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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Musik' Category

Andreas Scholl – weltberühmter Countertenor

Montag, 29. August 2011

Eine musikalische Rheingau-Reise

Text und Fotografien: Renate Feyerbacher

“Eine wunderbare Idee” nannte Andreas Scholl die Veranstaltung am 16. Juli 2011, die das Rheingau Musik Festival ausgezeichnet organisiert hatte. Wunderbar deshalb, weil er den Menschen, seinem Publikum, nahe sein konnte wie im Kirchhof von Hallgarten und nicht – wie nach einem Konzert in den Kulturtempeln – Anzug und Krawatte auszieht und verschwindet.

Andreas Scholl im Kirchhof von Mariae Himmelfahrt Hallgarten / Oestrich-Winkel

Deshalb, weil er seine Heimat vorstellen durfte, in die er nach 20 Jahren Aufenthalt in Basel und weltweit zurückgekehrt war. Deshalb, weil er seine Lieblingsensembles und wohl auch seine Lieblingsmusikerin, die Lebensgefährtin Tamar Halperin, einladen konnte. Die israelische Cembalistin und Musikwissenschaftlerin, die über ihren favorisierten Komponisten Johann Sebastian Bach (1685 bis 1740) an der renommierten Juilliard School in New York promovierte, spielte Bachs Suiten beim ersten Halt in der Schiersteiner Christophoruskirche.

Tamar Halperin und Andreas Scholl nach dem Konzert am 16. Juli 2011

Das Team des Rheingau Musik Festivals hatte zuvor die Teilnehmer am Wiesbadener Hauptbahnhof eingesammelt und in fünf Bussen zum ersten der drei vorgesehenen Konzertorte bringen lassen: nach Wiesbaden – Schierstein.

Die protestantische Kirche Christophorus im Stadtteil Schierstein wurde von 1752 bis 1754 im Stil des ausklingenden Barock und Rokoko gebaut. Es ist die schönste Rokokokirche Hessens. Sie wurde grösstenteils von Frankfurter Patriziern finanziert, die dort ihre Landhäuser hatten. Noch heute gibt es ihre Kirchenstühle.

Der Saalbau, dessen Grundriss dem Goldenen Schnitt entspricht, hat eine gute Akustik. Selbst auf der oberen Empore erklingt die Cembalo-Musik und der Gesang des Gastgebers Andreas Scholl klar und durchdringend.

Hochaltar in Christophorus

Der elegante Kanzelaltar – Altar (Sakrament), Kanzel (Wortverkündigung), Orgel (Lobpreis) – entspricht protestantischer Auffassung. Ihn flankieren Säulen und Putten. Fliessend geht er über in die Orgelempore, die wie die Gesamtkirche in eindrucksvoller Farbgebung gehalten ist.

Dieses Ambiente ist fantastisch für die Bach-Suiten, die Tamara Halperin spielte. Suite – der Name beziehungsweise der Begriff leitet sich vom ursprünglich vulgären Fachbegriff “la suite” (die Folge) her, stieg dann aber in die oberen Kreise auf und wurde hoffähig. Aus dem feinen, französischen “à la suite” wurde “en suite” für jedermann. Die Musik übernahm den Begriff. Die “Französische Suite” G-Dur BWV 816 setzte die Tänze Allemande (deutsch), Courante (französisch), Sarabande (spanisch) und so weiter “en suite” hintereinander. Die sympathische Künstlerin Tamar Halparin interpretierte sie differenziert: mal sanft, feinfühlig, dann stürmisch, impulsiv. Eine Entdeckung für mich. Sie erhielt schon verschiedene Preise, unter anderem den ECHO Jazz 2010 für die CD “Wunderkammer” zusammen mit dem Jazzpianisten Michael Wollny. Die Beiden kombinieren verschiedene Tasteninstrumente.

Andreas Scholl gibt in Christophorus die erste Kostprobe seiner wunderbaren Stimme. Er singt aus Henry Purcells Schauspielmusik zu “Oedipus, King of Thebes” die Arie “Music for a while”, ein Loblied auf die Schmerzen lindernde Kraft der Musik.

Es kann nicht überzeugender interpretiert werden.

Der Sänger hält es für eines der schönsten Lieder, die je geschrieben wurden. Die Musik habe “etwas Hypnotisches, von dem man angezogen wird”. Der Barockhit ist auf Scholls neuer CD “O Solitude purcell” mit der Accademia Bizantina unter der Leitung von Stefano Montanari zu hören, ebenso der berühmte sogenannte “Cold Song” aus der Semi-Oper “King Arthur or The British Worthy”. Semi-Oper ist eine spezielle Form der englischen Barockoper: gesprochenes Drama mit langen gesungenen, getanzten und instrumentalen Szenen.

 

Musik-Audiofile: bitte anklicken:

Andreas Scholl – What Power Art Thou – Cold Song – Snippet

© – Alle Rechte vorbehalten – Decca / Universal Music

 

“What power art thou”

“Was bist du nur für eine Macht,
die mühsam mich und wider Willen
von meinem tiefen Bett aus ewigem Schnee emporgebracht?
Sieh’ doch, dass uralt ich und steifgefroren,
die Kälte kaum noch mag ertragen,
schwer nur noch atme und die Regsamkeit verloren!
Geh, lass mich erfrieren in des Frostes Nacht.”

Wie Andreas Scholl diese Arie interpretiert, ist fulminant. Der kalte Schauer durchläuft den Körper. Diese berühmteste Szene des Werkes will beweisen, wie die Macht der Liebe (Cupido) imstande ist, jedes noch so kalte Herz aufzutauen.

Seine Liebe zur Musik Henry Purcells (1659 bis 1695), den überragenden Barockkomponisten Englands, hat der Sänger während seiner Baseler Studienzeit an der bedeutenden Schola Cantorum Basiliensis entdeckt. Immer wieder hat er Purcells Lieder gesungen, aber erst jetzt erstmals aufgenommen. Zu zwei Gesängen dieser neuen CD hat er den französischen Countertenor Christophe Dumaux eingeladen, mit dem er an der Metropolitain Opera in New York debütierte. Dabei sind auch seine Freunde von der Accademia Bizantina, mit denen er schon lange musiziert.

Vier dieser Musiker begleiteten ihn auch auf der musikalischen Rheingaureise, deren nächste Station das Weindorf Hallgarten war, das zwischen Wiesbaden und Rüdesheim etwas abseits vom Rheinufer, am Fusse der 580 Meter hohen “Hallgartener Zange” liegt.

Andreas Scholl und Mitglieder des Freundeskreises Mariae Himmelfahrt

Im Kirchhof hatte der Freundeskreis der Katholischen Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt zunächst für das leibliche Wohl der Teilnehmer gesorgt, zu denen sich Michael Herrmann, der vielbeschäftigte Geschäftsführer des Rheingau Musik Festivals, kurze Zeit gesellte und wie immer die Gäste begrüsste.

Die Freunde der Pfarrkirche unterstützen mit dem Verkauf des “Hallgartener Glockeschoppe”, eines mundigen Weines, unter anderem die Pflege des Kircheninventars. Dazu gehört vor allem die Hallgartener Madonna, die sogenannte Schröter-Madonna.

Hallgartener Madonna – auch Schrötermadonna genannt

Die Weinschröter waren angesehene Männer. Sie mussten die weingefüllten Eichenfässer mittels Schrotbaum und Schrotleiter vom Keller zum Fuhrwerk verladen, eine schwere Arbeit. Sie stifteten dieses Kleinod der Legende nach aufgrund wundertätiger Hilfe der Jungfrau Maria. Das Hauptwerk eines unbekannten mittelrheinischen Meisters stammt aus der Zeit um 1415. Die 113 Zentimeter hohe gotische Figur ist aus gebranntem Ton und hat eine “Schwester” im Louvre, “La belle Allemande” (Die schöne Deutsche) oder “Vierge de mayence” (Jungfrau von Mainz) genannt, die 1803 während der Säkularisierung aus dem Kloster Eberbach entführt worden war.

Hallgartener Madonna (Ausschnitt)

Das Jesuskind hält Weintrauben in seiner Hand und die in der Kunstgeschichte als “Madonna mit der Scherbe” bekannte Maria einen kleinen Weinkrug (mundartlich Scherbe genannt). Sie steht auf einem untergehenden Gesicht (Mond). “Das im Verhältnis zur Plastik ungewöhnlich grosse Männerantlitz könnte als die der Vergänglichkeit (Mond als Symbol der Vergänglichkeit) verfallene Menschheit insgesamt gedeutet werden. Es könnte aber auch das Gesicht Adams sein, der nach der Erlösung durch Christus ausschaut”, so die theologische Deutung im “Kleinen Führer” der Kirche.

Hallgartener Madonna – Ausschnitt Mond

Die Baugeschichte von Mariae Himmelfahrt, die noch weitere Kleinode besitzt, beginnt im 12. Jahrhundert. Mehrfach wurde sie bis ins 20. Jahrhundert baulich verändert.

Im vorderen Teil des Chorraumes vor den Glasmalereien (1962) in den drei gotischen Masswerkfenstern musizieren Mitglieder der Accademia Bizantina.

Stefano Rossi (Violine und Leitung), Tiziano Bagnati (Laute), Marco Frezzato (Violoncello), Francesco Baroni (Cembalo und Orgel)

Das Quartett spielte italienische Werke aus dem 17. Jahrhundert und begleitete Andreas Scholl bei Purcells Abend-Hymne “Now that the sun hath veiled his light”. Purcells Musik “ist keine Musik für Musikologen, es ist Musik für den Menschen”, so schreibt Andreas Scholl im Textheft zur CD. Und der Künstler singt für die Menschen, die in der Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt dabei sind. So wird es wirklich empfunden.

Andreas Scholl und Mitglieder der Accademia Bizantina

Der 1967 in Eltville geborene Andreas Scholl erhielt seine erste musikalische Ausbildung bei den Kiedricher Chorbuben. Seit 1333 gibt es diese Einrichtung in dem etwa 4000 Einwohner zählenden Rheingauer Weindorf Kiedrich. Der Chor, Jungen und Männer, singt “an erster Stelle Gregorianik, aber hier in einer gotischen Variante des Gregorianischen Chorals im sogenannten Germanischen Dialekt, aufgezeichnet mit gotischen Hufnagelnoten in grossen Folianten, dem Kiedricher Graduale. Melodisch wirkt dieser Gesang, der sich nur noch hier im Proprium (den wechselnden Texten des Gottesdienstes) erhalten hat, durch erhöhte Spitzentöne frischer, an anderen Stellen auch unbekümmerter, lebendiger“ (Homepage der Kiedricher Chorbuben). Aber auch die Mehrstimmigkeit kommt zum Zuge.

Elisabeth Scholl, seine Schwester, war das erste Mädchen, das in den Chor aufgenommen wurde. Sie ist heute auch eine gefragte Interpretin alter Musik. (Die Geschwister gaben einen Tag später ein Konzert in Kloster Eberbach.)

Fünfmal in der Woche proben die Kiedricher Knaben, die Männer zweimal. Etwa einhundert Mal im Jahr tritt der Chor in Aktion. Sonntags kann man ihn im Choralhochamt in der Basilika St. Valentin zu Kiedrich im Rheingau hören – eine der schönsten gotischen Bauwerke dieser Kulturlandschaft. Sie ist dem Heiligen Valentinus und dem Heiligen Dionysius gewidmet und hat eine der ältesten bespielbaren Orgeln der Welt. Besonderheiten sind der Lettner und die fast komplette gotische Innenausstattung.

In dieser Kirche nahm Andreas Scholl 2010 die CD mit Liedern von Oswald von Wolkenstein auf.

Ensemble White Raven und Andreas Scholl

Ein Lied des im Spätmittelalter lebenden Lyrikers, Komponisten, Ritters, Politikers und Botschafters Oswald von Wolkenstein gehörte zum Programm der letzten Station der Rheingaureise. In der Mittelheimer Basilika St. Aegidius, deren Bausubstanz fast unverändert aus dem 12. Jahrhundert stammt, erklang nun ein anderer musikalischer Stil.

Das Ensemble White Raven sang traditionelle irische Lieder, die Kathleen Dineen, Gründerin dieser A-Capella-Formation, meistens arrangiert hat. Wie Andreas Scholl hat die Irin an der Schola Cantorum Basiliensis studiert, wo sie heute lehrt. Mit von der gesanglichen Partie waren der Tenor Robert Getchell und der Bariton Raitis Grigalis. Natürlichkeit und Einfachheit gepaart mit sängerischer Könnerschaft zeichnet das Terzett aus, das durch Andreas Scholl manchmal zum Quartett erweitert wird. Dineens klarer, natürlicher Sopran begeistert. Die Stimmung der Künstler übertrug sich auf die Zuhörer. Ihnen gefiel der “mühelose Gesang”. “Kunst ist es, wenn es nicht nach Kunst klingt”, scherzte Andreas Scholl.

Ein sonniger Tag verwandelte sich in einen Unwetter ankündigenden Abend. Nibelungenhaft dunkel wurde es nach und nach.

Der Rhein bei Oestrich-Winkel am Abend des 16. Juli 2011

Das Frankfurter Musikpublikum hat am 24. Januar 2012 die Gelegenheit, den Lied-, Oratorien- und Opernsänger Andreas Scholl, der seit Jahren zu den besten Countertenören der Welt gehört und vielfach ausgezeichnet wurde, in der Oper Frankfurt als Liedsänger zu erleben. Tamar Halperin wird ihn am Klavier begleiten.

 

Antoine Dard: Sechs Sonaten für Fagott und Basso continuo

Donnerstag, 31. Mai 2007

Das Label RAMÉE publiziert in diesen Tagen die weltweite Ersteinspielung von sechs Sonaten für Fagott und Basso continuo aus dem Jahr 1759 des französischen Komponisten Antoine Dard. Der Solist ist Ricardo Rapoport, begleitet am Cembalo von Pascal Dubreuil. Karine Sérafin, Sopran, und Francois Nicolet, Traversflöte, wirken in kleineren anderen Partien der Einspielung als Gäste mit.

Antoine Dard (1715 bis 1784) zählte in Paris und in Versailles zu jenen Musikern, die zum Umfeld der bedeutendsten Musikinstitutionen der französischen Monarchie gehörten. Wenngleich Person und Oeuvre von Dard heute weitgehend lediglich noch der Fachwelt bekannt sind, kann man Dard doch als einen Komponisten von besonderem Interesse betrachten. So erschien am 11. Januar 1759 folgende Anzeige in der Pariser Presse: “6 Sonaten für Fagott, komponiert von Mr. Dard und sehr nützlich für diejenigen, die dieses Instrument gut spielen möchten. Diese Sonaten gelten als einzigartig und können auch auf dem Violoncello gespielt werden.”

Für die damalige Zeit war es nicht ungewöhnlich, eine Solo-Komposition auf unterschiedlichen Instrumenten auszuführen. Auch war das Fagott als Soloinstrument durchaus bekannt und beliebt, wie dies zahlreiche Werke anderer Komponisten belegen. Beispielsweise komponierte Antonio Vivaldi rund 40 Stücke für dieses Instrument, dessen Klang in den tiefen Registern als sonor und in der oberen Lage als recht kantabel charakterisiert werden kann.

Gleichwohl stellen Dards Sonaten nicht nur in seinem persönlichen Schaffen, sondern auch in der Literatur des 18. Jahrhunderts ganz allgemein sowie innerhalb des spezifischen Repertoires für Fagott eine Besonderheit dar: Dard benutzt das Fagott nach Art etwa eines Belcanto-Operntenors. Er verwendet häufig das sehr hohe Register des Instruments, wie es bis dahin kein anderer Komponist getan hatte und auch noch lange nach ihm keiner tun wird. Obgleich ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in den Grifftabellen für Fagott zunehmend Fingersätze angegeben waren, die bis zum d” und f” reichten, so geht doch die damalige Musik für dieses Instrument, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, niemals über g’ und a’ hinaus. Vielmehr setzte sich das sehr hohe Register erst sechzig Jahre später allmählich durch, nachdem das Instrument zahlreiche Verbesserungen erfahren hatte.

Der Fagottpart ist in seiner Melodiösität durch die Fülle an Verzierungen sehr voll und lyrisch, wobei die Verbindung dieser reichen Verzierungen mit dem galanten Stil eine einzigartige Wirkung hervorruft. Hinsichtlich ihrer Struktur sind die Sonaten eher traditionell. Dennoch erscheinen die langsamen Sätze in ihrer Form bemerkenswert: Sie sind in einem Zug und ohne Wiederholungen oder Doppelungen durchkomponiert und ähneln eher einem Arioso, das zu jener Zeit in Frankreich wenig gebräuchlich war. Trotz ihres unverkennbar französischen Charakters zeugen Dards Sonaten von italienischem Einfluss. Sicher kannte er die Werke der italienischer Komponisten, die damals auch in Frankreich aufgeführt wurden.

Edgar Degas, L´Orchestre de l´Opéra (1870)

Ricardo Rapoport studierte Fagott sowie Gitarre, Viola da gamba, Tonsatz, Komposition und Dirigieren in seiner Geburtsstadt Rio de Janeiro. Anschliessend folgte ein Engagement beim Brasilianischen Sinfonieorchester. 1984 ging er nach Paris, um dort sein Spiel am Conservatoire National Supérieur de Musique zu perfektionieren. Nachdem er den Premier Prix für Fagott erhalten und ein Aufbaustudium für Kammermusik absolviert hatte, widmete er sich dem Barockfagott. Neben seinen Aktivitäten als Kammermusiker und Solist wirkt Rapoport bei Konzerten und Aufnahmen mit verschiedenen Ensembles mit. Sein Interesse gilt auch der zeitgenössischen Musik, der er sich in zahlreichen Uraufführungen angenommen hat. Rapoport unterrichtet Fagott, Barockfagott und Kammermusik am Conservatoire National de Région in Rennes und wird regelmäßig zu Festivals und Meisterkursen in Europa und Brasilien eingeladen.

Pascal Dubreuil studierte ebenfalls am Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris und erhielt den Premier Prix für Cembalo und Generalbass. Anschließend vervollständigte er seine Ausbildung auf zahlreichen Meisterkursen, unter anderem bei Gustav Leonhardt. Dubreuil spielt bei Konzerten und Aufnahmen in Frankreich und Europa als Solist und Kammermusiker auf dem Cembalo, aber auch auf dem Clavichord und dem Pianoforte. Regelmässiger Gast bei einer Vielzahl von Wettbewerben, unterrichtet er Cembalo und Kammermusik am Conservatoire National de Région in Rennes, wo er die Abteilung für Alte Musik leitet.

Auch zur 53. Biennale Arte 2009: Venedig im Zeichen der Musik

Dienstag, 7. Juli 2009

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Junge Musikerinnen und Musiker in venezianischen Kostümen des 18. Jahrhunderts laden zu einem Konzert der I Musici Veneziani mit Antonio Vivaldis “Le Quattro Stagioni” ein.

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San Maurizio am Campo San Maurizio, 1806 durch Giannantonio Selva im klassizistischen Stil errichtet:  In der Ausstellung “Vivaldi und seine Zeit – der Lauten- (Geigen)bau” erwartet den Musikliebhaber eine wahre Augenweide.

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Violoncello, Mailänder Schule, Ende 1700

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Neapolitanische Mandolone (Bass-Mandoline) um 1750 und Laute um 1800

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Salterio, venezianische Schule, Settecento (im deutschen Sprachgebrauch 18. Jahrhundert)

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Viola da gamba, 1580

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Kontrabass von Niccolò Amati, Cremona, 1670

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Die profanierte, als Konzertsaal genutzte Kirche San Vidal (18. Jahrhundert) am Campo San Vidal ist die ständige Spielstätte des renommierten Ensemles Interpreti Veneziani.

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(Fotos: FeuilletonFrankfurt)


Begegnung mit dem Sänger Johannes Martin Kränzle

Donnerstag, 4. März 2010

“Sich auf die Suche machen”
Begegnung mit dem Sänger Johannes Martin Kränzle

Text und Fotografien: Renate Feyerbacher

Sonntag ist er noch in São Paulo, Mittwoch in Kairo, um in der “Fledermaus“ den Eisenstein zu singen, dazwischen in Frankfurt am Main bei seiner Familie. Beim Gespräch mit der Journalistin in seiner Küche, das er spontan ermöglicht, ist er entspannt und aufgeschlossen, ab und zu lacht er herzlich. Feiner Humor blitzt immer wieder auf, keine Spur von Hektik, aber von grosser Energie. Jung und dynamisch wirkt er.

Seit 12 Jahren Ensemble-Mitglied der Oper Frankfurt

Vor 12 Jahren sang er an der Frankfurter Oper den Lescault aus Henzes “Boulevard Solitude”, seine erste Premierenrolle an dieser Bühne. Seitdem gehört er zum Ensemble. “Ich finde es schön, einen Bezugspunkt zu haben, sowohl, was das Persönliche betrifft, als auch dass man die Kollegen kennt, insofern bin ich gerne hier.” Er lobt das Niveau, das Orchester, die Produktionen. Er gebraucht die Worte “toll” und “wunderbar”. Nun wird der Sänger Kränzle national und international immer mehr gefragt, und es wird nach Lösungen gesucht, ihm diese Freiheiten des ausserfrankfurterischen Engagements zu ermöglichen.

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Johannes Martin Kränzle in seinem Musikzimmer

1999 überzeugte Johannes Martin Kränzle mit einer grandiosen Darstellung des Lenz in Wolfgang Rihms Kammeroper “Jakob Lenz”. Sie stützt sich auf Georg Büchners psychologische Novelle “Lenz”, die von der Krankheit des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz erzählt. Dieser hatte Angst- und Wahnvorstellungen, die ihn immer wieder zu Suizidversuchen trieben. Die Erinnerung an diese erschütternde Interpretation durch den Bariton Johannes Martin Kränzle ist heute noch hellwach.

Er sang und spielte eindrucksvoll echt. Es ist zu vermuten, dass Wolfgang Rihm von Kränzles Interpretation auch begeistert war. Denn nun vertraut ihm der Komponist erneut die Rolle eines psychisch Kranken an, und zwar in seiner Oper “Dionysos”, die Nietzsches letztes Werk “Dionysos-Dithyramben” zur Grundlage hat. Noch sitzt der Komponist an der Partitur der Oper, die bei den diesjährigen Salzburger Festspielen im Juli zur Uraufführung kommen soll. Johannes Martin Kränzle wird die Partie singen. Er wartet auf die Noten, was ihm im Augenblick ganz recht ist. In der Regel rechnet er mit zwei, drei Monaten für die Probenarbeit. “Das wird so eine Situation sein, dass man sich vornehmen muss, man springt gerade in so was rein”. Denn zur Zeit käme er nicht zum Einstudieren, da er im März an der Kölner Oper sein Rollendebüt in Bartoks “Herzog Blaubarts Burg” (Premiere am 12. März) gibt und im Mai in Mailand am Teatro alla Scala sein Rollen- und Hausdebüt als Alberich in Wagners “Das Rheingold” (aus dem Zyklus “Der Ring der Nibelungen”). Rund um die Uhr habe er nach Mailand zu proben.

Aber zunächst an die Kölner Oper: September 2009 wurde Wagners Oper “Die Meistersinger von Nürnberg” neu inszeniert. Die Kritiken betreffend Regie waren verheerend. Nur Johannes Martin Kränzle als Beckmesser wird höchstes Lob zuteil. “Herausragend  … darstellerisch überzeugender Beckmesser, der die Rolle einmal nicht als Karikatur anlegt, sondern – bei aller Detail-Differenzierung – mit Würde und Tragik ausstattet”, heisst es im Kölner Stadt-Anzeiger.

Im Gespräch darauf angesprochen, betont Kränzle den “ernsten Kern”, der jeder Figur innewohnt. “Der Mensch möchte ja kein Clown sein, sondern möchte ja auch verstanden werden. Durch die Situation ergibt sich dann die Komik und nicht dadurch, dass ich jetzt rauskomme und der grosse Spassmacher sein möchte”. Er beruft sich auf Charlie Chaplin und Buster Keaton, die in ihrem Ernst komisch waren. Aber nachahmen, kopieren kommt für ihn nicht infrage, er will “aus sich selbst arbeiten und Ideen entwickeln”. “Sich auf die Suche machen” ist seine Devise bei der Entwicklung einer Rolle. Er schätzt die Zusammenarbeit mit Regisseur Christof Loy, der an der Oper Frankfurt “Cosi fan tutte” inszenierte. Ein psychologisches Regie-Meisterstück, in dem Johannes Martin Kränzle den Don Alfonso singt (5. März 2010). Geschickt wickelt er die Frauen ein, die lange Zeit sich nicht verführen lassen und ihren Männern treu sein wollen. Aber Don Alfonso lässt nicht nach, weil es ja um eine Wette geht: “Cosi fan tutte” … “So sind sie alle”, die Weiber. Frauenfeindlich?

Nein, sagt der Sänger. Mozart behandele ja die Frauen viel liebevoller als die Männer, die seien ja wohl schön dumm, so eine Wette einzugehen. Und humorvoll fügt er hinzu: “Wenn die Männer die Frauen auf die Probe stellen würden, dann wäre das ganze Stück viel schneller zu Ende, denn die Männer würden nicht so lange durchhalten.”

Der einzige, der als Sänger wie als Schauspieler völlig souverän wirkt an diesem Abend, ist Johannes Martin Kränzle als “Beckmesser”, so wird in WDR 5 nach der Premiere in Köln berichtet. Er wird als der einzige gefeiert, der seinen Part zu entwickeln versteht. Als Sensation, als “Sänger, der vor Kraft und Sinnlichkeit vibriert, der mit der Stimme zu agieren versteht” (Kölner Stadt Anzeiger) wird er gefeiert.

Das fasziniert an Johannes Martin Kränzle: er überzeugt sängerisch wie darstellerisch und das nicht nur als Beckmesser, sondern auch als Don Alfonso, als Don Pizarro, als Graf Almaviva, als Papageno, als Figaro, als Eisenstein, als Lenz und und und. Über sechsunddreissig Rollen verfügt sein aktives Repertoire derzeit. Theaterspielen hat ihn schon immer interessiert, am Anfang mehr als das Singen. “Ich gehe privat fast öfter ins Schauspiel als in die Oper, da ich da mehr Innovation fürs eigene Spiel finden kann”, bekennt er. Professor Andreas Meyer-Hano von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt hat ihm während des Studiums die Schauspielkunst nahe gebracht.

Werdegang

Aber nun zurück zu den Anfängen des in Augsburg geborenen Sängers. Die Mutter war Musiklehrerin an einem Gymnasium. Er und seine beiden jüngeren Geschwister lernten ein Instrument. Er lernte die Geige. Dieses Instrument beherrscht er so gut, dass er in der szenischen Aufführung von Schuberts “Winterreise” ein Geigensolo spielt, ebenso manchmal in Offenbachs “Orpheus in der Unterwelt”. Und gelegentlich macht er mit Kollegen des Orchesters Kammermusik.

Nach der Schule, wo er hin und wieder ein Solo sang, studierte er in Hamburg ein Jahr Musiktheaterregie. Das fand er irgendwann langweilig, zu theoriebelastet, weil man von den spannenden Persönlichkeiten wie Götz Friedrich nur Referate hörte. Wie kam er zum Gesang? Durch Zufall. Johannes Martin Kränzle machte in Frankfurt am Main die Aufnahmeprüfung für Schulmusik, ohne Schulmusiker werden zu wollen, sondern um sich eine umfassende, musikalische Ausbildung anzueignen. Der Musikpädagoge Martin Gründler, der vor sechs Jahren verstarb, sass zufällig an diesem Tag in der Prüfungskommission. Er hörte den Studenten und sagte “Sie werden Sänger! Kommen Sie wieder und machen in einem halben Jahr die Gesangsaufnahmeprüfung”. So hat es Kränzle dann gemacht. Nach fünf Jahren hat Gründler sein Versprechen wahr gemacht und ihm ein erstes Engagement in Dortmund vermittelt.

“Da war jemand so überzeugt von mir. Ich bin ihm heute noch sehr sehr dankbar“.

Neue Lied-CD

2009 erhielt die CD-Aufnahme von Aribert Reimanns Oper “Lear”, die 2008 an der Oper Frankfurt Premiere hatte, den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Johannes Martin Kränzle bietet als ausgenutzter, gefolterter Gloster ein berührendes Portrait.

Nun ist 2009 eine Lied-CD des Sängers erschienen, die seine sängerische Bandbreite voll zur Entfaltung kommen lässt.

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Cover der CD „Die Mitternacht zog näher schon” (Bildnachweis: Oehms Classics München)

Es sind dramatische, witzige, nicht nur romantische Balladen von Carl Loewe, Robert Schumann, Hugo Wolf, Franz Schubert, Gustav Mahler sowie Ferruccio Busonis „Flohlied“ von Johann Wolfgang Goethe. Mephisto präsentiert es in “Faust I”, um die Gäste in Auerbachs Keller zu Leipzig zu erheitern.

Zu einer Hörprobe bitte hier anklicken
(alle Rechte bei Oehms Classics München)

“Es war einmal ein König,
Der hatt’ einen grossen Floh,
Den liebt’ er gar nicht wenig,
Als wie seinen eig’nen Sohn.
Da rief er seinen Schneider,
Der Schneider kam heran:
Da, miss dem Junker Kleider
Und miss ihm Hosen an!

In Sammet und in Seide
War er nun angetan,
Hatte Bänder auf dem Kleide,
Hatt’ auch ein Kreuz daran,
Und war sogleich Minister,
Und hatt’ einen grossen Stern.
Da wurden seine Geschwister
Bei Hof auch grosse Herrn.

Und Herrn und Frau’n am Hofe,
Die waren sehr geplagt,
Die Königin und die Zofe
Gestochen und genagt,
Und durften sie nicht knicken
Und weg sie jucken nicht.
Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.”

Johannes Martin Kränzle lässt im „Flohlied“ wie auch in Mahlers “Des Antonius von Padua Fischpredigt” und Schumanns “Die beiden Grenadiere” feine Ironie hören. Sein lyrischer Bariton kann sich in diesen Liedern wunderbar entfalten. Loewes Balladen singt er wie die alten Barden, nicht immer die Basstiefen genügend ausschöpfend, aber wirklich dramatisch. Schuberts “Erlkönig” gefällt, weil er eine übertriebene Darstellung, wie sie früher üblich war, vermeidet. Auch Hugo Wolfs “Gutman und Gutweib” sowie “Der Feuerreiter” sind lebendig und Schuberts “Revelge” äusserst berührend. Seine Texte sind gut zu verstehen. Hilko Dumno, Dozent für Liedform an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt, preisgekrönter Klavierbegleiter grosser Interpreten, unterstützt den Sänger am Klavier: vorzüglich, markant und einfühlsam. Seine Vor-, Zwischen -und Nachspiele lassen ein bedeutendes pianistisches Können spüren.

Ein engagierter Mensch

1991 gewann der 28jährige Johannes Martin Kränzle in Rio de Janeiro bei einem Gesangswettbewerb den ersten Preis. Damals hatte er gerade das Dortmunder Engagement mit einer kleinen Rolle angenommen und konnte das Angebot der Oper von Rio, als Leporello zu debütieren, nicht wahrnehmen. Er hatte wohl noch die Zeit, in Nordbrasilien herumzureisen und ein paar Konzerte zu geben. Aber das war den Musikprofessoren von João Pessoa nicht genug. Sie wollten, dass er den Studenten etwas beibringe. Blitzschnell organisierten sie einen Simultandolmetscher und einen Pianisten, und der junge Sänger fand sich sofort in der Rolle des Musikpädagogen.

Es machte ihm Spass. Schnell sprach sich seine Tätigkeit in Nordbrasilien herum. Im Jahr darauf meldete sich die Musikschule von Recife, dann von Natal, wo er im Januar 2010 unterrichtet hat. Einigen seiner Teilnehmer konnte er in diesen 19 Jahren, die er nun dort aktiv ist, helfen, in Europa einen Studienplatz zu finden.

Ehrenamtlich ist er natürlich tätig. Wobei das Geld, das er diesmal bekam, seine Flugkosten deckten. “Ich fände es eigenartig, wenn ich als Besserverdienender Kapital daraus schlagen würde.” Die Tatsache, dass er die Sonne und den Strand geniessen kann und vor allem ein anderes Lebensgefühl erlebt, ist für ihn Lohn genug. Es macht ihm Spass, nicht nur an grossen Häusern in Japan, USA und Deutschland zu singen (“da ist manchmal alles zu saturiert, gemachte Nester”), sondern auch zum Beispiel in Tiflis, wo die Proben erst zu Ende sind, wenn das Licht ausgeht, oder wie Ende Januar in Kairo.

Johannes Martin Kränzle, dem kein Alter anzusehen ist, ist auf dem Sprung in die Weltkarriere. Publikum und Fachwelt sind gespannt auf seine Interpretation des Alberich, den er im Mai am Teatro alla Scala singen wird und im Oktober an der Deutschen Oper Berlin. Wie wird er dessen Bösartigkeit, aber auch Verzweiflung – auch er hat ja einen “guten Kern” – gestalten?

Die Termine des Sängers, auch die Konzertermine von Mendelssohn-Bartholdys “Elias” in Darmstadt und Mainz, stehen auf seiner Internet-Seite .

Im Juni und Juli 2010 singt er wieder an der Oper Frankfurt Hans Pfitzner. Dann kommen die Salzburger Festspiele, dann Berlin. Das Jahr beendet er als Graf Danilo in “Die Lustige Witwe” im Grand Théâtre de Genève. 2011 steht das berühmte Glyndebourne Opernfestival südlich von London auf seinem Terminkalender.


Bröckelt der Mythos?

Freitag, 23. September 2011

Nachlese zu den 100. Bayreuther Festspielen

von Renate Feyerbacher

Pausenbläser auf dem Balkon des Festspielhauses, Foto: Andreas Praefcke/wikimedia commons GFDL

Die 100. Bayreuther Festspiele (25. Juli bis 28. August 2011) haben heftige Diskussionen ausgelöst. 30 Vorstellungen gab es auf dem sogenannten Grünen Hügel. Vor der offiziellen Eröffnung begeisterte zum dritten Mal das Projekt “Wagner für Kinder” mit dem “Ring” – 15 Stunden in 90 Minuten. Das muss ein Ereignis gewesen sein. Weitere Höhepunkte waren das Public Viewing mit “Lohengrin” und die erste Live-Übertragung dieser Oper in ARTE.

Das Festspielhaus am 12. August 2011 kurz vor dem Regen, Foto: Renate Feyerbacher

Der mühsame Weg der Kartenbeschaffung – vorbei?

Seit 2002 habe ich mich jährlich schriftlich um Karten bemüht. Und dann im 100. Jahr kam die Nachricht, es gäbe für mich Karten; zwar nicht für die Aufführung, die ich vor allem sehen wollte, nämlich “Lohengrin”, sondern für die “Meistersinger”. Auch wären es schlechtere Plätze. Ich habe die Karten akzeptiert, obwohl ich die verheerenden Kritiken von 2007 kannte, obwohl ich wusste, die Inszenierung ist ein Auslaufmodell. Ich wollte das erleben und tröstete mich, dass sie nicht teuer waren.

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung am 2. September befasste sich mit der “dubiosen Kartenvergabe” bei den Wagner-Festspielen, weil weniger als die Hälfte aller Karten nicht in den freien Verkauf gingen. Sogar der Staatsanwalt trat nun in Aktion.

Andererseits war zu sehen, dass Plätze frei blieben. In einer Zeitung versprach ein Wagner-Fan “100 Euro dazu, wenn Sie meine Meistersinger-Karten geschenkt abnehmen.”

Wie gesagt, zugteilt bekam ich “Die Meistersinger von Nürnberg” in der Inszenierung von Katharina Wagner (*1978), der Urenkelin von Richard Wagner und der Ur-Ur-Enkelin von Franz Liszt. Sie studierte Theaterwissenschaften, war Regieassistentin bei Harry Kupfer an der Staatsoper in Berlin und leitet seit 2008 zusammen mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier, beider Vater ist Wolfgang Wagner, die Bayreuther Festspiele.

Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier am 25. Juli 2009, Foto: Tafkas/wikimedia commons CC

Auslaufmodell “Die Meistersinger von Nürnberg”

“… gewiss ist aber, dass sie (Katharina Wagner) als Regisseurin ihr künstlerisches Profil noch finden muss”, hiess es 2007 in NZZ-Online (Neue Zürcher Zeitung). Die Kurzkritik in der FAS (FAZ am Sonntag) 2011 machte auch keine Freude. Es muss in den vier Jahren an der Inszenierung viel herum gefeilt worden sein: “… demnächst könnte daraus ein schöngeföhnter Klassiker werden”, schrieb Eleonore Büning am 31. Juli 2011, die sogar von sängerischen Fehlbesetzungen sprach und auch nicht begeistert war von dem in Frankfurt viel gepriesenen Generalmusikdirektor Sebastian Weigle. Er habe in vier Jahren nicht gelernt, “Bayreuths Akustik wirklich bei den Hörnern zu nehmen”. Seine ersten beiden “Ring”-Interpretationen der letzten Spielzeit an der Frankfurter Oper fanden hingegen grosses Lob.  Man muss wissen, dass über dem Bayreuther Orchestergraben ein Deckel liegt, so hat es Richard Wagner gewollt.

Diese harsche Kritik an der musikalischen Interpretation und den Sängern konnte ich nicht teilen, aber mich auch nicht in Begeisterung versetzen. Geärgert hat mich die Regie. “Wollen Sie diesen Flegel zum Schwiegersohn?” dachte ich ständig bei diesem rüpelhaften Stolzing, der mit Farbeimer und Pinsel alles anstrich, was rumstand und ihm in die Quere kam – auch Eva musste dran glauben und wurde bemalt. Es waren zu viele Gags, dann aber wieder gedehnte Passagen, die fast Langeweile aufkommen liessen. Das habe ich noch nie bei den “Meistersingern” erlebt. Besonders ärgerlich fand ich die Deutschtümelei.

Wagner-Büste, Foto: Renate Feyerbacher

Premierendebakel “Tannhäuser”

Premiere hatte in diesem Jahr der “Tannhäuser” von Sebastian Baumgarten. Ich habe ihn am Radio gehört – sängerisch Stadttheaterniveau. Nur Michael Nagy, der zum Ensemble der Oper Frankfurt gehört, gefiel als Wolfram. Der Chor war einmalig. Immerhin dirigierte Thomas Hengelbrock sehr einfallsreich das Werk. Überzeugendes kam aus dem Orchestergraben, während auf der Bühne das Chaos geherrscht haben muss. Bayreuth erlebte ein gnadenloses BUH-Konzert. Kusine Nike Wagner, Tochter von Wieland Wagner, die das Kunstfest Weimar leitet, plädierte sogar für eine Absetzung dieser Inszenierung.

Warum nach Bayreuth fahren, wenn es an anderen Theatern kompetentere Wagner-Aufführungen gibt, so kann man sich fragen. Woher kommt dieser Mythos?

Weil alle Welt glaube, dass nur in Bayreuth Wagners Opern wirklich erlebt werden können – so sieht es Konrad Beikircher, Kabarettist und Wagner-Kenner. Und als einen Grund nennt er: “… dass kein Komponisten-Clan so virtuos und effektiv an den eigenen Legenden gestrickt hat wie der wagnersche.” Er spottet, dass die Fans alles in Kauf nähmen: die unbequemen Sitze, die unerträglichen Catering-Zelte, in denen es nach Weisswürsten und Kaviar rieche. Die Bratwürstchen schmecken dennoch lecker, und Beikircher outet sich als Wagner-Fan und Bayreuth-Pilger, der gerne an dem “Wave-Gothic Treffen à la Wagner” teilnimmt. “Er (der Mythos) funktioniert auch, weil Bayreuth den Geruch des Authentischen hat, dass man sich ihm kaum verweigern kann” (zitiert nach ARTE Magazin 8.2011).

Festspielhaus Bayreuth, Zuschauerraum, Foto: Josef Lehmkuhl/wikimedia commons GFDL

Ich bin mir da nicht so sicher. Der Mythos könnte mit schlechten Inszenierungen, mit weniger guten Sängern bröckeln. Früher war Jahr für Jahr immer die erste Sängergarde in Bayreuth anzutreffen. 2011 verliehen wenigstens Annette Dasch und Klaus Florian Vogt im “Lohengrin” und Simon O‘Neill als Parsifal den Festspielen etwas Glanz.


Stefan Mickisch, Fotos: Renate Feyerbacher

Seit 1998 hält der Musikwissenschaftler und Pianist Stefan Mickisch in der Zeit von 10.30 Uhr bis 12 Uhr einen Einführungsvortrag im Evangelischen Gemeindehaus. Zu den “Meistersingern” habe ich es nicht schaffen können, mir dafür aber den “Tannhäuser” angehört. Humorvoll, unakademisch interpretiert er den Inhalt, vor allem aber zeigt er musikalische Querverbindungen auf. Bei welchem Kollegen hat Wagner sich Töne ausgeliehen? Das ist wirklich spannend zu hören. Stefan Mickisch ist in Bayreuth Kult, aber nicht nur in Bayreuth, sondern auch in Wien, in Bonn, in München und und und. Seine Gesprächskonzerte auch zu Richard Strauss, zu Beethoven und anderen Komponisten gibt es auch auf CD. Nächstes Jahr wird der gebürtige Oberpfälzer wieder in Bayreuth aktiv sein.

Spaziergänge in einer interessanten und schönen Stadt

Ein Bayreuth-Besuch erschöpft sich nicht im Besuch der Festspiele. Es lohnt sich, das barocke Markgräfliche Opernhaus zu besuchen, das noch bis Ende September 2012 besichtigt werden kann. Danach beginnt eine jahrelange Renovierung.


Markgräfliches Opernhaus Bayreuth, Foto: Renate Feyerbacher

Die Bayreuther hoffen, dass dieses Kleinod bald ins UNESCO-Welterbe aufgenommen wird.

Markgräfin Wilhelmine, preussische Prinzessin und Lieblingsschwester Friedrichs des Grossen, war eine der bedeutendsten Frauengestalten im Deutschland des 18. Jahrhunderts. Sie machte aus der Residenzstadt Bayreuth eine strahlende Kulturmetropole. Sie liess das Opernhaus erbauen und nahm Einfluss auf die Architektur und Gestaltung der Eremitage und des Neuen Schlosses.

Friederike Sophie Wilhelmine Prinzesssin von Preussen, Gemälde aus dem Umkreis des preussischen Hofmalers Antoine Pesne (1683 bis 1757)/wikimedia commons

Wagner, Franz Liszt und Jean Paul, das sind die bedeutenden Männer Bayreuths. Der Schriftsteller Jean Paul (1763 bis 1825) lebte 21 Jahre lang bis zu seinem Tod hier und band die Stadt immer wieder in seine Romane ein. Wertvolle Handschriften und Dokumente beherbergt das Jean-Paul-Museum, das heute im ehemaligen Haus der Wagner-Tochter Eva und ihres Mannes Houston Stewart Chamberlain (1855 bis 1927) untergebracht ist. Der in England geborene Schriftsteller war ein glühender Hitlerbewunderer.

Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen den Schlössern Eremitage und Fantaisie vergisst man die Enttäuschung, die einem auf dem Grünen Hügel beschert wurde.

Du liebes Baireut, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend dargeboten, man sollte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können.”
Jean Paul