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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Trevor Paglen: “The Octopus” im Frankfurter Kunstverein

26. August 2015

Wer zum bevorstehenden Frankfurter Museumsuferfest unterwegs sein will – und das werden nicht wenige sein -, sollte keinesfalls die Doppelausstellung im Frankfurter Kunstverein versäumen, die am kommenden Sonntag, 30. August 2015, auslaufen wird.

Thomas Feuersteins opulentes Werk PSYCHOPROSA” haben wir bereits vorgestellt. Heute werfen wir einen Blick auf die Parallelaustellung mit dem Werk “The Octopus” des US-amerikanischen Künstlers Trevor Paglen.

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Trevor Paglen, Bildnachweis: Frankfurter Kunstverein

“Trevor Paglen macht sichtbar, was nach Willen der NSA unsichtbar bleiben soll. Der Frankfurter Kunstverein zeigt sein jüngstes Werk … Die Paglen-Retrospektive … liefert ein sehr gutes Argument dafür, warum eine Stadt neben den grossen Museumstankern einen Kunstverein braucht.” Julia Voss, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Juni 2015

Trevor Paglens Bilder zeigen dokumentarisch geheime Orte der Macht, die nach den Interessen der die Macht Ausübenden verborgen bleiben sollten. Seine Kunst ist eine hoch politische, kann jedoch zugleich in einem gewissen, wohl eher zufällig sich ergebenden Kontext zu zwei anderen derzeit in Frankfurt gezeigten Ausstellungen gesehen werden, bei denen es ebenfalls um ein Verstecken, ein Verbergen, um ein Tarnen und “Unsichtbarmachen” (wie es dem Tintenfisch, einer Oberart des Octopus, gelingt) geht: “Vom Verbergen” – so bereits der Titel – im Museum Angewandte Kunst und – in einem weiteren Sinne – auch die Präsentation “Tuchfühlung – Kostas Murkudis und die Sammlung des MMK” im MMK 2, bei der es unter anderem um ein lustbetontes textiles Verbergen des – weiblichen – Körpers geht. FeuilletonFrankfurt wird auf die Ausstellungen zurückkommen.

Die Ausstellung “Trevor Paglen: The Octopus“, ein Projekt des Frankfurter Kunstvereins, findet im Rahmen der RAY 2015 Fotografieprojekte Frankfurt Rhein/Main statt sowie in Kooperation mit dem Exzellenzcluster “Die Herausbildung normativer Ordnungen” der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Geheime Überwachung und deren Techniken sowie die damit bezweckte politische Einflussnahme sind die Gegenstände von Paglens langjähriger künstlerischer Recherche- und Forschungspraxis. Zu sehen sind Landschaftsbilder im Zeitalter von Big Data, Bilderserien von militärischen Orten und geheimen Überwachungstechniken sowie Videoarbeiten, ferner entsprechende Materialien und Dokumente. Der Künstler möchte mit seiner Arbeit “Aktionen anstossen, die einen Einfluss auf die Gesellschaft nehmen und aus den institutionellen Räumen der Kunst in die reale Welt hinausreichen”.

“Der ‘Autonomy Cube’ (2014) ist eine Skulptur, die von Trevor Paglen in Kooperation mit dem Internetaktivisten Jacob Appelbaum entwickelt wurde. Er enthält mehrere mit dem Internet verbundene mainboards (Hauptplatinen), die einen frei zugänglichen WiFi-Hotspot erzeugen. Besucher können das Netzwerk nutzen und darüber im Internet surfen. Die Skulptur leitet alle Datenströme über ‘Tor’, ein Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten, das aus einem globalen Netz von tausenden freiwillig betriebenen Servern getragen wird. Der ‘Autonomy Cube’ wird selber zu einem Relais, also eine Weiterleitung im Rahmen des Netzwerks, die anderen Nutzern weltweit dabei hilft, ihre Internetnutzung zu anonymisieren. Die Skulptur, der Kunstverein und der Besucher werden somit Teil einer Privatsphären-orientierten und freiwillig betriebenen Infrastruktur des Internets” (Wandtext).

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Trevor Paglen und Jacob Appelbaum, “Autonomy Cube”, 2014, Mischtechnik, 34,3 x 34,3 x 34,3 cm; Courtesy the artists und Altman Siegel, San Francisco; Metro Pictures, New York; Galerie Thomas Zander, Köln. Im Hintergrund: “The Fence (Lake Kickapoo, Texas)”, 2010, C-print, 127 x 101,6 cm; © the artist, Courtesy Privatsammlung; Fotos: FeuilletonFrankfurt

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“National Geospatial-Intelligence Agency, Springfield, Virginia; National Security Agency, Ft. Meade, Maryland; National Reconnaissance Office, Chantilly, Virginia (2013): Das Triptychon von nächtlichen Luftaufnahmen zeigt Orte, von denen aus die Geheimdienste der amerikanischen Regierung agieren. Die Grösse der Anlagen lassen den enormen Umfang der von ihnen gesteuerten Überwachung erahnen. Paglen wählt bei der Abbildung des Hauptsitzes der National Security Agency (NSA) in Fort Meade bewusst jene Perspektive eines Fotos aus den 1970er Jahren, welches die Behörde nach wie vor für ihre öffentliche Darstellung nutzt” (Wandtext).

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“National Geospatial-Intelligence Agency, Springfield, Virginia; National Security Agency, Ft. Meade, Maryland; National Reconnaissance Office, Chantilly, Virginia, 2013 (Triptychon) (rechts) und Bildgruppe “Untitled (Reaper Drone)” (links), Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein; Foto: Norbert Miguletz, © Frankfurter Kunstverein

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↑ ↓↓”National Geospatial-Intelligence Agency, Springfield, Virginia; National Security Agency, Ft. Meade, Maryland; National Reconnaissance Office, Chantilly, Virginia, 2013; 3 C-prints (Triptychon), jeweils 45,7 x 68,6 cm; © the artist, Courtesy Galerie Thomas Zander, Köln

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“Die Fotografie ‘They Watch the Moon’ ist unter Langzeitbelichtung bei Mondlicht in den Wäldern von West Virginia entstanden. Dort liegt eine Abhörstation, die von dem sogenannten ‘Moonbounce’-Phänomen profitiert. Sie fängt Kommunikations- und Fernmesssignale von der ganzen Welt ab, die in das Weltall entweichen und vom Mond zurück zur Erde reflektiert werden. Dazu wurde eine ‘National Radio Quiet Zone’ von 34.000 Quadratkilometern eingerichtet, innerhalb derer Radio-Übertragungen und Internetverbindungen fast vollständig verboten sind” (Wandtext).

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“They Watch the Moon”, 2010, C-print, 91,44 x 121,92 cm; © the artist, Courtesy Galerie Thomas Zander, Köln; Foto: FeuilletonFrankfurt

Ein weiterer Teil der Ausstellung sind die Ergebnisse eines Fotowettbewerb “Eagle-Eye Photo Contest: Landschaften der Überwachung”. Gezeigt werden von einer Jury (Trevor Paglen, Kunstvereinsdirektorin Franziska Nori, Ditmar Schädel, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Photograhie, Nils Bremer, Chefredakteur “Journal Frankfurt” und Luminita Sabau, vormals Leiterin der DZ Bank-Kunstsammlung und Sprecherin der RAY Fotografieprojekte) prämierte Aufnahmen von Florian Freier, Kerstin Matijasevic, Alessandra Schellnegger, Dieter Schwer und Julian Slagman. Sie zeigen unter anderem Basisstationen der amerikanischen NSA und des BND in Deutschland. Alle weiteren Beiträge werden in Form eines Dossiers in der Ausstellung präsentiert.

Trevor Paglen, 1974 in Camp Springs, Maryland, geboren, studierte an der University of California in Berkeley mit dem B. A.-Abschluss in Religionswissenschaft, an der School of the Art Institute of Chicago mit dem Abschluss Master of Fine Arts in Kunst und Technologie sowie anschliessend wieder an der University of California in Berkeley Geografie (Schwerpunkt Neue Medien) mit dem Abschluss Ph.D. Der Künstler lebt und arbeitet in New York.

“Thomas Feuerstein: PSYCHOPROSA” und “Trevor Paglen: The Octopus”, Frankfurter Kunstverein, nur noch bis 30. August 2015

 

Hilmar Hoffmann zum 90. Geburtstag

25. August 2015

Umtriebig, ideenreich, tatkräftig auch heute noch

Von Renate Feyerbacher

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Heute, am Dienstag, 25. August 2015, feiert der Filmhistoriker, Museums- und Theatergründer, Schriftsteller, Hochschullehrer, Stadtentwickler Hilmar Hoffmann in Frankfurt am Main seinen 90. Geburtstag. Zwanzig Jahre lang, von 1970 bis 1990, war er Kulturdezernent in Frankfurt. Er hatte die Idee für das Museumsufer, begründete das Kommunale Kino und schuf den Begriff “Kultur für alle”.

Wenige Tage zuvor waren an seinem Lieblingsort, dem Deutschen Filminstitut/Filmmuseum, Freunde zusammengekommen, unter ihnen Ferry Ahrlé, Claudia Dillmann, Barbara Klemm, Tom Königs, Petra Roth, Felix Semmelroth und Wilhelm Zimmermann, um ihn zu ehren. Der Anlass war das von Claus-Jürgen Göpfert, langjähriger Autor und Journalist der Frankfurter Rundschau, geschriebene Buch über den Kulturpolitiker, den er 35 Jahre journalistisch begleitet hatte. Weiterlesen

“Blickachsen 10″ in Bad Homburg und Rhein-Main (6)

22. August 2015

David Nash: “Black Butt”
Franz West: “Sphairos”

Zwei Kugeln – zwei Globen, Weltkugeln, Raumkörper?

Seit jeher spielen die Kugel beziehungsweise die Kugelform, in welcher Gestalt auch immer, in der bildenden Kunst und namentlich in der Bildhauerei eine grosse Rolle. Bereits in der Antike ersetzten gebildete Naturwissenschaftler und Philosophen (Pythagoras, Platon, Aristoteles etc.) die archaische Vorstellung von der Erde als Scheibe auf einem Ur-Ozean durch das Kugelbild, und gleiches galt auch für die Gestirne. Stets faszinierte die Kugel – sie kennt kein oben oder unten, kein links oder rechts – mit ihrer endlichen, aber unbegrenzten Oberfläche die Menschen und forderte zu künstlerischer Gestaltung heraus.

Nehmen wir den “Black Butt” des 1945 in Esher/Surrey geborenen Bildhauers David Nash, das Blickachsen-Manegement übersetzt den Titel vornehm mit “Schwarzer Baumstrunk” (und da spricht ja auch vieles dafür), wer “butt” in den Google-Übersetzer gibt, erhält indes weitere Bedeutungen, auch solcher Art, die wir hier nicht gerne wiedergeben möchten. Sei es, wie es sei … wenn auch verbeult und zerklüftet, irgendwie rund und einer Kugel ähnlich ist das Werk auf jeden Fall. Eindrucksvoll und mit über zwei Meter Durchmesser Aufmerksamkeit einfordernd steht/liegt es auf einer weiten Wiesenfläche im Kurpark, der Blick schweift bis hinunter zum Schwanenteich mit seiner Fontaine, und je weiter sich der Betrachter von ihm entfernt, desto rundgefügter erscheint es ihm.

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David Nash, Black Butt, 2010, Bronzeguss, schwarz patiniert, Ex. 1/3, Durchmesser 220 cm Weiterlesen

Struwwelpeter zieht in den Krieg – Ausstellung im Frankfurter Struwwelpeter Museum

20. August 2015

Von Winfred Kaminski

Im seit 1977 im Frankfurter Westend beheimateten Struwwelpeter-Museum lädt eine lohnenswerte Sonderausstellung zum Thema “Kriegserziehung im Bilderbuch” ein.

Seit seiner Gründung hat sich das Museum in ausgezeichneter Weise um das illustratorische und schriftstellerische Werk des Arztes, Psychiaters, Schriftstellers und Kinderbuchautors Heinrich Hoffmann (1809 – 1894) verdient gemacht. Momentan zeigt das Haus unter der Überschrift “Struwwelpeter wird Soldat”, wie das Bilderbuch in Dienst genommen wurde. Die Leiterin des Museums, Beate Zekorn-von Bebenburg, hat es mit dieser Ausstellung erneut vermocht, eine weitere Facette der langanhaltenden Wirkungsgeschichte des Kinderklassikers herauszuarbeiten.

Die Ausstellung bezieht sich selbstverständlich auf Hoffmanns Bilderbuch, aber es wird eingebunden in den umfassenderen Kontext von Karikaturen und Bilderbüchern zum Ersten Weltkrieg. Dabei beeindruckt immer wieder zu sehen, dass Heinrich Hoffmanns 1844 mit seinem Struwwelpeter zum einen eine Ikone geschaffen hat und zum anderen, wie ambivalent diese geraten ist. Wer bisher meinte, diese Phantasiegestalt repräsentiere allein das Aufmüpfige, Widerspenstige und sei eben eine Antifigur zur brav-biedermeierlichen Lebens- und Kindheitsidee, der wird durch die Ausstellung eines besseren belehrt.

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“Der Kriegs-Struwwelpeter”, © Sammlung Struwwelpeter-Museum Weiterlesen

TTIP und kollaterale Kultur

18. August 2015

Einige Anmerkungen von Gunnar Schanno

Das von der deutschen Regierung für alternativlos erklärte Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA ist in öffentlich ansteigender Diskussion. Ihr Niederschlag in Medien und Netzwerken ist unübersehbar, geradezu gigantisch geworden. Seit 2011 bei einem EU-USA-Gipfel als Verhandlungs-Abkommen ins Leben gerufen, hat sich Idee und Realisierung institutionalisiert. Mit zwanzig “High-level-working groups on jobs and growth” soll sich das seit 2013 in Verhandlung stehende Freihandelsabkommen nach acht Verhandlungsrunden finalisieren. Ihre Verhandlungsbühnen haben sie meist in Washington und Brüssel.

Als Vorbild steht die Europäische Union und als “Vision” die größte Freihandelszone der Welt, die ein Gegengewicht gegen den pazifisch-chinesischen Wirtschaftsraum bilden soll. Darin liegt die globale Dimension von TTIP. Als nicht zu beweisendes Versprechen steht das Generieren Tausender neuer Jobs vor allem in Deutschland. Doch TTIP ist als “Transatlantic Trade & Investment Partnership” (Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft) ein Handels- und kein völkergemeinschaftliches Abkommen. Deshalb stehen ihre Hauptziele als klare Vorgaben, wie sie Deutschlands verhandlungsverantwortliche Instanz, das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi.de/go/ttip), deutlich nennt: Abbau von Bürokratie und Zollschranken, Abbau nicht-tarifärer Handelshemmnisse, Erzielen von Kostenvorteilen durch Synergie, Angleichung von Standards und Industrienormen, Erleichterung des Marktzugangs für Investoren in den USA.

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Treffen der Regierungschefs der USA und einiger europäischer Staaten zu TTIP einen Monat vor Beginn der Verhandlungen am Rande des G8-Gipfels in Enniskillen, Nordirland, im Juni 2013; Foto: Peter J. Souza, Bildnachweis: White House/wikimedia commons

Die ansteigende Diskussion hat die “Kultur” erreicht. Handel ist nicht Kultur. Wirtschaft reklamiert für sich, nicht für Ethik zuständig zu sein. Für die Ökonomie ist Kultur ein Phänomen, das im Sog wirtschaftsliberaler Dynamik eher kollateral mitgerissen wird – im föderalen Deutschland meist nicht zum Nachteil der Kultur. Auch unter TTIP-Regeln ginge es jedenfalls “nicht um Abbau von sozialen oder kulturellen Standards”, so das BMWi. Das Abkommen werde “das deutsche Bildungssystem nicht ändern”. Vielmehr: TTIP wolle zur Nachhaltigkeit beitragen und zwar “im Einklang mit dem Besitzstand der EU und ihrer Mitgliedstaaten”. Kultur stehe auch unter dem Anspruch öffentlicher Daseinsvorsorge. Das “Niveau der Rechtsvorschriften, Normen in Umwelt- Arbeitsrecht und Gesundheitsschutz” und die “Förderung kultureller Vielfalt müssen gewahrt werden”. Eine Art Versprechen! Doch eine Garantie liegt in dieser Formulierung nicht. Weiterlesen