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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 7

23. April 2014

Ein Reisebericht

7. Teil: Granada (1) Die Alhambra

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

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Blick vom Hügel Albicín auf die Alhambra

“Granada, Du Land meiner Träume, in den Tönen des Gitanos singe ich für Dich”. Wer hat nicht die Melodie des Liedes im Ohr, das der mexikanische Komponist Augustín Lara 1932 komponierte und das grosse Tenöre, aber auch Schlagersänger gerne trällern?

“Wer Granada nicht gesehen hat, hat nichts gesehen” so heisst es in einem spanischen Sprichwort.

Granada ist eine Stadt der Sehnsucht: Es sind die Alhambra, das bedeutet im Arabischen “die Rote”, aber auch die herrliche, von der Sierra Nevada umgebene Lage, die Touristen aus der ganzen Welt jährlich anlocken.

Federico García Lorca, der berühmte Dichtersohn Granadas, nannte die Alhambra den ästhetischen Mittelpunkt der Stadt. Diese grandiose Palastanlage aus der maurischen Zeit und der Generalife, einst Lustschloss der Nasridensultane, und die wunderschönen Gärten ziehen magisch an.

Lorca konnte noch nichts von den Besucherströmen – vor allem asiatischen – ahnen, die sich durch das Weltkulturerbe bewegen, zu Spitzenzeiten sogar strömen.

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Touristen

Die Eintrittskarten hatten wir frühzeitig per Internet bestellt, und ohne Probleme und Anstehen wurden sie uns im Geschäft der Alhambra mitten im Stadtzentrum ausgehändigt.

Das grosse Anstehen beginnt in der Anlage vor dem Palast Karls V. Nur stossweise wird eine abgezählte Personenzahl in das Nasridendenkmal – zu vorgegebener Zeit – eingelassen.

Hitze und nur noch geringe Wasservorräte in der Tasche machen zu schaffen. Es dauert. Nur wenige Sitzgelegenheiten gibt es für den Besucherstrom. Beim Anstehen wechseln wir uns ab. Eine steht in der Warteschlange, die andere besichtigt derweil schon einmal den auch schattenspendenden Palast Karls I. von Spanien, der später Kaiser Karl V. wurde.

Palast Karls V.

Karl V. besuchte Granada 1526 nach seiner Vermählung mit Isabella von Portugal in Sevilla. Es ist zu vermuten, dass er kein Zentrum des Reiches in Granada schaffen wollte, wohl aber eine symbolische Erinnerung an die Eroberung des letzten maurischen Bollwerkes durch seine Grosseltern Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón. Das war 1492.

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Fassade des Palastes Karls V.

Es ist ein mächtiger Bau im Renaissancestil, der im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts – 1527 – als Kaiserresidenz begonnen, aber nicht vollendet wurde. 1568 wurden die Bauarbeiten, die Moriscos – getaufte Christen maurischer Herkunkt – ausführten, gestoppt und 1637 endgültig aufgegeben. Der Bau ist daher nicht überdacht. Erst zu Beginn der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde an der Herstellung des Gebäudes gearbeitet. Seit 1958 befindet sich im Obergeschoss das Museum der Schönen Künste und im Untergeschoss seit 1994 das Alhambra-Museum. Es beherbergt die beste existierende Sammlung von Nasridenkunst.

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Südportal

Wuchtig wirkt das quadratische Gebäude im Untergeschoss, das aufgelockert wird durch grosse Bronzeringe mit Löwenköpfen, die in die Quader eingelassen sind. Das Obergeschoss zeigt dagegen eine vielfältige Renaissance-Gestaltung.

Auch zwei römisch verzierte Marmorportale lockern die untere Fassade auf. Die Säulenpaare mit Dreiecksgiebel des Südportals, die ein Relief mit Viktoria und Löwen zieren, stehen links und rechts des Südportals auf Reliefsockeln. Auch die Reliefs am Hauptportal an der Westseite sind symbolische Darstellungen, die den Friedenswillen des Kaisers dokumentieren sollen.

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Löwenring

Erstaunen, wenn man den Palast betritt: Der Innenhof ist rund, hat zwei übereinander liegende Galerien – ein Glanzstück der Renaissance. Zweiunddreißig Säulen in dorisch-toskanischem Stil aus Konglomeratgestein tragen sie. Das ist aus Kies und Geröll zusammengeballtes Gestein, das aus Ablagerungen in Flüssen oder an Erosionsküsten weltweit vorkommt, so auch in Loja, einem kleinen Ort westlich von Granada.

Dieser schöne Innenhof ist heute auch Ort kultureller Veranstaltungen.

Der Palast grenzt direkt an die Alhambra, an die Nasridenpaläste. Warum wurde das maurische Ensemble nicht mehr respektiert, indem der Palast woanders gebaut wurde?

Wahrscheinlich sollte der Triumph des Christentums über den Islam massiv ausgedrückt werden. Der Kontrast von mittelalterlicher Architektur, islamischem Kulturgut und Renaissance-Baukunst ist ein spannendes architektonisches Zeugnis der Geschichte.

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Blick vom Alcazaba (Festung) auf den Karls-Palast und den Torre de Comares; unten Ausgrabungen

Geschichtsdaten

Zur Erinnerung einige historische Fakten:

711 wurden Granada und Córdoba von den Mauren erobert. 756 machte Prinz ‘Abd al Rahmân, der einzige Überlebende der Familie der Umayyaden, Córdoba zur Hauptstadt von al-Andalus. Der junge Prinz war aus Damaskus geflohen. Dort waren sämtliche männlichen Familienmitglieder ermordet worden. Die islamische Herrschaft auf der Halbinsel wurde durch die Gründung des Emirats Córdoba gefestigt. 785 wird mit dem Bau der Moschee (Mezquita) in Córdoba begonnen. Bis 929 bestand dieses Emirat.

Der spätere Emir ‘Abd al-Rahmân III., der ab 912 fast 50 Jahre regierte, ernannte sich 17 Jahre später zum Kalifen. Córdoba wurde Kalifat. Wissenschaftler nennen sie die längste und glanzvollste Herrscherperiode in der Geschichte von al-Andalus (Georg Bossong: “Das maurische Spanien” und Hans-Rudolf Singer: “Minarett und Kirchturm: Die arabische Herrschaft in Europa”).

Das Kalifat bestand bis 1031. Aber die Zersplitterung begann schon vorher. Es gründeten sich ab 1009 die Taifa-Königreiche. Taifa bedeutet: Schar, Gruppe, Partei, Sekte.

Die berberischen Ziriden hatten nun ihre Chance und gründeten ihr Königreich Granada, das bis 1090, 80 Jahre lang, bestand.

In dieser Zeit bauten der jüdische Magnat Samuel ha-Nagid und sein Sohn Yehosef die Alhambra, die bereits im 9. Jahrhundert erwähnte, aber verfallene Burg wieder auf, erweiterten sie und machten sie zu einer prachtvollen Residenz – zur roten Burg. Der berühmte Löwenbrunnen im Nasridenpalast soll aus dieser Zeit stammen.

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Löwe vom Löwenbrunnen im Patio de los Leones

Der Jude Yehosef erzürnte jedoch durch seinen Protz und sein Bestreben, eine jüdische Taifa zu gründen, die muslimische Bevölkerung, und es kam 1066 zum Pogrom, dem seine Familie und weitere 1500 Juden zum Opfer fielen. Granada blieb dennoch ein Zentrum jüdischer Intellektueller.

Ende des 11. Jahrhunderts gelangen die Almoraviden an die Macht nicht nur in Granada, sondern auch in anderen Städten. Dann wurden sie von den Almohaden, einer militärisch-religiösen Bruderschaft, abgelöst. Beide Dynastien kommen aus dem Berbertum.

Die Reconquista, die Rückeroberung der Halbinsel durch die Christen, wurde immer massiver: 1236 fällt Córdoba, 1248 Sevilla. Aber nicht ganz gelang die Rückeroberung: Granada blieb, regiert von der Dynastie der Nasriden, bis 1492 islamisch.

Wieso war das möglich? Muhammed I. al- Ahmar, der Gründer der Nasriden-Reiches (1237-1492), hatte König Ferdinand III. in seinem Kampf gegen Córdoba unterstützt; dafür erlaubte er ihm die Übernahme der Macht in Granada. Später musste er auch gegen Sevilla mitkämpfen und Gebiete abtreten. Er war quasi ein Vasall der christlichen Krone von Kastilien.

Als er 1237 in Granada einzog, begann er sofort mit der Bautätigkeit in und um die Alhambra, die seine Nachfolger fortsetzten. Vor allem Muhammad V., der bedeutendste Nasride, der von 1354 bis 1391 mit Unterbrechung herrschte, betrieb den endgültigen Ausbau der Alhambra. Eine friedvolle Zeit gönnte er dem Volk.

Am 2. Januar 1492 kapitulierte der letzte nasridische König, Muhammed XI., im Volk als Boabdil bekannt, nach langer Belagerungszeit und übergab dem christlichen König die Schlüssel der Stadt Granada. In der Kathedrale zeugt ein Bild von der Schlüsselübergabe.

Nur wenige Monate später unterzeichneten die katholischen Könige, Isabella und Ferdinand, in der Alhambra das Edikt, alle Juden, Sepharden, aus Spanien zu vertreiben. Die Vertreibung war endgültig und radikal.

Ritualmord-Legenden – wie sie Heinrich Heine in “Der Rabbi von Bacherach” erzählt – und die Ermordung des Großinquisitors von Aragón waren unter anderem Anlass für das Edikt. Dabei waren es immer wieder jüdische Magnaten, die das Herrscherpaar unterstützt hatten. Ausserdem fielen viele der zum Christentum konvertierten Juden der Inquisition zum Opfer.

Ein Jahrhundert später waren es die Moriscos, die christlich getauften Mauren, die ausgewiesen wurden.

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Die Alhambra vom Generalife-Palast aus

Aufbau und Verfall

Die neue historische Etappe der christlichen Könige brachte einige Veränderungen am Ensemble der Alhambra mit sich. Allerdings bemühten sich die Königshäuser, das maurische Erbe zu erhalten. Die Bautätigkeiten wurden forciert. Das Amt des Burgvogts wurde eingerichtet. Maurische Handwerker, die Moriscos, sorgten für die Instandhaltung.

Karl V. wohnte mit seiner soeben vermählten Frau, Isabella von Portugal, sechs Monate lang in der Alhambra.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Alhambra sträflich vernachlässigt. Verfall setzte ein. Am Schlimmsten war die napoleonische Invasion: Die Alhambra wurde zur Kaserne. Die Soldaten der napoleonische Armee zerstörten, plünderten und sprengten acht Türme, als sie 1812 abzogen, um die Festung nicht den spanischen Rebellen zu überlassen. Nur der mutige Einsatz des spanischen Hauptmanns vom Invalidenregiment, der in einer Schlacht ein Bein verloren hatte, verhinderte die totale Zerstörung. Ihn ehrt eine Gedenktafel.

Erst die Klagen des reisenden amerikanischen Schriftstellers Washington Irving über den Zustand der Alhambra erregten die Aufmerksamkeit der Regierung. Seine Schrift “Tales of the Alhambra” (Erzählungen von der Alhambra – 1832) brachte das Denkmal ins Bewusstsein der Reisenden.

Zwar wurden die Familien der Gouverneure, die dort wohnten und nichts zum Erhalt der Alhambra beitrugen, hinaus komplimentiert, aber Galeerensträflinge zogen ein, um dort zu arbeiten.

Die Ehefrau eines Gouverneurs “sperrte ihren Esel in der wunderbaren Kapelle ein und machte den Patio der Mezquita zu einem Schafgehege” heisst es im offizieller Führer).

Die Nasriden-Paläste

Die Aussenmauern der spanisch-maurischen Gebäude sind schlicht und glatt. Welche Pracht sich in ihnen verbirgt, ist nicht zu erkennen, auch nicht die soziale und wirtschaftliche Stellung ihrer Bewohner. Wie später zu sehen ist, werden privater und öffentlicher Bereich klar getrennt.

Endlich – nach etwa einer Stunde Wartezeit oder mehr in grosser Hitze – betreten wir den Mexuar, einen Palast aus dem 14. Jahrhundert. Sein zentraler Saal wurde mehrfach umgebaut, zuletzt im 16.Jahrhundert in eine christliche Kirche.

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Sala de Mexuar

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Täfelung der Decke, Fliesendekoration der Wände

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“Die Geometrie ist der Rahmen und die Grundlage der gesamten Dekoration”, heisst es im offiziellen Führer der Alhambra. Deutlich wird das an den Fliesen, die überall verwendet wurden. Ein Kreis mit Quadrat sind die elementaren Formen der Dekoration. Das Quadrat wird gedreht, ein Stern gebildet, der je nach Grad der Drehung acht bis vierundzwanzig Zacken haben kann. Es gibt längliche Sechsecke, viele Sternvarianten und lampenförmige Gebilde.

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Blick aus dem sich anschliessenden Betsaal (Sala de Oración)

Ein Innenhof ist schöner als der andere. Mehrere Schulklassen sind an diesem Tag in der Alhambra unterwegs. Mehr oder weniger hören diese Kinder zu. Wen wundert es bei den vielen historischen Fakten, fremden Namen und der architektonischen Vielfalt.

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Innenhof und Portikus des Cuarto Dorado (Goldenes Zimmer)

Die Sultane des 14. Jahrhunderts empfingen im Cuarto Dorado ihre Untertanen. Gegenüber dem Portikus liegt das Portal des Palacio de Comares. Es war die Residenz des Sultans und seiner Familie und zeitweise Thronsaal. Seine Fassade zählt zu den bedeutendsten Werken islamischer Kunst. Sie entstand 1370 auf Geheiss Sultans Muhammad V. und ist ein Höhepunkt der nasridischen Handwerkskunst.

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Fassade des Palacio de Comares

Prächtig ist die hölzerne Dachtraufe, ein Meisterwerk der Tischler. Fein und vielfältig sind die Stuckarbeiten mit einem Zitat aus dem Koran. Kleine Stalaktitengewölbe mit Mini-Säulen bilden ein Abschlussband.

Dann betreten wir den Patio de los Arrayanes (Myrtenhof – ursprünglich Hof des Wasserbeckens), ein beliebtes Fotomotiv. Klar gegliedert, fast streng wirkt er. Es ist wieder nicht zu vermuten, dass sich in seinem Torre, dem strengen Kubus, ein Meisterwerk von dekorativer Kunst verbirgt.

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Patio de los Arrayanes mit Blick auf den Torre de Comares

Der Patio (Innenhof) ist das Herzstück des Wohnhauses. Er ist repräsentativ für die Architektur der damaligen Zeit. Ökologische Bedeutung haben die Gärten, die Innenhöfe mit Wasserbecken und Brunnen. In seiner ruhigen Wasseroberfläche spiegelt sich die Architektur und verdeutlicht ihre Symbiose mit der Natur, “die an wenigen Orten so sehr angestrebt und so perfekt verwirklicht worden ist wie in der Alhambra der Nasriden” (Offizieller Führer).

Das Wasser ist Zeichen von Macht und Wohlstand.

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Wasserspiegelung

Von hier aus geht es zur Sala de la Barca (Saal des Schiffs, so genannt wegen seiner schiffsähnlichen Deckenform, wahrscheinlich aber abgeleitet von dem arabischen Wort al-Baraka, das bedeutet der Segen). Man vermutet, dass in diesem Saal zwischen dem Innenhof und dem Thronsaal (Salón del Trono oder Embajadores – Saal der Gesandten) der Sultan, bevor er in den Thronsaal ging, den göttlichen Segen erflehte. Unter Muhammad V. (1354-1359 und 1362-1391) wurde der Thronsaal vollendet. Sein Name ist dort auch verewigt.

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Thronsaal, Details der Wanddekoration

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Muhammad V. ist der Erbauer des Palacio de los Leones (Löwenpalast), in dessen Innenhof der weltberühmte Löwenbrunnen steht. Seine marmorne Schale wird von zwölf Löwen getragen. Auch sie aus Marmor. Sie sollen die 12 Monate symbolisieren und damit den Kreislauf der Welt. Jedes Tier hat einen anderen Gesichtsausdruck. Zum Angriff bereit, die Ohren aufgestellt, die Zähne zusammengepresst, nur die Lücke für das kleine Wasserrohr freilassend, stehen sie da – Symbole der Macht, Symbol der Sonne. Wunderbar die Details, die der Künstler herausarbeitete – Meisterwerke der Skulptur aus lang vergangener Zeit.

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Löwenbrunnen im Patio de los Leones

Wir hatten Glück: Wären wir zwei, drei Tage früher in die Alhambra gekommen, hätten wir die Löwen nicht zu Gesicht bekommen. Wir erlebten ihre Rückkehr nach mehrjähriger Renovierung. Der gesamte Hof war über Jahre Touristen nicht zugänglich. Über 200 Handwerker haben etwa ein Jahrzehnt an der Renovierung des Patio, des Brunnens, aber auch an der Hydraulik der Alhambra gearbeitet. Der Löwenbrunnen und andere Brunnen in der Anlage fliessen nun wieder.

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Ein Säulengang umrahmt den Hof.

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Säulengang um den Löwenhof

Vier Säle liegen um den Hof, einer schöner als der andere. Der Sala de Dos Hermanas (Saal der Zwei Schwestern) ist der Hauptraum, um den sich alles dreht. Seine aussergewöhnliche Kuppel ist der Höhepunkt maurischer Dekoration. Ein Stalaktitengewölbe in Sternform, das sich wieder aufteilt in sechszehn kleine Kuppeln über sechzehn Fenstern.

Gips ist das Material für viele der dekorativen Gestaltungen. Die muslimischen Handwerker verarbeiteten ihn in der Alhambra zu einzigartigen, einmaligen Gebilden.

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Decke des Sala de Dos Hermanas

“Ich rühme mich, bei meinem Herrn Mohammed, Vergangenes, Künftiges zu überragen. Bei Gott, der Bau ist schön, er übertrifft im Richterspruch des Glücks alle Paläste, so viel zur Freude bietet er dem Blick” (aus dem Gedicht “Der Saal der zwei Schwestern” von Ibn Zamrak, dem wichtigsten Dichter am Hof Mohammeds V. – zitiert aus dem Buch “Das Wunder von al-Andalus – Die schönsten Gedichte aus dem maurischen Spanien”, übertragen und erläutert von Georg Bossong).

Die schönsten und meisten Inschriften, epigrafische Dekorationen, an den Wänden der Alhambra stammen vom Hofdichter Ibn Zamrak.

“Die Verbindung von Dichtung, Kalligraphie und Architektur, wie sie in der nasridischen Alhambra verwirklicht worden ist, kennt in der Kulturgeschichte der Menschheit keine Parallelen”, schreibt der in Zürich lehrende Professor für romanische Philologie Georg Bossong.

Besonders eindrucksvoll sind die kalligraphischen Texte, die überall zu sehen sind. Derzeit werden etwa zehntausend Inschriften wissenschaftlich entschlüsselt.

Nur eine Kostprobe kann es hier geben: Die folgenden Motive befinden sich am Fries des Eingang zum Thronsaal (Sala de Comares). Es sind die Verse 5 und 10 von insgesamt zwölf Versen des Hofdichters Ibn Zamruk zu Ehren von König Muhammad V. Darin werden seine militärischen Siege besungen, vor allem der über die Christen 1369 in Algecíras.

“Und davor erobertest du zwanzig Festungen
und machtest alles was darin war zu Kriegsbeute für deine Truppen.”

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Inschriften im Myrtenhof

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“Du stiegst hinauf zum Horizont des Königreichs, aus Barmherzigkeit
um zu erhellen was die Ungerechtigekit verdunkelt hat” (Übersetzungen Astrid Greussing).

Das folgende Foto stammt aus dem Thronsaal – es ist ein Lobpreis auf den Herrscher, in Prosa geschrieben:

“Göttlicher Beistand, Stärkung und klarer Sieg für unseren Herren Abû l-Hadjdjâdj*, Beherrscher der Gläubigen; Gott befestige seine Macht und kräftige seinen Sieg!“ (Übersetzung Puerta Vílchez und Georg Bossong).

*Name mehrerer Nasriden-Könige

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Thronsaal

Man braucht Tage auch als Tourist, um diese architektonischen, bildnerischen Kunstwerke der Alhambra in ihrer ganzen Schönheit zu erkunden und viel Platz, um darüber zu schreiben. Deshalb hier nur noch ein Blick nach draussen.

Generalife

Auch die Beschreibung des grossen Areals ausserhalb der Paläste sprengt den Rahmen des Beitrags. Dennoch müssen der weiträumige Partal mit seinen Moriskenhäusern, den Casas de las Pinturas (Häuser der Maler), mit seinen Terrassen, mit dem Palacio del Pórtico und seinem Torre de las Damas erwähnt werden. Der Palacio del Pórtico ist der älteste in der Alhambra erhaltene Palast, erbaut von Muhammad II., und hat Ähnlichkeit mit dem Palacio de Comares. Auch hier ein grosses Wasserbecken.

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Palacio del Pótico und Torre de las Damas

Die Gärten sind wie eine Vorahnung vom Paradies.

Ausserhalb der Befestigungsmauern der Alhambra liegt der Generalife, ein Lustschloss der Sultane, das “Königliches Haus der Glückseligkeit” genannt wurde. Er trägt die Handschrift Muhammads II., aber auch Muhammads V., des grossen Bauherrn und Förderers der Dichtkunst und der Malerei, der 40 Jahre regierte.

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Generalife-Palast

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Es war aber auch ein Anwesen, das landwirtschaftlich genutzt wurde, wie teilweise auch heute. Im Mittealter hatte es hier vier Gemüsegärten, Obstanbau und Viehhaltung gegeben.

Abends verlassen wir durch die Puerta de las Granadas die Alhambra und erreichen über den historischen, 1150 Meter langen Fußweg Cuesta de Gomérez die Plaza Nueva im Stadtzentrum. Erschöpft steuern wir unser Stammlokal an.

Verwendete Literatur:

Jesús Bernúdez López und Mitarbeiter: “Die Alhambra und der Generalife”, Offizieller Führer

Georg Bossong: “Das maurische Spanien”, Geschichte und Kultur

Georg Bossong: “Die Sepharden”, Geschichte und Kultur der spanischen Juden

Hans-Rudolf Singer: “Minarett und Kirchturm: Die arabische Herrschaft in Europa” in: Die ZEIT – Welt-und Kulturgeschichte Bd. 6

“Das Wunder von al-Andalus”, Die schönsten Gedichte aus dem Maurischen Spanien; übertragen und erläutert von Georg Bossong

Diplomarbeit von Astrid Greussing: “Die Alhambra in Granada”, Funktion und Inhalt wichtiger arabischer Schriften, Wien 2011

Professor Georg Bossong half bei der Übersetzung der arabischen Schrift.

-  wird fortgesetzt  -

→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 6 (Cordoba)

→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 1 (Málaga)

 

FROHE OSTERN 2014!

20. April 2014

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Hans Holbein d. Ä. (um 1465 bis 1524), Hochaltar der Frankfurter Dominikanerkirche: Auferstehung Christi, 1501, Mischtechnik auf Holz, 166,3 x 150,3 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main, © Städel Museum – ARTOTHEK

 

FeuilletonFrankfurt wünscht
seinen Leserinnen und Lesern
ein frohes und gesegnetes Osterfest!


Andrea Büttner: Kunst im Campanile der Weissfrauen Diakoniekirche

18. April 2014

Eine Mönchsklause hoch über der Gutleutstrasse

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Wir wussten, dass Andrea Büttner den Auftrag erhalten hatte, den Campanile der Weissfrauen Diakoniekirche im Rahmen der umfassenden Renovierung des Turms künstlerisch auszugestalten, und was sich dort oben, in der zweiten Turmetage, tat, war eigentlich nicht zu übersehen, schon gar nicht von den Besuchern der Kunstereignisse, die in der Kirche regelmässig stattfinden. Für den Herbst dieses Jahres, wenn auch die Aussenanlagen des Grundstücks neu hergerichtet sein werden, ist eine entsprechende Eröffnungsveranstaltung geplant.

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Bis zum Herbst also warten? Diese Vorstellung stachelte unsere ohnehin über die vergangenen Wochen gewachsene Neugier, was es mit dem sauber gefügten Holzbretterverschlag hoch über der Gutleutstrasse wohl auf sich haben könnte, bis zum Es-geht-nicht-mehr an. Der Kurator zeigte ein Einsehen und gewährte dem Nachsuchenden Einlass.

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Vom Aufgang zum Kirchengebäude in der ersten Etagenlage geht es über eine kleine Brücke zur verschlossenen Tür des Campanile, dann eine schmale, steile Wendeltreppe nach oben, und wir stehen vor einer weiteren Tür, deren Öffnung uns in das Geheimnis eintreten lässt: einen kleinen, gänzlich aus Holz adrett gefertigten Raum, einer Klosterzelle oder klösterlichen Klause nachempfunden.

Eine gute Stunde bis zur Schliessung der Kirche hielten wir uns, nachdem wir die Aufsicht gebeten hatten, uns ja nicht zu vergessen, an diesem einsamen Ort auf. Die Intention der Künstlerin geht allerdings dahin, dass der Besucher zumindest eine Nacht dort in der “Höhe” verbringen sollte: über dem “Darunter” auf der Strasse – dem Eingang zum Obdachlosentreff der Diakonie “Weser 5″ im Untergeschoss der Kirche.

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Der Raum überrascht uns: Im Grunde genommen geht es sehr viel komfortabler zu, als wir es uns vorgestellt hatten, es ist alles da, was man braucht, in einfacher zwar, aber gediegener Ausführung. Ein Tisch und ein Stuhl, ein Hängeregal und eine Wandnische, ein Einbauschränkchen als Raumteiler mit zwei Türen und zwei Schubläden in freundlichem Grün, eine Zimmerbeleuchtung und ein modernes, komfortables Bett samt Decke und Kopfkissen. An dessen Kopfende zwei kleine Fensterchen nach Osten, ein drittes kleines nach Süden gerichtet: der Morgen- und Mittagssonne wird Einlass gewährt. Kleine Vorhänge lassen Intimität zu, eine winzige Wandnische in Dunkelblau, mit Leseleuchte versehen, lädt zum Ablegen eines Buches ein, eine Bibel passt gewiss hinein.

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Wir setzen uns nieder an den Tisch, der Blick geht hinaus durch das nach Westen gerichtete grössere Fenster, und wir gewahren, erneut überrascht, dass wir uns auf gleicher Höhe mit dem Friedensengel befinden, der die strassenseitige Fassade der Kirche ziert. Die rund drei Meter an Höhe messende Skulptur hat der rheinische Metallbildhauer Professor Joseph Jaekel (1907-1985) geschaffen.

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Eine fensterlose Tür lässt sich zur Strassenseite hin öffnen. Viel Raum bleibt nicht bis zum Gitterwerk des Turms. Wir schliessen sie alsbald wieder, dem Verkehrslärm dort unten in der Tiefe geschuldet.

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Zur weiteren künstlerischen Ausgestaltung des Campaniles gehören die Erneuerung des Gitterwerks, nunmehr statt in Beton in Holz, eine hölzerne Verkleidung der Unterseite des Turms sowie vier Bronzeskulpturen an dessen Fassade: zwei kleinere und zwei grössere. Eine von ihnen erinnert an einen Hund, alle vier könnten jedoch, so Kurator Thomas Kober, als Griffe verstanden werden, an denen man sich festhalten könne – Symbol für das Haltfinden im Glauben. Könnte – möchten wir hinzufügen, denn die Griffe befinden sich in für Fussgänger unerreichbarer Höhe.

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Tatsächlich bietet die Diakonie einen Aufenthalt in der Turmklause an; Sanitärraume und eine kleine Küche befinden sich im Anbau der Kirche, zu dem man dann einen Schlüssel erhält. Mitglieder der Künstlergruppe RaumZeitPiraten hatten während ihrer Ausstellung in der Kirche vor zwei Wochen wohl als erste davon Gebrauch gemacht.

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Immer wieder eindrucksvoll und den Besuch wert: die Glasfenster der Kirche. Die oberen runden Fenster gestaltete der zuletzt in Darmstadt lebende, im Oktober 2013 verstorbene Maler und Bildhauer Helmut Lander. In dem einen der beiden Motivfenster sehen wir einen herniederfahrenden Engel mit Schwert, in dem anderen den in den Himmel auffahrenden Christus.

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Einigen Arbeiten von Andrea Büttner – 1972 in Stuttgart geboren, die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt – sind wir bereits begegnet: 2012 auf der Kasseler documenta 13 und im vergangenen Jahr im MMK-Zollamt, wo sie eine eindrucksvolle Einzelausstellung – ihre erste in einem musealen Rahmen – hatte.

Büttners akademische Karriere ist mehr als bemerkenswert: Im Jahr 2000 schloss sie ihr Studium an der Berliner Universität der Künste als Meisterschülerin ab, 2003 erwarb sie den Magisterabschluss für Kunstgeschichte und Philosophie an der Humboldt-Universität und 2010 den angelsächsischen Doktortitel Ph.D (Philosophical Doctorate) am Royal College of Art in London. Seit 2012 hat Andrea Büttner eine Professur an der Kunsthochschule Mainz (Klasse für Zeichnung) inne. Unter ihren vielfältigen Auszeichnungen kommt dem Maria Sibylla Merian-Preis (2009) des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst besonderes Gewicht zu.

Fotos: FeuilletonFrankfurt

 

Margarethe Kollmer: nicht nur Videokünstlerin

14. April 2014

Wir holen etwas weiter aus: Nach Einführung der Videotechnik, insbesondere seit der Digitalisierung und Miniaturisierung und damit der Allverfügbarkeit entsprechender Geräte wurde es nahezu jedermann möglich, sein eigener Autor, Regisseur, Kameramann und Produzent zu sein, das neue Medium erfuhr eine flächendeckende “Demokratisierung”. Bereits Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre hatte die Entwicklung der Videokunst zu einer eigenständigen Kunstgattung begonnen. Die documenta 11 im Sommer 2002 in Kassel war bereits massgebend von Videokunst geprägt (SPIEGEL ONLINE kritisierte damals allerdings noch: “stetigem Video-Geflimmere”). Seit langem bietet die Hochschule für Gestaltung HfG in Offenbach den Studiengang Visuelle Kommunikation mit entsprechenden Lehrinhalten an, und die Städelschule in Frankfurt unterhält eine Professur “Film”, die selbstverständlich auch den Bereich Video umfasst und die derzeit der bekannte Film- und Videokünstler Douglas Gordon mit der “Filmküche” innehat.

Videokunst – ein heute vielleicht schon eher bereits veralteter Begriff – wird, neben der Digitalen Kunst, der Computer- oder elektronischen Kunst, vielfach als Teil einer “Medienkunst” verstanden. Die Entwicklung ist dynamisch – man spricht bereits von Netzkunst, Softwarekunst oder Game Art und manch anderem mehr. Die Übergänge von einer Gattung zur anderen sind ebenso fliessend wie die Übergänge zwischen Videokunst und Filmkunst – gerade manche Arbeiten von Douglas Gordon gelten hierfür als Beispiele.

Zur Videokunst gehören zum einen die vielfach dokumentierenden Charakter tragende Video-Performance, bei der sich mitunter der Künstler selbst – auch ganz unmittelbar körperlich – in den Mittelpunkt der Arbeit stellt bzw. sich zu ihrem Gegenstand macht, zum anderen die Video-Installation und auch die “Video-Skulptur”, die oft einen ortsspezifischen Ansatz verfolgen und die sich medienübergreifend mit anderen künstlerischen Ausdrucksformen verbinden können. Mitunter ist auch der das Kunstwerk bildende künstlerische Prozess selbst Gegenstand des Werkes. Meist handelt es sich dabei um mehr oder weniger ausgeprägt konzeptuelle Arbeiten.

Die Videokunst erweist sich für den Künstler als ein komplexes wie schwieriges Terrain: In einer von ständigen Beschleunigungsprozessen geprägten Gesellschaft (jene Prozesse erfahren übrigens gerade auch in der Videokunst Widerhall und Reflexion) fordert sie vom Betrachter Geduld: Kann der an das häusliche Fernseh-Zapping Gewohnte (“Fernseh-Zapper” bleiben im Durchschnitt nur rund zwei Minuten ununterbrochen bei einem Programm, selbst “Fernseh-Verweiler” noch nicht einmal eine Viertelstunde¹) an einem Bild, an einer Skulptur, an einer Installation nach einem ersten Blick rasch vorübergehen, nötigt ihn ein Video zum Bleiben. Man muss sich eine Videoarbeit schon einmal in voller Länge ansehen, auch wenn manche Videos als Loop geschaffen sind, also zeitlich unabhängiger angesehen werden können, und manch andere wiederum – auch nach der Intention des Künstlers selbst – zunächst kein vollständiges Betrachten der gesamten Sequenz erfordern.

Schwierig schliesslich bleibt das künstlerische End-Produkt als solches – und auch seine Verkäuflichkeit: in Gestalt eines heute ausschliesslich digitalen Datenträgers (auch dessen Haltbarkeit ist jedoch zeitlich begrenzt), signiert und vielleicht im Rahmen einer Künstleredition präsentiert. Als Käufer von Produkten der Videokunst kommen primär Museen und spezielle Sammler in Betracht. Videokünstler sehen zu Recht davon ab, ihre Werke allgemein zugänglich ins Internet zu stellen. Videokunst kann jedoch nicht an die Wand gehängt oder auf einer Vitrine platziert werden, versagt sich also generell einem traditionellen “bürgerlichen” Akzeptanz-, Rezeptions- und Konsumverhalten.

Heute stellen wir eine Künstlerin vor, die sich derzeit im Schwerpunkt der Videokunst widmet, aber auch in der Malerei bereits erfolgreich unterwegs war (unter anderem im Frühsommer 2011 in der Ausstellung “Datumsgrenze” im Frankfurter 1822-Forum, die ein Katalog dokumentiert) und die sich nicht auf eine Kunstgattung festlegen will: Margarethe Kollmer.

Die Künstlerin, die bereits über einen Diplom-Abschluss Visuelle Kommunikation an der HfG Offenbach verfügt (Studiengänge Kunst und Medien, Professoren Heiner Blum und Alex Oppermann), verliess vor wenigen Tagen zum Semesterschluss als Absolventin der Filmklasse des bereits vielfach erwähnten Professor Douglas Gordon die Städelschule. Wir werden ihr im Sommer im Rahmen der Absolventenausstellung 2014 gewiss wiederbegegnen.

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Noch keine Videokunst und gut an eine Wand zu hängen: “I think it is fair if you clap at least as long as it took me to perform this”, Installation, Tintenstrahldruck, 2012; Foto: © Margarethe Kollmer

Margarethe Kollmer untersucht unser Sehen, unsere Sehgewohnheiten, unsere Wahrnehmungen und überhaupt unser Wahrnehmungsvermögen und damit unsere Erkenntnismöglichkeiten in einer von Medien bestimmten Welt. In einer Urstufe konnten die Menschen im Grunde “nur” all das erkennen und für ihr konkretes Leben und Handeln verarbeiten, was sie mit ihren eigenen Augen und Ohren vor Ort sahen bzw. hörten. Mediale Einflüsse ergaben sich bereits durch optisch vermittelte bildliche oder skulpturale Darstellungen. Banales Beispiel: Auch eine Ansicht Venedigs von Canaletto (Giovanni Antonio Canal) vermittelte als Medium, über die Alpen nach Norden gebracht, seinerzeit jemandem, der nie in dieser Stadt war, einen Eindruck von ihr, der Grundlage seiner weiteren (etwa kaufmännischen) Aktivitäten sein konnte.

Heute wird das Sehen, Hören, Wahrnehmen und Erkennen durch eine Vielzahl von wesentlich komplexeren, vor allem elektronischen Medien – Fernsehen, Hörfunk, Internet, “Social Media” – bestimmt und dabei gefiltert und gebrochen, und Filterung bedeutet vielfach Veränderung, Verfremdung, auch Verfälschung. Zwar kann durch heutige Übertragungstechnik ein Europäer fast zeitgleich sehen, was zum Beispiel in Amerika geschieht. Und doch trennt die mediale Vermittlung und Filterung ferner Geschehnisse das in der Ferne real Existierende von dem, was bei unserem Beispiels-Europäer “ankommt” und was dieser dann für real und “wahr” hält. Das eigene Urteil wird letztlich durch das medial vermittelte Urteil anderer ersetzt. Die Diskussion der Gefahren, die sich damit verbinden, füllt bereits Bibliotheken.

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Meeting, Videoinstallation 40”, 2012; Foto: © Margarethe Kollmer
“Zwei Screens zeigen das gleiche Video zeitversetzt. Man sieht die je entgegengesetzten Richtungen einer auf und ab gehenden Bewegung auf einer Waldlichtung.”

In ihren Arbeiten – drei möchten wir hier etwas näher vorstellen – “bricht” Margarethe Kollmer also unsere Wahrnehmungsgewohnheiten und Erkenntnismöglichkeiten gleichsam wie durch ein Prismenglas betrachtet, dekonstruiert sie und konstruiert sie neu. Und auch das Wesen sowie der Ablauf von Zeit spielen in ihren Arbeiten eine gewichtige Rolle.

In einer wunderbaren Arbeit, der wir insoweit einen Schlüsselcharakter zumessen, der tonlosen Videoinstallation “Der Weg hierher”, gelingt es der Künstlerin, mit äusserst sparsamen, reduzierten Mitteln die Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter zu hinterfragen, vielleicht aufzulösen: Die Künstlerin geht und “filmt” dabei mit der Videokamera ein Stück des Wegs vom Frankfurter S-Bahnhof Konstabler Wache zu ihrem temporären Ausstellungsort im damals leerstehenden Gebäude der “Diamantenbörse”. Notwendiger – und unentrinnbarer – Weise beschreitet der Betrachter des Videos den gleichen, von der Künstlerin bereits gegangenen Weg dorthin, in der gleichen zeitlichen Dauer, wobei diese im Video festgehaltene Wegbeschreitung die künstlerische Arbeit bereits selbst bildet, die wiederum in das Fenster des Ausstellungsortes projiziert wird. Eine ungemein komplexe, mit Raffinement ausgeführte, hochkonzeptuelle wie geniale Arbeit. Auf eine gewisse Weise wird der Betrachter indirekt Teil der Videoarbeit und somit Teil des Kunstwerks: Kollmer ist dabei, die Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter aufzulösen.

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Weg hierher, Videoinstallation, 2’22”, 2011; Foto: © Margarethe Kollmer
“Ein Video, das den Weg von der S-Bahn Station zum Ausstellungsort zeigt, wird in dessen Fensterfront projiziert. Es zeigt den Abschnitt des Weges, den Leute, die dorthin gehen, am wahrscheinlichsten mit mir gemeinsam haben.”

In ihrem ebenfalls tonlosen Video “Shift” zeigt Margarethe Kollmer eine Fahrt durch eine winterliche Schneelandschaft. Wiederum arbeitet sie mit schlichten, reduzierten handwerklichen Mitteln. Was zunächst als ein einfaches Vorhaben erscheinen mag, gerät in der künstlerischen Ausformung zu einem überaus vielschichtigen Videokunstwerk. Zum einen sehen wir die Landschaft durch einen Spiegel gedoppelt; zum anderen stellt die Künstlerin die gespiegelte Ansicht von der Horizontalen in die Vertikale. Und – drittens – lässt sie die Spiegelachse sich langsam nach links verschieben – “Shift”!

Wir sehen eine wunderbar ruhige Kamerafahrt, die die Stille einer Winterlandschaft auf eine fast schon übersinnliche Weise wider”spiegelt” und erleben lässt. Es ist nur auf den ersten Blick ein Paradoxon: Durch die horizontal-vertikale Verschiebung scheinen die kleinen, nicht von Schnee bedeckten, mal helleren, mal dunkleren Flächen wie ein vom Himmel fallendes, eben dunkleres “Schneerieseln”, dessen Anblick etwas Meditatives hat. Während sich die Spiegelachse langsam immer weiter nach links bis zum Bildrand verschiebt, den Betrachter also den Ablauf von Zeit unmittelbar sinnlich-visuell erfahren lässt, passiert etwas Unerwartetes: Dunkle Strukturen erscheinen am rechten Bildrand, wie von höher und höher wachsendem Gestrüpp neben Baumstämmen konturiert. Und dann verzaubert die Spiegelachse die Szenerie zu einer dreidimensional wirkenden bizarren Skulptur: Eine Figur scheint emporzuwachsen, einem Totempfahl ähnlich, mit zeremonieller Kopfbedeckung, übergrossen Augen und weit ausgebreiteten Schmetterlingsflügeln. Sie wandert in die Höhe und wir sehen röntgenbildartige Strukturen, immer noch dreidimensional anmutend, wir stellen uns von Schlingpflanzen überwucherte Skelette am Monitor eines Computertomografen vor. Ein wenig gespenstisch, ja alptraumhaft erscheint diese Sequenz, doch wandern diese zuvor nie gesehenen Bilder, sich dem Betrachter nach vorne zudrehend, langsam mit der Spiegelachse dem linken Bildrand zu und verschwinden. Und wir befinden uns wieder in jener zu Beginn des Videos gesehenen Schneelandschaft.

Thomas Manns Kapitel “Schnee” – mit dem das “innere” wie “äussere” Geschehen, das Leben, die Liebe und den Tod umspinnenden “Schneetraum” des Romanhelden  – in Manns legendärem “Zauberberg”, dem nach unserer Ansicht wichtigsten Schlüsselroman des 20. Jahrhunderts, kommt uns in lebendige Erinnerung. Vor Jahrzehnten mehrfach gelesen und in der weit zurückliegenden Abiturprüfung erfolgreich diskutiert werden wir ihn über die Ostertage, durchaus willkommen, wieder einmal zur Hand nehmen. Auch und gerade solches kann ein Video von Margarethe Kollmer bewirken. Aber wir sehen diese grossartige Arbeit heute auch unter weiteren Vorzeichen – einer Meditation, einer Transzendenz, einer meditativen Reise in ein weites, gar nicht bedrohliches Reich der Träume und Fantasien.

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Shift, Videoloop, 426”, 2011; Foto: © Margarethe Kollmer
“Fahrt durch eine
gespiegelte Schneelandschaft, bei der sich die Spiegelachse langsam nach links verschiebt.”

Gänzlich anders die Arbeit “per Sie” der Künstlerin. Nach “Shift” weckt und rüttelt sie uns auf in der von naturwissenschaftlichem Fortschritt und von Hochleistungstechnik geprägten Realität unserer Tage – und hat doch, wie “Shift”, nur eben auf eine andere Weise, etwas von Transzendenz. In der mit einem Ton unterlegten, sehr farbintensiven Arbeit geht es “himmel”wärts – zu einem Parabelflug, bei welchem die Mitfliegenden für die Dauer von etwa 20 Sekunden einen Zustand von Schwerelosigkeit erreichen.

Statische Filmaufnahmen aus einem wissenschaftlichen Parabelflug werden vom Bildschirm abgefilmt. In den verschiedenen Clips werden die Bewegungen der Wissenschaftler von der Kamera nachvollzogen,  wobei diese sich dem Bildschirm währenddessen immer weiter annähert” – so beschreibt die Künstlerin ihre Arbeit. Wir sehen Wissenschaftler in blauen und roten Overalls, sie hantieren an Apparaturen und vollziehen in der Schwerelosigkeit fliessende, gleitende, fallende und sich wieder aufrichtende Bewegungen. Zu hören sind ein Hintergrundrauschen, ein Atmen vielleicht der Beteiligten, klickende und knarrende Arbeitsgeräusche. Gesprochen wird nicht. Die kräftigen, flächigen Farben geben dem Video eine Anmutung von Malerischem.

Wieder verfremdet und bricht die Künstlerin mit ihrer beschriebenen besonderen Arbeitstechnik das sich auf dem Bildschirm vollziehende und also bereits mehrfach medial vermittelte Geschehen. 20 Sekunden Schwerelosigkeit (im wissenschaftlichen Betrieb werden stets mehrere “Parabeln” hintereinander geflogen) werden zu einer siebeneinhalbminütigen – vom Betrachter gefühlten – “Ewigkeit” verformt und im künstlerischen Prozess in einer neuen Dimension verfügbar gemacht. Wir verstehen dieses Werk auch als eine Metapher für das dem Menschen immanente, nie enden wollende Bestreben, sich selbst und die Welt um ihn herum, Raum, Zeit und Gravitation zu erkunden, in immer weitere, immer fernere Dimensionen vorzustossen, ähnlich dem Wesen des sich ständig entwickelnden Künstlers auf der Suche nach dem finalen, absoluten Kunstwerk. Wiederum eine grossartige Arbeit.

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per Sie, Videoinstallation, 732”, 2012; Foto: © Margarethe Kollmer
Statische Filmaufnahmen aus einem wissenschaftlichen Parabelflug werden vom Bildschirm abgefilmt. In den verschiedenen Clips werden die Bewegungen der Wissenschaftler von der Kamera nachvollzogen,  wobei diese sich dem Bildschirm währenddessen immer weiter annähert.”

Margarethe Kollmer, 1984 in Schweinfurt geboren, studierte zunächst Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie Freie Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Über ihre beiden erfolgreich abgeschlossenen weiteren Studiengänge an der HfG Offenbach und an der Städelschule haben wir bereits oben informiert. Die Künstlerin, die in Frankfurt am Main lebt und arbeitet, stellte bereits vielfach im Rhein-Main-Gebiet, in Deutschland und Europa aus.

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Margarethe Kollmer vor der Fassade des Frankfurter Portikus; Foto: FeuilletonFrankfurt

Wir sprachen bereits von dem Künstlertum, das stets auf der Suche nach dem finalen und absoluten Werk strebt. Wir könnten damit auch Margarethe Kollmer gemeint haben, deren bisherige Arbeiten auf ein grosses kreatives künstlerisches Potential schliessen lassen. Doch würde es uns wenig überraschen, wenn sie neben ihrer künstlerischen Arbeit neue Herausforderungen in einer Erweiterung ihrer bereits zweifach abgeschlossenen akademischen Ausbildung suchte. Wir werden Margarethe Kollmer – so oder so – nicht aus den Augen lassen!

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¹) Quelle: AdTrend 2009/SevenOneMedia

s. a.:  → Preis “ZONTA Art Contemporary” für Eva Weingärtner
→ Im Körpereinsatz: Vito Acconci im Künstlerhaus basis

“Landschaft im Dekolleté – Fenster als Element und Metapher” in den Opelvillen

13. April 2014

Facettenreiche Hommage für das Fenster

Von Hans-Bernd Heier

Was hat es mit dem Titel auf sich? “Landschaft im Dekolleté” klingt widersprüchlich, geradezu surreal und lässt an René Magrittes Werke denken. Ist es nicht ein Widerspruch in sich, eine Landschaft im Ausschnitt zu vermuten? Denn der Ausschnitt steht für Begrenzung und Grenzen, während Landschaft für Weite steht. Dennoch hat Beate Kemfert, Kuratorin und Vorstand der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim, diesen geheimnisvollen, ja fast kryptischen Titel gewählt, dessen zweiter Teil “Fenster als Element und Metapher” verdeutlicht, um was es in dieser Schau geht.

Fenster sind ein faszinierendes Thema, das Künstlerinnen und Künstler seit der Renaissance immer wieder dargestellt haben. Das Sujet diente ihnen als Inspirationsquelle. Auch heute setzen sich viele Kunstschaffende mit den Widersprüchen und Gegensätzen thematisch auseinander. Sie reizt es, mit dem Motiv des Fensters “eben jene Schwelle zwischen Innen und Außen, Heim und Natur, Geborgenheit und Entgrenzung, Bekanntem und Unbekanntem, Fassbarem und Geheimnisvollem wieder neu auszuloten”, so Beate Kemfert.

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Die Kuratorin Beate Kemfert vor verschlossenem Fenster in den Opelvillen; Foto: Hans-Bernd Heier

Mit über 120 Fotografien und Objekten von fünfzehn Künstlerinnen und Künstlern aus acht Ländern präsentieren die Opelvillen bis zum 20. Juli 2014 in der sehenswerten Schau Schlüsselwerke aus den Jahren von 1984 bis 2013. Die kontrastreiche Welt der Fenster beleuchten Jessica Backhaus, Lucinda Devlin, Lara Faroqhi, Simone Fischer, Thomas Florschütz, Andreas Gefeller, Sibylle Hoessler, Clay Ketter, Andrej Krementschouk, Beatrice Minda, Loredana Nemes, Marja Pirilä, Inta Ruka, Ulrich Schwarz (Video) und Shizuka Yokomizo in ihren Arbeiten.

Dem Fenster kam in der Fotografie von Anbeginn an eine essentielle Rolle zu. Allein aus praktischen Gründen war der Blick aus dem Innenraum heraus eines der ersten fotografischen Sujets – ohne die lang anhaltende Lichtquelle eines Fensters wäre keine ausreichende Belichtung möglich gewesen. Dies ist jetzt zwar technisch nicht mehr erforderlich, dennoch hat das Thema Fenster auch für die heutigen Fotokünstler nichts an Reiz eingebüßt.

Simone Fischer, M27_scratch 01, 2009-10 © Simone Fischer-430

Simone Fischer, scratch 01 aus der Serie: M27, 2009-2010, 36 Prints auf Alu-Dibond, 18 x 13,5 cm; © Simone Fischer

Simone Fischer fuhr ein Jahr lang für ihre konzeptionell angelegte Fotoserie mit einem Bus immer dieselbe Strecke. Ziel der 1961 in Schondorf geborenen Künstlerin war dabei, jeweils ein Foto durch eine verkratzte Busscheibe aufzunehmen. Obwohl Fischer immer dieselbe Linie und dieselbe Uhrzeit wählte, traten durch die wechselnden Busse veränderte Kratzspuren auf. Die Membran zur Außenwelt ist in ihrer 36-teiligen Fotoserie stets gestört. Eine Auswahl ihrer durch Kratzspuren getrübten kleinformatigen Schnappschüsse empfängt die Besucher zu Beginn der Präsentation.

Jessica Backhaus, What still remains_Orchids in Salzburg © Jessica Backhaus-430

Jessica Backhaus, Orchids in Salzburg, 2006, aus der Serie: What still remains, farbiger C-Print, 96 x 71 cm; © Jessica Backhaus, courtesy by Robert Morat Galerie, Hamburg

Ans Fenster zu treten und nach draußen zu schauen, ist ein natürlicher Vorgang. Unser Blick ist jedoch ein anderer, wenn wir uns an einem fremden Ort befinden. Die viel gereiste Jessica Backhaus tritt in verschiedenen Ländern ans Fenster. Vierzehn Jahre lang war für die 1970 in Cuxhaven geborene Künstlerin New York Wahlheimat, bevor sie 1992 nach Berlin ging. In ihren Fenster-Bildern spiegelt sich ihre Suche nach Zeit und Bedeutung im wahrsten Sinne des Wortes. Den vergänglichen Augenblick festzuhalten fasziniert Backhaus ebenso wie die Erfahrung des Verschwindens und Entgleitens.

Shizuka Yokomizo, Stranger No

Shizuka Yokomizo, Stranger No.10, 1999, C-Print, 108 x 127 cm; © Shizuka Yokomizo

Die Kluft zwischen Fotograf und Abgebildeten, also zwischen “ich” und “du”, hält Shizuka Yokomizo am radikalsten fest. In der konzeptionellen Serie “Stranger” blieb sie für die Porträtierten anonym, auch wenn Yokomizo die Zusammenarbeit mit ihnen suchte. Die 1966 in Tokio geborene Japanerin schickte Briefe an die Bewohner zufällig ausgewählter Wohnungen in London, Tokio, Stockholm, Berlin oder Paris und bot ihnen darin eine bestimmte Zeit an, in der sie vor ihr Fenster treten konnten, damit Yokomizo diese von der Straße aus in einer alltäglichen Situation fotografieren konnte. In jedem Foto hielt die Künstlerin die Kommunikation zwischen zwei Menschen fest, die ihre Distanz als Fremde auch nach dem Fotoshooting nicht aufgaben. Auch nachher begegneten sie sich nicht persönlich und hatten keinerlei direkten Kontakt. Mit diesen Arbeiten verzeichnete Yokomizo großen Erfolg; die Arbeiten waren im Jahre 2010 im Tate Modern in London und 2013 auch im J. Paul Getty Museum in Los Angeles zu sehen.

Loredana Nemes_ÜNAL_SVGALA_Neukölln_2009 © Loredana Nemes-430

Loredana Nemes, Ünal (1) aus der Serie: beyond, 2008-2010, Neukölln, 2009, Silbergelatine auf Barytpapier, 100 x 88 cm; © Loredana Nemes; Courtesy Galerie Anita Beckers, Frankfurt

Einen völlig anderen Ansatz für Ihre Arbeiten wählte Loredana Nemes. Sie fotografierte Männerwelten in türkischen, orientalischen und arabischen Männercafés in Berlin. Die 1972 in Rumänien geborene Künstlerin, die jetzt in Berlin lebt und arbeitet, bat die Besucher der Cafés, sich für ein Foto hinter die Scheibe zu stellen, da ihr als Frau der Zutritt verwehrt blieb. Das Fensterglas wird so zu einer Außenmembran, die die Innenwelt nur schemenhaft andeutet und die Trennung zwischen den Welten visualisiert. Das Ergebnis dieses fotografischen Dialogs sind verfremdete Porträts von Aziz, Beker und Ünal. Nur schemenhaft sind die Männergesichter hinter milchigen Fensterscheiben und Gardinenmustern zu erkennen: Ihre Konturen sind verschwommen, die Gesichtszüge nur vage zu sehen.

Lucinda Devlin, Final Holding Cell, Texas State Prison, 1992 © Lucinda Devlin, DZ BANK Kunstsammlung, Frankfurt-500

Lucinda Devlin, Final Holding Cell, Texas State Prison, 1992, Chromgenic Color Print, 74 x 74 cm; © Lucinda Devlin; DZ Bank Kunstsammlung Frankfurt

Unmöglich wird der Blick ins Freie, wenn sich das Fenster über Kopfhöhe befindet, wie Lucinda Devlin zeigt. Die 1947 in Michigan geborene Amerikanerin erkundet Todeszellen, in die der zum Tode Verurteilte gebracht wird, sobald das Hinrichtungsdatum feststeht. Hier beginnt die “Totenwache” des Häftlings, der in den letzten 24 Stunden seines Lebens rund um die Uhr beobachtet wird, um sicherzustellen, dass er keinen Selbstmord verübt. Das kleine Fenster der Todeszelle des Gefängnisses von Huntsville in Texas biete keine Sicht mehr auf die Außenwelt.

Ulrich Schwarz, FAST FORWARD, Videostill (01002000) © Ulrich Schwarz-650

Ulrich Schwarz, Fast Forward, 2012, Videostill; © Ulrich Schwarz

Das Thema Zeit, das ein Fenster durch wechselnde Helligkeiten hervorrufen kann, setzt Ulrich Schwarz filmisch um. Die Fassade einer Sporthalle aus den 1980-er Jahren in einer italienischen Kleinstadt nutzt er als Gerüst farblicher Veränderungen. Der Künstler, 1963 in Wuppertal geboren, spürte in der Nähe von Rom in Paliano einen seit Jahren unbenutzten Gebäudekomplex auf, bei dem sich zwischen Hauptfassade und Sporthalle eine Rampen- und Treppenanlage befindet. Mit abnehmendem Licht werden die Fenstersprossen unscharf und das filmische Bild in dem 30-minütigen Video ähnelt zunehmend einer Zeichnung.

Clay Ketter, MADRE_Veduta 4, 2011 © VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Courtesy Clay Ketter, Sonnabend Gallery, NY-430

Clay Ketter, Veduta 4 aus der Serie MADRE, 2011, Lightjet-Print, Diasec, 190 x 150 cm; © VG Bild-Kunst, Bonn, 2014; Courtesy Clay Ketter, Sonnabend Gallery, New York

In Clay Ketters großformatigen Fenstermotiven erhalten die Rahmen besondere Bedeutung, was erst bei genauem Hinsehen offenbar wird. Ketter ist der einzige in Rüsselsheim gezeigte Fotokünstler, der digital arbeitet. In Neapel im Museum Madre Veduta machte er zunächst Aufnahmen von offenen Fenstern und dann von gegenüberliegenden Wandoberflächen und Architekturstrukturen. In dem ersten Negativ hielt er den Fensterrahmen mit normalem Objektiv fest. Für die zweite Aufnahme des Ausblicks verwendete er ein Weitwinkelobjektiv. Das Fotomaterial setzte der 1961 in Brunswick, USA, geborene Künstler anschließend zusammen, ohne den Ausblick zu manipulieren. Seine Bildcollage verlagerte Ketter in die Fensterscheiben.

Der Gedanke, die Außenwelt mit dem Innenraum zu vereinen, führte Marja Pirilä zurück zur Camera obscura. Die 1957 geborene Finnin porträtiert zunächst Menschen in deren Privaträumen, doch wandelt sie diese zuvor mit Hilfe von schwarzer Plastikfolie und konvexen Linsen zur dunklen Kammer der Camera obscura um. Auf die Wände wird dadurch die Szenerie, die sich außerhalb des abgedunkelten Fensters darbietet, projiziert, und zwar auf dem Kopf stehend. Die Überlagerung der Außenwelt und der Personen in ihrem Raum vereint Pirilä schließlich in einer Aufnahme. Die Landschaften erscheinen nun wie Gedanken, Träume und Ängste, die die Bewohner in ihren privaten Wohnräumen durchdringen.

Camera obscura/ Kaarina 2004, Tampere

Marja Pirilä, Camera obscura/Kaarina, Tampere Finnland, 2004; Pigmentdruck auf Fotopapier, 111 x 141 cm; © VG Bild-Kunst, Bonn, 2014

Die Möglichkeiten fotografischer Mittel lotet auch der 1957 in Zwickau geborene Thomas Florschuetz aus, allerdings nicht digital, sondern im Nebeneinander verschiedener Fotografien. Nach innen geöffnete, doppelflügelige Fenster gliedern den Bildraum in eine gitterartige Struktur, die Durchblicke und Spiegelungen hinter- und übereinander staffelt. Manche Scheiben zeigen eine Spiegelung des Außenraumes und lassen gleichzeitig den Innenraum durchblicken.

Thomas Florschütz, Multiple Entry 41, 1997-98 © VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Courtesy Diehl, Berlin und Thomas Florschütz (2)-500

Thomas Florschuetz; Multiple Entry 41, 1997/1998, 10-teilig, C-Prints, Diasec, je 72 x 49 cm; © VG Bild-Kunst, Bonn, 2014; Courtesy Galerie Volker Diehl, Berlin

Das Fenster wurde auch bei Lara Faroqhi zu einem wichtigen Element in ihren Arbeiten. Das zeigen nicht nur die Bodenreliefs, sondern auch die “Glasbögen”. Diese fragile Installation der 1968 in Berlin geborenen Künstlerin mutet orientalisch an und nimmt Bezug auf Fensterformen einer Moschee im spanischen Cordoba, die auf die Zeit der islamischen Expansion im 8. Jahrhundert zurückgeht. Faroqhi übersetzt die gefundene Form zu einem transparenten Fenstergebilde aus vielen Einzelteilen und schafft einen Raum aus Bögen.

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Die Kuratorin, eingerahmt von Lara Faroqhis “Glasbögen” aus dem Jahr 2000; gebranntes Glas, Kupfer, Messing, 226 x 93 x 150 cm, Foto: Hans-Bernd Heier

Auch die hier nicht besprochenen Werke von Andreas Gefeller, Sibylle Hoessler, Andrej Krementschouk, Beatrice Minda und Inta Ruka laden zum genauen Hinsehen und Entdecken von alten Techniken und neuen Sichtweisen ein.

Ein umfangreiches Begleitprogramm ergänzt die Ausstellung. Wegen der überaus großen Resonanz bieten die Opelvillen auch dieses Mal wieder Kunstführungen für Menschen mit Demenz an. Es ist hessenweit das erste Museumsprojekt, das die Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim seit November 2013 als ein erweitertes museumspädagogisches Programm für Menschen mit Demenz anbietet. Erstmals wurde dieses spezielle Vermittlungsprogramm im Rahmen der Ausstellung “Wandteppiche von Noa Eshkol” praktiziert.

In der sogenannten “Schleuse” im ersten Stock ist zeitgleich die Mitmach-Ausstellung “Lieblingsfenster” zu sehen. In Anlehnung an das Thema der Hauptausstellung sind Besucher eingeladen, Fotos ihrer “Lieblingsfenster” mitzubringen und diese in der Schleuse zu präsentieren. Jeder, der Lust hat mitzumachen, kann sein persönliches “Lieblingsfenster”-Bild einfach an die Wände heften.

“Landschaft im Dekolleté – Fenster als Element und Metapher”, Opelvillen Rüsselsheim, bis 20. Juli 2014

Bildnachweis (soweit nicht anders bezeichnet): Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim

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