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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

200 Jahre Städel-Stiftung – Städel Museum Frankfurt am Main

25. Januar 2015

Geburtstag ist am 15. März 2015 –
Geburtstagsgeschenke gibt es schon heute

Über Geburtstagsgeschenke freut sich ein jeder – auch der Direktor des Städel Museums Frankfurt, Max Hollein, und überhaupt freut er sich über Geschenke an das in der Weltliga spielende Museum, wie er in der Jubiläums-Pressekonferenz augenzwinkernd werbend bekannte. Die (ersten?) Geschenke, ein Reni und ein Degas, kommen als Ankäufe vom Städelschen Museumsverein. Allerdings hätte dessen Finanzkraft – angesichts des finanziellen Volumens der Erwerbe von insgesamt rund 2 Millionen Euro – allein nicht ausgereicht – vielmehr kamen finanzielle Engagements in beträchtlicher Grössenordnung hinzu. Der Ankauf von Renis “Himmelfahrt” wurde durch eine Spendenkampagne mit grosszügiger Unterstützung von Fritz und Waltraud Mayer, Ibeth Biermann, Dieter und Ingrid Seydler sowie zahlreiche weitere Gross- und Kleinspenden von Vereinsmitgliedern und fördernden Institutionen ermöglicht; die Mittel für den Erwerb der Degas-Zeichnung brachte eine Frankfurter Mäzenin im Rahmen einer Einzelspende auf.

Ein Geburtstags- und Jubiläumsjahr gilt es also heuer anzukündigen – mit grossen Ausstellungen und festlichen Events und einem Publikumstag für alle am 15. März, die Fügung will es: just an einem Sonntag, an dem ein grosses Publikumsinteresse erwartet werden kann.

Warum der 15. März 2015?

“Mittwochs, den 15. März im Jahr Eintausend Achthundert und Fünfzehn” war es, als Johann Friedrich Städel, der “hiesige Burger und Handelsmann” in seinem Stiftungsbrief “als Testirer” beurkundete, “meine beträchtliche Sammlung von Gemählden, Kupferstichen und Kunstsachen nebst meinem gesammten dereinst zurück lassenden Vermögen … der Stiftung eines besonderen, für sich bestehenden und meinen Namen führenden Kunstinstituts zum Besten hiesiger Stadt und Bürgerschaft zu widmen”. Wobei er das “Kunstinstitut” sowohl als Museum als auch als Kunstschule – der Nukleus der heutigen Städelschule – ausgestaltet wissen wollte. Städel, 1728 in Frankfurt am Main geboren, betrieb ein Handelsgeschäft mit Spezereien sowie später Kommissions- und Bankgeschäfte, wurde dabei überaus vermögend und baute in seinem Haus am Rossmarkt eine umfangreiche Kunstsammlung auf, die er gern auch Dritten auf Wunsch zeigte. 1816 verstarb Städel kinder- und erbenlos.

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Johann Nepomuk Zwerger (1796-1868), Bildnisbüste Johann Friedrich Städel, 1829, Marmor, Städel Museum Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum

Das Städelsche Haus am Rossmarkt erwies sich bald als zu klein, und Museum nebst Kunstschule bezogen 1833 das Palais des Thurn und Taxisschen Oberpostmeisters Freiherr von Vrints-Treuenfeld in der Neuen Mainzer Strasse. Das Museum verfügte nun zum Teil bereits über Oberlichtsäle. 1878 folgte dann der Einzug in das eigens als Gemäldegalerie konzipierte prachtvolle Gebäude am heutigen Standort am Mainufer. Die 1905 auf Basis einer namhaften Stiftung für die Pflege zeitgenössischer Kunst eingerichtete Städtische Galerie wurde in das Gebäude des Städel Museums integriert.

Die Kunstschule (“Lehranstalt”) berief 1824 einen ersten Lehrer für Zeichnen, 1829 folgten Klassen für Malerei und Bildhauerei. Ebenfalls im Jahr 1878 bezog sie ihre heutigen Räumlichkeiten in unmittelbarer Nachbarschaft zum Museum.

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Der Stiftungsbrief von Johann Friedrich Städel, 1815, Titel und letzte Seite, © Stadtarchiv Frankfurt am Main

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Das Städel zählt zu den bedeutendsten Museen in Europa und weltweit. Mit rund 3000 Gemälden, 600 Skulpturen, 4000 Fotografien und 100.000 Grafiken und Zeichnungen spiegelt seine Sammlung 700 Jahre europäische Kunstgeschichte wider – vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Über die Bewahrung und Präsentation der Sammlung und die Kunstvermittlung hinaus veranstaltet es regelmässig Ausstellungen von internationaler Reputation.

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Professor Nikolaus Schweickart, Vorsitzender der Administration des Städelschen Kunstinstituts, Städel-Direktor Max Hollein und Sylvia von Metzler, Vorstandsvorsitzende des Städelschen Museumsvereins, in der Pressekonferenz; Foto: FeuilletonFrankfurt

Doch nun endlich zu den Geburtstagsgeschenken des Städelschen Museumsvereins:

Das erste ist die “Himmelfahrt Mariens”, in Öl auf Kupfer gemalt in den Jahren 1596/1597 von Guido Reni (1575-1642), der im 17. Jahrhundert zu den gefragtesten Meistern Europas zählte und die religiöse Bildwelt der europäischen Malerei nachhaltig mitprägte. In der Mitte der grossartigen Bildkomposition schwebt Maria mit dem für den Künstler typischen “himmelnden Blick”.

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↑ Guido Reni (1575-1642), Himmelfahrt Mariens, um 1596/1597, Öl auf Kupfer, 58 x 44,4 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.; Foto: Städel Museum

↓ Edgar Degas (1834-1917), Studie eines Aktes (Étude de Nu), 1888-1892, Kohle und Pastellkreide auf Papier, 55,8 x 36,8 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.; Foto: Städel Museum

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Edgar Degas’ “Studie eines Aktes (Étude de Nu)” erweitert den Bestand an französischen Zeichnungen des 19. Jahrhunderts in der umfangreichen Graphischen Sammlung des Hauses um eine wertvolle Position aus den letzten Schaffensjahren des Künstlers. In Degas’ Nahsicht auf einen weiblichen Körper gelingt ihm, so das Museum, “ein besonderes Zusammenspiel von respektvoller Beobachtung und sinnlicher Auffassung”.

“Die kontinuierliche Erweiterung der Städelschen Sammlung ist eines der Hauptziele unseres Vereins”, sagt Sylvia von Metzler, Vorsitzende des Städelschen Museums-Vereins. “Seit Bestehen hat der 1899 gegründete Museums-Verein schon über 1.000 Ankäufe namhafter Kunstwerke ermöglicht. Wir sind sehr stolz und glücklich, dass es uns nun – dank der aussergewöhnlichen Unterstützung zahlreicher Mitglieder – gelungen ist, dem Städel zum 200. Geburtstag diesen grossen Wunsch zu erfüllen”. Und Städel-Direktor Max Hollein betont: “Die Entwicklung der Sammlung des Städel baut seit 200 Jahren auf dem mäzenatischen Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger auf. Die beiden jüngsten Erwerbungen sind nicht nur hochkarätige Zugänge für unsere Sammlung und massgebliche Werke der europäischen Kunstgeschichte, sondern zugleich ein eindrucksvolles Zeichen des gelebten Mäzenatentums. Der Städelsche Museums-Verein und seine Mitglieder sind so aktiv wie nie zuvor – ich empfinde dafür allergrösste Hochachtung und Dankbarkeit”.

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Professor Nikolaus Schweickart, Sylvia von Metzler und Max Hollein freuen sich über die beiden Geburtstagsgeschenke; Foto: FeuilletonFrankfurt

Das Städel Museum – die älteste und renommierteste Museumsstiftung in Deutschland – hat für das Jubiläumsjahr ein umfangreiches Ausstellungs- und Festprogramm entwickelt: Es beginnt im Februar mit “Jean-Jacques de Boissieu. Ein Zeitgenosse Städels” in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung, im März gefolgt von der grossen Schau “Monet und die Geburt des Impressionismus” im Ausstellungshaus. Zum Geburtstag am 15. März findet im Museum und im Städel Garten ein grosses Bürgerfest statt. Wiederum in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung folgen im Juni die Ausstellung von Druckgrafiken von William Hogarth und im Juli im Ausstellungshaus die Schau “Die 80er. Figurative Malerei in der BRD”.

Ein Höhepunkt im Jubiläumsjahr wird nach der Monet-Schau die Ausstellung “Dialog der Meisterwerke. Hoher Besuch zum Jubiläum” im Oktober. Den Schlusspunkt setzt “John Baldessari” im November im Ausstellungshaus.

FeuilletonFrankfurt wird berichten.

→ Neu im Städel Museum: Werke von Jusepe de Ribera und Lotte Laserstein
→ Aufstieg in die World League: Max Holleins Städel Museum
→ Das neue Städel – Kunst der Moderne
→ Das neue Städel – Alte Meister
→ Städelschule in neuem – alten – Glanz
→ Ein Frankfurter Adventskalender
→ Frankfurts Kunst- und Kulturgegenstände: 2,5 Milliarden Euro Wert

Zahlreiche weitere Artikel zum “Städel Museum” und zur “Städelschule” sind über den obigen Suchkasten abrufbar

Richtfest für das Historische Museum Frankfurt

22. Januar 2015

Impressionen von der Grossbaustelle –
Ausblick auf das neue Museumsquartier:
Ein Bilderbogen

An Richtfesten im vor allem durch Abriss- und Umbauwut gekennzeichneten Zentrum von Frankfurt am Main fehlte es sicherlich nicht im zu Ende gegangenen Jahr 2014, aber zwei dieser Feierlichkeiten kommt eine besondere kultur- und stadtgeschichtliche Bedeutung zu: dem Richtfest für das Stadthaus in der “neuen Altstadt” Mitte Oktober und insbesondere – kurz vor den Weihnachtsfeiertagen am 17. Dezember und damit genau ein Jahr nach der Grundsteinlegung – für den Erweiterungsbau des Historischen Museums der erstmals 794 in einer Urkunde Karls des Grossen namentlich erwähnten Stadt, für deren Kernfläche bereits eine jungsteinzeitliche Besiedelung nachgewiesen ist.

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Trotzten beim Richtfest Nässe und Kälte: Oberbürgermeister Peter Feldmann, Bürgermeister Olaf Cunitz, Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth (verdeckt) und Museumschef Jan Gerchow

Mächtig schallte bei Regen und gefühlter 0-Grad-Temperatur der in Versform gesprochene Richtspruch über die Baustelle, vorgetragen von einem stimmgewaltigen Zimmerer- und Betonbaumeister in der traditionellen schwarzen Kluft: breitkrempiger Schlapphut und Staude (kragenloses weisses Hemd), Weste mit acht weissen Perlmuttknöpfen (für den achtstündigen Arbeitstag), Zunfthose und -jackett aus Manchester, letzteres mit sechs weissen Perlmuttknöpfen (für die 6 Tage-Arbeitswoche oder auch die jeweils drei Lehr- und Wanderjahre vor dem “Meister”), Zunftkette mit Zunft- und Städtewappen, Zimmererwappen auf dem Koppelschloss.

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Im Mittelpunkt des Medieninteresses standen Museumsdirektor Jan Gerchow und Professor Arno Lederer, Seniorchef von “Lederer+Ragnarsdóttir+Oei”, der mit dem Erweiterungsbau betrauten Architektengemeinschaft. Ein nach der Grundsteinlegung weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einem modernen Stadtmuseum war erreicht.

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Jan Gerchow (oben) und Arno Lederer

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“Durch den Neubau erhält Frankfurt unmittelbar in seinem Herzen einen attraktiven und ausgesprochen zentralen Anziehungspunkt für Frankfurter und Frankfurterinnen, aber auch für Menschen aus aller Welt, die Auskunft über Frankfurts Geschichte erhalten möchten”, sagte Bürgermeister Olaf Cunitz. “In einem Gebäude, das sicher schon bald nach Fertigstellung an dieser Stelle als vertraut und geradezu selbstverständlich empfunden werden wird.” Und Kulturdezernent Felix Semmelroth hob hervor: “Durch die inhaltliche Neukonzeption in Verbindung mit der Architektur, die sich am historischen Umfeld orientiert, entsteht ein einzigartiges kulturelles und bauliches Ensemble. Die Präsentation von Stadtgeschichte bis hin zu grossen europäischen Themen wird dazu führen, dass das Historische Museum bei den Besucherinnen und Besuchern zu einer Attraktion des Museumsufers wird”.

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Die staufische Kaimauer; Foto © Stadt Frankfurt am Main

Er sorgte im Sommer 2012 für Umplanungen und eine rund einjährige Bauverzögerung: der sensationelle Fund der auf eine Strecke von 20 Metern überaus gut erhaltenen staufischen Kaimauer. Untersuchungen wiesen aus, dass das Eichenholz des Balkens, an dem einst Schiffe der Händler wie auch von Königen und derem Gefolge festmachten, in den ersten Jahren des 14. Jahrhunderts gefällt wurde. Der auch im Blick auf die anderen europäischen Fluss-Städte einzigartige “Hafenfund” wird in den Ausstellungsbereich des Museums integriert.

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Modell des künftigen Museumsquartiers in der zum Richtfest illuminierten Rohbauhalle: (oben) im Vordergrund das renovierte Altbauensemble des Saalhofs am Mainufer (v.l.): Wach- und Zollgebäude (2. Hälfte 19. Jh.), Rententurm (1454-1456), Bernusbau (1714-1717) und Burnitzbau (1842-1843)

(unten) Freitreppe und Museumsplatz mit (links) dem doppelgiebeligen Ausstellungshaus und (rechts) dem den historischen Saalbaukomplex ergänzenden neuen Anbau; die beiden Hälften des Museumsquartiers werden unter dem erhöhten Museumsplatz mit einem darunter liegenden Hofgeschoss verbunden

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Der beidseitig von den Neubaufassaden begrenzte Museumsplatz erlaubt in der Ost-West-Achse einen Durchblick auf den Stauferbau mit der Saalhofkapelle, dem ältesten aufrecht stehenden Gebäude Frankfurts, und in umgekehrter Richtung auf das Haus Wertheym, dessen Ursprünge auf das 15. Jahrhundert zurückgehen und das als einziges Fachwerkhaus der Altstadt unbeschädigt erhalten blieb. Die Fassaden der Neubauten werden in dem für Frankfurt typischen Mainsandstein und in hoher handwerklicher Qualität ausgeführt und bilden mit ihren Nischen einen Teil des Ausstellungsraums; vorgesehen ist, sie mit grossformatigen Spolien auszustatten. Die Satteldächer schliesslich werden mit Naturschiefer eingedeckt und korrespondieren damit den Bedachungen der Umgebungsbebauung sowie der historischen Altstadt-Grossbauten wie Römer, Dom oder Karmeliterkloster.

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Die komplexe Konstruktion des Doppelgiebeldachs mit den Lichteintrittsflächen; aus einer langen Fensterreihe schaut der Besucher auf die historisierende Elemente aufgreifende Bebauung der Saalgasse

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Der Neubau des doppelgiebeligen Ausstellungshauses lässt den Blick vom Römerberg auf den Rententurm und das Mainufer frei; es wird mittig einen verglasten “Ausguck” erhalten

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Künftig wird der Blick aus dem Ausstellungshaus auf das besagte Haus Wertheym wie auch auf den – hier noch mit Weihnachtsmarktbuden besetzten – Römerberg und das historische Rathaus Römer gehen

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Visualisierung des Ausstellungshauses vom Römer aus gesehen; Foto © Stadt Frankfurt am Main

Mit den Neubauten verdoppelt das Historische Museum seine Ausstellungsfläche auf über 6.000 qm und kann somit seinen Sammlungsbestand vielfältiger und zeitgemässer präsentieren. Dieser Bestand – es handelt sich um Gemälde, Graphiken, Fotografien, historische Bücher, Skulpturen, Münzen, Textilien, Musikinstrumente, Kunsthandwerk (Glas, Keramik, edle und unedle Metalle), Möbel und Zunftaltertümer sowie um Gegenstände der Alltags- und Technikgeschichte – umfasst rund 630.000 Objekte aus zwei Jahrtausenden überwiegend Frankfurter Geschichte. In den Räumen werden das Stadtlabor und das Kindermuseum ebenso Platz finden wie zwei grosszügige Foyers in Verbindung mit einem Auditorium und einer ansprechenden Gastronomie. Die Gesamtkosten werden sich zusammen mit dem Abbruch des alten Betonbaus aus den 1960er Jahren und einschliesslich der Museugrafie auf rund 51 Millionen Euro belaufen. Seinen regulären Betrieb aufnehmen soll das Museum im Frühjahr 2017.

Unter der administrativen Leitung des Historischen Museums – es firmiert als “historisches museum frankfurt” (hmf) – sind das “kinder museum frankfurt”, das “caricatura museum frankfurt” (im historischen Leinwandhaus, einem der ältesten Profanbauten der Stadt) und das “porzellan museum frankfurt” (im Kronberger Haus aus dem 16. Jahrhundert in Frankfurt-Höchst) als jeweils eigenständige Einrichtungen in einer Museumsfamilie vereint.

Fotos: FeuilletonFrankfurt (12) und – besonders bezeichnet – Stadt Frankfurt am Main (2)

→ “Frankfurter Sammler und Stifter” im Historischen Museum
→ Aufbruch in die Zukunft: das Historische Museum Frankfurt

 

Neu im Städel Museum: Werke von Jusepe de Ribera und Lotte Laserstein

20. Januar 2015

Ein “lebendiges” Museum muss darauf bedacht sein, seine Sammlung nicht nur zu pflegen, sondern auch in sinnvoller Weise zu erweitern und auszubauen. Da sich die öffentlichen Haushalte von der unterstützenden Finanzierung derartiger Aktivitäten (wir sprechen hier primär von Museen namentlich in öffentlicher oder gemeinnütziger Trägerschaft, das Städel Museum hingegen ist ein öffentliches Museum in gemeinnütziger, privater Trägerschaft) weitestgehend zurückgezogen haben, sind diese Häuser mehr oder weniger allein auf Mäzenatentum, Vermächtnisse, Schenkungen oder Spenden angewiesen. Beim Städel Museum sind hier Sponsoren und Partnerschaften, aber auch das “Städelkomitee 21. Jahrhundert” zu nennen, das mit substantiellen jährlichen Spenden gezielt den Ankauf zeitgenössischer Kunst fördert, und nicht zuletzt der Städelsche Museums-Verein, dem mittlerweile über 7600 Kunstfreunde angehören.

Im vergangenen Jahr konnten sich nun das Frankfurter Städel Museum und seine Besucher über eine Reihe wichtiger Neuerwerbe und Schenkungen freuen. Zwei markante Gemälde möchten wir hier herausgreifen; über den auf einer grosszügigen Spende beruhenden Erwerb der Skulptur “Aetas Aurea” von Medardo Rosso hatten wir bereits berichtet.

Im Dezember vergangenen Jahres bescherte die Frankfurter Mäzenin, Gründerin einer nach ihr benannten Stiftung und langjährige Förderin des Städel, Dagmar Westberg, aus Anlass ihres 100. Geburtstags der Sammlung Alter Meister des Museums einen der wichtigsten Neuzugänge des letzten Jahrzehnts: eine grossformatige Leinwand mit dem Bildnis “Der Heilige Jakobus der Ältere” des spanischen Malers Jusepe de Ribera (1591-1652). Das kostbare und kunsthistorisch bedeutsame Werk hat inzwischen seinen Platz im “grossen Italiener-Saal” gefunden.

“Seit nunmehr fast 200 Jahren lebt das Städel Museum vom Engagement einzelner Bürgerinnen und Bürger. Dieser Traditionslinie folgend ist Dagmar Westberg ein leuchtendes Vorbild und eine in jeder Hinsicht herausragende Persönlichkeit, der wir zu grösstem Dank verpflichtet sind. Ihre Schenkung des ‘Heiligen Jakobus des Älteren’ von Ribera kann ohne Zweifel als Meilenstein in der langen Sammlungsgeschichte des Hauses angesehen werden. Ein schöneres Geschenk – zumal aus dem besonderen Anlass ihres 100. Geburtstages – hätten wir uns nicht träumen lassen können. Wir sind glücklich und stolz, dass Frau Westberg ihren Ehrentag im und mit dem Städel feiert”, schrieb jetzt im Dezember Städel-Direktor Max Hollein. Und Bastian Eclercy, Sammlungsleiter für italienische, französische und spanische Malerei vor 1800, fügte hinzu: “Mit Riberas Jakobus ist ein herausragendes Beispiel der frühen Caravaggio-Rezeption in die Sammlung gelangt, das einen eindrucksvollen Akzent im grossen Italiener-Saal setzt. Ein Bild, vor dem man stehenbleibt.”

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Jusepe de Ribera (1591–1652), Der Heilige Jakobus der Ältere (um 1615/16), Öl auf Leinwand, 133,1 x 99,1 cm, Städel Museum; Foto: Städel Museum

Jusepe de Ribera wurde 1591 in Játiva geboren, zog aber als Maler bald nach Italien, wo er in Rom, Parma und Modena die Malerei der italienischen Meister studierte und sich in Neapel niederliess, wo er 1652 auch verstarb. Sein Vorbild wurde Caravaggio (1571-1610), ein Meister des italienischen Naturalismus und des Chiaroscuro, der Hell-Dunkel-Malerei.

Das Gemälde, ein Frühwerk Riberas, zeigt den Apostel Jakobus den Älteren mit einem Pilgerstab und dem Pilgerabzeichen auf dem Rock. Auffallend ist der wuchtige, voluminöse Mantel des Pilgers mit mächtigem Faltenwurf, der der Figur einen überaus präsenten Auftritt verleiht. Diese betonte Präsenz steht in einem eigenartigen Spannungsverhältnis zu dem eher kleinen, sanften und verinnerlichten Antlitz des Heiligen.

Ein Meisterwerk aus jüngerer Zeit ist die kleine Tafel “Russisches Mädchen mit Puderdose“ von Lotte Laserstein aus dem Jahr 1928. Das Museum erwarb das Bild, eines der Hauptwerke der Künstlerin, im vergangenen Herbst von der schwedischen Gemeinde Nybro und gliederte es in seine Sammlungspräsentation “Kunst der Moderne” ein.

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Lotte Laserstein, “Russisches Mädchen mit Puderdose”, 1928, Öl auf Holz, 31,7 x 41 cm, Städel Museum Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum/Artothek

Den Frankfurter Kunstliebhabern ist Lotte Laserstein keine Unbekannte: Mehrere Arbeiten der unverständlicher Weise in “Vergessenheit” geratenen Künstlerin standen um die Jahreswende 2013/2014 im Zentrum der grossartigen Ausstellung “1938. Kunst, Künstler, Politik” im Jüdischen Museum Frankfurt. Unser damaliger Beitrag zitiert auch einige Ausführungen von Julia Voss, Ko-Kuratorin dieser Ausstellung, in der Pressekonferenz zur Würdigung von Leben und Werk der Malerin.

Lotte Laserstein wurde 1898 in Preußisch Holland bei Königsberg geboren. Gegen einige Widerstände im damaligen Akademiebetrieb studierte sie in Berlin Freie und Angewandte Kunst. 1937 emigrierte die getaufte und assimilierte Jüdin nach Schweden, wo sie bis zu ihrem Tode als Porträtistin und Landschaftsmalerin arbeitete. Laserstein starb 1993 hochbetagt in der südschwedischen Stadt Kalmar. Das umfangreiche Œuvre der äusserst produktiven Malerin wird auf rund 10.000 Arbeiten geschätzt, wobei die in den 1920-er und 1930-er Jahren in Deutschland entstandenen Arbeiten dem Umkreis der “Neuen Sachlichkeit” zugerechnet werden.

“Nach mehrjährigen Bemühungen ist es uns gelungen, ein Hauptwerk von Lotte Laserstein für die Städelsche Sammlung zu sichern und unserem Publikum damit eine wichtige Protagonistin der Neuen Sachlichkeit zugänglich zu machen. Diesen Bereich der Kunstgeschichte konnten wir in den letzten Jahren dank einer Reihe von zentralen Erwerbungen signifikant ausbauen”, freut sich denn auch Max Hollein.

Das Gemälde zeigt ein in der Mode seiner Zeit gekleidetes, sein Gesicht puderndes Mädchen mit dem damals typischen, burschikosen Haarschnitt, sich im Spiegel betrachtend. Hände und Gesicht sind präsize ausgeführt, interessant ist auch hier der Hell-Dunkel-Kontrast, den die Malerin effektvoll einsetzt.

1928 nahm Laserstein mit diesem Bild an dem Wettbewerb “Das schönste deutsche Frauenporträt” teil, das unter 365 Werken für die Endrunde von 26 Gemälden nominiert wurde.

Das Städel Museum erwarb das Werk aus eigener Initiative heraus von der Gemeinde Nybro, wo es in einem Altersheim hing. Die Erlöse dieses Verkaufs fliessen übrigens vollständig in den Kulturetat der 20.000 Einwohner zählenden Gemeinde – anders als bei der skandalumwitterten Veräusserung der beiden Warhol-Bilder “Triple Elvis” und “Four Marlons” seitens der indirekt dem Land Nordrhein-Westfalen gehörenden Casino-Gesellschaft Westspiel!

 

56. Biennale Arte Venedig 2015

17. Januar 2015

Die 56. Kunst-Biennale in Venedig wird am 9. Mai 2015 eröffnet. Zum Kurator der Welt-Kunstschau, die am 22. November 2015 endet, wurde im Dezember 2013 Okwui Enwezor berufen.

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Okwui Enwezor, Kurator der 56. “Esposizione Internazionale d’Arte”, und Paolo Baratta, Präsident der Biennale di Venezia; Foto: Giorgio Zucchiatti, Courtesy la Biennale di Venezia

Okwui Enwezor, 1963 in der nigerianischen Hafenstadt Calabar geboren, ist ein international agierender Kurator, wohlbekannt auch in Deutschland: Seit 2011 leitet er als Direktor und Geschäftsführer das Haus der Kunst in München. Er war künstlerischer Leiter der documenta 11 im Jahr 2002 in Kassel. In den USA und in Schweden lehrte er als Gastprofessor; weiter war er künstlerischer Leiter zahlreicher grosser internationaler Kunstausstellungen.

Die diesjährige Kunst-Biennale in Venedig, an der 53 Länder teilnehmen werden, steht unter dem Titel “All the World’s Futures”. Die Hauptpräsentationsstätten werden wieder die Pavillons in den Giardini Pubblici und die Arsenale sein, darüber hinaus wird es wie üblich zahlreiche Ausstellungsaktivitäten und Kunstereignisse verteilt über das gesamte Stadtgebiet geben.

“All the World’s Futures”: Was sich hinter diesem Motto verbirgt, werden wir noch näher erkunden. Enwezor begreift die kommende Ausstellung als “Parliament of Forms”: “At the core of the Exhibition is the notion of the exhibition as stage where historical and counter-historical projects will be explored. Within this framework the main aspects of the 56th Exhibition will solicit and privilege new proposals and works conceived specifically by invited artists, filmmakers, choreographers, performers, composers, and writers to work either individually or in collaboration.” Drei “Filter” sollen dabei das Ausstellungsgeschehen bestimmen: “On epic duration”, “Garden of Disorder” und “Capital: A Live Reading”.

Der Deutsche Pavillon

Seit 43 Jahren koordiniert und realisiert das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) im Auftrag des Auswärtigen Amts den deutschen Länderbeitrag im Deutschen Pavillon auf der Biennale Venedig. Kommissar – Kurator – des Beitrags der Bundesrepublik Deutschland im Deutschen Pavillon ist dieses Jahr Florian Ebner, Leiter der Fotografischen Sammlung im Essener Museum Folkwang.

Geboren 1970 in Regensburg, studierte Ebner an der École Nationale Supérieure de la Photographie in Arles Fotografie sowie an der Ruhr-Universität Bochum Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik. Zunächst lehrte er Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, bevor er kommissarisch die Fotografische Sammlung der Berlinischen Galerie übernahm. Bevor er nach Essen an das Museum Folkwang kam, leitete er das Museum für Photographie Braunschweig.

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Florian Ebner, Foto: Museum Folkwang, 2014

Der Beitrag Deutschlands steht unter dem Motto: “Widerständige Bilder in Zeiten digitaler Überbelichtung”. Ebner hat für die Bespielung des Pavillons Olaf Nicolai, Hito Steyerl und Tobias Zielony berufen, die sämtlich in Berlin leben und arbeiten, ferner das Künstlerpaar Jasmina Metwaly/Philip Rizk, das in Kairo lebt.

“Der Deutsche Pavillon der 56. Kunst-Biennale von Venedig wird sich ab Mai 2015 in einen Schauplatz verwandeln, der sich der Gegenwart der Bilder öffnet”, so beschreibt Florian Ebner sein Ausstellungskonzept. “Die Besucher fordert die Ausstellung zu einer Reflexion auf über die materielle und politische Natur der Bilder im digitalen Zeitalter und einer globalisierten Welt …

Anhand von vier Aspekten und Ideen – migrierende Bilder, Teilhabe der Akteure, das Licht als elementarer Bildträger und das Dach als Ort der Freiheit – lässt sich ein inhaltliches und formales Kraftfeld abstecken, aus dem dieser Pavillon seine Spannung beziehen wird. Klassische Fragen der Repräsentation – das Machtverhältnis von Subjekt und Objekt und die alte Asymmetrie von Fotograf und Modell – stellen sich im Lichte der digitalen Bilder neu. Ein heutiges Verständnis des ›Fotografischen‹ als einer zentralen Haltung dokumentarischen Arbeitens steht zur Diskussion. Alle Arbeiten entstehen speziell für den Deutschen Pavillon und werden dort zum ersten Mal gezeigt.

In den vergangenen fünfundzwanzig Jahren verstand sich der Deutsche Pavillon auf der Internationalen Kunstausstellung der Biennale di Venezia immer wieder als ein Ort der Infragestellungen und der Dekonstruktion deutscher Identitäten. Das Gebäude selbst wurde zu einem direkten Bezugspunkt, zu einem Ort einer künstlerischen, manchmal mythischen oder ironischen Archäologie dessen, was der Kunsttempel im Namen führt: Germania. Wie schon der Beitrag zur letzten Kunst-Biennale 2013, so modifiziert auch der kommende Deutsche Pavillon das klassische Konzept des nationalen Länderpavillons und öffnet sich inhaltlich einer globalen Perspektive.”

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Jasmina Metwaly und Philip Rizk; Foto: Courtesy Jasmina Metwaly & Philip Rizk

Jasmina Metwaly wurde 1982 in Warschau geboren, Philip Rizk 1982 in Limassol (Zypern). Metwaly studierte Malerei an der Kunstakademie Poznan, Rizk Philosophie an der Universität Freiburg mit anschliessenden Studien am Wheaton College, Wheaton, Illinois und an der American University Cairo mit den Abschlüssen Bachelor und Magister of Arts. Seit 2010 leben und arbeiten beide als Künstlerduo in Kairo.

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Olaf Nicolai (Foto: © Hans-Günther Kaufmann, München), Hito Steyerl (Foto: © Thomas Meyer, Ostkreuz) und Tobias Zielony (Foto: © Diane Vincen)

Olaf Nicolai, Bildhauer, Konzept- und Medienkünstler, wurde 1962 in Halle an der Saale geboren und lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte Germanistik mit Promotion und ist seit 2011 Professor für Bildhauerei und Grundlagen des dreidimensionalen Gestaltens an der Akademie der Bildenden Künste München.

Hito Steyerl, Filmerin, Videokünstlerin und Autorin, 1966 in München geboren, studierte Dokumentarfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film in München sowie Kinematografie und Dokumentarfilmregie in Tokio und promovierte an der Akademie der Bildenden Künste Wien. Steyerl lebt und arbeitet in Berlin und lehrt als Professorin für Experimentellen Film und Video (Neue Medien) an der dortigen Universität der Künste.

Der Dokumentarfotograf Tobias Zielony schliesslich wurde 1973 in Wuppertal geboren. Er studierte Kommunikationsdesign an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, Dokumentarfotografie an der University of Wales in Newport sowie Fotografie an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (Meisterschüler von Timm Rautert). Auch Zielony lebt und arbeitet in Berlin.

→ 53. Biennale Arte in Venedig 2009
→ 54. Biennale Arte in Venedig 2011
→ 55. Biennale Arte in Venedig 2013

Kulturpreis der Ingrid zu Solms-Stiftung an die Dirigentin Eun Sun Kim

14. Januar 2015

Feierliche Preisverleihung im Anschluss an die neunte Aufführung des Melodramma von Vincenzo Bellini
“La Sonnambula” in der Oper Frankfurt

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(v.l.) Ingrid Gräfin zu Solms-Wildenfels, Vorsitzende der Ingrid zu Solms-Stiftung, Eun Sun Kim, Professorin Heike Allgayer, Vorsitzende des Ingrid zu Solms-Fellowship, Foto © Wolfgang Runkel

Es war ein in der Oper Frankfurt selten gesehenes und von Intendant Bernd Loebe ausnahmsweise gestattetes Ereignis: Zwei Herren trugen in den stürmischen Schlussapplaus zu “La Sonnambula” von Vincenzo Bellini – Chor und Ensemble waren noch auf der Bühne versammelt – ein Stehpult nebst Mikrofon herein, und Eingeweihte wussten, was nun folgen sollte: Ingrid Gräfin zu Solms-Wildenfels, Vorsitzende der nach ihrem Namen benannten Stiftung, überreichte der Dirigentin des Abends, Eun Sun Kim, den diesjährigen (mit 5000 Euro dotierten) Kulturpreis der ausschliesslich gemeinnützige und wissenschaftliche Zwecke verfolgenden Einrichtung.

Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre an hervorragende, von einer unabhängigen Jury gewählte Künstlerinnen verliehen, die Kriterien für den Preis sind “künstlerische Aussagekraft, die Hingabe an die Kunst und der Wille zur Vervollkommnung”.

Ingrid Gräfin zu Solms-Wildenfels, promovierte Internistin und Psychotherapeutin, gründete die Stiftung 1993/1994 zunächst für Wissenschaftlerinnen in der Medizin. In den folgenden Jahren erweiterte sie den Stiftungszweck um die Auszeichnung berufstätiger, hochbegabter, hochleistungsfähiger, kreativer Frauen, die in für Frauen seltenen Berufen tätig sind, um deren Leistungen öffentlich zu machen und andere Frauen für Vergleichbares zu motivieren.

Heute verleiht die Stiftung Auszeichnungen in den Bereichen Wissenschaft (Medizin sowie Natur-, Lebens- und Ingenieurs-Wissenschaften), Menschenrechte (und Völkerverständigung), Jugend, Kinder und Frauen (Kinder- und Jugendfürsorge einschliesslich eines Förderstipendiums für junge Mädchen) und, wie bereits genannt, Kunst und Kultur (seit 2003 wird alle zwei Jahre an eine junge Cellistin ein Cello-Preis mittels der Kronberg Academy als Ingrid zu Solms-Kulturpreis im Wechsel mit dem Landgraf v. Hessen-Preis vergeben). Preisträgerinnen waren in diesem Bereich bislang die Cellistinnen Natalie Clein, Kaori Yamagami, Eun-Sun Hong und San-Eun Lee, die Komponistin Isabel Mundry, die Dirigentin Shi-Yeon Sung und die “Composer in Residence” Belma Beslic-Gál.

“Sie haben sich”, so Gräfin zu Solms-Wildenfels in ihrer Laudatio, “in einem Berufszweig, der zu denen gehört, welche für Frauen selten sind und deren höhere Positionen schwer zu erobern sind, nicht nur bewiesen, sondern auch etabliert. Darin sind Sie wegweisend für andere Frauen! Ihre künstlerische und menschliche Ausstrahlung ist uns neben der hervorragenden musikalischen Arbeit und musikalischen Expertise zusätzlich ausschlaggebend gewesen”.

Im Anschluss an die Preisverleihung nahm Professorin Heike Allgayer, Vorsitzende des Ingrid zu Solms-Fellowship und 2003 selbst Trägerin des Preises für Medizin, Eun Sun Kim als Fellow in dieses berufs- und karriereorientierte Netzwerk von hochqualifizierten Frauen auf, die sämtlich Preisträgerin der Stiftung sind. Allgayer promovierte in München und ein weiteres Mal am MD Anderson Cancer Center in Houston, Texas. Nach ihrer Habilitation in experimenteller Chirurgie folgte sie 2004 dem Ruf der Universität Heidelberg auf eine Professur für translationale Forschung. Sie leitet zusätzlich die Kooperationseinheit “molekulare Onkologie solider Tumoren” am Deutschen Krebsforschungszentrum.

Die in Seoul geborene Dirigentin Eun Sun Kim studierte Komposition und Dirigieren in ihrer Heimatstadt und ab 2005 Dirigieren in Stuttgart. 2007 wurde sie in das Dirigentenforum des Deutschen Musikrats aufgenommen. Sie war Erste Preisträgerin des Internationalen Jesús López Cobos Opera Conducting-Wettbewerbs. Von 2008 bis 2010 arbeitete sie am Teatro Real Madrid als Assistant conductor.

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Eun Sun Kim bei “Oper extra” in Frankfurt am Main; Foto Renate Feyerbacher

In der Saison 2014/2015 leitet Eun Sun Kim an der Oper Frankfurt neben “La Sonnambula” von Vincenzo Bellini auch “Die Csárdásfürstin” (konzertant) von Emmerich Kálmán sowie die diesjährigen Aufführungen von Giacomo Puccinis “La Bohème”: am 7. und 28. Februar, 19. März und 4. April 2015.

Mit “La Bohème” gab sie auch 2012 ihr hiesiges Debüt. Im Sommer 2014 leitete sie zuletzt bei den Festspielen von Macerata “Tosca”; dem ging ihr Debüt mit “Die Fledermaus” an der English National Opera London und die musikalische Leitung von “La Traviata” an der Wiener Volksoper sowie an der Opéra Marseille voraus. Sie dirigierte im Auditorio Nacional Madrid das Orquesta Sinfónica de Madrid, am Teatro Real Gioachino Rossinis “Il viaggio a Reims”, an der Oper Graz “La Bohème” und an der Wiener Volksoper “Carmen”. Zudem gastierte Eun Sun Kim beim Tongyeong International Music Festival in Korea und arbeitete in Konzerten mit den Philharmonischen Orchestern von Graz, Jena, Stuttgart und Ulm zusammen sowie in Marseille, Palermo und Nancy.

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Ingrid Gräfin zu Solms-Wildenfels, Vorsitzende der Ingrid zu Solms-Stiftung, und Eun Sun Kim, Foto © Wolfgang Runkel

Nun ist Eun Sun Kim nicht die erste Dirigentin an der Oper Frankfurt: Die Britin Julia Jones, seit mehr als einem Jahrzehnt Gast an dem mehrfach als “Oper des Jahres” und “Orchester des Jahres” in Deutschland ausgezeichneten Haus, Träger des “International Opera Award” als international bestes Opernhaus 2013, dirigierte hier Opern und Singspiele von Wolfgang Amadeus Mozart wie “Così fan tutte”, “Idomeneo”, “Die Entführung aus dem Serail”, “La finta semplice” und “Le nozze di Figaro” ebenso wie “La damnation de Faust” von Hector Berlioz.

Ein Wort noch zur (neunten) Aufführung des Melodramma “La Sonnambula” an jenem 11. Januar 2015: Der Begeisterungssturm des Publikums über Brenda Raes “Amina” wollte wieder einmal kaum ein Ende nehmen (einschliesslich des aus der Spielstätte Bockenheimer Depot bekannten Füssetrampelns). Überzeugend und gefeiert auch Louise Alder als gesanglich glänzende und schauspielerisch präsent-agile Lisa, die zur Premiere Ende November 2014 erkrankt war und an deren Stelle damals kurzfristig Catriona Smith einsprang. Nicht das einhundertprozentige Glück scheint die Oper indes mit der Besetzung der Rolle des Elvino zu haben: Konnte in der Premiere schon Stefan Pop nicht voll überzeugen (zu wenig Belcanto-Schmelz, etwas hölzern im Spiel), so wirkte jetzt Luciano Botelhos Tenor ein wenig eng, und auch er liess jenen “Schmelz” vermissen, um in dieser ausgeprägten Belcanto-Oper ein gesanglich voll ebenbürtiger Partner von Brenda Rae, Louise Alder und dem erneut brillianten Kihwan Sim (Rodolfo) zu sein.