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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Provinz Jaén

5. Mai 2016

Touristisch wenig bekannt – die andalusische Provinz Jaén mit den „Perlen der Renaissance“ Ubeda und Baeza

Von Elke Backert

Schauen Sie meine Frau an. Sieht sie wie achtzig aus?“ Die faltenlose Dame lacht: „Ja, unser Olivenöl. Jeden Morgen ein Gläschen, mit Zitrone gemischt, wirkt wie ein Jungbrunnen.“

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„Wo Höhenzug um Höhenzug gestreift ist von Olivenhainen“: Jaén, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, mit alles überragender Kathedrale

In der Provinz Jaén im Norden von Andalusien beginnt auch für Touristen der Tag mit Olivenöl. Beim Frühstück nämlich. Hotels und Pensionen servieren ein geröstetes Baguette-Brötchen, das – der Kellner macht es vor – eingeritzt und kräftig mit Olivenöl beträufelt wird. Ein wenig Salz darüber, dann braucht man nur noch reinzubeißen. Was tut man nicht alles für die Schönheit. Doch schon am dritten Tag möchte man die ungewohnte Komposition nicht mehr missen.

Keine andere Region Spaniens produziert mehr Olivenöl als Jaén. Über 50 Millionen Bäume soll es hier geben.

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In Jaén entdeckte man arabische Bäder, die, restauriert, dem Innern einer Moschee ähneln

Während ganz Andalusien im Jahr rund 43 Millionen Übernachtungen verbuchen kann, sind es in der Provinz Jaén nur rund 790.000 Hotelübernachtungen. Immerhin habe sich die Zahl seit 1998 verdoppelt. Wir wünschen uns Gäste, die unsere Denkmäler entdecken, aber auch unseren Menschenschlag und – das beste Olivenöl der Welt.“ Der Bürgermeister von Ubeda weiß, wie dringend die Region Besucher braucht. Nur während der Andalusien-Rundfahrt kommen Gäste. „Die schauen sich unsere reichen Schätze an, und weg sind sie.“ Sie übernachten nämlich in Granada.

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↑ Die Casa de las Torres in Ubeda
Ein schönes Fotomotiv: die Kapelle El Salvador in Ubeda

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Zwischen Granada und Córdoba gelegen, bei einer Andalusien-Rundfahrt sozusagen auf dem Weg, sind die „Perlen der Renaissance“ Ubeda und Baeza kaum zehn Kilometer von einander entfernt. Von christlichen Adligen, vornehmlich den Familien Cobos und Molina, nach der Reconquista im 16. Jahrhundert errichtete Paläste tragen alle den Stil eines Architekten, Andrés de Vandelvira.

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Das heutige Rathaus von Ubeda heißt Palast der Ketten (Las Cadenas), weil den nicht mehr vorhandenen Vorhof Eisenketten zierten
Solche Innenhöfe sind typisch für die Architektur der „Perlen der Renaissance“. Hier der Palast der Ketten (Las Cadenas) in Ubeda

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Nach italienischem Vorbild schuf er in Ubeda neben unzähligen Palästen wie dem Palast der Ketten (Las Cadenas), der heute als Rathaus dient, die schönsten spanischen Renaissance-Denkmäler: die Kapelle El Salvador und das Hospital Santiago, die Fassade des Klosters Santa Clara und das Haus der Türme.

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In Ubedas Straße der Töpfer findet man auch solche grün glasierten Keramiken

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Ein wunderschönes Ensemble in Baeza: Löwenbrunnen, Haus des Volkes und ein Tor der alten Stadtmauer
Ungewöhnlich der Palast Jabalquinto in Baeza: Reich mit sogenannten Diamantenspitzen geschmückte gotisch-isabellinische Fassade (Ende 15. Jh.), flankiert von runden Strebepfeilern, die in arabischen Stalaktitenformen enden

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Baeza, den Römern als Beatia bekannt, ist auf Besucher bestens vorbereitet: Schlanke Säulen mit einem weißen „i“ auf braunem Rund geben Auskunft über die Denkmäler der Stadt. Fotos zeigen diese auch von innen – für den Fall, dass sie geschlossen sind. Obwohl der Platz des Alten Marktes mit dem im 16. Jahrhundert erbauten Kornspeicher Mittelpunkt von Baeza ist, hinterlässt die Plaza del Pópulo den stärkeren Eindruck. Magisch zieht einen der von einer iberisch-römischen Frauenfigur gekrönte Löwenbrunnen aus vorchristlicher Zeit an. In der Frau vermutet man Imilce, die Gemahlin Hannibals. Ungewöhnlich mit Balustraden und Giebeln geschmückt sind die Fenster der plateresken Fassade der Casa del Pópulo (Haus des Volkes), ehemals Zivilgericht, heute Tourist-Information. Plateresk bezeichnet den Dekorationsstil der spanischen Frührenaissance, der Elemente aus Spätgotik und maurischem Mudéjarstil vermischt und das Ganze filigran wirken lässt. Die Alte Fleischerei, nun Stadtarchiv, zeigt sich mit Säulengang im oberen Stockwerk. Abgerundet wird das Ensemble von dem zur alten Stadtmauer gehörenden Tor Puerta de Jaén.

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Brunnen Santa Maria in Baeza: Renaissance-Brunnen in Form eines Triumphbogens

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Die mächtige  Kathedrale in Jaén

Die beste Sicht auf die gleichnamige Hauptstadt der Provinz Jaén, einer der acht andalusischen Provinzen, genießt man von der hoch über der Stadt gelegenen Burg, dem Castillo Santa Catalina aus dem 12. Jahrhundert. Heute beherbergt die Burg ein Hotel der Paradores-Kette. Zuerst streift das Auge die unübersehbare Kathedrale, St. Peter in Rom abgeguckt, alsdann schweift der Blick auf die Landschaft, die „tierra peinada“, das „gekämmte Land“, „wo Höhenzug um Höhenzug gestreift ist von Olivenhainen“, wie es der spanische Lyriker Antonio Machado formuliert.

Fotos Elke Backert

 

„Metz est wunderbar“

2. Mai 2016

In der Stadt Metz mit den galloromanischen Wurzeln, den mittelalterlichen Bauten, dem Deutschen Tor, der ehrwürdigen Kathedrale St. Etienne, den französischen Plätzen aus dem 18. Jahrhundert, dem wilhelminischen Viertel in der Neustadt und dem hypermodernen Kunstzentrum Centre Pompidou trafen sich im April 2016 das deutsch-französische Tandem Merkel-Hollande samt Ministerrat. Da wurde die Metropole mit einem Einzugsgebiet von 430.000 Einwohnern zum europäischen Dreh- und Angelpunkt. Denn sie liegt im Herzen Europas in unmittelbarer Nähe zu Deutschland, Belgien und Luxemburg, gehört zur Großregion Saar‐Lor‐Lux, (Lothringen, Saarland, Rheinland‐Pfalz, Luxemburg und ein Teil Belgiens) und sie verbindet die „QuattroPole“ Luxemburg, Metz, Saarbrücken und Trier miteinander ‒ mit knapp einer Stunde Fahrzeit.

Eindrücke von Petra Kammann

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Die Alte Hauptwache, heute Office de Tourisme, mit dem Transparent, das alles sagt

Metz ist eine schöne Stadt. Besonders an einem sonnigen Frühlingstag. Das können auch weiträumige Absperrungen der Innenstadt nicht wirklich zunichte machen. Die auch sonst so schmucke Provinzstadt am Moselufer hatte sich zum 18. Deutsch-französischen Ministerratstreffen im April 2016 besonders fröhlich herausgeputzt. In der Rue Serpenoise, Handelsader der Stadt , flatterten die Fähnchen der Tricolore mit der schwarz-rot-goldenen deutschen Nationalflagge um die Wette. Immerhin waren Angela Merkel und François Hollande samt ihrer Kabinette im Anmarsch. Sie sollten schließlich den Besuch in bester Erinnerung behalten. Dass Frankreich dabei nach wie vor unter dem Schock der Pariser Terroranschläge steht, haben die Sicherheitsmaßnahmen in Metz in diesem Jahr höchst eindrucksvoll gezeigt. Am Tag des Treffens der beiden Spitzenpolitiker war die Stadt dann wie leergefegt.

Im Rahmen einer Gebietsreform wurden in Frankreich 22 Regionen zu 13 neuen Großregionen zusammengelegt. So soll – laut einer offiziellen Befragung unter der französischen Bevölkerung – die im Januar aus dem Elsass, Lothringen und Champagne-Ardenne zusammengeschlossene Region zukünftig „Le Grand Est“, also „großer Osten“, heißen. Dass das traditionsreiche Meeting vor allem in diesen „stürmischen Zeiten“ abseits der Pariser Machtzentrale in der deutsch-französische Grenzprovinz im Osten des Landes stattfand, sollte wohl die Botschaft symbolisieren, dass die deutsch-französische Freundschaft, einst Motor westeuropäischer Politik, nach wie vor funktioniert.

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Auch das Hôtel de Ville im französischen Stil, das Metzer Rathaus an der Place d’Armes, zeigt Flagge

Den Anstoß für einen deutsch-französischen Integrationsrat präsentierten in Metz dann vor allem Saar-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und Frankreichs Außenminister, der ehemalige Germanist und Deutschlehrer Jean-Marc Ayrault. Die Polit-Pragmatiker mit dem inzwischen selten gewordenen Faible für die deutsch-französischen Beziehungen versuchten daher, mit einem umfangreichen Papier Konzepte aus deutschen und französischen Erfahrungen zur Integration zu bündeln. Annegret Kramp-Karrenbauer hatte in jüngster Zeit mit ihrer „Frankreichstrategie“, die unter anderem das Ziel eines echten mehrsprachigen Landes im Visier hat, schon mehrfach für Aufmerksamkeit gesorgt. Sie zeigt damit, wo und wie und dass sich allen lautstarken Auflösungsbetreibern zum Trotz noch immer etwas in diesem Europa bewegen kann, wenn es nämlich um konkretes Zusammenleben und ganz pragmatische Lösungen von Herausforderungen der Zukunft geht.

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An diesem Tag wurden auch an anderer Stelle Zeichen für die Zukunft gesetzt. Gegenüber dem hochmodernen Centre Pompidou und in unmittelbarer Nähe des wilhelminischen TGV-Bahnhofs, eine Dependance des Pariser Museums für zeitgenössische Kunst, um das herum abermals ein neues Stadtviertel entstehen wird, wurde in Anwesenheit des Innenministers Manuel Valls, der neuen Kulturministerin Audrey Azouley sowie des international agierenden Architekten Jean-Michel Wilmotte der Grundstein für ein neues Kongresszentrums gelegt, das künftig den Namen des profilierten Europa-Politikers Robert Schuman tragen wird, begleitet von Grundsatzreden über die große Bedeutung der Kultur für die Wirtschaft.

So wurden beim anschließenden Umtrunk im Centre Pompidou, in dem die neuen Sichtachsen und urbanen Architekturbezüge deutlich wurden, die einstigen Ideen des Ur-Europäers Robert Schuman heraufbeschworen. Der 1886 als Deutscher mit lothringisch-luxemburgischen Eltern in Luxemburg geborene Schuman, der in Deutschland gearbeitet und nach dem Zweiten Weltkrieg die französische Staatsangehörigkeit angenommen hatte, war als französischer Außenminister Wegbereiter der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Schuman-Plan) gewesen und war 1958 zum ersten Präsidenten des Europäischen Parlamentes gewählt worden. Er hatte viele Jahre in Metz gelebt.

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Innenminister Valls besuchte nach der Grundsteinlegung des „Centre de Congrès Robert Schuman“ gemeinsam mit dem Metzer Bürgermeister Dominique Gros (links) und dem Architekten Jean-Michel Wilmotte (rechts) das gleich gegenüber liegende Centre Pompidou

Für das so spektakuläre wie publikumswirksame Centre Pompidou Metz, in dem zeitgenössische Kunst gezeigt wird, erhielt der japanische Architekt Shigeru Ban, der sich von einem geflochtenen chinesischen Bambushut zu der Holzstruktur inspirieren ließ, den renommierten Pritzker-Preis

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So lud denn auch im Rahmen der Aktionswoche „Metz est wunderbar“ Anfang April die QuattroPole, das seit der Jahrtausendwende existierende Netzwerk der vier größten Metropolen der europäischen Grenzregion Trier, Luxemburg, Metz und Saarbrücken, zu verschiedenen Veranstaltungen ein, die um das deutsch-französische Ministertreffen in Metz geschaffen wurden. Durch die Zusammenarbeit und die Umsetzung gemeinsamer Projekte sollten so Synergieeffekte zwischen den Städten geschaffen und die wirtschaftliche Attraktivität des Standortes gestärkt werden, was für die Bürger einen gelebten Mehrwert bedeutet, da sie einen Zugang zu den Serviceleistungen sowie zum Wissen und zum kulturellen Angebot der vier Städte erhalten. Da alle QuattroPole-Städte nur jeweils eine Autostunde voneinander entfernt und durch vier ICE/TGV-Bahnhöfe, drei Flughäfen, drei Häfen und ein dichtes Autobahnnetz miteinander verbunden sind, kann hier auch ganz praktisch im Alltag ein europäischer Austausch stattfinden.

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Lothringische Start-Up-Unternehmen präsentierten sich im TCRM-Blida

So gab es etwa seit 2014 in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Straßenbahndepots von TCRM-Blida (Transports en Commun de la Région Messine, Tiers lieu de création, de production et d’innovation artistique et numérique), dem Startup-Zentrum der Stadt Metz, ein Treffen für junge Unternehmen vor allem aus dem digitalen Bereich, die innovative Geschäftsideen haben und sich grenzüberschreitend vernetzen. Sie werden dort von erfahrenen Wirtschaftsleuten unterstützt.

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Hier in der Metzer Altstadt kreuzten sich einst die Nord-Süd- und die Ost-West-Achsen

Die Stadt Metz erscheint von ihrer Lage her geradezu prädestiniert für europäische Zusammenkünfte, schon allein aus historischen Gründen. Hier treffen zwei große Achsen, die Europa durchqueren, aufeinander: die Nord‐Süd‐Achse, welche die Nordsee und das Mittelmeer zwischen Amsterdam und Marseille, und die Ost‐West‐Achse, die über Paris, München, Wien und Prag den Atlantik mit Osteuropa verbinden. Um diese noch immer bestehenden zwei großen Achsen herum haben sich bis heute Straßenverbindungen gebildet, die zu den am meisten befahrenen Straßen Europas gehören wie die A 31, das Rückgrat der Nord‐Süd‐Verbindung, oder die A 4 zwischen Paris und dem Osten Frankreichs, die den Übergang zum deutschen Straßennetz ermöglicht. Daneben gibt es zwei weitere Wasserverbindungen: Da schaffen die Flüsse Mosel und Saar den Zugang zur Nordsee und über den Canal de l’Est im Süden zum Mittelmeer.

In Metz, wo die Seille in die Mosel mündet, gehen aber auch kulturell verschiedene Einflüsse ineinander über. Daher sind Stadterkundungen, die u.a. in deutscher und französischer Sprache vom Fremdenverkehrsamt angeboten werden, sehr empfehlenswert. Mit ihrer Hilfe kann man thematisch gebündelt 3000 Jahre bewegter und komplizierter Geschichte entdecken, vom galloromanischen Zeitalter bis in die Jetztzeit.

Als 52 v. Chr. die Keltensiedlung von den Römern erobert wurde, entwickelte sich die Stadt – an der wichtigen Kreuzung der Straßen nach Reims, Lyon, Trier, Straßburg und Mainz – zu einer der größten Städte Galliens. Im 4. und 5. Jahrhundert gründeten sich dann die ersten christlichen Gemeinden, 451 wurde Metz vom Heer des Hunnenkönigs Attila zerstört, Bischofssitz wurde es ab 535.

In merowingisch-fränkischer Zeit war die Stadt die Hauptstadt des fränkischen Ostreiches (Austrasien) und erlebte eine ausgesprochene Blüte sowohl auf kulturellem als auch auf religiösem Gebiet. In Metz entstand zum Beispiel der gregorianische Gesang. Außerdem war die Stadt der ursprüngliche Stammsitz der Karolinger, welche die Bischöfe von Metz stellten.

1189 machte sich die Stadt dann vom Bischof unabhängig und wurde freie Reichsstadt. Ähnlich wie in Straßburg, der benachbarten freien Reichsstadt, entwickelte sich fortan auch hier eine Stadtrepublik nach italienischem Vorbild, die von den reichsten Bürgern geführt wurde. Metz unterhielt damals einen regen Kontakt mit den italienischen Handelsstädten (die Place Saint-Louis erinnert an diese Zeit) und beherbergte zahlreiche sogenannte „lombardische Kontore“. Sie brachten das Geld- und Kreditgeschäft von Norditalien nach Metz, das dadurch so geistlich wie weltlich wurde.

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Die Place Saint-Louis mit ihren Arkadengängen erinnert sich an norditalienische Städte

Schon im 9. Jahrhundert gab es in Metz 39 Kirchen und Kapellen, zahlreiche Klöster und Stifte, die das Stadtbild bis ins 16. Jahrhundert hinein, als die Franzosen kamen, dominierten. Die einstige römische Basilika Saint-Pierre aux Nonnains, deren Gebäude später bis ins 20. Jahrhundert als Lagerraum, als „Arsenal“, diente und in den 1970er Jahren restauriert wurde, heute Saal für Ausstellungen und Konzerte, gilt als älteste Kirche Frankreichs schlechthin.

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Die aus gelbem Jaumont-Kalkstein erbaute gotische Kathedrale Saint-Étienne (Stephansdom) aus dem 13. Jahrhundert ist mit ihrem Schiff ist eine der höchsten Frankreichs

Der Stephansdom, reich an Geschichte und Legenden, verdankt seinen Ruf besonders den Fenstern: Mit 6.500 m² Oberfläche hat man ihnen den Beinamen „Laterne des Guten Gottes“ gegeben. Vertreten sind hier Glaskünstler aller Epochen, von Hermann de Munster (14. Jh.) über Jacques Villon und Roger Bissière bis hin zu Marc Chagall

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Die Ankunft der Franzosen ab dem 16. Jahrhundert setzte dieser Periode ein Ende, weil sie sich militärisch gegen das Heilige Römische Reich Deutscher Nation stemmte. Fortan wurde die Geschichte von Metz durch die ständigen Wirrungen der deutsch-französischen Beziehungen geprägt. Metz war schon zur Zeit des Heiligen Römischen Reichs eine französische Kulturstadt, in der zwischen 1556 und1562 eine Zitadelle angelegt wurde. Unter Vauban, dem Festungsbaumeister von Louis XIV, wurde dann bis zum Ende des 17. Jahrhunderts eine äußerst stabile Festung erbaut, die zwischen 1870 und 1918 vom Deutschen Kaiserreich annektiert wurde. So war das alte Stadtzentrum klassizistisch und von der französischen Monarchie geprägt, während die „Neustadt“ zur Jahrhundertwende zwischen 19. und 20. Jahrhundert von den Deutschen (Kaiser Wilhelm liebte die Stadt) errichtet wurde, wovon noch der pompöse Bahnhof, der an einen Kaiserdom mit Gleisanschluss erinnert, Zeugnis ablegt.

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Der prächtige wilhelminische Bahnhof, heute mit TGV-Anschluss

Ab 1899 begannen, nachdem der erste Festungsgürtel gesichert wurde, die Arbeiten am zweiten Ring, der vor allem aus einem neu entwickelten Festungstyp bestand, wodurch Metz endgültig zur stärksten Festungsstadt des Deutschen Reiches wurde.

La Porte des Allemands

Das mächtige Deutsche Tor (La Porte des Allemands), das eigentlich Deutschherrentor heißen müsste

Will man die Geschichte der Stadt und ihre geographisch-strategische Position auf dem Hügel ansatzweise begreifen, sollte man nicht nur entlang der einstigen Stadtmauern gehen, sondern auch das Deutsche Tor (Porte des Allemands) aufsuchen. Die von zwei schlanken um 1230 erbauten Rundtürmen geprägte Anlage, welche später durch zwei weitere Befestigungstürme und eine spitzbogige Brücke über die Seille erweitert wurde, wurde durch die Umbauten um 1680 durch den Festungsbaumeister Vauban nicht etwa zerstört, sondern unverändert einbezogen. Schwer beschädigt wurde die Anlage erst 1944 durch einen Artelleriebeschluss, der die Brücken zerstörte. Doch schon unmittelbar nach Kriegsende wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. Und 1966 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt. Inzwischen ist sie wieder begehbar und zu besichtigen.

Aber dass jenseits aller interessanten historischen Baudenkmäler in Metz auch die gute Lebensart zu Hause ist, davon zeugt nicht nur das Haus des französischen Renaissance-Schriftstellers und Humanisten François Rabelais (1494-1553) – Kulinarikern bekannt durch sein sinnlich-komisches Werk über die Riesen „Gargantua und Pantagruel“. Er lebte von 1542 bis 1547 in Metz. In Paris hatten ihn die Theologen der Sorbonne wegen seiner subversiven Romane gebrandmarkt. Daraufhin wohnte der dichtende Mönch nahe der Kathedrale, arbeitete als Armenarzt und behandelte sogar Lepra-Verdachtsfälle. Und er schrieb auch am vierten Band seines Roman-Zyklus über die Riesen Gargantua und Pantagruel. Darin lässt er den Drachen Graoully aus der Stadtlegende auftauchen und zitiert auch den Metzer Dialekt. So manch einer kennt Rabelais vor allem wegen des Zitats: „Gut essen und kühl dazu trinken sind die wahren Freuden des Lebens“.

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Die Fassade, die an François Rabelais erinnert. Den Drachen Graoully, welcher der Legende nach die Metzer von den heidnischen Göttern befreit haben soll, findet man in der Altstadt als Emblem an vielen Häusern

Das Gebäude, das unter dem Namen „Chapelle Saint-Genest“ bekannt ist, war ursprünglich ein typisch gotisches Stadthaus, das im 12. Jahrhundert erbaut wurde. Heute steht von François Rabelais‘ Haus in der Straße En Jurue nur noch ein Teil der Fassade, aber sein derb-ironisches Werk ist hier noch lebendig. Und die Stadt saugte daraus Honig: Unter der Bezeichnung „Tables de Rabelais“ haben sich hier rund dreißig Gastwirte zusammengeschlossen, die qualitativ hochwertige Gerichte mit regionalen Produkten und Spezialitäten anbieten.

Gastfreundschaft und die Vorliebe für gutes Essen und Trinken pflegen übrigens die vier QuattroPole-Städte untereinander ebenfalls. Zu dem hochwertigen und abwechslungsreichen Gourmetangebot tragen nicht allein die Sterneköche bei, sondern auch eine Vielzahl von Restaurants wie auch die Markthalle. Metz kultiviert das Kulinarische durch die ganze Breite des Angebots: Von den Probiertheken bis zur Gastronomie, von den Weinbars bis zu den typischen Brasserien und den Tables de Rabelais, Metz bietet Gourmetgerichte von der gut bürgerlichen Küche mit der legendären Quiche Lorraine bis zu Fusion Food. Und Ende August feiert Metz drei Tage lange die Mirabelle, als Inbegriff der aromatischen lothringischen Frucht. Das Fest bietet einen Gourmet-Markt, Straßentheater, Open-Air-Konzerte, Tanz sowie ein großes Feuerwerk und spiegelt damit die sinnliche Freude am Alltag der Messins, wie die Bürger der Stadt genannt werden.

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In der Metzer Markthalle sind kulinarische Genüsse aller Art versammelt. Hereinspaziert!

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… gilt dies nun auch für den Herausgeber von FeuilletonFrankfurt?

Fotos: Petra Kammann

 

Das Kunstwerk der Woche (17)

30. April 2016


Die Arbeit einer Künstlerin oder eines Künstlers
aus den Atelierhäusern in Frankfurt am Main

Sascha Boldt, AtelierFrankfurt

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Reality Check 2 (higher and higher), 2015, Mixed Madia auf Leinwand, 115 x 85 cm; Foto: Sascha Boldt

Es ist gewiss kein „Wimmelbild“, dieses pop-artige, für seinen schier unglaublichen und unerschöpflichen Detailreichtum auffallende Werk, und bei aller sorgfältig inszenierter „Unordnung“ ist es von kompositorischer Stringenz. Der vielfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnete Absolvent der Kunstakademie Düsseldorf mit „Akademiebrief mit Ehrentitel“ versetzt mit seinem Bild aus der 2014 begonnenen Reihe „Hybrid Constructions“ – Arbeiten in Mischtechnik auf Leinwand – den Betrachter in ein fantasievolles Panoptikum von Gegenständen aus einer globalisierten Welt, deren Uhren, wie man sieht, zugleich die zweite, dritte und neunte Stunde anzeigen. Da fehlen weder Ernõ Rubiks Zauberwürfel noch ein reich „gepatchworktes“ marokkanisches Ledersitzkissen. Nicht ohne eine Portion feinen Humors geschieht dies alles – der Schlauch der Fussluftpumpe scheint das dicke Tau aufzublasen, das sich nach Art eines indischen Fakir-Seiltricks in die Höhe windet und das – hol ’s der Teufel – auch noch einen erleuchteten Lampenschirm trägt. Und auch Tiere fehlen bei Sascha Boldt selbstverständlich nicht! Da schaut ein klitzekleines Hündchen dem etwas grösseren zu, dem der Luftstrom eines Haarföns – sogar die Marke, ein „Dry Care“ aus dem Hause Trisa electronics kann man erkennen – arg kräftig um das Näschen weht!

Sehr vieles nun gäbe es noch zu sehen, zu erzählen, Geschichten zu lesen und andere zu spinnen – von der seilspringenden jungen Frau und der bei Betreten mit Sicherheit knarrenden hölzernen Treppe, eine jede Stufe mit allerlei Sächelchen belegt, war ja noch gar nicht die Rede – aber das soll dem Betrachter überlassen bleiben, denn Sascha Boldt möchte uns etwas zu dem sehr aufwändigen Herstellungsprozess seiner zwei- und dreidimensionalen Collagen erzählen:

„Ausgangspunkt der dargestellten Motive sind archivierte Bildquellen aus den verschiedensten Medien und Genres, die hauptsächlich aus dem Internet, Bildbänden, Zeitschriften oder eigenen Fotografien zusammengetragen wurden. In einem mehrschichtigem Verfahren werden diese verschiedenen Quellen dann miteinander kombiniert und überarbeitet. Die Anhäufung der Motive ist hierbei ein stark ausgeprägtes Grundelement und zieht sich durch mein gesamtes Werk, weswegen ich diese Vorgehensweise auch ‚Akkumulatismus‘, ‚Akkumulationismus‘ oder ‚Accumulation Pop‘ (je nach Tageszeit) nenne. ‚Hybridismus‘ ist ein weiterer Begriff, der die Bildprinzipien treffend beschreibt. Die Hauptkomposition entwickelt sich aus der Gewichtung der einzelnen erzählerischen Elemente im Bildraum. Diese sollen dem Betrachter quasi wie Türen den Einstieg in Assoziationszusammenhänge bieten, durch die sich eine mögliche, aber nicht unbedingt festgeschriebene Geschichte erschliessen läßt. Versatzstückhaft kann den einzelnen Elementen inhaltlich gefolgt werden.

Als Schöpfer dieser Kompositionen habe ich eine für mich klare Bedeutungsebene der einzelnen Bildinhalte, die jedoch changiert und in der Schöpfungsphase zusätzlich mit einer gewissen Prise an Ungewissheit oder Irritation angereichert wird, damit das Bild weiterhin frisch, offen und interrogativ herausfordernd auf mich und die Betrachter wirkt.

Geprägt durch das Sampling und die Videoclipkultur von Musikfernsehsendern wie MTV in den 80er und 90er Jahren sind die Bilder wie angehäufte Stills einer vielfältigen Geschichte zu verstehen, in denen Raum und Zeit aufgelöst werden. Die dargestellten Inhalte stehen nicht zwangsläufig in einem direkten räumlichen oder inhaltlichen Zusammenhang miteinander, sondern treffen in einem Bildraum aufeinander, der eine eigene Entität bildet und der Entfaltung der beschriebenen Dynamik dienen soll. Dieser Bildraum wird auf verschiedenen Ebenen geöffnet und neu zusammengefügt. Die hybride Verschmelzung verschiedener künstlerischer Techniken verdichtet sich in diesen Werken zu einem Endergebnis, das in seiner finalen Erscheinungsform als Leinwand auf einem Keilrahmen erscheint. Die wesentlichen Motive werden zunächst im Computer arrangiert und vorbereitet. Ausgedruckt auf Papier überführe ich diese als Ausschnitte dann haptisch in den realen Raum, um sie daraufhin mit unterschiedlichen Überschneidungen, Lichteinfällen oder anderen Collageelementen oder Gegenständen zu arrangieren und schliesslich zu fotografieren. Diese Fotos werden dann wieder in den Computer übertragen. Hierbei ensteht eine irritierende Dopplung – eine Abbildung der Abbildung sozusagen mit eingearbeiteter radialer Unschärfe.

In einem nächsten Schritt kommt nun eine weitere Ebene durch das Malen mit dem Lichtstift auf der Bildschirmoberfläche hinzu, um die Verschachtelung erneut komplexer zu gestalten. Modular und spielerisch werden die vorherigen Schritte wiederholt und erneut eingeflochten, bis das Bild soweit vorbereitet ist, um es auf Leinwand in seinem endgültigen Format auszudrucken. Anschliessend wird es auf einem Keilrahmen aufgezogen und mit Accryl- oder Ölfarbe, weiteren Collageelementen oder mitunter realen Gegenständen überarbeitet und finalisiert.

Die Verknüpfung und Herausarbeitung der verschiedenen Realitätsebenen zwischen digital und analog als Grundprinzip meiner Kunst ist mir hierbei sehr wichtig, weil unsere Gegenwart zunehmend durch die Parallelexistenz dieses Wechselspieles geprägt wird und ich eine Spiegelung dieser Zusammenhänge gerade in der Kunst als zeitgemäss und wichtig empfinde. Der Titel der Werkserie ‚Hybrid Constructions‘ unterstreicht das Wechselspiel dieser verschiedenen Realitätsebenen als hybride Mischform der eingebrachten Techniken und formalen Zusammenhänge.“

→ Salon Hansa aus Berlin zu Gast im Kunstverein Familie Montez mit Benefizkonzert
→ Kunstmesse Frankfurt 2015 – nicht Top, nicht Flop

→ Das Kunstwerk der Woche (1)

„Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janácek an der Oper Frankfurt

29. April 2016

Realität, Mystisches, Irreales, Träumerisches –
schnelle Momentaufnahmen.
Die Natur ein Kreislauf von Werden und Vergehen

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller/Oper Frankfurt (3), Renate Feyerbacher (1)

Am 24. April 2016 hatte „Das schlaue Füchslein“ in Frankfurt Premiere. Nachdem die Oper des tschechischen Komponisten Leoš Janácek (1854-1928) nach der Uraufführung in Brünn 1924 dort nur noch zweimal gespielt wurde, dann in Mainz drei Jahre später, dann aber selten aufgeführt wurde, ist sie derzeit auf vielen Opernbühnen präsent. Ist es die Sehnsucht nach der Natur im Zeitalter von Beton und Stahl? Der neue Film „Wild“, eine Beziehungsgeschichte zwischen einer jungen Frau und einem Wolf, macht gerade Furore.

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Jenny Carlstedt (Fuchs) und Louise Alder (Füchsin Schlaukopf) sowie im Hintergrund die Statisterie der Oper Frankfurt; Foto © Barbara Aumüller

Was für ein Glück, wenn man eine Haushälterin hat, die in der tschechischen Tageszeitung begeistert eine Fortsetzungsgeschichte mit Zeichnungen vom Füchslein Schlaukopf und Fuchs Goldentupf liest und erkennt, dass das ein Opernsujet sein könnte. So geschehen im Hause Janácek 1920: „Der gnä‘ Herr weiß doch so gut, was sich die Tiere erzählen, er notiert sich doch immer die Vogelstimmen – das hier, mein Herr, würde eine Oper abgeben!“ Janácek nahm den Tipp an und liess sich von der Erzählung „Liška Bystrouška“, geschrieben von Rudolf Tesnohlídek, ebensfalls faszinieren. Die beiden Herren, der Komponist und der Erzähler, trafen sich zwei Jahre später, da hatte der Komponist aber bereits einiges komponiert. Das Libretto schrieb er auch selbst, dessen Handlung nicht stringent ist. Weiterlesen

Bruegel in Brügge und in Brüssel

28. April 2016

Die kleine Eiszeit und das ganze flämische Hexenwerk:
Ein Bericht von

Petra Kammann

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Wie Adern durchziehen die Grachten das flämische geschichtsträchtige Brügge. Heute erscheint die mittelalterliche Stadt als Idylle. Renommierte Maler wie Jan van Eyck und Hans Memling ließen sich hier nieder und prägten im 15. Jahrhundert das Bild vom Goldenen Zeitalter; Foto: Petra Kammann

Mittelalterliche Gebäude säumen den Weg bei einem Spaziergang durch die von Kanälen durchzogene flämische Stadt Brügge, deren Stadtkern seit 2000 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört mit seinen historischen Kirchen, der Burg, den Museen mit den sogenannten flämischen Primitiven, dem stattlichen Belfried und den romantischen Grachten, welche das Bild der Innenstadt prägen. Dennoch ging es nicht immer ganz so romantisch zu in den vergangenen Zeiten, die uns heute so nostalgisch stimmen. Auch in Brügge scheinen sich vor gut 450 Jahren schon Hexen, mysteriöse „böse“ Wesen getroffen zu haben, um gemeinsam mit dem Teufel den Sabbat zu feiern, zum Beispiel in der Nähe der Jerusalemskirche bei der Herberge „De Zwarte kat“ (Zur schwarzen Katze) … Weiterlesen