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Archive for the 'Künstlerporträts' Category

Porträts – Fides Becker

Donnerstag, 12. Juli 2007

Fides Becker – in ihrem Atelier mitten in Frankfurt

Fides Becker – eine Malerin mit Leib und Seele. “Ich lebe mit mir und meiner Welt in Einklang, wenn ich malen kann.”

Ein Bekenntnis, das bei vordergründiger Betrachtung Fesseln anzulegen scheint, in Wirklichkeit aber Freiräume eröffnet. Es passt zu ihr, die ihre Malerei mit präzisen Überlegungen und Skizzen vorbereitet, dann in eine Phase des Hantierens und Spielens mit den Materialien eintritt und anschliessend ihre Werke mit kompositorischem Verstand, Sinnlichkeit und Gefühl (den “Bauch” mag sie keinesfalls ausschalten) sowie mit hoher handwerklicher Qualität so ausführt, dass sie sagen kann: Ja, das ist es.

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Eine gute, fundierte Ausbildung hat Fides Becker, 1962 in Worms geboren, durchlaufen: Städelschule in Frankfurt am Main, Academie van Beeldenden Kunsten Rotterdam, Hochschule der Künste Berlin. Renommierte Stipendien bereiteten ihr Wege unter anderem nach Amsterdam, New York und Salzburg. Weit über zwanzig Einzel- und Gruppenausstellungen bezeugen die Wertschätzung, die ihre Arbeiten im In- und Ausland geniessen. Viele ihrer Werke fanden bereits den Weg in private wie öffentliche Sammlungen.

Fides Becker schwimmt gegen den Mainstream. Man hat sie einen “Solitär in der zeitgenössischen Kunstszene” genannt. Zu Recht.

Ihr Atelier liegt mitten in Frankfurt, unmittelbar am “Bauchnabel” der Stadt: der Kleinmarkthalle. Im Vorderhaus ein sympathisches kleines Café. Das Atelier lichtdurchflutet, durchaus aufgeräumt, mit freundlichem Sitzmobiliar.

Wir treten ein und sind überrascht: Realismus und Traumwelt ineinander verschränkt. Visualisierte Galanterien. Motive wie Rokoko-Kronleuchter, gerüschte Reifröcke über Krinolinen, geplusterte Perücken, Pavillons und Tempelchen, Roccaillen an Wänden und Decken, das Schokoladenmädchen aus einem Wiener Caféhaus – Nostalgie? Nein. Ironie? Sicher ein wenig. Symbole für Verlust, Sehnsucht nach Unwiederbringlichem? Vielleicht schon eher, aber analysiert, decouvriert. Fides Beckers Spiel mit dem Ornamentalen, Dekorativen darf uns nicht verwirren: Es zerbricht das Schimmernde, reflektiert den (schönen?) Schein, baut auf Entlarvtem und Zerlegtem mit ausgewählten Elementen ein Neues, in Erinnerung wohl Erträumtes, vielleicht auch Vermisstes?

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Intensiv befasst sich Fides Becker mit dem Zusammenwirken unterschiedlicher Kulturen und dessen Auswirkungen: “Das ist für meine Malerei sehr wichtig, denn Kern meiner inhaltlichen Auseinandersetzung ist die Tradition unserer alltäglichen Kultivierung und wie sich diese in der Geschichte der Malerei, der Fotografie und in der Werbung manifestiert. Besonders interessant finde ich die Spannung zwischen dem Verlust alter Traditionen, was sowohl Befreiung, als auch Irritation bewirken kann, und den durch Migration hinzukommenden Kulturen. Für mich stellt sich die Frage nach dem Sinn von Traditionen heute, und ich greife die Sehnsucht nach Vergangenem und Zukünftigem und die damit verbundene empfundene Leere im Hier und Jetzt auf; die Vielfältigkeit von Möglichkeiten und das Vakuum durch das Wegbrechen allgemein gültiger Normen spiegle ich in meiner Malerei wider: Ich fragmentiere Alltagsszenen und überlagere auf verschiedenen Bildebenen Gegenstände, Landschaften, Figuren und Ornamente und mache damit die Faszination für Harmonie und Schönheit, Hoffnungen und Sehnsüchte und deren Fragwürdigkeit erfahrbar.” Es geht Fides Becker um das Spannungsverhältnis zwischen Verlust und Befreiung, wobei das eine mit dem anderen untrennbar einhergeht. In und mit ihrer Malerei lebt – und hält – sie es aus.

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So verwundert nicht der Titel ihrer jüngsten, vor kurzem zu Ende gegangenen Ausstellung in der Kunsthalle Emden “Die Sehnsucht nach anderswo”. Bemerkenswert übrigens die gemeinschaftliche Förderung dieser Werkschau durch das Frankfurter Amt für Wissenschaft und Kunst, die Hessische Kulturstiftung und das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz. Nicht minder bemerkenswert der Katalog, den man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte, erschienen im Hatje Cantz Verlag.

Durchaus mittel- und grossformatig können ihre Bilder sein – gern greift sie auf das Oval zurück. Meist sind es Collagen, aus Leinwänden und Stoffen, die einzelnen Bahnen und Flächen penibel miteinander vernäht, die offenen, fransigen Kanten nach aussen gewendet, Narben gleich, die Zerrissenes, Zerschnittenes zusammenfügen, verheilen, ohne zu verbergen; aber auch zuvor nicht zueinander Gehöriges vereinen, und das Zusammenwachsen, die Synthese zum Neuen, sichtbar machen. Auffallend das grosse zeichnerische und malerische Können. Die Leinwände, die sorgsam ausgewählten Baumwoll- und Dekostoffe meist mit Acryl und Eitempera bemalt, die Farbpalette charakteristisch in rötlich-orangener-gelb-zartvioletter Dominanz, moderiert von verschiedem Blau und Grün.

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Ob die Bilder, die Motive, die pastellenen Farben feminin seien? “Nein”, sagt Fides Becker, “keineswegs. Jedenfalls nicht bewusst”. Die Farben stellen sich intuitiv, wie von selbst ein. Und die Motive, die Figurinen, überwiegend Frauen? Zweifellos setzt sich die Malerin immer wieder mit der Rolle der Frau auseinander, mit den Klischees des “typisch Weiblichen”. Auffällig auch das wiederkehrende Motiv des kleinen, chinesisch anmutenden Sonnenschirms. Verspieltes Accessoire? Ein Zitat, etwa nach Francisco de Goyas “Der Sonnenschirm”? Symbol für Vergangen-Dekadentes, für Behütung und Schutz, oder die Suche danach?

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Fides Beckers Malerei fordert auf ihre ganz eigene Weise den Betrachter heraus, sich mit dem Gestern und dem Heute auseinanderzusetzen und sich auf die Suche nach dem eigentlichen, für ihn wichtigen Jetzt zu begeben.

Fides Becker stellt sich auf ihrer Homepage www.fides-becker.de vor.

(© Fides Becker; Fotos: Horst Ziegenfusz)

Porträts – Heide Weidele

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Heide Weidele – nicht nur Phantasien in Licht

Industriepark Höchst, Hermann Scheer, Experte für erneuerbare Energien, designierter Wirtschafts- und Umweltminister in einem möglichen Kabinett Ypsilanti in Hessen: “Es gibt keinen Abfall, es gibt nur Material zur falschen Zeit am falschen Platz”. Der Materialist. Es geht um “Ersatzbrennstoffe”.

Ortswechsel.

Oberrad, ein Garten, ein Atelier, Heide Weidele: “Eine interessante These, aber nicht mein Ansatz. Meine Materialien sind Plastik-Gegenstände und -überbleibsel, ‘Abfälle’ aus Haushalten, aber sie ‘leben’ weiter und fordern mich zu neuer Gestaltung auf”.

Es ist einer jener zauberhaften Spätsommer- oder Frühherbstnachmittage, wir sitzen in der Sonne im grossen, wildernden Garten voller alter Bäume, Sträucher und Büsche, abblühender Blumen, die die Pracht des ausklingenden Sommers erkennen lassen, von letzten Schmetterlingen umflogen. Wir trinken hocharomatischen Tee, gebraut aus frisch gepflückter “gemeiner” sowie englischer Pfefferminze. Das Atelier: eine 150 Meter lange ehemalige Seilerbahn im südlichen Frankfurt. Wundersam bizarres, rostiges Maschinengewirr, behütet von feinen Spinnweben. Ein Glücksfall, dieser Garten, dieses Atelier.

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Materialien im Atelier

Im Atelier: Das Heute und das Gestern. Im Heute geht es bunt zu. Wir kommen aus dem Garten, treten ein, und ein Blumenfeld lockt uns an … wir kommen näher und sehen ein Spiel, eine kunterbunte Paradiesvogelwiese, Heide Weidele hatte sie mehrfach als “Pavillon der Blüten und anderer Falschheiten” unter anderem in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks ausgestellt, aber wo sind die Schmetterlinge? Ach ja, im Garten, drinnen ist ja nur der – schöne? – Schein. Und wir sehen: die Ironie, die nicht verletzt, den charmant-weisen Witz, den wärmenden Humor der Künstlerin. Und ist er nicht doch auch schön, der Pavillon der Blüten?

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Blüten

Lüster

Dominant und ein grosses Thema bei Heide Weidele: Übermannshohe (pardon, überfrauhohe!) Lüster und Mobiles.

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Lüster (Ausstellung in Berlin)

Sie spielen von der Decke herab, an der sie befestigt sind, tänzeln sanft im Durchzug oder wenn man sie leicht mit der Schulter berührt. Luftige, filigrane Gebilde, bunte, flüchtige Gestalten im wechselnden Licht. Man könnte sie elektrifizieren, ja, was könnte man nicht alles, aber – sollte man es besser lassen, um ihnen nicht ihren Zauber zu nehmen? Und leuchten sie nicht bereits ganz von allein?

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Lüster (Ausstellung in Bonn)

Heide Weidele, 1944 geboren, seit 1971 in Frankfurt am Main ansässig, hat einen bemerkenswerten künstlerischen Weg zurückgelegt. Sie studierte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – der Städelschule – in Frankfurt am Main. Bereits 1987 bezog sie ihr heutiges Atelier. In zahlreichen Lehraufträgen und mehreren Gastprofessuren, auch an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, gab sie ihr Wissen und ihre künstlerische Erfahrung weiter. Die Zahl ihrer Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland ist gross. Im Ausland war sie mit Werken in Schaffhausen und Visp, in Formine, Oslo, Strasbourg und Tel Aviv präsent.

Heide Weidele begann als Malerin. Es folgten Epochen der Arbeit mit Alltagsmaterialien, vor allem mit verschiedenen Pappen und Holz, nach der skulpturellen Ausarbeitung meist bemalt. Es entstanden in verschiedenen themabezogenen Projektphasen Vasen, Stadtarchitekturen, ihre vielfach ausgestellten, berühmten, bis zu dreieinhalb Meter langen “Schiffe”, weiter Türme und Berge, insbesondere “Weisshörner”, inspiriert durch das bekannte Vorbild im Wallis. Das alles ist heute jedoch das “Gestern” in ihrem Atelier. Auch die Foto-Collagen, in denen sie Fotografien ihrer räumlichen Objekte zerschnipselt und in einer gleichsam höheren Dimension zu eigenständigen, neue Räumlichkeiten ausstahlenden Kunstwerken zusammenfügt.

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Lüster (Ausstellung in Strasbourg; Foto: Jürgen Klei)

Schon früh entwickelte sie ihre spezifischen künstlerischen Mittel: Sie zerlegt und zerkleinert das Materiel, setzt aus den Fraktalen das Neue zusammen und installiert die Objekte in Bezug zu den jeweiligen Räumlichkeiten etwa einer Ausstellung. Zu unserem – zunächst – Entsetzen verfährt sie auf diese Weise auch mit ihren “fertigen” Arbeiten. Bei näherer Betrachtung verstehen wir diese Logik: Nichts ist statisch, alles ist in Bewegung und Weiterentwicklung, will sich erneuern und vervollkommnen, und die Künstlerin erfährt in diesem stetigen Prozess das eigene sich Öffnen und Voranschreiten zu neuen Einsichten und Perspektiven. “Was dabei herauskommt”, sagt sie, “ist auch für mich oft überraschend – wenn es mich nicht überrascht, verwerfe ich es meist gleich wieder”.

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Lüster (Ausstellung in Strasbourg; Foto: Jürgen Klei)

Plastik

Heute arbeitet Heide Weidele mit Plastik-Materialien: Krimskrams, Hula-Hoop-Reifen und Gartenschläuchen, vor allem aber mit abgelegten Haushaltsgegenständen, entleerten Behältnissen und Flaschen aller erdenklichen Art. Strandfunde an der bretonischen Küste gaben ihr den Impuls dazu. Sie liebt diese “armen”, in unserer Gesellschaft wertlosen Materialien, ihre meist grelle Durchfärbung, die Anstriche entbehrlich macht. Warum das “arme” Material? “Es stellt keine Ansprüche an mich. Marmor etwa würde mir sagen, ich wurde schon von Michelangelo, von den Römern und den alten griechischen Meistern verarbeitet.” Ihr Handwerkszeug ist das Teppichmesser, mit dem sie die vorgefundenen Gegenstände zerschneidet. Aus den so entstehenden Fragmenten und Schnipseln komponiert sie mal groteske, mal sensibel-poetische abstrakte Objekte ebenso wie die luftigen Lüster, die fröhlich-falschen Blütenfelder oder auch kleine “Tierchen”, bunte, fantasievolle, sympathische Geschöpfe. Heide Weidele komponiert die farbigen Materialien nach handwerklich-malerischen Aspekten und Erfahrungen, nach den erlernten tradierten Gesetzmässigkeiten des Malens.

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Ausstellung in Marburg

Was bedeutet ihr Arbeiten? “Arbeiten führt zu Erkenntnis. Eine Arbeit ist ein Schritt, eine Stufe auf der Leiter zur Erkenntnis. Auf der neuen Stufe stehe ich dann schon wieder über dieser Arbeit.”

Was sie von Museen hält? “Ach, Museen … mein Museum ist dezentral, meine Arbeiten sind bei meinen Sammlern”. Diese haben, wie sie verschmitzt einräumt, durchaus Grund, ihren Besuch zu fürchten: Wer ihr leichtsinniger Weise eines ihrer Werke ausleiht, etwa für eine Ausstellung, riskiert dessen Zerlegung und Neuformung zu einem Überraschend-Anderem.

Die Sonne wirft längere Schatten in den Garten, der Pfefferminztee duftet ätherisch-aromatisch. Wir kommen auf die Collagen zurück: “Menschen sind Collagen, durch Genetik, Erziehung und Gesellschaft geformt. Als Künstlerin verstehe ich mich in diesem Collagierungsprozess als ein Wesen, das diesen Vorgang auf bedeutsame Weise mit bestimmen kann.”

(Bildnachweis: Heide Weidele;  → Heide Weidele bei ARTE GIANI in Frankfurt am Main)

Porträts – Hermann Haindl

Sonntag, 22. März 2009

Das Herz, die Seele und die Bäume

“Für mich sind Bäume die Krönung der Schöpfung.”
Hermann Haindl

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Hermann Haindl in seinem Wohnhaus (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Es wächst und wuchert, üppig voll von Lebenssaft, es strebt in die Höhe und in die Breite, es kommt auf uns zu und greift nach uns – das Es ist die grossartige, gewaltige – aber nie gewalttätige – Kraft in Hermann Haindls Bildern. Die Kraft aus Farben und Formen strömt aus den Gemälden heraus, erfüllt den Raum, umgibt uns. Ihr entziehen können wir uns nicht – und wollen es auch nicht.

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Es ist die Natur, die Haindl fasziniert, der er sich verbunden fühlt, als deren Teil er sich begreift, Jahrtausende, Jahrmillionen haben sie geformt, in ihrer urwüchsigen Gestalt, wie sie sich in besonderer Weise in Bäumen manifestiert. Bäume haben es Hermann Haindl seit jeher angetan. Fünfhundert, eintausend, fünftausend und mehr Jahre sind sie alt, wer könnte es zählen, zerklüftet und zernarbt, zerzaust und gespalten von Sonne und Regen, Erdbeben, Blitz und Donner, und doch voll nicht aufgeben wollenden Lebens. Und es sind besonders die Olivenhaine der Toskana, die Haindl verehrt.

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“Eine Baumkathedrale – tausendjährige Olive in der Toskana” (2001)

“Was wäre der Mensch ohne Bäume – jene Naturgebilde, die schon lange vor ihm waren, die seinen Entwicklungsweg über weite Zeiträume hin nährend, schützend, fördernd begleitet haben und die nach dem biblischen Mythos vom Baum der Erkenntnis auch zu Zeugen seines Bewusstseinssprungs aus der Tierheit wurden … Zeichenhaft spiegelt der Baum nicht nur das physische, sondern auch das metaphysische Sein des Menschen”, schreibt Peter Cornelius Mayer-Tasch.

Haindl hat sie gezeichnet, “Baumpersönlichkeiten” nennt er sie alle: die alte Buche im Kronberger Park, die alte Robinie im Hofheimer Wald, die alte Eiche im Reinhardswald, die alten Linden in Frauenstein, Dieburg, Kiew, die wohl fünftausend Jahre alte Grannenkiefer in Californien, die tausendjährigen Oliven in der Toskana … Er begegnet ihnen mit grosser Ehrfurcht. “Im Alter sind Menschen und Bäume einander ähnlich, denn in ihren Leibern zeichnen sich die Erfahrungen des Lebens” schreibt er.

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Haindl schaut auf sein oft genug von tödlicher Gefahr begleitetes Leben als eine Summe geglückter Erfahrungen, ein Leben als Geschenk. Er schaut mit Augen, die noch immer jung sind, die auf das Nächste blicken, neugierig Neues erwarten, die bevorstehende Reise in die geliebte Toskana etwa, eine weitere Ausstellung, den Besuch von Freunden und Gästen in seinem Haus und seinem Atelier, die nächste Veranstaltung des von ihm mit seiner Frau Erika gegründeten “Zentrums für altes und neues Wissen und Handeln” in der Hofheimer “Scheune”, seinem früheren Atelier in der dortigen Bärengasse.

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Dominierte in Haindls Baum-Gemälden, von der Zeichnung her kommend, zunächst das Figurative, wenn auch in freier Farbgestaltung, so wandte er sich in der jüngeren Vergangenheit freien Kompositionen zu: Bildern, die Kraftfeldern gleichen, die die Vitalität der Bäume in einen “Choral tönender Farben” (Friedhelm Häring) verwandeln. Bereits in diesen Bildern lässt sich eine Hinwendung zu Spektren erkennen, die, wie später vor allem die 78 mystischen Darstellungen seines weltweit berühmt gewordenen Haindl-Tarots, in den Bereich des Esoterischen weisen. Überhaupt spielen serielle Arbeiten eine grosse Rolle in Haindls Schaffen: neben der Zeichnungen-Serie “Baumpersönlichkeiten” und besagtem Tarot-Deck beispielsweise die 37 Baumgemälde im Format 1 mal 2 Meter, die 39 Bach-Blüten, Gemälde zu den Blüten des englischen Arztes Edward Bach, die zwölf Monats-Bilder, mit zwölf Kurzgedichten von Eva Demski und zwölf Kompositionen für ein Streichtrio mit Klavier von Wolfgang Biersack zu einem Musikzyklus vereint.

Haindls aktuelle, mitunter surrealistisch anmutende Gemälde – stets malte und malt er in Öl auf Leinwand – tragen Bezeichnungen wie “Pesante” und “Pastorale”, “Duetto” und “Azurro”, “Allegro con brio” oder “Fugato”. “Wir sind Teil eines Ganzen” – diese alte indianische Weisheit ist für Haindl zum Leitsatz seines Lebens geworden. “In ihm finde ich alle Antworten, die ich brauche.”

Und noch eine Maxime seines Lebens gilt es festzuhalten: “Meine Frau Erika und ich”, sagt Haindl, “sind wie die beiden Pole einer Batterie. Ohne sie wäre ich nicht der, der ich bin.”

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“Aus den titanischen Baumriesen”, schreibt Friedhelm Häring, “aus den Baumpersönlichkeiten mit ihrem Wuchs und ihren Verletzungen, ihrer Geschichte und ihren Jahrtausenden gelebten Lebens hat Hermann Haindl alles verzaubert, zu farblichen Glücksseufzern, zum grossen Klang der Weisheit.”

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Im Wohnhaus von Hermann Haindl (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Hermann Haindl, 1927 in Berlin in einer Künstlerfamilie geboren, begann am Kattowitzer Theater eine Lehre als Theatermaler und Bühnenbildner. Kriegsdienst und die fast vierjährige russische Kriegsgefangenschaft prägten nachhaltig seine Kunstvorstellungen und seine Lebenssicht. 1948 fand er zunächst in Berlin Arbeit als Reklamemaler. Wenig später zog er zu Verwandten nach Frankfurt am Main, wo er 1950 an den Städtischen Bühnen eine Tätigkeit als Theatermaler aufnahm. 1960 wurde er dort Leiter der Künstlerischen Werkstätten und Bühnenbildner – drei Jahrzehnte lang übte er diese Tätigkeit aus. Ferner arbeitete er als Bühnenbildner am Frankfurter Volkstheater. Gastaufführungen und -ausstattungen führten Haindl an grosse Theaterhäuser, unter anderem nach Athen, Barcelona, Florenz, London und Tel Aviv sowie an das Festspielhaus Bayreuth. Haindl lehrte an der Akademie für Bildende Künste Tel Aviv und der Theaterakademie Recklinghausen. Zum 25. Jahrestag der Gründung des Staates Israel schuf er als Auftragsarbeit  zwei 150 Meter lange Gemälde für die dortige offizielle Jubiläumsausstellung.

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Hermann Haindl in seinem heutigen Atelier (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Nach der täglichen Theaterarbeit ging er seiner Leidenschaft, der privaten Malerei nach. Er reiste zu den Indianern Nordamerikas und nach Indien und liess sich von den Religionen und Mythologien dieser Kulturen beeinflussen. Schon 1962 gründete Haindl mit Freunden die Künstlervereinigung “Hofheimer Gruppe”. Grosse Verdienste erwarb sich Haindl um die Erhaltung und Sanierung der Hofheimer Altstadt: 1979 erhielt er dafür den Deutschen Preis für Denkmalschutz, 1985 den Kulturpreis der Stadt Hofheim.

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Ernst-Dietrich Haberland, Vorsitzender des Frankfurter Künstlerclubs, und Hermann Haindl im ehemaligem Atelier, der heutigen Hofheimer “Scheune” (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Noch bis zum 5. April 2009 stellt der Frankfurter Künstlerclub im Nebbienschen Gartenhaus Arbeiten von Hermann Haindl und dem ukrainischen Maler Petro Lebedynets, einem engen Freund Haindls, aus. Für ihre Zusammenarbeit fanden die beiden Künstler, die sich 2005 in Kiew kennengelernt hatten, das Motto: “Frieden braucht Freundschaften”.

(Bildnachweis, sofern nicht anders gekennzeichnet:  © Hermann Haindl, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers)


Porträts – Ina Holitzka

Donnerstag, 15. November 2007

Räume, Abformungen, Schritte
Ina Holitzka erkundet die Raumzeit

Die Künstlerin, wunderbar neugierig auch nach einem zwei Jahrzehnte umfassenden schöpferischen Prozess, auf der Suche nach immer neuen Möglichkeiten des Raum- und Zeitausmessens, überzeugt, Grenzen, die ihre bisherigen künstlerischen Erfahrungen aufgezeigt haben, versetzen und aufbrechen zu können, bereit zu Umbrüchen und Neuansätzen: Ina Holitzka.

Es erweist sich unversehens als schwierig, im Rahmen unserer kaleidoskopartigen “Porträts” dem künstlerischen Werk Ina Holitzkas gerecht zu werden, weil sich dieses Oeuvre über den angedeuteten Zeitraum von zwanzig Jahren erstreckt, weil der eine Werkzyklus auf dem anderen aufbaut und die Beschreibung eines solchen Prozesses eine eingehende monografische Befassung erforderte. Weil wir erst dann, wenn wir alle diese Schritte mitzuvollziehen versuchen, im Sinne der künstlerischen Intention unsere räumlichen Seh- und Interpretationsgewohnheiten hinterfragen und uns dabei auf eine neue, den altgewohnten Rahmen sprengende Betrachtungsweise, ein neues Verständnis von Raum – und auch Zeit – und zugleich auf eine neue, lustvoll-bereichernde ästhetische Erfahrung einlassen können.

Ina Holitzka, 1957 in Offenbach geboren, studierte an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule – in Frankfurt am Main bei Michael Croissant Bildhauerei und bei Herbert Schwöbel Fotografie. Ihre anschliessende freie künstlerische Arbeit baut wesentlich auf Erfahrungen auf, die sie im Umgang mit dem Herausbilden plastischer Objekte machte: beispielsweise mit der Erkenntnis, dass beim Bronzeguss die die Tonform umkleidende Gipsummantelung zerstört werden musste. Die Ummantelung gewann Eigenständigkeit und führte in folgerichtigen Schritten zur Technik des Abformens mit Papier. Konsequent wandte sich Ina Holitzka nicht mehr dem geschlossenen Volumen einer Plastik zu, sondern gleichsam deren ausgehöhlter Oberfläche. Sie betrat damit gestalterisches Neuland.

Die Künstlerin realisierte diese Erkenntnisse alsbald in monumentalen Werken, beispielsweise der Abformung eines mächtigen, vielfach gerippten gotischen Pfeilers im Frankfurter Dominikanerkloster. Wie sehen wir dieses architektonische Gebilde, seine statischen Aufgaben, Decken- und Dachlasten aufzunehmen und in die Fundamente weiterzuleiten? Zunächst nur seine äussere Gestalt. Sehen, erleben wir den Pfeiler als Raum, umgeben wiederum von Raum? Wie grenzen sich diese beiden Räume, in ihrem wechselseitigen Prozess des Korrespondierens, von- und gegeneinander ab? Ina Holitzka nimmt von dem Pfeiler Abformungen, mit dünnem Papier und Leim. Verfestigt zeigt uns die Abformung von der einen Seite wiederum die äussere Pfeilergestalt, von der anderen Seite betrachtet enthüllt sie uns hingegen die Ansicht von innen auf die imaginierte “Hülle”, die den Pfeiler umgibt. Wir gewinnen auf diese Weise eine gänzlich andere Wahrnehmung des Pfeilers als Raum, im Raum.

Diese Technik der Abformung kennzeichnet bereits ein frühes, klein dimensioniertes, intim erscheinendes Werk Ina Holitzkas: die Ecke. Eine Zimmerecke in einem früheren Atelier. Wieder nehmen wir beide Räume wahr, den massiven Raum von Wänden und Zimmerdecke, zugleich den Raum, den Wände und Decke umschliessen, ja erst ermöglichen. Den Raum also, in dem wir atmen und leben.

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Ecke (Abformung)

Ein gewaltiger, zugleich ungemein reizvoller Kontrast wohnt der Abformung der “Ecke” inne: Wir wissen um die Schwere der beiden Wände, die Schwere der Decke, die auf deren rechtwinkeligem Zusammentreffen lastet. Mit ihrem Werk dokumentiert Ina Holitzka die dem konstruktiven Zusammenhalt dieser drei architektonischen Elemente innewohnende Kraft, macht diese Kraft in ihrer Räumlichkeit erlebbar – aber auf welch atemberaubende Weise: Die Abformung scheint zu schweben – ein hauchzartes, ja zärtliches, ein verletzlich, zerbrechlich anmutendes Gebilde, von manchem Tages- und Nachtlicht wunderbar patiniert, man wagt es nicht zu berühren, befürchtet man doch, dass es darauf zu Staub zerfiele. Wucht und Zerbrechlichkeit, Dynamik und Anmut – in einem kleinen Meisterwerk versammelt!

Ecken: Was bedeuten uns eigentlich diese geheimnisvollen Raumgebilde? Flüchten, kuscheln wir uns in sie hinein, Schutz, Geborgenheit, Liebe suchend? Aber bedrängen-beengen sie uns dann nicht auch in ihrer Ausweglosigkeit, die allein die Flucht nach vorne zulässt, eine Flucht, die uns aber wieder in die kalte Welt der Auseindersetzung und der Verletzbarkeit führt? Ina Holitzka lebt und arbeitet in diesem Spannungsverhältnis, die nachstehende Zeichnung ihrer Ecke macht es uns sinnlich-erfahrbar.

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Ecke (Zeichnung)

Räume – wir erleben sie, leben in ihnen, durchschreiten sie – mit den Füssen! Indem wir ihn mit den Füssen erkunden, be-greifen wir den Raum – im wahrsten Sinne des Wortes. Schreiten nimmt Zeit in Anspruch: Raum-Zeit. Der Fuss verbindet Mensch und Raumzeit. Wie es ohnehin den Raum nur in der Zeit gibt. In einer eigenen Werkgruppe Quo vadis untersucht Ina Holitzka dieses Phänomen.

“Dem architektonischen Raum”, schreibt sie, “in dem wir uns definieren, abgrenzen und organisieren, galt über viele Jahre meine Aufmerksamkeit. Heute liegt mein Fokus auf unserem Körper-Raum; genauer auf dem Bereich, mit dem wir den Raum durchschreiten. Dem beachtenswerten unteren Endpunkt unseres Körpers, den Füssen. Zwei Füsse, ein Paar, stehen in Beziehung zueinander. Füsse bewegen sich – auf Menschen / Situationen zu oder auch von ihnen fort. Füsse bewegen mich. Durchs Leben, durch den Raum und in meiner Arbeit.”

Ina Holitzka arbeitet dazu mit einem haptisch warmen, sympathischen Material: Teppichfilz, in den beiden Farben dunkel-weinrot und tief-dunkelblau. Der besondere Reiz dieser Arbeiten: Die Füsse schreiten aus der zunächst zeichnerischen – wie wir wissen fiktiven – Zweidimensionalität in den Raum als dritte Dimension. Die Ausschnitte geben wiederum den Raum hinter dem Objekt frei, die Wand wird zu einem Teil des Objektes. Spielerisch-leicht verselbständigen sich die Ausschnitte-Ausschritte zu gaukelnden, gleichsam lebendigen Wesenheiten.

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step out Schritt
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step out Baumler III

Simili – eine jüngere Werkgruppe der Künstlerin. Sie verfeinert in ihr ihre Filzschnitt-Technik zu filigranen Gebilden. Wiederum steckt sie mit diesen neuen Arbeiten Positiv- und Negativ-Räume ab. Die jüngsten simili “scheinen eigene organische Strukturen geworden zu sein, die hängend, wabbernd oder schlabbernd wie neurobiologische Systeme um sich greifen” (Beate Kemfert). Eigentümlich der Reiz, der sich aus den Schichtungen der Filze ergibt: Assoziationen an Ablagerungen, Sedimente, an Erd- und Gesteinsschichten vergangener Urwelten werden wach. Aus ihnen erwächst in der Gegenwart ein spielerisch-buntes Treiben.

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simili XIII

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simili XIV

Von den simili ist der Weg nicht weit zu den Fotomontagen Neuro, Ausdruck der interdisziplinären Fragestellungen der Künstlerin, die sich seit längerem sowohl mit meditativen als auch mit neuro- und molekularbiologischen Phänomenen befasst. Erkennbar bauen die Neuro-Arbeiten auf den simili auf, ein Wesenszug des gesamten Schaffensprozesses von Ina Holitzka.

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Ina Holitzkas Arbeiten irritieren uns in einem positiven Sinne. Mit ihren Anstössen wecken sie uns auf aus Wahrnehmungsgewohnheiten. Alle, ja wirklich alle ihre Arbeiten sind schön, von sinnlich-ästhetischer Schönheit.

In zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen hat Ina Holitzka die Ergebnisse ihres künstlerischen Arbeits- und Lebensprozesses aufgezeigt. Viele ihrer oft mit Preisen versehenen Werke haben den Weg in öffentliche Räume und zu privaten Sammlern gefunden. Ihre monumentalen Installationen und ihre fotografischen Arbeiten haben wir in diesem kleinen Porträt aussparen müssen. Die Liste der sich mit ihrem Schaffen auseindersetzenden Bibliografien ist lang. Die Kataloge in ihrem Atelier laden zum Studium ein. Ina Holitzka gibt ihre künstlerischen Erfahrungen in Lehraufträgen und in ihrer Kunstschule “fein art” an andere, insbesondere an junge Menschen weiter. Nicht nur dieser Gestus macht sie als Künstlerin und Mensch liebenswert.

Ina Holitza ist eine Künstlerin, die nicht stehen bleibt. Eine Grenzgängerin hat man sie genannt. Wir dürfen gespannt sein auf ihr künftiges Oeuvre, wie es unseren Verstand und unsere Gefühle in Anspruch nehmen, wie es uns zu neuen intellektuellen Herausforderungen und zu neuen sinnlich-ästhetischen Wahrnehmungen führen wird.

(Bildnachweis: © Ina Holitzka)

Porträts – Max Pauer

Mittwoch, 29. Juli 2009

“Im Anfang liegt alles beschlossen.”

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Introspektion, Ölmalerei hinter Kunststofffolie, 2008

“Introspektion” betitelt Max Pauer seine Arbeit.

Röntgenblick in das eigene Ego, das eigene Cerebrum mit seiner unendlich erscheinenden Zahl an Verschaltungen und Funktionen, Botenstoffe ausschüttend, Hormone dirigierend, Nerven bis in die entferntesten Körperwelten stimulierend, von dort wiederum Stimulationen empfangend? Der Blick in ein diversifiziertes physisches und psychisches Geflecht von Senden und Empfangen, Wohlbefinden und Schmerz, Liebe und Angst, Hinwendung und Flucht, Zuversicht und Verzweiflung, ein Geflecht von Fragen und dem Suchen nach Antworten? Der Blick in ein unerschliessbares Geheimnis, das Geheimnis des Lebens, der eigenen Existenz?

“Im Anfang liegt alles beschlossen”. Wir erlauben uns dieses unverdächtige Zitat des in manchem anderen kritisch rezipierten Philosophen Martin Heidegger.

Das Grosse liegt im Kleinen, das Kleine im Grossen beschlossen. Mikro- und Makrokosmos begegnen sich, verweben sich in Max Pauers Arbeiten. Der Künstler stellt Fragen. Es sind die alten Fragen der Menschen. Das Faustische “Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält”. Max Pauer sucht in seiner Kunst nach Antworten. Beidem, dem Fragen und dem Suchen, gibt er in seinen Werken Gestalt.

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“Alchimistische Bilder” nennt Max Pauer eine Serie fotografischer Vergrösserungen von Miniaturen in Mischtechnik auf Glas.

Es sind mit kaum glaublicher Akribie ausgeführte Aufglasmalereien, auf Glasscheibchen meist im Kleinbildfilmformat, über einhundert an der Zahl. Der Künstler fertigt sie mit feinsten Werkzeugen. Die Malmittel stellt er – oft experimentell – selbst zusammen, Überraschungen stellen sich ein, scheinen nicht unwillkommen. Die winzigen Substanzen entwickeln sich, entfalten ein Eigenleben, bevor sie trocknen. Dann kommt die Zeit, dass Pauer die Glasscheibchen fotografiert und um ein Zigfaches vergrössert.

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Das Grosse liegt im Kleinen, das Kleine im Grossen beschlossen: Es entstehen fotografische Abbildungen von einer erstaunlichen Intensität und Dichte: Bakterien, Viren, Mikroben aus der Petrischale unter dem Rasterelektronenmikroskop könnten in ihrer Gestalt nicht fantasievoller aufscheinen. Die fotografischen Vergrösserungen versetzen uns in die Welt kleinster zellularer Strukturen, der Moleküle, der Atome, der diese wiederum bildenden allerkleinsten Teilchen, bis dorthin, wo Materie als ein Zustand von Energie sich gänzlich in diese auflöst.

Es ist die Welt im Allerkleinsten – aber auch im Allergrössten:

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Zieht da nicht ein Meteor im interstellaren Raum seine Bahn, ein winziger Teil des Universums, vor fernen Gestirnen, diese wiederum winzige Teile einer der Millionen von Galaxien?

Das Glas – es scheint Max Pauer zu faszinieren. Ein Scheibchen simplen Glases, Silicium, Natrium, Calcium und Aluminium, jeweils als Oxide. Ein einzigartiger, höchste Leuchtkraft, Brillianz und Kontraste ermöglichender Malgrund. Nicht umsonst begegnen wir dieser Technik vorzugsweise in der sakralen Malerei. Komplizierter gestaltet sich die Hinterglasmalerei: Dort trägt der Künstler lichtundurchlässige Farben seitenverkehrt auf die Glas”rückseite” auf. Ein langwieriges, ja mühsames Verfahren, über Jahrhunderte hinweg widmeten sich künstlerisch begabte, in der Nähe der Glashütten angesiedelte bäuerliche Familien in den langen Wintermonaten dieser Kunst, das Hinterglasmuseum im oberösterreichischen Sandl wie auch die Museumssammlungen in Freistadt und Linz legen ein beredtes Zeugnis dieser alten Maltradition ab.

In Max Pauers Palette dominieren die dunklen Töne, die kontrastierenden Stufen des Grau bis hin zum tiefen, reinen Schwarz.

Ein “Schlüsselbild”: Ist es eine Antwort auf des Künstlers Fragen?

Es ist das Wort “Risiko”, mit dem die feinnervigen, vegetativen Strukturen eines “alchimistischen Bildes” in einer Mischtechnik mit Hinterglasmalerei durchschrieben sind. Ein Lebensgrundsatz, ein Lebensbekenntnis, wie wohl bei vielen Künstlern von autobiografischer Dimension.

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Max Pauer wechselt in seinem Schaffen zwischen den künstlerischen Medien. Insbesondere untersucht er die Wechselbeziehungen zwischen Malerei und Fotografie. Beide Arbeitstechniken befruchten sich gleichsam gegenseitig.

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Winternacht, Ölmalerei hinter Glas, 2005

Die “Winternacht”: ein kleines Meisterwerk, die Lichtpunkte sind mit winzigen, mit der Fingerkuppe aufgetragenen Tröpfchen in Weiss ausgeführt, anschliessend wurde die Glasplatte schwarz übermalt.Schwarz und Weiss stossen aufeinander, die hell erleuchteten Fenster erzeugen das Gegenteil von Wärme: Winterkälte, menschliche Kälte liegt vor und über der Frankfurter Hochhaussilhouette.

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Tiefflug, (Analogfotografie, Farbdia), 2003

“Neues vom Kronberger Malerblick” nennt der Künstler eine in ihrer Perspektive ähnliche, jedoch als Hinterglasmalerei ausgeführte Ansicht der im südöstlichen Taunusabschwung gelegenen Stadt Frankfurt am Main.

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aus der Serie “Urbi et Obi” (Analogfotografie, schwarz/weiss), 2001

Doppelt verschattet und in der Spiegelung gebrochen strahlt der monumentale Frankfurter Messeturm gegen die ihn bedrängende benachbarte Baustelle an. DJ BOBO blickt wie aus einer anderen Welt in die Szenerie.

Umfangreich ist Max Pauers zeichnerisches Werk. Es ist ein feiner, oft kaum wahrnehmbarer Strich, die Motive, mitunter Vexierbildern gleich, sind bei allem Minimalismus in ihrer Figürlichkeit erlebbar.

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Giovanna Paola, Zeichnung

Schon der Titel der Zeichnung provoziert in seiner zweideutigen Anspielung (eine legendenhafte, im 9. oder 11. Jahrhundert angesiedelte, in ihrer Existenz historisch nicht belegte “Päpstin” soll auf den Namen Giovanna gehört haben), der feine Strich enthüllt den Antagonismus zwischen dem kargen, “giacomettihaften” Kreuz der Christenheit und einem sich hier in Leibesüberfülle ausdrückenden, selbstentlarvenden obrigkeitlichen Machtanspruch.

Max Pauer, Frankfurter von Geburt und, wie er betont, aus Überzeugung, zeigte, nach Studium in Frankfurt und Gaststudium an der Hochschule für Gestaltung Offenbach mit dem Schwerpunkt konzeptuelle Fotografie bei Rudolf Bonvie, seine Arbeiten in  zahlreichen Gruppenausstellungen: 2005 Dia-Installation “Urbi et Obi” in der Reihe “jour fixe” bei Gabriele Juvan, Offenbach; 2006 “draußensein” mit Uta Mallin, Wiesengrund im Finkenhof, Frankfurt, und Gruppenausstellung “Künstler der Galerie”, Galerie Wildwechsel, Frankfurt; 2007 Gruppenausstellung “blind gekommen” in der Galerie Heimspiel, Frankfurt, ferner “Die Sammlung Rausch” (”It Takes Something To Make Something”), Portikus, Frankfurt, sowie “Open Doors” – Tage der offenen Ateliers des Kulturamtes der Stadt Frankfurt am Main als Gast im Frankfurter Atelier holgerherrmann; 2008 Schweizer Nº 9 mit Elizabeth Dorazio und Nikolaus A. Nessler (ehemalige Räume der Galerie Voges), Frankfurt, ferner die Lichtbildinstallation “Adventsturm”, Wartburggemeinde Frankfurt am Main.

Wer sich in der Frankfurter Kunstszene bewegt, begegnet Max Pauer regelmässig. Noch nicht allen jedoch ist der schlanke, hochgewachsene Mann als derjenige bekannt, der er im Ureigensten ist: ein sensibler wie begabter Künstler. Gesine Götting nimmt ihn zum “Gegenstand” ihrer am vergangenen Montag eröffneten vielbeachteten Ausstellung “Album” im 1822-Forum der Frankfurter Sparkasse: Der dortige Galerist, unser Künstler, als Objekt der Künstlerin, die er ausstellt, dessen galeristisches Objekt sie also selbst wiederum ist. Wer stellt am Ende wen aus? Und wie erträgt der Galerist diese Situation?

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Max Pauer im Gespräch mit Gesine Götting vor ihrer Zeichnung “April 2009″, Kugelschreiber auf Papier, 2009 (nach einer Fotografie von Wolfgang Günzel: Max Pauer im Gespräch mit Städel-Professor Tobias Rehberger)

“Im Anfang liegt alles beschlossen”. Man muss sich dessen bewusst sein. Im kleinen Kern ist der spätere starke Baum angelegt. Es dürfen dabei auch Umwege gegangen werden, denn auch sie führen zum Ziel. Am kommenden Freitag, 31. Juli 2009, eröffnet Max Pauer im Frankfurter “Kunstraum Lalibela” seine eigene Einzelausstellung “Mother Nature And Suns”. Seine Werkschau in der Klingerstrasse 2 – 4 wird bis zum 11. September 2009 zu sehen sein (Öffnungszeiten täglich 13 bis 23 Uhr, Freitag und Samstag bis 24 Uhr).

(abgebildete Werke © Max Pauer und Gesine Götting; Fotos: Max Pauer [1 - 9], FeuilletonFrankfurt [10])