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Das Internet-Magazin von Erhard Metz

Sprachpanscher 2010: Fritz Pleitgen

3. September 2010

And the champion is …

… Fritz Pleitgen

… oder hat es den Falschen getroffen?

Glückwunsch zum Titel “Sprachpanscher 2010“, verliehen vom Verein Deutsche Sprache e. V.?

Fritz Pleitgen siegte in diesem unrühmlichen Wettbewerb vor der Stiftung Preussische Schlösser und Gärten, Telekom-Chef René Obermann, Theaterintendant Manfred Beilharz und Bayerns Staatsministerin Christine Haderthauer (Ränge 2 bis 5).

Wofür nun erhielt Pleitgen, sprachmächtiger Ex-WDR-Intendant und Chef der Ruhr.2010 Kulturhauptstadt Europas, den Titel? Denn grundsätzlich ist er ein Freund und Hüter der deutschen Sprache und dem Denglisch abhold, wie denn auch der Verein selbst einräumt. Und persönlich kann er nur wenig für die sich im kulturhauptstädtischen Programm ausbreitende “Sprachverwüstung” verantwortlich gemacht werden.

Fast schon entschuldigend verweist die Ruhr.2010-Pressestelle darauf, dass zahlreiche Akteure und Besucher der Veranstaltungen aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union anreisten und man sich daher veranlasst gesehen habe, viele der Titel “seriös in der Hauptverkehrssprache der EU” auszudrücken. Da habe Fritz Pleitgen “nicht den Zensor herauskehren” wollen, übernehme aber die Letztverantwortung auch für alle Bezeichnungen in Englisch.

Als da beispielsweise sind:

Volunteers werden die Helfer genannt;
Local Heroes die lokalen Persönlichkeiten;
Biker, Freerunner, Tricker, Breakdancer, Skater, Beatboxer, kurzum Streetartisten sind da am Werk, bereit zum Casting;
Ruhrlights: Twilight Zone” nennt sich das Programm eines Lichtkunst-Festivals;
! SING – DAY OF SONG” ein “Sing”-Tag im Zuge der musikalischen Veranstaltungen

und, und, und …

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(Bildnachweis: Rainer Sturm/pixelio.de)

Würde so etwas in Frankreich möglich sein, das seine prächtige französische Sprache überall und zu jedweder Gelegenheit hegt und pflegt und gegen das Elend der Anglizismen verteidigt? Au grand jamais!

Dennoch hätte ein ganz anderer als Pleitgen den Titel verdient: René Obermann nämlich wegen der schlichtweg grauenhaften Telekom- “Sprachverwüstung”. Hier trifft dieses vom Verein geprägte Prädikat wirklich den Nagel auf den Kopf. Zumal es sich bei dem Telekom-Sprach-Quatsch kaum um “seriöse” Begriffe in der “EU-Hauptverkehrssprache” handelt, sondern um allerdümmstes “Denglisch“.

Pisa von innen (6)

2. September 2010

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Pisa von innen
Eine authentische Erzählung

von © Salias I.

(6)

Mittwoch, 5.3.8

Am nächsten Morgen piept der Wecker eine Stunde später, aber brutal wie immer. Eigentlich ist der Mittwoch mein unterrichtsfreier Tag. Aber seit vier Wochen ist der Deutschunterricht in meiner 10 ausgefallen; laut Stundentafel sollten die 10er vier Wochenstunden Deutsch haben, aber sie kriegen grundsätzlich nur zwei, und weil eine Kollegin krank war, hatten sie schon zu Beginn des Schuljahres ein paar Wochen lang kein Deutsch. Und zum Halbjahresende haben zwei Deutsch-Kolleginnen unsere Schule verlassen, und wir haben keine einzige neue bekommen. Also habe ich mich bereit erklärt, den Unterricht zu übernehmen, so bin ich heute die 5.+6. Stunde in meiner 10, und damit es sich lohnt, in die Schule zu fahren, kriege ich die 3.+4. Stunde noch einen Vertretungseinsatz. Also vier Überstunden, von denen mir wahrscheinlich zwei angerechnet werden. Ich eile aus dem Haus, mache auf dem Weg zur Schule einen Abstecher zum städtischen „Medienzentrum“, das früher Bildstelle hieß, und leihe ein paar „Medien“ aus.
Und in der Schule frage ich rasch den Kollegen HH, ob er sich wegen dem K sicher sei? – Natürlich, er erinnere sich genau, dass der K das auch zugegeben habe, und er nennt Zeugen. – Ich danke und eile zum Unterricht.

3.+4. Stunde: 11 BFS x1

Rückgabe der Klassenarbeit. Gibt’s die Klausur vor der Besprechung der Aufgaben oder erst danach? Die Besprechung langweilt alle, aber um Tohuwabohu zu vermeiden, will ich die Klausuren bis zum Ende dieser Frontalveranstaltung einbehalten. Ob die Klasse es schafft, die Geduld aufzubringen? – Oder aber trotz vorliegender Klausuren aufmerksam zu sein? So oder so: Es ist immer eine kleine Reifeprüfung.
Es wird diskutiert: die Schüler meinen, es sei besser, die Arbeit gleich zu haben, dann könnten sie ihre Fehler besser nachvollziehen. – Das macht ja Sinn, aber wird es kein Chaos geben, können sie dann überhaupt zuhören? – Sie versprechen es, und ich teile die Arbeiten aus. Nach fünf Minuten können wir die Aufgaben durchgehen, und es geht gut. Wenn doch alle Klassen so wären!
Nach der Besprechung kommen einige mit Reklamationen zu mir, hier ein Punkt, da ein Punkt, nur der Fall S ist nicht so leicht zu klären: S will die Klausur nachschreiben – wir hatten schon einen Nachschreibetermin, aber den hat er auch versäumt! S ist einer, der bei Klausuren notorisch fehlt. Im letzten Halbjahr war er am Tag der Chemiearbeit in der Schule gewesen, tauchte aber kurz vor der Arbeit ab. Gegen die Note 6 wendete er dann ein, dass er krank gewesen sei – er brachte eine handgeschriebene Entschuldigung, ich blieb bei der 6.
Daraus hat Herr S gelernt: Als wir dieses Halbjahr die Arbeit schrieben, kam S zu Beginn zu mir und behauptete, ihm sei schlecht. Ich roch seinen nikotingeschwängerten Atem und meinte: „Ja, mir wäre auch schlecht, wenn ich soviel rauchen würde wie Sie. Also, gehen Sie mal nach Hause und bringen Sie mir nächstes Mal eine Entschuldigung mit.“ Denn man soll ja anerkennen, dass die Schüler überhaupt etwas lernen. Er ging sich auskurieren, und beim Nachschreibtermin fehlte er auch noch.
Jetzt steht er neben mir und will einen zweiten Nachschreibetermin haben. – Ob er eine Entschuldigung für den ersten Nachschreibetermin hätte? – Ja, er legt mir sogar ein Attest vor, das, näher geprüft, echt aussieht.
Das ist ja fein, sage ich und überlege fieberhaft, ob ich im Notenspiegel noch Platz für eine 5 oder 6 habe, denn wenn es mehr als 50% sind, muss ich die Klausur wiederholen. Ich hatte zwei oder drei Schüler von einer 5 auf eine 4 angehoben, so dass es reichte: 12 negativ, 13 positiv, dann hätte ich also gerade noch einen Platz für Herrn S. Ich könnte auch sagen: OK, Sie sind entschuldigt, dann wird die Arbeit bei Ihnen nicht gewertet, dann gilt nur Ihre mündliche Note – und das ist die Note 6+ oder meinetwegen eine 5-, denn er leistet ja nichts. Aber das würde er vermutlich wieder ungerecht finden. Lieber soll er seine 5 schreiben, das macht dann keinen Unterschied, aber er hat seine Chance gehabt.
Dann schreiben Sie also jetzt nach, sage ich, wohl wissend, dass ich die Nachschreibearbeit gar nicht in der Tasche habe – aber als Lehrer muss man das Spiel beherrschen.
Jetzt, fragt der S erschrocken, das ginge nicht, jetzt habe er gar nichts für Chemie gelernt.
Ja, Herr S, entgegne ich, dann verzichten Sie auf die Chance und nehmen eine 6 in Kauf?
Zerknirscht wendet S sich um, um mir in den Nachbarraum zur Folter zu folgen.
Doch ich krame noch in meinen Unterlagen nach irgendeinem übrig gebliebenen Aufgabenblatt, muss schließlich einen Rückzieher machen. Ich bestelle ihn für den nächsten Tag für 8 Uhr zum Nachschreiben, er ist erleichtert, und ich nehme den Unterricht auf.
Nach einer Einführung hole ich ein Medium hervor: Chemie und Umweltschutz. Alle sind beglückt!
Das Sichtgerät muss aus dem Nachbarraum herbei geholt werden, ich nehme den L mit, klopfe dort an, kein Herein ist zu hören, ich trete ein: Wenige Schüler, einer mit einer schiefen Kappe blökt uns entgegen: „Was wollen Sie denn hier!“ – „Guten Morgen, Entschuldigung, ich will nur den Fernseher holen, darf ich Ihnen den entleihen?“ – „Nein, erlauben wir nicht!“ Aber die Kollegin erlaubt es, und wir machen, dass wir mit dem Fahrschrank schnell rauskommen.
„Diese asozialen EIBE-Schüler“, mault L. – Jaja, ich weiß, es gibt immer welche, auf die man herabsehen kann.
Für den Rest der Stunde füttere ich meine edlen BFS-Schüler aus der DVD-Konserve, aber in vorsichtigen Häppchen: immer wieder stoppe ich zum Leidwesen der gierigen Schüler die schnell wechselnden Bilder, um die fachlichen Sachverhalte des Filmes aufzuklären.

Pause

In der Küche fülle ich mir ein Glas warmes Wasser ein, da ruft mir der Kollege M zu:
„Der I bereitet seinen Toilettengang vor!“
Wir lachen. – Heute hätte ich mal Zeit, in Ruhe zu trinken, aber wie es so ist, muss man seinem Ruf folgen. Ich nun bin dazu berufen, auf dem Klo zu trinken.
Nach dem Wässern will ich mal sehen, was sich noch erledigen lässt, und schlendere durch den Lehrertrakt, jedes Gesicht danach abprüfend, ob mit dem etwas zu klären ist. Vielleicht kann ich mich auch mal setzen? Da werde ich selber angesprochen, vom geschätzten Kollegen B2, der uns Naturwissenschaftler mit Kopien von technikkritischen Fachartikeln versorgt und den ich zu den bestgekleideten Kollegen zähle. Hallo Herr I, begrüßt er mich, und fragt, ob ich den Artikel gelesen hätte, den er mir ins Fach gelegt hat? – Nein, gestehe ich, vielen Dank, aber leider bin ich noch nicht dazu gekommen. – Die „Stromversorgung ohne Batterie“ höre sich an wie Solartechnik, dabei handele es sich um eine Vervielfachung von Elektrosmog. – Jaja, wie so oft: statt Fortschritt kriegen wir eine Vervielfachung des Bösen! – Kollege H steht schon wartend neben uns – er lässt in seinem Fachpraxis-Unterricht die Holzregale für die Rechtschreib-DUDEN bauen und will nun von mir wissen, wie viele Teile wir brauchen usw.? – Keine Ahnung, denke ich, woher soll ich das wissen? Aber ich leite das Fach Deutsch bei uns, und wer sonst soll es wissen? Also muss ich überlegen, rückfragen, antworten… und ehe ich mich versehe, ist die Pause zu Ende. Wie gerne hätte ich mich mal länger mit dem Kollegen B2 unterhalten!

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5. + 6. Stunde: 10 BFS X1

In meiner 10 muss ich eine kritische Stunde meistern: Letzte Woche hat die Klasse das Buch „Die Welle“ zur Lektüre ausgewählt, und ich habe aufgegeben, dass sich jeder das Buch beschaffen soll. Es überrascht mich nicht, dass jetzt nur zwei, drei Schüler das Buch dabei haben. Aber bevor ich den Unterricht beginnen kann, umringen mich die Unzufriedenen: Ob ich denn ihre Zeugnisse neu gedruckt hätte? – Nein, sage ich, ihr wart ja gestern nach der Stunde auch nicht bei mir. – Sie wollen, dass wir jetzt, sofort, die Fehlzeiten überprüfen. – Nein, sage ich, jetzt haben wir Unterricht! Endlich gehen sie auf ihre Plätze.
Ich verkünde, dass nächstes Mal jeder, der das Buch nicht dabei hat, von mir in die Stadt geschickt werde, um es sich zu kaufen – und dass er die Note 6 für diese und jede weitere Stunde bekommt, die er das Buch nicht hat. Und weil wir in Hessen Lehrmittelfreiheit haben, soll jeder, der ein finanzielle Problem hat, nach der Stunde zu mir kommen, damit wir das Problem lösen können. Ich sage nicht, dass die Schule 13 Bücher in der Bibliothek hat, die ich alle ausleihen könnte, denn die 13 reichen nicht aus, und wie sollte ich sie gerecht verteilen? Die Schüler akzeptieren. Und jetzt? Weil wir jetzt noch nicht alle das Buch haben, gibt es als Einführung in das Thema eine Dokumentation über die Jugend unter dem Nationalsozialismus: „Treue bis ins Grab“
„Gucken wir einen Film“, schreien sie begeistert. Ich nicke und hole das Medium hervor. Es ist eine gute Wahl: authentische Filmaufnahmen, Interviews mit Zeitzeugen, denen im Erinnern an das Morden die Stimme bricht.
Ich halte das Band an. Zwei, drei Schüler erzählen von ihren Großeltern, doch das Interesse der anderen bricht schnell ein, die Offenheit wird durch verächtliche Bemerkungen gestraft, und ich kanzle diese unsozialen Kameraden ab. Es erweist sich, dass ein häufiger Wechsel zwischen Film und Aussprache geschickter ist.
Um viertel vor eins singt ein Chor einiger Hinterbänkler: „Feierabend, Feierabend!“ – Zornig sehe ich in ihnen die Vorhut der Frühaufsteher und verdonnere drei dazu, dass sie noch länger als die anderen hier bleiben, weil ich den Vorfall mit ihnen zu bereden habe.
Nach Beendigung der Stunde kommen die Narzissten zu mir. Sie sind böse, denn die anderen dürfen schon sieben Minuten früher gehen. Und sie sollen wegen des ungerechten Lehrers ihren Bus verpassen?!
„Ihr habt euch überhaupt nicht zu beschweren, der Unterricht dauert bis 13 Uhr, und bis dahin werden wir fertig sein“, entgegne ich und schaue mir in aller Ruhe die vorgelegten Testatbögen an, die mal wieder eine kritische Sicht auf das eigene Verhalten vermissen lassen. Danach widme ich mich den Feierabend-Frühaufstehern, die ihre Unschuld beteuern: Sie hätten nur den Text aus einem der Nazi-Lieder zitiert, das im Film vorgekommen sei, und sie sagen mir eine ganze Strophe auf.
„Na dann ist das aber ein Missverständnis“, lenke ich ein, „wenn ihr euch mal richtig gemeldet und das erklärt hättet, wäre es ja keine Störung, sondern Mitarbeit gewesen.“ Ich entlasse sie. Ihren Bus haben sie verpasst. Gutgut.
Jetzt fehlen noch die Zeugnis-Reklamationen. Nur der N ist noch da, ich schlage seine Fehlzeiten nach, und er schreibt sie sich auf. Ich weise ihn darauf hin, dass ich keine nachträglichen Entschuldigungen akzeptiere.

freier Nachmittag

Was ist frei? Frei heißt, dass man Unterricht vorbereiten kann. Oder erstmal ausschlafen. Am besten beides. Dann muss man nicht lange nachdenken, was man als nächstes macht.

Nach dem Erwachen muss ich an die Arbeit. Um meine Widerstände gegen die Hausaufgaben auszutricksen, lese ich zuallererst eine halbe Stunde die Frankfurter Rundschau, und zwar online; so habe ich den PC schon am Laufen, und kann mich bruchlos über die Schularbeit hermachen. So geht es, bis mein Berufsethos der Müdigkeit nachgibt. Das schafft zwar keine wirkliche Befriedigung, aber ohne Pragmatismus geht es nicht.
Abgearbeitet krieche ich in die Federn, greife widerwillig zu Hemingway, der mir allzu karg ist, und wenn ich Glück habe, besucht mich meine Frau und wir lieben uns; danach kehrt sie zurück an ihren PC-Arbeitsplatz, und ich schlafe gut.

(Fortsetzung folgt)

(1)

Bosheiten / 12 (Bayrisch)

1. September 2010

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Pisa von innen (5)

31. August 2010

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Pisa von innen
Eine authentische Erzählung

von © Salias I.

(5)

Mittagspause 13.00-13.30

Ich eile, eile um das ganze Experimentierzeug wegzuräumen, ein Schüler hilft dabei, um 13.10 komme ich herunter, und bis ich mir das immergleiche Brot mit Erdnussbutter geschmiert habe und neben mampfenden Kollegen im Lehrerzimmer sitze, ist von der Mittagspause nur noch eine Viertelstunde übrig.
Meine Schnitte ist öde, aber ich hatte keine Zeit, etwas anderes zu besorgen. Nicht öde ist der Smalltalk mit dem Kollegen R: dass wir für die Schule alles mögliche lernen müssen, was wir nicht studiert haben – zum Beispiel für den WISO-Unterricht: dass es in Deutschland ein „Arbeitszeitgesetz“ gibt, demzufolge jeder Beschäftigte Anspruch auf eine halbe Stunde Pause hätte, wenn die Arbeitszeit insgesamt länger als 6 Stunden am Tag ist. Interessant. Aber für Lehrer und Ärzte gelten andere Gesetze.
Kollege R muss sich sputen, denn er hat eine Abordnung an eine andere Schule, in der er gleich unterrichten muss, und weil der Weg dorthin über 20 Minuten dauert, dürfte er gar keine Mittagspause machen.
Aber warst du nicht krank, frage ich ihn, da er röchelt; wie kannst du dich am ersten Tag gleich so strapazieren! – Jaja, bestätigt er, er sei noch immer angeschlagen, aber es gibt ja bei uns keine halben Sachen, wenn du wieder „gesund“ bist, musst du alles durchziehen. – Ja, ich mache diesen Fehler auch oft, sage ich, bin letzte Woche zu früh wieder in die Schule gekommen; ich fühle mich immer noch geschwächt, schlafe viel, der Infekt hängt mir nach.
Es ist 13.20, Kollege R will nicht mehr säumen, er verabschiedet sich.
Wir zurückgebliebenen Kollegen sind uns darin einig, dass man das alles nicht mitmachen dürfte. Warum gehen wir dieses Risiko ein, halb krank in die Schule zu gehen? Weil wir immer daran denken, dass es keinen Vertretungsunterricht gibt, der uns ersetzen kann, dass unsere Halbjahresplanung von der Krankheit bedroht wird, und so suchen wir das Kranksein abzuwürgen.
Wenn wenigstens die Schule die Gesundheit fördern würde. – Kein Angebot für warmes Essen gibt‘s, nur einen Kiosk mit ungesundem Zeug. Unser Schulleiter erzählte mal, was der wichtigste Eindruck eines renommierten ausländischen Schulexperten bei seinem Besuch deutscher Schulen war: „Die Schule nährt euch nicht“.
Für eine Mahlzeit bleibt auch gar keine Zeit.
Wie könnten wir richtige Pausen haben?
Ich schlage einen Antrag an die Gesamtkonferenz vor, dass wir erst um 9 Uhr beginnen, eine ordentliche Mittagspause mit einem warmen Essen gewähren und den Tag bis 17 Uhr strecken. – Kollege D wendet ein, dass viele Schüler aus weit entlegenen Gebieten kommen, auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind und dann erst nach 18 Uhr nach Hause kämen. Also unzumutbar! Wir müssen um 15.00 schließen und bis dahin 8 Unterrichtsstunden unterbringen, koste es was es wolle.
Im Moment kostet es mich meine zweite Schnitte, zu der ich nicht mehr komme, da ich zu langsam esse; es ist 13.30, hungrig räume ich mein Essen weg – man soll ja auch nicht mit vollem Bauch geistig arbeiten. Dagegen die Aggressivität wegen überschießenden Appetits schadet nichts, oder?

7. + 8. Stunde 12 IM X2

Auf zu den Industriemechanikern: Sie sind fast alle da,

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“Mapping the Studio” in Venedig (2): Punta della Dogana

29. August 2010

Palazzo Grassi und Punta della Dogana – zwei fantastische Museen in Venedig mit Werken der klassischen und zeitgenössischen Moderne aus der Sammlung François Pinault. Heute stellen wir die Punta della Dogana vor.

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Das Dreieck der Punta della Dogana am Auslauf des Canal Grande in die Bucht von San Marco; © Palazzo Grassi, ORCH orsenigo_chemollo

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Blick vom Portikus der Punta della Dogana auf den Campanile di San Marco; Foto: FeuilletonFrankfurt

Wenn es ein Maximum gäbe, ein Ensemble von einer der fantastischsten Städte der Welt, blaugrünem Meereswasser samt frischer salziger Brise, dem berühmten “Mantel der Geschichte”, dessen Saum zu streifen wir uns wähnen, und einer einzigartigen Ausstellung eben jener eingangs genannten Kunst, so wäre es hier und nirgend anderswo anzutreffen: an der Punta della Dogana.

Draussen, vor dem Portikus an der Spitze, treffen wir auf den über lebensgrossen Knaben mit dem Frosch in der Hand von Charles Ray, stets streng bewacht von einem grimmig bewaffneten Uniformierten. Für einen heranwachsenden Menschen, den Blick nach vorn in die Zukunft gerichtet, soll er stehen. Aber der Frosch – Daffke des Künstlers? Soll das – bizarrer Weise nicht nur von Touristen, sondern auch von manchen Exponenten des Kunstbetriebs fälschlich für marmorn gehaltene – Standbild den Menschen in seinem Sieg über das einst auch sumpfige Gelände symbolisieren, auf dem Venedig in der Lagune errichtet wurde? Er soll den Markuslöwen als Aushängeschild Venedigs ablösen, sagen andere. Und was raunt der – insofern durchaus erotisch aufgeladene – Volksglaube, im Brüder-Grimm-Märchen vom Froschkönig etwa oder im indianischen Mythos von der Froschfrau Kaaka?

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Charles Ray, Boy with Frog, 2009, cast stainless steel and acrylic polyurethane, 247 x 91 x 96,5, © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Gemessen am Wert manches im Museum gezeigten Werkes lediglich schlappe 20 Millionen Euro liess sich François Pinault die Wiederherrichtung der im 17. Jahrhundert von dem Baumeister Giuseppe Benoni (1618 bis 1684) errichteten einstigen Zolllagerhallen kosten – er soll sie auf 30 Jahre geleast haben. Architekt war wiederum der unter anderem für seine Museumsbauten Weltruhm geniessende, dem Minimalismus verpflichtete Tadao Ando, der bereits den Palazzo Grassi ausgestattet hatte. Mit Ando hatte sich Pinault gegen ein konkurrierendes Angebot der Guggenheim Foundation durchgesetzt, die immerhin die renommierte Star-Architektin Zaha Hadid aufgeboten hatte. Ando verwandelte die heruntergekommenen historischen Hallen in eines der weltweit spektakulärsten und schönsten Kunstmuseen. Pinault eröffnete es listig einen Tag vor dem Eröffnungsakt der Kunst-Biennale 2009.

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Eingangshalle des Museums:
Felix Gonzalez-Torres, Untitled (Blood), 1992, Plastic beads, metal rod, variable dimensions;
Rachel Whiteread, Untitled (One Hundred Spaces), 1995, Resin, 100 units, variable dimensions;
Maurizio Cattelan, Untitled, 2007, Taxidermied horse: horse hide, fiberglass, resin, 300 x 170 x 80 cm;
Luc Tuymans, Untitled (Still Life), 2002, Oil on canvas, 347 x 500 cm;
Richard Prince, Untitled, 2007, Acrylic and collage on canvas, 2 parts, 365,8 x 518, 2 cm;
© Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Tadao Ando hütete jeden Backstein des überkommenen Mauerwerks wie auch das – wo immer noch verwendungsfähige – hölzerne Dachgebälk und entfernte lediglich die im Laufe der Jahrhunderte hinzugefügten Bauteile. Jedoch zog er Böden und Zwischendecken aus Beton sowie einen Baukörper mit Wänden aus poliertem Sichtbeton ein.  Schlicht mit dem Prädikat grandios versehen wir die Lichtführung in den einzelnen Räumen. Eine Herausforderung der besonderen Art war die Absicherung der unterirdisch installierten Gebäudetechnik vor der Geissel Venedigs, dem jährlichen Acqua Alta.

Erhalten blieb die Würde des rund dreieinhalb Jahrhunderte alten Bauwerks; geschaffen wurde ein einzigartiger Inszenierungsrahmen für eine vermutlich dem Selbstverständnis wie dem Repräsentationsbedürfnis Pinaults entsprechende, Gross- und Grösstformatiges bevorzugende Schau.

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Maurizio Cattelan, Untitled, 2007, Taxidermied horse: horse hide, fiberglass, resin, 300 x 170 x 80 cm;
© Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Maurizio Cattelans mit dem Kopf durch die Wand rennendes Pferd konnten wir – ebenso wie Takashi Murakamis grossformatigen spermaschleudernden Lonesome Cowboy samt seinem weiblichen Gegenpart Hiropon – zu Udo Kittelmanns Zeiten im Frankfurter MMK bewundern, und etwas Wehmut im Gedenken an solche Zeiten mag sich einstellen, wenn wir den Tag näher kommen sehen, an dem es uns, von wohlschmeckender wie reichhaltiger heimischer Hausmannskost wunderbar gesättigt, in Frankfurt doch wieder einmal nach grossen internationalen Ausstellungsevents im Haus an der Domstrasse gelüstet, wie sie damals Gang und Gäbe waren und sie beispielsweise das Städel Museum fortlaufend pflegt.

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Cindy Sherman, Untitled, 2007-2008, Color photograph;
Cindy Sherman, Untitled, 2007-2008, Color photograph;
Jeff Koons, Bourgeois Bust – Jeff and Ilona, 1991, Marble;
© Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

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Maurizio Cattelan, All, 2008, 9 sculptures marbre white Carrara marble, variable dimensions, © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Nachbarschaftlich vereint: Cindy Shermans inszenierte Selbstporträts und Jeff Koons bourgeoise marmorne Büste; Hiroshi Sugimotos bizarre Kostümfotos der Serie “Stylized Sculpture” und Maurizio Cattelans neun marmorne leichentuchbedeckte, in einer Reihe am Boden Liegenden.

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Sigmar Polke,
- Jugendstil (Axial Age), 2005
- Neo Byzantium (Axial Age), 2005
- Forward (Axial Age), 2007
- Determination of the Position: Here It Is (Axial Age), 2007;
Violet pigments, mixed media on fabric, 300 x 480 cm; © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

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Paul McCarthy, Train, Pig, Island, 2007, Foam, mixed media, 266 x 558 x 124 cm, © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Mitunter geht es nicht nur grösstformatig, sondern auch schrill, pompös zu in Pinaults Museen. In manchem scheinen Themen wie Macht, Gewalt und Sex zu dominieren. Ein Zufall das im “Berlusconi-Land”? Wohl doch eher dem Sammler geschuldet. Sobald mich jemand beobachtet – so oder ähnlich soll sich François Pinault einmal geäussert haben -, wie ich ein Kunstwerk genauer betrachte, steigt der Marktwert des Künstlers. Und das genau ist ein Problem. Der sogenannte Kunstmarkt ist ausser Rand und Band. Wenn Sammler, denen es, pardon, auf eine Million mehr oder weniger nicht so streng ankommt, den Künstler kaufen, den sie unbedingt haben wollen, fängt sich die nach oben offene Preisspirale an zu drehen. Der Milliardär kauft Künstler, die in der – veröffentlichten – Meinung den “grossen Namen” haben. Diese Künstler wiederum schaukeln gegenüber den Milliardären ihre Preise hoch. Es werden Summen gezahlt, die das eine oder andere Objekt nun wirklich nicht wert sind. Die aus öffentlichen Haushalten finanzierten Museen haben in dieser Preisspirale das Nachsehen. Eine gesunde, nicht zu beanstandende Entwicklung? Keineswegs.

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Blick von der Punta della Dogana auf den Campanile und die Bucht von San Marco; Foto: FeuilletonFrankfurt

⇒ ⇒ ⇒ “Mapping the Studio” in Venedig (1): Palazzo Grassi

⇒ ⇒ ⇒ Ein “Muss” in Venedig: Die Sammlung Peggy Guggenheim