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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

„Corpsing“ – Ed Atkins im Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

27. Februar 2017

Reales oder fiktives Ich?
Ed Atkins treibt seinen Schabernack mit der Realität, mit der realen und der virtuellen …

Der gerade mal 35-jährige britische Digitalkünstler hat seine teils verstörenden, teils amüsanten Arbeiten bereits in der Tate Britain und im MoMA gezeigt. Nun ist Atkins hochaktuelle Videokunst bis zum 14. Mai im Frankfurter MMK1 zu sehen. Unter dem Titel „Corpsing“ befasst sich Atkins mit dem Einfluss von Digitalisierung und Automatisierung auf individuelle Lebensweisen und Identitätskonzepte heute. Damit passte er auch bestens in das Konzept des alle zwei Jahre stattfindenden Festivals „Frankfurter Positionen“ – eine Initiative der BHF-BANK-Stiftung mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung, das in diesem Jahr die Frage nach der Verfassung des Subjekts in digitalen Zeiten unter das Thema „ICH RELOADED“ stellte.

Von Petra Kammann

Ed Atkins beim Presserundgang am 2. Februar 2017, Foto: Petra Kammann

Jeder, der einmal geflogen ist, weiß, dass er bei der Abfertigung hinter der Sperre am Flughafen in einem Sicherheitscheck einen Teil seiner selbst zur Verfügung stellen oder gar abgeben muss wie Mantel, Jacke, Gürtel, Schuhe, Schmuck und Handtaschen. Diese Gegenstände kommen auf das Laufband, bevor der Körper durchleuchtet wird.

Diese Erfahrung, die wir inzwischen auch an anderen öffentlichen Orten machen – wir werden immer transparenter -, war zweifellos auch der Auslöser für Atkins‘ Arbeit im Obergeschoss des MMK1, „Safe Conduct“, was man mit „freies Geleit“ oder „sicheren Transfer durch ,feindliches’ Gebiet“ übersetzen kann. Im Gegensatz zum Flughafen ist hier jedoch die Situation komplett ins Groteske oder Surreale geraten.

Denn hier wird der Passagier, nachdem er seine Habseligkeiten wie Laptop, Pistole, Ananas und Brathähnchen in die Plastikwanne gelegt hat, in seine Einzelteile zerlegt, die dann auf das Förderband geschoben werden. Er nimmt nicht nur seine Augen heraus und seine Nase selbst ab, auch seinen Kopf samt Gehirn. So landen seine einzelnen Körperteile nach und nach in der Plastikschale ebenso wie auch die menschlichen Innereien, die schließlich in einem Vorraum bei den Koffern landen, wo auch leerstehende Stühle herumfliegen.

Ed Atkins, Safe Conduct, 2016, Ausstellungsansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main 2017, Filmstill, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London and Gavin Brown’s Enterprise, New York, Foto: Axel Schneider

Begleitet wird der neunminütige Video-Loop auf den drei zueinander montierten wuchtigen LCD-Screens von Ravels bekanntem rhythmisierten „Bolero“, der durch seine motorischen Elemente mit dem immer gleichen unerbittlich kreisenden Grundrhythmus und dem Kontrapunkt der Melodie, die zaghaft dagegen zu sprechen scheint, besonders eindringlich wirkt. Man hofft auf Erlösung durch eine Art Urknall. Doch dazu kommt es in der Atkinschen Computeranimation nie. Das Repetitive der Musik verharrt so lange in der Endlosschleife, bis man den Mann alleine im Flugzeug sitzen sieht, der dann vom Sicherheitsgurt aus kleinen Menschenhänden gehalten wird.

Eine andere Arbeit oder besser Computeranimation mit Avatar, die Atkins eigens den Räumen des MMK angepasst hat, befindet sich dort im Erdgeschoss: „Hisser“ (2015/2017). Sie ist synchron auf fünf riesengroßen Projektionswänden in verschiedenen Räumen zu sehen. Die darauf gezeigte Szenerie, ein Zimmer mit Bett, in dem ein einsam trauriger Mann lebt, der mal angezogen, mal nackt auf dem Bett oder auf dem Fußboden liegt, ist omnipräsent.

Als das Zimmer von Erdstößen erschüttert wird und der Boden durchbricht, fällt der Mann samt Bett in ein dunkles Nichts. Dann wandelt er nackt durch eine nicht näher definierte weiße Umgebung.

Irritiert bleibt der Betrachter ob der absurden Situation zurück. Die Geschichte gibt Rätsel auf. Dabei halt: etwas Ähnliches gab es tatsächlich, als 2013 in Florida ein junger Mann durch eine plötzlich sich öffnende Grube in seinem Schlafzimmer vom Erdboden verschluckt wurde. Die Begebenheit hat Atkins wohl zu diesem Film inspiriert. Bei dem Protagonisten, dem anonymen Leidenden, handelt es sich aber um eine vollständig am Computer generierte Animation des britischen Künstlers. Doch wird das Avatar zu seinem Alter Ego? Auch hier schleicht sich eine traurig-süßliche Melodie ins Ohr des Museumbesuchers, diesmal gesungen vom Künstler selbst. Dem 20minütigen Alptraum kann man nirgends entgehen, weder optisch noch akustisch.

Ed Atkins, Hisser, 2015/2017, Ausstellungsansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main 2017, Filmstill, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York and dépendance, Brüssel, Foto: Axel Schneider

Der Titel der Ausstellung „Corpsing“, ein Begriff aus der Theaterwelt, bezeichnet einen Moment, in dem der Schauspieler aus seiner Rolle fällt, weil er einen Lachanfall hat und die Realität in der Fiktion einen Moment lang sichtbar wird. Er gibt aber auch Hinweise auf den schwarzen Humor des Künstlers angesichts einer absurden Welt.

Stellt sich die Frage: Leben wir noch oder werden wir schon gelebt? Der Frage, was real sei, ist die Philosophie schon immer nachgegangen. Ist die Welt so, wie wir sie wahrnehmen? Gibt es ein unmittelbares Abbildungsverhältnis zwischen der Welt und den Vorstellungen in unserem Bewusstsein? Und was hat es dann mit den Sinnestäuschungen auf sich? Werden die wahrgenommenen Sinnesdaten erst durch kognitive Prozesse im Gehirn umgewandelt?

Die „naiven Realisten“ sehen ein unmittelbares Abbildungsverhältnis zwischen der Welt und den Vorstellungen im Bewusstsein. Insgesamt scheint der Mensch daher die Welt so wahrzunehmen, wie sie im Wesentlichen ist. Diese Auffassung, welche dem Alltagsverständnis entspricht, spielt nicht mit dem Begriff des Fake, der inzwischen auch die große Politik erheblich beschäftigt. „Atkins gilt als radikalster Vertreter einer Künstlergeneration, die man als Post-Internet-Artists bezeichnet“, sagt MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer über den Künstler. Auch wenn Atkins sich selbst nicht als solcher versteht, so gibt die Bezeichnung doch einen Hinweis auf eine neue Lage, dass es nämlich eine Welt ohne Internet nicht mehr geben kann, selbst wenn das künstlerische Medium nicht zwangsläufig deswegen eine Computeranimation sein muss.

Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung: Professor Philippe Pirotte, Rektor der Städelschule, Ed Atkins, Professorin Susanne Gaensheimer, Direktorin des MMK, und Stefan Mumme, Geschäftsführer der BHF-BANK-Stiftung; Fotos: Petra Kammann

Im Rahmen der „Frankfurter Positionen“ ist Ed Atkins im Wintersemester 2016/2017 ein halbes Jahr lang Gastprofessor an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule. Gemeinsam mit den Studierenden erarbeitet er dort ein eigenständiges Format zum Thema der Ausstellung. Man darf gespannt sein, welche neuen künstlerischen Positionen daraus erwachsen.

Ed Atkins, „Corpsing“ im Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main (MMK1), bis 14. Mai 2017

Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt (11)

25. Februar 2017

Spielzeit 2016 / 2017 – die letzte von Intendant Oliver Reese

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

„Eine Familie“
„Königin Lear“
„Prinz Friedrich von Homburg“

„Sieben gegen Theben“ / „Antigone“ von Aischylos/Sophokles

Schauspiel Frankfurt, Foto: Birgit Hupfeld

„Eine Familie“ von Tracy Letts

Am Schauspiel Frankfurt hatte am 13. Januar 2017 „Eine Familie“ Premiere, ein Stück des Amerikaners Tracy Letts. Die Regie führte Noch-Intendant Oliver Reese.

August: Osage County“, so der Originaltitel, wurde 2008 mit dem renommierten Pulitzer-Preis und dem Tony Award ausgezeichnet. 2014 lief der gleichnamige US-amerikanische Film mit Meryl Streep und Julia Roberts in den Hauptrollen in Deutschland. Vor Frankfurt hatten grosse deutschsprachige Bühnen den Stoff bereits für sich entdeckt.

Osage County liegt im Bundesstaat Oklahoma, eine gottverlassene Gegend mit wenigen Einwohnern. Tracy Letts wurde 1965 in Tusla, Oklahoma geboren. Er kennt das Land. „Der Staub hängt schwer in den düsteren Bäumen; pausenlos zirpen Zikaden in der das Herz erdrückenden Luft – seit drei Wochen kein Regen, kein Windhauch den ganzen Tag.“ Das erste Video zeigt eine solche Landschaft und später nicht enden wollende Highways.

Hier steht das Haus der Familie Weston, seit dem Auszug der drei Töchter nur noch bewohnt von Beverly Weston und seiner Frau Violet, Raucherin, mit Mundhöhlenkrebs, tablettenabhängig. Scheinbar belanglos ist der Beginn, aber jedes Wort, dass der Hausherr zu der jungen Frau sagt, die er als Haushaltshilfe engagiert hat, ist von Bedeutung und zeichnet den Verlauf vor. Johnna Monevata ist Indianerin, eine Native American. In Oklahoma (von „Okla homma“, Rote Menschen) leben heute noch 39 indianische Völker. Weston gibt Verhaltensregeln, spricht von seiner tablettensüchtigen Frau, die hinzu kommt und Johnna gleich attackiert. Er selbst ist Alkoholiker. Weston, einst Lehrer und Poet, zitiert den amerikanisch-englischen Schriftsteller Thomas Stearns Eliot (1888-1965) „Das Leben ist so lang“ und übergibt Johnna ein Buch des Autors. Eine zynische Abschiedszeremonie vom nuschelnden Wolfgang Michael.

EINE FAMILIE, Regie: Oliver Reese, Franziska Junge, Till Weinheimer, Verena Bukal, Martin Rentzsch, Oliver Kraushaar, Constanze Becker, Corinna Kirchhoff, Carina Zichner, Foto © Birgit Hupfeld

Beverly Weston ist seit Tagen verschwunden, angeblich ohne eine Nachricht hinterlassen zu haben, und Violet hat die Familie zusammengetrommelt: ihre in der Nähe wohnende Schwester Mattie Fae nebst Ehemann Charlie und Sohn Little Charlie, Barbara, die älteste Tochter mit Mann und fünfzehnjähriger Tochter, die unverheiratete Ivy und Karen, die jüngste der Weston-Schwestern mit Verlobtem. Lange haben sie sich nicht gesehen, sie sind einander entfremdet, müssen aber versuchen, ein paar Tage miteinander klarzukommen. Sheriff Gilbeau bringt schliesslich die Nachricht von Beverly Westons Suizid. Die unangenehmen familiären Wahrheiten, die nach und nach zutage kommen, münden in fürchterlichen Auseinandersetzungen vor allem zwischen Barbara und ihrer Mutter, die am Ende alleine zurück bleibt, betreut von Johnna, die die Stärke, die Tradition, die Geschichte ihres Volkes und seiner Familien kennt. Sie weiss, dass die indianischen Familien weiterleben, während die Westons vergangen sind. Barbaras verzweifelter Ausspruch: „Dieses Land, das Experiment Amerika, all die Hybris. Heute noch da, morgen fort“, berührt aktuell.

Tracy Letts Theaterstück „Eine Familie“ („August: Osage County“) kann in die Reihe der amerikanischen Familien-Dramen von Tennessee Williams, Eugene O’Neill, Henry Miller und Edward Albee eingereiht werden, hat aber auch etwas von einer Soap-Opera. Es sei das schwierigste, was er geschrieben habe, so Letts. Seine biografischen Fakten: eine tablettensüchtige Mutter und der Suizid des Vaters, als er zehn Jahre alt war. Die Übertragung auf die beiden Westons habe er der Wirklichkeit abgeschaut. Die anderen Figuren sind ausgedacht für ein bestehendes Schauspielensemble. Letts, selbst Schauspieler, hat ihnen scharfe, abgrundtiefe Konturen gegeben. Jede und jeder ist auf eine Art und Weise unerträglich – Johnna ausgenommen. Die Kraft einer Familie liegt in deren Zusammenhalt. Bei den Westons hat es ihn wohl nie gegeben, weil Lebenslügen, Heucheleien, Kränkungen das Zusammenleben immer bestimmten. Alkohol und Tabletten sollten die Ängste und die Verzweiflung verdrängen. Pointiert, scharfzüngig, beleidigend, zerstörend sind die Dialoge. Was ist Familie? Die Hölle? „Die Hölle, das sind wir selbst“ (Zitat T.S. Eliot).

An dieser seelischen Zerfleischung kann ein Teil der Zuschauer hautnah teilnehmen. Geradezu einbezogen werden sie in das Geschehen und können die grossartigen schauspielerischen Leistungen in all ihrer Feinheit, Brutalität, Verletzlichkeit, Hässlichkeit wahrnehmen. Es sind diejenigen Zuschauer, die auf der eigentlichen Schauspiel-Bühne auf unbequemeren Stühlen sitzen, die anderen wie immer im Zuschauerraum in Polstersesseln. Dazwischen liegt die mit wenigen Requisiten bestückte, relativ kleine Spielfläche (Bühne Hansjörg Hartung), die zu beiden Seiten fluchtartig verlassen werden kann.

Um Mutter Violet und Tochter Barbara dreht sich das Familienkarussell. Die Beiden sind der schauspielerische Höhepunkt: Corinna Kirchhoff als Violet, Constanze Becker als Barbara.

EINE FAMILIE, Regie: Oliver Reese, Constanze Becker, Corinna Kirchhoff, Foto © Birgit Hupfeld

Corinna Kirchhoff, die auf Bühnen in Wien, Salzburg, Berlin, Zürich erfolgreich war und ist, gehört seit 2015 zum Frankfurter Ensemble. Sie ist eine der ganz Grossen des deutsch-sprachigen Theaters – vielfach ausgezeichnet. Faszinierend eklig in „Virginia Woolf“ steigert sie die Rolle der Violet, die Ählichkeiten mit Virginia hat, in ihrer Bösartigkeit, aber auch in ihrer Verletzlichkeit. Wie sie am Ende fast unbemerkt zitternd auf dem Stuhl hockt, das lässt staunen und erschauern. Blitzschnell wechselt sie ihren Gesichtsausdruck, ihre Körperhaltung. Vorgespielte Freundlichkeit, mütterliche Liebe und Anteilnahme sind geheuchelt. Der entspannte Gesichtsausdruck wird herb, eisig. die sonst schönen, feinen Züge fast hässlich.

Diese Kunst der schnellen Wandlung beherrscht die jüngere Constanze Becker ebenso grossartig. Das Duell von Mutter und Tochter ist beängstigend und bleibt lange im Gedächtnis. Das bösartige Format ihrer Mutter hat Barbara nicht. Sie ist bestimmt, spitz, leidend, weil ihr Mann Bill (Oliver Kraushaar) sich scheiden lassen will, und leidenschaftlich bei Sheriff Gilbeau (Isaad Dentler). Carina Zichner als fünfzehnjährige Tochter (Jean Fordham) ist ganz schön verrückt. Verena Bukal als Ivy Weston, eine verstörte Single, möchte endlich Little Charles (Sascha Nathan), einen trägen Typen, heiraten. Unmöglich – wie sich herausstellt ist er nämlich ihr Halbbruder. Franziska Junge, die jüngste der drei Schwestern, ziemlich blauäugig, will Steve (Till Weinheimer), einen schmierigen Typen, ehelichen. Josefin Platt als Tante und Schwester von Violet ist eine Ausgeburt von Heuchelei, voll Aggressivität, und mit dem geduldigen Charlie Aiken verheiratet. Unmerklich auftretend Katrin Hauptmann als Johnna Monevata, die Indianerin.

Es ist zu vermuten, dass Regisseur Oliver Reese dieses Stück als letzte Eigen-Inszenierung wählte, um einige der Ensemble-Schauspieler brillieren zu lassen. Figuren gestalten, das kann Reese. Wen aus dem Ensemble wird er mit nach Berlin nehmen?

Keine Sekunde der dreieinhalbstündigen Aufführung hängt durch – Spannung bis zum Schluss, immer wieder unterbrochen durch Live-Musik einer Combo und dem starken Gesang von Carina Zichner und dem einmalig genäselten von Wolfgang Michael.

Das Publikum feierte Regieteam und Schauspieler.

Nächste Vorstellung am 26. Februar 2017 um 16 Uhr

„Königin Lear“ von Tom Lanoye nach Shakespeare

Der belgische Dramatiker Tom Lanoye (geboren 1958), einer der führenden Schriftsteller seines Landes, hat den englischen König in die Unternehmerin Elisabeth Lear umgewandelt, Besitzerin des international agierenden Mischkonzerns Lear Inc. Unnachgiebig gegen sich und Untergebene hat sie den Konzern zum Erfolg geführt. Fehler akzeptiert sie nicht und werden auch nicht verziehen. Aus den drei Shakespeare-Töchtern Goneril, Regan und Cordelia wurden die Söhne: Gregory mit Ehefrau Connie, Hendrik mit Alma und Cornald.

KÖNIGIN LEAR, Regie: Kay Voges, Josefin Platt, Foto © Birgit Hupfeld

Frau Lear will ihren Besitz auf die Söhne aufteilen, aber der jüngste, Cornald, ihr Liebling, legt sich quer, weil er ein eigenes Projekt mit Minikrediten in ostasiatischen Ländern realisieren will. Sie verlangt von den Söhnen Liebe, die sie selbst ihnen nicht gab. Robert Kent (Graf von Kent), Lears rechte Hand und langjähriger Berater, lehnt die Zerschlagung beziehungsweise die Aufteilung des Konzerns ab: „Diese unbedachte Teilung ist eine Katastrophe – für eure Mutter, für euch, für den Konzern, die Aktionäre – alle!“ Er wird Recht behalten. Cornald und Kent werden von der Prinzipalin verstossen, deren Verwirrung und Demenz rapide fortschreitet.

Es geht in diesem Stück um Globalisierung, Kapitalismus, um Habgier, um Generationenkonflikt, und den Umgang mit dementen Alten. Es ist eine Aktualisierung einer ewig gültigen Geschichte: die Alten, die die Zügel nicht loslassen, die ihre Fehler nicht erkennen wollen und die Schuld von sich schieben: „Nur verdorbene Kinder können einen Menschen so ins Elend stürzen,“ klagt Elisabeth Lear: die Jungen, die sich rächen wollen für mütterliche Fehler, sich mit den Geschwistern entzweien und über Leichen gehen, um ans Erbe heranzukommen. Lanoye hat das vielfältige Shakespeare-Personal reduziert, die Sprache ist wirklichkeitsnah, verständlich, gelegentlich derb. Der Nordhesse Rainer Kersten ist Tom Lanoyes Übersetzer beim Verlag der Autoren. „Königin Lear“ ist eine spannungsreiche, moderne Adaption des Lear-Themas.

KÖNIGIN LEAR, Regie: Kay Voges, Franziska Junge, Viktor Tremmel, Carina Zichner, Josefin Platt,, Lukas Rüppel, Verena Bukal, Foto © Birgit Hupfeld

Der mehrfach ausgezeichnete Schauspiel- und Opernregisseur Kay Voges, Intendant in Dortmund, gelingt eine rasante, durchdachte Inszenierung mit überraschenden Bildern wie zum Beispiel das Pietà-Bild am Ende des Theaterstücks mit dem toten Cornaldo. Es ist nach „Endstation Sehnsucht“ Voges zweite Regiearbeit am Frankfurter Schauspiel. Exzellente Führung der Darsteller. Was für eine Vitalität zeigt Josefin Platt als Elisabeth Lear. Wie sie sich von einem herrischen Machtmenschen zu einem vewirrten, dementen, fast Mitleid erregenden Geschöpf wandelt, das ist eindringlich und überzeugend. Keine Rücksicht nimmt sie auf ihren Körper, den sie regelrecht schindet. Nichts Tragödienhaftes bietet ihr der Text und so gestaltet sie auch diese Figur.

Das Quartett Viktor Tremmel als Gregory, Lukas Rüppel als Hendrik und ihre Frauen Franziska Junge als bescheuerte Connie und Verena Bukal als verunsicherte Alma ist bestens besetzt. Cornald, den jüngsten Sohn, verkörpert Carina Zichner weich und herb gleichermassen. Peter Schröder gestaltet Kent, Elisabeths Berater und Gegenspieler, leidenschaftlich korrekt. Owen Peter Read, Mitglied des Schauspielstudios, ist ein loyaler Pfleger.

Schwarz-weiss getäfelt ist die Bühne (Daniel Roskamp), eine kalte architektonische Schöpfung, die die Darsteller aus dem schwarzen Loch hinten wie aus dem Nichts kommen lässt. Verloren und allein sind sie in dem Bühnenkonstrukt. Mit Videos (Robi Voigt) und mit Licht (Johannes Richter) werden Veränderungen geschaffen, die Mona Ulrich durch ihre Kostüme deutlich macht.

Das Publikum nahm „Königin Lear“ begeistert auf.

„Prinz Friedrich von Homburg“ von Heinrich von Kleist

Heinrich von Kleist (1777-1811) war ein glühender Patriot. In seinen politischen Schriften von 1809 träumt er von der kriegerischen deutschen Gemeinschaft: „Was gilt es in diesem Krieg?“ Am Ende seines Schauspiels „Prinz Friedrich von Homburg“ lautet der letzte Satz: „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“ Wen wundert es, dass die Nazis Heinrich von Kleist wie keinen anderen klassischen deutschen Poeten für ihre Zwecke zurecht bogen. Das erst 1821, also lange nach Kleists Tod, gedruckte und uraufgeführte historische Drama spielt in der Schlacht von Fehrberllin im Juni 1675, in der die brandenburgischen Truppen die schwedischen schlugen.

Das Stück beginnt mit einem von Liebe, Sieg und Ruhm träumenden Prinzen. Im später blutigen (Nacht)Hemd, das er im Stück nicht abzulegen gedenkt, schreitet er langsam bis zur Bühnenrampe. Die maskierten Damen, die Kürfürstin und Prinzessin Natalie, erwarten ihn, umgeben und berühren ihn sexuell. Auch der Kurfürst ist maskiert. Einen Toren nennt er den Prinzen, der wie schlafwandelnd daherkommt. Ein Traum, der nicht enden will. Es ist nicht klar, wo Regisseur Michael Thalheimer die Grenzen zur Wirklichkeit zieht. Schlachtengetümmel hinter der Bühne. „Sieg, Sieg, Sieg …“, nicht triumphierend, sondern es nicht glaubend, dehnt er das Wort, als er aus der Schlacht zurückkehrt. Hat er den Befehl des Kurfürsten überhört, nicht in die Schlacht einzugreifen, bevor er nicht den ausdrücklichen Befehl dazu erhalten hat? Er hat eingegriffen und die Schweden besiegt. Dank wird ihm dafür nicht zuteil – im Gegenteil, er wird verhaftet und festgesetzt. Wie? Er wird an Drähten brutal hochgezogen. Regelrecht wird ihm der Boden unter den Füssen entzogen. In der Luft schwebend muss er sich verteidigen. Der Kurfürst handelt nach dem Buchstaben des Gesetzes und ist gewillt, ein Todesurteil vollstrecken zu lassen. Der Prinz hatte impulsiv gehandelt, so wie es die Lage erforderte. Nun an den Drähten hängend, wird er gezwungen, sich zu verteidigen. „Wars denn ein todeswürdiges Verbrechen, zwei Augenblicke früher als befohlen, die schwed’sche Macht in Staub gelegt zu haben?“ Dann ein Sinneswandel: „Ich will das heilige Gesetz des Kriegs, das ich verletzt, im Angesicht des Heers, durch einen freien Tod verherrlichen!“

PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG, Regie: Michael Thalheimer, Felix Rech, Stefan Konarske, Foto © Birgit Hupfeld

Der Kurfürst (Wolfgang Michael), der ihn zu diesem Sinneswandel treibt, ist in der Frankfurter Inszenierung eine lebensverachtende Figur. Ein Miesepeter, der den Worten keinen freien Lauf lässt, sie herauspresst. Dank Kleist kommt er wenigstens zur Einsicht und hebt das Todesurteil auf. Felix Rech spielt Prinz Friedrich Arthur von Homburg. Er, der in „Penthesilea“ in der Rolle des Achill fasziniert, gewinnt keine Kontur, er ist schlaff – ausgenommen in der Szene, als er gefangen an den Drähten hängt. Da kommt Fahrt auf. Es ist ein Kommen und Gehen der Militärs aus dem Bühnendunkel. Thalheimer lässt sie, wie aufgereiht an der Rampe stehend, von den Kämpfen berichten. Der Kriegslärm aus den Lautsprechern ist ohrenbetäubend, überhaupt wird viel gebrüllt. Die Kleistsche Sprache bleibt gelegentlich auf der Strecke. Eine Szene haftet allerdings besonders im Gedächtnis und versöhnt: der Zusammenbruch der Kurfürstin (Corinna Kirchhoff), als sie vom vermeintlichen Tod des Kurfürsten erfährt. Umgeben und gestützt wird sie vom Prinzen und Prinzessin Natalie (Yohanna Schwertfeger). Genial diese Bewegungsabläufe.

PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG, Regie: Michael Thalheimer, Yohanna Schwertfeger, Corinna, Kirchhoff, Felix Rech, Foto © Birgit Hupfeld

Michael Thalheimer hat in Frankfurt bisher schlüssigere Regiekonzepte vorgelegt. Freundlich-verhaltender Beifall.

„Sieben gegen Theben“ / „Antigone“ von Aischylos/Sophokles

Intendant Oliver Reese eröffnete seine erste Spielzeit in Frankfurt mit dem Doppelpack „Ödipus“ und „Antigone“ von Sophokles in der Interpretation von Michael Thalheimer. In seiner letzten Spielzeit hat er Regisseur Ulrich Rasche verpflichtet, der „Sieben gegen Theben“ von Aischylos mit „Antigone“ von Sophokles paart. Die grossen griechischen Dramatiker, auch Euripides, haben Dramen über die Sage der Labdakiden geschrieben. Diese waren inhaltlich sehr unterschiedlich, hatten aber das gleiche Ergebnis: Die Auslöschung des Geschlechts. Nicht alle Stücke sind erhalten.

Zur Vorgeschichte: Laios, Sohn des früh verstorbenen Labdakos, wird von Pelops aufgenommen und grossgezogen. Erwachsen, entführt er dessen Sohn, in den er sich verliebt hat. Pelops verflucht Laios: wenn er je einen Sohn zeuge, dann werde er durch dessen Hand sterben. Nach Theben zurückgekehrt, heiratet Laios Jokaste und zeugt mit ihr einen Sohn. Es ist Ödipus, der ausgesetzt wird. Herangewachsen, erfährt er, dass er nicht aus Korinth stamme. Er macht sich auf nach Theben, begegnet seinem leiblichen Vater Laios und tötet ihn im Streit. In Theben angekommen, löst er das Rätsel der Sphinx, erhält die Königswürde und Iokaste, seine leibliche Mutter, zur Frau. Vier Kinder zeugen sie: Eteokles, Polyneikes, Antigone und Ismene. Der Fluch hat sich erfüllt. Als der alte Diener des Laios gesteht, Ödipus nicht getötet, sondern einer Familie überlassen zu haben, lasten Blutschande und Mord auf dem Paar. Iokaste erhängt sich, Ödipus sticht sich die Augen aus. Er hatte verfügt, dass seine Söhne Eteokles und Polyneikes jährlich den Thron wechseln. Eteokles aber hält sich nicht daran, verweigert den Thronwechsel, um Unruhe in der Stadt zu vermeiden. Polyneikes verlässt die Stadt und heiratet Argeia von Argos. Aber der Gedanke, in Theben auf den Thron verzichten zu müssen, wurmt ihn. Nun beginnt „Sieben gegen Theben“. Polyneikes hat sieben Heerführer gefunden, die mit ihm in die Schlacht ziehen, um dem Bruder Eteokles die Königswürde zu entreissen. Nur Adrastos, der Vater von Argeia, überlebt die Schlacht. Die beiden Brüder töten sich gegenseitig im Zweikampf.

SIEBEN GEGEN THEBEN / ANTIGONE, Regie: Ulrich Rasche, Ensemble, Foto © Birgit Hupfeld

Regisseur Ulrich Rasche, auch für die Bühne verantworlich, ist bekannt dafür, dass er die Darsteller ständig in Bewegung hält. In „Dantons Tod“ bewegen sich die Schauspieler auf einer sich ständig drehenden Walze. In „Sieben gegen Theben“ schreitet Eteokles, gespielt von Alexander Fehling, bekannt aus dem Film „Im Labyrinth des Schweigens“, ganz langsam wie ein Tänzer auf die Bühne, die sehr dunkel, schwarz gehalten ist, dumpfe Paukenschläge begleiten ihn. Seine Sprache ist klar und ausdrucksstark. Die Scheibe auf der Bühne beginnt sich permanent zu drehen. Der Chor der fünf thebanischen Jungfrauen kommt hinzu, getrieben von Angst. Sie alle bewegen sich ununterbrochen wie in einer Performance, die korrekt einstudiert ist. Nachher kommen die Boten hinzu, die berichten, vom Kampf ist nichts zu sehen, und alle sind ständig in Bewegung, kreisen umeinander. Das ist eine Meisterleistung der Schauspielerinnen und Schauspieler, diese exakte Choreografie etwa zwei Stunden lang einzuhalten. Der Text, den der Lyriker und Essayist Durs Grünbein übersetzte, ist kompliziert und schwer aufzunehmen. Eine wichtige, starke Rolle hat die Musik, komponiert von Ari Benjamin Meyers. Es sind düstere Töne, die Schlagwerk, Posaunen und Sänger kreieren. Sie unterstützen intensiv den Text. Es ist eine Inszenierung, in der das Ensemble grossartig zusammenarbeitet. Das ist besonders hervorzuheben.

Zweifellos hat die Hybris von Eteokles Polyneikes herausgefordert, aber war es rechtens, die Stadt und ihre Bürger mit Krieg und Versklavung zu bedrohen, Theben schliesslich in Schutt und Asche zu legen? „Solln sie zugrunde gehen, ich will sie ausgelöscht!“

SIEBEN GEGEN THEBEN / ANTIGONE, Regie: Ulrich Rasche, Ensemble, Foto © Birgit Hupfeld

Auch in „Antigone“ ist alles in Bewegung, diesmal sind es Laufbänder, die die Protagonisten nicht von der Stelle kommen lassen.

König Kreon, Bruder der Iokaste, liess Eteokles feierlich begraben, verbot aber Polyneikes Leiche zu bestatten. Der „Verräter“ sollte vor den Toren der Stadt verwesen. Zuwiderhandelnden drohte er mit der Todesstrafe. Antigone widersetzt sich: „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da.“ Ihre Schwester Ismene (Paula Hans) ist nicht bereit, gegen Kreons Verbot zu verstossen. Bei ihrem zweiten Beerdigungsversuch wird Antigone erwischt und festgenommen. Sie steht zu ihrer Tat und wird in einer Höhle lebendig eingemauert. Kreon demonstriert Staatsmacht. Nur Ismene ist die einzige Überlebende der Labdakiden.

Wo Eteokles die Schuldigkeit gegenüber den Göttern verletzt und beide Brüder gemeinsam gegen die gottgewollte Familienehre verstossen, besteht Antigones Verfehlung darin, dass sie sich in eigensinniger Sanftheit der Erwartung des Staates entzieht“ (Durs Grünbein im Programmheft). Bettina Hoppe hat den Text, den Autor Peter Krumme übersetzte und der gut aufzunehmen ist, verinnerlicht und spricht ihn in ihrer unnachahmlichen prägnanten, durchdringenden Art.

Das Premierenpublikum war von diesem Theaterabend angetan.

Weitere Vorstellungen im Bockenheimer Depot am 2., 5. (18 Uhr), 11., 16., 17., 23. und 24. März 2017, jeweils um 20 Uhr

→ Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt (10)
→ Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt / 1

 

Hector Berlioz: „Die Trojaner“ an der Oper Frankfurt

23. Februar 2017

Tod zweier starker Frauen und Untergang ihrer Städte –
zwei fantastische Mezzosopranistinnen des Ensembles

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Nach über 30 Jahren war die Grand Opéra in fünf Akten von Hector Berlioz wieder an der Oper Frankfurt zu sehen. Gefeiert wurde das Sängerteam bei der Premiere am 19. Februar 2017.

Hector Berlioz (1803 – 1869) war es nicht vergönnt, zu Lebzeiten eine vollständige Aufführung seiner Oper zu erleben. Es hat über 100 Jahre gedauert bis zur ersten vollständigen Gesamtaufführung an der Scottish Opera Glasgow (1969). Die Gesamtpartitur hatte bereits 1890 in Karlsruhe ihre Weltpremiere erlebt.

Schon als Kind las Berlioz, Sohn eines Arztes, unter anderem Texte von Goethe, Shakespeare und das Heldenepos „Aeneis“ des römischen Dichters Vergil (70 – 19 v. Chr.), der als Führer in der Unterwelt Dantes Werk (Divina Commedia) beeinflusste. Die Geschichte um den Trojanischen Krieg wirkte nachhaltig ein auf die Literatur des Mittelalters. Sie ist gleichsam eine Ansammlung menschlicher Gefühle und ihrer Folgen: Liebe, Hass, Verrat, Triumph, Täuschung, Verfluchung. Die „Aeneis“ erzählt von den Irrfahrten des Aeneas, Sohn der Venus, seiner Flucht aus Troja, seiner Ankunft im nordafrikanischen Karthago, wo Königin Dido regiert, und schliesslich von der Ankunft in Rom. Er wird der Stammvater Roms genannt. Dieser mythologische Stoff liess Berlioz zeitlebens nicht mehr los. Sein Vorname Hector, der gefallene Held der Trojaner, lässt auf seine Eltern schliessen. Der Komponist, der gerne in Deutschland auf Konzertreisen ging, wo seine Werke besonders geschätzt wurden, wurde durch Prinzessin Carolyne von Sayn-Wittgenstein in Weimar ermutigt, „Les Troyens“ („Die Trojaner“), sein letztes grosses Werk, in Angriff zu nehmen. Berlioz, der auch ein brillanter Schriftsteller war, schrieb das Libretto selbst nach Teilen aus den zwölf Büchern des Vergil.

In der Sekundärliteratur wird vom Dichterkomponisten gesprochen. „Die Synthese von Text und Musik ist perfekt“ … „Die Musik ist gleichsam der Dialog, den der Komponist mit seinem Text führt“ (Zitate aus „Berlioz, der Trojaner“ von Hermann Hofer im Programmheft).

vorne v.l.n.r. Martin Dvořák (Tänzer) und Tanja Ariane Baumgartner (Cassandre) sowie im Hintergrund Chor und Extrachor der Oper Frankfurt mit Chorgästen; Foto © Barbara Aumüller Weiterlesen

Björn Drenkwitz: „Meaningful Silence“ in der Galerie Heike Strelow

21. Februar 2017

Freilich ist es konzeptuelle Kunst, die wir gegenwärtig und noch bis zum 4. März 2017 bei der Frankfurter Galeristin Heike Strelow im Haus des ATELIERFRANKFURT sehen können. Aber es ist eine Kunst, die durch ihre ausserordentliche Sinnlichkeit den Betrachter fesselt, am Ende gar rundum fasziniert wie auch betroffen macht; keine solche also, die jenen fernen Wolkenkuckucksheimen oft wirr erscheinender Gedankenwelten entsprungen ist und den Kunstsuchenden ratlos-frustriert seinem Schicksal überlässt.

Björn Drenkwitz heisst der Künstler; seine Arbeiten zeichnen  sich durch gediegene könnerschaftliche Handwerklichkeit aus und – wieder einmal müssen wir es so formulieren – durch ihre besondere Anmutung und „Schönheit“. Drenkwitz‘ Kunst ist durchaus politisch; sie kommt dabei weder mit dem Zeigefinger des Oberlehrers noch mit dem Holzhammer daher, sondern sie führt, wie wir sehen werden, den Betrachter feinsinnig und in eben künstlerischer Weise auf einen Weg zu eigener verstehender Erkenntnis.

Die Position human-anthropologischer Existenz in Zeit und Raum, in einem Universum, dessen wahre Dimensionen sich jenseits von Betrachtungs- und Ereignishorizont dem menschlichen Erkenntnisvermögen entziehen, ist – auch unter den Bedingen eines Künstler-Daseins – ein zentrales Thema vieler seiner Arbeiten. So in „Pale Blue Dot“: unsere Erde, 1990 von einer Kamera der Weltraumsonde Voyager 1 aus schier unüberwindbarer – hingegen zugleich unter kosmischen Massstäben winziger – Entfernung vom Rand des Sonnensystems her fotografiert, als blassblaues Pünktchen.

↑ Pale Blue Dot, 2016, Digitaldruck auf Forex, 60 x 100 cm
↓ Das legendäre Foto der Voyager 1 vom 6. Juni 1990 (Credit: NASA JP, Nachweis wikimedia commons)

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Peter-Cornell Richter: „Fotografie“ in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller

18. Februar 2017

Tausend und mehr Graustufungen – von der Farbe zu Schwarz-Weiss

Peter-Cornell Richter fotografiert – auch oder heute zumeist – digital. Er räumt dies auch ein, allen Unkenrufen entgegen, die die wahre künstlerische Fotografie immer noch – oder, zeitgeistig angehaucht, heute erst recht – im Analogen verorten. So wie wir zwar manch schönen Oldtimer adorieren, aber denn doch lieber einen High-Tech-PKW heutiger Bauart navigationsgeführt durch das Verkehrsgeschehen steuern. Aber zurück zur Fotografie.

„Ich gestalte meine Bilder, ich lichte nicht ab.“ Dies ist das Credo von Peter-Cornell Richter. Dazu bedient er sich nicht nur der digitalen Kamera, sondern auch der entsprechenden Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung. Das Ergebnis dieses Gestaltungswillens spiegelt derzeit eine Ausstellung in der stets qualitätsbewussten Frankfurter Galerie Friedrich Müller – bekannt auch unter dem Stichwort „Japan Art“ – wider.

Richter-Beneath the Rain Tree-450

↑ Beneath the Rain Tree (For Toru Takemitsu), 2013, Fotografie, Pigmentprint auf Hahnemühle, Auflage: 5/11, 30 x 20 cm
↓ The little White in my Garden, 2015, Fotografie, Pigmentprint auf Hahnemühle, Auflage: 5/11, 30 x 20 cm

Richter-The little White in my Garden-450 Weiterlesen