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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Hessische Landesregierung und Ottmar Hörl schicken bunte Botschafter der deutschen Einheit auf Deutschlandreise

18. April 2015

Installationskünstler Ottmar Hörl mutiert das DDR-“Ampelmännchen” zum gesamtdeutschen “Einheitsmännchen”

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Wenn Ottmar Hörls bunte “Einheitsmännchen” jetzt auf Deutschlandtournee gehen, darf dies auch ruhig in den Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold geschehen. Ansonsten bevorzugt der prominente Künstler-Professor die grüne Version:

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Ottmar Hörl mit dem “Einheitsmännchen” in Grün vor der Hessischen Staatskanzlei

Warum grün? Weil Hörl das “Einheitsmännchen” als Skulptur und in neuer Interpretation dem guten alten, ein wenig hausbacken geratenen “Ampelmännchen” der DDR nachgebildet hat, das an Verkehrsampeln beim grünen Lichtzeichen “Gehe” munter in leuchtendem Grün einherschreitet (das rote “Ampelmännchen” hingegen gebietet mit ausgebreiteten Armen ein “Halt”). Und wie nun kommt der Installationskünstler Ottmar Hörl zum “Einheitsmännchen”?

Der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier, von November 2014 bis Oktober 2015 turnusgemäss Präsident des Bundesrats und in dieser Eigenschaft Ausrichter der vom 2. bis 4. Oktober dieses Jahres in Frankfurt am Main stattfindenden Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, hatte die Idee, aus diesem Anlass Ottmar Hörl mit der Gestaltung eines entsprechenden Kunstprojekts zu beauftragen. Hörl zögerte nicht und schuf das “Einheitsmännchen”, indem er das 1961 von Karl Peglau entwickelte “DDR – Ampelmännchen” als Motiv aufgriff und es als dreidimensionale Skulptur neu formulierte – in dem Bewusstsein, dass das “Ampelmännchen” letztlich als einziges Symbol aus dem Alltagsleben der DDR heute gleichermassen in den neuen wie den alten Bundesländern bekannt und mit Sympathie besetzt ist. Ottmar Hörl: “Aus dem ‘Ampelmännchen’ hat sich sozusagen eine neue Generation entwickelt, das ‘Einheitsmännchen': weltoffen, freundlich und positiv in die Zukunft blickend, lächelnd, die Hand reichend für ein Aufeinander-Zugehen, voll Energie, dynamisch, mutig und entschlossen voranschreitend. So ist es ein Symbol für die Mobilität einer Gesellschaft … Bleiben wir als Gesellschaft flexibel, in Bewegung, im Fluss, sind immer auch Weiterentwicklung und Veränderung hin zum Positiven möglich … Insofern kann das ‘Einheitsmännchen’ auch als ein Sinnbild für freiheitlich-demokratische Prinzipien, für Wandlungsfähigkeit, für Hoffnung und Zukunft verstanden werden. Entsprechend ist die Hauptfarbe der Installation in Verkehrsgrün konzipiert …”

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(v.l.) Ottmar Hörl, Staatsminister Axel Wintermeyer, Chef der Hessischen Staatskanzlei, und der Sprecher der Hessischen Landesregierung, Staatssekretär Michael Bußer

In Vertretung des erkrankten Ministerpräsidenten schickte jetzt der Chef der Hessischen Staatskanzlei, Staatsminister Axel Wintermeyer, gemeinsam mit Hörl das Kunstprojekt “Grenzen überwinden” von der Hessischen Staatskanzlei aus auf Deutschlandreise. “Unsere Idee ist es”, so Wintermeyer, “unter dem Motto ‘Grenzen überwinden’ Bürgerinnen und Bürgern Gelegenheit zu geben, sich zu erinnern und Erfahrungen aus der Zeit zwischen dem Mauerfall im November 1989, der Wiedervereinigung im Oktober 1990 und der Zeit bis heute zu teilen. Dazu gehört neben der Mauerausstellung und dem laufenden Zeitzeugenprogramm auch die Kunstinstallation von Ottmar Hörl”. Und Wintermeyer weiter: “Ottmar Hörl widmet sich dem Thema, indem er das bekannte Ost-Ampelmännchen zu einer neuen dreidimensionalen Einheitsmännchen-Skulptur weiterentwickelt hat. Damit greift er einerseits auf die Geschichte zurück und setzt sich mit dem Geschehen vor 25 Jahren und der Entwicklung seither auseinander. Das Projekt wird dazu beitragen, mit den Mitteln der Kunst einen Impuls zu setzen, die jüngste Geschichte, die Gegenwart 25 Jahre nach der Wiedervereinigung und die Zukunft Europas angesichts der internationalen Krisen zu thematisieren“.

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Ottmar Hörl und Staatsminister Axel Wintermeyer vor der Hessischen Staatskanzlei

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Rund 1000 der 38 cm hohen Skulpturen in den Farben Grün (Hauptfarbe), Schwarz, Rot und Gelb gehen nunmehr als Botschafter des wiedervereinigten Deutschlands auf Wanderschaft, zunächst jetzt im April nach Berlin auf das Gelände der Hessischen Landesvertretung, auf den Hessentag in Hofgeismar, nach Schwerin (Juni), Bremen (Juli) und Stuttgart (August). Anfang Oktober versammeln sie sich dann zum grossen Einheits- und Bürgerfest in Frankfurt am Main. Während der Ausstellungen kann das “Einheitsmännchen” für 50 Euro erworben werden. Zehn Euro von diesem Betrag gehen an die Stiftung “Ein Herz für Kinder” und kommen anteilig zu jeweils fünf Euro Kinderheimen in den ost- und in den westdeutschen Ländern zugute.

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“Einheitsmännchen”, wohin man schaut, hier im Treppenaufgang der Hessischen Staatskanzlei

Professor Ottmar Hörl, Präsident der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, und sein künstlerisches Credo stellten wir bereits im Rahmen der Goethe-Installation auf dem Campus Westend der Universität Frankfurt im Sommer letzten Jahres näher vor. “Ich verstehe Kunst und Kultur nicht als hierarchische Konzeption”, so Hörl. “Als Künstler muss ich folglich eine Idee entwickeln, die einerseits versucht, das komplexe zeitgenössische Denken auf den Punkt zu bringen, und andererseits in der Lage ist, als ein kommunikativer Impuls zu funktionieren, um ALLE Menschen unmittelbar zu erreichen, ob Schüler, Krankenschwester, Unternehmer oder Politiker. Jeder ist eingeladen, sich damit auseinanderzusetzen … Damit die konzeptuelle Idee ihr kommunikatives Potential entfalten kann, arbeite ich im öffentlichen Raum – es ist ein Raum für alle und gleichzeitig für niemanden. Individuelle Vereinnahmungen können umgehend absorbiert und relativiert werden … Hier – ausserhalb von Museumsräumen – entscheide ich mich daher bewusst für Motive, die bereits im kollektiven Gedächtnis verankert sind”.

Entsprechend bietet Hörl seine in grösserer Auflage vervielfältigten Skulpturen zu erschwinglichen finanziellen Konditionen zum Erwerb für jedermann an. Das Werk und seine Idee finden auf diese Weise die beabsichtigte Verbreitung innerhalb der Gesellschaft, der Erwerber nimmt unmittelbar teil am Kunstwerk, er wird gewissermassen in das Werk selbst einbezogen.

Abgebildete Arbeit “Einheitsmännchen” © Ottmar Hörl; Fotos: FeuilletonFrankfurt

→ Ottmar Hörl: Goethe-Installation auf dem Campus Westend der Frankfurter Universität
→ 17. Skulpturenausstellung “Kräftespiele” in Mörfelden-Walldorf / 1

“New Frankfurt Internationals” 2015: “Solid Signs” (4)

16. April 2015

Florian Haas: “Frankfurter Totentanz” im Frankfurter Kunstverein

Es ist das “Opus magnum” der “New Frankfurt Internationals 2015 Solid Signs”: zunächst einmal allein schon von seiner schieren materiellen Grösse her – nimmt die monumentale Darstellung doch eine gesamte Wandbreite im Obergeschoß des Frankfurter Kunstvereins in Anspruch. Und zweitens: kein anderes Werk dieser Gemeinschaftsausstellung der Kunstvereine von Frankfurt und Wiesbaden dürfte bei den Apologeten von immerwährendem Wachstum, Finanzkapitalismus und Globalisierung auf soviel Kritik, ja Missbilligung, Nichtachtung oder gar Häme stossen. Dies vor allem aktuell vor dem Hintergrund, dass die hochkriminellen Ausschreitungen im Rahmen der jüngsten “Blockupy”-Aktionen vom März dieses Jahres all die sehr wohl nachvollziehbaren gesellschaftspolitischen Thesen und Forderungen dieser und vergleichbarer anderer Bewegungen nachhaltig desavouiert haben.

Florian Haas’ Arbeiten darf man einer “politischen Kunst” zurechnen. Aber wann ist Kunst politisch? Wenn sie gegen Herrschaft agiert und opponiert? Wenn sie sich umgekehrt in den Dienst von Herrschaft stellt? Man muss sich ins Bewusstsein rufen, dass nicht wenige und gerade hoch anerkannte Küstler in Europa über die Jahrhunderte hinweg und durchaus höchst bereitwillig im Dienst politischer – weltlicher wie geistlich-kirchlicher – Herrschaft standen, diese Herrschaft dem gemeinen Volk gegenüber versinnbildlichten und als gottgegeben schönfärbten und sich dafür von der Obrigkeit feiern und eben nicht gerade schlecht alimentieren liessen. Nein, Florian Haas hat mit diesen nichts gemein – er ist ein oppositioneller und damit fast schon vorgegeben ein unbequemer Künstler.

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↑↓ Florian Haas, Frankfurter Totentanz, 2015, Tapete, 12,70 x 4,65 m; Ausstellungsansicht, Foto: Norbert Miguletz, © VG Bild-Kunst, Courtesy Galerie Heike Strelow; the artist Weiterlesen

Günter Grass (†) reloaded

14. April 2015

Der Tod von Günter Grass löste Erinnerungen an ein Gespräch im Jahre 1999 aus, das

Petra Kammann

damalige Chefredakteurin des BuchJournal, mit dem streitbaren Schriftsteller und Bildhauer, Citoyen und Geschmähten in Lübeck führte. Anlass war ursprünglich das gerade im Steidl Verlag publizierte Buch »Mein Jahrhundert«. Dann aber hatte gerade kurz darauf Günter Grass auch noch den Nobelpreis zuerkannt bekommen.

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Günter Grass auf allen Kanälen. Keine Tageszeitung hat die Berichterstattung ausgelassen. Und Sie sind der am besten dokumentierte deutsche Nachkriegsschriftsteller. Wie ist es, wenn man nach zwanzig Jahren den Nobelpreis endlich bekommt? Fühlen Sie sich mehr von ausländischen Kollegen verstanden und akzeptiert? Oder sehen Sie, dass die deutsche Literaturkritik, die Sie vor allem nach Ihrem letzten Roman so schlecht behandelt hat, nun eingelenkt hat?

Das ist eine komplexe Frage. Ich habe ein unermessliches, noch gar nicht überschaubares Echo bekommen. Und es hört auch noch gar nicht auf. Gerade habe ich ein Telegramm von Gabriel García Marquez bekommen, das in etwa sinngemäß so lautet: Er umarme mich. Er aber habe mir etwas voraus, dass er nämlich wisse, was auf mich zukommt Weiterlesen

“New Frankfurt Internationals” 2015: “Solid Signs” (3)

14. April 2015

Zwei “Qualja” von Emilia Neumann –
geheimnisvolle Vorhänge von Helena Schlichting

Wer im Lexikon nach “Qualja” sucht, tut dies vergeblich; im Obergeschoss des Frankfurter Kunstvereins hingegen wird der Suchende fündig. Im Lexikon aber findet man “Qualia” – es ist die Mehrzahl von Quale – als einen Begriff der Philosophie des Geistes. Volker Gardenne, Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Linz, hat uns den Begriff verständlich gemacht: “Menschen haben Empfindungen und Gefühle, und sie können Arten solcher mentaler Ereignisse wiedererkennen und unterscheiden. Sie haben erfahren, wie der Geschmack einer Zitrone ist und wie er sich von dem eines Stücks Schokolade unterscheidet … Dieses erlebte ‘wie’ eines mentalen Zustandes ist ein Quale (Plural Qualia). Man nennt es auch die Erlebnisqualität oder phänomenale Qualität des betreffenden mentalen Zustandes oder Ereignisses. Oft werden auch diese Zustände oder Ereignisse selbst Qualia genannt. Qualia sind weiterhin durch die Formulierung beschrieben worden, ‘wie es für ein Subjekt ist’, in dem mentalen Zustand zu sein, wie sich der Zustand ‘an-fühlt’ …” (Quelle: www.sprache-werner.info, herausgegeben von Ulrich Werner, München).

Was denken wir – nein, was empfinden, was fühlen wir, wonach suchen wir in uns selbst, wenn wir vor Emilia Neumanns “Qualja” stehen, sie umrunden, sie betrachten, uns über sie verwundern, sie zugleich schön, aber irgendwie auch komisch, “knubbelig”, “putzig” finden, in ihre Körperlichkeit hineinblicken, den Horizont unserer Erinnerungen nach ähnlich Gesehenem, dabei Empfundenen, gar nach Vertrautem abtasten?

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Neue Arbeiten von Meyer Vaisman im Frankfurter Portikus

13. April 2015

Vexierspiel mit der Geschichte – Innen und Außen

Petra Kammann

besuchte die Ausstellung mit Meyer Vaismans jüngsten Werken im Portikus

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Portikus Ausstellungshalle, Deckenansicht

Jahrelang hatte man vom Star der New Yorker Kunstszene nichts mehr gehört, der einst die legendäre Galerie “International With Monument” im East Village mitbegründet hatte, in der so bekannte New Yorker Künstler wie Laurie Simmons ausstellten, die seit den 1970er Jahren ein Œuvre entwickelte, das die sozialkritische Inszenierung von Alltagswelten mit ihren Prototypen zum Thema hat. Von der Kunstkritik wurde der 1960 in Caracas geborene venezolanische Künstler Meyer Vaisman nicht nur hoch gelobt, sondern in einem Atemzug mit Jeff Koons, Ashley Bickerton und Peter Halley genannt. Sie galten als die “Fantastischen Vier”.

In den 1980er Jahren hatte Meyer Vaisman sein eigenes Zimmer in einer Hütte aus roten Ziegelsteinen als venezolanische Slumbaracke nachgebaut: – außen pfui, innen hui - mit dem möglichen Blick auf das aufgeräumte wohlbestallte Kinderzimmer im Innern. Mit diesem “Green outside, red inside” wollte er auf die sozialen Widersprüche des Landes aufmerksam machen. Für den venezolanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig sollte Meyer Vaisman eine ähnliche Installation zeigen, wurde jedoch kurzfristig wieder ausgeladen Weiterlesen