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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Umbauarbeiten!

3. März 2015

FeuilletonFrankfurt baut um!

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Wir bitten um Verständnis für eventuelle vorübergehende betriebliche Störungen und kürzere Unterbrechungen.

Städelschule: Rundgang 2015 (4)

1. März 2015

Gebäude Dürerstrasse: Kunst – wohin man auch schaut …

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Städelschule, Lichthalle, Obergeschoss, zwei Türen weiter das Rektorat – ein prominenter Platz also. Wer mag die Wand bestückt haben? Ein Schildchen findet sich nicht. Wir ahnen es, und Gewissheit kommt von Rektor Philippe Pirotte: Kein anderer als Graziano Capitta ist es, der uns poppig die Kunst-Zeit weist. Der tolle Co-Moderator der Rundgangspreisverleihung. Bereits bei den Rundgängen 2014 (an gleicher Stelle in der Beletage) und 2012 (gegenüber der Mensa) sahen wir spektakuläre Arbeiten von ihm.

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“Yggdrasil” nennt Mickael Marman seine Arbeit, nach der nordischen Mythologie die “Weltesche” also, der erste Baum, Verkörperung der Schöpfung. Eine Packung “OCB (Odet Cascadec Bolloré) Gommé – Odet-Quimper-Finistère”, ein markantes, gummiertes, feinstes Zigarettenpapier, bei Rauchern und wohl auch bei Kiffern beliebt, ist auf den Boden des Aquariums gesunken.

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Mickael Marman, Yggdrasil,2015, Mixed Media Sculpture, 150 x 60 x 30 cm

Halb im Wasser stehen eine Flasche und zwei Gläser, letztere gefüllt mit etwas Grünem. Blätter der Weltesche werden es nicht sein, sind es dann Algen von der bretonischen Küste? Oder enthält das Aquarium entsprechendes Seewasser?

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“The End is always at the Beginning”, 2015, Wood, Tape, sizes variable

“The End is always at the Beginning” fixiert Inga Danysz auf dem Boden. Nun, da ist etwas Wahres dran, denn alles, was entsteht, vergeht auch wieder, irgendwie, irgendwann. Das wusste schon Zarathustra. Und:

“Was heut, war gestern morgen, – und wird morgen
Ein gestern sein. Wer klar das Heut erfasst,
Erkennt die Gestern alle und die Morgen …
Im Anfang liegt das Ende.”

sagt der Bauer Primislaus zur Königstochter Libussa in Franz Grillparzers gleichnamigem Trauerspiel.

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Eine Skulptur von Stuart Middleton im Atelier W 13

Wo Anfang und Ende, vorne und hinten ist – das muss man sich erst einmal genauer anschauen in der Skulptur von Stuart Middleton. Sie befand sich im Atelier W 13 der Städelschule, das beim diesjährigen Rundgang den Gruppen-Förderpreis der Landwirtschaftlichen Rentenbank gewann.

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Blick in das Preisträger-Atelier W 13 mit seinem bunten Mixed Media-Aufgebot

Abgebildete Arbeiten © jeweilige Studierende;
Fotos: FeuilletonFrankfurt

- wird fortgesetzt -

→ Städelschule: Rundgang 2015 (1)

7. Internationaler Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti

28. Februar 2015

“Nur eine winzige Nuance” fehlte zum ersten Platz

Von Renate Feyerbacher

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Prospekt: 7. Internationaler Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti

Sechs Tage lang haben sich 20 Kandidaten des Internationalen Dirigentenwettbewerbs Sir Georg Solti im hr-Sendesaal und im Probenraum der Oper Frankfurt der kritischen Jury gestellt. Zum ersten Mal leiten die jungen Dirigenten das hr-Sinfonieorchester und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, zwei der renommierten Klangkörper weltweit. Drei der 20 Kandidaten hatten die Chance, sich nach der Entscheidung der Jury beim Finalkonzert am 22. Februar 2015 in der Alten Oper Frankfurt zu präsentieren. Neben den drei Preisen gab es in diesem Jahr erstmals auch einen Publikumspreis.

Dieses Mal hatte ich es zum Halbfinale, der zweiten Runde also, in den Probenraum der Oper Frankfurt geschafft. Denn ich wusste, dass die Probenarbeit wichtig für die Entscheidung ist. Alle Kandidaten, es waren neun an diesem Tag, hatten jeweils eine Probenzeit von 40 Minuten, in der sie mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 4 B-Dur, eine Arie aus einer Oper von Wolfgang Amadeus Mozart und Maurice Ravels “Le tombeau de Couperin, suite d’orchestre” zu proben hatten. Ein Kraftakt für die Orchestermitglieder. Erstaunlich war, dass jeder Dirigent einen anderen Klang bewirkte.

Zwei der späteren Gewinner hatte ich beobachten können: den Deutschen Elias Grandy, 34 Jahre alt, und den 32-jährigen Taiwanesen Tung Chieh Chuang. Intensiv, präzise und einfühlsam arbeitete Grandy mit den Musikern. Da er Deutsch sprach, konnten seine Anweisungen und Vorschläge ans Orchester gut verfolgt werden. Chuangs englische Erklärungen, kurz, aber präzise, waren akustisch schwer zu verstehen. Chuang hatte bereits Wettbewerbserfahrung, Grandy nicht. Beide gefielen durch ihre natürliche Leidenschaft.

Ich sass seitwärts neben einem jüngeren Mann, der mich zuvor freundlich auf den freien Platz hingewiesen hatte. Ich fragte ihn, was er mit dem Wettbewerb zu tun habe. Es stellte sich heraus, dass er der 2. Kapellmeister vom Pfalztheater in Kaiserlautern, der in Sevilla geborene Rodrigo Tomillon, war, früher Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie. Er liess mich auf seinem Tablet in Ravels Partitur schauen. Noten kann ich lesen, aber keine Partitur. Ich konnte nur staunen über das rasante Notenbild. Seine Einschätzungen über die jeweilige Probenarbeit teilte er gelegentlich mit. Das war für mich spannend und eine gute Einstimmung auf das Finalkonzert.

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Sechs Kandidaten – vereint nach dem Finalkonzert: (v.l.) Szymon Makowski (Polen), Felix Mildenberger (Deutschland), Alexander Humala (Weißrussland), Giancarlo Rizzi (Italien), Earl Lee (Kanada) und Preisträger Toby Thatcher (Ausstralien)

Sage und schreibe 320 Dirigenten und 47 Dirigentinnen zwischen 19 und 35 Jahren aus 64 Ländern hatten sich für den 7. Solti-Dirigentenwettbewerb beworben. Die meisten kamen aus den USA, gefolgt von Deutschland, Japan, Süd-Korea und Russland. Zwanzig, darunter drei Deutsche, durften nach Frankfurt kommen, unter ihnen auch drei Dirigentinnen, aus Taiwan, Neuseeland und Kanada. Sie waren im Halbfinale allerdings nicht mehr dabei. Moderatorin Franziska Reichenbacher hatte die Frauenquote angemahnt.

In der Jury stimmten namhafte Dirigenten, darunter Ivor Bolton, Chefdirigent des Mozarteumorchesters in Salzburg und ab Sommer Generalmusikdirektor am Teatro Real in Madrid. Zurzeit dirigiert er “L’Orontea” an der Oper Frankfurt. Sprecher der Jury war Andrés Orozco-Estrada, der Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters und Music Director des Houston Symphony Orchestra. Im Anschluss an eine ungewöhnlich lange Juryberatung nach dem Finalkonzert verkündete er die Preisträger. Es gab keinen 1. Preis, sondern zwei 2. Preise, dotiert mit jeweils 10.000 Euro, und den 3. Preis, dotiert mit 5.000 Euro. Er lobte das enorme Niveau und das unglaubliche Potential der drei Finalisten, aber “für die Vergabe eines ersten Preises fehlte nur eine winzige Nuance” – “Atemstillstand erspart geblieben”.

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Die drei Preisträger (v.l.) Elias Grandy (2. Preis), Toby Thatcher (3. Preis) und Tung Chieh Chuang (2. Preis sowie Publikumspreis)

Es war eine salomonische Entscheidung, denn die beiden Gewinner des 2. Preises, Elias Grandy und Tung Chieh Chuang waren “ebenbürtig”. Der Taiwanese errang dann aber zusätzlich den Publikumspreis. Sein asiatisches Lächeln vermittelte dem Publikum ein Quäntchen Charisma mehr gegenüber Grandy, der im Abschlusskonzert leicht angespannt wirkte, während er bei der Probenarbeit charismatisch-locker war.

Einen aussergewöhnlichen, kostbaren Publikumspreis hatten sich die Veranstalter ausgedacht: einen Original-Dirigierstab von Sir Georg Solti aus dessen Frankfurter Zeit, den Burkhard Bastuck, der Wettbewerbsleiter, Tung Chieh Chuang überreichte.

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(v.l.) Toby Thatcher, Organisationsleiter Axel Schlicksupp, Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada, Wettbewerbsleiter Burkhard Bastuck (mit dem Dirigentenstab) und Moderatorin Franziska Reichenbacher

Tung Chieh Chuang trat schon mit 11 Jahren als Pianist auf. Dann studierte er zunächst Statistik, machte seinen Bachelor und erst danach, mit 24 Jahren, entschied er sich für eine Karriere als Dirigent. Er ist Preisträger des Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs in Bamberg und des Internationalen Dirigentenwettbewerbs in Bukarest. Es folgten viele Engagements mit bedeutenden Orchestern und ein Stipendium beim legendären Curtis-Institute in Philadelphia, wo er für die Erdbebenopfer in Japan 2012 ein Benefizkonzert organisierte. Derzeit lebt er in Weimar, wo er an der Hochschule für Musik Franz Liszt Dirigieren studiert. Derzeit absolviert er den Konzertexamens-Studiengang.

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Tung Chieh Chuang

Der in München geborene Elias Grandy ist Kapellmeister am Staatstheater in Darmstadt. Soeben wurde er ab der Saison 2015/2016 zum Generalmusikdirektor der Stadt Heidelberg berufen. Er studierte Dirigieren und Violoncello in Berlin, Musiktheorie und Kammermusik in Basel und München. Er spielte unter grossen Dirigenten im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, vertiefte seine Ausbildung in Japan und gab noch während des Studiums sein Operndebüt. In den letzten Jahren dirigierte er einige Folgen von Rolando Villazóns Sendung “Stars von morgen”, die ARTE ausstrahlte.

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Elias Grandy mit seiner Frau

Zu den jüngsten Teilnehmern gehörte der Australier Toby Thatcher, 26 Jahre alt, der in London lebt. Mancher im Publikum sah in ihm einen zukünftig ganz grossen Dirigenten. In seiner Heimatstadt Sydney studierte er Oboe, wurde aber bereits mit 19 Jahren in das Symphony Conductor Development Program aufgenommen. So konnte er mit australischen Orchestern arbeiten. Um sein Ziel, das Dirigieren, zu fördern, gründete er das Ensemble Eroica in Sydney, das er in London, wo er heute an der Royal Academy of Music studiert, wiederbelebte. 40 Musiker gehören dazu. Er nahm an vielen Meisterkursen teil, unter anderem bei Neeme und Paavo Järvi. Von 120 Bewerbern gehörte er zu den besten vier, die zum Probedirigat für die Assistenz beim Bournemouth Symphony Orchestra eingeladen wurden. Mit Christoph Eschenbach und Joshua Bell ging er als Solo-Oboist beim Australian Youth Orchestra auf Europa-Tournee. Als Gastdirigent leitet er auch das auf zeitgenössische Musik spezialisierten “ensemble x.y”.

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Toby Thatcher

Lady Valerie Solti wollte zum Finalkonzert kommen, musste jedoch wegen einer Erkrankung kurzfristig absagen und liess ein Grusswort verlesen. Das Publikum war zufrieden mit der Entscheidung der Jury und feierte die jungen Dirigenten.

Für Organisationleiter Alexander Schlicksupp, Orchesterdirektor der Badischen Staatskapelle Karlsruhe, war die diesjährige Veranstaltung wieder ein Beweis für die herausragende Bedeutung des Solti-Wettbewerbs.

In einem kritischen Vorbericht in hr2 kultur hatte das Jury-Mitglied Ulrich Edelmann, 1. Konzertmeister des hr-Sinfonieorchesters, die Situation für junge Dirigenten beklagt. Für sie gebe es wenig Chancen, sich zu erproben. Erschrocken äusserte er sich über den Dirigierstil mancher Bewerber. Er lobte den Studiengang Orchesterdirigieren an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar: eine exzellente Talentschmiede, in der Tung Chieh Chuang derzeit noch studiert.

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Ulrich Edelmann, 1. Konzertmeister im hr-Sinfonieorchester (am 23. September 2012 beim Finalkonzert des 6. Solti-Wettbewerbs)

Fotos: Renate Feyerbacher

→ 6. Internationaler Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti

Aris Kalaizis im Dommuseum: “Das Martyrium des Hl. Bartholomäus oder das doppelte Martyrium”

26. Februar 2015

Dem scheidenden Direktor des Dommuseums im Frankfurter Kaiserdom St. Bartholomäus, Professor August Heuser, verdankt die Stadtgesellschaft eine Vielzahl herausragender Präsentationen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler. Ihren Platz haben diese Wechselausstellungen im “Quadrium”, einem überdachten quadratischen Raum im an der Nordseite des Doms gelegenen Kreuzgang. Vertraute Sehgewohnheiten aufzubrechen, die Besucher mit überraschenden und ungewohnten theologisch-künstlerischen Perspektivwechseln zu konfrontieren – dazu fühlte sich der Theologe, Pädagoge und Kunsthistoriker berufen.

Zum Abschied in den Ruhestand fordert Heuser jetzt das Publikum zu einer Auseinandersetzung mit einem grossformatigen Leinwandbild der besonderen Art heraus: “Das Martyrium des Hl. Bartholomäus oder das doppelte Martyrium” heisst die 2,50 x 2,85 Meter messende Arbeit des Leipziger Künstlers Aris Kalaizis. Der Maler ist in Frankfurt am Main kein Unbekannter: Erst im vergangenen Jahr faszinierte wie irritierte er die Besucher des Quadriums mit seinem ebenfalls grossformatigen, damals keineswegs unumstrittenen Gemälde “make/believe”, das den emeritierten Papst Benedikt XVI. in einem überraschenden Spannungsverhältnis zu Würdenträgern der Kurie, präsentierenden Soldaten der Schweizer Garde und einem mit Engelsflügeln versehenen Mann in zeitgenössischem Strassenanzug darstellt, welcher die in den Raum greifende, imperial anmutende Geste des Papstes abzuwehren scheint.

“Das Martyrium des Hl. Bartholomäus oder das doppelte Martyrium” nun ist – so werden es viele Betrachter empfinden – ein “furchtbares, entsetzliches Bild”. Doch nicht das Bild als künstlerisches Werk ist “furchtbar oder entsetzlich”, sondern das dargestellte Geschehen – ein Interview des Künstlers am Ende dieser Ausführungen verdeutlicht diesen Unterschied.

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Bartholomäus, einer der zwölf Apostel, Namenspatron des Frankfurter Kaiserdoms – dort erinnern vor allem eine Reliquie und der Bartholomäusfries aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts an den Heiligen -, verkündigte, wie es die Überlieferung vermittelt, das Evangelium im Gebiet des heutigen Iran, vielleicht auch in Albanien, Armenien, Indien oder Ägypten, wobei er auch den Text des Matthäus-Evangeliums hinterbracht haben soll. Er erlitt den Märtyrertod, indem er der Legende nach bei lebendigem Leib gehäutet und mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurde (seine Attribute sind entsprechend das Messer, das Buch oder die abgezogene Haut). Historisch gesichert ist die Art, wie er zu Tode kam, nicht.

Es ist eine entsetzliche Szene, die das Gemälde darstellt. Zwei Folterknechte, mittig und rechts im Bild, Männer aus heutiger Zeit, mit freiem Oberkörper, die Arbeitshosen von Hosenträgern gehalten, verrichten mit handwerklich-professionell anmutenden Handgriffen ihr “Werk”: den Körper des mit den Füssen an eine Leiter gefesselten Heiligen über einen Seilzug, dessen Mechanik ausserhalb des Bildes himmelwärts liegt, kopfunter aufzurichten. Der dritte Schächer, links im Bild, gekleidet wie die beiden anderen, den Blick lustvoll auf den zu Marternden gerichtet, zückt sprungbereit das Messer, dessen Klinge bereits von ersten, die Haut an der Lende abhebenden Schnitten blutverschmiert ist. Es ist die kühle Sachlichkeit der ersten beiden Henkersknechte, gepaart mit der puren, sadistischen Lust des dritten am Foltern und quälenden Töten, die erschüttert. Es ist ein Bild unmittelbar aus Vergangenheit wie Gegenwart dieser rund um den Globus und in allen Zeitaltern von Sadismus und Mordlust des Menschen heimgesuchten Welt, das dessen schwärzeste, abgründigste Seite zeigt. Die Unmenschlichkeit. Es ist die Negation aller menschlichen Würde, die Negation all dessen, was man zivilisatorischen Fortschritt nennen könnte, und vor allem die Negation des Evangeliums, der “Frohen Botschaft”. Und es geschieht vergleichbar auf diesem Globus Tag um Tag, wie uns die Nachrichten lehren.

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Das Geschehen im Bild vollzieht sich an einem grün bewachsenen Meeresstrand. In der Bildmitte versinkt die Ruine eines Kirchengebäudes im Wasser, sie ist der Ruine einer Kirche in Wachau nahe Leipzig nachempfunden, die im Zweiten Weltkrieg durch Bomben und nachfolgend durch Wind und Wetter zerstört wurde. An einem kreisrunden Feuer verbrennen Bücher in blauem Einband – Symbol für das von Bartholomäus seinerzeit mitgeführte Matthäusevangelium. Unweit des Ausstellungsortes, auf dem nahen Römerberg, verbrannten am 10. Mai 1933 nationalsozialistische Dozenten und Studenten unter Mitwirkung eines evangelischen Hochschulpfarrers einen riesigen Berg von aus der Universität herangekarrten Büchern.

Der Himmel ist mit schwarz-blauen Wolken verhangen, eine verdunkelte Sonne wirft einen blassen Strahlenkranz auf das Wasser. Am Horizont der feurige Ausbruch eines Vulkans.

Es ist das Scheitern, sagt Christopher Paul Campbell in seiner Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung. “Wir müssen uns klar sein, dass hier ein Missionar – ein Glaubender – gezeigt ist, der am Nullpunkt seiner Mission ist, der gerade krachend und blutig total scheitert.” Und weiter: “Aris Kalaizis hat keine Lust, der Kirche mit einem weiteren Bildnis ihrer herrlichen Märtyrer zu schmeicheln, von denen im Dom ohnehin viele weitere Darstellungen vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert zu sehen sind. In den Malereien von Aris Kalaizis finden wir keine erlöste Welt. Ganz im Gegenteil: Alles steht auf der Kippe … Überall aber auch Zeichen der Hoffnung”.

Hoffnung? Was lesen wir dazu aus Kalaizis’ Werk?

Da ist der Vierte im Bild: Er steht, mit einem Lendenschurz bekleidet und dem grauenvollen Tun den Rücken kehrend, im Wasser, in den erhobenen Händen hält er der Kirchenruine eines der bereits brennenden blauen (Evangeliums)-Bücher entgegen. Ein Triumph über die Niederlage, über das Ende der “Frohen Botschaft”? Oder Revolte gegen das satanische Treiben hinter ihm, ein Zeichen gar der Hoffnung, dass das Brennende siegt?

Der rote Horizont über dem Meer: versinkendes Licht des letzten Tages (der Menschheit) oder Ankündigung des bevorstehenden, den neuen Tag einleitenden Sonnenaufgangs?

Die Kirchenruine: Versinkt sie in den Fluten oder beginnt sie sich aus ihnen zu erheben? Immerhin: es finden wieder Ereignisse in der insoweit gesicherten Wachauer Ruine statt: Trauungen und Taufen, Führungen und kulturelle Veranstaltungen.

Der Künstler stellt mögliche Antworten zur Disposition des Betrachters.

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Christopher Paul Campbell und Aris Kalaizis

“Unsicherheit. Bitternis. Hoffnung, zu der man sich durchringen muss, trotz der Klinge am Fleisch. Bejahung am absoluten Nullpunkt und scheitern und leiden mit dem Gott, der dich liebt … Eigentlich ist diese Vision pervers. Dem Martyrium den gesicherten Boden der Tradition zu entziehen und ihm einen doppelten Boden zu verpassen. Eine perverse unglaublich bittere Vision der Hoffnung. Und darin die eminente Grösse” sagt Christopher Paul Campbell. Und weiter: “Was auf der Kippe steht, was am seidenen Faden hängt, ist die Ankunft der Botschaft – was auf der Kippe steht ist die Möglichkeit, sich zu ihr durchringen zu können. Ist Hoffnung gerechtfertigt? Vielleicht. Vielleicht nicht.”

“Kalaizis spannt in seinem Gemälde einen weiten geschichtsphilosophischen Bogen”, schreibt Professor August Heuser, “belässt die Bartholomäus-Legende nicht alleine in der Vergangenheit, sondern überführt sie in die Gegenwart, gar in das Zukünftige. In einer düster gezeichneten Zukunft liegen die Evangelien auf dem Boden unserer Kultur, in seinem Entwurf sind die Kirchen keine prunkvollen Gebäude mehr, selbst die Wege zu ihnen scheinen verwaist. Und dennoch rinnt aus den Fugen des Kircheninneren neues Leben. Überhaupt: Handelt es sich um einen anbrechenden oder untergehenden Tag? Kündigt dieses vielschichtige Gemälde nicht auch von der Sorge des Menschen vor einer Welt ohne Transzendenz und Jenseitserfahrung?”

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August Heuser mit einem kleinen Besucher vor dem Gemälde

Aris Kalaizis wurde 1966 in Leipzig als Kind griechischer Eltern geboren, die ihrerseits nach dem Ende des griechischen Bürgerkriegs (1946 – 1949) als Kinder, von ihren Eltern getrennt, in die damalige Sowjetische Besatzungszone Deutschlands verbracht worden waren. Er absolvierte zunächst eine Lehre als Offsetdrucker, als ihm sein Vater eine selbst gebastelte Staffelei schenkte. Nach dem Fall der Mauer begann er das Studium an der renommierten Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, das er mit dem Diplom und als Meisterschüler von Professor Arno Rink abschloss. Kalaizis erhielt mehrere Preise und Stipendien und nahm 2010 an der Architektur-Biennale in Venedig und 2011 an der Guangzhou-Triennale (Guangdong Art Museum) teil. Der Künstler, der der Neuen Leipziger Schule zugerechnet wird und für dessen Werk die US-amerikanische Kunsthistorikerin Carol Strickland den Begriff des “Sottorealismus” prägte, lebt und arbeitet in Leipzig.

Kalaizis plant seine Bilder sorgfältig, entwickelt sie an Modellen im Atelier und in der freien Natur. Die Arbeit an dem monumentalen Gemälde “Das Martyrium des Hl. Bartholomäus oder das doppelte Martyrium” begann der Künstler, der jährlich nur einige wenige Bilder fertigt, im Sommer 2014. Ende Januar 2015 vollendete er das Werk. Es wird diskutiert, das Gemälde künftig im Frankfurter Dom zu belassen.

Interview mit dem Künstler

Wie kamen Sie zu der Idee, sich der Bartholomäus-Legende malerisch anzunähern?

Recht früh, im Zuge meiner Ausstellung im Dommuseum 2014. Professor August Heuser machte mit mir einen Rundgang durch das Innere des Kirchenschiffes. Anschliessend tranken wir einen Kaffee und er stellte mir eher halbernst die Frage, ob ich mir vorstellen  könne, mich an den Bartholomäus heranzuwagen. Ich antwortete ihm, dass ich kein Fremdenführer sei und niemals die Orte des Vergangenen unreflektiert zu begehen gedenke. Ich sagte ihm aber auch, wenn ich aber das Gefühl habe, den Bartholomäus-Stoff in unsere Zeit zu transformieren, so dass ich, meine Zeit und die Kirche in ihrer Zeit darin vorkommen, könne ich mir schon vorstellen, die Bartholomäus-Legende sozusagen nach vorne zu erzählen. Schauen wir mal, was über die Präsentation meines Bildes im Dommuseum geschieht, schauen wir einmal, was der Stadtdekan Frankfurts zu diesem Bild sagt, denn schliesslich besteht die Option, dass es darüber hinaus im eigentlichen Kirchenschiff verweilen kann. Ich bin sehr gespannt, wie die Frankfurter auf dieses Gemälde reagieren werden.

Kannten Sie die Bartholomäus-Legende?

Als  Freund Stefan Lochners sowie als ein noch grösserer Freund des spanischen Barockes war mir die Bartholomäus-Gestalt sehr wohl bekannt. Bis zum heutigen Tage sehr nahe sind von jeher die gewaltigen Darstellungen Jusepe de Riberas. Als ich mich dann entschloss, das Bild zu malen, hatte ich aber zwei Probleme zu überwinden: Den alten Zauber, den du so nicht noch einmal aufzuführen brauchst, und die Schwierigkeit im Umgang mit Figuren der Zeitgeschichte. Ein schwieriges Feld, weil man zum einen sehr schnell glorifizierend, zum anderen verklärend werden kann. Beides wollte ich nicht. Wie in meinem Papstbild “make/believe” hat mich ein dritter Weg interessiert, ein Weg für diejenigen, die ohne vorschnelle Ablehnung und Befürwortung andere Möglichkeitspfade suchen. Es gab aber noch ein wichtiges Moment, das Bartholomäus-Gemälde anzugehen: Der Geschichtslosigkeit unserer Zeit malend zu entgegnen. Auch dafür schien mir der Bartholomäus gut geeignet.

Gibt es im Inneren des Frankfurter Doms Darstellungen, die Sie angeregt haben, wie etwa das Gemälde von Onghers?

Nein, der Onghers hat mich nicht im Geringsten interessiert. Über die Schändungs- und Todesarten gibt es in Bezug zum Hl. Bartholomäus  die wildesten Erzählformen. Ich habe mich des Themas unter der Prämisse angenommen, ein letztlich formal zwingendes Bild zu erschaffen. Ohne diese Voraussetzung können Sie als Maler gleich im Bett liegen bleiben. Ob dabei der überlieferte Stoff hilfreich oder weniger hilfreich und überhaupt als historisch zu bezeichnen ist, war für mich stets von sekundärer Natur. Viel wichtiger war von Anbeginn, dass man das Bartholomäus-Martyrium  so überzeugend malen muss, als hätte es sich so und nicht anders ereignen können.

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Aris Kalaizis im Dommuseum

Lässt sich mit ihrem Bartholomäus-Gemälde ein innerer Bezug zu ihrer eigenen Lebensgeschichte herstellen?

Selbstverständlich, denn meine Lebensgeschichte ist doch eng mit meiner eigenen Bildergeschichte verwoben. Ich verknüpfe immer sehr viel mit meinen Bildern. Anders ausgedrückt: Ich lebe meine Bilder. Es gibt in meinem Atelier nicht drei, vier oder sonst wie viele Bilder. Es gibt immer nur eine einzige Leinwand und diese befindet sich auf der Staffelei. Damit ist eigentlich schon ausgedrückt, dass ich einen intensiven, beinahe kontemplativen Bezug zu meinem Wunschbild entwickeln muss, um überhaupt auf meiner Höhe arbeiten zu können. Das schlägt sich auch in meinem Leben nieder. Ich habe nicht viel davon, da und dort mit diesem oder jenen zu sprechen. Ich habe aber sehr viel davon, wenn sich in der Vertrautheit des Einzelgespräches so etwas wie Offenbarung niederschlägt, aus der ich viel Kraft für meinen Alltag beziehe – ganz im Sinne Senecas: “… Wer überall sein möchte, ist nirgendwo”.

Aris Kalaizis, “Das Martyrium des Hl. Bartholomäus oder das doppelte Martyrium”, Dommuseum Frankfurt am Main, bis 15. März 2015

Abgebildetes Werk und Foto © Aris Kalaizis; Fotos im übrigen: FeuilletonFrankfurt

Ausstellungen im Quadrium des Dommuseums:

→ Nicole Ahland, Samuel
→ Axel Malik: “Die skripturale Methode”
→ Arne-Bernd Rhaue: “Ein Bild o.T.”
→ Land und Stadt, Licht und Schatten: Franziskus Wendels
im Frankfurter Dommuseum

→ Marielies Hess-Kunstpreis 2013 an Bea Emsbach

Städelschule: Rundgang 2015 (3)

24. Februar 2015

Gebäude Dürerstrasse: Malerei – eine Auswahl

Auch beim diesjährigen Rundgang durch die Städelschule – offiziell heisst die Veranstaltung “Jahresausstellung der Studierenden der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste” – registrierten wir erneut ein grosses Interesse der Studentinnen und Studenten an Malerei. Traditionelle Techniken – Öl oder Acryl auf Leinwand – werden ebenso gepflegt wie Arbeiten auf Papier, als Malmittel sehen wir Kohle oder Sprühfarbe oder es gibt Mischformen, etwa Malerei kombiniert mit Prints.

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Tatjana Danneberg, not yet titled # 7, 2015, gouache, paint primer, inkjet print, glue on canvas, 95 x 135 cm

Gleich am Haupteingang begegnete uns eine ansprechende Arbeit von Tatjana Danneberg, in der Lichthalle dann eine ideenreiche Kombination von Elif Saydam aus Schafgarbe-Tee (wir haben ihn bislang weder angetroffen noch gar getrunken), Pyrit (dem mühsam hervorgekramten Schulwissen zufolge also Schwefelkies) und natürlich Ölfarbe, das Ganze serviert auf einem sich leicht wellenden, von der Rauputzwand abhebenden Tintenstrahl-Druck (das obere Fünftel blieb tatsächlich weiss).

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Elif Saydam, Dear John, 2015, Yarrow tea, pyrite and oil on canvas, Painting on Inkjet print, 110 x 150 cm

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Mads Egeberg Hvidtfeldt, The Extraordinary, 2015, Oil on canvas, 135 x 145 cm

Hätten wir einen “Gefällt mir”-Button zur Hand, so drückten wir ihn auch bei Mads Egeberg Hvidtfeldt und ebenso bei Rundgangpreisträger Guo-Liang Tan – aber wir haben nun mal keinen, und das ist auch gut so.

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Guo-Liang Tan (Rundgangpreis 2015), Fathom Phase, 2015, Acrylic on fabric, 76 x 68 cm

Grossformatig – wie zumeist – die Arbeiten des fleissig-tüftelnden wie umtriebigen Künstler-Studenten Il-Jin Atem Choi: ein ungleiches und doch irgendwie zwillingshaftes Pärchen, eine Papier- neben einer Leinwandarbeit, letztere noch von Wandmalerei umrahmt. Wieder dominieren geometrische Muster, denen man trefflich nachsinnen kann, und die losgelassene Fantasie macht vor Konzerthaus-Saalplänen ebenso wenig halt wie vor – eine Quadratstrassen-Stadt durchkreuzenden – vielspurigen Autobahnen. Aber Form ist Kunst und Kunst ist Form.

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Il-Jin Atem Choi
li.: Untitled (correct me if I am wrong), 2015, Carbon on paper
re.: Untitled (one of them appears to be more flamboyant than the other), 2015, Spraypaint on wall and canvas

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In einem zweiten Leben würden wir, wir outen uns: Städelschüler – bei der wundervollen Professorin Judith Hopf. Ob wir dann auch so etwas unkonventionell Heiter-Ernstes malen dürften – besser könnten – wie ihr Schüler Magnus Andersen?

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Eine Malerei von Magnus Andersen

Feine Leinwand-Arbeiten von Jiwon Lee sahen wir, die uns faszinierten – unsere Leserinnen und Leser vielleicht auch, deshalb hier ausnahmsweise gleich zwei: Ein Totentanz, dann eine im Grunde, wie wir meinen, heiter-verträumte Szene, ein Seevogel reitet auf einem Krokodil über das unendliche Meer, aber sein Schnabel ähnelt einem Krokodilsgebiss … was für eine Idee!

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Jiwon Lee, jeweils: Untitled, 2015, Acrylic on canvas

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Martin Kozlowski, Space Painting # 9, 2015, Oil on canvas, 400 x 250 cm

Vom “unendlichen” Meer ins unendliche All: Martin Kozlowski ent- und verführt uns in das Universum der Milliarden an Galaxien. Eine mit vier Metern an Breite riesige, einteilige Leinwand, eine akribische Arbeit vom Lichtjahre Grossen bis hinein ins mikroskopisch Kleine.

Wer, liebe Leserinnen und Leser, wollte noch sagen, die Malerei sei tot und “alles” sei bereits gemalt: ein Schelm wäre er, nein – ein Ignorant!

Abgebildete Arbeiten © jeweilige Studierende;
Fotos: FeuilletonFrankfurt

→ Städelschule: Rundgang 2015 (4)
→ Städelschule: Rundgang 2015 (1)