home

FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Städelschule: Rundgang 2016

11. Februar 2016

!cid_6718D860-784A-4D97-AFE7-FCB45FD60FEC@staedelschule

Wieder einmal öffnet heuer die Städelschule (ihr offizieller Titel lautet Staatliche Hochschule für Bildende Künste) ihre Ateliers für das Publikum zur traditionellen Rundgangsveranstaltung – und wie in den vergangenen Jahren werden etwa 15.000 Besucherinnen und Besucher und möglichst noch mehr erwartet. Der Startschuss fällt am Freitag, 12. Februar 2016, um 18 Uhr mit der Verleihung der Rundgangspreise in der Mensa des Hauptgebäudes Dürerstrasse und anschliessend um 20 Uhr mit der Eröffnung der ersten Einzelausstellung des libanesischen Künstlers Lawrence Abu Hamdan in der der Hochschule zugehörigen Ausstellungshalle Portikus auf der Maininsel.

Während des dreitägigen Events werden Studierende der international renommierten Professoren wie Ben van Berkel, Johan Bettum, Peter Fischli, Douglas Gordon, Judith Hopf, Michael Krebber, Tobias Rehberger, Willem de Rooij und Amy Sillman, ihre Ateliers öffnen und der Öffentlichkeit einen Einblick in ihre Praxis gewähren. Zu den Lehrenden gehören ferner die Professoren Daniel Birnbaum, Isabelle Graw und Philippe Pirotte. Die Studierenden des Studiengangs Curatorial & Critical Studies haben ein Programm von Vorträgen und Gesprächen zusammengestellt, die in der Aula des Hauptgebäudes stattfinden werden. Videokünstler und Filmemacher zeigen ihre Produktionen im Deutschen Filmmuseum und die Architekturklasse stellt in ihren Klassenräumen aus.

Öffnungszeiten: im Haupthaus Dürerstrasse 10 und 24 und in der Dependance Daimlerstrasse 32 von Freitag, 12. Februar bis Sonntag, 14. Februar 2016 jeweils von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Das reichhaltige Programm nebst Führungen und weiteren Informationen ist auf der Website der Städelschule publiziert.

L1290705A-450

Städelschul-Rektor Professor Philippe Pirotte im Pressegespräch

Rektor Professor Philippe Pirotte, Professorin Judith Hopf, Prorektorin, und Professor Willem de Rooij erläutern im Pressegespräch Aufgaben und Position der Kunsthochschule: Was ist das Besondere an dieser mit rund 130 Studierenden des Fachbereichs Freie Bildende Kunst und circa 60 Studierenden des Fachbereichs Architektur im nationalen wie internationalen Vergleich zahlenmässig eher kleinen Hochschule? Sie vergibt keine Diplomzeugnisse – lediglich kann der Titel „Meisterschüler“ eines Professors erworben werden. Lehrende und Studierende begegnen sich gewissermassen auf Augenhöhe. Die Studentinnen und Studenten sollen von der Vorstellung befreit werden, als Teil einer universitären Struktur auf ein Ziel hin, also etwa für den Erwerb eines Diploms zu arbeiten oder ihr Studium als eine Art Business zu begreifen. Ziel des Studiums ist vielmehr die Entwicklung einer freien, selbstbewussten, Eigeninitiative entfaltenden künstlerischen Persönlichkeit. In diesem Sinne werden die Studierenden („wir behandeln sie als Künstler und nicht als Schüler“) von Anfang an in ihrem bereits im Aufnahmeverfahren unter Beweis gestellten künstlerischen Potential bestärkt, wobei die Lehrenden deren sich über zehn Semester erstreckenden Weg an der Hochschule behutsam beratend und auch korrigierend begleiten.

So sollen die Studierenden im Diskurs mit ihren Professoren wie auch den Mitstudierenden gleichermassen „Lust“ an der Kunst und am künstlerischen Experiment wie Verantwortlichkeit für Kunst samt deren gesellschaftlichem Stellenwert entwickeln, was auch ein stetiges Sich-Selbst-Befragen und Infragestellen („warum mache ich dies?“) wie auch das Bewusstsein für die Risiken einer Existenz als Künster, Kurator oder Architekt einschliesst.

Entsprechend haben früher an den Akademien gepflegte starre Kategorisierungen etwa in Bereiche wie Malerei, Skulptur, Foto oder Video seit längerem ihre Bedeutung verloren zugunsten eines spartenübergreifenden Kunstverständnisses, obgleich es beim bevorstehenden Rundgang nach wie vor auch einiges an reiner Malerei, an Zeichnungen oder Druckgraphik zu sehen gibt. Und entsprechend hat sich die Kunst mehr und mehr auf das Performative hin entwickelt.

L1290746-450

↑ Blick in die Lichthalle des Haupthauses;
↓ Nicht erschrecken beim Gang durch die Flure

L1290733-450

Fotos: FeuilletonFrankfurt

→ Städelschule: Rundgang 2015 (1)

„Zeitschleifen“: Brigitte Gutwerk und Johannes Kriesche im Haus der Stadtgeschichte Offenbach

8. Februar 2016

Von Hanneke Heinemann
(© Eröffnungsansprache/Vorabveröffentlichung aus dem Katalog)

„So wie das Wasser
den Felsen umspült
verläuft die Zeit in Schleifen.“
(aus: Denis Thériault „Siebzehn Silben Ewigkeit“, dtv 2011)

Das aus 17 Wörtern bestehende japanische Haiku (Kurzgedicht) inspirierte Brigitte Gutwerk zum Titel einer ihrer Skulpturen aus dem Jahr 2015. In diesen wenigen Zeilen finden sich viele Elemente, die sich in ihren Arbeiten wiederfinden. Ist es ein Zufall, dass in der Mitte dieses Haikus ein Stein steht, der von etwas Beweglichem, dem Wasser, umgeben wird? Wasser, welches kommt und geht, entsteht und vergeht? Panta Rhei – alles fließt und wandelt sich – , solche Gedanken sind ebenfalls seit Jahrtausenden, spätestens jedoch seit Heraklit, in der westlichen Philosophie gegenwärtig.

Brigitte Gutwerk studierte Kunstpädagogik an der Universität Frankfurt und findet viele Betätigungsfelder nicht nur in Offenbach. Mit ihrer Kinder-Kunst-Baustelle erfüllt sie sich die Herzensangelegenheit, Kinder an Kunst heranzuführen und ihnen in ihrer Kreativität bei der Herstellung von Betongroßfiguren Selbstvertrauen zu geben. Sie legt Wert darauf, dass die Werke im Lebensraum der Menschen verbleiben und ihnen Lebensfreude bringen. Bei vielen dieser Projekt steht ihr Johannes Kriesche, den sie kurz vor der Jahrtausendwende kennenlernte, zur Seite.

L1290677-600

Brigitte Gutwerk, Projekt Kinder-Kunst-Baustelle

Nach Italien, dem Land großer Meister und weltberühmter Steinbrüche, zieht es sie immer wieder. Das Material und die Omnipräsenz einer trotz aller Technik noch handwerklich geprägten Steinmetztradition in Marmor inspirieren sie jedes Mal aufs Neue.

Die Faszination Italien eint sie mit Johannes Kriesche, für den ein Studienaufenthalt in Rom prägend war. Als nicht mehr ganz junger Mann und Maler kam er nach Rom, wo er die Werke der großen Meister studierte, die Geschichte in jedem Moment und Monument spürte und sich mitunter über die Gegenwart wunderte. Eine große Papierarbeit fasst seine Eindrücke in einer anspielungsreichen Frauenfigur zusammen, die in ihrer Technik zwischen Collage und Grafik trotz oder gerade wegen ihrer zahlreichen Verweise auf die Vergangenheit modern wirkt: „Donna Roma“ (1995) versammelt Grundrisse von Altertümern, Symbole einer jahrtausendalten christlichen Tradition, aber auch archetypische Symbole und Versatzstücke aus Pornodarstellungen. So vielschichtig kann „Frau Rom“ sein.

Kaum nach Deutschland zurück gekehrt, entsteht ein Pendent, der „Signore Francoforte“ (1996). Statt Altertümer vereint die Figur Hochhausgrundrisse und moderne Transportmittel wie Flugzeuge. Eigenartigerweise fehlen noch Hinweise auf „Bankfurt“, die Bankenstadt. Symbole für Geld finden sich dafür umso häufiger in den jüngeren Bildern.

Panor

Johannes Kriesche, (li.) „Donna Roma“, 1995, Mischtechnik auf Papier, 210 x 100 cm; (re.) „Signore Francoforte“, 1996, Mischtechnik auf Papier, 210 x 100 cm; Fotos: Johannes Kriesche

Brigitte Gutwerks Themen sind das Werden, das sich beispielsweise im Keimen einer Frucht, der Geburt oder im organischen Wachsen äußert. Sie nutzt dabei Materialien, in denen man Strukturen sehen und ertasten kann, die jedoch Widerstand entgegensetzen, der zur Konzentration anleitet: leicht zu bearbeitenden Speckstein (Steatit), Marmor, Alabaster, Serpentingesteine, aber auch plastische Materialien wie Gips, Steinguss oder Beton. Sie beginnt ihre Arbeit mit dem Stein meist ohne Vorzeichnung und lässt sich von ihrer Inspiration und den Unregelmäßigkeiten im Stein leiten, den Spuren, die die Erdgeschichte in ihm hinterlassen hat. Auffällig in ihren Figuren ist die mitunter kräftige Farbigkeit der Steine, die vom durchscheinenden fast farblosen Alabaster, vom weißen Marmor, vom Speckstein in unterschiedlichen Pastelltönen bis zum kräftigen Serpentin meist in starken Braun- oder Grüntönen reicht.

Ohne es zu planen, kehrt sie immer wieder zu Grundformen zurück, die in allen Kulturen und auch schon in Kinderzeichnungen in der ganzen Welt zu finden sind wie beispielsweise Kreis, Spirale oder Oval. Rechte Winkel wie in einem Kreuz oder Quadrat findet man bei ihr kaum. Ihre Themen sind Pflanzen sowie die menschliche, fast immer weibliche Figur, aber auch Abstraktes mit organischen Formen.

Ein besonders schönes Beispiel hierfür ist die recht frühe Marmorskulptur „Wiederkehr der Dinge“ (1987), die mit organischen Formen die Leere in der Mitte umspielt. Die in der Projektarbeit mit Kindern und Jugendlichen entstandenen Betongroßskulpturen sind häufig Tiere und Fantasiegestalten, die mit Mosaiken belegt und bemalt sind. Sie strahlen eine Lebensfreude aus ähnlich den Großfiguren Nicki de Saint Phalles im Tarot-Garten in der Toskana. Bei aller Freundlichkeit und Gutmütigkeit behalten sie jedoch eine Eigenwilligkeit, die große Akzeptanz schafft.

Panor2

Brigitte Gutwerk, Ausstellungsansichten, (li.) „Wiederkehr der Dinge“, 1987, weisser Marmor, 97 x 39 x 23 cm; (re.) „Das Ferne so nah“, 2008, Steatit, 55 x 13,5 x 7,5 cm

Ihre freien Arbeiten wirken durch die Farbigkeit des Materials und kommen ohne Bemalung aus. Brigitte Gutwerk vertraut auf Form, dem Spiel des Lichtes im Stein und auf die Oberflächenbeschaffenheit. Manche der Skulpturen erinnern mit ihren strengen Ornamenten und fließenden Formen mit unfigurativen Elementen an Arbeiten zwischen Jugendstil und Moderne, einer Zeit, in der die von Brigitte Gutwerk ausgeübte Technik des taille direct – des direkten Arbeitens im Stein ohne Vorzeichnung – starke Beachtung bei Bildhauern fand. Ein Beispiel hierfür ist die Frau mit dem Fisch („Das Ferne so nah“, 2008), eine ungewöhnlich flache Figur ähnlich einem Idol aus vorgeschichtlicher Zeit. Grafische Strenge in den Linien von Rock und Haaren werden von der geschlängelten Form des Fisches und der der Kopfbedeckung unterbrochen.

Brigitte Gutwerk weist immer wieder darauf hin, dass Formen aus der Natur ihre größte Inspiration seien. Sie spricht sogar metaphorisch von sich als eine Pflanze. So verwundert es nicht, dass sich besonders seit 2008 das Thema „Ich bin eine Pflanze“ durch ihre Arbeiten zieht. Blattformen oder Antennen, die wie Blüten aussehen, sind bis heute Elemente ihrer Werke.

L1290568-450

„Geburtsstunde der Erdfrucht“, 1997, Steatit, 43 x 33 x 18 cm

Am deutlichsten sieht man eine Verbindung zwischen Mensch und Pflanze vielleicht in der Steatitskulptur „Geburtsstunde der Erdfrucht“ (1997): Nur durch ein behutsames, nicht tief in das Volumen eindringendes Behauen der Oberfläche wird unter der Schale vorne ein weiblicher Schoß und hinten ein Gesäß sichtbar. Die Unterscheidung zwischen dem Innen mit noch deutlich sichtbaren Bearbeitungsspuren und dem durch das Polieren geschlossen wirkende Außen, das sich zaghaft nach oben öffnet, wird ein Keimen, ein Heraustreten in die Welt versinnbildlich.

L1290571-450

„Genesis 3“, Steatit, 2015, 43 x 15 x 13 cm

Rätselhaft wird es in der im letzten Jahr geschaffenen hellen Skulptur „Genesis 3“ (2015), wenn sich menschliche Körperteile, nämlich Füße, mit einer rhythmisierten Form, die ein Fruchtstand oder ein romanisches Lendentuch sein könnte, verbindet. Ganz ungewöhnlich ist es dann, wenn jüngst in einer Steinguss-Assemblage ein Fuß wie ein Blatt gebildet ist, das sich zusammen mit weiteren zu einem Fußkohl anordnet, der kaum noch die Anmutung eines menschlichen Fußes trägt. Diese menschlich-vegetabilen Elemente erscheinen natürlich, von ihnen geht kein Schrecken aus wie von einer vielleicht vermuteten Mutation. Der Gedanke daran, dass Natur und Leben durch den Menschen bedroht sind, quält Brigitte Gutwerk, findet jedoch keinen sichtbaren Eingang in ihre Skulpturen – im Gegensatz zu den Malereien von Johannes Kriesche, die mitunter offensiv von Bedrohung handeln. Mit zart und sensibel gestalteten, aus der Natur entlehnten Formen wie Nuss oder Same führt uns Brigitte Gutwerk vor Augen, dass Fruchtbarkeit und Leben kostbar, aber auch verletzlich sind.

In den Arbeiten von Johannes Kriesche kommt die Natur häufig lediglich als Versatzstück vor. Die Baumwipfel, die er aus Böcklins Toteninsel adaptiert, erscheinen eher als Zickzackkurve denn als romantische Sehnsuchtskulisse. Auch sonst unterscheiden sich die Motive im Vergleich zu Brigitte Gutwerks Arbeiten. Technik in Form von Autos und Booten als Symbole von Schnelligkeit und Bewegung sowie moderne Kommunikationsgeräte bestimmen viele Bilder von Johannes Kriesche. In sie mischt sich fast immer eine deutliche Gesellschafts- und Konsumkritik, die mit einer Ambivalenz zwischen Scheitern und Erfüllung menschlicher Sehnsucht spielt.

L1290647-600

„Ikarus / Hommage an Böcklin“, 2010, Öl auf Leinwand, 140 x 170 cm

Das Bild „Himmelstürmer“ von 2014 zeigt eine athletische Figur mit durchgebogenem Rücken, in der wir den Kunstturner Fabian Hambüchen erkennen können. Sie scheint eher zu fallen als höhere Sphären zu erobern. Dies erreicht wohl eher der daneben sitzende Mann in Freizeitkleidung, der in buddhistischer Gebetshaltung meditiert. Beiden ist gemein, dass sie ihre Kraft auf einen Punkt konzentrieren, um ein Ziel zu erreichen. Zusätzlich verrätselt wird das Bild durch eine Dreierspirale, dem keltischen Symbol für den Kreislauf des Lebens aus Werden, Sein und Vergehen. Mit dem Verweis auf meditative Versunkenheit und das Abbilden der archetypischen Grundform der Spirale können wir eine Schleife zurück ziehen zum Werk von Brigitte Gutwerk. Die Abbildung der Tankstelle im oberen Bereich des Bildes ist jedoch ein Selbstbezug auf Johannes Kriesches Lichttempel, eine gegen Ende der Achtzigerjahre entstandene Serie von Tankstellenbildern, die er mit einer Paraffinschicht verfremdet.

L1290623-450

„Himmelstürmer“, 2014, Öl auf Leinwand, 170 x 140 cm

In Tankstellen wird der Stoff verkauft, der Autos, Deutschlands wichtigste Statussymbole, mit Brennstoff versorgt. Die Lichtinszenierung der Tankstellen erinnert Johannes Kriesche an Tempel; das Paraffin, mit dem er die Bilder überzieht, ist ein Abfallprodukt aus der Mineralölherstellung, das durch seine Transluzenz mit der Oberfläche und dem Licht spielt. Die in jeder Nacht zu beobachtende einfarbige Lichtinszenierung der Tankstellenarchitekturen ist eine durchdachte Marketingstrategie der Ölkonzerne, um den Konsumenten zum Halt an genau dieser Tankstelle zu bewegen. Dadurch, dass Johannes Kriesche die Wirkung des farbigen Lichtes bremst und die Orte teilweise nur als Schemen erscheinen lässt, konterkariert er die Tricks der Verkaufsexperten. Auf einigen Bildern entsteht so eine Atmosphäre, die man in anderen Zeiten vielleicht der Schwarzen Romantik zugeordnet hätte.

In späteren Bildern ist Konsumkritik offener, anklagender, jedoch nie plakativ wie beispielsweise in „Gorillas Move“ von 2012. Weil einige Motive aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen sind, entziehen sie sich einer schnellen Lesbarkeit: Ein toter Gorilla liegt auf einem Smartphone bzw. einem Tabletcomputer und wird von Rangern abtransportiert. Ein fahler Mond bescheint die Szenerie, die von starken Schatten bestimmt wird. Die schon im Foto der Vorlage angelegte stürzende Perspektive verunsichert den Betrachter zudem. Ohne die Kenntnis des grausigen Motivs könnte die Komposition durch die stimmig gewählten Farben durchaus angenehm wirken. Der Gorilla wurde jedoch im Kongo Opfer eines illegalen Rohstoffabbausyndikates und ist für Johannes Kriesche Symbol für die menschliche Habgier, die die Natur gnadenlos ausbeutet, um beispielsweise an Seltene Erden zu gelangen, die unter anderem zur Handyherstellung benötigt werden. Die zwei großen Eurosymbole, die das Bild wie ein Wasserzeichen überziehen, lassen keinen Zweifel an der Deutung dieses Bildes.

L1290634-600

„Gorillas Move“, 2012, Öl und Heißkleber auf Leinwand, 105 x 170 cm

Auch andere Bilder, die auf dem ersten Blick harmlos erscheinen könnten, beziehen sich auf konsumkritische Themen, wie Exzesse im Fleischverzehr. Auf der anderen Seite widmet Johannes Kriesche auch Randgruppen aus der Subkultur Serien, um ihnen Wertschätzung erfahren zu lassen.

Neben nächtlichen Themen wird auch Licht schnell bedeutend für ihn, das er zunächst allerdings nur auf der Leinwand, unter anderem in Form von altertümlichen und extravaganten Lampen thematisiert oder durch die Materialität des Paraffins vergegenwärtigt. Seit etwa fünf Jahren arbeitet er mit Lichtquellen und verwendet sie in Installationen, die beispielsweise auf der Luminale gezeigt wurden oder im Innenhof seines Ateliergebäudes in Frankfurt. In den Lichtskulpturen, die wie Geflechte an Türmen und auf Rasenflächen hängen, stehen und blinken, werden griechische Mythen wie Leda und der Schwan, Märchen wie Rapunzel und weitere Themen umgesetzt. Eine Installation im Offenbacher Hafen visualisierte in Farben das Geburtsdatum der Besucher und nahm damit auch konzeptuelle Elemente auf. Recht neu ist die Verwendung von leuchtenden Perlenreihungen, bei denen das Licht durch kleine Kugeln nach außen geleitet wird. Sie tragen Titel wie „Unlösbare Erinnerung“ oder „Zeitschleife“. Erinnerungen beziehen sich auf Zeit, weil sie einen mehr oder weniger großen zeitlichen Abstand zur Gegenwart haben. Philosophen, Poeten und Künstler haben Erinnerung unterschiedlich beschrieben, etwa als einen Gegenstand, der sich in eine Wachsplatte eindrückt, wie ein erhabener Punkt, der aus Unebenheiten hervorragt oder wie hier als eine Reihung von einzelnen Ereignissen. Manche Begebenheiten haben sich so stark ins Gedächtnis eingeprägt, dass sie zu leuchten scheinen, wobei unbedeutende und vielleicht auch unangenehme Erinnerungen häufig ausgespart und im Dunkeln bleiben. Die Schleife in der Erinnerung macht jedoch deutlich, dass weder das Leben noch das Gedächtnis linear verlaufen. Mitunter ist die Erinnerung so verworren, dass sie in der Zeit wieder zurückführt und eine weitere Wendung vollführt. Die Zeitschleifen bilden einen geschlossenen Komplex, der mit den lichtdurchfluteten Perlen ästhetisch schön anzusehen ist.

L1290607-600

„Zeitschleife 2“, 2015, LED-Tube und Glas, 45 x 35 x 25 cm

Licht kann auf etwas Göttliches bzw. Überirdisches verweisen und somit ein Sehnsuchtsort sein. So überrascht es nicht, wenn Johannes Kriesche für seinen nicht verwirklichten Wettbewerbsbeitrag für das Romantikerhaus eine durch Glaskugeln gebildete blaue Blume für einen Durchgang vorschlug. Der Durchgang hätte besonders nachts bei LED-Beleuchtung gefunkelt wie ein bei Novalis beschriebenes Bergwerk mit Edelsteinen und hätte dem Raum so eine magische Ausstrahlung verliehen und ihn mit Sehnsuchtsgefühlen aufgeladen.

In diese Richtung entwickelt sich seine Arbeit weiter: Für die Luminale 2016 bereitet er für den Kunstverein Familie Montez in Frankfurt eine „Musenträne“ des „Magus“ vor, eine Zeitschleife, die eine Blaue Blume umfängt und dann sicherlich eine magische Atmosphäre ausbreiten wird.

L1290505A-600

(v.l.) Hanneke Heinemann (Katalog und Eröffnungsansprache), Johannes Kriesche und Brigitte Gutwerk in der Vernissage

Johannes Kriesche und Brigitte Gutwerk „Zeitschleifen“, Skulpturen, Bilder aus Paraffin, Acryl und Öl auf Leinwand, Lichtskulpturen, Industriehalle im Haus der Stadtgeschichte Offenbach am Main, bis 28. Februar 2016

Zur Finissage am Samstag, 27. Februar 2016, 15 Uhr, erscheint ein Katalog und es findet ein Künstler-/Kuratorengespräch statt

Werke von Johannes Kriesche © VG Bild-Kunst, Bonn; Werke von Brigitte Gutwerk © die Künstlerin; Fotos (soweit nicht anders angegeben): FeuilletonFrankfurt

Das Kunstwerk der Woche (5)

6. Februar 2016


Die Arbeit einer Künstlerin oder eines Künstlers
aus den Atelierhäusern in Frankfurt am Main

Constanza Weiss, AtelierFrankfurt

Blindes Ehepaar-600

„Blindes Ehepaar“, 2010, Öl auf Leinwand, 1,50 m x 1,80 m; Foto: Tom Hönig

Wir machen es uns nicht leicht in unserer wöchentlichen Edition, wollen wir doch keine Werke vorstellen, die den Betrachter als Kunstkonsumenten wohlgefällig befrieden, sondern die ihn im Gegenteil durchaus auch irritieren und (heraus-)fordern.

Ein blindes Ehepaar, in grossem Format porträtiert. Darf man denn solch ein Sujet malen und dann gar in der Öffentlichkeit zeigen? Ist da nicht eine Intimsphäre berührt, die uns zurückschrecken lässt? Auch können die Dargestellten ihr Abbild nicht einmal selbst sehen – wären sie mit ihm denn überhaupt einverstanden? Offenkundig besteht da ein grosses und ungewöhnliches Vertrauen der „Modelle“ zu „ihrer“ porträtierenden Künstlerin. Und dieses Verhältnis beziehungsweise Vertrauen ist es, das uns beim Anblick dieses Werkes in besonderer Weise berührt und das dem Doppelporträt seinen besonderen Charakter verleiht.

Eigenwillig positioniert Constanza Weiss das Paar in einer unterkühlt wirkenden, überhellen Szenerie, in der es im Seitenlicht – ebenso wie eine entfernte Stehlampe – dunkle Schatten auf den Boden wirft. Der Kontrast lässt die „Dunkelheit des Blindseins“ um so sinnlicher erscheinen. Die markante Beinstellung der in ihrer Korpulenz dominant erscheinenden Frau erinnert uns an die Expressivität des van Goghschen „Zuaven“. Ihre Blindheit verbirgt sich hinter einer verdunkelnden Brille, diejenige des eher schmächtigen Mannes offenbart sich in der Blicklosigkeit seines rechten Auges, das linke ist geschlossen. Beide wirken mit ihren gefalteten Händen versammelt und in sich gekehrt – und dennoch selbstbewusst.

„Das Bild ‚Blindes Ehepaar‘ ist Teil einer Serie von Portraits von blinden Personen“, sagt uns die Künstlerin. „In der Vergangenheit habe ich mich durch die Serien ‚Blicke‘ mit der Macht des Blicks beschäftigt. Mit der Zeit hat das in mir das Interesse für Blinde geweckt, da man bei ihnen in den Augen zunächst keinen Ausdruck wahrnimmt, ihr Gesicht aber Gefühle und Verbindlichkeiten deutlich stärker widerspiegelt, als das bei Sehenden der Fall ist. Die Personen haben alle für mich Modell gesessen, da die Kommunikation zwischen Modell und mir als Künstlerin während der Entstehung des Bildes wichtig ist für dessen Lebendigkeit. Meinen Malstil würde ich als naturalistisch und expressiv beschreiben. In der konkreten Ausführung geht es mir dabei vor allem um das Zusammenspiel von Licht und Schatten, was sich meiner Meinung nach besonders gut in der Technik Öl auf Leinwand verwirklichen lässt.“

→ FAT – Frankfurter Ateliertage 2014 (3)

→ Das Kunstwerk der Woche (1)

→ Begegnung im Dunkeln: Das DialogMuseum in Frankfurt am Main

„Stiffelio“ von Giuseppe Verdi an der Oper Frankfurt

5. Februar 2016

Linas Sexualität als treibende Kraft der Inszenierung
Unterdrückte Begierden – Heuchelei – mörderischer Ehrbegriff

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Monika Rittershaus / Oper Frankfurt

Die selten gespielte Oper „Stiffelio“ von Giuseppe Verdi hatte am 31. Januar 2016 Premiere. Die Frankfurter Erstaufführung wird in italienischer Sprache gesungen mit deutschen Übertiteln.

Ein schwieriges, aber heute noch durchaus relevantes Thema hat Verdi (1813-1901) aufgegriffen. Seine Brisanz rief die Zensur auf den Plan, die das Libretto kurz vor der Uraufführung 1850 in Triest verstümmelte. Das Werk, das erst kürzlich rekonstruiert wurde, hatte der Komponist später sogar zurückgezogen: Auch wenn es sich um einen protestantischen Prediger und Pastor einer Sekte namens Stiffelio, der verheiratet war, handelte, so war man im katholischen Italien, dessen Kirche grundsätzlich durch unverheiratete Priester repräsentiert wird, schockiert. Ein christlicher Pastor, der fast zum Mörder wird, der seine Frau, die ihn betrogen hatte, zur Scheidung zwingt, das war zu viel für das damalige Publikum.

stiffelio_05_HQ-600

(v.l.) Sara Jakubiak (Lina), Russell Thomas (Stiffelio) und Dario Solari (Stankar); © Monika Rittershaus

Während der Ouvertüre, bei der die Trompete signifikant hervortritt, sitzen in einem gläsernen Bau Lina und ihr Vater, Graf Stankar, bei der aufgebahrten toten Mutter beziehungsweise Ehefrau. Keine emotionale Regung, Eiseskälte. Weiterlesen

„Le Cantatrici Villane“ von Valentino Fioravanti an der Oper Frankfurt

2. Februar 2016

Theater im Theater

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Das Dramma giocoso – deutscher Titel „Aufstieg der Sängerinnen“ – von Valentino Fioravanti hatte am 23. Januar 2016 Premiere im Bockenheimer Depot. Besprochen wird die Vorstellung am 29. Januar.

Spritzige, schöne Musik, turbulenter, klamaukhafter Inhalt, ein toller Faschings- beziehungsweise Karnevalsspass (jemand neben mir sagt in der Pause: “Kölle Alaaf“). Dieser Spass ist der pfiffigen Inszenierung, den mitreissenden Sängerinnen und Sängern, dem lebhaft musizierenden Orchester unter Karsten Januschke zu verdanken. Häufiges Lachen, viel Beifall aus dem Publikum.

Nachdem selbst das Brockhaus-Musiklexikon und das dicke Reclam-Komponisten-Lexikon den italienischen Komponisten Valentino Fioravanti (1764-1837) nicht verzeichnen, schäme ich mich nicht meiner Bildungslücke, ihn noch nicht gekannt zu haben. Fioravanti, einige Jahre jünger als sein Zeitgenosse Wolfgang Amadeus Mozart, schrieb über 70 Opern. Seine erfolgreichste, „Le Cantatrici Villane“, uraufgeführt 1799 in Neapel, war ein Renner auf europäischen Bühnen. Selbst Johann Wolfgang Goethe inszenierte sie höchstpersönlich in Weimar. Leider erlebte die Oper bis zur Unkenntlichkeit verstümmelnde Umarbeitungen. Die Frankfurter Fassung ist vom Komponisten, Dirigenten und Musikautor Roberto Tigani in der Bologneser Edizione Bongiovanni erschienen.

LE CANTATRICI VILLANE | Valentino Fioravanti | Oper Frankfurt | Premiere 23.01.2016 | Bockenheimer Depot Musikalische Leitung Karsten Januschke Regie Caterina Panti Liberovici Bühnenbild Sergio Mariotti Kostüme Caterina Botticelli Licht Jan Hartmann Dramaturgie Deborah Einspieler Don Bucefalo Björn Bürger Rosa Jessica Strong* Carlino Michael Porter Agata Karen Vuong Don Marco Thomas Faulkner* Giannetta Maren Favela Nunziella Katharina Ruckgaber* Frankfurter Opern- und Museumsorchester *Mitglied des Opernstudios

(v.l.n.r.) Jessica Strong (Rosa), Katharina Ruckgaber (Nunziella) und Karen Vuong (Agata); Foto © Barbara Aumüller Weiterlesen