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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Folie statt Fachwerk: “Framework” von Bettina Pousttchi in der SCHIRN Kunsthalle

25. April 2012

Bettina Pousttchi kommt mit klarer Ansage nach Frankfurt: “Man kann die Geschichte nicht umschreiben. Die Wunde, die aufgerissen wurde, wird nicht geheilt, indem man hier eine neue alte Altstadt aufbaut. Es wird ein neues Stadtviertel gebaut mit modernen Methoden aus Beton und Stahl. Das einzige, was übrig bleibt, ist noch die wirkliche Fassade, die aussehen soll wie alt” sagt sie im Interview mit Rebecca Riehm (PresseInfo Stadt Frankfurt am Main).

Selbstverständlich ist es kein Fachwerk, mit dem die Künstlerin die Rotunde und den oberen Teil der Ostfassade der Schirn Kunsthalle verkleidet, sondern es sind rund 800 Quadratmeter bedruckte Folie. Die Motive hat sie dem Fachwerk zweier Häuser am Frankfurter Römerberg entlehnt: dem einzigen dort noch im Original erhaltenen “Haus Wertheym” und dem Rekonstruktionsbau “Schwarzer Stern”. Die Elemente ihrer entsprechenden Fotografien hat sie am Computer zu einer neuen Ornamentik gestaltet und mit einem horizontal verlaufenden Raster – ähnlich dem eines flimmernden Fernsehbildschirms – verfremdet.

Haus Wertheym: Original, erstmals 1479 erwähnt, temporär von der Neubaustelle des Historischen Museums bedrängt

Haus Schwarzer Stern: Beispiel gelungener Rekonstruktion (1983)

Bettina Pousttchi untersucht in ihrer Arbeit, einer ortsspezifischen Installation, besser Intervention in unmittelbarer Nachbarschaft zur Grossbaustelle für die “neue Altstadt”, den Umgang mit dem urbanen Raum und die zeitliche Dimension von Architektur, sie reflektiert damit verbundene urbane und gesellschaftliche Veränderungen. “Welche Geschichte”, so fragt sie, “wird hier zu welchem Zweck und von wem rekonstruiert? Wie lang ist die Halbwertszeit von Architektur, und wer entscheidet darüber, wann diese endet?” (Schirn Kunsthalle). Der Titel ihrer Arbeit “Framework” ist schon deshalb keineswegs mit dem deutschen Begriff “Fachwerk” gleichzusetzen (ins Englische ohnehin mit timber framing zu übersetzen), sondern als Rahmen, Raster, Struktur oder System zu verstehen, und zwar eben jener gesellschaftlichen Befindlichkeit und Debatte zur Neugestaltung des besagten städtischen Raums.

Pousttchis Botschaft nun ist, wie eingangs festgestellt, klar: Die rekonstruierten wie die “nachempfundenen” Häuser der “neuen Altstadt” seien, so verstehen wir die Kritik der Künstlerin, Folie, Fassade, eine Scheinwelt, schlimmer noch vielleicht: Geschichtsklitterung. Welche gesellschaftlichen Anschauungen und Kräfte verbergen sich dahinter, welche wirtschaftlichen und politischen Interessen? Welches geschichtliche Verständnis, welcher aktuelle Mainstream?

Nun muss gefragt werden: Hat es nicht den Anschein, als komme diese künstlerische Intervention ein Jahr, wenn nicht viele Jahre zu spät angesichts der mehr als ein Jahrzehnt währender Planungen unter wahrlich erschöpfender Bürger- wie Expertenbeteiligung, angesichts konkret ausformulierter und beschlussreifer Vorlagen der Fachebene an Magistrat und Stadtverordnetenversammlung?

Sicher dürfen und sollen sich künstlerische Interventionen solchen Tatsachen gegenüber unabhängig entfalten können. Aber die von Bettina Pousttchi zu Recht zum allgemeinen und grundsätzlichen Diskurs gestellten Themen scheinen im konkreten Fall im demokratischen Prozess der Frankfurter Kommunalpolitik zumindest in eben jenem Grundsatz bereits weitgehend, wenn auch kontrovers ausdiskutiert und entschieden zu sein. Wenn dem so ist, dann verbliebe lediglich noch die Formulierung – sozusagen folgenloser – Kritik; zweifelsfrei auch ein künstlerisch berechtigtes Anliegen.

Schirn Kunsthalle, Ostfassade hinter dem “Archäologischen Garten”

Experten stimmen darin überein, dass in der Nachkriegszeit mehr an – zumindest aus heutiger Sicht – wertvoller, erhaltenswürdiger Bausubstanz zerstört wurde als in den Bombennächten selbst. Auch in der Frankfurter Altstadt hätten sich aus noch aufstehenden Mauern manche der Bürgerhäuser, von denen viele zu den schönsten der deutschen Altstädte zählten, wieder errichten lassen. Geschehen ist solches im Herzen der Stadt aber nur bei Gebäuden überragender öffentlicher Bedeutung: beispielsweise bei Dom, Alter Nikolaikirche und Paulskirche, Goethehaus und Rathaus Römer. Angesichts grosser Not in der Nachkriegszeit musste vor allem dem Wohnungsbau der Vorrang eingeräumt werden.

Wir könnten uns vorstellen, dass eine kriegsbedingte, über Jahre hinweg ein- wie auch ausgeübte “Vernichtungstätigkeit” einerseits, aber auch die Erfahrung unermesslichen menschlichen Leids andererseits der Gesellschaft seinerzeit ein Bewusstsein für den Wert eines urbanen, gerade in seinen Architekturen Wärme und Geborgenheit, Affirmation und auch Heimat vermittelnden Raumes nahmen. Die sich dem “Wirtschaftswunder” anschliessende, unter dem Primat von Ökonomie und Gewinnmaximierung stehende Zeit tat dazu ein Übriges, wie die weitgehende Zerstörung beispielsweise des Frankfurter Westends durch ein abrisswütiges Spekulantentum beweist. Kommunale, gerade auch SPD-geführte Politik wirkte kräftig dabei mit. Ein besonders hässliches Beispiel gab der als Dynamit-Rudi verschriene Frankfurter Oberbürgermeister Arndt, der die vollkommen erhaltenswerte Substanz des grossen Opernhauses (heute Alte Oper) sprengen lassen wollte. Hinzu kamen geschmackliche Überforderung und Inkompetenz kommunaler Gremien, die die Gestaltung von Neubauten dann oftmals den in ihren ästhetischen Theorien gefangenen Architekten überliessen, die jedoch an den Wünschen und Sehnsüchten von Bürgerinnen und Bürgern vielfach “vorbeibauten”. Der seit jeher von wütenden Protesten gegen seine Errichtung begleitete, kürzlich endlich abgerissene, zwar für sich betrachtet kühl-ästhetische, in seiner Umgebung jedoch abscheulich wirkende Sichtbeton-Klotz des Historischen Museums belegt dies. Auch das von Anfang an auf heftigen Bürgerprotest stossende, massige, sich krakenhaft über das Altstadtgelände ausbreitende Technische Rathaus aus den frühen 1970er Jahren wurde unlängst abgebrochen. Wird der postmoderne Bau der Schirn Kunsthalle – abgesehen vom fast nie bespielten, in der Gegend herumstehenden und erkennbar vor sich hinrottenden “Tisch” – in seiner funktionalen Ästhetik weitgehend akzeptiert, so gilt dies keineswegs für die experimentiell bestückte Neubebauung der rückwärtigen Saalgasse, die als Muster für die “neue Altstadt” ausscheidet.

Ein erheblicher Teil der Frankfurter Stadtgesellschaft erhofft sich nach allem von der nun zur endgültigen Beschlussfassung anstehenden Realisierung der “neuen Altstadt” ein Auf- und Wiederfinden jenes längst verloren geglaubten urbanen Lebensraums in der Herzkammer der einst bürgerstolzen Freien Reichsstadt entlang des historischen Krönungswegs; eines Raums, von welchem man sich, abseits von Glas, Beton und zeitgeistig poliertem Granit, abseits auch von um Form und Ästhetik oft vergeblich ringenden architektonischen Experimenten, jene Kultur von kleinteiliger Anheimeligkeit, Wärme und Geborgenheit verheissen mag, die man heute fast überall in erhalten gebliebenen Altstädten aufsucht und auch antrifft. Wie gross dieses Verlangen ist, kann sehen, wer sich offenen Auges in Stadtteilen wie Bornheim, Seckbach oder gar Höchst umtut – trotz aller zwischenzeitlich auch dort eingetretener Kommerzialisierung.

Wenn Bettina Pousttchi nun auch nach der Halbwertszeit von Architektur fragt, so braucht man, jenseits der bereits genannten Beispiele, in der Frankfurter Innenstadt nicht weit zu gehen, um bei  gleich einem Dutzend und mehr Grossbaustellen Antworten zu finden: 30 Jahre oft nur noch, eine Menschengeneration also, besser noch ein steuerlicher Abschreibungszyklus in einer Zeit neoliberalistischer Ökonomie unterworfener Denke. Das Haus Wertheym dagegen wurde erstmals im Jahr 1479 urkundlich erwähnt. Aber das hat mit der Frankfurter “neuen Altstadt” nun nichts zu tun – oder etwa doch?

Schirn-Direktor Max Hollein, Bettina Pousttchi und Kuratorin Katharina Dohm

Bettina Pousttchi, 1971 in Mainz geboren, studierte zunächst Kunst an der Université de Paris VIII und anschliessend an den Universitäten in Köln und Bochum Philosophie, Kunstgeschichte und Filmtheorie. Von 1995 bis 1999 war sie in Düsseldorf Schülerin von Professor Rosemarie Trockel und Professor Gerhard Merz. Anschliessend war sie rund ein Jahr beim New Yorker Whitney Museum tätig. Pousttchi lebt und arbeitet derzeit in Berlin.

Bettina Pousttchi, “Framework”, Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 17. Juni 2012

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)


Von Frankfurt am Main nach Marseille – mit 320 km/h per Bahn

24. April 2012

Marseille auf dem Weg zur neuen französischen Trendmetropole am Mittelmeer

Von © Juliane Adameit
Fotografien (soweit nicht anders bezeichnet): © Juliane Adameit

Les Calanques bei Marseille

Noch nie hat es so etwas gegeben! Wann konnte man im Eiltempo von Frankfurt aus bequem und ohne Umsteigen bis ans Mittelmeer fahren? Dies ist seit dem 23. März 2012 im Doppelstock-TGV Duplex der staatlichen französischen Eisenbahngesellschaft SNCF in Kooperation mit der Deutschen Bahn möglich. In nur rund siebeneinhalb Stunden ist der über 1000 km lange Weg bis ans Mittelmeer geschafft. Das hört sich nach einem anderen “Zeitalter” oder fast nach “Formel I mit der Bahn” an. Dazu bietet die Reiseroute ab Frankfurt interessante Zwischenstopps an: in Mannheim, Karlsruhe und Baden-Baden, in Strasbourg, Mulhouse, Belfort, Besançon, Chalon-sur-Saône und Macon, in Lyon, Avignon und Aix-en-Provence.

Je weiter man gen Süden fährt, desto karger, hügeliger wird die Landschaft. Noch sind die Ebenen, Felder und Laubbäume saftig grün, vorbei geht es am Rhein, links und rechts sind Burgen, Festungen oder Klöster zu sehen. Die Weinberge im Elsass lassen bereits an die nächste Weinprobe denken. Fast wie bei Bocuse zuhause kommt man sich in der französischen Partnerstadt von Frankfurt, in Lyon, vor.

Lyon, Rhône-Ufer

Auch Lyon präsentiert sich dem Besucher im neuen Look. Viel hat sich getan in der Stadt an der Rhône, die einst als Stadt der Seidenweber und der Kochkunst weltberühmt wurde. Die Fassaden sind neu gestylt, Plätze der Ruhe mit Brunnen und Wasserspielen entstanden. Charmante Cafés voller Nostalgie verführen zu einem Café Crème. Im historischen Herz der Stadt spürt man den Geist des Mittelalters und des Kulturerbes der Unesco: geheimnisvolle Flure und Gänge zwischen den Häusern, enge Gassen und Treppen führen durch dieses Kleinod. Auch heute noch sind die sogenannten Traboules begehbar. Die Meister der Baukunst des Mittelalters haben schon damals hier auf kleinstem Raum eine prachtvolle Wohnkultur geschaffen.

 

Tour Rose in Vieux-Lyon, Foto: Chris 73/wikimedia commons cc


Entlang der Rhône-Ufer gibt es Märkte. Hier bekommt man Kunstwerke, Bücher, Obst, Gemüse und die besten Käsesorten direkt und frisch vom Land. C’est si bon. Doch will man weiter, noch ist man nicht am Ziel. Ist man dann südlich von Lyon, lässt sich die liebliche Provence mit ihren Lavendelfeldern bereits erahnen. Es duftet fast schon danach. Vorbei geht es zunächst aber am Mont Ventoux, dem allerseits bekannten Gipfel und “heiligen Berg” der Provence. Er ist über 1900 m hoch und von weitem, bis ins Frühjahr schneebedeckt, unverkennbar. Heute führt eine Strasse bis zum Berggipfel. Im 14. Jahrhundert noch machte man sich, wie der Dichter Francesco Petrarca, auf den Fussweg. Vorbei rauscht man heute im Superzug.

Visan mit dem Mont Ventoux, Foto: Morosphinx/wikimwedia commons cc

Links liegen Avignon und Villeneuve lez Avignon im Tal der Rhône. Beide wunderschönen und sehenswerten historischen Provence-Städte sind über Brücken verbunden. Dazwischen liegt die Ile de la Barthelasse, die grösste Flussinsel Frankreichs und auch Europas, die man ebenso erwandern wie umradeln und sich bei einem Picknick erholen kann. Weiter geht es durch Aix-en-Provence. Hierher zog es die Maler und Literaten. Im Juni findet in der Stadt das Lifestyle-Festival von Côté Sud statt. Noch ist es eher bei Insidern bekannt. Alles, was das Herz aus dem Süden mit Stil zwischen Gourmetkost, Möbeldesign, Wohnaccessoires sucht und zur Verschönerung braucht, wird hier an einem Wochenende bei einem Open-Air-Event zelebriert. Man gerät ins Schwärmen. Eine Pause auf der Flaniermeile im Café Les Deux Garçons, Institution seit 1790, sollte man sich unbedingt in der Altstadt gönnen. Auf den Spuren von Cézanne geht man weiter und erreicht sein Atelier. Hier am Stadtrand von Aix-en-Provence liess sich der französische Impressionist zu seinen schönsten Kunstwerken inspirieren.

Café Les Deux Garçons, Foto: PRA/wikimedia commons cc

Schliesslich kommt man ans Mittelmeer: Marseille ist in Sicht. Das Reiseziel mit seiner Endstation ist erreicht. Noch sah man den Main, dann den Rhein, danach die Rhône und plötzlich ist man am Mittelmeer – gar an der Côte d’Azur. Wie im Flug verging das, aber per Bahn.

Marseille, “Kulturhauptstadt Europas” 2013, ist mit ca. 850.000 Einwohnern nach Paris die zweitgrösste Stadt Frankreichs. Sie liegt auf zahlreichen Hügeln und hat eine über 57 km lange Küste. Auf einem der Hügel liegt der Bahnhof – auch bekannt durch die Kinofilme Marcel Pagnols. Von hier aus hat man einen faszinierenden Panoramablick auf die quirlige französische Metropole am Mittelmeer. 104 Stufen führen ins Zentrum – fürs Gepäck gibt es natürlich jede Menge Service, Aufzüge und Rolltreppen.

La Gare – der Bahnhof

Am besten begibt man sich gleich erst einmal direkt vom Bahnhof ans Meer und schnuppert Seeluft. Ziel sollte dafür der historische Hafen, der Vieux Port, sein. Man nimmt ein Taxi, fährt per Bus, Strassenbahn oder geht einfach zu Fuss. Am Vieux Port steht man vor unzählig vielen Yachten, eine schöner, grösser und moderner als die andere. Spaziergänger machen ihre Runden um den Hafen – teils ist das Viertel bereits Fussgängerzone. Ein Taxischiff verbindet beide Hafenseiten und verkürzt so den Weg.

Mit Geschichten, Geheimnissen und Genussvollem aus 2.500 Jahren empfängt Marseille die Reisenden. Die Stadt ist die älteste französische Grossstadt. Von griechischen Seefahrern wurde hier einst Massilia gegründet. Selbst die “Marseillaise”, die französische Nationalhymne, hat in der Stadt ihren Ursprung und von hier aus Geschichte geschrieben. In der Stadt widmet man dieser Begebenheit heute ein eigenes Museum. Sehenswert sind das Cantini-Museum oder Museum der Krippenfiguren (Santons).

Klima und Lage machen Marseille zu einem ganzjährigen Reiseziel. 300 Sonnentage pro Jahr seien garantiert. Seit 1996 ist Marseille bereits “Wasserhauptstadt der Welt”. Kulturelle Highlights, Ausstellungen, Festivals, Wassersportevents oder Weihnachtsmärkte sorgen dabei für spannende Unterhaltung und Abwechslung. Das Angebot zwischen Kochkursen, Verköstigungen, Kindermarathon oder Radtouren ist für alle Generationen geeignet. Fashionistas finden edle Boutiquen rund um die Rue Paradis oder Rue Davso und neben der ehemaligen Börse auch ein Modemuseum.

Den Duft des Südens erhält man in der Label-Boutique von Reminiscence, eine Duft- und Schmuckmarke aus Südfrankreich. Berühmt ist aber auch die Seife, Savon de Marseille, die hier in allen Variationen in den Shops von Compagnie de Provence und Durance erhältlich ist. Für Gourmets gibt es Spezialitätenshops wie Oliviers & Co. oder auch den Kaffee von Noailles, schon seit 1927.

Unweit vom Hafen der Reedereien und Fährschiffe liegen die Cathédrale de la Major und das Altstadtviertel Le Panier. Viele kleine Restaurants und Cafés oder auch das sommerliche Stadtteilfest Fête du Panier sorgen für Stimmung. Ein Tipp ist hier die Eisdiele Le Glacier du Roi. Es gibt hier neben unzählig vielen Kreationen zwei aussergewöhnlich leckere Eissorten: Navettissimo und Calisson d’Aix. Zum Menü gehören in Marseille natürlich Fisch, Muscheln, Meeresfrüchte, aber auch die Bouillabaisse, die traditionsreiche Fischsuppe. Dabei darf der berühmte Pastis-Schnaps nicht fehlen. Besonders einladend sind die Menükarten in den Restaurants wie Le Marseillois, La Table au Sud, Le 29 Place aux Huiles oder La Part des Anges. Die Bäckerei der Abtei Saint-Victor ist in Marseille berühmt für ihre Navettes, Feingebäck mit Orangenblüten-Nuance, nach einem wohlgehüteten Rezept schon seit 1781.

Auf den vielen Plätzen und in den Parks bleibt die Idylle erhalten. Sehenswert sind das Palais Longchamp und das Château Borély. Im Viertel rund um das Palais Longchamp kann man die typischen Marseiller Häuser sehen, die auch heute noch das Stadtbild prägen: die Stadthäuser haben pro Etage immer drei Fenster. Im Palais Longchamp von 1869 sind das Kunst- und Naturkundemuseum untergebracht. Einst entstand dieser Prachtpalast mit der Errichtung des Durance-Kanals. Dazu gehört auf der Anhöhe das Observatorium, welches schon vor 300 Jahren gegründet wurde und damit die älteste wissenschaftliche Institution in Marseille ist. Im Süden der Stadt liegt das Château Borély mit einem grossen Park, der zum Spaziergang einlädt.

Altstadthäuser

Palais Longchamp, Foto: Georges Seguin/wikimedia commons cc

Am Meer entlang der Corniche Kennedy stehen zahlreiche Prachtvillen umgeben von farbenfrohen Blumengärten und üppiger Vegetation. Hier ist das Château Berger eine wahre Wellness-Oase: Spa und Thalassotherapie sind zu jeder Jahreszeit möglich. Die Badestrände Prado und Borély laden in der Nähe zum Verweilen ein. Am besten, man nimmt den Bus 83 direkt am Vieux Port und fährt bis zur Endstation – eine empfehlenswerte Idee für eine Stadtrundfahrt in Marseille. Der Bus fährt entlang der Küste, der Villen und Strände, und man kommt ins Schwärmen dabei, kann aussteigen, danach in den nächsten Bus wieder einsteigen und weiterfahren.

Faszinierend ist der Weg bis zur Kathedrale Notre-Dame-de-la-Garde. Es fährt ein Touristenzug bis auf die Anhöhe. Man kann aber auch regulär den Stadtbus nehmen oder zu Fuss gehen. Der Aufstieg wird belohnt. In der Kathedrale leuchten in der Kuppel die Mosaiksteine. Der goldene Glanz beschert eine wahrlich zauberhafte Atmosphäre. Vom Plateau rund um die Kathedrale hat man einen grandiosen Panoramablick auf die gesamte Bucht von Marseille zwischen dem Naturschutzgebiet Les Calanques und dem romantischen Hafenort L’Estaque. Les Calanques, fjordähnliche Kalksteinfelsen, laden bei Marseille zu Wanderungen, Trekking oder Spaziergänge entlang der Küste bis nach Cassis ein. Vom Vieux Port in Marseille bietet Croisières Marseille Calanques mit Öko-Booten diverse Rundfahrten in der Bucht, an der Küste und zu den Iles du Frioul. Bezaubernd, gar paradiesisch ist hier das Meer, denn es schillert und glitzert je nach Sonne und Tageszeit in den einsamen Buchten von azurblau, türkis-transparent bis smaragdgrün.

Paul Cézanne, Baie de Marseille, vue de l’Estaque, um 1885, Bildnachweis: The Yorck Projekt/wikimedia commons

Les Calanques

Baulich ist Marseille genauso faszinierend. Altbauten, Prunkvillen, Hafendocks, Einkaufszentren und zahlreiche moderne Bauprojekte prägen das Bild der Stadt zwischen Hügeln, Felsen und Wasser. Architekten wagen hier, gerade auch für das Kulturhauptstadt-Jahr 2013, einen Blick in die Zukunft. High-Tech und Fantasie sollen Bauten der Superlative schaffen. Eine neue Welle der urbanen Kreativität hat damit Marseille erreicht und macht die Stadt zunehmend für Trendsetter, Lifestyler und Designer attraktiv. Das ehemalige Getreidesilo wird zu einem Event der Architektur und in “Olympia-sur-Mer” umbenannt. Bekannt ist auch bereits das Projekt von Zaha Hadid und an der Küste das futuristische H99. Mit dem Projekt Euromediterranée entsteht rund um das ehemalige Hafenviertel ein futuristischer Stadtteil mit luxuriösen Wohnungen, Geschäftszentren und Hotels. Es entstehen auch neue Museen. Die Stiftung Regards de Provence plant ab 2013 eine Ausstellung zum Thema “Die Provence in der Kunst” und will dabei 850 Gemälde vom 18. bis zum 21. Jahrhundert zeigen. Alt und neu sind dabei stets kreativ kombiniert. Prägend in den Bauten ist immer das Weiss – dazu kommt das Blau vom Meer und Himmel. Die Farbkombination wirkt frisch, sommerlich und freundlich.

Ein architektonisch markantes, aber mittlerweile auch historisches Wohndenkmal ist La Cité Radieuse des Architekten Le Corbusier. Das imposante Bauwerk beherbergt 337 Wohnungen. Mit der Retro- und Vintage-Mode haben Gebäude und Architekturstil wieder neue Fans. Heute gilt es als eine der Attraktionen von Marseille.

Marseille ist überall voller Dynamik, Energie, Elan und Esprit und damit auch ein neues Zentrum für Architekten, Planer, Designer, Kreative, Künstler und Verleger. Ein neuer Szenetreff für die Trends von morgen entsteht. Die französische Mittelmeerstadt ist einfach “in”. Kreuzfahrtschiffe haben die Stadt bereits im Kursbuch fest integriert. Aber auch andere sind dabei, Marseille zu entdecken! Von hier aus ist man schnell in der Provence, auf dem Land, der Lavendelroute, bei Parfumherstellern, in St. Tropez, Cannes, Nizza, Montpellier und sogar in Spanien. Gut und bequem sind von Marseille mit der Fähre auch Inseln wie Korsika oder Sardinien zu erreichen.

Nun bringt dazu eine neue Zugverbindung die Stadt am Mittelmeer noch näher an Frankfurt am Main heran. Marseille, Tor zum Mittelmeer, wird bereits jetzt als Kulturhauptstadt Europas 2013 gefeiert. Vive la fête!

s. a.  Verführung aller Sinne – ein Streifzug durch Museen an der
Côte d’Azur

 

Von genervten Frauen, tumben Männern und zufriedenen Hunden: Malerei von Tatjana Ovrutschskaja

21. April 2012

“Lebenstheater” oder: das Leben nebeneinander her

Hausfrau 2, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Das Paar, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Nein, die Last des Hausrats kann sie nicht länger tragen, die “Hausfrau”, wie auch immer sie sich unter der Tischplatte, erschöpft die Augen schliessend, verrenken mag. Dann aber wiederum sitzt sie als Teil des “Paares” dem Mann gegenüber, dem sie klaren Blicks aus einer übergrossen, mit reichlich Obst bestückten Etagere, deren Ebenen Füllhörnern gleichen, den berühmten Apfel reicht, den Eva schon ihrem Adam sozusagen “erfolgreich” anbot – mit all den bekannten welterschütternden Konsequenzen. Aber dieser in einen albern-harlekinesk gerauteten Pullover gekleidete Herr – dessen tumber, verfressener Gesichtsausdruck auf ein durchaus nur schlicht entwickeltes Gemüt schliessen lässt  – scheint das heraufziehende Ungemach der Vertreibung aus dem Paradies noch nicht zu begreifen.

Die Küche, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Ach, und was plagen sich die beiden derbgesichtigen Bäuerinnen in ihrer Küche mit dem Schlachten und Rupfen des armen Gänseviechs, das sich vor dem Verschwinden im Bräter doch noch etwas an Lebenszeit erhofft hatte. Voilà, c’est la vie!

“All the world’s a stage, And all the men and women merely players …lässt William Shakespeare den Lord Jacques in seinem Schauspiel As You Like It – Wie es euch gefällt – philosophieren. Das war schon im Jahr 1600 so, als der grosse englische Dramatiker dieses Stück zum Druck einreichte. Das Leben also als Bühne, auf der die Menschen ihre Rollen spielen: Rollen, die sie von anderen und von der “Gesellschaft” allgemein – wohl oder übel – zugewiesen bekommen, aber auch Rollen, die sich sich selber in dem Unvermögen zumessen, sich ihres “eigenen Verstandes zu bedienen” (Immanuel Kant).

“Ich betrachte das Leben, und ganz besonders das Gesellschaftliche darin, wie ein Theaterstück und folge jeder Szene mit einem künstlerischen Interesse”, schrieb Theodor Fontane 1886 an seinen Briefpartner Georg  Friedlaender.

Dies tut auch die Malerin. Sie beobachtet scharf und genau, und sie setzt das, was sie sieht, sei es über, sei es unter der Oberfläche, in ihre theatralische Malerei um. Dies geschieht, wie wir erkennen, nicht ohne eine tüchtige Portion Humor und Komödiantentum. Und gern und mitunter vorzugsweise gerät ihr Humor zu einem schwarzen. Das alles macht natürlich auch vor der Karikatur nicht Halt und auch nicht vor der Groteske. Und ein Quentchen Spott schliesslich darf dabei nicht fehlen – der aber nie verunglimpfend oder verletzend ausfällt.

Gymnastik, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Grotesk kämpfen sich Menschen ihre Pfunde und Kilos ab, natürlich im gleichschrittigen Rudel. Dass sie das falsche Sportgerät mit sich führen – Ski- statt Walking-Stöcke – scheint sie nicht zu bekümmern, und dem bäuchlings übergewichtigen Herrn zur Rechten gleitet sein Werkzeug gar aus der Hand.

Ja, sie bewegen sich im Mainstream-Schritt, und doch nicht mit-, sondern nebeneinander. Ein Befund, der typisch ist und fast schon generalisiert werden kann für das Werk Tatjana Ovrutschskajas; für das Paar, für die zwei Küchenbäuerinnen, für die Walking-Gruppe. Ihre Blicke begegnen sich nicht. Eine Kommunikation findet nicht statt.

Nicht einmal den beiden männlichen Kämpfern auf offener Strasse nehmen wir es ab, dass sie sich einander etwas zu sagen, gar zu bedeuten haben. Aber warum nur kämpfen sie dann? Die Zeitzeugen fliehen nach rechts und links aus dem Bild. Bescheint die Kämpfenden wenigstens das Auge des Gesetzes, oder ist es das des Überwachungsstaates?

Der Strassenkampf, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Dann die Hunde, der Menschen Lieblinge. Eine fast schon innige Hinwendung zwischen der Frau und dem Tier im “Spaziergang”. Es fehlt nicht viel, dann küssen sie sich. Was der Mensch dem anderen Menschen nicht geben kann, gibt ihm das zahme Haustier. Eine andere Frau hingegen liegt in der Ferne allein im Gras: beziehungs- und kommunikationslos, ohne Mensch, ohne Tier.

Der Spaziergang mit Hund 1, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Mutter und Kind, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Eine Groteske, aber zugleich auch berührend: nicht Mutter und Kind, sondern Tochter und Mutter müsste die Darstellung heissen. Pablo Picasso schaut aus dem Bücherregal zu, wie die Tochter die gealterte Mutter, nun einem Kinde gleich, auf ihren Knien wiegt. Verkehrte Welt oder Rückkehr zu den Anfängen? Das Theaterspiel des Lebens, in dem sich die Rollen verändern und verkehren.

Tatjana Ovrutschskaja verfremdet ihre Personen: Wir sehen Gesichter mit überlangen Nasen, Figuren mit überlangen Fingern, Händen und Füssen, dürren Armen und Beinen, hölzernen, ungelenken, grotesken  Bewegungen, erstarrter Mimik. Ihre Blicke sind abwesend, treffen sich selten, Menschen schauen sich zumeist nicht an. Ein jeder geht und sitzt, arbeitet, tanzt, kämpft und lebt vor sich hin.

Die Künstlerin malt mit kräftigen, oft plakativ wirkenden Farben, daneben finden wir aber auch Schwarz/weiss-Malereien, die die Szenen expressiv überhöhen. Die Hintergründe sind flächig, nur selten ausgeführt; sie lasssen die agierenden Personen umso deutlicher hervortreten. Manchmal schweben sie, bewegen sich wie in Schwerelosigkeit. Dann wieder erdulden sie, Erde und Schwerkraft verhaftet, ihr Schicksal wie die Sisyphos-Arbeiterin. Natürlich ist sie eine Frau. Mit grosser Geste und aller Kraft stemmt sie sich gegen den riesigen Stein; niemals wird sie es schaffen, ihn zu bewegen.

Sisyphosarbeit, Öl auf Leinwand, 100 x 40 cm

Die Hunde, Öl auf Leinwand, 100 x 40 cm

Dann wieder die Menschen mit ihren Hunden, aus der Perspektive letzterer betrachtet. Wie gut scheinen sie es im Vergleich zum (weiblichen) Sisyphos zu haben.

Tatjana Ovrutschskaja wurde 1935 in St. Petersburg, damals Leningrad geboren. Nach Abschluss des Gymnasium studierte sie an dem – nach dem berühmten russischen Historienmaler benannten – Surikov-Institut der Akademie der Künste der damaligen UdSSR in Moskau. Nach dem Studienabschluss 1965 war sie als Kunstmalerin in Moskau tätig. 1970 wurde sie in den Künstlerverband der damaligen UdSSR aufgenommen. Seit 1971 nahm sie an den jährlichen Ausstellungen des Künstlerverbandes in Moskau und seit 1976 an den Ausstellungen im Moskauer Zentralhaus für Künstler teil. 1995 übersiedelte sie mit ihrer Familie nach Frankfurt am Main, wo sie, wie ihre Tochter Julia Ovrutschskaja, als freischaffende Künstlerin lebt und arbeitet.

Bereits vor dem Umzug nach Frankfurt stellte Tatjana Ovrutschskaja in Wiesbaden aus, nach 1995 in Bad Soden, Köln und Frankfurt am Main, dort wiederum im Westend Carrée, im Internationalen Theater, der Johann Wolfgang Goethe-Universität und der Galerie am Park, wiederholt in der Heussenstamm-Galerie und jetzt zum zweiten Mal im Frankfurter Künstlerclub. 2004 erhielt sie den Studienpreis der Heussenstamm-Stiftung.

Manches in ihren Werken lässt an die sehr frühen kubistischen Figurationen eines Kasimir Malewitsch erinnern: an die Trichter, Dreiecke und Kegel, aus denen er seine Figuren bildete. Manches erinnert uns aber auch – bei aller Gegensätzlichkeit – an die tragikomischen, dicklichen, feisten, unbeholfenen wie ach so liebenswerten Figuren des grossartigen, 1944 in Moskau geborenen Vladimir Lubarov. Aber die Künstlerin lässt sich nicht in eine stilistische oder kunsthistorische Richtung einordnen, sondern sie verfolgt einen eigenen, unkonventionellen Weg.

Der Herbst: Ein gealtertes Paar, beide gehen am Stock. Er trägt einen altmodischen Havelock-artigen Mantel, sie ein nicht minder altmodisches Cape mit Pelerine. Herbststurm, grosse, jahreszeitlich gefärbte Blätter wirbeln umher. Mann und Frau gehen neben- und nacheinander, nicht miteinander. Auch ihre Blicke begegnen sich nicht. Fast abwehrend streckt sie die Hand gegen ihn. Eine fast schmerzlich anmutende Szenerie des Alleinseins, noch dazu im Alter. Lebenstheater?

Der Herbst, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Wir wagen es zu behaupten: Tatjana Ovrutschskaja liebt das Lebenstheater. Sie liebt die Menschen in diesem Theater. Denn sie hat Mitleid mit ihnen. Wir vermuten solches, weil die Malerin in ihren Bildern es anklagt, wenn die Menschen aneinander vorbeischauen und vorbeireden. Weil sie es anklagt, wenn die Menschen leiden. Es sollte doch alles ganz anders sein auf dieser Welt.

Tatjana Ovrutschskaja, “Lebenstheater”, Nebbiensches Gartenhaus des Frankfurter Künstlerclubs, bis 6. Mai 2012

(abgebildete Gemälde © Tatjana Ovrutschskaja; Fotos: Sascha Neroslavsky [9] und FeuilletonFrankfurt [1])

s. a.  Julia Ovrutschskaja

 

Wanda Pratschke: Herzdamen

16. April 2012

Die Herzdame hat es uns angetan, seit wir vor langem dem Kartenspiel erlagen, war sie doch die schönste im Quartett von Kreuz, Pik, Karo und eben Herz, auch stilbewusst Cœur genannt. Ihr Vorbild im französischen Blatt war Judit, ein deuterokanonisches Buch des Alten Testaments trägt ihren Namen. Klug, tapfer und stark war diese Judit: Sie hieb Holofernes, dem obersten Hauptmann des gegen die Israeliten Krieg führenden assyrischen Königs Nebukadnezar, den Kopf ab, als er voll des Weines schlief. Daraufhin konnten die Israeliten das Heer der Assyrer vernichtend schlagen.

Ob jene Judit Patin stand, als Wanda Pratschke ihren neuen Skulpturen den übergeordneten Titel “Herzdamen” gab, wissen wir nicht. Aber stark sind diese Damen allemal, und warum sollten sie dann nicht auch klug und tapfer sein? Eben Herzdamen.

Herzdame, 2011, Bronze, 42 x 23 x 27 cm

Die Frankfurter Bildhauerin Wanda Pratschke, der das Frankfurter Kunstkabinett heuer eine grosse Einzelausstellung widmet, ist Leserinnen und Lesern von FeuilletonFrankfurt bestens bekannt: hatten wir doch Gelegenheit, die Erschaffung der “Grossen Liegenden – ein künstlerischer Prozess” von den Anfängen (Folge 1) bis zur Vollendung des Werkes (Folge 9) zu begleiten.

Wanda Pratschke zählt zu den bedeutendsten Frankfurter Bildhauerinnen und Bildhauern des jungen wie des vergangenen Jahrhunderts, deren Arbeiten zumeist mehrfach für die Aufstellung im öffentlichen Raum angekauft wurden: Wir denken, um nur einige wenige Namen zu nennen, an Edwin Hüller, E. R. Nele, Willi Schmidt, Michael Siebel, Hans Steinbrenner oder Hugo Uhl, wobei Nele, die Metallbildhauerin, Pratschke, die überwiegend im Bronzeguss arbeitet, und der grosse Stein- und Holzbildhauer Steinbrenner bei aller Unterschiedlichkeit ihres jeweiligen Œuvres in einem Atemzug genannt werden dürfen.

Unbesiegte I, 2010, Bronze, 35 x 65 x 25 cm

Waren für Wanda Pratschkes Skulpturen – ganz überwiegend Bronzegüsse weiblicher Gestalten – bislang eine ruhige Geschlossenheit, ein Insichruhen, ja gleichsam eine gewisse ins Weibliche übersetzte Buddha-hafte Versunkenheit charakteristisch, so bewirkt die Künstlerin in ihren Arbeiten neueren Datums eine vorsichtige Öffnung hin zu gestischer Entfaltung, zu Bewegung, zu einem Schritt in den Raum hinein.

Die Künstlerin überlässt, bei aller Inspiration und Intuition, nichts dem Zufall. Ihre Skizzen, die ihren Modellen in Wachs oder Gips zugrunde liegen, bevor jene im Bronzeguss ihre endgültige raumgreifende Gestalt annehmen, sind bereits selbst Kunstwerke, und Pratschke verselbständigt diese Skizzen zu mittelformatigen “Gemälde-Zeichnungen” in Acryl auf Leinwand  in den Dimensionen 80 mal 120 Zentimeter. Bezeichnenderweise betitelt sie diese Schöpfungen “Riesinnen”.

↑  Kopf M., 2011, Bronze, 40 x 30 x 14 cm

↓  Weib, 2011, Bronze, 25 x 20 x 28 cm

Erkundet im “Kopf M.” jetzt ein wacher, selbstbewusst forschender Blick die Umwelt, so greift das sich zu seinem Fuss niederbückende “Weib” mit vorgestrecktem Kopf und ausholender Geste in den Raum hinein.

“In der Zusammenschau lässt es sich denn auch nicht übersehen”, schreibt Christoph Schütte in dem überaus bibliophilen, von der Künstlerin eigenhändig gestalteten Katalog, “was der langjährige Kenner ihres Werks längst weiss: dass zu den klassischen Posen neue nuancierte Formfindungen hinzugetreten sind; oder dass das schmeichelnde Runde der kompakten Formen allmählich zurücktritt und in den aktuellen Arbeiten mehr und mehr einer zunächst verhalten, dann zunehmend mutiger sich artikulierenden expressiven Formsprache weicht”.

Relief III, 2011, Bronze, 19 x 18 x 8,5 cm

Deutlich wird diese Entwicklung auch in den Reliefs neueren Datums der Künstlerin. Bei aller erhabenen Archaik, die diesen Arbeiten nach wie vor innewohnt, bahnt sich expressive Bewegung einen Weg von der Fläche in den Raum.

Vor den “Riesinnen”: Galerie-Geschäftsführerin Margarete Wegner und Wanda Pratschke in der Vernissage (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Wanda Pratschke, “Herzdamen”, Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath, bis 5. Mai 2012

(abgebildete Werke © Wanda Pratschke, Fotos: © Martin Url)

 

Baut Bettina Pousttchi in der Schirn schon an der neuen Altstadt?

13. April 2012

“Equal goes it loose” soll einst Bundespräsident Heinrich Lübke der zu Staatsbesuch weilenden englischen Königin freudig den Beginn einer Veranstaltung angekündigt haben; goes it equal loose now mit der Altstadtbebauung? Fachwerk, wohin man schaut, aber wieso an der Schirn-Rotunde?! Ist es uns entgangen, dass sie klammheimlich in das Bebauungsgebiet einbezogen wurde?

Fragen über Fragen. FeuilletonFrankfurt hofft, sie Mitte nächster Woche beantworten zu können.

Die entstandene Unruhe macht sich hoffnungsvoll wieder mal die winzig kleine Schar der – nein, nein, nicht der FDP – , der FDF’s zunutze, der Freier-Domblick-Fans. Sie sperren die Stadtherzkammer-Brache mit rotweissen Bändchen und greifen sogar zum letzten Mittel: der Videoüberwachung! Piraten aufgepasst! Kümmert euch, ehe es zu spät ist!

Also: viel los ist in der Frankfurter Gudd’ Stubb’! Bleiben Sie dran, liebe Leserinnen und Leser, und kommen Sie alle am 18. April abends in die Schirn!

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

s. a.  Folie statt Fachwerk: “Framework” von Bettina Pousttchi in der Schirn Kunsthalle