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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Alicja Kwade: “Die bewegte Leere des Moments” in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

24. Mai 2015

Wir machen keinen Hehl daraus: Das Phänomen dessen, was wir “Zeit” nennen, und die Art, wie Kunstschaffende mit ihr umgehen, interessieren uns in besonderer Weise, Letzteres vor allem, wenn es nicht verkopft und verquert daherkommt, sondern emotional und sinnlich wahrnehm- und erfahrbar ist. Alicja Kwade ist dies mit ihrer Installation “Die bewegte Leere des Moments” in der Rotunde der Schirn Kunsthalle Frankfurt in besonderer Weise gelungen, und nicht nur dies: Die Arbeit befasst sich mit der Zeit im Raum, denn Zeit und Raum sind, wie auch Nichtphysiker wissen, im vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum vereinigt.

Was nun aber ist Zeit? Eine unumkehrbare Abfolge von Geschehen? Ist heute das morgen von gestern, ist heute das gestern von morgen? Was war vor der Zeit, was folgt auf sie? Ist Zeit immerwährend? Künstlerinnen und Künstler sollen nicht Fragen beantworten, sondern die Betrachter ihrer Kunst veranlassen, Fragen zu stellen.

Was nun sehen wir in der Schirn-Rotunde, die – endlich! – wieder einmal mit einem Kunstwerk “bespielt” wird?

Eine traditionelle Uhr, wie sie früher etwa in Bahnhöfen anzutreffen war, mit beidseitigem Zifferblatt, etwa einen halber Meter im Durchmesser, und ein Stein, dessen Durchmesser etwa 30 cm beträgt, kreisen im mittigen Abstand voneinander unentwegt unter der Kuppel der offenen, Tag und Nacht frei zugänglichen Rotunde, über die Köpfe der Betrachter hinweg. Ein zwiespältiges Gefühl stellt sich alsbald ein: Was ist, wenn das Seil, wenn die Kette reisst … Beklemmend auch der durch Lautsprecher vermittelte lautstarke “Klack” der Sekunden. Unaufhaltsam. Jede gehörte und auf dem grossformatigen Zifferblatt beobachtete Sekunde ist mit der darauffolgenden unweigerlich vergangen, kehrt niemals wieder, nach allem, was wir heute wissen, vermuten beziehungsweise glauben.

Die Fenster der Rotunde sind mit Spiegelfolie verkleidet, Uhr und Stein erscheinen, sich ständig im Kreise drehend, dem Betrachter irrlichternd-vielfach.

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“Die bewegte Leere des Moments”: Unablässig rotieren in der Rotunde, angetrieben von einem Räderwerk in der Kuppelspitze, an Seil und Kette Uhr und Stein, rücken die Sekunden-, Minuten- und Stundenzeiger vor, tönt im Sekundentakt das bedrängend laute “Klack” ans Ohr. Uhr und Stein spiegeln sich vielfach in den mit Folie verkleideten Fenstern; Installationsansichten, Fotos: FeuilletonFrankfurt

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Alicja Kwade untersucht Fragen von Realität und Wahrnehmung, befasst sich mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Phänomenen, mit Zeit, Bewegung, Raum und Gravitation. In der Rotunde der Schirn scheinen sich Uhr und Stein zu jagen – vergeblich, denn sie treffen nie aufeinander. Doch beide Gegenstände hängen gleichsam voneinander ab, stellen im Karussell der kreisförmigen Bewegung im Raum als Gewicht und Gegengewicht eine Art Stabilität her. Dennoch erscheint diese Konstruktion dem Betrachter fraglich, ja fragil zu sein, ein längerer Aufenthalt in der Halle erzeugt durchaus ein Gefühl von Bedrängt- und Bedrohtsein, ja ein fast schön körperlich wahrnehmbares Unbehagen.

Doch beruhigen wir uns: Uhr und Stein – beide von Kunst gestaltender Menschenhand im Kreislauf bewegt, Symbole vielleicht ein jedes: die Uhr mag für das in seiner Anfänglich- wie Unendlichkeit unmessbare Raum-Zeit-Kontinuum stehen, der in jenem in Jahrmillionen “gewachsene” und “gewordene” Stein versinnbildlicht uns das Irdische unseres Planeten und steht für dessen unzähl- und unmessbar Vielfaches im Universum.

“Alicja Kwade. Die bewegte Leere des Moments”
auf youtube, hochgeladen von stadtkind74

“Die häufig an naturwissenschaftliche Phänomene erinnernden Objekte Alicja Kwades verunsichern unsere Wahrnehmung von den Dingen und verlangen eine permanente Neubewertung. Nachdem die Schirn die Künstlerin 2014 in der Gruppenausstellung ‘Unendlicher Spass’ mit einzelnen Werken vorgestellt hat, freuen wir uns, ihr nun die zentrale Rotunde für eine singuläre Präsentation bieten zu können”, so Max Hollein, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Und der Kurator der Ausstellung, Matthias Ulrich, ergänzt: “Die Künstlerin weckt Zweifel. Ihre Arbeiten dehnen einen Wirklichkeitsaspekt so lange, bis dieser zu kippen droht oder tatsächlich kippt und so Unmögliches, bisher nicht Vorhandenes entsteht. Objekte, die wertvoll erscheinen, jedoch in Wahrheit nur den Schein von etwas Wertvollem wiedergeben, werden für unsere Wahrnehmung zur optischen Falle und stellen so Fragen nach sozialen Übereinkünften und Konstruktionen.”

Alicja Kwade, 1979 in Kattowitz geboren, studierte an der Hochschule der Künste in Berlin bei Professor Dieter Hacker und Professorin Christiane Möbus. Erst im Sommer letzten Jahres begegneten wir Arbeiten Kwades in der Schirn Kunsthalle im Rahmen der bereits erwähnten Ausstellung “Unendlicher Spass”. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin.

“Alicja Kwade. Die bewegte Leere des Moments”, Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 14. Juni 2015

 

Ottmar Hörls “Einheitsmännchen” wird erwachsen

22. Mai 2015

“Ampel”- / “Einheitsmännchen” des Installationskünstlers wächst vor der Frankfurter Paulskirche zum stattlichen Mann

Kein Zweifel – diesen flott ausschreitenden Herrn in Grün kennen wir: In Wiesbaden kam er uns jüngst die Treppe aus der Hessischen Staatskanzlei herunter entgegen. Hundert und mehr Zwillings-, Drillings-, nein X-lingsbrüder brachte er damals mit, die meisten wie er in grellgrünem Outfit. Und ebenso wenig kann es an seinem künstlerischen Schöpfer Zweifel geben: nur ein Ottmar Hörl kommt dafür in Betracht.

Nun steht er also vor der ehrwürdigen Paulskirche, der von 38 cm auf nun rund dreieinhalb Meter Höhe gewachsene Ampel- und Einheitsmann. “Grenzen überwinden” steht auf dem Sockel. Auf der Tafel an der Fassade der Paulskirche lesen wir in Versalien: “Zum fünfzigsten Jahrestag der Eröffnung des ersten deutschen Parlaments wurden diese Gedenktafeln von der Stadt Frankfurt a/M. gestiftet am 18. Mai 1898″.

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Was tut der grosse Grüne nun vor der Paulskirche? Er bereitet die Bürgerinnen und Bürger auf das Einheitsfest in Frankfurt am 2. bis 4. Oktober 2015 vor: 25 Jahre deutsche Einheit gilt es zu feiern. Gastgeber ist das Land Hessen, das derzeit und noch am Jahrestag 3. Oktober den Vorsitz im Bundesrat führt. Über alles weitere informiert der Beitrag “Hessische Landesregierung und Ottmar Hörl schicken bunte Botschafter der deutschen Einheit auf Deutschlandreise”.

Foto: FeuilletonFrankfurt

Jubiläumsausstellung im Städel Museum Frankfurt “Monet und die Geburt des Impressionismus”

20. Mai 2015

Subjektive Impressionen des modernen Lebens: Metropolengefühl und Landidylle

Die Impressionisten waren nicht allein die Maler von Licht und Farbe und einer romantischen Idylle, sondern genaue Beobachter einer Metropole in ungezügeltem Wachstum und Wandel. Mit ihren subjektiven Eindrücken (“impressions”) hielten sie wie auch Claude Monet die wimmelnde Menge auf dem “Boulevard des Capucines” fest. Sie zeigten das Leben, wie es in den Straßen vorüberzieht, das Leben der einfachen Leute, der neuen Freizeitgesellschaft und der Reichen, auf den Boulevards und auf den Rennplätzen … Die Jubiläumsausstellung im Städel “Monet und die Geburt des Impressionismus” (noch bis 28. Juni 2015) weist auf interessante optische und gesellschaftliche Bezüge hin.

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(v.l.) Jules Andrieu (1838–1884), Ruins of the Paris Cummune, 1871. The Hôtel de Ville after Fire, 4th arrondissement, Paris, 1871, Albuminprint, 28,6 x 37,6 cm, Paris, Musée Carnavalet, Photo: Jules Andrieu / Musée Carnavalet / Roger-Viollet; Claude Monet (1840-1926), The Boulevard des Capucines, 1873-1874, oil on canvas, 80,3 x 60,3 cm, The Nelson-Atkins Museum of Art, Kansas City, Missouri, Photo: Jamison Miller © The Nelson Atkins Museum of Art, Kansas City, Missouri; Anonym (?), Montmartre, 1870, Albumen Print, 20,8 x 27,4 cm, The Art Institute of Chicago © Julian Levy Collection, Gift of Jean Levy and the Estate of Julien Levy, The Art Institute of Chicago

Von Petra Kammann

Denkt man an Impressionisten, so hat man nicht selten ländlich heitere Idyllen vor Augen, bisweilen sogar süßliche Motive, und man hat ob der vielfachen Reproduktionen schon lauter Déjà vu-Erlebnisse im Kopf und glaubt, man bekäme diese Art von Impressionismus in einer Ausstellung nun im Original präsentiert. Wer allein den verschwommenen Sonnenaufgang im Hafen von Le Havre, die blühenden Mohnfelder, die Kreidefelsen von Étretat, die Genussmenschen unter den sommerlichen Sonnenschirmen oder den zugewachsenen Seerosenteich aus Giverny erwartet, ist sicherlich von der Monet-Ausstellung im Städel enttäuscht. Wer hingegen versucht, zu begreifen, wie sich Paris in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Metropole entwickelte, welche Konsequenzen das für die Maler, Dichter, Fotografen und Karikaturisten hatte und wie das die Geschichte der Malerei veränderte, der macht hier hervorragende Entdeckungen Weiterlesen

Juist – eine Sandbank in der Nordsee

18. Mai 2015

Von Elke Backert

Beim Flug von Borkum über die niedersächsische Nordseeinsel Juist, eine der Ostfriesischen Inseln, kann man verstehen, warum die Einheimischen vom “Töwerland”, dem Zauberland, sprechen. Nur knapp 500 Meter breit, aber 17 Kilometer lang und mit einem nie enden wollenden weißen Sandstrand, mutet es wie eine einsame Robbinson-Sandbank an. Aber von Stille kann keine Rede sein. Stetes Pferdegetrappel dringt in die Ohren, und Fuhrwerke gehören zum Inselbild. Die Pferde wiehern freudig, kommen ihnen andere entgegen. Sogar der Müll wird von Pferden abtransportiert. Aber die Pferde dürfen nur im Schritt gehen. Wer gegen das herrschende Trabverbot verstößt, kassiert gar Punkte in Flensburg, erfährt der Besucher.

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Selbst der Abfall wird von Pferden abtransportiert

Als anerkanntes Nordseeheilbad und Luftkurort wundert es nicht, dass Juist seine Luft rein halten will und Autos verbietet. Nicht einmal die Polizei ist motorisiert. Der Arzt verbraucht 122 Liter Benzin im Jahr. Stattdessen sind Pferdekutschen und Fahrräder angesagt. Nur ein Bestandteil auf Juists Weg, bis 2030 komplett klimaneutral zu sein - trotz des belebten Tourismus. Weiterlesen

“Karl Lagerfeld. Modemethode” in der Bundeskunsthalle Bonn

16. Mai 2015

Mode hat Methode: Wie Karl Lagerfeld sich ständig neu erfindet, zeigt eine Ausstellung über den Modeschöpfer in der Bonner Bundeskunsthalle

Von Petra Kammann

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Verleger Gerhard Steidl vor einem Foto von Karl Lagerfeld

Kaum ist eine Sache abgeschlossen, ist Karl, der Große (Modedesigner) längst schon wieder woanders: statt nach Bonn zu kommen, hat Karl Lagerfeld Gastgeberin Caroline Prinzessin von Hannover zu Ehren in Monaco gerade den traditionellen Rosenball ausgestattet, und zwar im Stil des Art Déco. Aber auch ohne ihn präsentiert sich die Bundeskunsthalle in Bonn selbstbewusst mit ihrer neuen Karl Lagerfeld-Ausstellung “Modemethode”. Denn hier ist dafür “der ganze Mode-Lagerfeld aus 60 Jahren” zu sehen, anders, als vor einem Jahr im Essener Folkwang Museum, wo wir in “Parallele Gegensätze” das Multitalent, den Fotografen, den Buchkünstler und den Modezeichner erleben konnten, oder in der Kunsthalle Hamburg, die unter dem Titel “Feuerbachs Musen – Lagerfelds Models” den Versuch unternahm, den Maler Anselm Feuerbach und den Fotografen Lagerfeld in einer Ausstellung zusammenzuführen. Und doch ist Lagerfeld auch in Bonn auf Schritt und Tritt präsent, zumal der weißgepuderte Herr mit Zopf und Vatermörder in strengem Schwarz-Weiß ohnehin sein eigenes Logo ist, was er übrigens durchaus selbstironisch kommentiert: “Ich heiße inzwischen nicht mehr Lagerfeld, sondern Logofeld” Weiterlesen