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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Valentina Stanojev: Animierte Scherenschnitte im 1822-Forum

18. September 2014

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Plakat zur Ausstellung

Ins Varieté wollten wir eigentlich nicht, sondern ins Kunstforum; und überhaupt, was soll das, Scherenschnitte? Wir leben doch nicht mehr im 19. Jahrhundert, wo solches einmal “modern” war!

Nun steht “Contemplation” auf dem Plakat, und weiter lesen wir, dass uns wohl unheimliche, seltsame, exotische, quälende Erzählungen erwarten. Und greift da nach dem so voll unendlicher Melancholie dreinschauenden Clown – es ist die Künstlerin selbst – nicht ein schwarzknochiges Skelett?

Also begeben wir uns hinein in Max Pauers Zauberkabinett, ins 1822-Forum. Im Blick zurück auf die Tür, die wir soeben geschlossen hatten, gewahren wir, wie auch am Fenster zur Strasse, grossformatige schwarze Scherenschnitte. Vegetatives, Urwaldliches scheinen sie zu verkörpern, auch Bedrohliches, wir denken sofort an die Venusfliegenfalle, jene aus Sicht der Insekten und Kerbtiere berüchtigte wie gefürchtete Pflanze.

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Den Galerieraum teilen weisse, transparente, von der Decke herabhängende Vorhänge, auf dem Boden verschiedene Leuchtkästen, ihr gelbliches Licht verdanken sie jeweils einer einzigen Warmton-Glühbirne, die Motive – wir sehen Assoziationen an den Heiligen Sebastian, den Pfeil des numidischen Bogenschützens im Bauch, ein Bild eines unbekannten Meisters aus dem Kreis von Perugino, oder an Hokusais legendäre Grosse Welle vor Kanagawa – verweisen bereits auf die uns erwartenden Projektionen der ganz besonderen Art.

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Sind es Szenen aus Märchen, die da als Schwarz-Weiss-Projektionen vor unseren Augen herruckeln? Der Besucher tut gut daran, ein wenig auf der Fensterbank zu verweilen und sich den jeweils kurzen, wenngleich alles andere als kurzweiligen Katalog-Texten von Frank Hatami-Fardi und Professor Jean-Christophe Ammann zuzuwenden. So wird er erfahren, dass die filmischen Scherenschnitt-Stories inspiriert sind von Donatien Alphonse François Marquis de Sades stets Zensur-verfolgten Skandal-Romanen “Justine ou les Malheurs de la vertu” und “Histoire de Juliette, ou les Prospérités du Vice” aus den Jahren 1787 und 1796. Juliette, die Hure, und Justine, die Heilige – bei de Sade zwei unheilvolle Schwestern; “Heilige und Hure” – eine von Männerfantasien auch heute noch gespeiste Projektion als “Idealbild” einer Frau? Die Künstlerin scheint in ihrer filmischen Scherenschnitt-Protagonistin beide zu vereinigen und den pfeilgespickten Heiligen Sebastian gleich mit dazu. Und so schreibt Hatami-Fardi: “Valentina Stanojev spielt sowohl mit unseren Erwartungen als auch mit den von ihr selbst geschaffenen Gegebenheiten. Und sie bricht sie. Jedoch tritt sie hierbei nicht als allwissende Autorin auf, sondern scheint die Geschichten mit uns zu durchleben. Kein Wunder also, dass sie selbst auch stets Protagonistin ihrer Filme ist. So schweift sie mit uns gemeinsam durch, im wahrsten Sinne des Wortes, traumhafte Bildwelten, die immer überraschende Assoziationsfelder eröffnen”.

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Und so fährt die Protagonistin-Künstlerin mit ihrem geliebten Hündchen auf dem von Gevatter Tod durch die vollmondbeschienene Nacht gelenkten Leichenwagen über Hokusais Meereswogen.

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Und Gevatter Tod, das Hündchen in seinen Armen, führt die Protagonistin zum Baum mit der grässlichen Spinne, die sich jedoch in eine Juliette-Julienne-Frau, einen gemarterten Heiligen-Sebastian-Jüngling und alsbald in einen wollüstigen bepelzten Kobold verwandelt.

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Valentina Stanojev, 1970 in Köln geboren, studierte von 1994 bis 2000 an der Frankfurter Städelschule bei den Professoren Jörg Immendorff und Peter Angermann. Von “Hause aus” Malerin, beschäftigt sie sich derzeit mit Schere, Skalpell und schwarzem Karton. Eine Puzzle- und Geduldsarbeit: aus 500 Scherenschnitten entsteht eine Minute Film. Die Künstlerin, deren Ausstellung im 1822-Forum man keinesfalls versäumen sollte, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Offenbach.

Scherenschnitt-Installation von Valentina Stanojev, 1822-Forum, nur noch bis Samstag, 20. September 2014 (14 bis 18 Uhr, am Samstag 13 bis 16 Uhr)

Fotos Installationsansichten: FeuilletonFrankfurt

 

“Sirenen – Bilder des Begehrens und des Vernichtens” von Rolf Riehm an der Oper Frankfurt

17. September 2014

Kirke, Odysseus, Telegonos – ein unheilvolles Dreiecksverhältnis.
Du lebst oder Du kommst um”

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Oper Frankfurt /Wolfgang Runkel und Renate Feyerbacher

SIRENEN - Bilder des Begehrens und des Vernichtens (Oper Frankfurt, 2014)

In der Mitte auf der Treppe stehend Lawrence Zazzo (Odysseus [Sänger]) und das Solistenensemble (Sirenen); Foto © Wolfgang Runkel

Eine Oper? Ein Gesamtkunstwerk mit aussergewöhnlicher Musik, Sängerinnen und einem Sänger, mit Sprechrollen, mit tänzerischen Elementen, mit Video-Einspielungen und überzeugendem Bühnenbild-, Licht- und Kostümensemble.

Das Auftragswerk der Oper Frankfurt wurde am 14. September 2014 uraufgeführt.

Geschehen – Libretto

Seit Jahrhunderten beschäftigt er uns: Odysseus. Die “Odyssee”, das zweitälteste Werk der abendländischen Literatur, entstand um 8 v.Chr. und wird nach der Überlieferung Homer zugeschrieben, soll aber in Wirklichkeit ein Generationenwerk verschiedener Dichter sein (Gero von Wilpert et al. “Lexikon der Weltliteratur”). Homer lässt seinen Helden nach dem trojanischen Krieg nach Ithaka, auf seine Insel, zurückkehren, wo seine Frau Penelope und sein Sohn Telemachos leben. Bei seiner zehnjährigen Irrfahrt kommt Odysseus auch auf die Insel der Zauberin Kirke (Circe), der Tochter des Sonnengottes Helios. Sie verwandelt seine Begleiter in Schweine, bis auf einen, macht die Verwandlung später aber wieder rückgängig. Kirke lässt Odysseus ziehen.

Eine andere Erzählung gibt es von Telegonos, dem Sohn von Odysseus und Kirke. Homer erwähnt ihn nicht, wohl aber Hesiod (Hauptwerk: “Theogonie”, 7.v.Chr). Der Text, auf den sich der Komponist Rolf Riehm aber bezieht, stützt sich auf Homers “Odyssee” und unter anderem auf Texte von Karoline von Günderode (1780-1806), jene unglücklich liebende romantische Lyrikerin, die sich am Rheinufer in Winkel erdolchte, und auf Texte von Isabelle Eberhardt (1877-1904), schweizerisch-französische Reiseschriftstellerin, in neuer Zeit hofiert von der Frauenbewegung, die in der Sahara bei einem Unwetter in Wadi-Wassermassen ertrank.

SIRENEN - Bilder des Begehrens und des Vernichtens (Oper Frankfurt, 2014)

Tanja Ariane Baumgartner (Kirke), Michael Mendl (Odysseus [Schauspieler]) und Dominic Betz (Telegonos); Foto © Wolfgang Runkel

Auf Weisung der Götter lässt Kirke Odysseus, den Geliebten, nach einem Jahr ziehen. Sie gibt ihm Ratschläge, wie er an den mythologischen Sirenen, Mischwesen aus Vogelkörper und Mädchenkopf, vorbeischiffen kann, ohne von ihnen in den Tod gelockt zu werden. Kirkes Hoffnung, Odysseus, der mit ihr Telegonos zeugte, werde wieder zurückkehren, erfüllt sich jedoch nicht. Ihren erwachsenen Sohn sendet sie daher aus, um Odysseus zu suchen. Telegonos landet auf Ithaka, begegnet dem Vater, ohne ihn zu erkennen, und durchbohrt ihn mit dem Speer, den dieser bei Kirke zurückliess. Die Verletzung wird zum Tod führen. Telegonos begleitet nun seinen Vater bis zum Totenreich. Odysseus bäumt sich auf, will nicht sterben, bevor er nicht die Wahrheit über die Welt, die Weisheit der Sirenen gehört hat. Was erfährt er: dass sein eigener Tod die einzige Wahrheit ist. Der Körper vergeht, aber Odysseus Seele kehrt zurück in das “Land, wo die Lebenden zu den Toten reden”. Ein Satz aus Karoline von Günderodes Gedicht “Die Bande der Liebe”. Kirke erwartet ihn in Vorfreude, aber sie scheint ihm nichts mehr zu bedeuten.

Ich bin ein zeitgenössischer Barde, der eine Geschichte nochmals erzählen will. Aber ganz anders. Es geht mir nicht um einen bestimmten Stoff, nicht um die eine oder andere Version einer antiken Sage, sondern um Verhaltensmuster für das Heute” (Rolf Riehm im Januar 2014, Programmheft).

Rauchend steht der alte Odysseus (Schauspieler) zunächst am Bühnenrand, er schlendert dahin und wird von Telegonos mit dem Speer durchbohrt. So beginnt das Drama vor noch geschlossenem Vorhang. Ein starkes Bild, das nachwirkt.

Eingeteilt ist das Musik-Werk in drei Teile und acht Szenen. Der erste Teil spielt auf Kirkes Insel Aiaia. Etwa eine Viertelstunde lang ist Kirkes Lamento zu hören: Trauer, Wut, Rachegedanken. Danach ist ihre Protagonistenrolle zwar beendet, aber sie bestimmt das Geschehen. Die Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner, seit fünf Jahren im Ensemble der Frankfurter Oper, gestaltet diese schwierige Gesangspartie atemberaubend.

SIRENEN - Bilder des Begehrens und des Vernichtens (Oper Frankfurt, 2014)

Vorne v.l.n.r.: Lawrence Zazzo (Odysseus [Sänger]), Michael Mendl (Odysseus [Schauspieler]) und Dominic Betz (Telegonos) sowie auf der Treppe das Solistenensemble (Sirenen); Foto © Wolfgang Runkel

Die Gesänge der Sirenen sind schon zu vernehmen. Odysseus flieht von der einen Frau zu den andern, den Sirenen.

Der zweite Teil beginnt mit dem “Siren Song”. Weiss Odysseus, “dass sich die Sirenen umbringen müssen, wenn sie ihn nicht kriegen? Jedenfalls weiß ich es und setze den Tod der Sirenen in meine Dramaturgie ein” (Rolf Riehm, Programmheft).

Die Sirenen können Odysseus nicht einfangen, er wird ihnen zum Verhängnis, sie verfallen (dritter Teil). Auf der Bühne verwandeln sich die attraktiven Blondinen in alte Frauen.

Kirke, Odysseus und Telegonos beherrschen das Schlussbild.

Komponist, Musik und Realisation

Rolf Riehm, 1937 in Saarbrücken geboren, studierte zunächst Schulmusik in Frankfurt am Main, wo er seit früher Kindheit mit wenigen Unterbrechungen lebt, war Solo-Oboist, studierte dann Komposition bei Wolfgang Fortner, war Dozent in Köln und unterrichtete 26 Jahre, von 1974 bis 2000, als Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Er gehörte dem legendären “Sogenannten Linksradikalen Blasorchester” an, das von 1976 bis 1981 in Frankfurt existierte. Er war Villa Massimo-Stipendiat, erhielt den saarländischen Kulturpreis und den Hindemith-Preis der Stadt Hanau, ist Mitglied der Berliner Akademie der Künste. Der Sirenen-Odysseus-Stoff beschäftigt ihn schon seit über 20 Jahren. Mehrere Kompositionen sind ihm gewidmet.

Seine Musik ist fern von Systematik, sie ist eigenwillig, unkonventionell, gelegentlich schrill, radikal und wenig ästhetisch. Neben den Musikern des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters wird auf der Bühne ein Akkordeon, eine Singende Säge, ein Klavier, eine Violine, eine Pauke gespielt und eine Gießkanne sowie vier Holzbohlen, die keinen muffigen oder dumpfen, sondern einen durchdringenden Klang haben sollen, behämmert. Diese Schläge gehen ins Mark. Klavier und Akkordeon durchlaufen eine apokalyptische Klangaktion. Das alles ist schon sehr spannend, auch wenn sich manche Ohren schwer tun, es zu verkraften.

Ein Herr erzählte später, er habe am Ende “Vivat Verdi” rufen wollen, es dann aber gelassen.

Der vielgefragte englische Dirigent Martyn Brabbins, der weltweit agiert, an der Frankfurter Oper “Murder in the Cathedral” dirigierte, ist ein souveräner Orchesterleiter.

SIRENEN - Bilder des Begehrens und des Vernichtens (Oper Frankfurt, 2014)

Vorne v.l.n.r.: Michael Mendl (Odysseus [Schauspieler]) und Lawrence Zazzo (Odysseus [Sänger])  sowie im Hintergrund das Solistenensemble (Sirenen); Foto © Wolfgang Runkel

Regisseur Tobias Heyder, seit 2009 Regieassistent an der Oper Frankfurt, gelingt eine spannungs- und ideenreiche Inszenierung. Die acht Sirenen in weissen Gewändern mit blonden Langhaarperücken (Kostüme Petra Polkowski), eine neunte als Artistin in blutrotem Kleid, das Odysseus herunterreisst, die sich dann mit gekonnter Tuch-Akrobatik in die Luft schwingt und im Bühnenboden verschwindet, sind in ständiger Aktion. Die Treppe, die Bühnenbildner Tilo Steffens für die Sirenen baute, ist ihr verführerischer Ort.

Die Figur des Odysseus lässt der Komponist zwischen Sprechen und Singen changieren.

Michael Mendl spielt den alten, tödlich verletzten Odysseus. Mendl zählt zu den markantesten Schauspielern Deutschlands. In etwa 200 Film- und Fernsehfilmen (u.a. ARD-Zweiteiler über Willy Brandt “Im Schatten der Macht”) hat er gespielt sowie grosse Bühnenrollen geprägt.

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Michael Mendl am 14. September 2014; Foto: Renate Feyerbacher

Bis zur Verausgabung spielt er den sterbenden Odysseus, der sich gegen den Tod aufbäumt, um noch die Wahrheit zu erkennen, der sucht, tobt, leidet. Grandios.

Sein Alter Ego ist Lawrence Zazzo. Der amerikanische Countertenor, der seit 2006 immer mal wieder an die Oper Frankfurt kommt, meistert diese schwierige Partie einfühlsam. Der junge, freischaffende Schauspieler Dominic Betz verkörpert Telegonos, den Sohn, leidenschaftlich.

Ein “Opern”-Abend, der gewisse zwiespältige Gefühle zurücklässt, der aussergewöhnliche musikalische Momente beschert, dessen Text zwar durch Übertitelung unterstützt wird, dennoch schwer aufzunehmen ist. “Zu moralisch” konstatierte eine Künstlerin im Nachgespräch. Das Gros des Publikums war begeistert, zumindest zufrieden, ein kleiner Teil formierte sich zum Buh-Konzert.

95 Minuten dauert das Werk, das am 18., 21. und 26. September sowie am 2. und 4. Oktober 2014, jeweils um 19.30 Uhr erneut aufgeführt wird.

Am 26. September 2014 werden nach der Vorstellung der Komponist Rolf Riehm, Schauspieler Michael Mendl und Sänger Lawrence Zazzo mit Intendant Bernd Loebe in “Oper lieben” über das Werk diskutieren.

 

“Panta Rhei”: Fotografien von Meike Fischer in der Frankfurter Heussenstamm-Galerie

16. September 2014

Es ist an der Zeit, auf eine Fotografie-Ausstellung in der Frankfurter Heussenstamm-Galerie zurückzukommen. Die Galerie-Chefin und auch Kuratorin der Ausstellung Dagmar Priepke präsentiert dort unter dem Titel “Panta Rhei” Fotografien von Meike Fischer. “Panta rhei”, der bekannte Platonsche, jedoch auf Heraklit zurückzufühende Aphorismus kann gemeinhin mit “alles befindet sich im Fluss” – nach Platon etwa: “alles bewegt sich fort und nichts bleibt” – sinngemäss übersetzt werden. Dass alles im Fluss ist, entspricht der geschichtlichen Entwicklung ebenso wie individueller Lebenserfahrung. Allein wohin fliesst denn nun “alles” – und zu welchem Zweck, Sinn oder Ziel?

Sich durch die Stadt – vornehmlich die Innenstadt – Frankfurt am Main zu bewegen, sei es per Kraftfahrzeug, Fahrrad oder zu Fuss, bereitet verstärkt seit vielen Monaten, ja seit über einem Jahr wenig bis keine Freude. Das allseits wahrzunehmende Stadtbild wird signifikant bestimmt durch eine schier kein Ende nehmen wollende Kette von insbesondere Grossbaustellen. Das Mass an Behinderungen der oft schlicht von gewohnten Wegen weggesperrten Stadt- und Pendlerbevölkerung ist nach allgemeiner Einschätzung “voll”, übervoll. Und vor dem Bauen steht zunächst in aller Regel der Abriss von vorhandenen Baulichkeiten, mit allem Lärm und Dreck; Abriss von Bausubstanz vor allem im Bereich der Gewerbe-, aber auch Wohnimmobilien, die sich übrigens im Grunde vielfältig noch als funktionstüchtig und auch ästhetisch durchaus befriedigend darstellt. Nur hat solche Altsubstanz in der Regel den Schönheitsfehler, dass sie steuerlich abgeschrieben ist, als Neukapitalanlage nicht hinreichend Gewinn verspricht und somit die Lebensdauer von heutzutage kaum mehr als einer Menschengeneration – will heissen von etwa 30 Jahren – erreicht hat. Also weg damit!

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Windeckstrasse/Sonnemannstrasse

Bei alledem ergibt sich bei Passanten wie Verkehrsteilnehmern das Bild von ziemlicher Unkoordiniertheit und Planungslosigkeit: Die entsprechenden Baugenehmigungen scheinen offenbar vom Himmel zu regnen, und Immobilieneigentümer können anscheinend nach Belieben abreissen, um- und neu bauen, wann immer es ihnen beliebt, insbesondere wenn sie die entsprechenden Investitionsmillionen auf den Tisch blättern – und sei es drum, dass dabei ganze Strassenzüge fast lahmgelegt werden.

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Güterplatz

Hinzu kommen nun die bei der Stadtbevölkerung demgegenüber eher mit Wohlwollen und Verständnis aufgenommenen Grossbaustellen etwa für die “neue Altstadt” mit dem (wenn auch hier und da noch umstrittenen) Stadthaus oder den Um- und Neubau des Historischen Museums – Vorhaben “für alle” also, denen zweifellos eine besondere kulturpolitische und gesellschaftliche Wertigkeit zukommt ebenso wie den (zwar genauso lästigen) Baumassnahmen für den öffentlichen Personennahverkehr, wir erinnern an die Friedberger oder die Eckenheimer Landstrasse.

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Baustelle ehemaliges Technisches Rathaus

Nun verkennen wir keineswegs, dass – jenseits mittelalterlicher Brandkatastrophen oder Zerstörung durch Bombenkrieg – Abriss und Neubau städtischer Baustruktur in einem vernünftigen, wohldosierten Ausmass seit jeher unabdingbare Voraussetzungen für eine zukunftsgerichtete städtebauliche Entwicklung sind. Und es gibt jenseits der allzuoft gleichförmig erscheinenden “Investorenarchitektur” mit ihren schier endlosen, stupiden Fensterreihungen und den immer gleichen, mit viereckigen Säulen versehenen, hoch-rechteckigen wie zumeist trostlos-toten “Arkaden”-Gängen durchaus auch optisch-ästhetische Lichtblicke, Fassaden, die man gerne ansieht und die das Strassenpanorama sehr wohl im “menschlichen Mass” gestalten und bereichern.

Kehren wir zu der Eingangsfrage zurück, wohin denn nun “alles” fliesst, so kommen wir an der Frage der zunehmenden Gentrifizierung – vulgo Strukturwandel bei Abwanderung ärmerer und Zuzug wohlhabenderer Bevölkerungsgruppen – ganzer Strassenzüge und in deren Folge ganzer Stadtquartiere nicht vorbei.

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Mainzer Landstrasse

Es lag nun sicherlich nicht in Meike Fischers – einer studierten Reportage- und künstlerischen Fotografin – Intention, mit ihrer über Jahre währenden fotografischen Langzeitdokumentation über den rapiden baulichen Umstrukturierungsprozess in Frankfurt am Main mehr oder weniger allein die damit verbundenen gesellschaftspolitischen Fragwürdigkeiten und Probleme unter dem bereits genannten Stichwort der Gentrifizierung in den Fokus zu nehmen. Ebenso wenig beschränkt sie sich auf eine rein dokumentarische Fotografie. Vielmehr geht es ihr zunächst einmal und in erster Linie darum, die aufgesuchten wie vielleicht auch überraschend vorgefundenen Motive weit über ein fotografisches “Abbild” hinaus einer künstlerischen Gestaltung zu unterziehen. So sind ihre Aufnahmen, wenngleich sie den Betrachter zuweilen erschauern lassen – erinnern sie doch in manchem an aus den Medien bekannte aktuelle Bilder zerbombter Häuser in syrischen Städten oder im Gaza-Streifen – von suggestiver Dynamik, überzeugender kompositorischer Bildstilistik und grosser formaler Ästhetik. Es gelingen zugleich Bilder von feiner und bewegender Poesie, etwa wenn frisches, nach Leben und Fortbestand strebendes Grün die zu bebauende Brache überwuchert und in den Zustand anscheinend unschuldiger Natur zurückführt, wenn eine Stadttaube nach Abriss ihres gewohnten Schlafplatzes verstört einen winzigen Unterschlupf zum Überleben sucht.

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Hanauer Landstrasse/gegenüber EZB

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Es muss jedoch auffallen, dass die Mehrzahl ihrer Fotografien Abrissszenerien oder übergrosse, wie riesige Wunden im Stadtbild klaffende Baugruben zum Gegenstand haben, hingegen es entschieden weniger Motive eines – wie auch immer gearteten, mehr oder weniger konstruktiven – Aufbaus gibt. Wo immer sich die Künstlerin mit der Thematik des Abbruchs befasst, drängt sich doch letztlich und unweigerlich die Frage nach dem auf, was einmal an die Stelle des Beseitigten – und vielfach muss man von “Zerstörtem” sprechen – nun treten wird, welche Gestalt, Nutzen und Zweck und welchen Bestand dieses Neue für uns selbst wie für unsere nachfolgenden Generationen denn haben wird.

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Neue Mainzer Strasse

Wo nun aber bleibt der Mensch? Nicht selten scheint er sich auf der Verliererseite wiederzufinden, wenn Wohnraum und damit Häuslichkeit und Heimat im altangestammten Quartier verloren gehen. Meike Fischers Fotografien legen beredtes Zeugnis davon ab. Der Stadtbewohner wird nicht gefragt, er ist auf die Rolle des hilflosen Zuschauers beschränkt – Kommunalwahlen hin, Kommunalwahlen her. Parteienverdruss und Wahlmüdigkeit finden, wo Boden- und Immobilienspekulation blühen und auf willfährige Hilfe der Stadtpolitiker und Ämterbürokraten rechnen können, reichlichen Nährboden.

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↑ Alte Oper
↓ Alte Oper/Hochstrasse

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In unmittelbarer Nähe zur Alten Oper, abgeschirmt von steilen Wänden aufeinander gestapelter Baucontainer (in denen hoffentlich nur sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitnehmer hausen), entsteht ein Super-Luxus-Hotel der Kategorie “5 Sterne plus” – cui bono? Nicht nur zahlreiche alte Bäume in den doch eigentlich geschützen Wallanlagen fielen ihm zum Opfer.

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Alte Oper/Hochstrasse

Von dem 140 Meter hohen “neuen Henningerturm” mit 200 Luxuswohnungen einschliesslich allem erdenklichen “Lifestyle”- und “Premium”-Komfort handelten wir bereits.

Im Westend wird ein Hochhaus in einen Luxus-Wohnturm namens “Onyx” umgebaut; unlängst erliess die Stadt einen Baustopp wegen unzumutbarem, alle Grenzwerte überschreitendem Baulärm – so etwas gibt es, man höre und staune, tatsächlich.

Im neuen Europa-Viertel soll ein weiterer Luxus-Wohnturm entstehen, man höre und staune ein weiteres Mal: im “Porsche-Design”. In Presseberichten ist von vollmöblierten Boutique-Appartements, Pent- und Townhouses die Rede, kaufen sollen sie “Kapitalanleger aus dem In- und Ausland”. Nichts also für die normale, die eigentliche Stadtgesellschaft bildende Einwohnerschaft. Und: Möchte man hier wirklich gerne wohnen? Wir ganz sicher nicht.

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Europaallee

Frankfurt am Main wächst, und das ist im Grunde erfreulich. Ob auch stets erfreulich ist, wohin es wächst, bleibt die Frage. Am Erfreulichsten aber ist es, dass es Journalisten und Köpfe wie Dieter Bartetzko gibt. Vor wenigen Tagen, am 13. September 2014, titelte er im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: “Profit kennt keine Geschichte – Frankfurt opfert die letzen Reste seiner Altstadt dem Bau von Luxuswohnungen. Für modische Effekte werden Geschichte und Atmosphäre ausgemerzt”.

Was sagt der gar nicht mehr so neue Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann zu diesen Entwicklungen – hat er den ganzseitigen Artikel gelesen? Seine Beamten und Bediensteten im Planungs- und Baudezernat? Die von den Bürgerinnen und Bürgern gewählten Stadtverordneten? Werden sie alle in diese wichtige Ausstellung der Frankfurter Heussenstamm-Galerie kommen? Werden sie Lehren daraus ziehen? Wünschenswert, gar notwendig, aber kaum anzunehmen.

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Christian Kaufmann, Studienleiter “Kunst & Stadt” der Evangelischen Akademie Frankfurt, Galerie-Leiterin Dagmar Priepke und Meike Fischer in der Vernissage; Foto: FeuilletonFrankfurt

“Meike Fischer. Panta Rhei”, eine fotografische Langzeitdokumentation; Heussenstamm-Galerie, bis 2. Oktober 2014

Meike Fischer, 1970 in Hanau geboren, studierte an der Hochschule für Gestaltung HfG in Offenbach Visuelle Kommunikation mit den Schwerpunkten Reportagefotografie bei Abisag Tüllmann und Künstlerische Fotografie bei Norbert Miguletz. Sie arbeitet unter anderem für zahlreiche Pressemedien sowie als Freie Fotografin.

Abgebildete Fotografien © Meike Fischer

 

Karl – Charlemagne – Der Große

14. September 2014

“Last Minute” der Aachener Ausstellung

Von Renate Feyerbacher

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Büste Karls des Großen in der Aachener Domschatzkammer; © Domkapitel Aachen, Foto: Andreas Herrmann

Nur noch bis Sonntag, 21. September 2014, ist die beeindruckende Ausstellung über Macht, Kunst und Schätze in Aachen zu sehen. Sie ist über drei Orte verteilt, die nahe beieinander liegen: im Rathaus, im Centre Charlemagne und in der Domschatzkammer.

In der Schule haben wir alle von ihm, Kaiser Karl dem Großen, gehört, aber gewusst wenig oder gar nichts. Das Datum 800 n.Chr. war mir immer präsent, auch seine kulturellen, künstlerischen und bildungspolitischen Verdienste. Eine Vorstellung von diesem mächtigen Herrscher erhielt ich aber erst, als ich begann, in dem über 700 Seiten starken Opus des Frankfurter Historikers und Mediävisten Professor Johannes Fried “Karl der Große. Gewalt und Glaube. Eine Biografie” zu lesen. Sein gescheiterter Feldzug gegen das Heer der Mauren unter ‘Abd al Rahmân I. war der Anlass.

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Professor Johannes Fried vor Poelzigs Bild “Apokalypse” in der Goethe-Universität Frankfurt, Foto: Renate Feyerbacher

Der mehrfach ausgezeichnete, mittlerweile emeritierte, aber noch aktive Professor an der Frankfurter Goethe-Universität hat alle historischen Register gezogen. Aus Quellen, Kunstwerken, Indizien, Analogieschlüssen hat er Karl (748 bis 814) und seiner Zeit Kontur gegeben. Eine wichtige Quelle war die einzige zu Lebzeiten des Kaisers geschriebene Biografie “Vita Karoli Magni” von Einhard (geboren um 770 im Maingau, verstorben 840 in Seligenstadt), der den Kaiser auf vielen Reisen begleitete. In Hessen gründete Einhard die Abteien Michelstadt und Seligenstadt.

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Einleitung der berühmten Biografie Einhards über das Leben und Wirken Karls des Grossen in mittelalterlichem Latein, der damaligen Sprache der Gelehrten, – mit Anmerkungen eines Lateinschülers des Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, bekannten Namens Erhard Metz in einer heute bereits antiquarisch anmutenden Schulausgabe des Ernst Klett Verlags Stuttgart; Foto: FeuilletonFrankfurt

Karl der Grosse wurde 1165 heiliggesprochen. Warum? Wahrscheinlich, weil er mit Feuer und Schwert das Christentum durchsetzte, denn ein Heiliger war er nicht. Mit grosser Brutalität ging er zum Beispiel gegen die “heidnischen” Sachsen vor. Tausende sollen auf seinen Befehl hin ermordet worden sein. Widukind, der mehrfach gegen Karl kämpfte, unterwarf sich ihm schliesslich und liess sich taufen.

Karl hatte wahrscheinlich seine Neffen, die ein rechtmäßiges Erbe ihres Vaters Karlemann – das war der jüngere Bruder von Karl – hatten, ermorden lassen. Neben seinen fünf Ehefrauen, die er wenig respektvoll behandelte, hatte er noch Nebenfrauen und zahlreichen Nachwuchs. Aber er war der “Einiger” Europas. Seine kulturellen und bildungspolitischen Massnahmen waren vorbildlich. Die lateinische Sprache wurde zur Grundlage für die Schriftkultur. Klosterschulen, die er aktiv förderte, waren die Träger dieser Kulturbewegung.

Aachen wurde zum Ruhepohl des fränkischen Reisekönigs. Hier liess er sich um 800 seine Lieblingspfalz bauen, von der noch Teile zu sehen sind. Aachen wurde zum wirkungsmächtigsten kulturellen Zentrum Europas. Mit dem 1949 begründeten internationalen Karlspreis zu Aachen werden alljährlich Persönlichkeiten geehrt, die sich um die Einheit Europas besonders verdient machten.

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Aachener Dom, Foto: Renate Feyerbacher

Der Aachener Dom wird Kirche Karls des Großen genannt. Hier steht in der Apsis der Karlsschrein mit Karls Gebeinen.

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Karlsschrein – Ansicht Stirnseite © Domkapitel Aachen, Foto: Ann Münchow

Herzstück des Heiligtums ist das Oktogon, das um 800 mit der Kuppel vollendet wurde. Im 14. bis 15.Jahrhundert folgten der Bau der gotischen Chorhalle und Kapellen, im 18. Jahrhundert der Portalvorbau und im 19.Jahrhundert wurde der Turm vollendet.

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Oktogon; Foto: Renate Feyerbacher

Zwischen 936 und 1531 wurden hier 30 Könige und 12 Königinnen gesalbt, gekrönt und inthronisiert – und das auf dem schlichten Marmorthron Karls, der im Obergeschoss des Domes steht.

Die Domschatzkammer, die einen der bedeutendsten Kirchenschätze Europas karolingischer, ottonischer, staufischer und gotischer Zeit beherbergt, hat für die Ausstellung sakrale Kunstwerke zurück geholt, die einmal zum Domschatz gehörten

Das Centre Charlemagne ist ein Muss des Ausstellungsmarathons. Was hier zu sehen ist, wird nicht so schnell wieder zu sehen sein.

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Tassilokelch, nach 763 und vor 788, © Kremsmünster, Benediktinerstift, Foto: Josef Leithner

Zum Beispiel der Tassilokelch, der zwischen 763 bis 788 geschaffen wurde. Seine Grösse lässt vermuten, dass er für viele Gläubige bei Eucharistiefeiern sichtbar sein sollte. Gestiftet wurde er vom bayerischen Herzog Tassilo III. “Tassilo starker Herzog” heisst die Inschrift auf dem Fuss des Kelches. Tassilo hatte die Herrschaft des fränkischen Königs Pippin, dem Vater Karls des Grossen, anerkannt. Tassilo wehrte sich aber gegen Karls Machtansprüche. Dieser liess ihn absetzen und verbannen. Der Kelch aus vergoldetem Kupfer ist bebildert unter anderem mit Christus als Weltrichter. Bisher verliess der Kelch, im Besitz des Benediktinerstifts Kremsmünster in Oberösterreich, das Tassilo 777 gründete, nur einmal das Stift anlässlich der Eucharistiefeier mit Papst Johannes Paul II. in Salzburg. Es soll eine Abstimmung unter den Mönchen gegeben haben, ob der Tassilokelch ein weiteres Mal das Kloster verlassen sollte. Die Mönche machten es möglich, dass mittlerweile schon über 100.000 Besucher in Aachen dieses karolingische Kleinod sehen konnten.

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Ausstellung im Centre Charlemagne: Karl der Große aus der Sicht verschiedener Bildhauer; Fotos: Renate Feyerbacher

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30 weitere einzigartige karolingische Kunstwerke werden gezeigt. Dazu gehören illuminierte Prachthandschriften, Elfenbeintafeln sowie Silber- und Goldschmiedearbeiten, die im Zuge der “karolingischen Renaissance” entstanden sind, viele davon an der Aachener Hofschule.

Eine weitere sensationelle Kostbarkeit aus Elfenbein ist der Einband des Lorscher Evangeliars, dessen vorderer Teil sich heute im Londoner Viktoria und Albert-Museum befindet; den hinteren Teil verwahrt die Biblioteca Apostolica Vaticana.

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Einband des Lorscher Evangeliars (vorderer Einband: Marientafel), um 810, © London, Victoria and Albert Museum

Auch das bebilderte Evangeliar selbst aus Pergament ist heute im Besitz des Vatikans. Nur ein Faksimile wird ausgestellt. Das Elfenbeinrelief mit Kreuzigung Christi und Passionsszenen, das sich heute im Kathedralschatz des französischen Narbonne befindet, begeistert durch seine Feinheit und seinen Ideenreichtum der Ikonografie. Wie das Lorscher Evangeliar ist es eine Arbeit aus der Aachener Hofschule Karls des Großen um 800.

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Aachener Rathaus; Foto: Wolf Meusel/wikimedia commons

Im Krönungssaal des Aachener Rathauses setzt sich die Ausstellung mit den Orten der Macht auseinander. Auch hier sind wunderbare Exponate zu sehen. Virtuell wird vieles aufgearbeitet, nachempfunden. Die Karlsfresken von Alfred Rethel, acht Wandfresken hatte er geplant, vier wurden zwischen 1847 bis 1851 vollendet, werden in die virtuelle Präsentation einbezogen.

Johannes Fried hat darauf hin gewiesen, dass über Sprach- und Ländergrenzen hinweg die Europäer intellektuell einander verstehen, weil sie dieselbe Rationalität, denselben Denkstil, dasselbe Grundwissen teilen … Karl sei Initiator einer Einheitskultur” (Kurzführer zur Ausstellung). Er spricht weiter davon, dass die europäischen Kolonisations- und Expansionsbewegungen diese Zivilisation – zwar nicht allein – weltweit geprägt haben. Diese Thesen kann jeder in den Ausstellungsorten, deren Leihgaben aus der ganzen Welt kommen, überprüfen.

“Karl charlemagne der Große – Macht Kunst Schätze”, Aaachen, Krönungssaal Aachener Rathaus, Centre Charlemagne, Domschatzkammer, bis Sonntag, 21. September 2014

- Weitere Artikel von Renate Feyerbacher -

 

Galerie Gisela Heier feiert 20jähriges Jubiläum

11. September 2014

Kleinere und grössere Schätze – fast im Verborgenen
Grosse Übersichtsschau der bisher präsentierten Künstler

Es ist eine ungewöhnliche und allein deshalb bereits überaus bemerkenswerte Galerie. Der nicht nur aus Frankfurt am Main, sondern aus allen möglichen Regionen erwartungsvoll in die Wiesbadener Holzstrasse, zur Hausnummer 29 Anreisende findet sich dort, nicht wenig staunend, vor der Pförtnerloge der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden wieder. Das geschulte Auge der freundlichen Beamten erkennt jedoch alsbald, dass der Fremde sich nicht zum Antritt einer Strafhaft meldet, sondern dem Kunstgenuss entgegenstrebt, und die bereits geöffnete Tür zur Galerie – sie befindet sich im ehemaligen Freigänger- und heutigen Gästehaus der Strafanstalt – lädt zum willkommenen Besuch ein.

Auch dort aber staunt der Jünger der schönen und bildenden Künste nicht schlecht: Die Künstlerin Maria Kühnen-Lusch hat in der Galerie – einem wohnzimmerähnlichen grossen Raum und einem langen Flur mit Türen links und rechts, die zu den vormaligen “Zellen” der Freigänger führen – eine farbige Lichtinstallation kreiert. Seit Beendigung dieser Unterbringung wohnen heutzutage temporär in Wiesbaden beschäftigte Justizbedienstete in diesen Räumen und sogar gelegentlich – während ihres Aufenthalts in der Landeshauptstadt – Künstler!

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Die Galeristin Gisela Heier im Galerieflur mit der Lichtinstallation von Maria Kühnen-Lusch

In diesen Tagen und Wochen blickt die Galeristin Gisela Heier auf 20 Jahre Wirken und Leben für die Kunst zurück. Sie hat aus diesem Anlass eine grosse Zahl verschiedenster Werke zu einer besonders reichhaltigen und hoch interessanten Jubiläumsausstellung zusammengeführt, die es sich zweifelsfrei zu besuchen lohnt. Wir geben in einer Vorschau einen kleinen exemplarischen Überblick auf die Präsentation von kleineren und grösseren Schätzen, die dort zu heben sind.

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↑ Ramona Hoffmann, A 29, Öl auf Malpappe, 2008, 60 x 50 cm
↓ Stefan Jüttner, Der Liebhaber, Mixed Media, 66,5 x 50 cm

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José Pereira, o. T, Gouache, 2011

Ein besonderes Augenmerk von Gisela Heier galt und gilt bis heute der Pleinair-Malerei der Künstlergruppe der “Norddeutschen Realisten” zu Besuch im Rheingau, hier einige Beispiele:

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↑ Tobias Duwe, Blick Richtung Schloss Johannisberg, Hallgarten, Öl auf Leinwand, 40 x 60 cm
↓ Eva Pietzcker, Am Rhein, Öl auf Leinwand, 30 x 70 cm

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↑ Galeristin Gisela Heier vor dem Rheingau-Bild von Tobias Duwe “Blick auf Oberwesel”
↓ Die “Norddeutschen Realisten” auf Einladung von Gisela Heier pleinair in einem Rheingauer Weinberg

Die Norddeutschen Realisten im Weinberg-650

Im folgenden ein Abriss der 20jährigen Geschichte der Galerie:

Aus Anlass des 20jährigen Jubiläums zeigt die Galerie Gisela Heier in einer grossen Zusammenschau eine Auswahl der Arbeiten von bisher präsentierten Künstlerinnen und Künstlern. Eröffnet wird die Ausstellung im Gästehaus der JVA Wiesbaden-Dotzheim, Holzstrasse 29, am Samstag, dem 13. September 2014, um 15 Uhr. Zur Eröffnung der Rückschau, die bis zum 12. Oktober 2014 zu sehen ist, sind Gäste herzlich willkommen.

Die etwas andere Galerie im ehemaligen Freigängerhaus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wiesbaden, die der Wiesbadener Kurier “als gewiss einzigartig in der Bundesrepublik” bezeichnete, hat sich auf Kunstwerke der klassischen Moderne spezialisiert. Gezeigt werden in lockerer Folge Gemälde, Gouachen, Aquarelle, Collagen, Zeichnungen, Grafiken, Holzschnitte, Kunst-Fotografie sowie Holz- und Metallplastiken.

Absolute Highlights waren die beiden Malersymposien der “Norddeutschen Realisten” und die sich daran anschliessenden Präsentationen. Auf Einladung von Gisela Heier erkundeten im Herbst 2008 die Norddeutschen Realisten künstlerisch den herrlichen Rheingau. Die Künstlergruppe von 12 Berufsmalern ist durch ihre Freiluftmalerei auf höchstem Niveau bekannt und hat sich laut des dänischen Kunstkritikers Jens-Peter Kjaersgaard “eine unverwechselbare Position im nachmodernen Kunstschaffen erobert”. Im Frühjahr 2009 waren die stimmungsvollen Rheingau-Ansichten von Tobias Duwe, André Krigar, Lars Möller, Ulf Petermann, Eva Pietzcker (Holzschnitte), Nikolaus Störtenbecker, Frank Suplie und Till Warwas in der Galerie zu bewundern. Die Pleinair-Schau fand so ausserordentliche Beachtung, dass sie nicht nur in der Holzstrasse verlängert wurde, sondern anschliessend auch in Rüdesheim, Oestrich-Winkel sowie Eltville gezeigt wurde. Einige Arbeiten sind auch jetzt in der Übersichtsschau zu sehen.

Auf Vermittlung von Gisela Heier wurden die Norddeutschen Realisten im Mai 2010 zu einem weiteren Pleinair-Symposium in den Industriepark Höchst eingeladen. Das Ergebnis des “malerischen Ausflugs zu Rohren, Zylindern und Kuben”, so der Titel, war eine farbfreudige Synthese von Kunst und Industrie.

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Tobias Duwe, Biohochreaktoren und Werksbrücke West, 2010 Öl auf Leinwand, 50 x 70 cm

Insgesamt haben sechs Maler der Künstlergruppe – Tobias Duwe, Christopher Lehmpfuhl, Lars Möller, Frank Suplie, Till Warwas und Sigurd Wendland – rund 50 Pleinair-Bilder gefertigt, die zunächst im Peter-Behrens-Bau gezeigt wurden. Anschliessend wurden die ausdrucksstarken Gemälde der Höchster Industrielandschaft mit grossem Erfolg im Lindner Congress Hotel Höchst und im Kulturzentrum in Schwalbach ausgestellt.

Eines breiten Publikumsinteresses konnten sich auch andere Ausstellungen der Galerie im Gästehaus erfreuen. Die Arbeiten des international anerkannten Schriftkünstlers und Druckers Josua Reichert waren in den letzten Jahren häufiger in der Rhein-Main-Region zu sehen, zum Beispiel im Frankfurter Goethe-Museum und im Schloss Freudenberg.

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Eine Arbeit von Josua Reichert

In der Galerie in der Holzstrasse versammelte Gisela Heier im Jahre 2011 unter dem Titel “Zwischen Amsterdam und Rom” herausragende Drucke des 1937 in Stuttgart geborenen Künstlers. Arbeiten von Reichert, der es wie kein anderer versteht, Bild und Schrift, Typografie und Text miteinander zu verschmelzen, werden auch jetzt gezeigt.

Auch Gouachen und Zeichnungen mit den unverwechselbaren Farb- und Formelementen von José Pereira werden gezeigt. Der 1940 in Montevideo Uruguay geborene Künstler, der seit vielen Jahren mit seiner Familie in Paris lebt und arbeitet, ist in Rhein-Main kein Unbekannter. Mehrfach hat er hier seine farbenfrohe Werke mit der unergründlichen Bildsprache präsentiert.

Gabriele Grosse und Willy Meier-Osburg sind beide mit einem Stipendium des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie ausgezeichnet worden. Es gibt wohl kaum eine Künstlerin wie Gabrielle Grosse, die sich mit solch profunder Könnerschaft sowohl der Tapisserie und daneben völlig eigenständig dem Aquarell und der Grafik widmet. Einige ihrer hervorragenden Aquarelle und Grafiken sind in der Accrochage zu sehen ebenso wie Aquarelle, Collagen und Zeichnungen von Willy Meier-Osburg. Die Werke des 1934 in Bremen geborenen Künstlers bestechen durch ihre vielseitige Farbpalette und grosse Kompositionskraft. Obwohl der Maler im Laufe seines künstlerischen Schaffens Stil, Motive und Techniken häufig variiert hat, ist seine Handschrift stets unverkennbar geblieben – entgegen allen modischen Kunstströmungen.

Besonders erwähnt seien noch die Arbeiten von Künstlerinnen und Künstler, die in der Jubiläumsschau gezeigt werden, wie die farbenfrohen “Bildergärten” von Walter Meurer, dessen heitere Kompositionen den Betrachter zu einem die Fantasie anregenden “Spaziergang” einladen. Oder die imposanten schwarz-weissen “Lichtbilder” von Franz Toth und die computergenerierten Bilder der experimentierfreudigen Marlies Odehnal. Schliesslich sind noch die Arbeiten des jungen Künstlers Sebastiaan Cator zu nennen, der seine surrealistisch geprägten kleinformatigen Arbeiten zum ersten Mal in einer Galerie zeigt.

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Sebastiaan Cator, Tusche auf Leinwand, 30 x 15 cm

Ein Leben mit und für Kunst

Durch ihre Tätigkeit im Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI hat Gisela Heier viele Künstlerinnen und Künstler kennen- und schätzen gelernt. Sie pflegte die guten Kontakte und baute diese in der Nachfolgezeit stetig aus. Zunächst präsentierte sie deren Arbeiten im privaten Rahmen. Später reifte bei ihr der Wunsch, die Werke der von ihr favorisierten Künstler auch öffentlich auszustellen.

Zusammen mit einem Partner gründete sie 1994 die “Inselgalerie” auf der Rettbergsaue, Wiesbaden. Ab 1998 betrieb sie als Gast die “Galerie im Schloss Freudenberg” und organisierte Ausstellungen an unterschiedlichen Orten. Seit 2006 zeigt sie Arbeiten der von ihr vertretenen Künstlerinnen und Künstler in einem ganz aussergewöhnlichen Rahmen: in den Räumen des ehemaligen Freigängerhauses der JVA Wiesbaden. Das Projekt fand sogar die Unterstützung der damaligen Landesregierung unter Ministerpräsident Roland Koch.

Das seit Jahren leerstehende Haus wurde nach einer Idee von Matthias Schenk vom Schloss Freudenberg zunächst als Gästehaus aufwendig restauriert und neu gestaltet. Die Idee, diese Räumlichkeiten für Ausstellungen und als “Holzladen” zu nutzen, hatte noch der frühere JVA- Leiter Gernot Kirchner mit aus der Taufe gehoben. In dem angegliederten “Holzladen” verkauft die Galeristin Spielzeuge und Kleinmöbel, die jugendliche Straftäter während ihrer Ausbildung zum Schreiner oder Tischler in den Holzwerkstätten der JVA hergestellt haben.

Gisela Heiers Engagement für Kunst und Kultur ist keineswegs auf den Galerie-Betrieb beschränkt. Einen grossen persönlichen Erfolg konnte sie Anfang 2004 verbuchen, als es ihr gelang, die preisgekrönte Grossplastik des aus Offenbach stammenden Bildhauers Bernd Rosenheim vor der Zerstörung zu retten. Mit dem Abriss des alten Hauptpostamts neben dem Bahnhof sollte auch die Edelstahl-Skulptur aus dem Jahre 1975 entsorgt werden. Die Plastik war im Laufe der Jahre matt und unansehnlich geworden und fristete vor dem Betonklotz ein regelrechtes Schattendasein. Weder die Post noch die damalige Kulturdezernentin zeigten Interesse an ihrem Erhalt.

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Bernd Rosenheim, Phoenix, 1975

Mit Geschick und Hartnäckigkeit konnte die Galeristin in der DBV-Winterthur Versicherung einen Sponsor finden, der bereit war, die Restaurierungs- und Transportkosten zu einem neuen Standort zu übernehmen. Die Rhein-Main Zeitung der FAZ titelte am 24. April 2004: “Plastik vor Abrissbirne gerettet – ‘Phoenix’ von Hauptpost auf Firmengelände verlegt”. Mit neuem Facettenschliff ziert die Edelstahlskulptur das Gelände der DBV-Winterthur Versicherung an der Ecke Frankfurter Strasse / Gustav-Stresemann-Ring. Sie ist ein faszinierender Blickfang für alle, die diese Kreuzung passieren. Die acht Meter hohe und sieben Tonnen schwere Plastik, die der Künstler wegen ihrer nach oben strebenden dynamischen Form nach dem mythischen Sonnenvogel “Phoenix” benannt hat, ist wie der legendäre Vogel aus der Asche auferstanden – nomen est omen. (hbh)

Im folgenden einige weitere Beispiele aus der Vielzahl der zur Jubiläumsschau präsentierten Werke:

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↑ Nikolaus Störtenbecker, Mohn, Holzschnitt, C 9/10, 2002/2005, 58 x 70 cm
↓ Gabriele Grosse, Kalmare, Aquarell, 2001, 40 x 30 cm

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↑ Otto Piene, Siebdruck, 1969/71, 11/100, 40 x 50 cm
↓ Reinhard Grütz, “Paavo Järvi”, Acryl auf Leinwand, 50 x 70 cm

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Eröffnet wird die Jubiläumsausstellung der Galerie Gisela Heier im Gästehaus der JVA Wiesbaden-Dotzheim, Holzstrasse 29, am Samstag, dem 13. September 2014, um 15 Uhr. Zur Eröffnung der Rückschau, die bis zum 12. Oktober 2014 zu sehen ist, sind Gäste herzlich willkommen.

Öffnungszeiten: Mittwochs 15 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung; Tel: 06122/13185, Mobil: 0175/8162361; E-Mail: Gisheier@t-online.de

Abgebildete Werke © die Künstler bzw. Galerie Gisela Heier; Fotos: FeuilletonFrankfurt und Galerie