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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

25 Jahre Hessischer Film- und Kinopreis 2014

31. Oktober 2014

Grossartige Filme, zu viele Sprüche, gelungenes Fest

Von Renate Feyerbacher

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Der neue “hessische Oscar”, kreiert von dem bekannten Künstler Ottmar Hörl

Am 10. Oktober 2014 wurde in der Alten Oper Frankfurt zum 25. Mal der Hessische Film- und Kinopreis und zum 12. Mal der Hessische Fernsehpreis – letzterer vergeben vom Hessische Rundfunk in Zusammenarbeit mit der Hessischen Filmförderung – verliehen. Namhafte prominente Film- und Fernsehschaffende gaben sich ein Stelldichein. Ein glanzvoller, nicht protziger Abend – musikalisch gestaltet vom Komiker, Musikclown und Autor Helge Schneider und dem Spardosen-Terzett -, ein Abend mit Arbeitsgesprächen.

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(von links) Alwara Höfels, Matthias Brandt, Iris Berben, Anna Maria Mühe

Hessischer Film- und Kinopreis

Obwohl der Ehrenpreis des Hessischen Ministerpräsidenten stets der Höhepunkt am Ende der Filmgala ist, soll er hier an erster Stelle stehen. Wieder hat Volker Bouffier sich eine Schauspielerin ausgesucht, die die 50 Jahre überschritten hat: Iris Berben. Sie wurde von ihrer Laudatorin, der herausragenden jungen Schauspielerin Anna Maria Mühe, begeistert gefeiert. Die Comedy-Serien “Klimbim” und “Sketup” gehörten zum Beginn von Berbens Karriere. Sie spielte mit in der erfolgreichsten deutschen Fernsehserie “Das Erbe der Guldenburgs” und die Konsulin in den “Buddenbroocks”. Fast 19 Jahre lang strahlte das ZDF die Krimiserie mit der Kommissarin “Rosa Roth” aus. In diesem Jahr war sie beim “Wagner Clan” dabei, und in dem Fernsehfilm “Sternstunde ihres Lebens” gab sie Elisabeth Selbert ihr Gesicht, der SPD-Politikerin und Juristin, die die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz erstritt.

Seit 2010 ist Iris Berben Präsidentin der Deutschen Filmakademie. Sie engagiert sich vielfältig, unter anderem gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus.

Die junge Filmemacherin, Drehbuchautorin und Regisseurin Sonja Heiss gewann in der Kategorie Bester Spielfilm. Die 90-minütige Produktion “Hedi Schneider steckt fest”, von Kameramann Nikolai von Graevenitz realisiert, ist eine Koproduktion, an der ZDF (Das Kleine Fernsehspiel) und ARTE beteiligt waren. Ein Preisgeld von 15.000 Euro konnte sie entgegennehmen.

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Sonja Heiss

Hedi Schneider – perfekt besetzt mit Laura Tonke – lebt beschaulich mit ihrer kleinen Familie, geht kleinen Jobangeboten nach. Dann bleibt sie nur minutenlang in einem Aufzug stecken. Aber dieses Ereignis löst bei ihr später immer wieder unerklärliche Panikattacken aus, die Mann und Sohn schwer belasten und die kleine Familie fast zerbrechen lassen.

Die Jury rühmt die fragile Balance, die Sonja Heiss “zwischen berührendem Drama und leichtfüßiger Komödie scheinbar mühelos und mit großer erzählerischer Eleganz” meistert, “ein Kunststück, das im deutschen Kino nur wenigen gelingt”. Der Jury, die auch den Drehbuchpreis und den Hochschulfilmpreis verantwortet, gehören der Journalist Manfred Riepe, die Schauspielerin Jenny Schily, Reiner Schöler, Referatsleiter Film im Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst, der Regisseur Jan Schomburg und der Geschäftsführer der Hessische Filmförderung (Filmförderung des Landes Hessen und des Hessischen Rundfunks) Frank Stephan Limbach an. Der gebürtige Hesse Limbach, Filmproduzent in Frankfurt, ist seit diesem Jahr Nachfolger der langjährigen Geschäftsführerin Maria Wismeth und hat den Vorsitz der Jury inne.

Leichtigkeit und feiner Humor zeichnet den Film aus, der ein schwieriges Thema behandelt: die Angst vor der Angst. Die Münchnerin Sonja Heiss, die an der dortigen Hochschule für Film und Fernsehen studierte und heute in Berlin lebt, wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und erhielt Stipendien. Endlich einmal eine Regisseurin, die die Chance erhielt, einen Spielfilm zu drehen.

200 Regisseurinnen des Vereins “Pro Quote Regie” – das sei in diesem Zusammenhang erwähnt -  haben soeben einen Appell an die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, an die Filmförderungen von Bund und Ländern sowie an die Politik gerichtet, mehr Regisseurinnen mit Produktionen zu beauftragen. Derzeit gehen 85 Prozent der Aufträge in Deutschland und Europa an Männer, aber 42 Prozent der Absolventen deutscher Filmhochschulen sind Frauen. Die namhaften Regisseure Volker Schlöndorff und Edgar Reitz unterstützen die Forderung der Regisseurinnen.

Auch der Film “Im Labyrinth des Schweigens” war nominiert. Er ist dem Andenken Fritz Bauers gewidmet, der in Frankfurt die Auschwitz-Prozesse initiierte – “ein bemerkenswerter Historienfilm”, in dem der überragende deutsche Burgschauspieler Gert Voss die Rolle von Fritz Bauer übernahm. Es war seine letzte Rolle vor seinem Tod im Juli 2014.

Auch der Kinderfilm “Petterson und Findus – Kleiner Quälgeist, Grosse Freundschaft” gehörte zu den Nominierten, die mit jeweils 5.000 Euro bedacht wurden – “liebevolle Ausstattung … spielerische, kindgerechte und einnehmend frohgemute Atmosphäre” wurden ihm bescheinigt.

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Preisträger-Gruppenfoto

Ebenfalls mit 15.000 Euro dotiert ist der beste Dokumentarfilm. Gewinner wurde “The Green Prince”, den Regisseur Nadav Schirman realisierte. Eine deutsch-israelisch-englische Produktion, deren Kinostart am 27. November 2014 beginnt.

Mitbewerber des Hessischen Filmpreises Dokumentation waren “Arteholic” (über den kunstsüchtigen Schauspieler Udo Kier) und “Carlo, keep swinging” über den Frankfurter Jazzer Carlo Bohländer.

The Green Prince (der grüne Prinz) war der Deckname für Mosab Hassan Yousef, den Sohn des Hamas-Mitbegründers Scheich Hassan Yousef, der zu einem der wichtigsten Agenten des israelischen Geheimdienstes Shin Beth wurde und seine Familie und seine eigenen Leute ausspionierte. Mosab Hassan Yousef wollte bereits als Kind gegen Israel kämpfen, geriet aber in jungen Jahren in die Fänge Israels. Gonen Ben Yitzhak, Führungsoffizier des Geheimdienstes Shin Beth, rekrutierte ihn für die israelische Organisation. Die beiden sind die Protagonisten der Dokumentation, der bereits bei Filmfestivals in Utha/USA und in Moskau ausgezeichnet wurde. Vor kurzem wurde ihr der israelische Oscar zuteil.

Die Frage nach der Motivation von Mosab Hassab Yousef hat Regisseur Nadav Schirman besonders beschäftigt. Die Fragen von Wahrheit und Schuld kann der Film nicht beantworten. Mosab Hassan Yousef lebt heute in den USA in ständiger Angst. Schirman, Sohn eines israelischen Diplomaten, erregte bereits mit seiner Dokumentation “In the Darkroom” Aufmerksamkeit. In dieser Dokumenation kommt die Deutsche Magdalena Kopp zu Wort, die 13 Jahre lang Lebensgefährtin des Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, alias Carlos genannt der Schakal, war. Der neue Dokumentarfilm fordert zum Nachdenken über die politisch brisante Situation in Nahost auf. Die Jury nennt ihn einen psychologisch-komplexen Thriller, den der Regisseur “packend und souverän” umgesetzt habe.

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Nino Pezella

Die deutsch-italienische Produktion “Femminielli” von Nino Pezzella wurde mit 15.000 Euro in der Kategorie Experimentalfilm ausgezeichnet. Ein “Femminiello” ist ein Transgender: geboren als Mann, lebt sie seit früher Kindheit ihre weibliche Identität. Der Ort ist Neapel, wo sie in der Gesellschaft als sogenanntes “drittes Geschlecht” verankert sind. Sie werden als Glücksbringer verehrt.

Der Regisseur, der in Italien aufwuchs und in Frankfurt wohnt, fliessend Süditalienisch spricht, erzählt, dass er seit 2000 dieses Thema in Arbeit hat: zunächst ein Jahr Recherchen, dann elf Jahre Dreharbeiten, danach Montage und Postproduktion. Zugang zu den Menschen, es sind vier Hauptdarsteller, fand er durch neapolitanische Freunde. “Desto trotz war der Zugang recht schwierig”. Die kurzen Film-Ausschnitte, die am Gala-Abend zu sehen waren, lassen interessante, aber schwierige Dreharbeiten vermuten.

Die “Femminielli”, die sich als Künstler verstehen, sind heute nur noch im spanischen Viertel Neapels, einem Armenviertel, anzutreffen. Hier konnten sie ihre Tradition, die jedoch vom “Aussterben bedroht ist, bewahren. Nino Pezzella, so heisst es in der Begründung der Jury, habe ihnen ein Denkmal gesetzt. Er lässt “uns teilhaben an ihren Leben, ihren Ritualen, ihren Problemen, ihrem Witz und ihrer gesellschaftlichen Funktion als befreiendes Ventil nicht gelebter Sehnsüchte. In seiner experimentellen Art des Filmens spiegelt sich die spielerische Theatralik der Femminielli und liefert nebenbei einen angenehm irritierenden Beitrag zur Transgender-Diskussion unserer Tage”.

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David Sarno

Der Filmemacher David Sarno wurde für “Richard & Gilbert” mit dem Hessischen Hochschulpreis ausgezeichnet. Der Kurzfilm passt in keine Schublade, in keine Kategorie. Die Jury lobt technische Perfektion, meisterhafte Tableaus, eine Lichtführung, die an die frühbarocken Gemälde des Italieners Caravaggio (1571-1610) denken lassen. Es ist ein Beitrag nur für Erwachsene mit starken Nerven. Es geht um eine Mordserie, die ein Dorf im 19. Jahrhundert in Angst und Schrecken hält. Richard und Gilbert, zwei junge Detektive, die einander lieben, sind auf den Plan gerufen.

Die Jury betont, dass sich Sarnos Film nicht auf sexualisierten Splatter reduzieren lässt (Splatterfilm ist eine Art Horrorfilm mit hemmungsloser Gewalt und Blut). Er sei vielmehr ein gelungenes Kunstkino – realisiert durch eine eindrucksvolle Kameraführung von Ivan Robles-Mendoza. “Für einen Hochschulfilm äußerst bemerkenswert.”

Zum Drehbuchpreis: Einmal Weihnachten feiern, das wünscht sich die kleine Melek. Der Vater, der sich der islamischen Gemeinde als zukünftigen Imam anpreisen will, ist davon nicht begeistert. Melek protestiert durch einen nicht enden wollenden Schreikrampf, der sie schliesslich ins Krankenhaus bringt. “Weihnachten unterm Halbmond”, so der Titel des Drehbuchs, das den Preis erhielt, versucht nun die Mutter heimlich zu organisieren. Aber Missverständnisse und Hindernisse pflastern den Weg zum Vorhaben.

Numan Acar und die Co-Autoren Sinan Akkuş und Tim Krause hoffen nun auf die Realsierung des Spielfilms.

Als beste Internationale Literaturverfilmung hatte Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, “A most wanted Man” des niederländischen Fotografen und Filmregisseurs Anton Corbijn gewählt. Corbijn hat den gleichnamigen Spionageroman (deutsch “Marionetten”) des englischen Schriftstellers John le Carré mit Kameramann Benoît Delhomme verfilmt. Die deutsche-britische Produktion wurde in Hamburg und Berlin gedreht.

Ein faszinierender Film, spannend bis zur letzten Sekunde, der die beruflichen Konkurrenzkämpfe von Antiterrorspezialisten aufzeigt, die nach dem 11. September 2001 in Hamburg und Berlin aktiv sind. Es ist kein Krimi, sondern eine Geschichte, die von Macht, Schuld, Unschuld, Ungewissheit, Liebe und Menschlichkeit erzählt. Grossartig ist die Charakterzeichnung des Hauptdarstellers Philip Seymour Hoffman alias Spionagespezialist Günther Bachmann, der eine nicht offizielle Anti-Terror-Gruppe führt. Der im Film pausenlos rauchende und Wiskey trinkende, schlampige, oft atemlose, aber sympathische Hoffman gab viel von sich selbst preis. Nur kurze Zeit nach der englischen Filmpremiere wurde Hoffman im Februar 2014 tot in seiner New Yorker Wohnung gefunden. Ein Mix von Suchtmitteln, es wird von einem Unfall ausgegangen, tötete ihn. In 53 Filmen wirkte Hoffman mit. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Golden Globe und dem Oscar für den amerikanischen Film “Capote”. Auch als Regisseur wurde er aktiv.

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Matthias Brandt und Iris Berben

Hessischer Fernsehpreis

Nun folgt ein Lob auf einen aussergewöhnlichen deutschen Schauspieler, auf Matthias Brandt, der für seine Rolle in “Männertreu” der Regisseurin Hermine Huntgeburth und der Drehbuchautorin Thea Dorn den Hessischen Fernsehpreis als Bester Schauspieler erhielt.

Der Film wurde bereits mit dem Deutschen Fernsehpreis 2014 in Köln ausgezeichnet, für den Brandt auch als Bester Schauspieler nominiert war (und Hauptdarstellerin Suzanne von Borsody als Franziska als Beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde).

Eine wahnsinnige Geschichte eines sexsüchtigen Verlegers, liberal-konservativer Gesinnung, der das Amt des Bundespräsidenten anstrebt. Sie zu erzählen sprengte hier den Rahmen. Genügend politische Vorbilder, die ihre Ehefrauen betrügen und jeden anderen Rock hochstreifen, hatte Dramatikerin Thea Dorn. Was hält eine Frau, eine angesehene Anwältin, bei einem solchen Mann? 35 Jahre sei ihre Ehe glücklich, heisst es. Als Franziska die laufende Affäre mit der blutjungen Volontärin Nina erfährt, die sie in ihrer Kanzlei aufsucht und die von gegenseitiger Liebe erzählt, reagiert sie kühl. Ihr Mann Georg Sahl liebe nur sich selbst, brauche zwar immer wieder Frauen, aber letztlich  doch immer nur seine Ehefrau. Begehrlichkeiten von Frauen, Selbstverleugnung von Frauen geben sexsüchtigen Männern Bewegungsfreiheit.

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Claudia Michelsen

Claudia Michelsen, die in dem Film die TV-Moderatorin spielt, mit der Georg Sahl nach der Show natürlich auch Sex hatte, hielt die Laudatio.

Liane Jessen, Fernsehspielchefin beim Hessischen Rundfunk, ist die Produzentin von “Männertreu”, der unter anderem in Frankfurt und Offenbach gedreht wurde. Sie ist Mitglied der Jury für den Fernsehpreis, weitere sind der Schauspieler Herbert Knaup, der Drehbuchautor David Ungureit, die Produzentin Tanja Ziegler und die Co-Geschäftsführerin Hessische Filmförderung/Hessischer Rundfunk, Christel Schmidt.

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Liane Jessen

Die Jury lobt die hochklassige Rollenbesetzung bis in die Nebenrollen. Aus diesem Ensemble rage Matthias Brandt alias Georg Sahl durch unausstehliche Arroganz und totale Faszination hervor. “Indem Brandt Sahls Wissen um seine Außenwirkung stets mitdenkt und mitspielt, verleiht er dieser Figur eine ungeheure Spannung und Ambivalenz. Jede Geste, jede Mimik Sahls scheint kalkuliert zu sein und darauf bedacht, wie sie auf andere wirkt.” Er lasse sein Publikum an der Menschwerdung seiner Figur teilhaben.

Die beiden anderen Nominierten für den Preis bester Schauspieler waren Golo Euler für seine Rollen im Tatort “Im Schmerz geboren” (auch eine Produktion des Hessischen Rundfunks, die vor kurzem gesendet wurde) und “Die Fischerin”, ferner Francis Fulton-Smith als Franz-Josef Strauß in “Die Spiegel-Affäre”.

Die Hauptdarstellerin in den Filmen “Die Fischerin” und “Dr. Gressmann zeigt Gefühl”, Alwara Höfels, wurde von der Jury mit dem Hessischen Fernsehpreis Beste Schauspielerin gewürdigt.

Alwara Höfels gibt ihren Figuren etwas Starkes, ohne dabei ihre Schwächen und Widersprüche zu verleugnen, und so schenkt sie uns Frauenfiguren, die nicht nur glaubhaft auf dem Bildschirm sind, sondern auch gut im Haus nebenan leben könnten.”

Mitbewerberinnen für den Preis waren Jasna Fritzi Bauer als rotzig-junges Mädchen Sascha im Film “Scherbenpark” und Franziska Walser als liebende Gattin in “Nie mehr wie immer”. Auch eine komplizierte, schuldverstrickte Geschichte, die vom Hessischen Rundfunk produziert wurde. Das Ehepaar Franziska Walser und Edgar Selge spielt im Film das Ehepaar Huber.

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Franziska Walser und Edgar Selge

Hessischer Kinokulturpreis

Auch in diesem Jahr wurde, in Verbindung mit dem Hessischen Filmpreis, der Hessische Kinokulturpreis für gewerbliche und nicht gewerbliche Kinos und Kinoinitiativen verliehen. Ein Chor von Filmstars beiderlei Geschlechts ehrte die hessischen Kinobetreiber mit dem Ständchen “Wir sind das Licht, ihr seid das Kino”. Was für ein Aufgebot!

Das “Mal seh’n Kino” in Frankfurt, das in diesen Tagen sein 30-jähriges Bestehen feiert, wurde mit 12.000 Euro für sein aussergewöhnliches Programmangebot ausgezeichnet. Zehn weitere gewerbliche Kinos erhielten ein Preisgeld.

Zu den nicht gewerblichen Kinos, die preiswürdig waren, zählten sieben Kinos, unter anderem das des Deutschen Filmmuseums, das Universitätskino Pupille, das Murnau-Filmtheater in Wiesbaden und das Filmforum Höchst, das zur Volkshochschule gehört.

Klaus-Peter Roth vom Filmforum Höchst, ein ausgewiesener Kenner der Filmbranche, zeigt alte und neue Filme sowie Kinderfilme. Das Kino ist nun digital nachgerüstet, aber seine alten Projektoren, die 16- und 35-Millimeter-Filme zeigen können, bedient er noch.

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Klaus-Peter Roth

So kann der Filmfan in Frankfurt-Höchst zum Beispiel Ende November “Die Mörder sind unter uns” sehen, den Wolfgang Staudte 1946 drehte, oder den neuen Film “Im Labyrinth des Schweigens” von Giulio Ricciarelli, 2014, über Fritz Bauer, der auch in der Kategorie Hessischer Filmpreis – Spielfilm – nominiert war.

Die Entscheidungen der Jurys an diesem gelungenen Gala-Abend sind alle nachzuvollziehen.

Das Filmland Hessen hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. 90.000 Menschen arbeiten hier in der Film- und Medienbranche. Mit Hochdruck wird an der Gründung einer Film- und Medien GmbH gearbeitet, damit die internationale Wahrnehmung erhöht wird.

Fotos: Renate Feyerbacher

→  Hessischer Film- und Kinopreis 2013
→  Hessischer Film- und Kinopreis 2012

5 Jahre “KunstRaum Riedberg” der Goethe-Universität

29. Oktober 2014

“Der KunstRaum Riedberg ist eine Erfolgs-Story, weil er von allen Studierenden und Mitarbeitern mitgetragen wird und dazu beigetragen hat, den Campus Riedberg ins Interesse der Bürger in der Region zu rücken. Der Campus Riedberg steht heute nicht nur für Wissenschaft und Forschung, sondern auch für zeitgenössische und junge Kunst.”
Universitäts-Vizepräsident Professor Manfred Schubert-Zsilavecz

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Bruno Feger, Gräser 5-9-11, Stahl, farbig gefasst, 238 x 107 x 63 cm

Weit schweift der Blick von der Terrasse des “KunstRaums Riedberg” über den südlichen Hang des Campus-Geländes der Goethe-Universität auf Frankfurt am Main. Im Zuge einer Gruppenausstellung aus Anlass des 5-jährigen Jubiläums des “KunstRaums” zeigt die Universität noch bis in die erste Novemberwoche 2014 hinein Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler, die in jenen fünf Jahren Einzelausstellungen auf dem Campus hatten: Malerei, Bildhauerei sowie Fotografie und Collagen von Jens Andres, Brandstifter, Bruno Feger, Christiane Feser, Karl Grunschel, Chris Kircher, Heinz Kreutz, Johannes Kriesche, Julian Lee, Kerstin Lichtblau, Werner Pokorny, Hermann J. Roth, Aloys Rump, Sven Schalenberg und Peter Vaughan. Als Gastkünstler konnten der Stahlplastiker Herbert Mehler, der Holzbildhauer Andreas Welzenbach sowie die Maler Mike MacKeldey und Ellen DeElaine gewonnen werden. Die Stahl- bzw. Steinplastiken wurden zum ersten Mal auf der Dachterrasse vor dem Ausstellungsraum präsentiert. Wir zeigen eine kleine Auswahl von Werken der Jubiläumsausstellung:

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Peter Vaughan, Selbstfindung, Bronze auf Basaltsäule

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Herbert Mehler, Asparago piccolo, Corten-Stahl, 150 x 36 x 36 cm

Bruno Feger wurde 1962 in Haslach/Schwarzwald geboren. Nach dem Studium der Architektur an der Hochschule der Künste Berlin befasst er sich mit Skulpturen, Objekten und Zeichnungen sowie mit Kunst am Bau. Einen Schwerpunkt seines Werkes bilden florale “Porträts”, die er aus Stahl fertigt: “Mohn”, “Tulpen”, “Hagebutten”, “Kirschen”, “Ähre” oder wie aktuell ausgestellt “Gräser”. Feger lebt und arbeitet in Butzbach.

Peter Vaughan, 1963 in Bad Homburg geboren, beschäftigt sich seit zwei Jahrzehnten mit der Plastik, und zwar mit den Materialien Ton, Zweige, Draht, Holz und Bronze. Er nahm an zahlreichen Ausstellungen teil. Unter anderem gestaltete er den Skulpturengarten des Frankfurter Bürgerhospitals. Im vergangenen Jahr war er zum Skulpturenpark Bad Nauheim, zum Wickstädter Kunstfest, zu den Künstlertagen Friedrichsdorf und zu “Kunstwerk Werkkunst” auf Schloss Reinbek eingeladen.

Herbert Mehler wurde 1949 in Steinau/Fulda geboren und studierte nach seiner Ausbildung zum Holzbildhauer an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Mit Sonja Edle von Hoeßle gründete er das “riedenheim project” mit einem Wohnhaus, einem Maleratelier und einer Werkstatt für Metallbildhauerei. Mehler lebt und arbeitet in Riedenheim und in Kranidi/Griechenland.

Das Œuvre Werner Pokornys war bereits Gegenstand vorangegangener Berichte. Karl Grunschel schliesslich, 1949 in Königlich Neudorf geboren, studierte Grafik, Malerei und Objektbau an der Fachhochschule für Design und Kunst in Köln. Neben seiner Bildhauerkunst entwickelte er neue Techniken im Bereich der Grafik. Der Künstler lebt und arbeitet in Siegburg.

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Werner Pokorny, Haus mit durchbrochener Form, Corten-Stahl, 165 x 63 x 38 cm

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Karl Grunschel, Schnitt durch den Regenbogen, V2A-Stahl, Basalt, Glas

Unter den zahlreichen Exponaten der Jubiläumsausstellung im Innenbereich greifen wir zwei Arbeiten heraus: ein Werk des früher bereits besprochenen Künstlers Aloys Rump (aus den Materialien Marmorstaub und schwarzes Oxid) sowie eine bemerkenswerte malerische Reminiszenz von Sven Schalenberg an den weitbekannten Maler, Zeichner und Grafiker Johannes Grützke. Schalenberg, 1964 in Remagen geboren, Maler, “Wissenschaftlicher Zeichner” und hoch talentierter “Alleskönner”, studierte nach einer Maler- und Lackiererlehre Freie Bildende Kunst mit Diplomabschluss an der Kunsthochschule Mainz sowie “Wissenschaftliche Illustration”. Seine Ausstellungen und künstlerischen Aktionen sind zahlreich. Er lebt und arbeitet im denkmalgeschützten Wahlheimer Hof.

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Aloys Rump, Himmelskörper 18, Marmorstaub, schwarzes Oxid, 60 x 60 cm

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Sven Schalenberg, “2malig Grützke gegessen”, gelb, Öl auf Leinwand, 80 x 60 cm

Ausserhalb der Jubiläumsausstellung gilt es, eine faszinierende Arbeit zu würdigen: Michael Morgners “Reliquie Mensch (liegend)” aus dem Jahr 2001. Der 1942 in Chemnitz geborene und in Einsiedel bei Chemnitz lebende Künstler studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, war Mitgründer der berühmten “Galerie Oben” und lange Jahre Mitglied der legendären Künstlergruppe “Clara Mosch”. Geburt, Liebe, Leid und Tod sind zentrale Themen seiner Werke. “Reliquie Mensch (liegend)” zählt zu seinen “dialogischen” Skulpturen: Ihr aufgerichteter Teil bildet das Positiv zu der Bodenplatte, die das Negativ-Abbild zeigt. Morgners Werk findet sich am Biologicum unweit der Grossplastik “Turm II” von Werner Pokorny. Es ist eine Dauerleihgabe der gemeinnützigen Stiftung Giersch an die Universität.

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Michael Morgner, Reliquie Mensch (liegend), 2001, Stahl

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Der “KunstRaum Riedberg” wurde im Jahre 2009 ins Leben gerufen. “Vizepräsident Manfred Schubert-Zsilavecz”, erzählt Carsten Siebert, promovierter Chemiker und Kurator der Universität, “kam damals auf mich mit der Frage zu, ob ich mir vorstellen könnte, auf Basis meiner zahlreichen Kontakte zu Künstlern, auf dem Campus Riedberg der Goethe-Universität Kunstausstellungen zu realisieren”. Siebert sagte sofort zu. Die erste Ausstellung fand bereits im Sommer 2009 in den Räumen des Dekanats des Fachbereichs Biochemie, Chemie und Pharmazie statt. Aus dem Experiment, Kunst an einem naturwissenschaftlichen Campus zu präsentieren, wurde eine Ausstellungsreihe, die bei den Universitätsangehörigen eine überaus grosse Resonanz fand.

Der Campus Riedberg beherbergt insbesondere die Institute der Pharmazie, Chemie, Biologie, Physik und Geowissenschaften sowie die Max-Planck-Institute für Hirnforschung und Biophysik. Aus dem Ausstellungsraum im Dekanat wurde ein Kunstraum, der heute die umliegenden Institute mit einschliesst. So wurden aus Anlass der Einweihung des Biologicums und des Otto-Stern-Zentrums Kunstwerke in den neuen Gebäuden gezeigt, und heute hängen Kunstwerke in den Hörsälen des Hörsaalgebäudes. Die Kunst ist also im studentischen Alltag angekommen.

“Kunst und Wissenschaft”, so Kurator Carsten Siebert, “gehen am naturwissenschaftlichen Campus Riedberg mittlerweile Hand in Hand. Das Goethe-Ideal der umfassenden Bildung in seinem Anspruch, man denke z. B. an seine Farbenlehre, wenn auch zu Recht umstritten, ist ein gutes Stück verwirklicht worden. In den nachfolgenden Semestern sind bis heute Kunstwerke in den Räumen des Dekanats gezeigt worden, und seit 2012 trägt die Veranstaltungsreihe, die im Jahr 2010 auch den Aussenraum erobert hatte, den Namen ‘KunstRaum Riedberg’. Bestandteil des Ausstellungskonzepts war von Anfang an das Bestreben, aus jeder Ausstellung ein Kunstwerk für den dauerhaften Verbleib an der Universität zu erwerben und so eine eigene Kunstsammlung aufzubauen: ein deutliches Bekenntnis zum Stellenwert von Kunst in den naturwissenschaftlichen Fakultäten, auch und gerade vor dem Hintergrund, dass die Goethe-Universität als Bürger-Universität ihre Mittel selbst einwerben muss. Aber die Ernsthaftigkeit und der Wille, diesen Weg zu gehen, überzeugen”.

Abgebildete Werke © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt

→  “Turm II” von Werner Pokorny auf dem Campus Riedberg / 1
→  Tassilo Letzel: “… immer in Bewegung bleiben”
→  Schiefermehl und Marmorstaub: Aloys Rump in Frankfurt am Main
→  “Highly Accurate Shapes”: Malerei von Julian Lee 

Dina Draeger und ihre Heiligen der Linie 11

27. Oktober 2014

“Mein Gelübde ist das Menschenbild.” “Meine Kunst guckt zurück.” (Dina Draeger)

“Wechselspannungen”: Doppelausstellung in der Christus- und der St. Markus-Kirche in Frankfurt-Nied

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Christuskirche; Dina Draeger in der Christuskirche vor einem ihrer Gemälde “No Name”; St. Markus-Kirche

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In der Galerie der Bischöfe im Bischöflichen Ordinariat zu Limburg hingen bis 2007 Gemälde von zehn würdigen Herren im einheitlich-klassischen Halbporträt: die Limburger Bischöfe von 1827 bis 1981. Das 11. Porträt – das des beim Kirchenvolk überaus beliebten und verehrten Bischofs Franz Kamphaus – malte Dina Draeger. Es zeigt ihn gleich zweimal: im Vordergrund im schwarzen Anzug mit dem schlichten hölzernen Brustkreuz, das er trug, im Hintergrund ein vergrössertes Porträt mit der bekannten Baskenmütze. “Er guckt sich gleichsam selbst über die Schulter”, sagte Dina Draeger. “Wechselspannungen” – der Titel der heutigen Ausstellung – bereits damals? Das in der Ahnenreihe ungewöhnliche und schon alsbald von manchen als “unpassend” gebrandmarkte Werk gefällt auch heute nicht jedem in der Amtskirche (anders als die Bildtafel, die der Nachfolger, Franz-Peter Tebartz-van Elst, selbstverliebt und herrschaftsbewusst von sich fertigen liess). In diesem Frühjahr machten sogar handfeste Gerüchte die Runde, es solle ein neues Porträt von Franz Kamphaus in Auftrag gegeben werden. Offiziell wird dies bestritten. “Wechselspannungen”?

Wir haben zunächst etwas weiter ausgeholt, aber das Bischofsporträt spiegelt ein Stück des künstlerischen Lebens und Wirkens von Dina Draeger wider. Der Mensch ist der Mittelpunkt ihrer Kunst. Der “Mensch” wohlgemerkt, jenseits seiner formalen Funktionalitäten als Amts- oder Würdenträger.

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Menschen der Linie 11: Aufsteller in Lebensgrösse “No Name”, C-Prints auf Aluminiumverbund; Fotos: die Künstlerin

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Die Künstlerin begibt sich als Beobachterin immer wieder hinein in das “volle Leben”, mit analytischem Blick ebenso wie mit Achtsamkeit, Zugewandtheit und Emphatie: dieses Mal konkret an der Haltestelle der Frankfurter Strassenbahn “Nied Kirche” der Linie 11. Zu deren einen Seite erhebt sich besagte St. Markus-Kirche, zur anderen ein fantasieloses Wohn- und Geschäftshaus, letzteres gekennzeichnet durch Kleingewerbe, mehrheitlich geprägt von Menschen mit Migrationshintergrund. Letzteres setzt sich fort in der an der Station beginnenden alten Dorfstrasse namens “Alt Nied” hin zur kaum mehr als eine Fussminute entfernten evangelische Christuskirche.

Dina Draeger hat dort an der Station die Menschen des kleinen, mühevollen, oft armseligen Alltags angetroffen, beobachtet und fotografiert. Sie sind in Gewänder ihrer Heimat gekleidet, schleppen in Plastiktüten ihren Einkauf, das “täglich Brot”, gehen an Krücken, Gehwagen oder sitzen im Rollstuhl, jüngere Frauen schieben Kinderwagen oder führen Kinder an der Hand. Reich ist hier selbstredend niemand von ihnen, nicht einmal auch nur annähernd wohlhabend. Es sind manche unter ihnen, die nach Matthäus 11, Vers 28 “mühsam und beladen” sind.

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Aufsteller, Digitalprints und Tafelbilder in der Christus- und der St. Markus-Kirche

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Zu Füssen vieler Aufsteller: Heiligen-Miniaturen

Dina Draeger fotografiert und malt diese Menschen, bildet sie auf lebensgrossen Aufstellern (Digitalprints auf Aluminiumverbund) ab, wir werden auf das künstlerische Spannungsverhältnis zwischen ihrer Fotografie und Malerei noch zurückkommen. Die Menschen: Es sind ihre “Antihelden”, ihre “No Names”, ihre “wirklichen” Helden – nein mehr, es sind ihre Heiligen des Alltags. Die kleinen “Wunder”, die diese “Heiligen” tagtäglich im kleinen Familien- oder Freundeskreis, in und für die Gesellschaft bewirken, geraten niemals in den Blick einer grösseren Öffentlichkeit.

Die Künstlerin platziert ihre kleineren wie grossformatigeren “Helden”- und “Heiligen”-Gemälde an den Wänden der beiden Kirchen, zugleich bestückt sie die Räume mit den Aufstellern. Ihre Arbeiten installiert sie im Kontext zur besonderen Architektur der Kirchenräume, ihrer Fenster, der Bilder und Skulpturen, die sie beherbergen, ihrer sakralen Ausstattung von christlich-kultischer Bedeutung.

Dort, im jeweiligen Kirchenraum, treffen wir auch die “anderen” Heiligen an, diejenigen der christlichen Kirchen, vorwiegend der katholischen, jedoch in Gestalt kleiner, oft winziger Figürchen. Dina Draeger hat die Miniaturen im Internet gekauft. Ein solches Heiligenfigürchen gesellt sie den lebensgrossen Aufstellern zu deren Füssen bei. Und Heiligenfigürchen fixiert sie auf dem Kirchengestühl der beiden Gotteshäuser. Die ikonografische Bedeutung dieses Teils ihrer Installationen liegt auf der Hand: Die Heiligen des Alltags, die “echten” Menschen, erscheinen in Lebensgrösse, die Heiligen der Kirche hingegen als Miniaturen. Auch eben “Wechselspannungen”.

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Eine der kleinen Heiligenfiguren auf Kirchengestühl

Nun heisst der vollständige Titel der Ausstellung “Wechselspannungen – Dina Draegers Versuchsanordnung von “Energie und Bewegung”. “Im Grunde beschreiben die beiden Begriffe Energie und Bewegung”, formuliert Professor August Heuser, Direktor des Dommuseums Frankfurt am Main, der zur Vernissage in die Ausstellung einführte, “auch das Verhältnis der Kulturen, des Sozialen und des Humanen im Kleinen wie im Grossen. Alles ist in Bewegung und alles wird in Bewegung gehalten durch Energien, die systemisch der Welt inhärent sind. Theologisch kann man diese Energien Geist nennen. Kunst hat also immer etwas mit Geist zu tun. Sie ist ein Beitrag zum Offenbarmachen des Geistes. Seine Energien und seine ständige Bewegung aufzuzeigen, ist der unausgesprochene Auftrag von Kunst. Im Mittelpunkt dieses Auftrages steht der Mensch, der diese inneren Energien und Bewegungen der Welt als Wechselspannungen ausspielt und auslebt. Deshalb ist es gut, dass die Kunst nach dem Ende der Moderne den Menschen wieder in den Mittelpunkt gestellt hat und ihn wieder neu in Fotos oder Videos, aber auch in der Malerei und Zeichnung präsentiert. An dieser Neuentdeckung des Menschen und seiner Energien und Bewegungen beteiligt sich Dina Draeger”.

“Ökumene”, so Professor Heuser weiter, “bedeutet in ihrem [Dina Draegers] Verständnis von Kunst die Totalität der Welt mit künstlerischen Mitteln ins Bild zu bringen, z. B. durch das Video, durch das Foto oder mittels der Leinwand. Mit ihrem ökumenischen Blick auf die Welt nimmt sie die Ganzheit wahr, wie sie sich gerade in ihren Teilen zeigt und darbietet.“

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Dina Draeger entfaltet – zu sehen jetzt in der aktuellen Doppelausstellung – ihre Kunst  im Rahmen einer gleichsam installativen Verschränkung der künstlerischen Gestaltungsformen Fotografie, Malerei und Skulptur. Zunächst fotografiert sie “ihre” Menschen. Die Fotografien bearbeitet sie im Computer, wobei sie die erfassten Personen von ihrem ursprünglichen Hintergrund freistellt, sie druckt sie mit Pigmenttinte auf grundierte Leinwand aus. Anschliessend übermalt sie diese Leinwände “systematisch und persistent in Ölfarbe mit raffinierter Farb- und Lichtregie und firnisst die grossformatigen Arbeiten” (Brigitta Amalia Gonser). Sie umgibt die Menschenfiguren mit einer “prachtvoll-irrealen Farbsphäre … schwebend, zeit- und ortlos auf sich selbst zurückgeführt. Die bisher nicht wahrnehmbare Aura dieser Menschen wird sichtbar, wird zum Phänomen … Ihre Malerei impliziert die Fotografie, liefert aber dennoch kein Abbild”. Die lebensgrossen Aufsteller (C-Prints auf Aluminium) generiert sie aus den gleichen Motiven.

Die Arbeiten “No Name” sind im kleinen Format in Öl auf Malkarton, im grösseren in Öl auf Leinwand ausgeführt und datieren aus dem Jahr 2014.

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Die Künstlerin mit Aufsteller und Tafelbild

Es entstehen irritierende Situationen: Unwillkürlich nimmt man die “lebensechten” Aufsteller, zumal in den Lichtverhältnissen der Kirchenräume, als leibhaftige Menschen wahr, bevor man deren artifiziellen und installativen Charakter erkennt, es ergibt sich ein materiell-räumlicher “Dialog”, auch insoweit, als ein Aufsteller ein Bild an der Wand zu betrachten scheint. Die Künstlerin erweist sich, im Sinne früherer Ausführungen von August Heuser, erneut als eine Grenzgängerin zwischen Malerei und Fotographie, Raum und Bildraum, Farben und Farbwirkungen, als eine Reisende zwischen den Welten und den Kulturen der Welt, eine “Reisende zwischen den Menschen und deren Obsessionen, deren Leidenschaften, deren Not und Armut, deren Befindlichkeiten … eine Reisende durch Zeiten hinweg”.

Inmitten ihrer Arbeiten um ihre “Heiligen” trifft man in der Kirche St. Markus auf das grossformatige Porträt einer Frau, ihr Antlitz ist blass, die Augen sind geschlossen, in ihrem Mund eine vollendet erblühte rote Rose mit etwas grünem Blattwerk: unschwer erkennen wir in dieser Arbeit – auch – ein Selbstporträt der Künstlerin. Ein Mann, die Arme verschränkt, nein, es ist ein Aufsteller, betrachtet sie nachdenklich.

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Aufsteller und Gemälde “Death by Rose”, 2010/2011, Öl auf Leinwand, 180 x 260 cm

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Joachim Preiser, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Frankfurt-Nied, am Eröffnungsabend mit Aufsteller und Tafelbild; für die Katholische Pfarrgemeinde Frankfurt-Nied nahm Pfarrer Rolf Glaser an der Eröffnung teil

Dina Draeger, 1966 in Veerßen geboren, Fotografin, Malerin, Weltreisende, Kosmopolitin, studierte an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe Kunstgeschichte, Philosophie und Medienkunst. Sie lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Deutschland und der Schweiz.

Dina Draeger, “Wechselspannungen”, Doppelausstellung in der Christuskirche und der Kirche St. Markus in Frankfurt-Nied, bis 23. November 2014

Besonderer Veranstaltungshinweis für den 8. November 2014, 19 Uhr in der Kirche St. Markus:
“Die Heiligen aus der Tram Linie 11″; Dina Draeger mit einem Beitrag zu “Ich glaube nur was ich sehe und sehe nur, was ich weiss …” – Kunst und Spiritualität aus der Sicht des Künstlers und anschliessend im Gespräch mit Professor August Heuser.

Abgebildete Werke © Dina Draeger; Fotos, soweit nicht anders bezeichnet: FeuilletonFrankfurt

 

MMK 2 eröffnet unter dem Motto “Boom She Boom”

23. Oktober 2014

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“Sh Boom Sh Boom” hallte es am Eröffnungsabend durch das Palast- und Kathedralenausmasse einnehmende Foyer des Hochhauskomplexes “TaunusTurm” – fantastisch, atemberaubend und Begeisterungsapplaus entfachend gesungen und deklamiert von vier Damen des Ensembles bzw. Studios von Schauspiel Frankfurt: Verena Bukal, Paula Hans, Paula Skorupa und Carina Zichner.

Der “Ohrwurm”-Doo-Wop-Song “Sh Boom Sh Boom” der “Chords” aus den 1950er Jahren lieferte den leicht verballhornten Titel “Boom She Boom” der Eröffnungsausstellung der neuen Dependance MMK 2 des international hohen Ruf geniessenden Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Sagen wir mal so: She – sie – boomt, boomen, die KünstlerIN, die KünstlerINNEN nämlich. Nun ist “die” Kunst, wie allseits bekannt, ohnehin bereits grammatikalisch weiblich. Und MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer wurde in den vergangenen Tagen nicht müde, die Sentenz von Jean-Christophe Ammann “das 21. Jahrhundert gehört den Künstlerinnen” zu zitieren. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Die Eröffnungsausstellung bestreiten ausschliesslich in der Museumssammlung vertretene KünstlerINNEN – 28 an der Zahl. Hand aufs Herz – wer wollte dies kritisch sehen? Niemand – so hoffen wir (zumindest ein Kulturmagazin sah das, soweit wir es überblicken, ein klein wenig anders).

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Erst- und bisher einmalig in Deutschland: Ein Museum zieht (wenn auch, wie im konkreten Fall, mit einer neu eingerichteten Dependance) in ein Hochhaus für überwiegend gewerbliche und zu einem kleineren Teil Wohnnutzung. Rund 2000 Quadratmeter misst die Gesamtfläche, rund 1750 davon stehen als reine Ausstellungsfläche zur Verfügung. Tishman Speyer und die Commerzbank-Tochter Commerz Real, beide als Immobilienentwickler in diesem Joint Venture vereint, stellen dem MMK diese Fläche für 15 Jahre miet- und nebenkostenfrei zur Verfügung. Der Unternehmer Stefan Quandt, die Ernst Max von Grunelius-Stiftung, die Helaba Landesbank Hessen-Thüringen und die DekaBank Deutsche Girozentrale als Gründungspartner des MMK 2 wirken finanziell unterstützend mit. Die laufenden Betriebskosten der Dependance decken die Gründungspartner, die MMK Stiftung, die Freunde des MMK und eine Reihe weiterer privater Förderer. MMK und Stadt Frankfurt am Main entstehen, soweit ersichtlich, keine Kosten.

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↑ Leuchten über der Pressekonferenz und künftig über den Bistro-Gästen: Lampen (Fleur Malle, 2012) von Franz West

↓ Grund zur Freude: Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth, MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer, Bürgermeister und Planungsdezernent Olaf Cunitz in der Pressekonferenz

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Es ist eine Win-Win-Konstellation: Die Immobilienentwickler umwerben mit dem Attribut “hochrangige internationale Kunst im Haus” gewerbliche wie status- und luxusorientierte Wohnungsmieter und erhöhen die Attraktivität ihrer Investition, die sich in der Rendite widerspiegelt. Museum und Stadt verzeichnen ihrerseits, ohne einen Cent zu verausgaben, einen bedeutenden kulturellen (und kulturpolitischen) Mehrwert. Dies in einer Zeit, in der die Gesellschaft (oder das, was man in der Sprache der Politik wie in der veröffentlichten Meinung dafür ausgibt) Kunst, zumal zeitgenössische, nicht – mehr – als ein Konstitutivum ihrer (der Gesellschaft) selbst und damit als ein Unverzichtbares anzusehen scheint, und in der die mehr und mehr allein auf die Wählerstimmung abstellende Politik fataler Weise auf solche Strömungen nicht nur mit Verweigerung zusätzlicher, sondern gar mit Reduzierung bislang geleisteter öffentlicher Mittel für Aufwendungen im Kunst- und Kulturbereich reagiert.

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Stolz auf dass Erreichte und zuversichtlich für die Zukunft des MMK: Susanne Gaensheimer

“Wir befinden uns in Deutschland gerade in einer Phase des Umbruchs”, sagt nun MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer, “in der sich die Vorzeichen der Kulturförderung radikal verändern: Ein Museumsneubau für mehrere Zehnmillionen Euro wäre im Moment nicht denkbar gewesen. Und das ist nicht nur in Frankfurt der Fall, wir kennen das auch aus vielen anderen europäischen Städten. Wir müssen flexibler werden und über neue Formen der Museumsarbeit nachdenken. Durch die grosszügige Unterstützung der beiden Immobilienentwickler, unserer Gründungspartner und zahlreicher weiterer Förderer sowie durch die enge Zusammenarbeit mit dem Kultur- und dem Planungsderzernat der Stadt Frankfurt ist es uns gelungen, für das MMK eine zusätzliche Ausstellungsfläche zu schaffen, um die Meisterwerke unserer Sammlung aus dem Depot an die Öffentlichkeit zu holen”. Nun denn – auch Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth sowie Bürgermeister und Planungsdezernent Olaf Cunitz begrüssen diese Zusammenarbeit mit finanziell hochpotenten Partnern aus der Privatwirtschaft.

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Ikone und Publikumsliebling auch im neuen MMK 2: Katharina Fritsch, Tischgesellschaft, 1988, 32 Figuren aus Polyester, Tisch und Bänke aus Holz, teilweise farbig bemalt, farbig bedruckte und gebleichte Baumwolle; Dauerleihgabe der Commerzbank AG

Man hört und liest in diesen Tagen manch Zustimmung zu derartigen, beispielsweise in den USA seit langem üblichen Konstrukten. Bedenken, dass die Förderung von Kultur und Kunst in der europäischen Tradition im Grunde eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe unter Einsatz finanzieller Mittel gerade und insbesondere auch der öffentlichen Hand sein müsse, geraten dabei oft genug und unter dem Einfluss neoliberalistischer Strömungen ins Hintertreffen. Da erscheint es nicht nur gut, sondern geradezu notwendig und geboten, die differenzierende Stimme von Julia Voss (“Guten Morgen, Bankfurt!” in der FAZ vom 22. Oktober 2014) zu vernehmen!

Die Thematik spielte – und damit kehren wir zu der fulminanten Ausstellung “Boom She Boom” zurück – unter sozusagen umgekehrten Vorzeichen am Eröffnungsabend eine Rolle: Kulturdezernent Semmelroth geisselte – nach unserer Auffassung sehr zu Recht und unter lang anhaltendem Beifall des Eröffnungspublikums – mit ungewöhnlich scharfen Worten die aktuellen Pläne zur Veräusserung zweier einst aus öffentlichen Mitteln erworbenen Warhol-Gemälde durch eine Beteiligungsgesellschaft des Landes Nordrhein-Westfalen unter Zustimmung der Landesregierung. Wir werden auf diese Gesamtproblematik einschliesslich des unglaublichen Banausentums in der Düsseldorfer Staatskanzlei noch zurückkommen.

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“Familienfoto” mit Stefan Quandt, Felix Semmelroth, Susanne Gaensheimer, Roland Holschuh, Mitglied des Vorstands der Commerz Real, Olaf Cunitz und Florian Reiff, Geschäftsführer Deutschland von Tishman Speyer

Heute aber erst einmal freuen wir uns, und wir sind glücklich: über das Wiedersehen mit vielen der herausragenden Werke aus der inzwischen über 5000 Arbeiten umfassenden Sammlung des MMK auf dessen neuer Präsentationsfläche im TaunusTurm!

28 Künstlerinnen haben dort, wie wir bereits schrieben, “das Wort”: Jo Baer, Vanessa Beecroft, Shannon Bool,  Andrea Büttner, Vija Celmins, Hanne Darboven, Rineke Dijkstra, Marlene Dumas, Parastou Forouhar, Katharina Fritsch, Isa Genzken, Tamara Grcic, Bethan Huws,  Anne Imhof, Barbara Klemm, Eva Kotátková, Franziska Kneidl, Teresa Margolles, Sarah Morris, Cady Noland, Anja Niedringhaus, Christa Näher, Charlotte Posenenske, Jewyo Rhii, Taryn Simon, Sturtevant, Rosemarie Trockel und Adrian Williams.

Gegensätze: die Arbeiten von Isa Genzken, 1948 in Bad Oldesloe geboren, dreifache documenta-Künstlerin und Künstlerin des deutschen Pavillons zur Biennale Venedig 2007, und von Cady Noland, 1956 in Washington D.C, geboren, der publikumsscheuen Fotografin und Installationskünstlerin, die sich um die Jahrtausendwende aus dem Kunstgeschehen zurückzog.

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↑ Isa Genzken, OIL XV, 2007, 2 Mannequins, 3 Kunststoffbehälter, Metallfolie, Kunststoff, Stoff; OIL XVI, 2007, Aluminium, Metallfolie, Klebeband, Metall, Papier

↓ Cady Noland, Ohne Titel, 1996, Pappkarton, Lackgrund und Aluminium-Farbspray

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Es gibt drei Video-Räume und eine ansonsten offene, durch Stellwände bestimmte, weite Durchblicke gewährende Ausstellungsarchitektur. Die oft sehr grossvolumigen Werke begegnen sich mitunter, um mit Schiller zu sprechen, “hart im Raum”. Es galt, die ausgewählten Arbeiten im Blick auf deren nachbarschaftliche Verträglichkeit bzw. Unverträglichkeit miteinander zu positionieren. Mancherorts geht es im Ausstellungsparcours durchaus etwas eng zu, vielleicht wäre hier und da ein “Weniger” durchaus ein “Mehr” gewesen. MMK-Ikone und unverändert “Publikumsliebling” ist die “Tischgesellschaft” von Katharina Fritsch. Kein Wunder, dass sich die Kooperationspartner des MMK 2 nach der Pressekonferenz hinter dieser Arbeit zum allfälligen “Familienfoto” präsentierten.

Zwei neue, eigens für die Eröffnungsausstellung im MMK 2 in Auftrag gegebene, jeweils sehr sensible Arbeiten gilt es hervorzuheben, wir stellen sie kurz vor:

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Tamara Grcic, Numbers, 2014, Glaszylinder, Holzkonstruktion, schwarze Strümpfe, 16 Lautsprecher, 2 Verstärker, Sound; Leihgabe der Künstlerin, produziert im Auftrag des MMK

Auf einem Holzpodest, unter dem aus Lautsprechern monotone Stimmen Zahlenreihen (unter anderem Zahlen der unendlichen Kreiszahl π) intonieren, stehen Glaszylinder mit am oberen Ende gebrochenem Rand – eine Antwort von Tamara Grcic, so scheint es, auf die ringsum stehenden Hochhäuser. Das Zahlengewirr könnte auf Börsenkurse wie ebenso auf die Milliardendeals in den nahen Bankentürmen verweisen, die dort stündlich, wenn nicht minütlich abgewickelt werden. Jedem Zylinder ist ein schwarzer Strumpf zugewiesen, ein auf Menschen bezogenes Objekt, ob für Damen oder Herren, bleibt ungewiss.

Eva Kotátková, 1982 in Prag geboren – sie studierte an der Prager Akademie der bildenden sowie an der dortigen Akademie der angewandten Künste, am San Francisco Art Institute sowie an der Wiener Akademie der Bildenden Kunst und war auf der Biennale 2013 in Venedig vertreten – , zeigt mit “Anatomical Orchestra (Composition For 13 Ears)” das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit 13 Jugendlichen der Frankfurter Schule am Sommerhoffpark, einer Förderschule für hörgeschädigte und gehörlose Kinder. Die 13 Kinder verkörpern sich zu “Instrumenten”, deren Stimmen aus der Wand heraus zu hören sind und für die die Künstlerin jeweils eine Skulptur entwickelte. Die noch nicht fertige Arbeit (“work in progress”) wird erst im Laufe der Ausstellung vollendet.

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Eva Kotátková, Anatomical Orchestra (Composition For 13 Ears), 2014, Mix Media, Sound, Work in Progress; Leihgabe der Künstlerin

Das neue MMK 2 – eine das Stammhaus an der Domstrasse erweiternde Ausstellungsstätte mitten im “Herzen” der Innenstadt, inmitten der Büro- und Bankentürme, auch im kulturellen Zentrum zwischen den Städtischen Bühnen und der Alten Oper, mit einem Café-Bistro unmittelbar am Anlagenring, dem inneren Frankfurter Grüngürtel gelegen, in Erwartung auch neuer, noch zu erschliessender Publika: Wir wünschen ihm eine erfolgreiche Zukunft!

“Boom She Boom. Werke aus der Sammlung des MMK”, MMK 2, bis 14. Juni 2015

Fotos: FeuilletonFrankfurt

→  Aufbruch in die Zukunft: Erweiterung für das Museum für Moderne Kunst MMK

Max Beckmanns Faust-Zyklus im Museum Wiesbaden

22. Oktober 2014

Der alte Faust alias Max Beckmann

Von Hans-Bernd Heier

Im Jahre 1976 gelang es der Bundesrepublik Deutschland zusammen mit dem Land Hessen, einen der bedeutendsten Werkkomplexe der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts aus Frankfurter Privatbesitz zu erwerben: den vollständigen Zyklus von Max Beckmann zu Faust II von Johann Wolfgang von Goethe – bestehend aus 143 Federzeichnungen. Das Auktionshaus Sotheby war ebenfalls am Erwerb der Schwarz-Weiß-Arbeiten interessiert, wollte jedoch die Blätter einzeln versteigern. Um den Zyklus zusammenzuhalten, erwarben der Bund und das Land Hessen das ganze Konvolut, das jetzt im Museum Wiesbaden inventarisiert ist und vom Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt aufbewahrt wird.

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“Gärtnerinnen”, 1. Akt, 1943-44; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Zum ersten Mal nach über zehn Jahren wird der Zyklus wieder vollständig gezeigt. Das Museum Wiesbaden präsentiert unter dem Titel “Goethe – Faust – Beckmann” alle 143 Blätter in einer großartigen Schau, die bis zum 31. Januar 2015 zu sehen ist. Wie Museumsdirektor Alexander Klar betont, ist die Ausstellung etwas ganz Besonderes: “Sie ist Sammlungspflege und zeigt die Schätze des Hauses”.

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“Astrolog spricht, Mephisto bläst ein”, 1. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Die Arbeiten entstanden im Auftrag des Frankfurter Verlegers und ehemaligen Vorsitzenden des Freien Deutschen Hochstiftes, Georg Hartmann (1870 bis 1950), für den Beckmann bereits den Zyklus “Apokalypse” illustriert hatte. Der Auftrag kam für den Künstler, der zu der Zeit in Amsterdam im Exil lebte, gerade recht. Den umfangreichen Werkzyklus fertigte Beckmann zwischen dem 15. April 1943 und dem 15. Februar 1944. An den Blättern arbeitete er äußerst intensiv, teilweise bis zur körperlichen Erschöpfung. Es existieren nur Bleistiftskizzen und Tuschezeichnungen, da die von Hartmann geplante illustrierte Monumentalausgabe wegen der Kriegswirren nie zustande kommen sollte.

Max Beckmann gilt als einer der bedeutendsten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts. In seinem Werk, das durch einen expressionistischen Malstil geprägt ist, spielt das Selbstporträt eine bedeutende Rolle. Hauptthemen des Malers und Grafikers sind der einsame, bedrohte Mensch in einer apokalyptischen Welt sowie Unheil und Schrecken.

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“Faunen Satyren Gnomen”, 1. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Bei dem im Februar 1884 Leipzig geborenen Künstler steht gleichberechtigt neben seinen Gemälden ein außerordentlich reiches zeichnerisches und druckgrafisches Werk. Als er in nur zehn Monaten die Federzeichnungen zu Goethes Faust II schuf, lebten er und seine zweite Frau Mathilde (genannt “Quappi”) seit fast sechs Jahren in Amsterdam. Dorthin hatte es das Paar verschlagen, nachdem er den Lehrauftrag am Städelschen Kunstinstitut Frankfurt 1933 durch die Nationalsozialisten verloren hatte und 1937 einige seiner Arbeiten in der Münchner Ausstellung “Entartete Kunst” gezeigt wurden.

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“Chor der Insekten”, 2. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

In dem Vertrag von Anfang April 1943 mit dem Verleger Hartmann verpflichtete sich Beckmann, für eine geplante reich bebilderte Ausgabe von Faust II etwa hundert Zeichnungen zu fertigen. Für einen Vorentwurf wurden dem Künstler 2.000 Reichsmark zugesagt und für die endgültige Ausführung ein Honorar von 10.000 Reichsmark.

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Ausstellungsansicht im Museum Wiesbaden; Museum Wiesbaden

Beckmann stand Goethe, den er etwas despektierlich in seinem Tagebuch als “Göthe” bezeichnet, durchaus distanziert gegenüber. Dies belegt ein Schreiben vom Februar 1944 an den Kunsthistoriker Erhard Göpel: “Glauben Sie nur nicht, dass ich den alten Optimisten (Goethe) für diese Zeichnungen gebraucht hätte. Ich bewege mich in den gleichen Regionen, dort bin ich auch zu Hause”. Der selbstbewusste Beckmann sah sich durchaus auf Augenhöhe mit dem Dichterfürsten, teilte aber als Melancholiker und Pessimist nicht die optimistische Sichtweise des Dichters. Dennoch setzte er sich mit großer Intensität mit Goethes Opus Magnum auseinander und arbeitete oft bis zur körperlichen Erschöpfung. In einem wahren Schaffensrausch schuf er statt der vereinbarten 100 Zeichnungen 143 kleinformatige Federzeichnungen. Bisweilen ist eine Bleistiftvorzeichnung erkennbar.

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“Faust: Die Gaben, diesen hier verliehen …”, 3. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Die Themen, die Beckmann beschäftigten, fand er auch in Goethes Tragödienstoff wieder, wie das Verhältnis von Mann und Frau, die irdische Welt als Bühnenstück und das bewegte Zeitgeschehen. “Dies erklärt auch,” so Kurator Roman Zieglgänsberger, Kustos für klassische Moderne im Museum Wiesbaden, “warum dieser sich in die Figuren des Faust, Mephisto und auch Nero hineingezeichnet und damit identifiziert hat”. Wohl rund dreißigmal ist der markante, kantige Kopf Beckmanns in dem Faust-Zyklus zu erkennen.

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“Chor: Ikarus!”, 3. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Zum Auftakt der Wiesbadener Schau, gewissermaßen als “Prolog”, sind im vorderen Oktogon fünf Ölgemälde aus eigenem Besitz zu sehen, wie der berühmte “Weibliche Akt mit Hund” sowie das “Selbstbildnis mit Zeichenblock” – beide aus dem Jahr 1927.

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Ausstellungsansicht im Museum Wiesbaden, 2014

Daran schließt sich die Präsentation der 143 kleinformatigen Tuschezeichnungen auf geripptem hellbeigem Papier an – keine größer als A4-Format Die einheitlich in hellbraunen Rahmen gefassten Arbeiten kommen auf dem grauen Fond der Wände gut zur Geltung. Auf den gegenüberliegenden weißen Wänden sind dazu passende Zitate aus Faust II zu lesen. Die Arbeiten sind entsprechend den Akten des Faust-Dramas gehängt. Info-Karten mit Zusammenfassungen des Inhalts der einzelnen Akte und Verweisen auf die Zeichnungen Beckmanns sind eine nützliche Orientierungshilfe für die Besucher. Ebenso die einzelnen Exponat-Beschriftungen mit den jeweiligen Versen aus Faust II, von denen sich Beckmann inspirieren ließ. Zum besseren Verständnis sind die auf den Zeichnungen wiedergegebenen Personen benannt, wie zum Beispiel: der alte Faust alias Max Beckmann.

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“Faust leidenschaftlich fortfahrend (Das hohe Meer)”, 4. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Ganz ungewöhnlich ist die hochformatige Präsentation einer Landschaft, da diese üblicherweise im Querformat dargestellt wird.

Teilweise hat Beckmann nur den Umriss der Figuren gezeichnet, teils auch die Gesichter ganz ausgefüllt. Durch den Wechsel zwischen linearen und gefüllten Darstellungen bringt der Künstler Spannung in den Zyklus.

Goethes Tragödie endet optimistisch, als Gretchen Faust erscheint, um ihn in höhere Sphären zu geleiten und so sich das einst Gesagte erfüllt: “Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan”. Bei dem Pessimisten Beckmann zieht das Weibliche mit der Schlange des Sündenfalls eher hinab.

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“Selbstbildnis als Faust”, 5. Akt; Bundesrepublik Deutschland und Museum Wiesbaden

Zum Ausklang der sehenswerten Schau, gewissermaßen als “Epilog”, ist noch der Zyklus “Day & Dream” von 1946 zu sehen. Das 15 Lithografien umfassende Werk ist die letzte große Grafikmappe, die Beckmann in Amsterdam schuf, bevor er 1947 in die USA emigrierte. Bei dem expressiven Mappenwerk geht es um ein essentielles Thema in Beckmanns Œuvre, nämlich die Erkenntnis, dass es mehrere Ebenen im Dasein gibt – eine reale (Day) und eine geträumte (Dream), die zusammengezogen als Tagtraum nicht mehr zu trennen sind.

Am 27. Dezember 1950 bricht der Künstler auf dem Weg zur Ausstellung “American Paintings today” (Metropolitan Museum, New York), wo sein Selbstbildnis in blauer Jacke zu sehen war, tot zusammen.

Ein opulenter, hochqualitativer Katalog, 240 Seiten, herausgegeben vom Museum Wiesbaden mit Beiträgen von Christiane Zeiller und Roman Zieglgänsberger, begleitet die gelungene Präsentation.

Die Ausstellung wird unterstützt durch die Hessiche Kulturstiftung und “Freunde des Museums Wiesbaden”.

“Goethe – Faust – Beckmann”, Museum Wiesbaden, bis 18. Januar 2015

Bildnachweis: Museum Wiesbaden

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