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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Margarethe Kollmer: nicht nur Videokünstlerin

14. April 2014

Wir holen etwas weiter aus: Nach Einführung der Videotechnik, insbesondere seit der Digitalisierung und Miniaturisierung und damit der Allverfügbarkeit entsprechender Geräte wurde es nahezu jedermann möglich, sein eigener Autor, Regisseur, Kameramann und Produzent zu sein, das neue Medium erfuhr eine flächendeckende “Demokratisierung”. Bereits Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre hatte die Entwicklung der Videokunst zu einer eigenständigen Kunstgattung begonnen. Die documenta 11 im Sommer 2002 in Kassel war bereits massgebend von Videokunst geprägt (SPIEGEL ONLINE kritisierte damals allerdings noch: “stetigem Video-Geflimmere”). Seit langem bietet die Hochschule für Gestaltung HfG in Offenbach den Studiengang Visuelle Kommunikation mit entsprechenden Lehrinhalten an, und die Städelschule in Frankfurt unterhält eine Professur “Film”, die selbstverständlich auch den Bereich Video umfasst und die derzeit der bekannte Film- und Videokünstler Douglas Gordon mit der “Filmküche” innehat.

Videokunst – ein heute vielleicht schon eher bereits veralteter Begriff – wird, neben der Digitalen Kunst, der Computer- oder elektronischen Kunst, vielfach als Teil einer “Medienkunst” verstanden. Die Entwicklung ist dynamisch – man spricht bereits von Netzkunst, Softwarekunst oder Game Art und manch anderem mehr. Die Übergänge von einer Gattung zur anderen sind ebenso fliessend wie die Übergänge zwischen Videokunst und Filmkunst – gerade manche Arbeiten von Douglas Gordon gelten hierfür als Beispiele.

Zur Videokunst gehören zum einen die vielfach dokumentierenden Charakter tragende Video-Performance, bei der sich mitunter der Künstler selbst – auch ganz unmittelbar körperlich – in den Mittelpunkt der Arbeit stellt bzw. sich zu ihrem Gegenstand macht, zum anderen die Video-Installation und auch die “Video-Skulptur”, die oft einen ortsspezifischen Ansatz verfolgen und die sich medienübergreifend mit anderen künstlerischen Ausdrucksformen verbinden können. Mitunter ist auch der das Kunstwerk bildende künstlerische Prozess selbst Gegenstand des Werkes. Meist handelt es sich dabei um mehr oder weniger ausgeprägt konzeptuelle Arbeiten.

Die Videokunst erweist sich für den Künstler als ein komplexes wie schwieriges Terrain: In einer von ständigen Beschleunigungsprozessen geprägten Gesellschaft (jene Prozesse erfahren übrigens gerade auch in der Videokunst Widerhall und Reflexion) fordert sie vom Betrachter Geduld: Kann der an das häusliche Fernseh-Zapping Gewohnte (“Fernseh-Zapper” bleiben im Durchschnitt nur rund zwei Minuten ununterbrochen bei einem Programm, selbst “Fernseh-Verweiler” noch nicht einmal eine Viertelstunde¹) an einem Bild, an einer Skulptur, an einer Installation nach einem ersten Blick rasch vorübergehen, nötigt ihn ein Video zum Bleiben. Man muss sich eine Videoarbeit schon einmal in voller Länge ansehen, auch wenn manche Videos als Loop geschaffen sind, also zeitlich unabhängiger angesehen werden können, und manch andere wiederum – auch nach der Intention des Künstlers selbst – zunächst kein vollständiges Betrachten der gesamten Sequenz erfordern.

Schwierig schliesslich bleibt das künstlerische End-Produkt als solches – und auch seine Verkäuflichkeit: in Gestalt eines heute ausschliesslich digitalen Datenträgers (auch dessen Haltbarkeit ist jedoch zeitlich begrenzt), signiert und vielleicht im Rahmen einer Künstleredition präsentiert. Als Käufer von Produkten der Videokunst kommen primär Museen und spezielle Sammler in Betracht. Videokünstler sehen zu Recht davon ab, ihre Werke allgemein zugänglich ins Internet zu stellen. Videokunst kann jedoch nicht an die Wand gehängt oder auf einer Vitrine platziert werden, versagt sich also generell einem traditionellen “bürgerlichen” Akzeptanz-, Rezeptions- und Konsumverhalten.

Heute stellen wir eine Künstlerin vor, die sich derzeit im Schwerpunkt der Videokunst widmet, aber auch in der Malerei bereits erfolgreich unterwegs war (unter anderem im Frühsommer 2011 in der Ausstellung “Datumsgrenze” im Frankfurter 1822-Forum, die ein Katalog dokumentiert) und die sich nicht auf eine Kunstgattung festlegen will: Margarethe Kollmer.

Die Künstlerin, die bereits über einen Diplom-Abschluss Visuelle Kommunikation an der HfG Offenbach verfügt (Studiengänge Kunst und Medien, Professoren Heiner Blum und Alex Oppermann), verliess vor wenigen Tagen zum Semesterschluss als Absolventin der Filmklasse des bereits vielfach erwähnten Professor Douglas Gordon die Städelschule. Wir werden ihr im Sommer im Rahmen der Absolventenausstellung 2014 gewiss wiederbegegnen.

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Noch keine Videokunst und gut an eine Wand zu hängen: “I think it is fair if you clap at least as long as it took me to perform this”, Installation, Tintenstrahldruck, 2012; Foto: © Margarethe Kollmer

Margarethe Kollmer untersucht unser Sehen, unsere Sehgewohnheiten, unsere Wahrnehmungen und überhaupt unser Wahrnehmungsvermögen und damit unsere Erkenntnismöglichkeiten in einer von Medien bestimmten Welt. In einer Urstufe konnten die Menschen im Grunde “nur” all das erkennen und für ihr konkretes Leben und Handeln verarbeiten, was sie mit ihren eigenen Augen und Ohren vor Ort sahen bzw. hörten. Mediale Einflüsse ergaben sich bereits durch optisch vermittelte bildliche oder skulpturale Darstellungen. Banales Beispiel: Auch eine Ansicht Venedigs von Canaletto (Giovanni Antonio Canal) vermittelte als Medium, über die Alpen nach Norden gebracht, seinerzeit jemandem, der nie in dieser Stadt war, einen Eindruck von ihr, der Grundlage seiner weiteren (etwa kaufmännischen) Aktivitäten sein konnte.

Heute wird das Sehen, Hören, Wahrnehmen und Erkennen durch eine Vielzahl von wesentlich komplexeren, vor allem elektronischen Medien – Fernsehen, Hörfunk, Internet, “Social Media” – bestimmt und dabei gefiltert und gebrochen, und Filterung bedeutet vielfach Veränderung, Verfremdung, auch Verfälschung. Zwar kann durch heutige Übertragungstechnik ein Europäer fast zeitgleich sehen, was zum Beispiel in Amerika geschieht. Und doch trennt die mediale Vermittlung und Filterung ferner Geschehnisse das in der Ferne real Existierende von dem, was bei unserem Beispiels-Europäer “ankommt” und was dieser dann für real und “wahr” hält. Das eigene Urteil wird letztlich durch das medial vermittelte Urteil anderer ersetzt. Die Diskussion der Gefahren, die sich damit verbinden, füllt bereits Bibliotheken.

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Meeting, Videoinstallation 40”, 2012; Foto: © Margarethe Kollmer
“Zwei Screens zeigen das gleiche Video zeitversetzt. Man sieht die je entgegengesetzten Richtungen einer auf und ab gehenden Bewegung auf einer Waldlichtung.”

In ihren Arbeiten – drei möchten wir hier etwas näher vorstellen – “bricht” Margarethe Kollmer also unsere Wahrnehmungsgewohnheiten und Erkenntnismöglichkeiten gleichsam wie durch ein Prismenglas betrachtet, dekonstruiert sie und konstruiert sie neu. Und auch das Wesen sowie der Ablauf von Zeit spielen in ihren Arbeiten eine gewichtige Rolle.

In einer wunderbaren Arbeit, der wir insoweit einen Schlüsselcharakter zumessen, der tonlosen Videoinstallation “Der Weg hierher”, gelingt es der Künstlerin, mit äusserst sparsamen, reduzierten Mitteln die Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter zu hinterfragen, vielleicht aufzulösen: Die Künstlerin geht und “filmt” dabei mit der Videokamera ein Stück des Wegs vom Frankfurter S-Bahnhof Konstabler Wache zu ihrem temporären Ausstellungsort im damals leerstehenden Gebäude der “Diamantenbörse”. Notwendiger – und unentrinnbarer – Weise beschreitet der Betrachter des Videos den gleichen, von der Künstlerin bereits gegangenen Weg dorthin, in der gleichen zeitlichen Dauer, wobei diese im Video festgehaltene Wegbeschreitung die künstlerische Arbeit bereits selbst bildet, die wiederum in das Fenster des Ausstellungsortes projiziert wird. Eine ungemein komplexe, mit Raffinement ausgeführte, hochkonzeptuelle wie geniale Arbeit. Auf eine gewisse Weise wird der Betrachter indirekt Teil der Videoarbeit und somit Teil des Kunstwerks: Kollmer ist dabei, die Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter aufzulösen.

Bitte auf das Videostill klicken und einen Preview sehen:

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Weg hierher, Videoinstallation, 2’22”, 2011; Foto: © Margarethe Kollmer
“Ein Video, das den Weg von der S-Bahn Station zum Ausstellungsort zeigt, wird in dessen Fensterfront projiziert. Es zeigt den Abschnitt des Weges, den Leute, die dorthin gehen, am wahrscheinlichsten mit mir gemeinsam haben.”

In ihrem ebenfalls tonlosen Video “Shift” zeigt Margarethe Kollmer eine Fahrt durch eine winterliche Schneelandschaft. Wiederum arbeitet sie mit schlichten, reduzierten handwerklichen Mitteln. Was zunächst als ein einfaches Vorhaben erscheinen mag, gerät in der künstlerischen Ausformung zu einem überaus vielschichtigen Videokunstwerk. Zum einen sehen wir die Landschaft durch einen Spiegel gedoppelt; zum anderen stellt die Künstlerin die gespiegelte Ansicht von der Horizontalen in die Vertikale. Und – drittens – lässt sie die Spiegelachse sich langsam nach links verschieben – “Shift”!

Wir sehen eine wunderbar ruhige Kamerafahrt, die die Stille einer Winterlandschaft auf eine fast schon übersinnliche Weise wider”spiegelt” und erleben lässt. Es ist nur auf den ersten Blick ein Paradoxon: Durch die horizontal-vertikale Verschiebung scheinen die kleinen, nicht von Schnee bedeckten, mal helleren, mal dunkleren Flächen wie ein vom Himmel fallendes, eben dunkleres “Schneerieseln”, dessen Anblick etwas Meditatives hat. Während sich die Spiegelachse langsam immer weiter nach links bis zum Bildrand verschiebt, den Betrachter also den Ablauf von Zeit unmittelbar sinnlich-visuell erfahren lässt, passiert etwas Unerwartetes: Dunkle Strukturen erscheinen am rechten Bildrand, wie von höher und höher wachsendem Gestrüpp neben Baumstämmen konturiert. Und dann verzaubert die Spiegelachse die Szenerie zu einer dreidimensional wirkenden bizarren Skulptur: Eine Figur scheint emporzuwachsen, einem Totempfahl ähnlich, mit zeremonieller Kopfbedeckung, übergrossen Augen und weit ausgebreiteten Schmetterlingsflügeln. Sie wandert in die Höhe und wir sehen röntgenbildartige Strukturen, immer noch dreidimensional anmutend, wir stellen uns von Schlingpflanzen überwucherte Skelette am Monitor eines Computertomografen vor. Ein wenig gespenstisch, ja alptraumhaft erscheint diese Sequenz, doch wandern diese zuvor nie gesehenen Bilder, sich dem Betrachter nach vorne zudrehend, langsam mit der Spiegelachse dem linken Bildrand zu und verschwinden. Und wir befinden uns wieder in jener zu Beginn des Videos gesehenen Schneelandschaft.

Thomas Manns Kapitel “Schnee” – mit dem das “innere” wie “äussere” Geschehen, das Leben, die Liebe und den Tod umspinnenden “Schneetraum” des Romanhelden  – in Manns legendärem “Zauberberg”, dem nach unserer Ansicht wichtigsten Schlüsselroman des 20. Jahrhunderts, kommt uns in lebendige Erinnerung. Vor Jahrzehnten mehrfach gelesen und in der weit zurückliegenden Abiturprüfung erfolgreich diskutiert werden wir ihn über die Ostertage, durchaus willkommen, wieder einmal zur Hand nehmen. Auch und gerade solches kann ein Video von Margarethe Kollmer bewirken. Aber wir sehen diese grossartige Arbeit heute auch unter weiteren Vorzeichen – einer Meditation, einer Transzendenz, einer meditativen Reise in ein weites, gar nicht bedrohliches Reich der Träume und Fantasien.

Bitte auf das Videostill klicken und einen Preview sehen:

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Shift, Videoloop, 426”, 2011; Foto: © Margarethe Kollmer
“Fahrt durch eine
gespiegelte Schneelandschaft, bei der sich die Spiegelachse langsam nach links verschiebt.”

Gänzlich anders die Arbeit “per Sie” der Künstlerin. Nach “Shift” weckt und rüttelt sie uns auf in der von naturwissenschaftlichem Fortschritt und von Hochleistungstechnik geprägten Realität unserer Tage – und hat doch, wie “Shift”, nur eben auf eine andere Weise, etwas von Transzendenz. In der mit einem Ton unterlegten, sehr farbintensiven Arbeit geht es “himmel”wärts – zu einem Parabelflug, bei welchem die Mitfliegenden für die Dauer von etwa 20 Sekunden einen Zustand von Schwerelosigkeit erreichen.

Statische Filmaufnahmen aus einem wissenschaftlichen Parabelflug werden vom Bildschirm abgefilmt. In den verschiedenen Clips werden die Bewegungen der Wissenschaftler von der Kamera nachvollzogen,  wobei diese sich dem Bildschirm währenddessen immer weiter annähert” – so beschreibt die Künstlerin ihre Arbeit. Wir sehen Wissenschaftler in blauen und roten Overalls, sie hantieren an Apparaturen und vollziehen in der Schwerelosigkeit fliessende, gleitende, fallende und sich wieder aufrichtende Bewegungen. Zu hören sind ein Hintergrundrauschen, ein Atmen vielleicht der Beteiligten, klickende und knarrende Arbeitsgeräusche. Gesprochen wird nicht. Die kräftigen, flächigen Farben geben dem Video eine Anmutung von Malerischem.

Wieder verfremdet und bricht die Künstlerin mit ihrer beschriebenen besonderen Arbeitstechnik das sich auf dem Bildschirm vollziehende und also bereits mehrfach medial vermittelte Geschehen. 20 Sekunden Schwerelosigkeit (im wissenschaftlichen Betrieb werden stets mehrere “Parabeln” hintereinander geflogen) werden zu einer siebeneinhalbminütigen – vom Betrachter gefühlten – “Ewigkeit” verformt und im künstlerischen Prozess in einer neuen Dimension verfügbar gemacht. Wir verstehen dieses Werk auch als eine Metapher für das dem Menschen immanente, nie enden wollende Bestreben, sich selbst und die Welt um ihn herum, Raum, Zeit und Gravitation zu erkunden, in immer weitere, immer fernere Dimensionen vorzustossen, ähnlich dem Wesen des sich ständig entwickelnden Künstlers auf der Suche nach dem finalen, absoluten Kunstwerk. Wiederum eine grossartige Arbeit.

Bitte auf das Videostill klicken und einen Preview sehen:

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per Sie, Videoinstallation, 732”, 2012; Foto: © Margarethe Kollmer
Statische Filmaufnahmen aus einem wissenschaftlichen Parabelflug werden vom Bildschirm abgefilmt. In den verschiedenen Clips werden die Bewegungen der Wissenschaftler von der Kamera nachvollzogen,  wobei diese sich dem Bildschirm währenddessen immer weiter annähert.”

Margarethe Kollmer, 1984 in Schweinfurt geboren, studierte zunächst Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie Freie Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Über ihre beiden erfolgreich abgeschlossenen weiteren Studiengänge an der HfG Offenbach und an der Städelschule haben wir bereits oben informiert. Die Künstlerin, die in Frankfurt am Main lebt und arbeitet, stellte bereits vielfach im Rhein-Main-Gebiet, in Deutschland und Europa aus.

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Margarethe Kollmer vor der Fassade des Frankfurter Portikus; Foto: FeuilletonFrankfurt

Wir sprachen bereits von dem Künstlertum, das stets auf der Suche nach dem finalen und absoluten Werk strebt. Wir könnten damit auch Margarethe Kollmer gemeint haben, deren bisherige Arbeiten auf ein grosses kreatives künstlerisches Potential schliessen lassen. Doch würde es uns wenig überraschen, wenn sie neben ihrer künstlerischen Arbeit neue Herausforderungen in einer Erweiterung ihrer bereits zweifach abgeschlossenen akademischen Ausbildung suchte. Wir werden Margarethe Kollmer – so oder so – nicht aus den Augen lassen!

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¹) Quelle: AdTrend 2009/SevenOneMedia

s. a.:  → Preis “ZONTA Art Contemporary” für Eva Weingärtner
→ Im Körpereinsatz: Vito Acconci im Künstlerhaus basis

“Landschaft im Dekolleté – Fenster als Element und Metapher” in den Opelvillen

13. April 2014

Facettenreiche Hommage für das Fenster

Von Hans-Bernd Heier

Was hat es mit dem Titel auf sich? “Landschaft im Dekolleté” klingt widersprüchlich, geradezu surreal und lässt an René Magrittes Werke denken. Ist es nicht ein Widerspruch in sich, eine Landschaft im Ausschnitt zu vermuten? Denn der Ausschnitt steht für Begrenzung und Grenzen, während Landschaft für Weite steht. Dennoch hat Beate Kemfert, Kuratorin und Vorstand der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim, diesen geheimnisvollen, ja fast kryptischen Titel gewählt, dessen zweiter Teil “Fenster als Element und Metapher” verdeutlicht, um was es in dieser Schau geht.

Fenster sind ein faszinierendes Thema, das Künstlerinnen und Künstler seit der Renaissance immer wieder dargestellt haben. Das Sujet diente ihnen als Inspirationsquelle. Auch heute setzen sich viele Kunstschaffende mit den Widersprüchen und Gegensätzen thematisch auseinander. Sie reizt es, mit dem Motiv des Fensters “eben jene Schwelle zwischen Innen und Außen, Heim und Natur, Geborgenheit und Entgrenzung, Bekanntem und Unbekanntem, Fassbarem und Geheimnisvollem wieder neu auszuloten”, so Beate Kemfert.

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Die Kuratorin vor verschlossenem Fenster in den Opelvillen; Foto: Hans-Bernd Heier

Mit über 120 Fotografien und Objekten von fünfzehn Künstlerinnen und Künstlern aus acht Ländern präsentieren die Opelvillen bis zum 20. Juli 2014 in der sehenswerten Schau Schlüsselwerke aus den Jahren von 1984 bis 2013. Die kontrastreiche Welt der Fenster beleuchten Jessica Backhaus, Lucinda Devlin, Lara Faroqhi, Simone Fischer, Thomas Florschütz, Andreas Gefeller, Sibylle Hoessler, Clay Ketter, Andrej Krementschouk, Beatrice Minda, Loredana Nemes, Marja Pirilä, Inta Ruka, Ulrich Schwarz (Video) und Shizuka Yokomizo in ihren Arbeiten.

Dem Fenster kam in der Fotografie von Anbeginn an eine essentielle Rolle zu. Allein aus praktischen Gründen war der Blick aus dem Innenraum heraus eines der ersten fotografischen Sujets – ohne die lang anhaltende Lichtquelle eines Fensters wäre keine ausreichende Belichtung möglich gewesen. Dies ist jetzt zwar technisch nicht mehr erforderlich, dennoch hat das Thema Fenster auch für die heutigen Fotokünstler nichts an Reiz eingebüßt.

Simone Fischer, M27_scratch 01, 2009-10 © Simone Fischer-430

Simone Fischer, scratch 01 aus der Serie: M27, 2009-2010, 36 Prints auf Alu-Dibond, 18 x 13,5 cm; © Simone Fischer

Simone Fischer fuhr ein Jahr lang für ihre konzeptionell angelegte Fotoserie mit einem Bus immer dieselbe Strecke. Ziel der 1961 in Schondorf geborenen Künstlerin war dabei, jeweils ein Foto durch eine verkratzte Busscheibe aufzunehmen. Obwohl Fischer immer dieselbe Linie und dieselbe Uhrzeit wählte, traten durch die wechselnden Busse veränderte Kratzspuren auf. Die Membran zur Außenwelt ist in ihrer 36-teiligen Fotoserie stets gestört. Eine Auswahl ihrer durch Kratzspuren getrübten kleinformatigen Schnappschüsse empfängt die Besucher zu Beginn der Präsentation.

Jessica Backhaus, What still remains_Orchids in Salzburg © Jessica Backhaus-430

Jessica Backhaus, Orchids in Salzburg, 2006, aus der Serie: What still remains, farbiger C-Print, 96 x 71 cm; © Jessica Backhaus, courtesy by Robert Morat Galerie, Hamburg

Ans Fenster zu treten und nach draußen zu schauen, ist ein natürlicher Vorgang. Unser Blick ist jedoch ein anderer, wenn wir uns an einem fremden Ort befinden. Die viel gereiste Jessica Backhaus tritt in verschiedenen Ländern ans Fenster. Vierzehn Jahre lang war für die 1970 in Cuxhaven geborene Künstlerin New York Wahlheimat, bevor sie 1992 nach Berlin ging. In ihren Fenster-Bildern spiegelt sich ihre Suche nach Zeit und Bedeutung im wahrsten Sinne des Wortes. Den vergänglichen Augenblick festzuhalten fasziniert Backhaus ebenso wie die Erfahrung des Verschwindens und Entgleitens.

Shizuka Yokomizo, Stranger No

Shizuka Yokomizo, Stranger No.10, 1999, C-Print, 108 x 127 cm; © Shizuka Yokomizo

Die Kluft zwischen Fotograf und Abgebildeten, also zwischen “ich” und “du”, hält Shizuka Yokomizo am radikalsten fest. In der konzeptionellen Serie “Stranger” blieb sie für die Porträtierten anonym, auch wenn Yokomizo die Zusammenarbeit mit ihnen suchte. Die 1966 in Tokio geborene Japanerin schickte Briefe an die Bewohner zufällig ausgewählter Wohnungen in London, Tokio, Stockholm, Berlin oder Paris und bot ihnen darin eine bestimmte Zeit an, in der sie vor ihr Fenster treten konnten, damit Yokomizo diese von der Straße aus in einer alltäglichen Situation fotografieren konnte. In jedem Foto hielt die Künstlerin die Kommunikation zwischen zwei Menschen fest, die ihre Distanz als Fremde auch nach dem Fotoshooting nicht aufgaben. Auch nachher begegneten sie sich nicht persönlich und hatten keinerlei direkten Kontakt. Mit diesen Arbeiten verzeichnete Yokomizo großen Erfolg; die Arbeiten waren im Jahre 2010 im Tate Modern in London und 2013 auch im J. Paul Getty Museum in Los Angeles zu sehen.

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Loredana Nemes, Ünal (1) aus der Serie: beyond, 2008-2010, Neukölln, 2009, Silbergelatine auf Barytpapier, 100 x 88 cm; © Loredana Nemes; Courtesy Galerie Anita Beckers, Frankfurt

Einen völlig anderen Ansatz für Ihre Arbeiten wählte Loredana Nemes. Sie fotografierte Männerwelten in türkischen, orientalischen und arabischen Männercafés in Berlin. Die 1972 in Rumänien geborene Künstlerin, die jetzt in Berlin lebt und arbeitet, bat die Besucher der Cafés, sich für ein Foto hinter die Scheibe zu stellen, da ihr als Frau der Zutritt verwehrt blieb. Das Fensterglas wird so zu einer Außenmembran, die die Innenwelt nur schemenhaft andeutet und die Trennung zwischen den Welten visualisiert. Das Ergebnis dieses fotografischen Dialogs sind verfremdete Porträts von Aziz, Beker und Ünal. Nur schemenhaft sind die Männergesichter hinter milchigen Fensterscheiben und Gardinenmustern zu erkennen: Ihre Konturen sind verschwommen, die Gesichtszüge nur vage zu sehen.

Lucinda Devlin, Final Holding Cell, Texas State Prison, 1992 © Lucinda Devlin, DZ BANK Kunstsammlung, Frankfurt-500

Lucinda Devlin, Final Holding Cell, Texas State Prison, 1992, Chromgenic Color Print, 74 x 74 cm; © Lucinda Devlin; DZ Bank Kunstsammlung Frankfurt

Unmöglich wird der Blick ins Freie, wenn sich das Fenster über Kopfhöhe befindet, wie Lucinda Devlin zeigt. Die 1947 in Michigan geborene Amerikanerin erkundet Todeszellen, in die der zum Tode Verurteilte gebracht wird, sobald das Hinrichtungsdatum feststeht. Hier beginnt die “Totenwache” des Häftlings, der in den letzten 24 Stunden seines Lebens rund um die Uhr beobachtet wird, um sicherzustellen, dass er keinen Selbstmord verübt. Das kleine Fenster der Todeszelle des Gefängnisses von Huntsville in Texas biete keine Sicht mehr auf die Außenwelt.

Ulrich Schwarz, FAST FORWARD, Videostill (01002000) © Ulrich Schwarz-650

Ulrich Schwarz, Fast Forward, 2012, Videostill; © Ulrich Schwarz

Das Thema Zeit, das ein Fenster durch wechselnde Helligkeiten hervorrufen kann, setzt Ulrich Schwarz filmisch um. Die Fassade einer Sporthalle aus den 1980-er Jahren in einer italienischen Kleinstadt nutzt er als Gerüst farblicher Veränderungen. Der Künstler, 1963 in Wuppertal geboren, spürte in der Nähe von Rom in Paliano einen seit Jahren unbenutzten Gebäudekomplex auf, bei dem sich zwischen Hauptfassade und Sporthalle eine Rampen- und Treppenanlage befindet. Mit abnehmendem Licht werden die Fenstersprossen unscharf und das filmische Bild in dem 30-minütigen Video ähnelt zunehmend einer Zeichnung.

Clay Ketter, MADRE_Veduta 4, 2011 © VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Courtesy Clay Ketter, Sonnabend Gallery, NY-430

Clay Ketter, Veduta 4 aus der Serie MADRE, 2011, Lightjet-Print, Diasec, 190 x 150 cm; © VG Bild-Kunst, Bonn, 2014; Courtesy Clay Ketter, Sonnabend Gallery, New York

In Clay Ketters großformatigen Fenstermotiven erhalten die Rahmen besondere Bedeutung, was erst bei genauem Hinsehen offenbar wird. Ketter ist der einzige in Rüsselsheim gezeigte Fotokünstler, der digital arbeitet. In Neapel im Museum Madre Veduta machte er zunächst Aufnahmen von offenen Fenstern und dann von gegenüberliegenden Wandoberflächen und Architekturstrukturen. In dem ersten Negativ hielt er den Fensterrahmen mit normalem Objektiv fest. Für die zweite Aufnahme des Ausblicks verwendete er ein Weitwinkelobjektiv. Das Fotomaterial setzte der 1961 in Brunswick, USA, geborene Künstler anschließend zusammen, ohne den Ausblick zu manipulieren. Seine Bildcollage verlagerte Ketter in die Fensterscheiben.

Der Gedanke, die Außenwelt mit dem Innenraum zu vereinen, führte Marja Pirilä zurück zur Camera obscura. Die 1957 geborene Finnin porträtiert zunächst Menschen in deren Privaträumen, doch wandelt sie diese zuvor mit Hilfe von schwarzer Plastikfolie und konvexen Linsen zur dunklen Kammer der Camera obscura um. Auf die Wände wird dadurch die Szenerie, die sich außerhalb des abgedunkelten Fensters darbietet, projiziert, und zwar auf dem Kopf stehend. Die Überlagerung der Außenwelt und der Personen in ihrem Raum vereint Pirilä schließlich in einer Aufnahme. Die Landschaften erscheinen nun wie Gedanken, Träume und Ängste, die die Bewohner in ihren privaten Wohnräumen durchdringen.

Camera obscura/ Kaarina 2004, Tampere

Marja Pirilä, Camera obscura/Kaarina, Tampere Finnland, 2004; Pigmentdruck auf Fotopapier, 111 x 141 cm; © VG Bild-Kunst, Bonn, 2014

Die Möglichkeiten fotografischer Mittel lotet auch der 1957 in Zwickau geborene Thomas Florschuetz aus, allerdings nicht digital, sondern im Nebeneinander verschiedener Fotografien. Nach innen geöffnete, doppelflügelige Fenster gliedern den Bildraum in eine gitterartige Struktur, die Durchblicke und Spiegelungen hinter- und übereinander staffelt. Manche Scheiben zeigen eine Spiegelung des Außenraumes und lassen gleichzeitig den Innenraum durchblicken.

Thomas Florschütz, Multiple Entry 41, 1997-98 © VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Courtesy Diehl, Berlin und Thomas Florschütz (2)-500

Thomas Florschuetz; Multiple Entry 41, 1997/1998, 10-teilig, C-Prints, Diasec, je 72 x 49 cm; © VG Bild-Kunst, Bonn, 2014; Courtesy Galerie Volker Diehl, Berlin

Das Fenster wurde auch bei Lara Faroqhi zu einem wichtigen Element in ihren Arbeiten. Das zeigen nicht nur die Bodenreliefs, sondern auch die “Glasbögen”. Diese fragile Installation der 1968 in Berlin geborenen Künstlerin mutet orientalisch an und nimmt Bezug auf Fensterformen einer Moschee im spanischen Cordoba, die auf die Zeit der islamischen Expansion im 8. Jahrhundert zurückgeht. Faroqhi übersetzt die gefundene Form zu einem transparenten Fenstergebilde aus vielen Einzelteilen und schafft einen Raum aus Bögen.

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Die Kuratorin, eingerahmt von Lara Faroqhis “Glasbögen” aus dem Jahr 2000; gebranntes Glas, Kupfer, Messing, 226 x 93 x 150 cm, Foto: Hans-Bernd Heier

Auch die hier nicht besprochenen Werke von Andreas Gefeller, Sibylle Hoessler, Andrej Krementschouk, Beatrice Minda und Inta Ruka laden zum genauen Hinsehen und Entdecken von alten Techniken und neuen Sichtweisen ein.

Ein umfangreiches Begleitprogramm ergänzt die Ausstellung. Wegen der überaus großen Resonanz bieten die Opelvillen auch dieses Mal wieder Kunstführungen für Menschen mit Demenz an. Es ist hessenweit das erste Museumsprojekt, das die Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim seit November 2013 als ein erweitertes museumspädagogisches Programm für Menschen mit Demenz anbietet. Erstmals wurde dieses spezielle Vermittlungsprogramm im Rahmen der Ausstellung “Wandteppiche von Noa Eshkol” praktiziert.

In der sogenannten “Schleuse” im ersten Stock ist zeitgleich die Mitmach-Ausstellung “Lieblingsfenster” zu sehen. In Anlehnung an das Thema der Hauptausstellung sind Besucher eingeladen, Fotos ihrer “Lieblingsfenster” mitzubringen und diese in der Schleuse zu präsentieren. Jeder, der Lust hat mitzumachen, kann sein persönliches “Lieblingsfenster”-Bild einfach an die Wände heften.

“Landschaft im Dekolleté – Fenster als Element und Metapher”, Opelvillen Rüsselsheim, bis 20. Juli 2014

Bildnachweis (soweit nicht anders bezeichnet): Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim

- Weitere Artikel von Hans-Bernd Heier -

 

Pianist Jean Muller im Hauskonzert von Viviane Goergen und in der Alten Oper Frankfurt

12. April 2014

“Ich bin sozusagen als Kind in den Topf der Musik gefallen”

Von Renate Feyerbacher

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Zwei aktuelle CDs mit Jean Muller; Foto: FeuilletonFrankfurt

Der 1979 geborene luxemburgische Pianist Jean Muller hält sich vier Tage in Frankfurt auf. Einen Abend spielte er im Steinway-Haus, am Freitagabend in einem Hauskonzert der Pianistin Viviane Goergen, die auf eine weltweite Karriere als Konzertpianistin zurückblicken kann. Am  bevorstehenden Sonntagabend dann der Höhepunkt: sein Soloabend mit Werken von Franz Liszt im Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt.

Dieser “Topf der Musik” ist seine Familie. Die Mutter spielt Bratsche im Philharmonischen Orchester Luxemburg, sein Vater, Gary Muller, ist ein bekannter Klavierprofessor am dortigen Konservatorium. Schon immer wurde zuhause musiziert. Diese Atmosphäre hat ihn geprägt. Er habe immer Musik machen wollen, noch bevor er nachdenken konnte. Es zog ihn schon früh zum Klavier, mit sechs Jahren erhielt er den ersten Unterricht. Heute hat er, wie sein Vater, eine Professur am Konservatorium. “Wir sind Kollegen”, sagt er im Gespräch. In jedem Jahr geben die beiden zusammen mit einem anderen Vater-Sohn-Paar ein “Quartett-Konzert” an zwei Klavieren, dazu kommt ein Schlagzeug und gespielt wird zum Beispiel die berühmte Sonate von Bela Bártok.

Jean hat einen jüngeren Bruder, der fiel zwar auch in den “Topf der Musik”, wurde dann aber Anwalt.

Jean Mullers Studium führte ihn an die Musikakademie nach Riga. Seine Lehrer waren ausser seinem Vater der russische Pianist Evgeni Moguilevski, der 1964 den berühmten Königin Elisabeth-Wettbewerb gewann, sowie Gerhard Oppitz und Michael Schäfer an der Musikhochschule in München. Unter anderem besuchte er bei Leon Fleischer einen Meisterkurs. In München musste er einmal für Daniel Barenboim einspringen. Keine leichte Aufgabe für ihn, unter der Leitung von Zubin Mehta das 5. Klavierkonzert von Ludwig van Beethhoven mit dem Bayerischen Staatsorchester darzubieten.

Er war in Paris und lernte dort die französische Schule kennen. Was bedeuten ihm die verschiedenen Schulen?

“Man soll mit einem Gedanken der Synthese daran gehen: In Deutschland wird sehr viel Wert auf die Struktur gelegt, die Architektur der Musik, in Frankreich eher auf das Dekorative, der Klang an sich wird gepflegt. Das hat mich sehr beschäftigt und inspiriert, einen Kompromiss zu suchen. Beides zu integrieren, das ist eine reizvolle Arbeit.”

Der Gewinn des Ersten Preises beim “Concours Poulenc” 2004, da war Jean Muller 24 Jahre alt, bedeutete für ihn einen wichtigen Schritt in seiner Karriere. “Was ich toll finde, weil ich Poulenc sehr gerne habe, ein gossartiger Musiker, den man nicht unterschätzen sollte, sehr geistreich, mit viel Witz und Lebensfreude.” Elf weitere Erste Preise bei internationalen Wettbewerben kamen hinzu.

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Jean Muller und Viviane Goergen; Foto: Manfred Baumann

Im Hauskonzert bei Viviane Goergen erklärt der grosse, schlanke Mann verständlich, mit feinem Humor jedes der Stücke, die er spielt. Sympathisch ist er. Es sind vor allem Teile aus den zwölf “Études d’exécution transcendante“ von Franz Liszt, Etüden, die eine “übernatürliche” Ausführung verlangen. Mit dieser unglaublich virtuosen Komposition ist er derzeit auf Tournee: in Frankfurt, in Berlin, Warschau und Wien, im Juni in der Carnegie Hall New York und im Oktober in London.

Im letzten Jahr war er mit einem Chopin-Programm auf Tournee und ebenfalls in der Alten Oper Frankfurt. Was begeistert ihn an Franz Liszt, den ungarisch-österreichischen Komponisten?

Seine Antwort erstaunt. Zunächst schwärmt er von dem Menschen Liszt: “Er war eine faszinierende Persönlichkeit. Er hat unglaublich viel für andere Musiker gemacht, obwohl er oft hingestellt wird als grosser Egozentriker. Ich meine, es gibt kaum einen Musiker, der mehr für Kollegen, Studenten getan hat. Er hat quasi Wagner (Anmerkung der Autorin: dessen Schwiegervater Liszt wurde) zu dem gemacht, was er wurde … All das zusammen darf man nicht vergessen, trotz der Millionen Noten hat er doch einige bedeutende Meisterwerke geschrieben. Ein Komponist, der mich schon immer fasziniert.” Begeistert spricht er von seiner Sonate in h-Moll, eines der wichtigsten Werke aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Bitte Musikvideo anklicken:
Jean Muller spielt
Franz Liszt:
Dante-Sonata (“Après une lecture du Dante – Fantasia quasi sonata”, h-Moll)

Die Etüden hat Liszt im Alter von 15 Jahren begonnen, mit 27 Jahren bearbeitet und schliesslich mit 41 Jahren erneut korrigiert und für endgültig erklärt. Und das war gut so. Clara Wieck, die grosse Pianistin und Komponistin, war nicht begeistert von ihnen und nannte sie 1839 wild und zerrissen. Nun – die Fassung von 1852, die endgültige, die Jean Muller spielt, ist noch wild genug. Ein Liszt wie er “im Buche” steht. Jean Muller kennt aber die beiden anderen Fassungen auch. Ihn interessiert die Entwicklung des Denkprozesses, den der Komponist bei diesem Werk hatte.

“Wilde Jagd”, “Chasse-neige – Schneetreiben” sind zwei der Titel der Etüden. Eine stellt er mit dem Adjektiv “wütend” vor, und er selber wird beim Spiel “wütend”. In der Tat ein Wahnsinn: die Virtuosität des Stückes. Seine Finger, die ich hinter ihm stehend beobachten kann, flitzen geradezu über die Klaviatur. Dann gibt es wieder feine, ruhige Stellen, die der Pianist auskostet.

Jemand hat gesagt, Jean Muller spiele mit Finger, Kopf und Herz. Virtuosität contra Emotionalität – ein Widerspruch?

“Man lebt das mit. Ich vergleiche Musikinterpretation oft mit Schauspielerei. Wenn man sich reinkniet und interpretieren möchte, dann muss man sich mit diesen Gefühlen auseinandersetzen. Nicht versuchen, das zu beschönigen. Virtusosität – Emotinalität: das ist mein Hauptanliegen … das interessiert mich so an Liszt. Er ist nicht blutleer. Diese Virtuosität ist Mittel zum Zweck, er stellt sie in den Dienst der Intensität. Das heisst, je schwieriger desto intensiver ist es auch. Um diese Intensität zu erreichen, muss man erstmal technisch über dem stehen, was verlangt wird.” Und diese Technik beherrscht Jean Muller voll und ganz.

Selten werden diese zwölf Etuden im Konzertsaal gespielt: “Die Schwierigkeit liegt darin, sie vor Publikum von A bis Z zu spielen. Das ist schon eine grössere Herausforderung, das ist schon sportlich, kann man sagen.”

Zwischendurch bietet er im Hauskonzert bei Viviane Goergen Frédéric Chopin, der ebenfalls zu seinen Lieblingskomponisten gehört, zur “Beruhigung” der stürmisch applaudierenden Zuhörerschaft zum Beispiel Nocturne op. 9 Nr. 2. Damit endet der Abend des Hauskonzertes auf dem Flügel der Pianistin Viviane Goergen.

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Jean Muller im Hauskonzert der Pianistin Viviane Goergen; Fotos: Renate Feyerbacher (oben) und Manfred Baumann (unten)

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Jean Muller liebt die Einfachheit in der Empfindung und die dennoch sehr anspruchsvolle Technik Chopins, die flüssigen Bewegungen. Die Bewegungen der Hände müssten rund sein, dürften nichts Eckiges haben, dann klinge es nicht mehr. “Es muss immer schwebend sein. Fingerballett.”

Und was bedeutet ihm Beethoven?

In den Jahren 2007 bis 2009 hat Jean Muller alle 32 Sonaten von Ludwig van Beethoven im Konzert interpretiert. Sein grösstes Projekt bisher, sagt er. Dieser Komponist hat ihn schon früh fasziniert. Er ist eine Konstante seiner Musik.

Was inspiriert Jean Muller?

Seine Antwort: “Das ist letzten Endes das Leben, das, was man erlebt. So unendlich Musik ist, wenn man sich nur vertieft und nur in die Geschichtsbücher vertieft, dann kommt man auch nicht auf den grünen Zweig. Man muss schon selbst leben, um auch was ausdrücken zu können.”

Und was heisst für ihn das Leben?

“Das heisst viel. Ich bin vor kurzem Vater geworden, das ist eine sicher sehr einschneidende Erfahrung.” Als er das sagt, ist er sehr glücklich.

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Jean Muller und Professor Joachim Volkmann im Hauskonzert; Foto: Renate Feyerbacher

Unter den anwesenden Gästen beim Hauskonzert war Professor Joachim Volkmann, der noch immer aktive Lehrer für Klavier an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Auch er war begeistert von Jean Mullers Spiel.

Konzert von Jean Muller “Transcendence” mit Werken von
Franz Liszt
Après une lecture du Dante – Fantasia quasi sonata
Études d’exécution transcendante 1 bis 12
Mephisto-Walzer Nr. 1 (Bearbeitung Busoni/Horowitz)

Sonntag, 13. April 2014, 20 Uhr in der
Alten Oper Frankfurt

Mike Bouchet & Paul McCarthy im Portikus: “Powered A-Hole Spanish Donkey Sport Dick Drink Donkey Dong Dongs Sunscreen Model”

11. April 2014

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Spätestens jetzt müsste es bei Ihnen “klingeln”, verehrte Leserinnen und Leser: da war doch schon etwas … Ja, genau: die “Cooking Show” von Mike Bouchet und Paul McCarthy in der Städelschule, besonders in der “Filmküche” von Professor Douglas Gordon. Im Grunde verhält es sich nun umgekehrt: Das Grundwerk ist die Ausstellung im Portikus, die jetzt am 20. April 2014 endet, die “Cooking Show” war als Performance ein Begleitprojekt, nicht zuletzt in zeitlicher Verbindung mit dem diesjährigen “Rundgang” durch die Kunsthochschule.

Bereits von Ferne locken die riesigen, mehr oder weniger aufgeblasenen, aus den Fenstern hängenden “Würste” – andere Assoziationen müssen wir unserer Leserschaft überlassen – den Besucher zum markanten Haus auf der Maininsel. Dort bleibt ihm der Zutritt durch den Eingang des Ausstellungshauses allerdings verwehrt: er muss sich die Wendeltreppe hinunter auf die Insel begeben, über einen sauber gezimmerten Holzsteg die Fassade passieren, dann die steile Treppe hinauf den Hintereingang erklimmen und sich durch kräftige Schläge gegen die Tür den Einlass erbitten. Dort erwartet ihn dann eines der aufregendsten Spektakel, die der Portikus seit seinem Bestehen erlebt hat. Nicht allein das komplette Portikus-Büro nimmt die Ausstellung in Beschlag, sondern alle drei Ebenen des Hauses einschliesslich also des sonst nicht der Öffentlichkeit zugänglichen Spitzbodens.

Fangen wir unten an: Im Haupsaal liegt eine Riesenskulptur, sie symbolisiert ein zerschossenes Kriegsschiff, das in seinen Aufbauten dem Guggenheim-Museum Bilbao ähnelt, es liegt auf einer Unmenge von hölzernen Böcken, die an “Spanische Reiter” erinnern, jene berüchtigten Folterinstrumente der ebenso berüchtigten spanischen Inquisition und vieler anderer Herrscher in Europa und anderswo bis ins 19. Jahrhundert hinein. Ein wuchtiges, in Luftpolsterfolie eingeschlagenes Plakat zeigt den Filmschauspieler Liam Neeson in der Rolle des Admiral Shane im kultigen Science-Fiktion-Film “Battleship”.

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Über die Empore geht es treppauf auf den – eigentlich nur temporär eingezogenen -, als Obergeschoss dienenden Zwischenboden, und es öffnet sich ein Bogen zur “Cooking Show”: grosse Mengen ekeliger Würste und vergammelter Speisereste mannigfacher Art in verklebten Kochtöpfen und auf verschmierten Kochplatten, das Ganze arrangiert auf zwei langen, wiederum von “Spanischen Reitern” getragenen Tischplatten, zwischen denen ein Prachtexemplar jener aufgeblasenen Würste (oder an was man sonst denken soll) liegt, die aus den Fenstern heraushängen und deren aufwändige Befestigungen nebst Gebläsen nun studiert werden können. Gleich zu Beginn aber der “Schocker”: inmitten von Kochtöpfen das Klosett, dessen Abgang knapp das Rohr verfehlt, das durch die Decke hindurch in den Schornstein des Kriegsschiffes im Hauptsaal mündet.

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Und höher hinauf über die steile Treppe geht es in den Spitzboden, und wieder erwartet den Besucher ein “Schocker”: die Hinterlassenschaften einer orgiastischen Feier. Ein Chaos.

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Und dann: Hinter dem schwarzen, raumteilenden Vorhang das kopfüber abgestürzte Flugzeug mit dem Namen Aleph I! Aleph – der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets. Das Flugzeug – schlagen wir einen Bogen zurück zum Film “Battleship”: Ein unbekanntes Flugobjekt kollidiert darin mit einem Satelliten im Orbit und stürzt mitten in Hongkong ab.

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Und bei allem und immer wieder das A-Hole-Sport-Drink-Gebräu, das auch als Pseudo-Ausstellungssponsor auftritt: Parodie auf Fitness-Wahn, die Produkte der Nahrungsergänzungsmittel-Industrie und auf allgegenwärtiges Sponsortum, wie im Sport so auch im Kunstbetrieb.

Mike Bouchet und Paul McCarthy – ersterer 1970 im kalifornischen Castro Valley geboren, er lebt und arbeitet in Frankfurt, letzterer 1945 in Salt Lake City geboren, er lebt und arbeitet in Los Angeles – jeder für sich ein weltweit bekannter Künstler, pflegen seit längerem den Gedankenaustausch und arbeiten jetzt mit ihrer ortsspezifischen Ausstellung im Portikus ein erstes Mal zusammen. Sie gestalten ein Werk von beissender Kritik an Konsum, Verschwendung und Masslosigkeit der vom Finanzkapitalismus beherrschten, vor allem westlichen Welt. Eine grandiose Tour d’Horizon durch die Themen unserer Zeit, zugleich eine künstlerische “Tour de Force”, die den Portikus “in ein wild wucherndes Gesamtkunstwerk” verwandelt. Auch Kritik und Spott an den “vielschichtigen Exzessen zeitgenössischer Kunstproduktion und Kommodifizierung” (Portikus). Dies alles mit spielerischen und den Mitteln der Ironie, mit Opulenz und Sinnlichkeit.

Mike Bouchet & Paul McCarthy: “Powered A-Hole Spanish Donkey Sport Dick Drink Donkey Dong Dongs Sunscreen Model”, Portikus, nur noch bis 20. April 2014

Abgebildete Werke © Mike Bouchet und Paul McCarthy; Installationsansichten, Fotos: FeuilletonFrankfurt

→  Städelschule: Rundgang 2014 (5)

 

“Vom Dasein & Sosein. Skulptur, Objekt & Bühne” im Frankfurter Kunstverein / 6

7. April 2014

Andrea Winkler weist uns den Weg – und versperrt ihn

Absperrpfosten, wohin wir schauen. Dazu die von Flughäfen bekannten ausziehbaren Gurte, hier in den Farben Schwarz, Rot und Blau. Das sind – wir staunen und erlauben uns diesen kleinen Exkurs – die Farben der Flagge Ostfrieslands (auf ostfriesisch “Oostfreesland”). Ob die Künstlerin, im hauptstädtischen Berlin sowie im hanseatischen Hamburg wohnend, einen Bezug zu dieser etwas entlegenen und mitunter belächelten Gegend herstellen wollte? Spekulieren wir nicht – und Flughäfen gibt es dort im Ostfriesischen ja auch eher weniger.

Gold- beziehungsweise messingfarbene Ketten wirken um einiges gediegener als die Bänder, erinnern an Absperrungen von Zonen in Museen oder Kirchen, die vom Publikum nicht betreten werden sollen. Zwei blaue “Beachflags” lassen ein Gefühl von Leichtigkeit und Reisestimmung aufkommen. Dann aber wieder ein garstig anmutendes Scherengitter auf Rollen, schwarz und gelb lackiert, den Farben, die vor Gefahren warnen und in denen sperrige Maschinen oder Baustellenfahrzeuge lackiert sind. (Aber Schwarz-Gelb ist doch bereits seit einigen Monaten passee in unserer Republik …?) Ach, wir schweifen ab – ein wenig “Schuld” daran geben wir auch der Künstlerin, die ihre früheren Ausstellungen schon mal mit Titeln wie “Du kannst die Polizei belügen, aber nicht mich” oder  “Das gefährlichste Büro der Welt” oder “Wir schaffen es von hier nicht mehr an die Erdoberfläche” versah.

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Short Lets Considered, 2014, Mixed Media, Grösse variabel; diverse Installationsansichten; Courtesy the Artist and Gerhardsen Gerner

Andrea Winkler besetzt, strukturiert und öffnet zugleich mit ihren Installationen den Ausstellungsraum im Untergeschoss des Gebäudes. Der Betrachter darf, ja soll den Parcours beschreiten, den die “Personenleitsysteme” erlauben, ihm vorgeben. In der Tat geben all diese Elemente dem Raum etwas Bühnenhaftes, sie “erzählen vom intensiven Ringen mit den Möglichkeiten eines spezifischen Raumes oder Ortes und mit Varianten seiner Theatralisierung”, wie es der Kunstverein formuliert. Und weiter lesen wir dort: “In den gestalteten Räumen wohnt ein Ereignispotential, sie deuten Geschehnisse an und lassen doch völlig offen, was eigentlich geschehen könnte.”

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“Ereignispotential” manifestiert sich wahrlich in der Installation mit dem Titel “Short Lets Considered” aus dem Jahr 2014, wobei “Lets” die Bedeutung “Hindernis” annehmen kann. Aber: Wir sehen, zwischen den Absperrungen verteilt, Taschen herumliegen, Damen- und Kindertaschen in buntem Dessin, auch kleines Gepäck für einen kürzeren Strandaufenthalt. Manche der Taschen sind wiederum mit kleineren Taschen oder Bekleidungsstücken gefüllt, die Tragriemen sind auf skurrile Weise untereinander verschränkt oder gar abgerissen. Aber wo sind deren Besitzer, wo die Reisenden? Ist etwas passiert? Eine Bombendrohung, ein Attentat, eine Evakuierung? Hat man, auf einer Flucht, alles nicht unbedingt Notwendige wild von sich geworfen?

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Lassen wir den Frankfurter Kunstverein zu Wort kommen: “Die Bildhauerei ist im Wandel. Zwischen den ehemals klarer getrennten Polen der körperbildenden Sockelwerke und der situativen Rauminstallationen sind heute viele spannende Übergangsformen entstanden: zeitgenössische Entwürfe zwischen ‘Skulptur’, ‘Objekt’ und ‘Bühne’, die den funktionalen Blick auf die materielle Welt herausfordern. Die Ausstellung zeigt Werke von neun Künstlern aus Deutschland, Belgien, Schweden, der Schweiz und den USA, die sich auf unterschiedliche Weise mit Plastik und Skulptur beschäftigen. Sie kombinieren Verfahren wie Montage, Skalierung und Rauminszenierung und bearbeiten oder arrangieren Dinge, Objekte und Materialien, um deren erzählerischen Potentiale zu verstärken oder aufzulösen.”

Andrea Winkler, 1975 in Zürich geboren, studierte Visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (unter anderem bei Professor Wolfgang Tillmans) und an der renommierten Londoner Slade School of Fine Art, wo sie den Master in Fine Art Media erwarb. Die Künstlerin lebt und arbeitet, wie bereits erwähnt, in Berlin und Hamburg.

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“Vom Dasein & Sosein. Skulptur, Objekt & Bühne”, Frankfurter Kunstverein, bis 13. April 2014

Fotos: FeuilletonFrankfurt

→  “Vom Dasein & Sosein. Skulptur, Objekt & Bühne” im Frankfurter Kunstverein / 1