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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

MMK 2 eröffnet unter dem Motto “Boom She Boom”

23. Oktober 2014

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“Sh Boom Sh Boom” hallte es am Eröffnungsabend durch das Palast- und Kathedralenausmasse einnehmende Foyer des Hochhauskomplexes “TaunusTurm” – fantastisch, atemberaubend und Begeisterungsapplaus entfachend gesungen und deklamiert von vier Damen des Ensembles bzw. Studios von Schauspiel Frankfurt: Verena Bukal, Paula Hans, Paula Skorupa und Carina Zichner.

Der “Ohrwurm”-Doo-Wop-Song “Sh Boom Sh Boom” der “Chords” aus den 1950er Jahren lieferte den leicht verballhornten Titel “Boom She Boom” der Eröffnungsausstellung der neuen Dependance MMK 2 des international hohen Ruf geniessenden Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Sagen wir mal so: She – sie – boomt, boomen, die KünstlerIN, die KünstlerINNEN nämlich. Nun ist “die” Kunst, wie allseits bekannt, ohnehin bereits grammatikalisch weiblich. Und MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer wurde in den vergangenen Tagen nicht müde, die Sentenz von Jean-Christophe Ammann “das 21. Jahrhundert gehört den Künstlerinnen” zu zitieren. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Die Eröffnungsausstellung bestreiten ausschliesslich in der Museumssammlung vertretene KünstlerINNEN – 28 an der Zahl. Hand aufs Herz – wer wollte dies kritisch sehen? Niemand – so hoffen wir (zumindest ein Kulturmagazin sah das, soweit wir es überblicken, ein klein wenig anders).

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Erst- und bisher einmalig in Deutschland: Ein Museum zieht (wenn auch, wie im konkreten Fall, mit einer neu eingerichteten Dependance) in ein Hochhaus für überwiegend gewerbliche und zu einem kleineren Teil Wohnnutzung. Rund 2000 Quadratmeter misst die Gesamtfläche, rund 1750 davon stehen als reine Ausstellungsfläche zur Verfügung. Tishman Speyer und die Commerzbank-Tochter Commerz Real, beide als Immobilienentwickler in diesem Joint Venture vereint, stellen dem MMK diese Fläche für 15 Jahre miet- und nebenkostenfrei zur Verfügung. Der Unternehmer Stefan Quandt, die Ernst Max von Grunelius-Stiftung, die Helaba Landesbank Hessen-Thüringen und die DekaBank Deutsche Girozentrale als Gründungspartner des MMK 2 wirken finanziell unterstützend mit. Die laufenden Betriebskosten der Dependance decken die Gründungspartner, die MMK Stiftung, die Freunde des MMK und eine Reihe weiterer privater Förderer. MMK und Stadt Frankfurt am Main entstehen, soweit ersichtlich, keine Kosten.

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↑ Leuchten über der Pressekonferenz und künftig über den Bistro-Gästen: Lampen (Fleur Malle, 2012) von Franz West

↓ Grund zur Freude: Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth, MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer, Bürgermeister und Planungsdezernent Olaf Cunitz in der Pressekonferenz

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Es ist eine Win-Win-Konstellation: Die Immobilienentwickler umwerben mit dem Attribut “hochrangige internationale Kunst im Haus” gewerbliche wie status- und luxusorientierte Wohnungsmieter und erhöhen die Attraktivität ihrer Investition, die sich in der Rendite widerspiegelt. Museum und Stadt verzeichnen ihrerseits, ohne einen Cent zu verausgaben, einen bedeutenden kulturellen (und kulturpolitischen) Mehrwert. Dies in einer Zeit, in der die Gesellschaft (oder das, was man in der Sprache der Politik wie in der veröffentlichten Meinung dafür ausgibt) Kunst, zumal zeitgenössische, nicht – mehr – als ein Konstitutivum ihrer (der Gesellschaft) selbst und damit als ein Unverzichtbares anzusehen scheint, und in der die mehr und mehr allein auf die Wählerstimmung abstellende Politik fataler Weise auf solche Strömungen nicht nur mit Verweigerung zusätzlicher, sondern gar mit Reduzierung bislang geleisteter öffentlicher Mittel für Aufwendungen im Kunst- und Kulturbereich reagiert.

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Stolz auf dass Erreichte und zuversichtlich für die Zukunft des MMK: Susanne Gaensheimer

“Wir befinden uns in Deutschland gerade in einer Phase des Umbruchs”, sagt nun MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer, “in der sich die Vorzeichen der Kulturförderung radikal verändern: Ein Museumsneubau für mehrere Zehnmillionen Euro wäre im Moment nicht denkbar gewesen. Und das ist nicht nur in Frankfurt der Fall, wir kennen das auch aus vielen anderen europäischen Städten. Wir müssen flexibler werden und über neue Formen der Museumsarbeit nachdenken. Durch die grosszügige Unterstützung der beiden Immobilienentwickler, unserer Gründungspartner und zahlreicher weiterer Förderer sowie durch die enge Zusammenarbeit mit dem Kultur- und dem Planungsderzernat der Stadt Frankfurt ist es uns gelungen, für das MMK eine zusätzliche Ausstellungsfläche zu schaffen, um die Meisterwerke unserer Sammlung aus dem Depot an die Öffentlichkeit zu holen”. Nun denn – auch Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth sowie Bürgermeister und Planungsdezernent Olaf Cunitz begrüssen diese Zusammenarbeit mit finanziell hochpotenten Partnern aus der Privatwirtschaft.

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Ikone und Publikumsliebling auch im neuen MMK 2: Katharina Fritsch, Tischgesellschaft, 1988, 32 Figuren aus Polyester, Tisch und Bänke aus Holz, teilweise farbig bemalt, farbig bedruckte und gebleichte Baumwolle; Dauerleihgabe der Commerzbank AG

Man hört und liest in diesen Tagen manch Zustimmung zu derartigen, beispielsweise in den USA seit langem üblichen Konstrukten. Bedenken, dass die Förderung von Kultur und Kunst in der europäischen Tradition im Grunde eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe unter Einsatz finanzieller Mittel gerade und insbesondere auch der öffentlichen Hand sein müsse, geraten dabei oft genug und unter dem Einfluss neoliberalistischer Strömungen ins Hintertreffen. Da erscheint es nicht nur gut, sondern geradezu notwendig und geboten, die differenzierende Stimme von Julia Voss (“Guten Morgen, Bankfurt!” in der FAZ vom 22. Oktober 2014) zu vernehmen!

Die Thematik spielte – und damit kehren wir zu der fulminanten Ausstellung “Boom She Boom” zurück – unter sozusagen umgekehrten Vorzeichen am Eröffnungsabend eine Rolle: Kulturdezernent Semmelroth geisselte – nach unserer Auffassung sehr zu Recht und unter lang anhaltendem Beifall des Eröffnungspublikums – mit ungewöhnlich scharfen Worten die aktuellen Pläne zur Veräusserung zweier einst aus öffentlichen Mitteln erworbenen Warhol-Gemälde durch eine Beteiligungsgesellschaft des Landes Nordrhein-Westfalen unter Zustimmung der Landesregierung. Wir werden auf diese Gesamtproblematik einschliesslich des unglaublichen Banausentums in der Düsseldorfer Staatskanzlei noch zurückkommen.

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“Familienfoto” mit Stefan Quandt, Felix Semmelroth, Susanne Gaensheimer, Roland Holschuh, Mitglied des Vorstands der Commerz Real, Olaf Cunitz und Florian Reiff, Geschäftsführer Deutschland von Tishman Speyer

Heute aber erst einmal freuen wir uns, und wir sind glücklich: über das Wiedersehen mit vielen der herausragenden Werke aus der inzwischen über 5000 Arbeiten umfassenden Sammlung des MMK auf dessen neuer Präsentationsfläche im TaunusTurm!

28 Künstlerinnen haben dort, wie wir bereits schrieben, “das Wort”: Jo Baer, Vanessa Beecroft, Shannon Bool,  Andrea Büttner, Vija Celmins, Hanne Darboven, Rineke Dijkstra, Marlene Dumas, Parastou Forouhar, Katharina Fritsch, Isa Genzken, Tamara Grcic, Bethan Huws,  Anne Imhof, Barbara Klemm, Eva Kotátková, Franziska Kneidl, Teresa Margolles, Sarah Morris, Cady Noland, Anja Niedringhaus, Christa Näher, Charlotte Posenenske, Jewyo Rhii, Taryn Simon, Sturtevant, Rosemarie Trockel und Adrian Williams.

Gegensätze: die Arbeiten von Isa Genzken, 1948 in Bad Oldesloe geboren, dreifache documenta-Künstlerin und Künstlerin des deutschen Pavillons zur Biennale Venedig 2007, und von Cady Noland, 1956 in Washington D.C, geboren, der publikumsscheuen Fotografin und Installationskünstlerin, die sich um die Jahrtausendwende aus dem Kunstgeschehen zurückzog.

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↑ Isa Genzken, OIL XV, 2007, 2 Mannequins, 3 Kunststoffbehälter, Metallfolie, Kunststoff, Stoff; OIL XVI, 2007, Aluminium, Metallfolie, Klebeband, Metall, Papier

↓ Cady Noland, Ohne Titel, 1996, Pappkarton, Lackgrund und Aluminium-Farbspray

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Es gibt drei Video-Räume und eine ansonsten offene, durch Stellwände bestimmte, weite Durchblicke gewährende Ausstellungsarchitektur. Die oft sehr grossvolumigen Werke begegnen sich mitunter, um mit Schiller zu sprechen, “hart im Raum”. Es galt, die ausgewählten Arbeiten im Blick auf deren nachbarschaftliche Verträglichkeit bzw. Unverträglichkeit miteinander zu positionieren. Mancherorts geht es im Ausstellungsparcours durchaus etwas eng zu, vielleicht wäre hier und da ein “Weniger” durchaus ein “Mehr” gewesen. MMK-Ikone und unverändert “Publikumsliebling” ist die “Tischgesellschaft” von Katharina Fritsch. Kein Wunder, dass sich die Kooperationspartner des MMK 2 nach der Pressekonferenz hinter dieser Arbeit zum allfälligen “Familienfoto” präsentierten.

Zwei neue, eigens für die Eröffnungsausstellung im MMK 2 in Auftrag gegebene, jeweils sehr sensible Arbeiten gilt es hervorzuheben, wir stellen sie kurz vor:

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Tamara Grcic, Numbers, 2014, Glaszylinder, Holzkonstruktion, schwarze Strümpfe, 16 Lautsprecher, 2 Verstärker, Sound; Leihgabe der Künstlerin, produziert im Auftrag des MMK

Auf einem Holzpodest, unter dem aus Lautsprechern monotone Stimmen Zahlenreihen (unter anderem Zahlen der unendlichen Kreiszahl π) intonieren, stehen Glaszylinder mit am oberen Ende gebrochenem Rand – eine Antwort von Tamara Grcic, so scheint es, auf die ringsum stehenden Hochhäuser. Das Zahlengewirr könnte auf Börsenkurse wie ebenso auf die Milliardendeals in den nahen Bankentürmen verweisen, die dort stündlich, wenn nicht minütlich abgewickelt werden. Jedem Zylinder ist ein schwarzer Strumpf zugewiesen, ein auf Menschen bezogenes Objekt, ob für Damen oder Herren, bleibt ungewiss.

Eva Kotátková, 1982 in Prag geboren – sie studierte an der Prager Akademie der bildenden sowie an der dortigen Akademie der angewandten Künste, am San Francisco Art Institute sowie an der Wiener Akademie der Bildenden Kunst und war auf der Biennale 2013 in Venedig vertreten – , zeigt mit “Anatomical Orchestra (Composition For 13 Ears)” das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit 13 Jugendlichen der Frankfurter Schule am Sommerhoffpark, einer Förderschule für hörgeschädigte und gehörlose Kinder. Die 13 Kinder verkörpern sich zu “Instrumenten”, deren Stimmen aus der Wand heraus zu hören sind und für die die Künstlerin jeweils eine Skulptur entwickelte. Die noch nicht fertige Arbeit (“work in progress”) wird erst im Laufe der Ausstellung vollendet.

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Eva Kotátková, Anatomical Orchestra (Composition For 13 Ears), 2014, Mix Media, Sound, Work in Progress; Leihgabe der Künstlerin

Das neue MMK 2 – eine das Stammhaus an der Domstrasse erweiternde Ausstellungsstätte mitten im “Herzen” der Innenstadt, inmitten der Büro- und Bankentürme, auch im kulturellen Zentrum zwischen den Städtischen Bühnen und der Alten Oper, mit einem Café-Bistro unmittelbar am Anlagenring, dem inneren Frankfurter Grüngürtel gelegen, in Erwartung auch neuer, noch zu erschliessender Publika: Wir wünschen ihm eine erfolgreiche Zukunft!

“Boom She Boom. Werke aus der Sammlung des MMK”, MMK 2, bis 14. Juni 2015

Fotos: FeuilletonFrankfurt

→  Aufbruch in die Zukunft: Erweiterung für das Museum für Moderne Kunst MMK

Max Beckmanns Faust-Zyklus im Museum Wiesbaden

22. Oktober 2014

Der alte Faust alias Max Beckmann

Von Hans-Bernd Heier

Im Jahre 1976 gelang es der Bundesrepublik Deutschland zusammen mit dem Land Hessen, einen der bedeutendsten Werkkomplexe der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts aus Frankfurter Privatbesitz zu erwerben: den vollständigen Zyklus von Max Beckmann zu Faust II von Johann Wolfgang von Goethe – bestehend aus 143 Federzeichnungen. Das Auktionshaus Sotheby war ebenfalls am Erwerb der Schwarz-Weiß-Arbeiten interessiert, wollte jedoch die Blätter einzeln versteigern. Um den Zyklus zusammenzuhalten, erwarben der Bund und das Land Hessen das ganze Konvolut, das jetzt im Museum Wiesbaden inventarisiert ist und vom Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt aufbewahrt wird.

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“Gärtnerinnen”, 1. Akt, 1943-44; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Zum ersten Mal nach über zehn Jahren wird der Zyklus wieder vollständig gezeigt. Das Museum Wiesbaden präsentiert unter dem Titel “Goethe – Faust – Beckmann” alle 143 Blätter in einer großartigen Schau, die bis zum 31. Januar 2015 zu sehen ist. Wie Museumsdirektor Alexander Klar betont, ist die Ausstellung etwas ganz Besonderes: “Sie ist Sammlungspflege und zeigt die Schätze des Hauses”.

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“Astrolog spricht, Mephisto bläst ein”, 1. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Die Arbeiten entstanden im Auftrag des Frankfurter Verlegers und ehemaligen Vorsitzenden des Freien Deutschen Hochstiftes, Georg Hartmann (1870 bis 1950), für den Beckmann bereits den Zyklus “Apokalypse” illustriert hatte. Der Auftrag kam für den Künstler, der zu der Zeit in Amsterdam im Exil lebte, gerade recht. Den umfangreichen Werkzyklus fertigte Beckmann zwischen dem 15. April 1943 und dem 15. Februar 1944. An den Blättern arbeitete er äußerst intensiv, teilweise bis zur körperlichen Erschöpfung. Es existieren nur Bleistiftskizzen und Tuschezeichnungen, da die von Hartmann geplante illustrierte Monumentalausgabe wegen der Kriegswirren nie zustande kommen sollte.

Max Beckmann gilt als einer der bedeutendsten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts. In seinem Werk, das durch einen expressionistischen Malstil geprägt ist, spielt das Selbstporträt eine bedeutende Rolle. Hauptthemen des Malers und Grafikers sind der einsame, bedrohte Mensch in einer apokalyptischen Welt sowie Unheil und Schrecken.

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“Faunen Satyren Gnomen”, 1. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Bei dem im Februar 1884 Leipzig geborenen Künstler steht gleichberechtigt neben seinen Gemälden ein außerordentlich reiches zeichnerisches und druckgrafisches Werk. Als er in nur zehn Monaten die Federzeichnungen zu Goethes Faust II schuf, lebten er und seine zweite Frau Mathilde (genannt “Quappi”) seit fast sechs Jahren in Amsterdam. Dorthin hatte es das Paar verschlagen, nachdem er den Lehrauftrag am Städelschen Kunstinstitut Frankfurt 1933 durch die Nationalsozialisten verloren hatte und 1937 einige seiner Arbeiten in der Münchner Ausstellung “Entartete Kunst” gezeigt wurden.

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“Chor der Insekten”, 2. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

In dem Vertrag von Anfang April 1943 mit dem Verleger Hartmann verpflichtete sich Beckmann, für eine geplante reich bebilderte Ausgabe von Faust II etwa hundert Zeichnungen zu fertigen. Für einen Vorentwurf wurden dem Künstler 2.000 Reichsmark zugesagt und für die endgültige Ausführung ein Honorar von 10.000 Reichsmark.

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Ausstellungsansicht im Museum Wiesbaden; Museum Wiesbaden

Beckmann stand Goethe, den er etwas despektierlich in seinem Tagebuch als “Göthe” bezeichnet, durchaus distanziert gegenüber. Dies belegt ein Schreiben vom Februar 1944 an den Kunsthistoriker Erhard Göpel: “Glauben Sie nur nicht, dass ich den alten Optimisten (Goethe) für diese Zeichnungen gebraucht hätte. Ich bewege mich in den gleichen Regionen, dort bin ich auch zu Hause”. Der selbstbewusste Beckmann sah sich durchaus auf Augenhöhe mit dem Dichterfürsten, teilte aber als Melancholiker und Pessimist nicht die optimistische Sichtweise des Dichters. Dennoch setzte er sich mit großer Intensität mit Goethes Opus Magnum auseinander und arbeitete oft bis zur körperlichen Erschöpfung. In einem wahren Schaffensrausch schuf er statt der vereinbarten 100 Zeichnungen 143 kleinformatige Federzeichnungen. Bisweilen ist eine Bleistiftvorzeichnung erkennbar.

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“Faust: Die Gaben, diesen hier verliehen …”, 3. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Die Themen, die Beckmann beschäftigten, fand er auch in Goethes Tragödienstoff wieder, wie das Verhältnis von Mann und Frau, die irdische Welt als Bühnenstück und das bewegte Zeitgeschehen. “Dies erklärt auch,” so Kurator Roman Zieglgänsberger, Kustos für klassische Moderne im Museum Wiesbaden, “warum dieser sich in die Figuren des Faust, Mephisto und auch Nero hineingezeichnet und damit identifiziert hat”. Wohl rund dreißigmal ist der markante, kantige Kopf Beckmanns in dem Faust-Zyklus zu erkennen.

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“Chor: Ikarus!”, 3. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Zum Auftakt der Wiesbadener Schau, gewissermaßen als “Prolog”, sind im vorderen Oktogon fünf Ölgemälde aus eigenem Besitz zu sehen, wie der berühmte “Weibliche Akt mit Hund” sowie das “Selbstbildnis mit Zeichenblock” – beide aus dem Jahr 1927.

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Ausstellungsansicht im Museum Wiesbaden, 2014

Daran schließt sich die Präsentation der 143 kleinformatigen Tuschezeichnungen auf geripptem hellbeigem Papier an – keine größer als A4-Format Die einheitlich in hellbraunen Rahmen gefassten Arbeiten kommen auf dem grauen Fond der Wände gut zur Geltung. Auf den gegenüberliegenden weißen Wänden sind dazu passende Zitate aus Faust II zu lesen. Die Arbeiten sind entsprechend den Akten des Faust-Dramas gehängt. Info-Karten mit Zusammenfassungen des Inhalts der einzelnen Akte und Verweisen auf die Zeichnungen Beckmanns sind eine nützliche Orientierungshilfe für die Besucher. Ebenso die einzelnen Exponat-Beschriftungen mit den jeweiligen Versen aus Faust II, von denen sich Beckmann inspirieren ließ. Zum besseren Verständnis sind die auf den Zeichnungen wiedergegebenen Personen benannt, wie zum Beispiel: der alte Faust alias Max Beckmann.

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“Faust leidenschaftlich fortfahrend (Das hohe Meer)”, 4. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Ganz ungewöhnlich ist die hochformatige Präsentation einer Landschaft, da diese üblicherweise im Querformat dargestellt wird.

Teilweise hat Beckmann nur den Umriss der Figuren gezeichnet, teils auch die Gesichter ganz ausgefüllt. Durch den Wechsel zwischen linearen und gefüllten Darstellungen bringt der Künstler Spannung in den Zyklus.

Goethes Tragödie endet optimistisch, als Gretchen Faust erscheint, um ihn in höhere Sphären zu geleiten und so sich das einst Gesagte erfüllt: “Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan”. Bei dem Pessimisten Beckmann zieht das Weibliche mit der Schlange des Sündenfalls eher hinab.

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“Selbstbildnis als Faust”, 5. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Zum Ausklang der sehenswerten Schau, gewissermaßen als “Epilog”, ist noch der Zyklus “Day & Dream” von 1946 zu sehen. Das 15 Lithografien umfassende Werk ist die letzte große Grafikmappe, die Beckmann in Amsterdam schuf, bevor er 1947 in die USA emigrierte. Bei dem expressiven Mappenwerk geht es um ein essentielles Thema in Beckmanns Œuvre, nämlich die Erkenntnis, dass es mehrere Ebenen im Dasein gibt – eine reale (Day) und eine geträumte (Dream), die zusammengezogen als Tagtraum nicht mehr zu trennen sind.

Am 27. Dezember 1950 bricht der Künstler auf dem Weg zur Ausstellung “American Paintings today” (Metropolitan Museum, New York), wo sein Selbstbildnis in blauer Jacke zu sehen war, tot zusammen.

Ein opulenter, hochqualitativer Katalog, 240 Seiten, herausgegeben vom Museum Wiesbaden mit Beiträgen von Christiane Zeiller und Roman Zieglgänsberger, begleitet die gelungene Präsentation.

Die Ausstellung wird unterstützt durch die Hessiche Kulturstiftung und “Freunde des Museums Wiesbaden”.

“Goethe – Faust – Beckmann”, Museum Wiesbaden, bis 18. Januar 2015

Bildnachweis: Museum Wiesbaden

- Weitere Artikel von Hans-Bernd Heier -

Raum und Licht – Malerei von Friederike Walter in der Galerie Maurer

19. Oktober 2014

“Der gefundene Raum”

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Friederike Walter vor “Blickwechsel”, 2013, Öl auf Leinwand, 40 x 40 cm (FF)

Es ist Malerei in einer reinsten Form. Raum wird Licht. Licht öffnet Raum. Raum und Licht scheinen sich, wenn wir diese Bilder länger betrachten, zu entmaterialisieren, entgleiten zu astralen Erscheinungen, transzendieren in eine unbestimmbare Dimension.

Es sind deshalb keine realen Räume. Menschen, Fauna, Flora – nichts Belebtes ist zu sehen. Es sind Gedankengebilde, in einem eigenartigen Zwischen- und Schwebezustand zwischen Figuration und Abstraktion, jenseits eines Raum-Zeit-Gravitations-Gefüges.

Die alte Schulphysik mag dem Betrachter durch den Kopf gehen, auch allerlei danach gemäss dem Faustschen “studiert mit heissem Bemühn” wissenshungrig Angeeignetes: Einsteins Relativitätstheorien bestätigen sich im Laborversuch, die Newtonsche Physik will sich nicht mit der ebenfalls bestätigten Quantenmechanik zusammenreimen, im wissenschaftlichen Theorienstreit denken namhafte Forscher über die Existenz von Multiversen nach. Und was nun ist eigentlich Licht – in seiner Wechselwirkung mit Materie?

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↑ Ohne Titel (Das Himbeerreich), 2014, Öl auf Leinwand, 180 x 220 cm (FF)
↓ Das Gegenüber, 2013, Öl auf Leinwand, 110 x 210 cm (FW)

Friederike Walter, Malerei, 11.2013 - Frankfurt

In solche Gedankenwelten scheinen sich Friederike Walters Malereien fügen zu lassen. Hier schwebt (im “Himbeerreich”) ein unregelmässiger Korpus in einem Raum, der sich hinter jenem Korpus in einem astralen Licht auflöst. Dort öffnet sich (im “Gegenüber”) ein theaterbühnenweites Portal, eine Art “Brecht-Gardine” gibt nur hälftig den Blick frei auf den dahinter liegenden Prospekt. Die – je nach Betrachtungsweise auch als ein Ring erscheinende – “Gardine” wiederum verliert sich zur Linken wie zur Rechten in einem von diffuser Dunkelheit bestimmten Raum. Dem nach zusätzlichen Informationen Suchenden sei verraten, dass sich Friederike Walter neben ihrer Arbeit als Malerin auch mit dem Theater beschäftigt und in diesem Rahmen als Lichtgestalterin für eine Bühne tätig ist.

Wo nun ist (im “Schacht”) ein Oben und ein Unten? Haben unsere alltagsbestimmten Zuordnungen von rechts und links noch einen Sinn? Würde uns – den Fall gesetzt, wir beträten einen derartigen Raum – die Schwerkraft unsere physische Existenz sichern oder würde sie uns in eine bodenlos-unüberschaubare Tiefe reissen? Hülfen uns noch Kompass und Koordinatenbestimmung?

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Schacht, 2014, Öl auf Leinwand, 200 x 150 cm (FF)

“Friederike Walters multiperspektivische Bildgruppen”, schreibt Britta Schröder (Der gefundene Raum), “hebeln die Gesetze der Schwerkraft aus und spielen mit visuellen Kippmomenten, die einen Raumteil einmal nach vorn und im nächsten Moment in die Tiefe ragend erscheinen lassen. Der gefundene Raum konzentriert in sich dieses Vage, Doppeldeutige, die Mehransichtigkeit – mit dem Effekt, dass hier der imaginierte Raum zum reinen Imaginationsraum wird. Bar jeder Funktion, können diese neuen, atmosphärisch reizvollen Bildräume als Visualisierungen eines Denkens gelesen werden, das sich auf der Suche nach grösstmöglicher Freiheit zu allen Seiten öffnet”.

Tatsächlich spielt die Künstlerin mit ihren irritierenden Gedankenräumen. In “Druse” malt sie ein Sujet zweimal und platziert die beiden Arbeiten untereinander, die untere gegen die obere kopfüber. In ähnlicher Weise verfährt sie beispielsweise mit dem Werk “1. Betrachtung von allen Seiten”, wobei sie das Motiv viermal malte. Schaut man sich die jeweilige Bildtafel länger an, ergibt sich in allen Fällen stets ein plausibler Raumeindruck.

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↑ Druse, 2014, zwei Teile, Öl auf Leinwand, jeweils 100 x 140 cm (FF)
↓ 1. Betrachtung von allen Seiten, 2013, Öl auf Leinwand, vier Mal 60 x 60 cm (Ausstellung im 1822- Forum), Foto: die Künstlerin (FW)

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Auch bei einer als Unikat gefertigten Arbeit kann es nicht selten dem Betrachter überlassen bleiben, wie er das Gemälde hängt, hier exemplarisch gezeigt an der Bildtafel “Dreiecksdrehung”: In der Grundstellung ergibt sich der Eindruck einer (Fenster)Nische in der rechten oberen Bildhälfte; eine 90º-Drehung nach rechts bewirkt den Anschein eines Schachts in den Boden hinein, eine weitere Drehung das Bild einer (Tür)Nischen-Öffnung nach links; und wiederum eine weitere Drehung, in der Summe also um 270º, führt zu dem Eindruck eines Schachts in der Decke hinauf nach oben. Das Werk kommuniziert also mit dem Betrachter und fordert ihn gewissermassen zu einer Handlung und Entscheidung auf. So scheint denn auch der Titel der Ausstellung “Der gefundene Raum” dem Betrachter die Möglichkeit geben zu wollen, jeweils seinen individuellen “Raum zu finden” – ein intelligentes Gedankenspiel jenseits aller eingangs angestellten grundsätzlicheren Überlegungen.

Friederike Walter, Malerei 2014

Dreiecksdrehung, 2013, Öl auf Leinwand, 60 x 60 cm (FW); in der Folge erscheint dieselbe Arbeit drei Mal, jeweils um 90° weiter nach rechts gedreht

Friederike Walter, Malerei 2014

Friederike Walter, Malerei 2014

Friederike Walter, Malerei 2014

Friederike Walter ist eine “klassische” Malerin. Sie grundiert, wie sie erzählt, sorgfältig ihre Leinwände und trägt oft an die zehn Malschichten in Ölfarbe auf, seit einigem beginnend mit einer Schicht in Rot. Meisterlich, wie sie mit dieser aufwändigen Technik eine stufenlose Nuancierung der verschiedenen Farbtöne und -skalen erreicht. Die entsprechenden Trocknungsprozesse nehmen viel Zeit in Anspruch, für die Fertigstellung eines Tafelbilds werden durchaus zwei bis drei Monate benötigt.

Einige der jetzt in der Galerie Maurer gezeigten Werke lassen den Entwicklungsprozess erkennen, den die Künstlerin in den letzten Jahren vollzogen hat – von der früher eher gegenständlichen hin zur heute mehr und mehr abstrakten Malerei beziehungsweise zu jenem eigentümlichen Schwebezustand zwischen beidem, der uns fasziniert. So lässt der “Raum Kubus” das assoziative Bild einer realen Zimmerecke zu, die “Zwischenräume” aus dem Jahr 2012 erinnern noch an Architekturmalerei, weisen zugleich hin auf eine bühnen- wie kulissenhafte Raumsituation. Wunderbar ausgeführt der feine Schleier, der auf beiden Gemälden liegt und die Motive der Realität zu entrücken beginnt.

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↑ (links) Raum Kubus, 2014, Öl auf Leinwand, 120 x 120 cm, (rechts) 1., 2. und 3. Raumschleusse, 2013, Öl auf Leinwand, jeweils 35 x 25 cm (FF)
↓ Zwischenräume, 2012, Öl auf Leinwand, 60 x 70 cm (FF)

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Friederike Walter, 1975 in Darmstadt geboren, studierte an der Hochschule für Gestaltung HfG Offenbach bei Professor Heiner Blum (dessen Assistentin sie war) Visuelle Kommunikation mit Diplomabschluss. Zwei Gastsemester führten sie an die Kunstakademie Düsseldorf, ein Aufbaustudium an die Akademie der bildenden Künste Wien. Sie erhielt Stipendien des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und der Stadt Frankfurt am Main. Nach einer Vielzahl von Gruppenausstellungen ist die derzeitige Werkschau in der Galerie Maurer die sechste Einzelausstellung der hoch qualifizierten, begabten Künstlerin, deren Arbeiten wir in den letzten Jahren wiederholt und zuletzt im Rahmen der “kunstansichten” 2013 in Offenbach antrafen.

“Der gefundene Raum”, Galerie Maurer, bis Samstag, 1. November 2014; für diesen Tag lädt die Galerie zwischen 11 und 15 Uhr zur Finissage nebst einem Umtrunk ein

Abgebildete Werke © Friederike Walter; Fotos: die Künstlerin (FW) und FeuilletonFrankfurt (FF)

 

“Hänsel und Gretel” – Märchenspiel von Engelbert Humperdinck an der Oper Frankfurt

17. Oktober 2014

Fantasievolle Kinderoper -
tiefgründiges Erwachsenenstück

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Monika Rittershaus /Oper Frankfurt und Renate Feyerbacher

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im Vordergrund Katharina Magiera (Hänsel)  und Louise Alder (Gretel), dahinter Elizabeth Reiter (Sandmännchen)  sowie im Fenster stehend Heidi Melton (Mutter) und Alejandro Marco-Buhrmester (Vater), Foto © Monika Rittershaus

Das Vorspiel, “eine Art symphonischer Prolog”, das viele Leitmotive des Märchenspiels, das am 12. Oktober 2014 Premiere hatte, anklingen lässt, wird auf der Bühne visualisiert durch eine Guckkasten-Puppenbühne, auf der Kleinst-Marionetten das Märchengeschehen zusammenraffen. Grosse Marionetten sind auch später immer wieder dabei. Die Hexe – männlich besetzt, was Humperdinck nicht wollte – posiert schon mal in Lackleder gekleidet. Vor dem Puppentheater sitzen Kinder, die nachher im geräumigen, spitzgiebeligen Raum in den Betten liegen – Waisenhausatmosphäre.

Hänsel und Gretel sind ausgelassen, toben, tanzen, singen, necken sich, haben keine Lust, die Arbeit zu erledigen, die sie tun sollen. Sie haben Hunger. Hänsel: “Seit Wochen nichts als trocken Brot; ist das ein Elend! Potz schwere Not!” Dann ist die Mutter, die Gertrud, da und poltert sogleich und schimpft, der Topf mit Milch geht dabei entzwei, es gibt keinen Reisbrei. “Herrgott wirf Geld herab!” Eine beängstigende Kälte strahlt die Mutter aus, die wie eine Aufseherin im Bettensaal wirkt. Sie schickt die Kinder in den Wald, um Beeren zu sammeln. Sie selbst setzt sich hin und nimmt einen Schluck aus der Flasche.

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Heidi Melton (Mutter) und Alejandro Marco-Buhrmester (Vater) , Foto © Monika Rittershaus

Der Vater singt auch vom Hunger: “Hunger ist der beste Koch! Ja, ihr Reichen könnt euch laben, wir die nichts zu essen haben, nagen ach, die ganze Woch, sieben Tag an einem Knoch!” Bevor er von seinem guten Geschäft erzählen kann, schilt ihn seine Frau und vermutet Wirtshaus-Zeitvertreib. Doch ihr Mann hat massenweise seine Besen und Bürsten verkauft und präsentiert seiner Frau nun, was er alles mitbringt, unter anderem vierzehn Eier. Die Zahl begegnet bei den vierzehn Engeln erneut. Als der Vater erfährt, dass die Mutter die Kinder in den Wald schickte, macht er ihr Angst in der Arie “Der Besen, der Besen, was macht man damit? Es reiten darauf die Hexen … Doch übelgesinnt ergreift sie geschwind das arme Kuchen knuspernde Kind in den Ofen, hitzhell, schiebt’s die Hexe blitzschnell.“ Heraus aus dem Ofen kommen Lebkuchenkinder. Eine grausige Vorstellung.

Den sozialen Aspekt vertieft der englische Regisseur Keith Warner, der in Frankfurt regelmässig inszeniert (zuletzt “Falstaff”): “Armut ist furchtbar … Deshalb zielte ich auf eine Umgebung ab, in der die Armut aus sich selbst heraus spricht … Hunger ist auch Hunger nach Leben” (zitiert nach Programmheft).

Die Realität des 1. Bildes geht über in märchenhafte Magie, in Fantasie und in Vorstellungskraft, die auf den Sichtweisen von Siegmund Freud und Bruno Bettelheim beruhen.

Wie bekannt, verirrt sich das Geschwisterpaar im Wald und das Sandmännchen singt sie in den Schlaf. Nicht auf dem Waldboden liegen die beiden, sondern in getrennten Betten, schlüpfen mit einem Märchenbuch unter die Bettdecke, während Traumfiguren hinter einer als Schlüsselloch stilisierten Öffnung vorbeiziehen. Mit dabei sind Rotkäppchen, ein Nussknacker, die Puppe Olympia (“Hoffmanns Erzählungen”), seltsame Tiere und drei Kinder-Walküren. Ein Tribut an Richard Wagner, dessen Assistent Engelbert Humperdinck (1854-1921) zwei Jahre lang war.

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Louise Alder (Gretel), Katharina Magiera (Hänsel) sowie auf der oberen Etage stehend Peter Marsh (Die Knusperhexe), Foto © Monika Rittershaus

Nicht vergessen haben Hänsel und Gretel den Abendsegen zu beten “Abends will ich schlafen gehn, vierzehn Engel um mich stehn …“ Von einer Himmelstreppe hinab steigen vierzehn Gestalten alias historische Persönlichkeiten. Neben den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm, Freud und Bettelheim sind es auch solche, die sich direkt für das Wohl der Kinder einsetzten: der polnische Arzt Janus Korczak (1878-1942), der die Waisenkinder auf der Deportation nach Treblinka begleitete, und die Schriftsteller Charles Dickens und Astrid Lindgren. Eine Szene mit starkem Symbolcharakter, aber sehr bildungsbelastet.

Dennoch fehlt der Angst einflössende Wald, dem ein prickelnder Märchen-Zauber innewohnt. Allzu beschützt sind die Kinder in ihren bequemen Betten.

Dann schiebt sich im 3. Bild in den Giebel-Raum das Hexenhaus, das aussieht wie ein einfaches Reihenhaus, auf dessen Dach einige Lebkuchen liegen. Die Hexe zeigt sich durchs Fenster. Im Innern ein riesiger Ofen, eine Kühltruhe, die als Verschlag für den Hänsel dient. Die Knusperhexe mit Glatze und Stöckelschuhen, ein Travestiegeschöpf, ist eine irreale Gestalt. Gedanken an Kindesmissbrauch blitzen auf. Ständig wechselt sie ihr Outfit, eilt hin und her, flitzt Trepp auf, Trepp ab. Dargestellt und gesungen wird die Knusperhexe von Tenor Peter Marsh, der diese Rolle schauspielerisch bravourös und gesanglich famos meistert, er muss zwischen Missklang und Kunstgesang pendeln. Frenetischer Beifall.

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Peter Marsh und Keith Warner; Foto: Renate Feyerbacher

Natürlich stösst Gretel die Knusperhexe in den Ofen, aber zum Finale bevölkert sich die Bühne mit vielen Kindern, die alle ein Buch erhalten – Buchmesse-Bezug. Es sind die Lebkuchenkinder, die erlöst werden. Sehr schön ist der Gesang des Kinderchors der Oper Frankfurt, geleitet von Markus Ehmann. Und auch die Knusperhexe wird wieder lebendig und erinnert auf einem Spruchband daran, dass es sich nur um ein Märchen handelt.

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Peter Marsh (Die Knusperhexe), Foto © Monika Rittershaus

Wie Keith Warner am Ende die Erzählung kräftig durcheinander wirbelt, das ist grossartig. Er entschärft diese doch brutale Handlung. Die vielen märchenhaften Einfälle wechseln sich ab mit tiefgründigen Bildern und machen das Märchenspiel “Hänsel und Gretel” zu einer fantasievollen Kinderoper und einem nachdenklichen Erwachsenenstück. (Einige sehr kleine Kinder waren sogar in der Premiere.)

Dazu trägt auch das abwechslungsreiche, fantasievolle Bühnenbild des Engländers Jason Southgate bei, der auch ein Puppendesigner und -hersteller ist. Er – wie die Kostümschöpferin Julia Müer, einfallsreiche Kostüme, und der englische Lichtdesigner John Bishop, wunderbares Lichtspektakel – arbeiten mit Keith Warner öfter zusammen. Diese Vertrautheit ist der Inszenierung anzumerken.

Generalmusikdirektor Sebastian Weigle und den Musikern des Frankfurter Opern-und Museumorchesters gelingt eine starke Interpretation. Die sozialen Aspekte, die Humperdincks Musik mit fein dosiertem Humor vertieft, die wagnerischen Anspielungen werden deutlich. Einfühlsam begleitet das Orchester die Volksmelodien, die Humperdinck in orchestral grosse Momente einbrachte – “Brüderchen, komm tanz mit mir”, “Ein Männlein steht im Walde” und weitere Lieder. Musikalisch ein Erlebnis.

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Alejandro Marco-Buhrmester (Vater), Katharina Magiera (Hänsel; mit dem Rücken zum Betrachter) und Heidi Melton (Mutter; in pinkem Kostüm) sowie im Hintergrund den Kinderchor der Oper Frankfurt, Foto © Monika Rittershaus

Auch gesanglich überzeugte der Abend: Alejandro Marco-Buhrmester gab seine profilierte Baritonstimme Peter, dem Besenbinder, der zu den Kindern liebevoll ist im Gegensatz zur herrischen Mutter, vorzüglich gesungen von der Amerikanerin Heidi Melton. Eine Freude ist der Hänsel, den Altistin Katharina Magiera, die in Frankfurt im Opernstudio begann und nun fest engagiert ist, lebendig und ausdruckstark singt und spielt. Es ist ihr Rollendebüt – wie auch für die Britin Louise Alder, die die Gretel singt. Ihr lyrischer Sopran bot schöne Momente, überzeugte aber nicht durchgehend.

Ein einzelner expressiver Buh-Ruf nach dem 1. Bild, der wohl der Inszenierung galt, liess sich später nicht wieder hören. Viel Beifall für alle Künstler.

Weitere Aufführungen heute, 17., sowie am 19. und 25. Oktober, am 1., 14., 21. und 22. November sowie mehrfach im Dezember 2014 (auch “Oper für Kinder”)

 

Künstlerduo Wiebke Grösch / Frank Metzger in der Galerie Heike Strelow

16. Oktober 2014

“Schilf ohne Wasser” – der Titel der Ausstellung

Nichts geht ohne Wasser – eine “Binsenweisheit”: Wobei wir gleich wieder beim Wasser sind, bevorzugen Binsen doch – ebenso wie Schilfrohr oder Röhricht, von dem noch die Rede sein wird – feuchte bis nasse Standorte an Gewässern, Feuchtwiesen oder Mooren.

Die Arbeiten des Künstlerduos Wiebke Grösch / Frank Metzger, die jetzt in der Galerie Heike Strelow (nur noch bis 24. Oktober 2014) zu sehen sind, beziehungsweise deren Werkstoffe haben ebenfalls in bestimmter Weise mit Wasser oder zumindest flüssigen Zuständen zu tun: Beton ist zunächst flüssig, bevor er erhärtet; gleiches gilt für Gips; vom die Nähe des Wassers schätzenden Schilfrohr handelten wir bereits; ein Feigenbaum wird schwerlich ohne Wasser seine Blätter ausbilden; und auch Glas schliesslich ist zunächst flüssig.

Es geht – wie zumeist bei dem Künstlerduo Grösch/Metzger und im übrigen auch im Ausstellungsprogramm der Galerie – um konzeptuelle Kunst, in der Überlegungen und Ideen, Bedeutungszusammenhänge und Assoziationen dem künstlerischen Ausführungsprozess gleichgestellt wie auch übergeordnet sind. Wir greifen hier eine Auswahl aus den gezeigten Werken auf.

Zum Titel der Ausstellung wie ihrer Arbeiten in Beton nehmen Grösch/Metzger auf den utopischen, 500 Jahre in der Zukunft spielenden Roman “Die Abschaffung der Arten” von Dietmar Dath Rekurs, in dem nach dem Verschwinden aller biologischen Arten und weitgehend der Menschen intelligente Wesen eine selbstbestimmte, gänzlich andere Existenz führen – wo also “Schilf” auch ohne “Wasser” gedeihen könnte – oder eben gerade nicht. Wir sehen Abgüsse in Beton von Schilfmatten, die gemeinhin vorwiegend der Abdeckung von Materialien oder als Sichtschutz bei Gärten oder Balkonen Verwendung finden. Die dünnen Betonplatten wurden nach Erhärtung gebrochen und können deshalb als Skulpturen frei im Raum stehen. Das angeblich Harte (Bert Brecht: “Du verstehst, das Harte unterliegt”) erweist sich als fragil, die bruchbedingten Ritzen ermöglichen einen Durchblick und konterkarieren die Abschirmfunktion der Matten.

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↑↓ Schilf ohne Wasser, 2014, Objekt 2/3, Beton, Gips, Metall, 110 × 110 × 3 cm

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“Wieso”, fragte die Libelle Philomena ihre liebste Freundin, die Fledermaus Izquierda, “ist den Menschen eigentlich passiert, was ihnen passiert ist?” Das war im Sommer, als (…) im Sumpf südlich von Landers wie aus dem Nichts Rohrgewächs emporschoss, obwohl es da vor lauter Hitze kaum noch feucht war. Schilf ohne Wasser: ein Rätsel. (…) Hätte das, was sie waren, weiterwachsen können, nachdem die Grundlagen dafür verloren waren, gleichsam als Rohr, das gedieh, wo es nicht feucht war, als Schilf ohne Wasser?” (aus: “Die Abschaffung der Arten”, Dietmar Dath, 2008, Katalog zur Ausstellung).

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Ausstellungsparcours in der Galerie

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Eine wunderschöne Arbeit: der Kubus aus übereinander geschichteten Feigenblättern, gehalten allein durch deren Gewicht und die reibungsbedingte Haftung, ein in sich konsistentes wie zugleich höchst fragiles, bereits von einem Luftzug bedrohtes Objekt. Welchen Bestand wird es haben, wenn die Blätter altern, sich in ihrer Substanz verändern?

Und dann das “Feigenblatt”: altbekanntes Objekt zum Verbergen der Geschlechtsteile nackter Menschen bei Malerei und Skulptur, im übertragenen Sinne etwas, um wahre Gegebenheiten scheinheilig zu verdecken. Sinnig: ein Blatt bedeckt das andere.

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Ohne Titel, 2014, Feigenblätter, 70 × 70 × 65 cm

Ein Glasstab, ein Produkt der in Mainz angesiedelten Firma Schott, aus dem Rohlinge zur Fertigung optischer Linsen geschnitten werden – werden sollten: denn der Stab, den das Künstlerduo erwarb, wurde nach Aufgabe der entsprechenden Produkte seiner ursprünglichen Bestimmung nicht mehr zugeführt. Er lehnt nun als künstlerisches Objekt an der Wand, eine Kunststoff- (“Klarsicht”)hülle, bekannt zur Aufnahme von Papieren und Aktenstücken für den schnellen Zugriff, umhüllt seine Spitze. Das für den industriellen Prozess nicht mehr taugliche Werkstück wird gleichsam zur Archivalie.

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Ohne Titel, 2014, Glas und Kunststoff, 108 × 28 cm

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↑↓ Ohne Titel, 2014, Gips und Metall, 223 × 288 × 2 cm

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Eine Vergitterung, der Sicherheit dienend, nun in Gips abgegossen ein Zeichen für das Gegenteil, ein Fusstritt brächte es zum Kollabieren.

Glas – Sinnbild, fast Synonym für Zerbrechlichkeit (wir sprechen beispielsweise von “Glasknochenkrankheit”). Ein Glasscherben, verschieden gefärbte Gläser übereinander: sie ergeben ein tiefes, aus Reiseveranstalterprospekten bekanntes Ägäis-maritimes Blau bei allerbestem Urlaubswetter. Was für eine Karikatur!

Ohne Titel (Glas)

Ohne Titel, 2014, Glas, 60 × 93 cm

Wuchs und Absterben, Werden und Vergehen, Täuschung und Realität. “Das Bewusstsein für die Unbeständigkeit gegenwärtiger Ordnungen spiegelt sich vor allem in der Zerbrechlichkeit der installativen Arbeiten wieder … Der Bruch als übergreifendes Stilmittel verbindet eine aktivierende Kraft mit dem Moment der Reflexion. Er steht zum einen für den aktiven Neuanfang als Möglichkeit des politischen Handelns und verweist zugleich auf naturgegebene Prozesse” (Michaela Filla-Raquin).

Wiebke Grösch/Frank Metzger: ” ‘Schilf ohne Wasser’ beschreibt den Kreislauf von Wachstum, Zerstörung und Wiederaufbau, von Anpassung und Abgrenzung. Die Scherben, Bruchstücke und Abdrücke sind Spuren der sich vollziehenden Veränderung und Grundlage für etwas Neues. Denn Schilf wird unter Druck zu Kohle. Und Druck gibt es genug.”

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Künstlergespräch: Galeristin Heike Strelow mit Anna Götz, Kuratorische Assistentin im MMK (Gesprächsführung), Wiebke Grösch und Frank Metzger (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Biografische Notizen: Wiebke Grösch und Frank Metzger leben und arbeiten als Künstlerduo in Frankfurt am Main; Studium: 1998 bis 1999 Research Studies, Institut für Gegenwartskunst, Akademie der Bildenden Künste, Wien; 1997 Diplom an der Hochschule für Gestaltung HfG Offenbach; seit 1998 zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, zahlreiche Preise und Stipendien; Frank Metzger ist seit 2013 Wissenschaftlicher Koordinator am International Office des Fachbereichs Architektur der Technischen Universität Darmstadt; Wiebke Grösch war Künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Performative Kunst/Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Wien; beide lehrten als Dozentin/Dozent für bildende Kunst an der HfG.

“Schilf ohne Wasser”, Galerie Heike Strelow, bis 24. Oktober 2014

Abgebildete Arbeiten/Fotos © Wiebke Grösch / Frank Metzger