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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Das grüne Kanapee (18)

20. Mai 2012

Das grüne Kanapee lädt erneut zum Niedersitzen (und Anklicken) ein, und wenn wir darauf Platz nehmen, erklingen die merkwürdigsten Geschichten, erzählt vom Poeten habust alias Hans-Burkhardt Steck. Der auch Zeichner ist, Fotograf, Essayist, Komponist und Bänkelsänger (seine Zeichnungen und CDs können Sie kaufen)! Und überhaupt Autor zahlreicher Betrachtungen in FeuilletonFrankfurt. Auf der linken Schulter sitzt ihm der Schalk, auf der rechten die Eule (richtig, der Vogel der Weisheit). Hören wir hier dem Neo-Dada-Dichter zu:

(©  habust; Foto: GearedBull wikimedia commons GFDL)

Michael Kalmbach in der Kunsthalle Mainz

18. Mai 2012

Michael Kalmbach: “Christopheruspuppe”

Text und Fotografien: Vera Mohr

Die scheidende Leiterin der Kunsthalle Mainz, Natalie de Light, präsentiert in der letzten von ihr kuratierten Ausstellung den pfälzischen Künstler Michael Kalmbach, der in Mainz erstmals die Möglichkeit erhält, seine Werke unter dem Titel “Christopheruspuppe” umfassend der Öffentlichkeit vorzustellen. Der 1962 in Landau (Pfalz) geborene Künstler studierte an der Städelschule bei Professor Michael Croissant und lebt heute in Berlin. Die Ausstellung läuft im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz unter dem Motto “Gott und die Welt”.

Galaxie, 2011

Michael Kalmbachs Werke thematisieren die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt. Das Lebewesen, eingebunden in Familie und weitläufige Verwandtschaft, muss sich dem Kampf mit Zeitgenossen und den Verwerfungen des Alltags stellen, woraus sich Macht und Ohnmacht entwickeln, die zu Zerstörung und Tod führen. Ein Leben zum Kotzen? Jedoch auch Schöpfung und Geburt spiegeln sich in seinen Gemälden und Skulpturen wider.

Kotzender, 2006; Erzengel, 2012

Vieles muss er geschluckt haben, bevor das Unverdauliche in einem derartigen Schwall nach aussen drängt und den Protagonisten in die Luft hebt, sodass er wie ein Fähnchen im Wind pendelt.

Hilfe im Lebenskampf verspricht Erzengel (Michael?), an dessen Schulter zwei verzweifelt flatternde Gestalten hängen. Mit einer Stange stochert er nach dem Bösen in den Gefässen zu seinen Füssen. Doch die Schlange hat sich schon weiter geschlängelt und erhebt ihr Haupt – das er laut Bibel zertreten soll – in seinem Rücken. Wird ihm der Kampf gelingen? Oder ist die hehre, tapfere Gestalt nur Illusion?

Ausstellungsansicht

Michael Kalmbach verknüpft viele seiner einzelnen Skulpturen zu riesigen Mobiles, die, an Stangen und Fäden aufgehängt, den Besucher anmutig umspielen. Sie sind aus Pappmaché gefertigt und bewegen sich, ändern ihre Position bei jedem Luftzug. Der Mensch, in Abhängigkeiten verstrickt, klammert sich an Gegenstände, die seine Unfreiheit bedeuten und ihn der Manipulation der Strippenzieher ausliefern. Oder ist es Freude am Spiel, Dabei-sein-wollen, auf keinen Fall abgehängt zu werden?

Der grosse und der kleine Paul, 2003

Im Mittelpunkt seiner Gemälde steht eine Bild-Text-Geschichte, die auf den ersten Blick an ein Kinderbuch erinnert. Mit sanften Farben illustriert Kalmbach die Geschichte vom “kleinen und grossen Paul”. In einer Welt mit grossen und kleinen Menschen haben die Grossen das Sagen. Sie unterdrücken die Kleinen, terrorisieren sie und fressen sie sogar auf. In dieser Klassengesellschaft gelingt es dem kleinen Paul, eines Tages als Grosser wiederzuerstehen und als solcher ins Geschehen einzugreifen. Die Leichtigkeit der Figuren, die an eine heile Kinderwelt erinnert, wird durch massive Gewaltdarstellungen gebrochen.

Hänger, 2005; Stabile, 2004 (Ausstellungsansicht)

Die Sexualität als Motor des Weltgeschehens findet sich mit teils drastischen Darstellungen in Kalmbachs Werk. Auf erigierten männlichen Geschlechtsteilen und lang gezogenen Nasen sitzen kleine männliche Figuren als Scharniere.

Satt, 2006; Spirale, 2006

Die Frau erscheint als Gebärmaschine, die in ihrem Unterleib Unmengen von ungeborenen Kindern mit sich herumträgt und mit Säugen die unendliche Spirale des Lebens am Laufen hält.

Ausstellungsansicht mit dem Künstler (links)

Michael Kalmbach, Christopheruspuppe, Kunsthalle Mainz, bis 5. August 2012

Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt / 3

16. Mai 2012

Spielzeit 2011 / 2012 (Eine Auswahl)

Text: Renate Feyerbacher

Ausblick und Rückblick

Für die kommende Spielzeit 2012 /2013 gibt es diesmal kein Motto. Das zunächst alles beherrschende Projekt ab September wird Johann Wolfgang von Goethes “Faust” als “theatralische Offensive” sein. Elfriede Jelinek wird mit ihrem Sekundärdrama zu Urfaust “FautIn and out” dabei sein, auch Christopher Marlowe als Puppenspiel für Kinder ab zehn Jahren.

Aber die Faust-Manie wird nicht gänzlich die Schauspiel-Bühne beherrschen. Einige der anderen Höhepunkte sind: Carl Zuckmayer “Des Teufels General”, Hans Fallada “Kleiner Mann, was nun?” (Regie Michael Thalheimer), Ödon von Horváth “Kasimir und Karoline” (Regie Christoph Mehler), William Shakespeare “Otello” (Regie Andrea Breth), Anton Tschechow “Die Möwe” (Andreas Kriegenburg). Wer die Regisseure kennt, wird begeistert sein. Ausserdem gibt es zwölf Uraufführungen wichtiger junger Autoren, Jugendstücke und wie gehabt die Gesprächsreihen von Daniel Cohn-Bendit und Michel Friedman.

Ein Blick zurück in die bald zu Ende gehende Spielzeit:

Intendant Oliver Reese hat sich mit seinem Programm endgültig in Frankfurt etabliert. Die Auslastung der Häuser konnte bis Ende März 2012 auf über 86 Prozent gesteigert werden.

Intendant Oliver Reese vor dem Thomas Bernhard-Relief im Schauspielhaus am 25. 4. 2012; Foto: Renate Feyerbacher

Wieder gespielt wurden die Stücke “Ödipus /Antigone” (Regie Michael Thalheimer), “Das Weisse Album”, Jean Racine “Phädra” (Regie Oliber Reese) und “Maria Stuart” (Regie Michael Thalheimer), “Die Katze auf dem heissen Blechdach” (Regie Bettina Bruinier), “Die Frau, die gegen die Türen rannte” (Regie Oliver Reese), “Einsame Menschen”. (Regie Hanna Rudolph). Bis auf “Das Weisse Album” und “Die Katze auf dem heissen Blechdach” werden alle genannten Stücke auch in der kommenden Spielzeit wieder gezeigt. Es sind sehenswerte Aufführungen sowohl im Hinblick auf die Regie als auch die schauspielerischen Leistung (s. Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt / 1 und Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt / 2).

Immer wieder holt Oliver Reese, ehemaliger Intendant des Deutschen Theaters Berlin, Gastspiele von dort an den Main. Ich denke an Thomas Bernhard “Ritter, Dene, Voss” (Regie Oliver Reese, mit Constanze Becker, Ulrich Matthes und Almut Zilcher) im November 2009, wenig später Anton Tschechow “Die Möwe” (Regie Jürgen Gosch [1943 bis 2009], mit Corinna Harfouch und Katheen Morgeneyer ), eine geniale Inszenierung mit fantastischen Schauspielerinnen und Schauspielern, an Samuel Beckett “Endspiel” (Regie Jan Bosse, mit Ulrich Matthes und Wolfram Koch) im Januar 2011, zwei geniale Beckett-Gestalten.

Ulrich Matthes und Wolfram Koch am 20. 2. 2011 beim Schlussapplaus; Foto: Renate Feyerbacher

Ich denke an Gerhart Hauptmann “Die Ratten” im Januar 2012 (Regie Michael Thalheimer), eine klare, moderne Interpretation mit einer eindrucksvollen Constanze Becker, an Maxim Gorki “Kinder der Sonne” (Regie Stephan Kimmig, mit Nina Hoss, Katharina Schüttler und Ulrich Matthes). Für diese Inszenierung erhielt Kimmig den Theaterpreis FAUST, der im letzten Jahr in der Oper Frankfurt verliehen wurde. Die anfangs so lässig daher kommende, scheinbar belanglose Geschichte, in der jeder sich selber sehr nah, aber dem anderen fern ist, der dann die Sonne abhanden kommt, deren Leichtigkeit in Düsternis versinkt, fasziniert und begeistert durch grosse Schauspielkunst.

Katharina Schüttler, Ulrich Matthes, Nina Hoss beim Schlussapplaus am 1. 5. 2012; Foto: Renate Feyerbacher

Neue Stücke in der Spielzeit 2011/2012 – eine Auswahl

“Medea” – liebende Mutter, Kindermörderin, Rächerin – ein Geschlechterkampf

Leere Bühne, hinten, eine Art Gazenetz-Vorhang, der sich später heben wird, und eine hohe Wand mit einer Stufe, die sich etwas nach vorne schiebt. Plötzlich ein dumpfer Schlag, dann werden es viele Schläge, wie hämmernd prasselt es auf das Publikum. Es sind die Schritte der schwarz  gekleideten Amme (Josefin Platt) auf Kothurnen. Minutenlang durchschreitet sie so diagonal die Bühne. Düsteres kündigt sich an. Eine Kälte, wie sie kaum besser realisiert werden kann.

Auf der Stufe oder dem schmalen Steg agiert Medea: stehend, hockend, sich krümmend, schreiend, verzweifelnd, gedemütigt, verspottet, blutend – sehr entfernt vom Zuschauer.

Constanze Becker (Medea); Foto © Birgit Hupfeld, Schauspiel Frankfurt

Jason, ihr Mann, Vater der beiden Söhne, hatte sie verlassen, um Kreons Tochter zu heiraten. “Ich trenne mich von dir, um eine Mann durch mich zu sein”. Sie, die für ihn ihre Familie in Kolchis verraten hat, die das Goldene Vlies entwendete und nun als Fremde in Korinth lebt, hatte für Jason alles getan und geholfen, ihn zum griechischen Helden zu machen. Nun will sie König Kreon mit den Kindern verbannen. “Ich, die ihm einst so viel bedeutete, bin ihm nun nichts mehr wert” (zitiert nach Programmheft “Medea”, übersetzt von Peter Krumme, Verlag der Autoren Frankfurt).

Noch oben stehend ist sie wie verwandelt: heuchelnd, bittend, flehend, lügend, schmeichelnd beginnt sie ihren Racheplan zu schmieden. Er gipfelt im Kindermord. Sie umgarnt Kreon und Jason.

Am Ende, wenn diese Mauer fast zum Bühnenrand vorgefahren wird und wieder nur einen schmalen Steg für die Agierenden lässt, Jason fast von der Bühne drückt, ist sie wie verwandelt: im Businesslook, im schwarzen Kleid, adrett, selbstbewusst schreitet sie fort, einen zerstörten Gatten zurück lassend. Sie geht nach Athen, wo ihr der kinderlose König Aigeus Asyl gewährt, hoffend auf Kinder. Höchst umstritten ist diese zwiespältige Frau.

Euripides schrieb diese Tragödie, die 431 v. Chr. uraufgeführt wurde. Er nennt Medea eine “grimmige Löwin und kein Weib”, aber am Ende lässt er sie entschweben, von Zeus unterstützt. Zwiespältig zeichnet er diese Figur: Er zeigt sie als Monster, verurteilt sie, lässt sie dann über sich hinauswachsen, sich emanzipieren. Ist er auf Seiten Medeas?

Regisseur Michael Thalheimer; Foto: Renate Feyerbacher

Der vielfach ausgezeichnete Regisseur Michael Thalheimer (*1965 in der Nähe von Frankfurt) hat diesen Schluss unglaublich zeitnah umgesetzt. Das verbale Duell zwischen Medea und Jason geht voll an die Substanz – Geschlechterkampf pur.

So makaber es ist, Medea hat sich befreit, das Unglück, eine Frau zu sein, überwunden. Jason, im dunkelblauen Samtanzug, trumpft zunächst als Mann auf, wird aber von ihr total fertiggemacht. Marc Oliver Schulze ist ein schauspielerisch ebenbürtiger Gegenspieler, Verlierer. Becker und Schulze waren bereits in Talheimers “Ödipus” / “Antigone” ein beeindruckendes Gespann.

Den Chor bündelt er in der Person von Bettina Hoppe, die sachlich, aber mit einfühlsamer Teilnahme den seelischen Zustand schildert. Martin Rentzsch als Kreon bestimmend, aber nicht bösartig, Michael Bentheim als indifferenter König Aigeus und Viktor Tremmel als unsicherer Bote. Ein überzeugendes Schauspielerteam.

“Hamlet, Prinz von Dänemark” – Zauderer, Handelnder

Ein Held ist er nicht, dieser däniche Prinz Hamlet. Er erkennt nicht, ob die Heimsuchung durch den Geist des toten Vaters, der vergiftet wurde, Trug oder Wahrheit ist. Und so beginnt er zwischen Realität und Wahn zu schlittern. Soll er handeln, also rächen, wie er es dem Vater versprach, oder soll er tatenlos über das Geschehene hinweg gehen?

Regisseur Oliver Reese hat die Rolle des Hamlet mit Bettina Hoppe besetzt. Ein Wagnis? Sie ist auch ein Juwel im Frankfurter Ensemble. 2010 war sie nominiert für den Theaterpreis DER FAUST für ihre Darstellung als Stella. Eine gute Entscheidung? Ja. Sie hat das Talent, männliche Eigenschaften in ihren Rollen glaubhaft umzusetzen. Herb kann sie sein. Ihre Fechtszene mit Laertes, dem Sohn des durch Hamlet ermordeten königlichen Beraters Polonius und Bruder von Ophelia, die sich das Leben nahm, ist von unglaublicher Härte.  Aber dann setzt sich Hamlet/Hoppe an den Flügel, sinniert und spielt. Grandios wie er/sie zögert, nachdenkt, es ist zu sehen, wie Verstand und Gefühl miteinander hadern und wie er/sie schliesslich brutal zuschlägt, ohne die absolute Wahrheit gefunden zu haben.

“Ich muss unmenschlich sein, nur um menschlich zu sein.”

Bettina Hoppe (Hamlet); Foto © Birgit Hupfeld, Schauspiel Frankfurt

William Shakespeare (1564 bis 1616) hat “Hamlet” geschrieben. War der Autor dieser Mann aus Stratford-upon-Avon oder der Earl Edward de Vere, Earl of Oxford (1550 bis 1604)? Wie dem auch sei, “Hamlet” ist ein Stück der Weltliteratur, das auf unseren Bühnen ständig präsent ist.

Die ganze Bühne ist ein Spiegelsaal, der hinten durch Treppen abfällt (Bühne: Hansjörg Hartung). Wenn Türen geöffnet und geschlossen werden, vibrieren die Wände. Die Spiegelungen, die nichts Konkretes vermitteln, verschwimmen, passen ausgezeichnet zu der oberflächlich-eleganten Hofgesellschaft. Oliver Reese wechselt zwischen Dynamik und Ruhe. Ein agiles Schauspielerteam steht ihm zur Verfügung mit Stephanie Eidt als Hamlets Mutter und Till Weinheimer als König Claudius, Bruder und Mörder von Hamlets Vater. Ein glamouröses Paar. Sébastien Jacobi ist ein starker Laertes, seine Schwester Ophelia, gespielt von Sandra Gerling, ein zaghaftes Geschöpf. Es ist spannend inszeniert, am Text entlang, allerdings ohne besondere Inspiration.

“Die Physiker” – verrückte Verrückte

Sie sagen, sie seien Newton, Einstein, Möbius, drei Physiker im teuren Schweizer Sanatorium, besser Irrenanstalt genannt. Irre geht es wirklich zu und gefährlich sind die drei auch: eine Krankenschwester nach der anderen wird von ihnen umgebracht.

Betreut werden sie von Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd, hochhackig, mit wippendem Rock, drall, rothaarig, zigarrettenrauchend – herrlich dargestellt von Traute Hoess. Suffisant lächelnd, stolzierend, in die Kemenaten der vermeintlich Verrückten kletternd, das ist irre. Das Bühnenbild (Robert Schweer) steht auf dem Kopf – ver-rückt, so auch Markus Bothes Regiearbeit.

Thomas Huber (Einstein), Andreas Uhse (Möbius), Sascha Nathan (Newton); Foto © Birgit Hupfeld, Schauspiel Frankfurt

Sascha Nathan, ein grandioser Komödiant, spielt Beutler alias Newton, Thomas Huber den Ernesti alias Einstein und Andreas Uhse, der in “Mein Kampf” von George Tabori brillierte, spielt Möbius, den echten Physiker, der sich ins Sanatorium zurückzog um seiner Forschung willen. Die, die sich als Newton und Einstein ausgeben, sollen ihn aushorchen und zur Mitarbeit ihrer jeweiligen Gesellschaft gewinnen. Und das Fräulein Doktor – welche Rolle spielt sie? Es soll nicht verraten werden.

Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt (1921 bis 1990) beglückte die Theaterwelt mit tragikkomischen Stücken wie “Die Physiker” (1962) und “Der Besuch der alten Dame” (1956). Kennzeichen seines Schreibens sind Katastrophen, Pannen und Desaster. Scheinbar witziger Galgenhumor in unserer desaströsen Welt.

„Ein Sommernachtstraum“ – die Zelt-Produktion nun im Grossen Haus.

2011 wurden Bühnen- und Lichttechnik aus dem Jahr 1963 im Schauspiel Frankfurt modernisiert. Und um keinen Leerlauf im Spielplan zu haben, wurde ein Zelt an der Honsellbrücke aufgebaut. In diesem Ambiente war “Ein Sommernachtstraum” ideal.

Sascha Nathan (Puck), Michael Goldberg (Oberon), Bettina Hoppe (Titania), Torben Kessler (Inderjunge); Foto © Birgit Hupfeld, Schauspiel Frankfurt

Wieder ein grossartiges Schauspielerteam, aber für meine Begriffe eine zu duchgeknallte Regie von Markus Bothe.

Alle genannten Stücke sind noch im Mai und im Juni im Grossen Haus des Schauspiel Frankfurt zu sehen und ausser “Ein Sommernachtstraum” auch in der neuen Spielzeit ab September 2012.

s. a.  Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt / 1
Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt / 2

 

Das grüne Kanapee (17)

15. Mai 2012

Wenn man ‘s recht betrachtet, haben wir schon viel zu lange nicht mehr auf dem grünen Kanapee gesessen, stimmt ‘s? Dann wird es aber Zeit. Sie wissen ja: einfach draufsetzten, das heisst anklicken, tief Luft holen, entspannen, zuhören.

Unser Haus- und Hofdichter habust dichtet und dichtet und dichtet … Heute gibt ‘s eine kleine Moritat, nichts für gar zu schwache Nerven. Dennoch, auf zu Folge 17!

(©  habust; Foto: GearedBull wikimedia commons GFDL)

documenta 13 in Kassel (3)

13. Mai 2012

Es tut sich was im Staatspark Karlsaue …

Giuseppe Penone: Idee di Pietra (Ansichten eines Steins), Bronze und Stein, Karlsaue Kassel, 2004/2010

Er ist fast schon so etwas wie ein Symbol oder Wahrzeichen für die bevorstehende documenta 13 in Kassel: der kahle Baum aus Bronze mit dem wuchtigen Stein in seinem Geäst und dem kleinen lebendigen Trieb zwischen seinen Wurzeln. Am 21. Juni 2010 bereits wurde Giuseppe Penones rund neun Meter hohes Kunstwerk an seinem Platz in der Kasseler Karlsaue, seit jeher Freilicht-Ausstellungsstätte der weltweit bekannten temporären Schau zeitgenössischer Kunst, “eingeweiht”. Wir haben bei unseren Besuchen in der alten Residenzstadt den Eindruck gewonnen, die Kasseläner, Kasselaner und Kasseler (jeweils auch in ihrer weiblichen Form, und bewahren Sie den Autor um Himmels willen vor einer Spezifikation dieser drei Kategorien von Einwohnerinnen und Einwohnern), sie mögen ihn, diesen Baum samt seiner steinernen Last, und identifizieren ihn mit dem herannahenden Kunstereignis. Das Bild des Baumes ist inzwischen um die halbe, wenn nicht die ganze Welt gegangen und ziert Drucksachen des Kasseler Marketings.

Wir werden noch auf ihn zurückkommen.

Was aber tut sich da auf dem viele Hektar grossen Bowlinggreen (Karlswiese, Kassel-mundartlich auch “Bollengrün”) vor dem Orangerieschloss?

Ein zweigipfeliger Berg wird aufgeschüttet, und bepflanzt wird er auch noch: sehr documenta- und also Kunstwerk-verdächtig. Ist da irgendwo ein Problem? Wohl kaum, ist doch der grosszügig barock angelegte, die ursprüngliche naturgegebene Auenlandschaft vergewaltigende, erst später mit Elementen des englischen Gartens angereicherte (und auch auf diese Weise wiederum vergewaltigte) heutige Staatspark Karlsaue selbst etwas Artifizielles, ein einziges – und einzigartiges – “Kunst”-Werk.

Kilometerlange Wege- und Wasserachsen durchziehen den Park, auf das Orangerieschloss ausgerichtet. Nun fallen uns dort allgegenwärtig Absperrungen und Einzäunungen (wie hier links im Bild zu erkennen) auf – und es entstehen kleine Häuschen in verschiedenen architektonischen Formen und Ausstattungen.

Mit Beginn der documenta sollen Kunstwerke in die Häuschen einziehen, jeweils ein Künstler soll eines mit seinen Arbeiten bestücken. Wir sind gespannt.

Was ist das auf dem Wegekreuz vor dem Gebäudekomplex des Kasseler Staatstheaters? Verdächtig, sehr Kunstwerk-verdächtig! Oben lugen grüne Baumspitzen hervor, die festgezurrte weisse Bespannung erlaubt indes keinen Blick ins Innere, es sei denn, man legte sich flach auf den Boden und lunzte durch den unteren Spalt. Das wollten wir denn doch nicht tun.

Aber auf Giuseppe Penones Bronzebaum zurückkommen wollten wir:

Bereits am 21. Juni 2010 wurde die Skulptur, wie schon erwähnt, eingeweiht, am Tag der Sommersonnenwende also, “wenn die Sonne ihren höchsten Stand am Himmel erreicht”, wie documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev damals betonte. “Dieses Kunstwerk”, sagte sie, “feiert die Beziehung zwischen Natur und Kultur in unserer gegenwärtigen Welt aus einer ökologischen Perspektive”. Und Penone führte – wir zitieren aus der documenta-Pressemitteilung – aus:

“Das Ziel der Malerei ist es, mit dem Licht der Farbe zu bedecken. Das Ziel der Skulptur ist es, aufzudecken, ans Licht zu bringen … Wenn die Bedeutung des Malens das Bedecken ist und die Bedeutung der Skulptur das Entdecken, dann wird die Malerei durch die Schwerkraft charakterisiert und die Skulptur durch die Kraft, die der Schwerkraft entflieht, die Kraft des Lichts. Das Werk, das ich hier zeige, hat mit beiden Konzepten zu tun. Der Stein ist ein Mineral, und die stabilsten Farben gewinnt man aus Steinen. Der Stein verweist auf die Schwerkraft. Das Pflanzliche entzieht sich der Schwerkraft, es wächst in die Höhe, als direkte Folge des Sonnenlichts. Die Struktur der pflanzlichen Welt wird durch das Licht bestimmt, das das Gewicht der Zweige und Blätter anzieht. Bronzeguss braucht die Schwerkraft und nutzt die Struktur der pflanzlichen Welt, um die flüssige Bronze in der Gussform zu verteilen. Der Mittag des 21. Juni, jetzt, ist der beste und geeignetste Augenblick, um dieses Kunstwerk und seine Intentionen zu präsentieren.”

Giuseppe Penone, 1947 in Garessio geboren, ein Vertreter der arte povera, nahm bereits an der documenta 5, 7 und 8 teil. Die im Auepark aufgestellte Skulptur wurde schon in der 16. Sydney Biennale 2008 gezeigt, kuratiert ebenfalls von Carolyn Christov-Bakargiev.

Giuseppe Penone: Idee di Pietra (Detailansicht)

documenta 13 in Kassel vom 9. Juni bis 16. September 2012

Fotos: FeuilletonFrankfurt

→  documenta 13 in Kassel (1)
→  documenta 13 in Kassel (2)