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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Ein Haus für Freunde im Tiroler Dorf Mösern

1. Oktober 2014

Von Elke Backert

Nicht der Hahnenschrei holt mich aus dem Bett, es ist das stete Gebimmel von Kuhglocken. Ich wache auf 1200 Meter Seehöhe auf in einem Luxus-Balkonzimmer des Hotels “For Friends” in Mösern nahe der Olympiaregion Seefeld in Tirol. Als erstes schweift mein Blick über die grandiosen Bergmassive vor mir, durchsetzt von sattgrünen Almen mit eben jenen Kühen und kleinen häuserreichen Orten im Tal.

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Auf der Frühstücksterrasse des For Friends mit Blick auf das kleine Barockkirchlein Maria Heimsuchung von Mösern, im Kern noch aus dem 17. Jahrhundert

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Ich möchte das schöne Refugium gar nicht verlassen, doch in den Bergen gilt es zuerst einmal, selbige zu erklimmen. Für mich Flachlandtiroler bitte mit der Bergbahn. Dennoch ziehe ich vorsichtshalber meine frisch erworbenen superleichten Salomon-Laufschuhe an – man weiß ja nie, was einen oben erwartet. Denn die Zeiten, in denen ich mich leichtsinnig mit Ballerinas auf Vulkane wagte, sind jetzt vorbei – Dank sei dem weisen Salomon und seinen biblischen Sportschuhen gewiss.

Fahren wir also auf gut Glück nach Seefeld und dort immer dem Schild Standseilbahn Rosshütte nach. Tatsächlich ein Parkplatz, ein Lift zur Kasse, Tickets gelöst, und los geht’s zur Rosshütte auf 1760 Meter, wo der “Biergarten 1760″ bereits gut gefüllt ist, wo “das letzte WC” wartet und ein Super-Spielplatz mit häufig genutztem Sprungbrett aufs Trampolin darunter.

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Ruhepause im Alpenpark Karwendel

Weiter geht’s mit einer recht veralteten und viel zu kleinen Gondel, die Paare auseinander reißen kann, so der Leiter kein Einsehen hat und die zweite Paarhälfte noch mit durchlässt. Gemächlich schwebt die Seefelder Jochbahn hinauf aufs Seefelder Joch auf 2083 Meter Seehöhe. Ein perfekter Rundumblick ist jedermann garantiert und ein Foto vor dem Gipfelkreuz unbedingt erforderlich für Japaner, Koreaner, Spanier, Italiener, Engländer, Österreicher und Deutsche gleichermaßen.

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Wer am Gipfelkreuz ankommt, hat den Berg geschafft

Ein Traumblick ins Karwendelgebirge öffnet sich, und eine Rundpanorama-Kanzel erklärt in Bildern, wie die Berge rundherum heißen. Jetzt müsste man auf dem Panorama-Höhenweg wandern und käme bis zur Seefelder Spitze auf 2220 Meter und noch weiter. Das überlassen wir den Wander-Fans.

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Die Rundpanorama-Kanzel erklärt in Bildern, wie die Berge rundherum heißen

Wir begeben uns auf einen Spaziergang zum idyllisch gelegenen Möserer See, in dem Menschen und Enten um die Wette schwimmen. Danach wartet Entspannung im Hotel.

Dort locken zum einen die Saunen und der Pool innen, und wie ein Wunder – zum ersten Mal sah ich das – öffnet sich automatisch eine gläserne Schiebetür nach draußen. Ein witziges Gefühl. Nach einer kurzen Ruhepause wartet eine Hausbegehung. Denn die Kunst, die man schon im eigenen Zimmer bewundert hat, setzt sich im ganzen Hotel fort.

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Eine Skulptur mit Schwalbenschwanzhinterkopf des Südtirolers Wilhelm Senoner

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Unverkennbar – die Skulpturen von Wilhelm Senoner

Die Kuratorin der Ausstellung, die Kunsthistorikerin Isabelle Mereb, schreibt über die Künstler in einer Broschüre, die im Hotel zu erhalten ist: “Der Südtiroler Bildhauer und Maler Wilhelm Senoner, geboren 1946 in St. Ulrich-Gröden, kreierte zwei Arten von einmaligen, teils lebensgroßen Skulpturen, Plein-Air-Skulpturen aus Bronze und Indoor-Skulpturen aus Lindenholz, deren Oberflächen mit Sägemehl, Leim und Acrylfarben oder pulverisierten Pigmenten behandelt wurden. Einzigartig sind die Hinterköpfe der Figuren, die in Fischflossen, Schwalbenschwänzen oder Pflanzenblättern auslaufen.”

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Isabelle Mereb: “Als Einzelgänger und Exzentriker abgestempelt, begann der Poet, Schriftsteller und Musiker Sergio Terzi ‘Nerone’, geboren 1939 im italienischen Villarotta di Luzzara, mit 30 Jahren unter dem Einfluss von Antonio Ligabue zu malen, um dramatischen Erlebnissen Ausdruck zu verleihen. Durch erfolgreiche Teilnahme an Biennalen in Italien erlangt er internationale Anerkennung, wird in den USA gefeiert und findet schließlich seine Freiheit in der Abstraktion, die an das amerikanische Action Painting erinnert.”

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↑ Von dem in Italien und den USA gefeierten Maler Sergio Terzi „Nerone“ hängen abstrakte Bilder im Hotel

↓ Die tiefe Heimatverbundenheit des Südtiroler Künstlers Ernst Müller wird auch in seinen Bildern deutlich

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Und Isabelle Mereb weiter: “Ganz anders der Südtiroler Künstler Ernst Müller, 1951 in Schlanders geboren. Seine Leidenschaft für die Malerei und seine tiefe Heimatverbundenheit bannen grandiose Landschaften und bäuerliches Ambiente auf die Leinwand. Einige der dargestellen Bauernhäuser sind bereits zerfallen, leben aber in Müllers Ölbildern weiter.”

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Manche der von Ernst Müller dargestellen Bauernhäuser sind bereits zerfallen, leben aber in seinen Ölbildern weiter

Das “For Friends” öffnete im Juni 2014 in Mösern bei Seefeld, nur 20 Kilometer von Innsbruck entfernt. Hoch über dem Inntal, in einer Bilderbuch-Landschaft und an einem der spektakulärsten Standorte der alpinen Welt, fernab vom touristischen Mainstream. Unsere Stress- und Ellbogengesellschaft findet eine Auszeit bei einem “Besuch bei Freunden”, individuell und ungezwungen, geprägt von Wahlfreiheit und einfühlsamer Gastfreundschaft. Die vier Energiefelder Natur & Entspannung, Kunst & Kultur, Genuss & Kulinarik, Energie & Bewegung sind es, die in Verbindung mit außergewöhnlicher Architektur und einer innovativen Dienstleistungsphilosophie dem neuen Hotel seinen unverwechselbaren Charakter verleihen.

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Blick ins häuserreiche Tal

Der Ausblick vom sonnigen Hochplateau ist derart atemberaubend, dass ihn bereits Albrecht Dürer in einem seiner berühmten Selbstporträts verewigt hat. Umgeben von den malerischen Gipfeln des Wetterstein-Gebirges, der Hohen Munde, dem Alpenpark Karwendel und dem Landschaftsschutzgebiet Wildmoos liegt den Gästen ein traumhaftes Naturparadies zu Füßen.

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↑ Werbung auf den Bänken am Möserer See für die Friedensglocke des Alpenraums, die in Telfs-Mösern täglich um 17 Uhr läutet. Sie trägt ein Bild, das Albrecht Dürer vor Ort gemalt hat

↓ Albrecht Dürer (1471-1528), Selbstbildnis mit Landschaft, 1498, Öl auf Holz, 52 x 40 cm, Museo Nacional del Prado; Bildnachweis: wikimedia commons

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Fotos (ausser Dürer-Porträt): Elke Backert

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Rheingau-Musikpreis 2014 an Christoph Eschenbach

27. September 2014

Ein fulminanter Musikabend mit dem Gustav Mahler-Jugendorchester

Von Renate Feyerbacher

Vor wenigen Tagen ist das diesjährige Rheingau Musik Festival zu Ende gegangen. Ein Höhepunkt am 4. September 2014 war die 21. Verleihung des Rheingau Musik Preises an den aussergewöhnlichen Musiker, Pianisten, Dirigenten und Mentor Christoph Eschenbach sowie das anschliessende Konzert in der Basilika Kloster Eberbach.

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Rheingau Musik Festival in der Basilika von Kloster Eberbach

In seiner Dankesrede wurde der Geehrte, der 1940 in Breslau geboren wurde, persönlich. Er erinnerte an seine “Mutter”, die nicht seine leibliche Mutter war, die er aber so nannte. Es war die Kusine seiner Mutter, die ihn adoptierte und bei der er aufwuchs. Die Mutter war bei der Geburt gestorben, der Vater, ein Musikwissenschaftler, während des Krieges. Als Gegner der Nazis hatte er seine Stellung an der Breslauer Universität verloren und wurde einem Strafbattaillon zugeteilt. Die Grossmutter floh mit dem Kind aus Schlesien und kam mit ihm im Flüchtslingslager unter. Dort brach Typhus aus. Der Fünfjährige war der einzige Überlebende. Auch die Großmutter starb, die vorher noch eine Postkarte – die war sechs Wochen unterwegs – an die Kusine der Mutter geschrieben hatte. Sie, die Klavierlehrerin, fand ein stummes Kind vor. Die Musik habe ihn wieder zur Sprache gebracht, erzählt Eschenbach.

Schon mit zehn Jahren gewinnt Christoph Eschenbach beim Hamburger Steinway-Wettbewerb den 1. Preis. An der Hamburger Hochschule für Musik und Theater studiert er Klavier und Dirigieren. 1965 gewinnt er den Concours Clara Haskil (1895-1960), der seit 1963 in Vevey/Schweiz ausgetragen wird. Die rumänisch-schweizerische Pianistin war der Inbegriff von Mozarts Interpretationen. Mit seinem ehemaligen Kommilitonen Justus Frantz (geboren 1944) und Tzsimon Barto (geboren 1963), einem aussergewöhnlichen amerikanischen Pianisten, Dirigenten und Autor, spielte er Klaviermusik zu vier Händen. Berühmt wurden seine Einspielungen der Konzerte auf mehreren Klavieren mit Justus Frantz und Helmut Schmidt, dem ehemaligen Bundeskanzler.

Seit 1972 ist Dirigieren Christoph Eschenbachs Schwerpunkt.

Die Nachwuchsförderung liegt dem hochdekorierten Dirigenten am Herzen. Jetzt dirigierte er erstmals das Gustav Mahler-Jugendorchester im Rahmen dessen Sommertournee 2014. Dieses – derzeit führende – Jugendorchester wurde vor bald 30 Jahren von dem renommierten italienischen Dirigenten Claudio Abbado (1933-2014) gegründet.

Aus 23 Ländern von A wie Armenien bis W wie Weißrussland kommen die 113 jungen Musikerinnen und Musiker, von denen derzeit 62 Frauen sind. Die 36 Geigen werden von 31 Frauen gestrichen, auch bei Bratschen und Celli sind es mehrheitlich Frauen. Die Streichinstrumente sind das A und O eines Orchesters. Bei den Blasinstrumenten (bis auf Flöte und Oboe) haben die Männer das “Sagen”. Die Konzertmeisterin ist eine Russin, die an der Hochschule für Musik Hanns Eisler studiert. In jedem Jahr wird beim Probenspiel aus 2000 Bewerberinnen und Bewerbern ausgewählt. Betreut werden sie von prominenten Orchestermitgliedern unter anderem der Wiener und Berliner Philharmoniker. Die Liste der Solisten, die mit dem Gustav Mahler-Jugendorchester konzertierten, ist angefüllt von prominenten Namen.

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Christoph Eschenbach mit dem Gustav Mahler-Jugendorchester

Diesmal war kein solistischer Künstler dabei. Auf dem Programm stand “Les offrandes oubliées” (Die vergessenen Opfer) – eine sinfonische Meditation des französischen Komponisten Olivier Messiaen (1908-1992), die er 1930 schuf. Die Musik des Katholiken wurzelt im tiefen Glauben an Gott, so auch in den “Vergessenen Opfern”, einem musikalischen Tryptichon mit den Teilen “Das Kreuz”, “Die Sünde” und “Die Eucharistie”. Ein kurzes, kontrastreiches Werk, bei dem die Streicher federführend sind.

Auch im katholischen Glauben tief verwurzelt war der Komponist Anton Bruckner (1824-1896), dessen 7. Sinfonie folgte. Es war ein musikalisches Erlebnis, das vom Publikum frenetisch gefeiert wurde.

Intendant Michael Herrmann, den der Hessische Ministerpräsident am 4. September 2014 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse auszeichnete, umarmte den Dirigenten Christoph Eschenbach. Eine schöne Geste.

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Fotos: Renate Feyerbacher

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Diskussions- und Benefiz-Abend der Frankfurter ZONTA-Clubs “Prostitution in Deutschland”

25. September 2014

Deutschland – zum “Bordell Europas” geworden?

Von Renate Feyerbacher

“Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
Doch hart im Raume stossen sich die Sachen”

Friedrich Schiller, Wallenstein in: Wallensteins Tod, 2. Aufzug, 2. Auftritt

Die beiden Frankfurter ZONTA-Clubs – “ZONTA Club Frankfurt am Main” und “ZONTA Club Frankfurt II Rhein-Main” – hatten zu einem Diskussions- und Advocacy-Abend “Das geht uns alle an: Prostitution in Deutschland” in die Weissfrauen Diakoniekirche eingeladen. Die beiden Club-Präsidentinnen Caroline Willeke und Heike Strelow führten in das Thema ein, das Grusswort sprach Esther Gebhardt, Vorsitzende des Vorstands des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt am Main. Die Veranstaltung stand unter der Schirmherrschaft der hessischen Ministerin der Justiz Eva Kühne-Hörmann, die Justiz-Staatssekretär Thomas Metz zu einem Grundsatzreferat entsandt hatte. Der Abend wurde von Christoph Baierl und seiner Band aus Regensburg musikalisch untermalt.

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Die Präsidentinnen der Frankfurter Clubs:
↑ Heike Strelow (ZONTA Club Frankfurt II Rhein-Main) und
↓ Caroline Willeke (ZONTA Club Frankfurt am Main)

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“Prostitution in Deutschland” – ein unerschöpfliches Thema, ein “Fass ohne Boden”, das mit dem Problemkreis Menschenhandel und damit der “Zwangsprostitution” zweifellos in Zusammenhang steht, aber an diesem Abend etwas übergewichtig zum Tragen kam. Dazu trug auch die Moderation der Publizistin, Filmemacherin und Menschenrechtsaktivistin Inge Bell bei, die mit vier Jahren aus Rumänien nach Deutschland kam. Für ihr Engagement im Kampf gegen Missbrauch und Handel mit wehrlosen Frauen und Mädchen auf dem Balkan wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Das Thema “Zwangsprostitution” wäre ein eigenes, vielleicht das eigentliche Thema gewesen. Die Verquickung der aktuell diskutierten Novellierungsansätze zum derzeit geltenden Prostitutionsgesetz, die von “Sexarbeiterinnen”, die auch im Publikum vertreten waren, heftig kritisiert werden, gestaltete sich schwierig.

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Grusswort: Esther Gebhardt, Vorsitzende des Vorstands des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt am Main

Die Debatte wird von der Frage bestimmt, ob Deutschland seit dem von der damaligen Regierungskoalition im zweiten Kabinett Schröder auf den Weg gebrachten Prostitutionsgesetz, das zum Jahresbeginn 2002 in Kraft trat und dessen Ziel es ist, die rechtliche und soziale Situation von Prostituierten zu verbessern, zum “Bordell Europas” verkam. Ist es ein Gesetzestext, den “Zuhälter geschrieben” haben, wie Kritiker behaupten? Statt die Frauen aus den Fängen von Kriminellen zu befreien, so deren Auffassung, sei Deutschland zum Einwanderungsland für Freier und Prostituierte aus ganz Europa geworden. Derzeit arbeitet die schwarz-rote Regierungskoalition an der Novellierung des Gesetzes, was die Prostituierten und deren Interessenvertretung aufbringt.

Den Vorarbeiten zu einem entsprechenden Gesetzentwurf aus dem Hause des SPD-Bundesministers Heiko Maas war die Zusammensetzung des Podiums geschuldet: Gegenüber standen sich Helga Tauch, Leiterin der Beratungsstelle Duisburg des Vereins SOLWODI (“SOLidarity with WOmen in DIstress” – Solidarität mit Frauen in Not) Deutschland, die in Vertretung der Gründerin Lea Ackermann nach Frankfurt gekommen war; Kriminalhauptkommissar Jürgen Benz vom Polizeipräsidium Frankfurt; Juanita Henning vom Verein Doña Carmen, der sich für die sozialen und politischen Rechte von Frauen einsetzt, die in der Prostitution arbeiten; Fabienne Zwankhuizen, Diplom-Sozialarbeiterin bei der Frankfurter Organisation TAMARA, einer Einrichtung des Diakonischen Werks und des Evangelischen Vereins für Innere Mission Frankfurt am Main. TAMARA berät Frauen, die als Prostituierte arbeiten, die sich verändern wollen, die aussteigen wollen. “Achtung statt Ächtung” ist die Maxime der Organisation, der auch der Erlös des Abends zugute kommt.

Täglich suchen in Deutschland etwa 1,2 Millionen Männer eine Prostituierte auf. Der Jahresumsatz soll bei rund 15 Milliarden Euro jährlich liegen. Den höchsten Anteil hat die heterosexuelle Prostitution. Um die 400.000 Sexarbeiter, hauptsächlich Frauen, gibt es, so schätzt die Bundesregierung, in Deutschland. Die Hälfte davon sollen Migrantinnen sein, die zeitweise legal hier leben und auch wieder Deutschland verlassen. Mit ihren Einnahmen unterstützen sie oft ihre bitterarmen Familien in den Heimatländern. Hinzu soll eine beachtliche Dunkelziffer kommen.

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Juanita Henning von Doña Carmen mit der Moderatorin Inge Bell

Laut Untersuchung der Vereinten Nationen werden aber in Europa um die 500.000 Frauen und Mädchen meist aus osteuropäischen Ländern verschleppt, misshandelt und zur Prostitution gezwungen. Der Jahresumsatz dieser illegalen, kriminellen Prostitutions-Sparte soll 10 Milliarden Euro betragen (Organised Crime Report 2004). Manfred Paulus, jahrzehntelang Leiter einer Kriminalinspektion in Ulm und von der EU als Experte in die sogenannten Rekrutierungsländer geschickt, behauptet, die organisierte Kriminalität habe das Gewerbe fest im Griff.

Die Diskussion ist kontrovers – wie auch an diesem Abend – , auch über die Forderung, die Prostitution zu verbieten, so wie es in Schweden und Norwegen der Fall ist. In Schweden, aber auch in Norwegen wird nicht der Verkauf, sondern der Kauf von Sex bestraft – Freierbestrafung. Die Situation der Sexarbeiterinnen hat sich jedoch dadurch nicht verbessert. Zwar ist die sichtbare Strassenprostitution in Schweden zurückgegangen, aber jetzt würden die Geschäfte per Internet und Telefon abgewickelt, so berichtet eine zuständige Mitarbeiterin im Sozialamt der Stadt Stockholm: “So arbeiten kriminelle Organisationen heute zum Teil, und dadurch gibt es jetzt mehr ausländische Prostituierte: aus Russland, Rumänien, Estland, Lettland und Litauen” (Süddeutschen Zeitung vom 17. Mai 2010). Viel geändert hat sich also im Norden nichts durch ein Prostitutionsverbot.

Wo Prostitution als ‘Gewalt gegen Frauen’ definiert wird, wird eine ganze Reihe von Erfahrungen, Menschen und Lebensrealitäten pauschal ausgeklammert und als nicht-existent erklärt – und zwar per Gesetz” (“Die Wahrheit über das ‘Nordische’ und ‘Schwedische’ Modell”, Artikel vom 1. Juli 2014 aus dem kritischen Magazin “menschenhandel heute”).

SOLWODI, die Beratungsstelle für ausländische Frauen und Mädchen, die nicht zur Expertenanhörung der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Manuela Schwesig, eingeladen war und dagegen protestiert hatte, hatte für den ZONTA-Abend ein Papier ausgearbeitet “Mach den Schluss-Strich! Kein Sexkauf in Deutschland”. Wie andere Organisationen, zum Beispiel auch Terre Des Femmes, plädiert sie für das “Nordische” Modell, das es allerdings nur in Schweden und Norwegen gibt. Übrigens: die katholische Frauenorganisation unterstützt den Ruf nach dem “Nordischen” Modell nicht.

Das Papier der Organisation verweist weniger auf ihre grandiose Arbeit, die nicht nur im Ausland, sondern auch in Deutschland für hilfesuchende Frauen und Mädchen vorbildlich ist. Sie ist Anlaufstelle bei Zwangsprostitution und Menschenhandel, bei Zwangsehe oder Bedrohung durch “Ehrenmord”, bei Gewalt und Problemen in Ehe und Partnerschaft, bei Ausbeutungssituationen, bei Aufenthalts- und Integrationsproblemen, bei juristischen Problemen (z. B. Sorgerecht) und bei allen Problemen, die für Frauen nicht alleine lösbar sind. Prostitution verstösst grundsätzlich gegen die Menschenwürde und ist somit menschen- und insbesondere frauenverachtend”, so steht es im Papier von SOLWODI für den ZONTA-Abend.

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Helga Tauch von SOLWODI mit der Moderatorin Inge Bell

Die anwesenden Frauen des Gewerbes fühlten sich provoziert und vermittelten dagegen den Eindruck von absoluter Normalität ihres Berufes. Frauen- und menschenverachtend sehen sie diesen Beruf nicht.

Dennoch bleibt die Frage: Ist Sexarbeiterin ein erstrebenswerter Beruf, ein Beruf wie jeder andere? Ein Zwischenruf: “Es ist ein Job einfach wider die Natur”.

Eine Forschergruppe um den renommierten Psychiater Wulf Rössler von der Universität Zürich hat herausgefunden, dass die Hälfte der 200 befragten Sexarbeiterinnen in und um Zürich psychische Störungen aufweisen, davon erfüllten 30 Prozent sogar die Kriterien für eine Depression und 34 Prozent für eine Angststörung. Sein Fazit: es habe sich gezeigt, dass soziale Unterstützung das Risiko für psychische Störungen reduziere.

Eine Ärztin aus einer ZONTA-Gruppe stellte in der Diskussion die Freiwilligkeit der Frauen infrage: “Es ist immer ein Notschrei”.

Es bleibt die Frage: Wieviel Freiwilligkeit bestimmt den Entschluss eines Mädchens oder einer Frau, Sexarbeiterin zu werden?

Die Mitarbeiterinnen von TAMARA sehen die gesellschaftliche Realität und beraten die Frauen. Sie gehen in Schulklassen, Kirchen und Universitäten und versuchen durch Aufklärung und gezielte Information, Vorurteile abzubauen und die Menschen für die besondere Lebens- und Arbeitssituation von Prostituierten zu sensibilisieren. Akzeptanz der Frauen ist das Ziel von TAMARA. Oft seien die Frauen nicht krankenversichert, sagte Fabienne Zwankhuizen, weil sie sich als Selbstständige versichern müssten, und das ist teuer. Sie forderte eine Verbesserung der steuerrechtlichen Situation. Jeden Tag müsse eine Frau dafür eine Summe an den Bordellbetreiber abgeben, ohne dass gesichert sei, dass das Geld beim Finanzamt landet. Wenn ein Verbot von Prostitution die Frauen wieder in die Illegalität zwänge, dann gebe es keinen Schutz mehr für die Frauen.

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Fabienne Zwankhuizen von TAMARA

Die Mitarbeiterinnen von TAMARA begrüssen im Grundsatz die Aktivitäten der Regierung, gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel vorzugehen. Allerdings lehnen sie zum Beispiel die Anmeldepflicht für jede Prostituierte ab (Stichwort “Hurenregister”). Die alleinerziehende Mutter oder die Studentin, die sich Geld dazuverdienten, um über die Runden zu kommen, könnten später dadurch in grosse Schwierigkeiten geraten. In Anbetracht der Situation eines “gläsernen Bürgers” sei das durchaus zu befürchten.

Zwangsregistrierung von Sexarbeiterinnen! Nicht mit uns, Frau Schwesig!” steht auf dem Flugblatt, das ein Mann im Namen von Juanita Henning von Doña Carmen verteilte. Sie hat kein Vertrauen zur Polizei. Kritisiert wird auch die Erlaubnispflicht für Prostitutionsstätten. Sie wird als Hebel zur Drosselung von Prostitution angesehen. Vehement verteidigt Frau Henning auch das Einstiegsalter von 18 Jahren. Jüngere Frauen sind das bessere Geschäft für Zuhälter.

Und wie sieht es aus mit der Kondompflicht, die diskutiert wird? Es ist zu bedenken, AIDS ist keineswegs eine besiegte Krankheit; und die Infektionskrankheit Syphilis hat seit einigen Jahren laut Robert Koch-Institut wieder zugenommen.

Sind Flatrate-Sex, bei dem für einen Fix-Betrag eine Frau mehrmals zur Verfügung stehen muss oder mehrere Frauen im Angebot sind, oder Gang-Bang-Partys, wo eine Frau mehreren Männern oral, vaginal und anal zur Verfügung stehen muss, wirklich eine so erfreuliche Sache, wie die Branche behauptet? Auch dieses Verbot ist in der Diskussion um eine Novellierung des Gesetzes.

Bei der grossen Zahl täglicher Freier bleibt die Frage, was geschieht, wenn die Prostiturion komplett verboten würde? Die Frauen gingen in die Illegalität und hätten noch weniger Schutz. Es ist zu vermuten, dass Frauen dann mehr kriminellen Übergriffen ausgesetzt wären.

Ein gelungener, mutiger ZONTA-Abend, der knallhart die Positionen offenbarte, die es zu dem Themenspektrum gibt und der dazu beitrug, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Fotos: FeuilletonFrankfurt

 

ANHANG

Entschließung des Bundesrates – Massnahmen zur Regulierung von Prostitution und Prostitutionsstätten

Der Bundesrat hat in seiner 921. Sitzung am 11. April 2014 die aus der Anlage ersichtliche Entschließung gefasst (Link):

Entschließung des Bundesrates – Maßnahmen zur Regulierung von Prostitution und Prostitutionsstätten

 

DIE DERZEITIGE RECHTSLAGE

Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz), Fassung ab 1. 1. 2002

§ 1

Sind sexuelle Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt vorgenommen worden, so begründet diese Vereinbarung eine rechtswirksame Forderung. Das Gleiche gilt, wenn sich eine Person, insbesondere im Rahmen eines Beschäftigungsverhältnisses, für die Erbringung derartiger Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt für eine bestimmte Zeitdauer bereithält.

§ 2

Die Forderung kann nicht abgetreten und nur im eigenen Namen geltend gemacht werden. Gegen eine Forderung gemäß § 1 Satz 1 kann nur die vollständige, gegen eine Forderung nach § 1 Satz 2 auch die teilweise Nichterfüllung, soweit sie die vereinbarte Zeitdauer betrifft, eingewendet werden. Mit Ausnahme des Erfüllungseinwandes gemäß des § 362 des Bürgerlichen Gesetzbuchs und der Einrede der Verjährung sind weitere Einwendungen und Einreden ausgeschlossen.

§ 3

Bei Prostituierten steht das eingeschränkte Weisungsrecht im Rahmen einer abhängigen Tätigkeit der Annahme einer Beschäftigung im Sinne des Sozialversicherungsrechts nicht entgegen.

Aus dem entsprechend geänderten Strafgesetzbuch, Fassung ab 1. 1. 2002

§ 180 Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger

(1) Wer sexuellen Handlungen einer Person unter sechzehn Jahren an oder vor einem Dritten oder sexuellen Handlungen eines Dritten an einer Person unter sechzehn Jahren

1. durch seine Vermittlung oder
2. durch Gewähren oder Verschaffen von Gelegenheit

Vorschub leistet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Satz 1 Nr. 2 ist nicht anzuwenden, wenn der zur Sorge für die Person Berechtigte handelt; dies gilt nicht, wenn der Sorgeberechtigte durch das Vorschubleisten seine Erziehungspflicht gröblich verletzt.

(2) Wer eine Person unter achtzehn Jahren bestimmt, sexuelle Handlungen gegen Entgelt an oder vor einem Dritten vorzunehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen zu lassen, oder wer solchen Handlungen durch seine Vermittlung Vorschub leistet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(3) Wer eine Person unter achtzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut oder im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses untergeordnet ist, unter Mißbrauch einer mit dem Erziehungs-, Ausbildungs-, Betreuungs-, Dienst- oder Arbeitsverhältnis verbundenen Abhängigkeit bestimmt, sexuelle Handlungen an oder vor einem Dritten vorzunehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen zu lassen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(4) In den Fällen der Absätze 2 und 3 ist der Versuch strafbar.

§ 180a Ausbeutung von Prostituierten

(1) Wer gewerbsmäßig einen Betrieb unterhält oder leitet, in dem Personen der Prostitution nachgehen und in dem diese in persönlicher oder wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten werden, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer

1. einer Person unter achtzehn Jahren zur Ausübung der Prostitution Wohnung, gewerbsmäßig Unterkunft oder gewerbsmäßig Aufenthalt gewährt oder
2. eine andere Person, der er zur Ausübung der Prostitution Wohnung gewährt, zur Prostitution anhält oder im Hinblick auf sie ausbeutet.

§ 181a Zuhälterei

(1) Mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer

1. eine andere Person, die der Prostitution nachgeht, ausbeutet oder
2. seines Vermögensvorteils wegen eine andere Person bei der Ausübung der Prostitution überwacht, Ort, Zeit, Ausmaß oder andere Umstände der Prostitutionsausübung bestimmt oder Maßnahmen trifft, die sie davon abhalten sollen, die Prostitution aufzugeben,

und im Hinblick darauf Beziehungen zu ihr unterhält, die über den Einzelfall hinausgehen.

(2) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer die persönliche oder wirtschaftliche Unabhängigkeit einer anderen Person dadurch beeinträchtigt, dass er gewerbsmäßig die Prostitutionsausübung der anderen Person durch Vermittlung sexuellen Verkehrs fördert und im Hinblick darauf Beziehungen zu ihr unterhält, die über den Einzelfall hinausgehen.

(3) Nach den Absätzen 1 und 2 wird auch bestraft, wer die in Absatz 1 Nr. 1 und 2 genannten Handlungen oder die in Absatz 2 bezeichnete Förderung gegenüber seinem Ehegatten vornimmt.

§ 232 Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung

(1) Wer eine andere Person unter Ausnutzung einer Zwangslage oder der Hilflosigkeit, die mit ihrem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist, zur Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution oder dazu bringt, sexuelle Handlungen, durch die sie ausgebeutet wird, an oder vor dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen oder von dem Täter oder einem Dritten an sich vornehmen zu lassen, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft. Ebenso wird bestraft, wer eine Person unter einundzwanzig Jahren zur Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution oder zu den sonst in Satz 1 bezeichneten sexuellen Handlungen bringt.

(2) Der Versuch ist strafbar.

(3) Auf Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren ist zu erkennen, wenn

1. das Opfer der Tat ein Kind (§ 176 Abs. 1) ist,
2. der Täter das Opfer bei der Tat körperlich schwer misshandelt oder durch die Tat in die Gefahr des Todes bringt oder
3. der Täter die Tat gewerbsmäßig oder als Mitglied einer Bande, die sich zur fortgesetzten Begehung solcher Taten verbunden hat, begeht.

(4) Nach Absatz 3 wird auch bestraft, wer

1. eine andere Person mit Gewalt, durch Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List zur Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution oder zu den sonst in Absatz 1 Satz 1 bezeichneten sexuellen Handlungen bringt oder
2. sich einer anderen Person mit Gewalt, durch Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List bemächtigt, um sie zur Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution oder zu den sonst in Absatz 1 Satz 1 bezeichneten sexuellen Handlungen zu bringen.

(5) In minder schweren Fällen des Absatzes 1 ist auf Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren, in minder schweren Fällen der Absätze 3 und 4 ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen.

 

 

 

 

Eröffnung des MMK 2 rückt näher!

24. September 2014

“And coming events cast their shadows before” – Und kommende Ereignisse werfen ihre Schatten voraus (Thomas Campbell, 1777-1844)

Noch rund einen Monat, dann ist es soweit: zur grossen Eröffnungsfeier der MMK-Dependance MMK 2 am Sonntag, 19. Oktober 2014, 14 bis 18 Uhr! Schon heute ist es unübersehbar:

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Das kennt man doch – richtig! Einst stand sie im Eingangssaal des MMK – so lange ist es noch gar nicht her, im Herbst 2013 war es – die fröhliche Schlange von Franz West, in der Ausstellung “Wo ist mein Achter?” Einen Titel trägt die 2012 posthum gefertigte Arbeit des Meisters nicht – er starb am 25. Juli 2012. Im Werkverzeichnis des Museums konnten wir sie noch nicht antreffen. Aber sie steht jetzt am Eingang “Taunustor 1″ des neuen MMK 2: hier der Beweis – oder ist es eine Kopie? Wohl kaum. Franz West verstand seine Kunst meist partizipativ, zum Anfassen und Daraufsetzen, zum Mitwirken also.

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Nobel geht es zu, am Eingang des künftigen Musentempels wie im Foyer. Mit der Ausstellung “Boom She Boom” eröffnet die neue, zweite Heimstatt des Museums, die Schau ist ausschliesslich den Künstlerinnen und Künstlern der MMK-Sammlung gewidmet. Wir freuen uns darauf!

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Vanessa Beecroft, vb68, 2011, Performance, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt, Foto: Axel Schneider © MMK Frankfurt

Fotos, soweit nicht anders bezeichnet: FeuilletonFrankfurt

 

Anja Czioska eröffnet ihre ACAC-Gallery

23. September 2014

Zeichnungen und Malerei: Bernhard Martin, Manfred Peckl, Isabell Friedrich

Wo Anja Czioska ist, da ist Kunst – oder auch umgekehrt: Wo Kunst ist, da ist auch Anja Czioska.

Dies gilt allemal für die zumindest in Sachen Kunst friedlich-schiedlichen Nachbarstädte Frankfurt und Offenbach und ebenso für Rhein-Main insgesamt. Die stets ebenso umtriebige wie ideenreiche frühere Städelschul-Absolventin und Meisterschülerin des renommierten Kunstprofessors, Museumsdirektors und Gründers des Frankfurter Portikus Kasper König ist zuletzt von ihrer vielteiligen Ausstellungsreihe “artspace RheinMain @ Ölhalle am Hafen Offenbach” im Jahr 2013 in bester Erinnerung. Unter ihrem Label ACAC – Anja Czioska Art Consulting – eröffnete sie nun gestern in der Frankfurter Weserstrasse 4, in der vierten Etage, die ACAC-Gallery – wie wär’s da mit einem Werbemotto “weser hoch 4″?

In dem in schlichtem Weiss gehaltenen, tageslichtdurchfluteten Ausstellungsraum präsentiert Czioska unter dem Motto “Superstar & Upcoming & New Babe” Zeichnungen von Bernhard Martin sowie Malereien von Manfred Peckl und Isabell Friedrich.

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Bernhard Martin, Ruhe bitte, 2014, Acryl auf Papier, Buntstift, 61 x 43 cm gerahmt (das Leitmotiv der gedruckten Einladung zur Galerie-Eröffnung)

Bernhard Martin wurde 1966 in Hannover geboren. Er studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel und war Gastdozent an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg sowie der École Supérieure des Beaux-Arts in Genf. Martin lebte und arbeitete in Barcelona, Frankfurt am Main und Berlin, bevor er 2011 ein Atelier in London einrichtete. Im Alter von sieben Jahren soll er seinen ersten Ölmalkasten bekommen haben, mit zehn Jahren durchforstete er die von Manfred Schneckenburger geleitete Kasseler documenta 6, mit 16 Jahren begann er das Kunststudium. Nach manchen anderen Auszeichnungen erhält er den namhaften, mit 10.000 Euro dotierten Fred-Thieler-Preis 2015. Einige seiner weltweit bekannten Arbeiten befinden sich unter anderem im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa), im Museum der Moderne Salzburg und in der Kunstsammlung der Deutschen Bank. Ein “Superstar” eben, wie auch Anja Czioska feststellt.

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Isabell Friedrich, trallafitti, 2014, Öl auf Leinwand, 80 x 115 cm

Isabell Friedrich, 1977 in Essen geboren, studierte an der Städelschule als Meisterschülerin im Fach Interdisziplinäre Kunst bei Professorin Ayse Erkmen und ist nach einer Reihe von Ausstellungen weiss der Himmel kein “New Babe” mehr. Titel wie “stets ungetrübte stimmung notiz der nachbarn”, “jucheissassa jucheissassa erklinge” oder “bilanzierungsepos” machen auf ihre Arbeiten neugierig. “Anknüpfend an die Bilderzyklen der letzten Jahre thematisiert auch meine aktuelle Arbeit die Vernetzung realer Geschehensgefüge und innerweltlicher Wahrnehmungsprozesse”, schreibt die Künstlerin. “Triebfeder für meine Arbeit ist die Auseinandersetzung mit typischen Inhalten unserer westlichen Hemisphäre, in der ein immer grösser werdender Druck auf den einzelnen sowie Reizüberflutung und Schnelllebigkeit den sich rasant verändernden Alltag der Moderne prägen. Es geht um die Infragestellung und Definition von Werten und derer Bedeutung.” Isabell Friedrich lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und in Essen.

Manfred Peckl, Anja Czioskas “Upcoming” also, wurde 1978 im österreichischen Wels geboren. Nach seinem Studium an der Hochschule für Gestaltung Linz und an der Frankfurter Städelschule bekleidet er einen Lehrauftrag für “Neue Formen der Malerei” an der in die Johannes Gutenberg-Universität eingegliederten Akademie für Bildende Künste in Mainz. Die Anzahl seiner Einzel- und Gruppenausstellungen füllt bereits mehrere DIN A4-Seiten. In der Ausstellung jetzt in der Weserstrasse wartet der in Berlin lebende und arbeitende Künstler, der auch mit Text- und Musik-/Soundarbeiten unterwegs ist, mit neuen Werken auf, deren Preisniveau allemal deren hoher Qualität entspricht.

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Manfred Peckl, Colours Conquer the Earth, Aahhh, 2014, Papier auf Holz, UV-Lack, 120 x 100 cm (Ausstellungsansicht, leider mit Schattenwurf)

Eine ebenso mutige, anspruchsvolle wie gelungene Zusammenstellung aktuellen Kunstgeschehens, die Anja Czioska mit ihrer Eröffnungsausstellung in der neuen ACAC-Gallery anbietet. Gemeinsam mit Helga Rausch – mit ihrem Mann Hartmut ehemals Halbpart des schon heute legendären Hausmeisterehepaars der Städelschule – wünscht FeuilletonFrankfurt zum Galeriestart ein herzliches “Glückauf!”.

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Helga Rausch, Anja Czioska und Isabell Friedrich in der neuen Galerie

ACAC-Gallery Anja Czioska Art Consulting, Weserstrasse 4 / 4. Etage, Besichtigung nach Vereinbarung (Tel.: 0177 / 723 1100)

Abgebildete Werke © die Künstlerin/Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt