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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Museum Wiesbaden lockt mit Sonderausstellungen: K.O. Götz, Oehlen, Knaus und Paradiesvögel

21. Juli 2014

Von Hans-Bernd Heier

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Albert Oehlen, Selbstporträt mit Totenschädel, 1983; Sammlung Grässlin, St. Georgen; Foto: Thomas Berger, St. Georgen

Seit seiner Renovierung und Erweiterung im Jahre 2013 verfügt das Landesmuseum Wiesbaden über eine um rund 70 Prozent auf gut 7.000 Quadratmeter vergrößerte Ausstellungsfläche, die bespielt werden kann. “Das Museum Wiesbaden ist damit ein runderneuerter, sinnlicher und das Wissen fördernder Kulturraum”, sagte nach Abschluss der Bauarbeiten Ingmar Jung, Staatssekretär im hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Insgesamt haben die Baumaßnahmen 37,5 Millionen Euro gekostet. Und was dabei rausgekommen ist, kann sich sehen lassen.

Neben den sehenswerten Dauerausstellungen in der Gemäldegalerie und den Naturhistorischen Sammlungen erlaubt die Erweiterung dem engagierten Team um Museumsdirektor Alexander Klar die Präsentation von gleich mehreren Sonderausstellungen in dem Haus für Kunst und Natur. Derzeit sind neben den Werken von K.O. Götz, dem Großmeister des Informel, drei weitere, thematisch sehr unterschiedliche, hochkarätige Präsentationen zu sehen: Arbeiten von Albert Oehlen, Ludwig Knaus sowie “Paradiesvögel”, letztere eine Schau der Naturhistorischen Abteilung.

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Albert Oehlen, Ohne Titel (Blödkopf), 1988; Private Collection, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin

Unter dem Titel “Albert Oehlen – Die 5000 Finger von Dr. Ö” zeigt das Landesmuseum noch bis zum 21. September 2014 eine Auswahl von 40 Werken des Künstlers, die von 1983 bis 2014 entstanden sind. Seine großformatigen Gemälde, Collagen und Zeichnungen sind eindrückliche Kompositionen, deren “zentrales Thema das Bild selbst ist. In seiner Malerei geht es um die Frage, was mit einem Bild ausgesagt werden kann, was darstellbar, was lesbar ist. Albert Oehlens Bilder dienen nicht der Weltverbesserung, sie dienen der Bildverbesserung”, wie Alexander Klar erläutert. Viele seiner Arbeiten seien, so der Künstler selbst, nicht entschlüsselbar. Im Zentrum der vielseitigen Schau steht eine Serie von Collagen aus den Jahren 2001 bis 2008, denen großformatige Plakatübermalungen aus dem Jahre 2008 gegenübergestellt werden.

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Albert Oehlen (Mitte) beim Presserundgang; links hinter ihm die Künstlerin Helga Schmidhuber, rechts im Bild Museumsdirektor Alexander Klar; Foto: Hans-Bernd Heier

Albert Oehlen, 1954 in Krefeld geboren, ist seit 1971 künstlerisch tätig. 1978 beginnt er sein Studium an der Hochschule für bildende Kunst, Hamburg, bei Sigmar Polke. Bereits ein Jahr später stellt er gemeinsam mit seinem Bruder Markus Oehlen in einer Düsseldorfer Galerie aus. Unter dem Titel “Bevor ihr malt, mach ich das lieber” fand 1981 seine erste Einzelausstellung in Stuttgart statt. Seitdem stellt er regelmäßig in Deutschland, Spanien, USA, Frankreich, Italien und Österreich aus.

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Albert Oehlen, FM19, 2008, Privatsammlung; Foto: Albert Oehlen/Courtesy Galerie Max Hetzler

Nach einem Besuch der Ausstellung “Action Painting” in der Fondation Beyeler, Basel-Riehen, widmet sich Oehlen ab 2008 der “Fingermalerei”. Parallel dazu entstehen mit Plakatmotiven großflächig beklebte und dann über- oder bemalte Bilder und seit 2009 großformatige Collagen. Letztes Jahr wurde auf der Biennale in Venedig eine Serie seiner Collagen gezeigt. Für die Überblicksschau im Landesmuseum – eine gelungene Hommage an das künstlerische Schaffen Albert Oehlens – ist eine Reihe neuer Bilder entstanden.

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Albert Oehlen, Die 5000 Finger von Dr. Ö”, Ausstellungsansicht im Museum Wiesbaden, 2014; Foto: Arne Landwehr

Im Jahre 2000 erhielt der Künstler eine Professur für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Arbeiten von sechs seiner Meisterschüler – Andreas Breunig, Max Frintrop, Dominik Halmers, Ann-Kristin Hamm, Simone Hemmer und Andreas Plum – sind in Wiesbadener Galerien zu sehen. Die Arbeiten von Helga Schmidhuber, ebenfalls eine von Oehlens Meisterschülerinnen, werden unter dem Titel: “Does Voodoo work?” gezeigt. Höhepunkt ist eine raumfüllende Installation mit einem präparierten Java-Tiger. Das wertvolle Präparat des inzwischen ausgestorbenen Java-Tigers stammt aus den Naturhistorischen Sammlungen des Landesmuseums. Dieses einzigartige Exemplar bildet als kultische Figur das Zentrum von Schmidhubers heidnischem Altar.

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Helga Schmidhuber, Does Voodoo work?, Ausstellungsansicht im Museum Wiesbaden, 2014

In starkem Kontrast zu der Oehlen-Schau steht die Präsentation “Ludwig Knaus – Ein Lehrstück”. Der gebürtige Wiesbadener Ludwig Knaus (1829 bis 1910) war einer der führenden Genre- und Porträtmaler des 19. Jahrhunderts. Er war nicht nur ein herausragender Maler, sondern auch ein brillanter Zeichner. Seine Werke wurden bereits zu seinen Lebzeiten im In- und Ausland hoch geschätzt und erfreuen sich auch heute noch in französischen und amerikanischen Museen großer Beliebtheit.

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Ludwig Knaus, Die Katzenmutter, 1856, Museum Wiesbaden

Knaus besuchte bereits mit 17 Jahren in die Antikenklasse der berühmten Düsseldorfer Akademie. Wegen Differenzen mit seinem Lehrer Wilhelm von Schadow verließ er allerdings bereits drei Jahre später die Akademie.

Mit einzigartiger Beobachtungsgabe spürt der viel gereiste Künstler sensibel und einfühlsam menschliche Verhaltensweisen auf und entfaltet mit großer Nähe zu den Dargestellten ein psychologisches Gesellschaftsbild seiner Zeit, das alle Schichten umfasst. Dies belegen die gezeigten 23 Gemälde, 22 Zeichnungen sowie seine Skizzenbücher und Druckgrafiken.

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Ludwig Knaus, Brautschau, 1864, Museum Wiesbaden

Das Museum Wiesbaden beherbergt ein großes Konvolut an Arbeiten dieses einstmals gefeierten Meisters, den es laut Kurator Peter Forster wiederzuentdecken gilt. Eine Auswahl aus dem eigenen Bestand zeigt eindrucksvoll, warum Ludwig Knaus im 19. Jahrhundert eine so große Popularität genoss. Seine Werke können bis zum 2. November bewundert werden.

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Ludwig Knaus, Tanzszene im Wirtshaus (Kompositionsentwurf zu einem nicht ausgeführten Gemälde), 1880; Museum Wiesbaden

Schließlich präsentieren die Naturkundlichen Sammlungen die grandiose Schau “Paradiesvögel”, die das Museum Mensch und Natur, München, als Wanderausstellung entwickelt hat. Die Pracht jener buntgefiederten “Boten der Götter” ist legendär. Sie leben verborgen in den tropischen Wäldern Neuguineas, Australiens und der Molukken. Seit 400 Jahren erforscht, sorgen dennoch immer neue Details aus ihrem Leben für Überraschungen. Das Museum Wiesbaden rückt diese spektakuläre Vogelfamilie mit dem prächtigen Federkleid in das Zentrum einer umfangreichen Ausstellung, in der auch ihre natur- und kulturgeschichtlichen Aspekte beleuchtet werden.

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Raggi-Paradiesvogel aus den Naturhistorischen Sammlungen des Museums Wiesbaden

Ein Highlight dieser grandiosen Schau mit der sehr aufwändigen Ausstellungsarchitektur ist eine begehbare Regenwaldinszenierung. Hier sind die exotischen Schönheiten zwischen Urwaldriesen und Lianen versteckt und können mit einem bereitgestellten Fernglas entdeckt werden.

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Bei der Gesichtsbemalung, bei Kopfschmuck und Stammestänzen lassen sich noch heute die indigenen Völker stark von der Farbenpracht und den Balztänzen der Paradiesvögel inspirieren, wie beispielsweise der Stamm der Huli, die im südlichen Hochland Neuguineas leben; Foto: Hans-Bernd Heier

Ergänzend zu der aufwändigen Präsentation aus München, die noch bis zum 16. November 2014 im Landesmuseum zu sehen ist, zeigt das Wiesbadener Museum im zweiten Teil Exponate aus der eigenen reichhaltigen Sammlung zu diesem Kultur- und Themenkreis. Die informative Schau hat der Leiter der Naturhistorischen Sammlungen, Fritz Geller-Grimm, kuratiert.

Bildnachweis (soweit nicht anders bezeichnet): © Museum Wiesbaden

- Weitere Artikel von Hans-Bernd Heier -

100 Jahre Goethe-Universität Frankfurt am Main (1)

19. Juli 2014

Wer waren ihre Gründer, wer ihre ersten Gönner und welche Gelehrten machten sie berühmt?

Von Renate Feyerbacher

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Jubiläumsausstellung auf dem Campus Westend zum 100. Geburtstag: Goethe-Installation von Ottmar Hörl; Foto FeuilletonFrankfurt

Immer wieder sind Menschen erstaunt zu hören, dass die Johann Wolfgang Goethe-Universität (bei Gründung hiess sie Universität Frankfurt am Main, seit 1932 Johann Wolfgang Goethe-Universität, seit 2008 verkürzt nur noch Goethe-Universität) erst 100 Jahre alt ist. Die Marburger Philipps-Universität – die übrigens seinerzeit gegen die Frankfurter Gründung Einspruch erhoben hatte – ist fast 500 Jahre älter und wurde vom Landgrafen Philipp dem Großmütigen gegründet. Die Frankfurter Bürger, in der Jahrhunderte langen Tradition der “Freien Reichsstadt” und späteren “Freien Stadt”, wollten aber keine von Adel und Staat bevormundete Institution. Wirklich konkret wurde die Gründung einer Universität erst 1892, unter Preußischer Herrschaft, durch eine Denkschrift von Otto Kanngießer, einem Lehrer und Schriftsteller, die der seinerzeitige Oberbürgermeister Franz Adickes, seit einem Jahr Stadtoberhaupt, befürwortete.

Die Gründungsväter der Universität Frankfurt und ihre Mitbegründer und Stifter

Es war vor allem Franz Adickes (1845-1915), aus bürgerlichem, friesischem Haus, der von Anfang an – im Gegensatz zu Wilhelm Merton – eine Universität plante. Mit 27 Jahren hatte sich der Jurist Adickes gegen eine Hochschullaufbahn entschieden und das Amt des 2. Bürgermeisters in Dortmund angetreten, wo er sich um das Armen- und Stiftungswesen kümmerte. Danach folgte die Wahl zum 2. Bürgermeister in Altona, das er zu einer modernen Großstadt vor den Toren Hamburgs machte. 1891 folgte schließlich die Wahl mit absoluter Mehrheit zum Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main.

In Frankfurt setzte er seine wichtigen Projekte – Wohnungsbau, Stadtplanung, Kampf gegen Bodenspekulation und Aufbau von Einrichtungen für das Gemeinwohl – fort. Bald wurde von ihm als “Munizipalsozialist” gesprochen. Solidarität, Gemeinschaftsgefühl, ein “Sozialismus” im ursprünglichen Sinne, ohne sich mit der Idee des Klassenkampfes zu verbinden, kennzeichneten Franz Adickes’ Stadtpolitik, der parteilos war, aber den Nationalliberalen nahe stand. Der Aufstieg Frankfurts zur Großstadt ist sein Verdienst. Kultur und Bildung waren neben den bereits genannten seine anderen wichtigen Ziele. Das höhere Schulwesen erreichte ein solches Niveau, dass andere deutsche Städte es zum Vorbild nahmen.

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Plakat mit Franz Adickes; Foto Renate Feyerbacher

Die Sorge um das Geimeinwohl und um Kultur und Bildung der Bürger bewegte auch den in Frankfurt geborenen William Moses, der sich nach seiner Konversion 1899 zum protestantischen Glauben Wilhelm Merton (1848-1916) nannte. Er wurde zum wichtigsten Unterstützer von Oberbürgermeister Franz Adickes. Zunächst keineswegs an der Bank- und Metallhandlung seines Vaters interessiert – er habe, wie es hieß, “gedankenlos das übliche Leben eines reichen jungen Mannes geführt” – , brachte eine lebensbedrohliche Lungenentzündung ihn zu anderer Einsicht. Nach der Heirat mit der aus vermögendem Bankiershaus stammenden Emma Ladenburg, mit der er fünf Kinder hatte, gelang es dem Dreiunddreißigjährigen, die Firma seines Vaters nach und nach zu einem Weltkonzern – der “Metallgesellschaft” – aufzubauen.

Als dessen Generaldirektor waltete Wilhelm Merton mit patriarchalischer Macht über allem. Mitarbeiter sprachen von Kontrollwut, aber auch von Vertrautheit, von Förderung und Fürsorge. Der Global Player wurde von einem jüdischen Nationalökonomen, der dessen neue Form des Kapitalismus und die Monopolstellung kritisierte, mit dem Vorwurf der Spekulation konfrontiert. Andere warfen ihm hingegen Humanitätsduselei vor, weil er sich für die Arbeiterfrage interessierte und engagierte.

Neben seinem Weltkonzern schuf er 1890 einen sozialen Konzern besonderer Art, das “Institut für Gemeinwohl”, das aus entsprechend gemeinwohlorientierten Unternehmen bestand. Damit sollte der vorherrschende Dilettantismus in der Wohlfahrtspflege beendet werden. Kurz danach entstand die “Centrale für private Fürsorge”. Sie sollte die Arbeit zwischen den vielen Vereinen und Stiftungen koordinieren. Bis zu seinem Lebensende hatte Merton viel Geld in soziale Projekte investiert.

Nie hatte Merton, wie Adickes parteilos, den Nationalliberalen aber nahestehend, ein Politikamt inne. Dennoch: Sein Einfluss in der Stadtpolitik war signifikant. Im Magistrat hatte er sein “Sprachrohr” und somit auch guten Kontakt zum Oberbürgermeister.

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Altes Universitätsgebäude (Jügelhaus); Bildnachweis: Fbijlsma/wikimedia commons GFDL

Beider juristischer Berater war der Geheime Justizrat Henry Oswalt (1849-1934), ein enger Vertrauter Mertons, der 1897 mit dabei war, als sich das “Dreigestirn” im Haus des Unternehmers zum Gespräch traf. Es wurde die Gründung der “Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften” beschlossen, die Merton mit Stiftungsgeldern ausstattete. 1901 wurde die Akademie eingeweiht. Vergeblich war der Oberbürgermeister von Anfang an für die Gründung einer Universität nach Kanngießerschem Vorschlag eingetreten. Zwei Jahre später kam es sogar zu Differenzen zwischen Adickes und Merton, der sich zurückzog, weil er seinen Stiftungswillen zu wenig berücksichtigt fand. Der Streit endete erst nach einem Gespräch 1903, in dem beide den Ausbau der Akademie zu einer Universität beschlossen.

Sechs Jahre später wurde die bereits erwähnte Denkschrift zur Universitätsgründung, die fünf Fakultäten vorsah – je eine wirtschafts- und sozialwissenschaftliche, naturwissenschaftliche, medizinische, juristische und philosophische – , an die königlich-preußische Regierung in Berlin geschickt. Zu diesem Zeitpunkt war auch Merton ein begeisterter Anhänger der Erweiterung der Akademie zu einer Universität geworden. Er hatte insbesondere auf einer wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät, der ersten in Deutschland, beharrt und damit auch den Weg für den ersten Lehrstuhl für Soziologie geebnet, den Franz Oppenheimer 1919 – gestiftet von Karl Kotzenberg – übernahm. Er war damit der Wegbereiter des 1923 gegründeten Instituts für Sozialforschung mit seiner bewegten Geschichte ab 1933, der Verlagerung in die USA und ab 1951 der Rückkehr nach Frankfurt. Unter Max Horkheimer und Theodor W. Adorno wurde es als Sitz der “Frankfurter Schule” weltberühmt.

Henry Oswalt wird selten als einer der Gründer der Universität Frankfurt genannt. Dabei war er der juristische Steuermann. Henrys Vater, in der Frankfurter Judengasse geboren, heiratete in zweiter Ehe die reiche Hamburger Bankierstochter Emilie Heine, ein Kusine des berühmten Dichters Heinrich Heine. Henry wurde als “gleichberechtigter”, nicht als “israelitischer Bürger” geboren. Aber die Gleichstellung endete bereits nach 14 Tagen, weil die 1848er Revolution gescheitert war. Frankfurt wurde durch die preußische Armee besetzt und 1866 schließlich annektiert. Zwei Jahre zuvor war zwar die staatsbürgerliche Gleichstellung wieder in Kraft getreten. Aber die Zeit bis dahin war von einem grossen Assimilierungsdruck auf die Juden geprägt. Immerhin hatte sich die Familie “Ochs” in “Oswalt” umbenennen dürfen.

Henry Oswalt hatte Jura an verschiedenen Universitäten studiert und ließ sich nach der letzten Staatsprüfung 1877 als Advokat im Bezirk des Königlichen Appellationsgerichts in Frankfurt nieder. Neun Jahre später heiratete er, nachdem er sich hatte taufen lassen, die Tochter des Polizeipräsidenten Marie Louise Clara von Hergenhahn, eine gute Partie, die seine soziale Stellung durch Verbindung mit einer christlichen Familie steigerte. Diese aussergewöhnliche Frau engagierte sich vor allem bei dem “Verein für Volkskindergärten”.

Mehrfach vergebens bemühte sich der engagierte Kommunalpolitiker, Mitglied der nationalliberalen Partei, um ein Reichstagsmandat. Die Sozialdemokratie hatte an Einfluss zugenommen. Er, der Wirtschaftspraktiker, veröffentlichte zahlreiche wirtschaftstheoretische Schriften. Wie die anderen beiden genannten Gründer war er in mehreren Stiftungen involviert, und nach dem 1. Weltkrieg unterstützte er diese maßgeblich. Durch die Inflation hatten die Stiftungen ihr Vermögen eingebüsst. 1921 gründete er die “Oswalt Stiftung, Institut für physikalische Grundlagen der Medizin”, den ersten Lehrstuhl für Röntgenphysik, um die Arbeit des Physikers Friedrich Dessauer zu unterstützen und diesen Professor an der Frankfurter Universität zu halten. Oswalt erlebte nicht mehr die rassistischen Auswüchse Hitlers, den er als Lenker jedenfalls anfangs bewunderte.

Die beiden Frankfurter Ehrenbürger Leo Gans (1843-1935) und Arthur von Weinberg (1860-1943), durch Heirat der Familien Weinberg und Gans Onkel und Neffe, waren geniale Erfinder und erfolgreiche Gründer der Farbenfabrik Cassella. Sie wurden erst 1866 “gleichgestellte” Bürger Frankfurts. Beide waren getauft und mit einer Christin verheiratet. Dennoch ist ihr Lebensweg von jüdischen Emanzipationsbemühungen und dem Antisemitismus in der Kaiserzeit geprägt. Makaber erscheinen dabei die jahrelangen Anstrengungen der Brüder Arthur Weinberg, Chemiker, und Carlo Weinberg, kaufmännischer Leiter von Cassella, den erblichen Adelstitel zu erhalten, der ihnen schliesslich für ihre Verdienste um die deutsche Pferdezucht, nicht aber für ihre Leistungen als Pioniere der deutschen Chemieindustrie verliehen wurde.

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Arthur von Weinberg (links) und Leo Gans, jeweils um 1910; Bildnachweis: wikimedia

Leo Gans, der 1865 bei Wilhelm Bunsen promoviert hatte, stammte aus einer der ältesten jüdischen Familien in Frankfurt. Er war schon 1868 dem Physikalischen Verein, gegründet von an Chemie und Physik interessierten Bürgern, beigetreten, dessen Vorsitz er mehrfach inne hatte und dessen Neubaupläne er auch finanziell unterstützte. Der bescheiden auftretende Mäzen war bei den Bürgern beliebt und wurde zum Mitbegründer der Universität. Arthur von Weinberg, ebenfalls promovierter Chemiker, war Mitglied im Direktorium der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft. 1909 gründete er die nach ihm benannte Stiftung zur Förderung der Forschung und Lehrtätigkeit auf dem Gebiet der Naturwissenschaften für die zukünftige Universität.

Nach dem 1. Weltkrieg kümmerte sich Arthur von Weinberg zusammen mit seinem Onkel Leo Gans um den Wiederaufbau von Cassella. Erst 1938 trat er von seinen vielen Ämtern zurück. Tragisch war, dass er sich, wie auch sein Bruder Carlo, zunächst den faschistischen Bewegungen Mussolinis und Hitlers gedanklich angenähert hatte. Carlo floh jedoch im letzten Augenblick zu seiner Schwester nach Italien. Arthur von Weinberg wurde im Juni 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er ein Jahr später nach einer Gallenoperation verstarb.

Am 1. August 1914, dem Tag der deutschen Mobilmachung für den 1. Weltkrieg, hatte der Deutsche Kaiser und König von Preußen, Wilhelm II., noch die Universitätssatzung genehmigt. Zur Eröffnung der Hochschule am 18. Oktober 1914 erschien er nicht, sondern lenkte bereits das deutsche Kriegsgeschehen aus dem “Großen Hauptquartier” des Kaiserreichs im französischen Charleville-Mézières.

- Fortsetzung “Die einflussreichen Gelehrten” folgt -

 

Museum Wiesbaden würdigt das Lebenswerk von K. O. Götz

18. Juli 2014

Mit Pinsel und Rakel auf der Suche nach dem “poetischen Ausdruck im Ungegenständlichen”

Von Hans-Bernd Heier

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K. O. Götz bei der Arbeit in seinem Düsseldorfer Atelier, 1959; Foto: Siegfried Kühl

Im Februar 2014 feierte Karl Otto Götz seinen 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass widmen ihm das Museum Wiesbaden, die Nationalgalerie Berlin und das MKM Museum Küppersmühle für Modere Kunst, Duisburg, eine umfassende Werkschau, um das Lebenswerk dieses außergewöhnlichen Künstlers zu würdigen. “Raum- und konzeptionsbedingt unterscheidet sich allerdings die Wiesbadener Schau”, wie Museumdirektor Alexander Klar betont. Rund 60 Hauptwerke des Malers geben einen Einblick in Götz’ vielschichtiges, nunmehr über acht Jahrzehnte währendes Œuvre. Das älteste in Wiesbaden gezeigte Bild datiert aus dem Jahre 1936 und das jüngste aus 2010.

Wirbelnde, explodierende Formen und zeichenhafte, abstrakte Strukturen – Götz’ Werk ist geprägt von der Suche nach unmittelbarer, freier Form, nach einem “poetischen Ausdruck im Ungegenständlichen”, wie es der Künstler selbst formuliert. “Die Ausstellung möchte den Blick der Betrachter vor allem auf serielle Prozesse lenken, auf Zufälligkeiten, aber auch auf wiederkehrende Bildideen und Rhythmen, die seinen Bildern gleichermaßen Dynamik und Ordnung verleihen”, erklärt Jörg Daur, der stellvertretende Direktor des Wiesbadener Museums. Dabei zeigt sich auch Götz’ Einfluss auf zukünftige Künstlergenerationen, wie auf seine berühmten Schüler Sigmar Polke oder Gerhard Richter.

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Götz bemalt die auf dem Boden liegende Leinwand mit dem Rakel, 1976; Foto: Willi Kemp

Als eines der ersten deutschen Museen wandte sich das Museum Wiesbaden ab den frühen 1950er Jahren dem Informel zu. Diese Kunstströmung befand sich damals noch in der Entstehungsphase. Ein Protagonist dieser Bewegung war Karl Otto Götz, der in Wiesbaden bereits 1953 zum ersten Male ausgestellt wurde. Ab dieser Zeit signiert er seine Werke mit K.O. Götz. 1955 zeigte er drei Gemälde in der Ausstellung “glanz und gestalt – ungegenständliche deutsche kunst”, und 1957 war er in der bahnbrechenden Ausstellung “couleur vivante” abermals in Wiesbaden vertreten. Mit dem Gemälde “Krakmo” von 1957 besitzt das Museum Wiesbaden eines der schönsten und bewegensten Werke des Künstlers.

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Mit-Kuratorin Ina Ströher vor dem großformatigen Gemälde “Krakmo” (Mischtechnik auf Leinwand, 175 x 145 cm), das zu ihren Lieblingsbildenr zählt; Foto: Hans-Bernd Heier

Am 22. Februar 1914 wird Karl Otto Götz in Aachen geboren. Schon während des Besuchs der Volksschule beginnt er abstrakt zu malen und zu zeichnen. 1932 verlässt er die Oberrealschule, um Maler zu werden, und besucht die Webeschule und gleichzeitig – ohne Wissen der Eltern – die Kunstgewerbeschule in Aachen. Götz’ erste Werke aus den frühen 1930er Jahren sind vom Expressionismus und dem Surrealismus geprägt, wobei besonders die Arbeiten von Max Ernst, Juan Gris, Wassily Kandinsky, Paul Klee und für kurze Zeit auch Willi Baumeister Einfluss auf ihn ausübten. Es entstanden vor allem kleinformatige Holzschnitte und so genannte “Spritzbilder”, die zwar teilweise noch figürliche Elemente aufweisen, aber bereits informelle Strukturen vorwegnehmen. Obwohl Götz von der Reichskulturkammer in der Nazizeit Mal- und Ausstellungsverbot erhält, arbeitet er heimlich weiter an seiner künstlerischen Konzeption. Da seine Dresdner Wohnung 1945 ausgebombt wurde, sind viele Arbeiten des Frühwerks verloren gegangen.

Bis in die frühen 1950er Jahre versucht Götz sich in verschiedenen künstlerischen Medien: So fertigt er “Luftpumpenbilder”, Fotogramme, Holzschnitte, aber auch konstruktiv-abstrakte Ölbilder an. Im Laufe der 1950er Jahre lösen sich die Formen und Figuren zusehends auf. 1952 entstehen die letzten Ölbilder und die ersten rein informellen Mischtechnik-Bilder. Die letzten abstrakt-informellen “Ölbilder” hängen heute im Saarlandmuseum Saarbrücken.

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Ausstellungsansicht; Foto: Museum Wiesbaden /Arne Landwehr

In der zweiten Hälfte des Jahres 1952 gelingt Götz der künstlerische Durchbruch, und er findet zu einer neuen Maltechnik, die ihm seine charakteristische informelle Malerei ermöglicht: Beim Anrühren von Tapetenkleister für seinen Sohn Axel entdeckt Götz durch Zufall den “Nutzen von Kleister und Farbe für seine informellen Arbeiten, die sich mit Pinsel und Rakel durch den Kleister unter der Wasserfarbe viel schneller herstellen lassen, als das mit der zähen Ölfarbe möglich wäre. Mit Ölfarbe bekam Götz diese Dynamik nicht hin”, erläutert die Mitkuratorin der Ausstellung Ina Ströher, die an einem Werkverzeichnis von Götz-Ölgemälden arbeitet. Die Kombination von Farbe auf der mit Kleister versehenen Leinwand ist ideal für sein Ziel, die Farbe gestisch, in hoher Geschwindigkeit auf die Leinwand aufzutragen, um durch schnelle Verrakelung informelle Strukturen erzeugen zu können, die er ohne den schnellen Malvorgang nicht hätte schaffen können. Götz selbst sagt: “Ich kann meine Bilder nur malen, indem ich sie so schnell wie möglich male”. Für ihn war, laut Museumsdirektor Klar, Schnelligkeit ein Mittel zum Zweck. Seit dieser für Götz bahnbrechenden Entdeckung entstanden seine berühmten, unverkennbaren Gemälde und Gouachen mit gerakelter Farbe, die ihn zu einem der international wichtigsten Vertreter des Informel und des Action Painting werden ließen.

Während Götz in den 1950er Jahren seinen Werken oft gar keinen Titel gab beziehungsweise nur den Tag der Entstehung des Bildes als Titel angab, bekamen die späteren Arbeiten oft ungewöhnliche Titel, die an Fantasienamen denken lassen. In Wirklichkeit waren es jedoch normale norwegische Namen. Da Götz während des Zweiten Weltkriegs von 1941 bis 1945 als Soldat in Norwegen stationiert war, erlernte er auch die norwegische Sprache. Da ihm der Klang der Wörter gefiel, kam es zu diesen ungewöhnlichen Titeln.

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Museumdirektor Alexander Klar vor dem jüngsten in der Schau gezeigten Werk: “Elemente I”, 2010, zweiteilig, 260 x 400 cm; Foto: Hans-Bernd Heier

In den 1970er Jahren entstanden einige Arbeiten, die der Meister des Informel ohne Rakel und nur mit dem Pinsel gemalt hat. Dadurch erhielten die Werke eine völlig andere Struktur. In den 1980er Jahren entstand über mehrere Jahre die berühmte Serie “Giverny”, bei der Götz erstmals auf die Farbe Schwarz verzichtet und nur Primärfarben verwendet, die er auf die Leinwand aufträgt und mit einem Rakel aufreißt. Die so entstandenen farbintensiven Gemälde erinnerten ihn in ihrer Farbkraft an Claude Monets Garten in Giverny, so dass er, obwohl er nie die idyllische Anlage besucht hat, mit seinen Gemälden Monets herrlicher Gartenanlage ein Denkmal gesetzt hat.

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Ausstellungsansicht; Foto: Museum Wiesbaden /Arne Landwehr

Ab dem Jahr 2000 darf man wohl vom Beginn des Spätwerks des national wie international vielfach ausgezeichneten und geehrten Künstlers sprechen, dessen Arbeiten sowohl auf der Biennale in Venedig wie auch der documenta in Kassel zu sehen waren. Trotz seines hohen Alters und der nachlassenden Sehkraft zeigt Götz Freude am Experimentieren und dem Arbeiten mit anderen Materialien, wie zum Beispiel mit Keramik und an Stahlreliefs. Noch heute ist der Großmeister des Informel, dessen Markenzeichen Rakel und Pinsel sind, mit Assistenz künstlerisch aktiv.

Ein opulenter Katalog begleitet die großartige Schau; 224 Seiten, Preis: 30 Euro.

“K. O. Götz” im Museum Wiesbaden, bis 12. Oktober 2014

Bildnachweis (soweit nicht anders bezeichnet): © Museum Wiesbaden

- Weitere Artikel von Hans-Bernd Heier -

 

Absolventenausstellung 2014 der Städelschule “Pashmina” im MMK-Zollamt (4)

17. Juli 2014

Das 100-Bilder-Bild von Jagoda Bednarsky

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Ausstellungsplakat

“Pashmina” – so lautet der Titel der diesjährigen Absolventenausstellung – wie das? Nun weiss inzwischen jeder, dass es sich bei einem Pashmina um ein Schultertuch handelt, das auch als Schal getragen werden kann.  Einst eine kultige Mode-Ikone (Lady Diana soll sie in der westlichen Welt bekannt gemacht haben) aus hochwertigem Material (Kaschmir und Kaschmir/Seide) für Eigner opulent bestückter Geldbeutel, ist das Textil seit langem zu einem Billigmaterial-Produkt degeneriert, das überall auf den Ramschmärkten dieser Welt anzutreffen ist. Anlass für die heutigen Hochschulabsolventen zu der Frage, “wie sich sowohl Bedeutung als auch Wertzuschreibung von Objekten im Laufe der Zeit und kontextabhängig verändern”.

Ach übrigens zum Plakat: Das wertvolle Kaschmir-Haar kommt bekanntlich von der Kaschmir-Ziege – sieht das liebe Tier aber nicht eher einem Schaf ähnlich?

Heute kommen wir – im Anschluss an die Präsentation der Arbeit von Raphaela Vogel – zu einem wiederum grossformatigen Werk, einer Malerei von Jagoda Bednarsky “Zweite Lese” aus 2014, mit Öl, Acryl, Sprayfarbe und Farbdruck auf Leinwand, so die Materialbeschreibung. Das riesige Werk – wir veranschlagen die Leinwand auf etwa zwei mal drei oder noch mehr Meter – unter den Gegebenheiten und Beleuchtungsverhältnissen des Zollamtssaals angemessen zu fotografieren stellte uns vor eine schier unlösbare Aufgabe.

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Jagoda Bednarsky, Zweite Lese, 2014, Oil, acrylic, spray paint, c-print on canvas

Ein “Bilderteppich” aus rund 100 Einzelarbeiten. Zum näheren Betrachten der oberen bedürfte es einer Leiter. Und insgesamt, sagen wir mal, einer runden Stunde an Zeit, die – angesichts der Arbeits- und Lebenszeit, die die Künstlerin ihrem Monumentalwerk gewidmet hat – gut wie gerecht investiert wäre.

Sind es kleine Erzählungen, Episoden eines Lebens, zusammengefügt zu einem grossen Bilderbogen, was wir da sehen? Ist es eine Bilanz über zurückgelegte zehn Semester an der Städelschule? Sind es assoziative Chiffren, die die Künstlerin dem Betrachter zu dechiffrieren aufgibt? Trägt das Werk nicht auch Züge einer Karikatur auf Sammlungen, vielleicht gar in “Petersburger Hängung”? Will die Künstlerin aufzeigen, wie das Einzelwerk in der allgegenwärtigen Flut von kaum mehr wahrzunehmenden Kunstwerken unterzugehen droht? Soll die durchaus provokante Wucht der grossformatigen Präsentation uns in unserem Seh- und Wahrnehmungsverhalten aufrütteln?

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↑↓ Ausschnitte der linken oberen und der unteren Bildfläche

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Abgebildes Werk © die Künstlerin;
Fotos: FeuilletonFrankfurt

“Pashmina. Absolventen der Städelschule 2014″; MMK-Zollamt; bis 10. August 2014

- wird fortgesetzt -

→  Absolventenausstellung 2014 der Städelschule “Pashmina” im MMK-Zollamt (1)

 

Binding-Kulturpreis 2014 für den Frankfurter Verlag der Autoren

14. Juli 2014

Theater- und Buchverlag, Medien- und Literaturagentur:
Der Verlag der Autoren gehört den Autoren des Verlags

Von Renate Feyerbacher

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Preisurkunde

Der 19. Binding-Kulturpreis wurde am 5. Juli 2014 in einer Feierstunde an den in Frankfurt am Main ansässigen Verlag der Autoren verliehen. Mit 50.000 Euro ist er einer der höchst dotierten Kulturpreise Deutschlands.

Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth begrüsste die Gäste im Kaisersaal des Frankfurter Römer. Nach der Ansprache von Bergit Gräfin Douglas, der Vorstandsvorsitzenden der Binding-Kulturstiftung, folgten drei Laudatoren: Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, Klaudia Wick, Fernsehkritikerin, und Wolfgang Schopf, Leiter des Literaturarchivs der Goethe-Universität Frankfurt, dem der Verlag sein Archiv überlässt. In allen Reden war das Credo zu hören: “Der Verlag der Autoren gehört den Autoren des Verlags.” Noch immer kommen die Autoren regelmässig zur Gesellschafterversammlung des als GmbH organisierten, aber vom genossenschaftlichen Gedanken geprägten Unternehmens zusammen.

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Karlheinz Braun und Professor Felix Semmelroth

Im Grunde genommen ist der Verlag der Autoren eine Ausgründung aus dem Suhrkamp-Verlag: Bis 1969 leitete Karlheinz Braun (geb. 1932) den Theaterverlag bei Suhrkamp, dann gründete er nach seinem dortigen Ausscheiden noch im selben Jahr mit den drei im folgenden genannten Suhrkamp-Lektoren den Verlag der Autoren, dessen Geschäfte er anschliessend einige Jahre führte: diese waren Walter Boehlich (1921-2006), elf Jahre lang Cheflektor beim Suhrkamp-Verlag, Peter Urban (1941-2013), Schriftsteller und Übersetzer, Erschliesser der osteuropäischen Literatur, und der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer (1938-2014) - vgl.: “Chronik der Lektoren. Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren”, im Verlag der Autoren 2011.

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Ulrich Khuon

Als ein “Hüter der Werke und Autorenrechte” bezeichnete Laudator Ulrich Khuon den Verlag. Und er lobte die gute Zusammenarbeit von Lektoren und Theatermachern. Schwerpunkt war anfangs das Theater – und ist es auch heute noch. Der Verlag entwickelte sich in der Folge zu einem wichtigen Vermittler von Drehbüchern und Hörspielen für das deutschen Radio, das Fernsehen und das Kino. Die Autoren werden bis zur Premiere bzw. Erstausstrahlung betreut. Mittlerweile werden auch Bücher verlegt, vor allem aus dem Bereich der Darstellenden Künste. Heiner Müller ist mit Gedichten und Gesprächen, Wim Wenders mit Bildern und Geschichten sowie Josef Bierbichler mit seinem autobiografischen Rundumschlag vertreten. Ausserdem ist der Verlag als Agentur für Regisseure im Fernseh- und Kinobereich tätig. Unter den 120 Autoren des Medienbereichs befinden sich unter anderem Wim Wenders und Edgar Reitz. Seit kurzem ist der Verlag auch als Literaturagentur aktiv, und in jedem Frühjahr gibt es eine internationale Anthologie “Spielplatz” mit Theaterstücken für Kinder und Jugendliche. Schliesslich betreut er die Lizenzrechte von Choreograf William Forsythe.

Das vielfach als “Medienverlag” apostrophierte Unternehmen vertritt mit seinen nur 12 festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern insgesamt um die 300 Theater-, Film-, Prosa- und Fernsehautoren sowie Übersetzer.

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Collage von Werbekarten mit Sätzen aus Werken von Sophokles, Fassbinder, Mouawad, Kusz, von Zadow, Widmer und Deichsel

Grosse Namen stehen auf der Liste der Autoren: Dario Fo, Hans Magnus Enzensberger, Rainer Werner Fassbinder, Umberto Eco, Wilhelm Genazino, Wolfgang Deichsel, Angelika Klüssendorf, Botho Strauß, Urs Widmer, Friedrich Karl Waechter oder Dea Loher, die soeben zur Stadtschreiberin 2014/15 in Bergen-Enkheim ernannt wurde, um nur einige zu nennen. Unter den vielen weiteren namhaften Autoren befinden sich auch einige ältere aus der Weltliteratur.

Kleiner Rückblick

Wie kam es 1969 zur Gründung? Es waren die turbulenten Jahre der Studentenunruhen von 1967 bis 1970, die dabei eine Rolle spielten

1968 empörte sich eine große Zahl von Studenten gegen die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den senegalesischen Staatspräsidenten und Poeten Léopold Sédar Senghor (1906-2001). Senghor wurde eine zu grosse Versöhnungsbereitschaft gegenüber den ehemaligen Kolonialmächten und seine deutliche Orientierung sowohl kulturell als auch politisch an Europa kritisiert, die eine afrikanische Identität verhindere. Sie protestierten auch, weil er die Demonstrationen der Arbeiter und Studenten in seinem Land durch die Polizei hatte beenden lassen.

Der Buchmesse 1968, in der Presse auch “Polizeimesse” betitelt, drohte der Abbruch.

Suhrkamp-Verlagschef Siegfried Unseld (1924-2002) vermittelte damals zwischen der Messe, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und den Studenten. Jedoch wurde ihm später vorgeworfen, er habe sich bei diesen Vermittlungsversuchen letztlich auf die Seite der Messeleitung und des Börsenvereins gestellt. Durch sein Bestreben, “Establishment und Avantgarde” (Inge Feltrinelli) zugleich zu sein, sass der Verleger zwischen allen Stühlen. Die vier oben genannten Lektoren verfassten Ende September 1968 einen Brief, in dem sie Unseld scharf kritisierten (vgl. Claus Kröger: “Walter Boehlich vs. Siegfried Unseld”). Sie warfen ihm vor, “sein eigenes radikaldemokratisches Verlagsprogramm nicht ernst zu nehmen” und beklagten seine “Kapitalistenallüren” wie sein selbstherrliches, autoritäres Auftreten. Die vier legten ihm eine Lektoratsverfassung vor, die quasi die Entmachtung des Verlegers bedeutet hätte. Unseld lehnte jedoch das, was in seinem eigenen Verlagsprogramm – Umverteilung, Mitbestimmung – propagiert wurde, für seinen Verlag ab. Vielmehr mobilisierte er die Autoren, die hinter ihm standen, und behielt das Zepter in der Hand (Siegfried Unseld: “Chronik 1970″, erschienen 2010). Ein Jahr darauf erschien wiederum die schon erwähnte “Chronik der Lektoren”.

Nach dem Austritt der vier Lektoren aus dem Suhrkamp-Verlag drohte dem Verlag der Autoren am Anfang fast das Scheitern; heute verzeichnet der Verlag den wirtschaftlichen Erfolg, der seine Unabhängigkeit garantiert. Die Autorinnen und Autoren wählen die Geschäftsführung, sie sind durch ihre Delegierten über alle Entwicklungen im Verlag informiert und prägen auf diese Weise dessen unternehmerische Prinzipien. Ein erfolgreiches Unternehmen auf gesellschaftlicher Basis und in genossenschaftlichem Geist seit 45 Jahren! Den ersten Soziologie-Professor Deutschlands, der zehn Jahre an der Frankfurter Universität lehrte, Franz Oppenheimer, hätte es begeistert!

Zum Schluss der Veranstaltung gab es noch einen musikalischen Höhepunkt, den Gesellschafterin Annette Reschke, verantwortlich für Theater und Choreographie, anmoderierte und dabei noch einmal die enge Zusammenarbeit zwischen Verlag und Theater dokumentierte. Sie stellte Daniel Kahn, den in Berlin lebenden, aus Detroit stammenden Musiker vor. Er sang und spielte Lieder, die er für die Neuinszenierung “Angst Essen Seele auf” von Rainer Werner Fassbinder am Maxim Gorki-Theater in Berlin (Regie: Hakan Mican) getextet und komponiert hatte. Zweifellos ein Höhepunkt der Preisverleihung.

Für den Verlag der Autoren nahmen am 5. Juli 2014 Schriftstellerin Ingeborg von Zadow und der Mitgeschäftsführer, Rechtsanwalt Oliver Schlecht, die Urkunde und den Scheck entgegen.

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Ingeborg von Zadow und Oliver Schlecht

Fotos: Renate Feyerbacher