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Archive for the 'Reisen' Category

Auf den Spuren von Konrad Adenauer (1): Drei Tage in der Villa la Collina

Dienstag, 16. Juni 2009

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Wir sind am Ziel: Nach wenigen Serpentinen bergan vom Ufer des Comer Sees halten wir vor dem mächtigen schwarzlackierten Tor der Villa La Collina in Cadenabbia. Hoch türmt sich ein üppig mediterran bewachsener Bergpark auf, dominiert von wuchtig aufragenden Zypressen sowie exotisch anmutenden Tannen- und Laubbäumen. Daneben und dazwischen Palmwedel. Wir stehen vor der berühmten Villa La Collina, in der Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, in den Jahren von 1959 bis 1966 fünfzehn Mal seinen Urlaub verbrachte.

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Über 27.000 Quadratmeter Park, wie der Name besagt auf einem Hügel gelegen, ganz oben die 1899 erbaute “eigentliche” Villa (in Italien heissen exklusive Gebäude samt dem umgebenden Park Villa).

In der beginnenden Dämmerung geht es hinauf, an der 1990 im unteren Teil des Parks errichteten Accademia und an den riesigen, uralten Zypressen vorbei zur Villa …

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Am nächsten Morgen dann das Gebäude im Sonnenschein und der Blick über die Terrassen auf den Comer See …

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Heute ist die Ausstattung des Hauses eine andere als zu Adenauers Zeiten, in denen es dort sehr spartanisch zuging. Die Villa war damals, nach wiederholtem Leerstand, schlecht zu beheizen, Mobiliar, Geschirr und sonst Nützliches bis Notwendiges mussten von einem Hotel in der Nähe herbeigeschafft werden, wenn der hohe Besuch eintraf.

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1977 erwarb die Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. das denkwürdige Anwesen und richtete dort ein internationales Begegnungszentrum für Politik, Wirtschaft und Kunst ein. Zusammen mit der genannten Accademia bietet das Anwesen bis zu 60 Übernachtungsgästen Platz. Rund 50 bis 60 Konferenzen, Seminaren und Tagungen jährlich gibt die Villa ein einzigartiges Ambiente und Gepräge.

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In der Villa finden die Zusammenkünfte der Autorenwerkstatt der Stiftung statt; Künstler und Kunstmanager aller Sparten treffen sich regelmässig zum Gedankenaustausch beispielsweise über Fragen von Kunst, Macht und Politik.

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Überall auf den Wegen und in den Räumen weht uns der Genius loci an. Konrad Adenauer fand hier, obwohl die Villa in den Wochen seiner Anwesenheit zu einer Art Aussenstelle des Bonner Kanzleramts hergerichtet werden musste, ein paar Stunden der Ruhe und Musse. Er liebte die alten Bäume, besonders die himmelwärts aufstrebenden Zypressen. Er traf an diesem Ort wichtige politische Entscheidungen und Weichenstellungen auch für den eigenen persönlichen Lebensweg: So entschied er sich hier in politisch brisant-bewegten Zeiten dafür, entgegen früheren Erwägungen doch nicht für das Amt des Bundespräsidenten zur Verfügung zu stehen, sondern die Kanzlerschaft fortzusetzen. Und nicht zuletzt: Hier verfasste er die ersten Bände seiner “Erinnerungen”.

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Inzwischen steht die Villa La Collina bei rechtzeitiger Voranmeldung auch Gästen für einen kürzeren privaten Urlaub zur Verfügung. Einen entsprechenden Kontakt zur Leitung der Villa finden Sie unter www.kas.de.

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(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Auf den Spuren von Konrad Adenauer (2): Der Bundeskanzler und Cadenabbia

Freitag, 19. Juni 2009

1957 kam Konrad Adenauer erstmals zu einem Urlaub nach Cadenabbia, 1966 zu seinem achtzehnten und letzten Aufenthalt. Seit 1959 verbrachte er seine Ferientage in aller Regel in der Villa La Collina.

Am Ufer des Comer Sees wurde dem Altbundeskanzler und leidenschaftlichen Bocciaspieler ein Denkmal gesetzt:

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Das Bocciaspiel entdeckte Adenauer in seinen Urlaubstagen in Cadenabbia, er pflegte es besonders vor dem Abendessen. Allerdings benutzte er eine Bocciabahn auf einem benachbarten Grundstück; die heute in der Villa La Collina neben der Accademia befindlichen Bahnen wurden erst in jüngerer Zeit eingerichtet. Adenauer erwies sich im Spiel als äusserst geschickt, war aber, wie überliefert ist, kein guter Verlierer. Mitspieler und Mitarbeiter liessen deshalb den alten Herrn, um ihn bei Stimmung zu halten, zumeist gewinnen.

“Politik ist”, wird der Altkanzler zitiert, “wie Boccia, man wird immer wieder mit Überraschungen konfrontiert und muss sich was Neues ausdenken.”

Vom Seeufer mit seinen Villen und Hotels geht es steil bergauf, an Adenauers Urlaubssitz, der Villa La Collina vorbei,  in das Dorf,

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vorbei an kleinen Bürgerhäusern und Plätzen, auf denen zur Siesta-Zeit die Arbeitsgeräte in der Sonne dösen,

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nach rechts in das Centro storico, wo wie so oft in Italien gemauerte Bögen die schmalen Gassen überwölben und die Häuser gegen einen Einsturz bei Erdbeben bewahren sollen.

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In der Mittagshitze schützen die dunklen, engen Gassen vor der Sonne und öffnen um eine Ecke herum manch überraschenden Anblick.

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Zur linken Seite geht es die “Passeggiata Adenauer” weiter hinauf zur Kirche Santi Nabori e Felice, die der Kanzler unter grosser Anteilnahme der Dorfbewohner allsonntäglich besuchte. Trotz seines hohen Alters nahm Adenauer den ansteigenden Weg in aller Regel zu Fuss.

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Adenauer erfreute sich bei den Bürgern Cadenabbias grosser Beliebtheit und Verehrung. Bereits bei seinem ersten Besuch in dem 800-Einwohner-Dorf erhielt er die Ehrenbürgerschaft. Nicht nur über das Bocciaspiel war er mit vielen Bürgern des Ortes freundschaftlich verbunden. Nach Adenauers Tod reisten derart viele Einwohnerinnen und Einwohner von Cadenabbia zur Trauerfeier im Kölner Dom, dass der Bürgermeister dafür eigens einen grossen Reisebus chartern musste.

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Konrad Adenauer, Büste in der Villa La Collina, Cadenabbia

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Bhutan – ein noch ziemlich unbekanntes Land (Folge 1)

Montag, 13. Oktober 2008

Bhutan

Text und Fotografien: © Ingrid Malhotra
Buchautorin und Fotografin

Bhutan ist ein sehr kleines Land.

Bhutan ist auch – noch – ein ziemlich unbekanntes Land.

Um ehrlich zu sein, ich bin da ganz egoistisch, wünsche ich mir, dass es noch sehr, sehr lange so bleiben möge.

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Es ist herrlich, in einer alten Tempelanlage herumzustrolchen, und niemand will mir etwas verkaufen. Ich kann mir in aller Ruhe jedes Detail anschauen, mit den Menschen sprechen, die dort leben und arbeiten. Es ist kein Problem, Fotos zu machen, auf denen nur Bhutan zu sehen ist – keine Deutschen, keine Amerikaner, keine Japaner.

Herrlich.

Ich würde das gerne irgendwann wiederholen, vielleicht mit etwas besserem Wetter.

Und weil noch so wenige Leute nach Bhutan reisen, ist der Kontakt zu den Einheimischen auch ganz besonders “normal”.

Aber am besten fange ich ganz am Anfang an. Vor der Einreise …

Die häufigsten Fragen, wenn ich erzählte, dass ich nach Bhutan reisen will, waren “Wo liegt denn das?” und “Warum gerade dahin?”, gefolgt gelegentlich von Warnungen, dass es dort noch sehr primitiv und mittelalterlich zugehe.

Wo es liegt? Zwischen Indien und China, nicht weit von Nepal – ein saftiger Knochen, den sich die beiden grossen Kampfhunde gar zu gerne einverleiben möchten, aber Bhutan hält sich tapfer.

Bhutan ist lang und schmal, kaum für moderne Fortbewegungsmittel erschlossen, und die Höhenunterschiede sind immens: im Süden an der indischen Grenze kaum über Meereshöhe; und im Norden hat der höchste Berg 7.553 Meter. Von Indien aus steigen die Vorberge des Himalaya wie eine Wand auf 2000 bis 3000 m Höhe an – hier leben die meisten Menschen und treiben Ackerbau und Viehzucht in weiten Hochtälern. Kartoffeln, Buchweizen, Spargel, Äpfel – alles ganz vertraute Produkte. Dazu findet man noch so manche uralte Getreidesorte, die bei uns keiner mehr kennt.

Die Klimaunterschiede entsprechen den Höhenunterschieden – für eine Reise nach Bhutan muss man auf alles vorbereitet sein – vom ärmellosen T-Shirt bis zur Daunenjacke darf nichts fehlen.

Es hiess, dass hier die alten Traditionen nicht wegen des Tourismus gepflegt werden, sondern weil sie den Menschen etwas bedeuten. Es hiess, dass nur eine begrenzte Anzahl von Touristen jedes Jahr einreisen darf, damit dem Land die üblichen, hässlichen Begleiterscheinungen des Tourismus erspart bleiben. Das klingt doch irgendwie reizvoll, nicht wahr?

Also, schaute ich mir die Landkarte an, las ein paar Bücher und stellte dann die Reise ungefähr so zusammen, wie ich sie mir vorstellte.

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Da es nun ganz so aussah, als ob man nicht einfach hinfliegen und herumfahren könne (was heisst hier “herumfahren”? im Wesentlichen gibt es nur eine Strasse, und ob die den Namen verdient?) und ausserdem die

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Kenntnisse aus Büchern mitunter etwas mangelhaft sind, habe ich meinen Plan einem erfahrenen Reiseveranstalter in Bangkok geschickt, den ich von früheren Reisen her kannte, und ihn gebeten, mir die Reise zu organisieren. (Leider habe ich den Kontakt inzwischen verloren, was ich überaus bedauere.)

Nun gingen viele Mails hin und her – es war wohl gut, das einem Menschen zu überlassen, der sich damit auskannte, insbesondere, da ich anschliessend noch nach Darjeeling und Kathmandu wollte. Er machte Vorschläge, ich akzeptierte sie – meistens. Wichtig war der Zeitpunkt der Reise: Ich wollte ausserhalb der Regenzeit unterwegs sein (Sie ahnen es schon, in dem Jahr dauerte die Regenzeit länger!), und ich wollte die Maskentänze sehen. Schliesslich war alles vorbereitet, ich musste nur noch die Flüge von und nach Frankfurt buchen, dann konnte es schon losgehen.

Da ich mir ausgerechnet hatte, dass das Reisen in Bhutan vielleicht ein wenig anstrengend sein könnte, und da mein Reiseveranstalter in Bangkok sitzt, bin ich zunächst einmal nach Bangkok geflogen, um meine Unterlagen abzuholen und ein wenig in der Stadt herumzustromern. Bangkok ist faszinierend, und in meinem Hotel gelte ich mittlerweile als so eine Art Stammgast und bekomme immer ein Eckzimmer mit Balkon ganz weit oben mit einem herrlichen Blick über den Chao Phraya.

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Eigentlich wäre ich am liebsten dort geblieben. So herrlich faul zu sein, verwöhnt zu werden …

So ein Hotel ist ja schon ein kleiner Minikosmos, in dem man immer wieder neue, aufregende Entdeckungen macht.

Aber ich hatte gerade eine Menge Geld für die Reise nach Bhutan bezahlt – die Behörden dort verlangen nicht nur, dass man die Reise über einen Reiseveranstalter bucht, sondern auch, dass man etwas über 200 US-Dollar pro Tag Mindestsumme vorausbezahlt. Das klang natürlich nach sehr viel, aber wie sich später herausstellte, waren damit auch alle Kosten im Lande abgedeckt – bis auf die unvermeidlichen Einkäufe, die man sich dann zuhause meist nicht mehr so recht erklären kann.

Also ging es zum neuen Flughafen in Bangkok – der alte war ja schon gewaltig, aber der neue – Megalomanie vom Feinsten!

Ein wenig misstrauisch war ich, denn um nach Bhutan zu kommen, musste ich mit einer Fluggesellschaft starten, von der ich nie zuvor gehört hatte, der Druk Air, der staatlichen Fluggesellschaft Bhutans. Andere dürfen dort nicht hinfliegen.

Und man kennt ja diese kleinen asiatischen Fluggesellschaften … Ich wusste nicht so recht, wie ich das mit meiner ewigen Flugangst unter einen Hut bringen sollte. Aber alle Sorgen stellten sich wieder einmal als völlig unbegründet heraus: Druk Air ist nicht nur klein, sondern auch fein.

Das Flugzeug war brandneu, so sauber und gepflegt, dass man gar nicht auf die Idee kam, nach Roststellen, losen Schrauben oder sonst etwas Verdächtigem an den Tragflächen zu suchen – also, ich weiss nicht, irgendwie sehr unasiatisch. Das war jetzt sicher politisch nicht korrekt, aber spätestens seit der sicher schon mehrmals anderswo ausgemusterten 707 von Bombay nach Aurangabad – der mit den geflochtenen Sitzen und ohne Gepäckablagen – bin ich etwas empfindlich geworden. Und dazu hatte ich noch das grosse Glück, neben einem Mitarbeiter einer internationalen Organisation (ich glaube, es war der IWF) zu sitzen, der oft nach Bhutan flog und mir viele wertvolle Tipps gab.

Ohne diesen Sitznachbarn hätte ich wahrscheinlich so manches gar nicht als Besonderes wahrgenommen, was tatsächlich sehr besonders war. Er warnte mich auch vor der Landung auf dem einzigen internationalen Flugplatz Bhutans im Paro-Tal, da der Landeanflug durch einen engen Taleinschnitt erfolge.

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Naja, auch da hatte ich Glück und sass auf der Seite, wo der Berg sanfter anstieg und dadurch weiter entfernt wirkte.

Aber schon vor der Landung fiel mir auf, wie gepflegt alles wirkte – grosse Häuser mit viel Holz, wie es schien.

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Von oben betrachtet, hätten die genauso gut in der Schweiz stehen können. Gut, später stellte sich heraus, dass zumindest das Dekor etwas unschweizerisch war.

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Man legt halt grossen Wert auf Fruchtbarkeit, denn es gibt so wenig Bhutanesen, nur circa 630.000 oder 640.000, manche sagen auch etwas über 700.000. Immerhin ist das Land etwa so gross wie die Schweiz, wenn auch lang und schmal. Und diese wenigen Bhutanesen leben grösstenteils auch noch weit auseinander in diesem winzigen Land. Die allermeisten leben irgendwo in einem Haus inmitten ihrer Felder und Weiden und müssen lange Fussmärsche zurücklegen, wenn sie in eine der wenigen Städte wollen. Und das wollen sie mindestens einmal im Jahr, wenn die grossen Tanzveranstaltungen stattfinden.

Tja, und dann kam die Landung und die damit verbundene Erleichterung. Passkontrolle, Gepäck, alles ging schnell und einfach vonstatten. Und dann stand draussen ein junger Mann, eigentlich eher noch ein Junge, mit einem Pappschild, auf dem mein Name stand. Dieser Junge war äusserst merkwürdig angezogen: Ein schwarzes, ja, wie soll ich sagen, Kleid, das sich gewaltig über einem eng zugezogenen Gürtel bauschte, schwarze Kniestrümpfe und die elegantesten schwarzen Lackschuhe, die ich je gesehen habe.

Natürlich hatte ich gelesen, dass die Regierung von den Bürgern verlangt, ihre Nationaltracht zu tragen, aber ich hatte ja keine Ahnung, wie die aussieht. Also irgendwie, doch, sehr elegant. Nicht direkt praktisch in einem Hochgebirgsland, wo sich das Leben überwiegend in Lagen weit über 3000 Metern und in unwegsamem Gelände abspielt, aber deutlich schicker als Lederhosen. Dass es auch anders geht, sah ich dann am Fahrer, bei dem alles wie kariert war.

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Das Auto passte irgendwie zur Tracht: Ich hatte einen geländegängigen Jeep erwartet, stattdessen stand da eine etwas ältere Limousine, ebenfalls asiatischer Provenienz, von der Sorte, bei der man schon beim Hingucken seekrank wird. Und das im Hochgebirge …

Nun, man wird sehen. Die beiden Jungs stellen sich vor, sind schwer verständlich, aber ich werde ja genug Zeit haben, mich an den Akzent zu gewöhnen, und los geht’s. Nach Thimphu, der Hauptstadt.

Die Strecke ist nicht lang. Laut meinen Büchern soll die Fahrt etwa eine Stunde dauern. Was die Autoren offenbar nicht wussten, ist, dass die Strasse in erster Linie aus Baustellen besteht. Und diese Baustellen sind nicht ampelgeregelt – dafür sind sie auch viel zu lang! -, sondern man darf zwei Stunden in die eine Richtung fahren und dann zwei Stunden in die andere. Und dann kommt ein Regierungsmitglied, der Kronprinz (der inzwischen König ist und wahrscheinlich immer noch ganz unbekümmert mit seinem Jeep durch die Gegend kurvt) oder eine Delegation aus einem anderen Land. Und für die gelten diese Regelungen nicht. Also, es zog sich etwas hin, bis wir in Thimphu ankamen.

Inzwischen war es Spätnachmittag. Die Zeit reichte nur noch für einen kurzen Spaziergang. Man zeigte mir den “dansing policeman” – das war der Verkehrspolizist, der an einem Ende der Hauptstrasse in seinem kleinen Unterstand jedes Mal in frenetische Aktivität ausbrach, wenn ein Auto kam. Das geschah nicht oft, aber es war jedes Mal äusserst sehenswert.

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Und die Bhutanesen schienen sehr stolz auf ihn zu sein. Ich hatte auch noch Gelegenheit, die im Hotel in Bangkok vergessene Zahnbürste zu ersetzen und ein paar Schaufenster anzusehen.

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Dann war es Zeit, ins Hotel zu gehen, das nicht sonderlich komfortabel war, aber einen sehr schönen Blick über die Stadt bot.

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Das Abendessen war zu meinem grossen Leidwesen gar nicht schlecht – ich hatte ja gehofft, dort abzunehmen, was dringend erforderlich gewesen wäre (ist es immer noch!) und was mir in Burma oder Kambodscha immer gut gelingt. Aber nein – das Essen schmeckte richtig lecker.

Nun, am nächsten Tag beginnt das grosse Abenteuer. Das können Sie dann demnächst nachlesen unter “Unterwegs in Bhutan”.

(Folge 2)

Bhutan – ein noch ziemlich unbekanntes Land (Folge 2)

Montag, 20. Oktober 2008

Unterwegs in Bhutan

Text und Fotografien: © Ingrid Malhotra
(ein Foto von Marion Toelle)

Heute ist der zweite Tag in Bhutan (siehe Folge 1). Das Abenteuer beginnt.

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Aber zunächst wird Thimphu, die gewaltige Hauptstadt mit knapp 70.000 Einwohnern, gründlicher angeschaut. Der Tempel mit den grössten Gebetsmühlen, die man sich vorstellen kann, und ich erfahre, dass es sehr wichtig ist, nur linksherum um den Tempel zu gehen. Dann ein Blick auf den Königspalast, der sehr bescheiden wirkt.

Briefmarkenkauf, die öffentliche Bücherei ist geschlossen;

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eine klassische Baustelle, die Baustelle des neuen Luxushotels, des künftig einzigen in Bhutan;

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ein Gang über den Fluss, die freitragende Brücke ist wunderschön,

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und unter dem Schutz des Brückendachs spielen zwei Frauen mit Würfeln. Eine will nicht fotografiert werden, aber die andere ist umso lieber dazu bereit.

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Auf der anderen Seite des Flusses findet gerade der Wochenmarkt statt, und es ist ein richtiger Wochenmarkt, auf dem Waren angeboten werden,

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welche die Einheimischen brauchen können – nur ganz wenig Touristenkram.

Den Dzong lassen wir aus, den soll ich zum Ende der Reise noch gründlich kennenlernen.

Aber zum Goldschmied muss ich kurz hineinsehen. Ich habe da etwas gesehen, und ja, das ist traditioneller bhutanesischer Schmuck, ein Ring, wie ihn Männer und Frauen hier tragen: aus getriebenem Gold mit einem tropfenförmigen Türkis. Da lasse ich mir doch gleich einen machen.

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Dann geht es weiter ins Land hinein – es gibt wirklich nur eine Strasse, die von Westen nach Osten das Land durchquert – die Reiseroute ist sehr einfach nachzuvollziehen. Und das trotz der Angst, die einen gelegentlich etwas lähmte, denn diese einzige Strasse ist sehr, sehr schmal, sie verläuft in grosser Höhe an steilen Hängen entlang, und sie ist sehr befahren.

Es ist wahr, Bhutan ist noch sehr mittelalterlich, aber es ist ein Mittelalter mit Autos und Handies – es scheint, als ob jeder ein Auto hat, ob er nun an einer Strasse wohnt oder nicht, und Handies sind auch weit verbreitet und eifrig in Gebrauch. Die Netzabdeckung scheint recht gut zu sein, wenn man so mit dem Taunus vergleicht …

Und ausserdem stelle ich fest, dass Bhutan den falschen Namen trägt! Es heisst „Land des Donnerdrachens“, und der Drachen ist auch das Wappentier und wird liebevoll auf jede Fahne gestickt.

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Aber es sollte „Land der Wasserfälle“ heissen. Überall fällt Wasser, lang, kurz, schmal, breit – wo man auch hinschaut, Wasserfälle. Und ich liebe Wasserfälle sehr. Und treibe meinen Fahrer in den Wahnsinn, weil ich hinter jeder zweiten Kurve „stop“ schreie und aus dem noch halb fahrenden Auto springe, um ein Foto zu machen. Man kann dort eigentlich nirgends anhalten, weil die Strasse so eng ist und weil es fast immer auf der einen Seite sehr steil nach oben und auf der anderen Seite ebenso steil nach unten geht. Aber was bleibt mir anderes übrig bei so vielen Wasserfällen, und einer ist schöner als der andere …

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Ein paar Stunden, nachdem wir Thimphu verlassen haben, fahren wir über einen Pass, der mit vielen kleinen Tempeln und noch mehr Gebetsfahnen geschmückt ist. Man soll hier eine grossartige Aussicht haben. Aber natürlich sehe ich nur Wolken. Andere sahen mehr …

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Allmählich verstehe ich auch, warum sechs bis sieben Tage veranschlagt wurden, um von Thimphu im Westen nach Trashigang im Osten zu fahren – eine Gesamtstrecke von ca. 530 km: diese Strassen! Und es ist so viel zu sehen. Immer wieder müssen wir unterwegs anhalten. Mal wegen eines Wasserfalls, mal wegen eines herrlichen Ausblicks in eine der waldigen Wildwasserschluchten, mal, um Frauen beim Weben ihrer unglaublichen Stoffe zuzuschauen. Das Muster wird so eingewebt, dass es wie gestickt wirkt. Wirklich unglaublich schön, aber leider auch unglaublich teuer.

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Schliesslich kommen wir nach Punakha. Zunächst geht es ins Hotel, das wunderschön liegt, aber mich unterzubringen, verursacht ein mittleres Chaos, weil die Zimmerreservierung nicht angekommen sei und weil die doch eher unerfahrenen Mitarbeiterinnen der festen Überzeugung sind, dass man einer Alleinreisenden kein Doppelzimmer zumuten kann – und die Einzelzimmer waren alle nicht in Ordnung. Es kostete einiges an Überzeugungsarbeit, bis sie verstanden, dass ich gerne das Opfer bringe und bereit bin, ein grösseres Zimmer mit besserer Aussicht zu nehmen. Was tut man nicht alles …

Dann fahren wir schnell an den Fluss, um einen atemberaubenden Blick auf den Dzong zu geniessen.

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Hier sollte ich vielleicht erklären, was ein Dzong ist: Es handelt sich um eine befestigte Anlage, die zum Teil als Kloster und zum Teil als Verwaltungssitz eines der 20 Distrikte von Bhutan, eines so genannten Dzongkhar, dient. Ausserdem sind – oder waren – die Dzongs Zufluchtsorte für die Bevölkerung in Kriegszeiten.

Am nächsten Morgen geht es weiter nach Trongsa.

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Den riesigen Dzong sieht man schon von weitem, wie er auf einer steilen Klippe über einer tiefen Schlucht thront.

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Innen kann man deutlich den Verwaltungstrakt vom Klosterteil unterscheiden. Besonders gut erhalten sind der alte Wachtturm und herrliche alte Wandmalereien. Der Ort ist winzig, aber als ich in den einzigen richtigen Laden ging und fragte, ob es einen Taschenspiegel gebe, weil ich meinen verloren hatte, zeigte man mir voller Stolz eine Chanel-Puderdose. Irgendwie kam das unerwartet …

Das Hotel hier war bezaubernd, grosse gut eingerichtete Zimmer voller Atmosphäre, Balkons mit prächtiger Aussicht, eine Terrasse, auf der man sehr gemütlich zu Abend essen und einen erlebnisreichen Tag ausklingen lassen konnte. Herrlich. Hier könnte man öfter hinfahren, wenn es nur nicht so weit weg wäre.

Am nächsten Tag geht es auf den Weg nach Bumthang. Hier sind wir schon ziemlich in der Mitte des Landes. Bumthang liegt langgestreckt in einem weiten, sandigen Hochtal. Die Landschaft wird geprägt von der rötlichen Farbe des Buchweizens,

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von zahllosen Apfelbäumen und von einem kleinen Fluss, der sich durch das Tal schlängelt. Die Einheimischen bezeichnen Bumthang als eine Stadt, aber eigentlich ist es eine Vielzahl von kleinen Siedlungskernen, die sich über circa 80 km erstrecken. Im grössten dieser Kerne finde ich mein Hotel, und ich habe hier auch zum ersten Mal intensiveren Kontakt mit Einheimischen.

Es ist ja üblich bei Reisen in Entwicklungsländer, dass ein Programmpunkt der Besuch einer einheimischen Familie ist, damit man sehen kann, wie die Menschen dort leben. Üblicherweise sitzen dann die Touristen verlegen herum und wissen nicht, wohin mit ihren Händen, weil sie der Hygiene nicht trauen. Die Gastgeber sitzen auch mit verlegenem Grinsen herum, bieten etwas zu essen oder zu trinken an, und alle sind froh und erleichtert, wenn es vorbei ist.

In Bumthang war das ein wenig anders. Ich besuchte eine Bauernfamilie. Sie zeigten mir stolz ihr Haus. Das Leben spielte sich überwiegend im Wohnzimmer ab, wo man im Winter auch schläft, um Heizmaterial zu sparen – trotz der vielen Wälder sind die Bhutanesen erfreulich besorgt um ihr Holz. Im Sommer schlief man in kleinen Schlafkammern mit Nischenbetten. Und dann gab es noch ein besonderes Zimmer mit einem Altar und einem extra bequemen Bett – dort sollte der Lama schlafen, wenn er denn einmal zu Besuch kommen sollte. Die Unterhaltung war lebhaft, die Kinder spielten ganz unbekümmert und freuten sich, wenn ich sie fotografierte.

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Es gab selbstgebrauten Schnaps, von dem ich allerdings nicht ganz so viel schaffte, wie man von mir erwartete.

Aber das Interesse an unserer Art zu leben war gross; sie kennen es ja nur aus einem gelegentlichen Fernsehfilm und wollen schon gerne wissen, ob wir wirklich so leben. Und ich konnte mal wieder meine übliche Frage loswerden: „Sind Sie wirklich glücklich? So, wie es der König angeordnet hat?“ Aber auch hier beharrten alle darauf, dass sie wirklich glücklich seien, so wie der König das wolle.

In einem Tempel übten Mönche für die Maskentänze – sehr befremdend mit ihren Roben und alten Säcken statt ritueller Gegenstände. Aber lustig, und auf jeden Fall hat es neugierig gemacht auf die echten Tänze später.

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In einem anderen Tempel gab es prächtige Tangkas und Wandmalereien – und keinen einzigen Touristen! Die Gebäude waren um einen grossen Platz aufgereiht – auf einer Seite die Tempel, auf der anderen Seite die Unterkunft für die Mönche. Hunde dösten und spielten wie überall, wo Menschen sie füttern – die Regierung sterilisiert sie, aber die braven Buddhisten in Bhutan lassen selten einen Hund hungern.

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Eine alte Frau entfernte Unkraut aus den Ritzen des Tempelvorplatzes – das war ihr Job, davon lebte sie und war tatsächlich glücklich dabei. Wir unterhielten uns lange, und es stellte sich heraus, dass wir fast gleichaltrig waren. Erklärungen fielen uns beiden sehr schwer …

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Aber sie hatte so ihre Theorien darüber, wie Frauen in modernen Ländern leben und warum sie langsamer altern.

Beim Abendessen kam dann noch eine grosse Überraschung: Angekündigt waren Kartoffelpfannkuchen mit Ingwerkarotten. Das waren Reibekuchen genau wie zuhause! Und die Ingwerkarotten passten so gut dazu, dass ich mir gleich das Rezept geben liess …

Ich fand es schon ganz schade, Bumthang zu verlassen – aber wir sind ja noch ein paar Stunden hindurch gefahren.

Die nächste Station war Mongar – hier besuchte ich eine Schule und war zutiefst beeindruckt von Disziplin und Lerneifer der Kinder. Sie hatten gerade Englischunterricht – Englisch ist Pflichtfach, da man den Kindern die Möglichkeit geben will, in der ganzen Welt zu lernen und zu studieren, wenn sie die Schulausbildung in Bhutan abgeschlossen haben. Aber später erklärte man mir hinter vorgehaltener Hand, dass diese ach so disziplinierten Kinder alles nachholen, was sie hier nicht dürfen, wenn sie später tatsächlich im Ausland weiter lernen. Nun, das sei ihnen gegönnt – sie waren wirklich viel zu brav!

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Hier in Mongar war es auch, dass ein gewaltiges BMW-Motorrad, liebevoll geputzt, gepflegt und dekoriert, nicht weit vom Fussballplatz stand – das kam irgendwie unerwartet. Noch unerwarteter kam das, was ich über die Liebe der Bhutanesen zum Fussball erfuhr. Das ist eine ganz besondere Beziehung. Sie kennen alle Mannschaften, sogar die Frankfurter Eintracht, und ganz Bhutan schwärmt immer noch vom Fussballspiel Bhutan gegen Montserrat im Jahre 2002.

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Von Mongar aus ging es weiter nach Trashigang. Das Wetter wurde besser, gelegentlich schien sogar die Sonne. Die Wasserfälle glänzten im Licht, die Landschaft wurde etwas weniger harsch. Und dann kam Trashigang, der östlichste Punkt, den man mit einem normalen PKW erreichen kann, wie man mir sagte. Ein wunderschönes Ortszentrum. Prächtige alte Häuser stehen im Kreis um einen Platz herum, in dessen Mitte sich eine Gebetsmühle befindet.

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Eines dieser Häuser war mein Hotel, und leider war hier, an diesem schönen Ort, zum ersten und einzigen Mal über mangelnde Hygiene zu klagen. Den Floh, den ich mir hier einfing, habe ich mitgenommen auf die Rückfahrt und bin ihn erst in Mongar wieder losgeworden. Ob man mir dort wohl dankbar war? Aber es soll ein weitgereister Floh gewesen sein – angeblich war er sogar schon in Bangkok …

Trotzdem habe ich wunderschöne Erinnerungen an Trashigang, denn abends gab es gutes Essen und nach einer kleinen Suchaktion eine Flasche überraschend guten Rotwein auf der Terrasse unter gewaltigen Engelstrompetenbüschen.

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Eine ganze Reihe der Einwohner von Trashigang versammelte sich, und wir haben bis spät in die Nacht sämtliche Probleme dieser Welt im Ganzen und Bhutans im Einzelnen gelöst. Fast alle sprachen Englisch, und es war enorm gemütlich. Hier habe ich auch nicht mehr widerstehen können und eine dieser teuren handgewebten Decken und einen handgewebten Gürtel gekauft – irgendwann wird man mürbe!

Am nächsten Tag wurde noch eine Kunstschule besichtigt, an der junge Menschen lernten, Tangkas und Tempelbilder, Schnitzereien und kunstvolle Webereien anzufertigen.

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Eine besondere Spezialität waren Schieferplatten mit vergoldeten Figuren darauf – leider zu schwer für das Fluggepäck.

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Tja, und dann kam die Rückfahrt nach Thimphu.

Und die war so ereignisreich, dass ich wohl aus der geplanten Trilogie über Bhutan eine Quadrologie machen muss – sonst wird das zu lang, und Sie mögen nicht weiter lesen, gerade wenn es interessant wird …

(Folge 3)

Bhutan – ein noch ziemlich unbekanntes Land (Folge 3)

Freitag, 14. November 2008

Feuersegen und Maskentänze

Text und Fotografien: © Ingrid Malhotra

Von Trashigang ging es zurück nach Bumthang (siehe Folge 2).

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Ins gleiche Hotel, dachten wir. Aber in meinem Hotel war überraschend eine VIP angekommen, und die leeren Zimmer an nicht mehr ganz taufrische Touristinnen zu vergeben, schien gewagt – wer weiss, ob in Europa Terroristen nicht gerade so aussehen …

Also gab man mir ein anderes Zimmer, in einem anderen Hotel, in einem anderen Teil dieses speziellen Siedlungskerns – aber, leider, das Hotel war noch im Bau. Der Hotelier zeigte mir voller Stolz, warum die Dinge so aussahen, wie sie aussahen, und inzwischen ist es sicher ein super Laden mit gaaanz viel Lokalkolorit – aber als ich kam, war es eine Baustelle. Aber was soll’s, das Bett war OK, das Bad etwas betonlastig, aber benutzbar. Was tut man nicht alles.

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Was ist das für ein Radau? Ach ja, hatten wir fast vergessen, draussen ist Markt, und nach dem Markt wird kräftig gefeiert.

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Ich will hier `raus …

Und tatsächlich, die oder der VIP stimmte zu, eine Normalsterbliche durfte da schlafen, wo VIPs schlafen. Zumindest versuchte sie es. Dass es ein eher kleines Zimmer war, und dass die Tür nicht verschliessbar war – kein Problem, es war trotzdem gemütlich, und in Bhutan klaut keiner, aber zum Schlafen kam ich trotzdem erst sehr viel später, denn plötzlich klopfte Karma, mein Führer, an die Tür und schleifte mich davon, zu einer „Fire Blessing“, einem Feuersegen, was immer das sein sollte.

Gott, hatte ich ein Glück! Wie viele Touristen haben wohl in Bhutan schon einmal eine Fire Blessing gesehen? Es ist einfach grossartig!

Zuerst fährt man auf engen schmalen Wegen durch grosse Menschenmassen bis zu einem abgelegenen Feld, und dann fädelt sich das Auto durch eine erstaunliche Menschenmenge, und man wird immer neugieriger. Der Chauffeur war während der Fahrt zutiefst beunruhigt, denn er wollte ja teilhaben am Geschehen, aber vorher musste er das Auto loswerden.

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Dann stolpert man in finsterster Nacht über einen Acker und über die Füsse vieler anderer Menschen. Wenn sich dann die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, sieht man, dass mitten auf dem Feld eine Art Triumphbogen aus Ästen, Zweigen und Stroh aufgebaut ist. Rundherum schart sich eine riesige Menschenmenge. Männer in wilden Masken und mit brennenden Reisigbündeln bewaffnet, springen zwischen den Zuschauern herum und versuchen, sie mit den Reisigbündeln zu treffen. Ich erfahre, dass bald der heilige Lama kommen und einen Segen sprechen wird, und dann wird der Bogen angezündet, und alle werden versuchen, unter dem brennenden Bogen hindurch zu laufen. Das soll Glück bringen für das ganze kommende Jahr und eine reiche Ernte.

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Der Lama kommt mit Pauken und Trompeten, wobei die Pauken etwas anders aussehen und die Trompeten eher Alphörnern ähneln, spricht seinen Segen, und die Clowns setzen mit ihren Reisigbündeln den Bogen in Brand.

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Alle Einheimischen stehen jetzt auf einer Seite, und sowie der Bogen richtig brennt, rennen, schieben, stürzen sie alle drunter hindurch. Zumindest versuchen sie es. Es ist mir ein absolutes Rätsel, wieso es dabei weder Tote noch Verletzte gibt. Über den letzten Läufern bricht der Bogen dann qualmend und funkensprühend zusammen. Und alle gehen hochbefriedigt nach Hause.

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Mittlerweile habe ich meine beiden ständigen Begleiter ja recht gut kennen gelernt, und wir sprechen über viele Themen. Dabei kommt dann auch einmal von Karma, dem Führer, die Frage, ob es für ihn nicht ratsam sei, nach Deutschland auszuwandern. Natürlich rate ich ihm ab, erzähle ihm von Arbeitslosigkeit und der Schwierigkeit, die Sprache zu erlernen. Er hat gehört, wie hoch hier die Gehälter sind. Ich halte dagegen, wie hoch hier die Kosten sind. Und dann weise ich noch darauf hin, dass er als braver Buddhist wahrscheinlich etwas geschockt wäre von unseren Moralvorstellungen.

Zwei Tage später komme ich in dem einheimischen Roman, den ich in Thimphu gekauft hatte, zu eben diesem Thema. Und bin selbst geschockt. Gegen die Traditionen in Bhutan sind wir direkt altmodisch. Nicht, dass man wilder Unmoral frönt, aber es gibt keine Prüderie, und man geht von vornherein nicht davon aus, dass Partnerschaften ein Leben lang halten sollen; und die Trennung ist dann scheinbar tatsächlich weniger schmerzlich als sie für uns wäre. Seltsam! Und das so dicht bei Indien, dem prüdesten Land, das ich kenne …

Natürlich dachte ich zuerst, es handele sich vielleicht um dichterische Freiheiten, die sich der Autor, ein ehemaliger Minister des Landes, genommen hätte. Aber alle, mit denen ich darüber sprach, haben es bestätigt, und nicht nur das, sondern auch darauf hingewiesen, dass seit Hunderten von Jahren sexuelle Selbstbestimmung in Bhutan nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen völlig normal und üblich ist.

Das kam unterwartet!

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Die Fahrt ging weiter nach Wangdi Phodrang. Unterwegs hatte ich Gelegenheit, eine Fabrik anzuschauen, in welcher die typischen kleinen Öfchen hergestellt werden, mit denen man nicht nur heizt, sondern auf denen auch immer der Teekessel mit Wasser steht.

Und noch viele, viele Wasserfälle …

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Es gab eine Reihe interessante Zwischenstops, z. B. an einer heiligen Höhle,

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heilig deshalb, weil vor vielen hundert Jahren Guru Rinpoche dort meditiert haben soll. Man sieht natürlich noch seinen Fussabdruck im Stein …

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Interessant war auch das Kloster, in dem ich ungehemmt fotografieren durfte, sogar die Mönche. Dort mussten Wandgemälde restauriert werden, und eine kleine Spende für die Fotoerlaubnis war hochwillkommen, im Gegensatz zu den anderen Klöstern, wo man meine Fotografierwut absolut nicht schätzte.

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Bei einer Rast kaufte ich das schönste Tangka, das ich je gesehen habe: mit Gold auf schwarzem Grund äusserst fein und sorgfältig gemalt. Der Künstler lebt noch, und er und seine Tochter haben sich sehr über meinen Einkauf gefreut.

Gelegentlich hielten wir an, um eine Horde Affen zu beobachten oder interessante Blumen anzuschauen.

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Interessant waren auch immer wieder die Grenzkontrollen innerhalb Bhutans. Wann immer man von einem Dzongkar in den nächsten wechselt, muss man seine Existenz und seine Reiseberechtigung nachweisen …

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Nun, und dann gab es noch während des Abendessens auf einer Hotelterrasse die Unterhaltung einer deutschen Reisegruppe, deren Teilnehmer wohl nicht damit rechneten, dass jemand sie verstünde. Alle hatten im Wesentlichen drei Fragen, auf die niemand eine Antwort wusste:

Wo waren wir gestern?
Wo sind wir jetzt?
Wo fahren wir morgen hin?

Sehr, sehr eigenartig!

Ich muss gestehen, dass mich das schon überrascht hat – irgendwie hatte ich erwartet, dass jeder, der eine solche Reise unternimmt, sich gründlich darauf vorbereitet und nicht nur konsumiert …

Dann erreichten wir schliesslich Wangdi Phodrang und ich sah meine ersten Maskentänze.

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Hier ist alles noch sehr überschaubar. Der Dzong liegt hoch über einem hübschen Flusstal. Das Publikum besteht fast ausschliesslich aus Einheimischen. Auf dem Tanzplatz laufen Hühner herum und suchen nach Essbarem – aber die Tänze sind atemberaubend. Wunderschöne farbenprächtige Kostüme, Masken, die zum Teil Hunderte von Jahren alt sein sollen! Jeder Tanz erzählt eine Geschichte, mal ein Märchen, mal eine Legende, mal eine Begebenheit, die tatsächlich stattgefunden hat.

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Die Menschen sind von weit her gekommen, um diese Tänze zu sehen, und ich muss zugeben: der weiteste Weg lohnt sich. Aber doch ist das, was ich hier erlebe, absolut keine ausreichende Vorbereitung auf die Tänze in Thimphu!

Dort kommen wir am Tag vor dem Beginn des Festivals an, und auch heute gibt es ein besonderes Erlebnis. Aber zunächst musste ich in meinem Hotel einziehen, einem anderen als zu Beginn der Reise, denn irgendwer – entweder in der Agentur oder im Hotel, darüber gab es hitzige Auseinandersetzungen – hatte meine Reservierung storniert. Das war aber auch gut so, denn das neue Zimmer war gross und schön und ganz zentral gleich beim Hauptplatz von Thimphu. Danach habe ich erst einmal versucht, in der einzigen Buchhandlung ein Kochbuch zu erstehen. Gerüchteweise hörte ich, dass es eines geben soll, aber sie hatten es nicht, sie wussten nicht, ob das Gerücht stimmt, und sie konnten das auch nicht schnell genug herausfinden.

Nach dem Abendessen kam dann etwas sehr Überraschendes – eine Veranstaltung zum Thema Aids.

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Auf dem grossen Platz diente eine breite Freitreppe als Tribüne, davor standen noch bunte Plastikstühle für alle möglichen Ehrengäste, und gegenüber war eine grosse Bühne aufgebaut, mit Aids-Postern als Hintergrund. Aids macht den Bhutanesen grosse Sorgen, denn da man hier recht freizügig lebt, ist die Gefahr gross, dass Aids sich schnell ausbreitet. Was besondere Sorgen macht ist, dass die meisten der Strassenbauarbeiter aus Indien kommen, und von denen sollen viele krank sein.

Als es dann dunkel wurde, begann die Vorstellung in Form von kurzen Theaterstücken, Gesangsvorführungen, Rezitationen – alles mit Beispielen, was an schrecklichen Dingen passiert, wenn man sich infiziert, und zum Teil geradezu erschütternd realistisch. Nur als ein Schuljunge weinend auf der Bühne stand und seinem toten Vater Vorwürfe machte, dass er mit einer fremden Frau geschlafen hatte, ohne ein Kondom zu benutzen, hat die Jugend von Thimphu sich blendend amüsiert – sie kannten sowohl ihren Schulkameraden als auch seinen quicklebendigen Vater.

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An der Aufführung nahmen alle Stars der Film- und Schlagerszene von Bhutan teil, und das Publikum ging richtig mit, war begeistert und diskutierte in den Pausen tatsächlich, worauf sie künftig achten wollten.

Der Zeitpunkt war auch gut gewählt für eine solche Veranstaltung, denn einen Tag vor Beginn der grossen Maskentänze waren Menschen aus ganz Bhutan hier, die sich über die Abendunterhaltung freuten und alles, was sie lernten, nach Hause zu ihren Nachbarn und Verwandtem tragen würden.

Und dann kam der grosse Tag: Maskentänze in der Hauptstadt.

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In Wangdi Phodrang war ich ja schon zutiefst beeindruckt von den Tänzen und auch von den versammelten Menschenmengen. Heute verstand ich, dass das eine bescheidene Veranstaltung im engsten Kreis gewesen ist.

In Thimphu schienen sich alle gut 700.000 Einwohner von Bhutan zu drängen. Ordnungshüter hatten grosse Mühe, die Menschen dorthin zu lenken, wo noch ein Plätzchen war und sorgten pausenlos dafür, dass die in den vorderen 20 oder 30 Reihen sitzen blieben, damit die dahinter auch noch etwas sehen konnten. Alle waren in ihrem schönsten Sonntagsstaat, die Sonne strahlte mit aller Kraft – ein herrliches Bild.

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Die Suche nach einem guten Platz zum Fotografieren gestaltete sich schwierig. Am besten war es dort, wo die Honoratioren, Regierungsmitglieder und Diplomaten standen – aber immer wieder hat ein Ordnungshüter versucht, mich irgendwo anders hin zu dirigieren, wo er mich besser untergebracht glaubte. Aber schliesslich war es doch geschafft, und nach einer Weile und ein bisschen Reden und Lächeln kam ich sogar noch oben auf eine Treppe, von der man einen ganz besonders guten Blick hatte – das war schön, denn jetzt konnte ich Bilder machen, auf denen die Halbglatze meines Vordermannes nicht mehr so überaus prominent hervortrat!

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Mein Gott, war das schön!

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Tut mir leid, man kann es nicht beschreiben. Worte sind einfach zu eindimensional. Ich habe Tausende von Fotos gemacht und würde am liebsten alle hier einfügen – die Auswahl fällt unglaublich schwer! Ein Tanz folgte dem anderen; jeder in farbenprächtigen Kostümen und herrlichen phantasievollen Masken. Oft kam der Tod vor in den Geschichten, welche die Tänze erzählten. Aber obwohl er immer bedrohlich wirkte, war er doch oft nicht erfolgreich, sondern machte sich irgendwie lächerlich. Zwischen den Zuschauern sprangen maskierte Spaßmacher herum und versuchten, möglichst viele Menschen mit einem kleinen länglichen Gegenstand zu schlagen, der sich bei näherem Hinsehen als Penis entpuppte. Natürlich war es gut, davon getroffen zu werden, denn das sprach für reichen Kindersegen; und zur Belohnung musste man dann auch ein bisschen Geld übergeben.

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Die Zuschauer waren sehr diszipliniert. Sogar die Kinder. Alle Einheimischen kannten natürlich Sinn und Inhalt der Tänze und haben verstanden und gelacht, wenn etwas komisch war, oder die Luft angehalten, wenn es spannend wurde.

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Alle waren freundlich und entspannt. Man teilte Essen mit seinen Nachbarn, beruhigte Babies, lächelte den Fremden zu - es war ein grossartiges Massenerlebnis! Dabei habe ich doch sonst immer so einen gewaltigen Horror vor grösseren Menschenansammlungen. Aber hier war es einfach ein Gefühl von Gemeinsamkeit, das sich wohl allen Anwesenden mitteilte.

Die Zeit verging rasend schnell, und obwohl mir die Sonne auf den Kopf brannte, nach ein paar Stunden jeder Knochen einzeln wehtat, war ich richtig traurig, als es auf den Abend zu ging und ich gehen musste. Wie gut, dass noch ein Tag kommen würde, die Angst, etwas zu verpassen, wäre sonst einfach zu gross gewesen. Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann noch einmal Gelegenheit haben werde, an diesem grossartigen Schauspiel teilzuhaben, denn nach diesen drei unglaublich schönen und interessanten Tagen ging es zur Weiterreise nach Indien.

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Aber das ist ein neues Kapitel.

(Folge 4)