 Euro zum Kauf anzubieten. Den Ankauf des Gemäldes haben die Kulturstiftung der Länder und die Freunde des Museums Wiesbaden mit je einem Drittel der Kaufsumme unterstützt. Die Bürger steuerten bisher 35.000 Euro bei – wobei die Spendenbeträge von fünf bis 1.500 Euro reichten. Der Restbetrag wird durch die Hessische Kulturstiftung abgedeckt. “Die Labung” von Hans von Marées kann damit in den Kunstsammlungen des Museums Wiesbaden verbleiben.

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Für den großen Moment streifen Minister Boris Rhein und Museumsdirektor Alexander Klar weiße Handschuhe über. Dann heben sie den schweren Holzrahmen von einer Staffelei. Vorsichtig drehen sie das Bild um und hängen es an die Wand

Besucher können jetzt wieder die Vorderseite der “Labung” bewundern. Gerd Eckelmann kommentierte den erfolgreichen Ausgang dieser einzigartigen Kampagne lapidar: “Wenden macht Freude”.

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Die Wende ist geschafft!

Hans von Marées (Elberfeld 1837 – 1887 Rom) gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Kunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Maler prägte zusammen mit Arnold Böcklin und Anselm Feuerbach maßgeblich den Stil des Neo-Idealismus, der vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Bürgertum hoch geschätzt wurde.

Marées besuchte die Kunstakademie in Berlin und arbeitete in den 1860er Jahren im Umfeld von Franz von Lenbach in München. Seit 1870 lebte und arbeitete er in Neapel, Florenz und schließlich in Rom. Dort schuf er seine großartigsten Werke, die sich durch klare Komposition sowie Harmonie zwischen Mensch und Natur auszeichnen. Marées eigentliches Thema ist die Figur im Raum, wobei seine Figuren meist unbewegt verharren. Insbesondere sein Spätwerk, zu dem auch “Die Labung” gehört, ließ ihn zu einem der bedeutendsten Künstler des 19. Jahrhunderts werden.

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Hans von Marées “Die Labung”, Ölgemälde ,1879/80, Museum Wiesbaden. In der Sammlung wird bei den Provenienzangaben zu Marées Gemälde auf die Herkunft aus der Sammlung Max Silberberg, auf die Schenkung der Eheleute Klein, die Restitution und den anschließenden Ankauf durch das Museum Wiesbaden hingewiesen

Die Labung” zeigt einen idealisiert dargestellten nackten Jüngling, der vor zwei Frauen kniet, deren eine ihm in einer Kanne ein Getränk zur Labung anbietet. Das kunsthistorisch wertvolle Bild nimmt im Rahmen der Wiesbadener Sammlung der Malerei des 19. Jahrhunderts eine Schlüsselposition ein. Darüber hinaus kommt dem Gemälde eine “Scharnierfunktion” zwischen den beiden Sammlungsbereichen “Alte Meister” und “Klassische Moderne” zu.

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Peter Forster, Leiter der Provenienzforschung am Museum Wiesbaden, und die Kunsthistorikerin Miriam Merz; Foto: Hans-Bernd Heier

Bislang konzentrierte sich im Museum Wiesbaden die Forschung nach belasteten Werken auf den Erwerbungszeitraum 1933 – 1945. Der Fokus der Recherche richtete sich zunächst auf etwa 200 Kunstwerke, die unter dem damaligen Leiter Professor Hermann Voss unter teilweise ungeklärten Umständen in das Museum gelangt sind. Einige der von Voss erworbenen Kunstwerke wurden seither als “verfolgungsbedingt entzogen” identifiziert. Seit 2010 wurden insgesamt vier Gemälde an die rechtmäßigen Eigentümer bzw. deren Erben restituiert. Noch ist allerdings “sehr viel kontaminierte Kunst im Haus”, wie Klar einräumt.

Im Auftrag Adolf Hitlers ernannte Joseph Goebbels Anfang 1943 Voss zum Sonderbeauftragten, der die Kunstsammlung des geplanten “Führermuseums” in Linz aufbauen sollte. Seine Wiesbadener Funktion behielt er bei. Als Sonderbeauftragter kaufte Voss mit erheblichen Geldmitteln Kunstwerke in Deutschland und in dem von deutschen Truppen besetzten Ausland auf, darunter zahlreiche beschlagnahmte jüdische Kunst- und Kulturgüter. Voss nutzte dabei seine guten beruflichen Verbindungen zu Kunsthändlern, Kunsthistorikern und Sammlern im In- und Ausland. Der Kunsthändler, den Voss am meisten einsetzte, war der mit der Kunstbeschaffung aus Paris beauftragte Hildebrand Gurlitt. Das Jüdische Museum in Frankfurt hat vor knapp einem Jahr in der tief beeindruckenden Ausstellung “1938 – Kunst, Künstler, Politik” auch die dubiose Rolle von Hermann Voss als Museumsleiter in Wiesbaden und als Sonderbeauftragter thematisiert. Aber nicht nur Kunstwerke, die nach 1945 in das Museum Wiesbaden gekommen sind, stammen möglicherweise aus verfolgungsbedingtem Entzug und sind nach den Grundsätzen der Washingtoner Erklärung zu restituieren, wie das Gemälde “Die Labung” von Hans von Marées. Die Kunsthistorikerin Miriam Merz war zufällig auf die Herkunft des Mareés-Werkes gestoßen. “Die Labung” war im Katalog jener Auktionen abgebildet, die Silberberg um seine Kunstsammlung brachte. Ein Abgleich mit der Datenbank “Lost Art” erhärtete den Verdacht. Für Museen bedeutet das, dass sie nicht nur Erwerbungen zwischen 1933 und 1945 überprüfen müssen. Nazi-Raubkunst kann auch zu anderen Zeiten in ihren Bestand gelangt sein. “Es ist noch nicht zu Ende”, sagt Museumskustos Peter Forster.

Peter Forster, Kustos der Sammlungen 14. bis 19. Jahrhundert, und die Kunsthistorikerin Miriam Merz bekommen im nächsten Jahr Unterstützung. Bei der Pressekonferenz erklärte Rhein: “Die Kampagne macht aber auch auf das von den Nationalsozialisten verübte Unrecht aufmerksam. Deshalb habe ich gerne die Schirmherrschaft übernommen, denn diesem Unrecht müssen wir uns stellen. Nur so können wir deutlich machen, dass wir nicht vergessen, was in der NS-Zeit passiert ist. Unser Ziel ist es, das geschehene Unrecht aktiv aufzuarbeiten, beispielsweise mit Hilfe der Provenienzforschung in unseren Landesmuseen.” Denn das Problem gehe alle Museen an. Deshalb kündigte Rhein an, dass Hessen ab Januar 2015 eine hessische Zentralstelle mit zwei zusätzlichen Vollzeitstellen für Herkunftsforscher finanzieren werde. Diese Zentralstelle soll organisatorisch beim Museum Wiesbaden angesiedelt werden, aber auch die Sammlungsbestände in den anderen Landesmuseen in Kassel und Darmstadt unter die Lupe nehmen. Auf Wunsch sollen auch kleinere Museen unterstützt werden. Rhein sieht darin ein “Modell für die Zukunft”.

Bildnachweis (soweit nicht anders bezeichnet): Museum Wiesbaden

- Weitere Artikel von Hans-Bernd Heier -

Steinbildhauerin Anna Kubach-Wilmsen auf dem Campus Riedberg der Frankfurter Goethe-Universität (2)

15. November 2014

41 Stelen auf 60 Metern
Über den Werdegang eines Kunstwerks

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Wir befinden uns auf dem Gelände der Johann Wolfgang Goethe-Universität (heute leider nur noch Goethe-Universität genannt, so viel Zeit für den vollen Namen des grössten Sohnes Frankfurts hätte durchaus sein dürfen), genauer gesagt auf dem den Naturwissenschaften vorbehaltenen Campus Riedberg. Derzeit und in den kommenden Wochen entsteht dort – wie wir bereits in erster Folge berichteten – auf einem Stück freier Natur und folglich unter freiem Himmel ein Kunstwerk – und wir erweisen dem grössten Sohn der Stadt mit dem Beginn eines seiner wunderbaren Gedichte unsere Reverenz:

“Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen,
Und haben sich, eh’ man es denkt, gefunden …”

Verfügte Goethe etwa über hellseherische Fähigkeiten?

Man könnte das Opus in constructio wohl der “Land Art” in einem weiteren Sinne zuordnen, einer Gattung der Bildenden Kunst, in der ursprünglich eine vorgefundene geografische Struktur beziehungsweise Situation im Wege einer künstlerischen Intervention, also einer konzepthaften, oft grosse Territorien einnehmenden Einwirkung mit künstlerischen Mitteln, zu einem Kunstwerk umgestaltet wird. Heute versteht man unter Land Art vielfach auch Kunst in einer Landschaft, ohne jedoch letztere selbst substantiell zu verändern. Voraussetzung ist jedoch stets ein erkennbarer, konzeptioneller Bezug zwischen Landschaft und künstlerischem Artefakt. So erfüllen eine Skulptur, auch wenn sie auf einer Grünanlage unter freiem Himmel aufgestellt ist wie etwa “Turm II” von Werner Pokorny, oder ein städtischer Skulpturengarten nicht die Kriterien der Land Art. Wie auch immer – den der freien Natur in Wind und Wetter ausgesetzten Werken, seien sie aus Stein, Holz, Metall oder anderen Materialien, eignet im Zuge umweltbedingter Einwirkungen mehr oder weniger eine gewisse Prozesshaftigkeit und oft Vergänglichkeit, was mitunter gerade einen beabsichtigten und wesentlichen Bestandteil der Arbeit darstellen kann.

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Stein um Stein muss präzise nach den Vorgaben der Künstlerin Anna Kubach-Wilmsen ausgerichtet werden

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↑ Steinbildhauerin Anna Kubach-Wilmsen und Robert Anton, Landschaftsarchitekt der Universität und Technischer Leiter des Wissenschaftsgartens, an der Kunst-”Baustelle”

↓ Mit viel Fingerspitzengefühl an schwerem Gerät: Garten- und Landschaftsbau-Meisterin Sabine Jung

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Inzwischen sind 41 der Granitsäulen als Stelen ausgewählt, jeweils mit einem Betonsockel versehen und in unregelmässigen, auf die jeweiligen Konturen Bezug nehmenden Abständen in einer Linie auf der Grünfläche entlang der Zufahrtsstrasse hin zu den Gewächshäusern des Wissenschaftsgartens gesetzt. Nach Aushärtung des Betons wird der eigentliche künstlerische Bearbeitungsprozess beginnen. Nach Reinigung der Granite mit einem Hochdruckgerät wird die weithin bekannte Steinbildhauerin Anna Kubach-Wilmsen die Stelenköpfe beschleifen und auf ihnen plane, konkave und konvexe Oberflächenstrukturen ausbilden. Wir dürfen darauf hoffen, der Künstlerin dabei ab und an “über die Schulter schauen” zu können.

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41 frisch gesetzte Granitstelen warten nun auf ihre künstlerische Bearbeitung

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Ein schmaler Schotterweg soll zwischen den Steinen hindurchführen, so dass sich der Besucher zwischen den Stelen und innerhalb der entstehenden Grossskulptur bewegen und auf diese Weise mit ihr interagieren kann. Geplant ist weiter eine gärtnerische Gestaltung, die zu der Skulptur in einer korrespondierenden Beziehung steht. Landschaftsarchitekt Robert Anton hat dafür – in Anspielung auf das auf 80 Jahre geschätzte Alter der steinmetzgerechten Bearbeitung der Stelen – bereits rund 80 Jahre alte Gladiolenknollen vorgesehen, die ebenso wie die Steine vom Campus Westend der Universität stammen.

FeuilletonFrankfurt wird weiter berichten!

Fotos: FeuilletonFrankfurt (5), Carsten Siebert (2), Sabine Jung (1)

- wird fortgesetzt -

Steinbildhauerin Anna Kubach-Wilmsen auf dem Campus Riedberg der Frankfurter Goethe-Universität (1)

Deutscher Fairness-Preis 2014 an Claus Fussek

14. November 2014

Es kommt auf jeden zu – das Alter

Von Renate Feyerbacher

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Der Preis, gestaltet von Johannes Nikel

Am 25. Oktober 2014 wurde in Frankfurt am Main Claus Fussek mit dem Fairness-Preis, der erstmal 2001 verliehen wurde, geehrt. Es ist ein nicht dotierter Preis.

Als die Fairness Stiftung 2013 den Preisträger bekannt gab, hatte sich Kabarettist Dieter Hildebrandt, der in seinen Sendungen immer wieder den Pflegenotstand gegeisselt hatte, sofort zur Laudatio bereit erklärt. Er starb jedoch am 20. November 2013 – mit 86 Jahren. Claus Fussek, der ihn einen seiner besten Freunde nannte, begleitete ihn beim Sterben.

Dann hatte sich Georg Schramm, geboren 1949, einer der schärfsten Vertreter des politischen Kabaretts, Psychologe, zur Laudatio für seinen Freund Fussek bereit erklärt. Er kennt sich aus. Zornig, wie immer, war sein letztes Projekt “Meister Yodas Ende – über die Zweckentfremdung der Demenz”. Darin denkt der verrentete Genosse Dombrowski, Schramms Lieblingsfigur, darüber nach – das ist gelinde gesagt – besser er wütet darüber, wie mit der alternden Gesellschaft umgegangen wird. Leider musste Schramm absagen, weil eine nahe Angehörige schwer erkrankt war und er nicht von ihrer Seite weichen wollte.

Maria Peschek, ebenfalls Kabarettistin, Schauspielerin und Buchautorin, sprang ein. “Ex und Hopp” hatte sie eines ihrer Kabarettprogramme genannt. Mit ihren Geschwistern pflegte sie die Mutter. In ihrer Laudatio beklagte sie jetzt das “kollektive Verdrängen”.

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Claus Fussek, Ehefrau Ute, Kabarettistin Maria Peschek

Zwei Drittel der alten und kranken Menschen werden zu Hause gepflegt. Aber oft nicht gut. Überforderung, Streit in der Familie, Streit unter den Erben machen das Leben pflegebedürftiger Menschen in der Familie oft unerträglich. Es ist sogar Gewalt im Spiel.

2,45 Millionen pflegebedürftige Menschen gibt es derzeit in Deutschland. Die Zahl steigt aufgrund der längeren Lebenszeiten, man kann sagen, rapide.

Und wie ist die Situation in den Heimen? Sei lieb zu Deinen Kindern, denn sie suchen Dein Pflegeheim aus.” Dieser Spruch hängt bei Claus Fussek zu Hause.

Zusammen mit dem Fernsehjournalisten Gottlob Schober informiert Claus Fussek Politik und Gesellschaft über den Pflegenotstand im reichen Deutschland. Zusammen veröffentlichten sie die Bücher “Im Netz der Pflegemafia – Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden” (2009) und “Es ist genug! – Auch alte Menschen haben Rechte” (2013). Gewalt gegen pflegebedürftige Menschen in Institutionen” ist das neueste Buch, das Fussek zusammen mit Rolf D. Hirsch schrieb. Schon die Titel der Bücher bringen das Problem auf den Punkt.

Sie werden gefesselt, obwohl sie noch gehen können; über Magensonden ernährt, obwohl sie noch essen können; eingesperrt, obwohl sie noch gerne an die frische Luft gehen wollen. Ihnen werden Windeln verpasst, obwohl sie noch auf die Toilette gehen können” (Klappentext zu “Es ist genug! – Auch alte Menschen haben Rechte” / Knaur Klartext). Nun will Claus Fussek nicht mehr schreiben: “Es ist alles gesagt!”

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Fussek, diplomierter Sozialpädagoge, ein Experte für Pflege und Integration, ist seit 1978 in der Vereinigung Integrations-Förderung in München tätig, die Menschen mit Behinderungen ambulante Beratungs- und Pflegedienste anbietet. Seit Jahrzehnten wird er nicht müde, in Büchern und Talkshows auf die Missstände in Pflegeheimen aufmerksam zu machen. Aber er bietet auch Lösungen an und berät. 50.000 Briefe und Mails hat er in dieser Zeit bekommen – die meisten von Pflegekräften, natürlich meist anonym, weil sie um ihre Arbeitsplätze bangen, von Angehörigen und auch von pflegebedürftigen Menschen. “Es ist grausam, dass alle Bescheid wissen. Es fehlt Mitgefühl. Das Schweigen der Kirchen ist grauenhaft. Schlechte Pflege ist Folter”, sagt der 61-jährige Fussek in seiner Dankesrede. Das grösste Problem sei die Einsamkeit. Viele Pflegekräfte kommen aus anderen Ländern und können sich nicht mit den Pflegebedürftigen verständigen.

Die Münchner Initiative “forum Pflege aktuell“ hatte bereits 2001 in einer Beschwerde beim UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte über die deutschen Pflegezustände in Altenheimen geklagt. Die Bundesrepublik wurde wegen der zum Teil unmenschlichen Bedingungen und der oft unsachgemässen Pflege scharf kritisiert. Geändert hat sich nichts – im Gegenteil: es ist schlimmer geworden.

Der Fernsehjournalist Gottlob Schober sagte in einem Interview: “Die Menschen kommen tagelang nicht aus ihrem Bett, werden mit Psychopharmaka ruhig gestellt, dämmern nur vor sich hin. Bekommen aus Zeitmangel nichts zu essen und zu trinken. Sie kommen nicht zum Klo und müssen ihre Notdurft in Windeln verrichten … Es braucht keine Medikamente, es braucht Menschlichkeit“ (AZ vom 1. 7. 2013).

Es gibt zwar Heime, in denen es die Pflegenden schaffen, die ihnen anvertrauten Menschen gut zu versorgen und Sterbende auch zu begleiten. Aber so manches Pflegeheim will an die Börse. Es muss sich lohnen, Profite müssen her. Deshalb lässt auch die Bezahlung des Pflegepersonals zu wünschen übrig.

Ist eine Heimeinweisung eines Familienmitglieds unabwendbar, dann sollten Angehörige sich unangemeldet Pflegeheime ansehen und selbst schauen, gute Bewertungen hinterfragen, mit den Leuten reden und sich erkundigen, ob es einen Garten gibt, ob Tierhaltung erlaubt ist. Es kann auch an eine Teilzeitpflege in einem Heim gedacht werden.

Die gesamte Familie von Claus Fussek, seine Frau Ute (er: “Ich kann Dir nicht versprechen, dass es besser wird”), seine Söhne Florian und Jonas sind involviert. Familiäre Krisen kommen vor. Fusseks Mutter ist 83 Jahre alt und auf Hilfe angewiesen, eine legale Betreuerin steht ihr zur Seite. Sein Vater ist 92 Jahre, die Schwiegermutter 93. Vor allem lässt die Familie die alten Menschen nicht im Stich, denn, wie gesagt, die Einsamkeit ist das Schlimmste.

Im anschliessenden Internationalen Fairness-Forum, das der promovierte Philosoph, Sozialwissenschaftler, Theologe, Publizist und geschäftsführende Direktor der Fairness-Stiftung Norbert Copray vorzüglich moderierte, nahm auch der Filmemacher David Sieveking teil. Für seinen Dokumentarfilm “Vergiss mein nicht” erhielt er den Hessischen Filmpreis 2012 und auf dem 65. Internationalen Filmfestival in Locarno den Preis der Filmkritik.

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David Sieveking

Ein wunderbarer Film, der sich mit der zunehmenden Demenz der Mutter auseinandersetzt, der zeigt, was von den Angehörigen verlangt wird, der aber auch zeigt, wieviel der zu pflegende Mensch den Pflegenden zurückgibt, der ermutigt. Der Sohn zog zur Entlastung des überforderten Vaters wieder nach Hause. Für Vater und Sohn wurde es eine schwierige, aber auch eine beglückende Zeit. Der Sohn entdeckte seine Eltern neu.

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Buch von Claus Fussek, DVD von David Sieveking

Fairness-Initiativpreis

Verliehen wurde der Fairness-Initiativpreis 2014 an die Arbeitsgemeinschaft “AG Beipackzettel”, die 2006 von Patientenorganisationen, Seniorenverbänden und Mitarbeitern von Pharmafirmen gegründet wurde.

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Wer ein Medikament einnehmen muss, sollte den Beipackzettel lesen. Ungern geschieht es: Er ist kaum zu verstehen und die unverständlichen, medizinischen Begriffe machen Angst.

Ein patientenfreundlicher Beipackzettel hilft, die Hürde, sich ans Lesen zu machen, zu überwinden, die Leseschwierigkeit ad acta zu legen. Unmöglich oft – folglich landen laut Statistik jährlich 4.000 Tonnen Arzneimittel im Müll, auch aus Angst vor eventuell auftretenden anderen Beschwerden oder Krankheiten, die im Beipackzettel erwähnt werden. Es vergeht einem die Lust, die Compliance, die Therapietreue. Die Bereitschaft eines Patienten zur Mitwirkung könnte mit besseren Informationen eingehalten beziehungsweise gefördert werden.

In sieben Punkten wurde ein patientenfreundlicher Beipackzettel entworfen, den auch einige Pharmafirmen, darunter Pfizer, MSD, Novartis, AbbVie, mittlerweile beherzigen.

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(v.l.) Laudator Mark Schmid-Neuhaus, Gründungsmitglied der Fairness-Stiftung, sowie die Vertreter der AG Beipackzettel Ludwig Hammel und Christina Claußen

Bei der Begrüssung betonte Norbert Copray: “Es war nicht einfach, die AG Beipackzettel (als Preisträger) zu finden.” In der Begründung hiess es: “Der Fairness-Initiativpreis würdigt diese unscheinbare Arbeit als Beitrag zur Fairness-Qualität im Umgang der Pharmahersteller mit den Patienten.”

Die Ausgezeichneten, die sämtlich ehrenamtlich arbeiten, machten klar, dass es viele juristische Probleme gab und gibt. Ein “dickes Brett” müsse immer wieder “gebohrt” werden.
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Die Preisträger mit (rechts in der hinteren Reihe) Norbert Copray

Die Fairness-Stiftung ist seit 14 Jahren aktiv, das Fairness-Bewusstsein und die Fairness-Qualität in Gesellschaft und Wirtschaft zu stärken und zu verbessern. Neben den Preisverleihungen berät die Fairness-Stiftung Menschen in unfairen Situationen, trainiert Führungskräfte in Fairness-Kompetenz und begleitet Firmen und Organisationen zur Fairness-Qualität. Die Preisverleihungen werden vom Verlag für die Deutsche Wirtschaft gesponsert.”

Mit diesen Worten stellt sich die Fairness-Stiftung im Internet dar. Bei der Preisverleihung wird deutlich, dass die Stiftung, die auf Spenden angewiesen ist, einen deutlichen Rückgang an Spenden verzeichnet. Unüberhörbar ist der Apell: “Investieren Sie in die Fairness – für mehr Fairness-Qualität!”

Fotos: Renate Feyerbacher

→  Deutscher Fairness-Preis und Initiativpreis 2013 an Detlef Flintz und Joblinge e.V.
→  Deutscher Fairness-Preis 2012 für Sarah Wiener