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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Musik' Category

“L’Étoile”: Opéra bouffe von Emmanuel Chabrier an der Oper Frankfurt

Samstag, 15. Oktober 2011

Musik: vital, elegant –
Libretto: skurril, grotesk, aktuell

von Renate Feyerbacher

Immer wieder sind Stücke von Emmanuel Chabrier im Radio zu hören. Ein französischer Komponist, schöne Musik, klassisch-leicht. Wer war dieser Komponist?

Die Erstaufführung von “L’Ètoile” – Der Stern – am hiesigen Opernhaus macht ihn bekannt.

Ein fleissiger Beamter und genialer Komponist

Emmanuel Chabrier (1841 bis 1894) war Jurist und arbeitete bis zu seinem 39. Lebensjahr im französischen Innenministerium. Aber schon früh hatte er auch Musik studiert, allerdings nicht am Pariser Konservatorium wie die anderen grossen Komponisten des Landes. Und er spielte gut Klavier, obwohl er kleine, dicke Finger hatte. Er bewunderte Wagners Werke und reiste zu Aufführungsorten seiner Opern, auch nach Bayreuth.

Er war Freund der Impressionisten, die ihn in Gemälden verewigten (Edouard Manet, Edgar Degas, der Realist Henri Fantin-Latour, Édouard Detaille), nicht weil er schön war. Im Gegenteil: Chabrier war klein, beleibt und gedrungen, aber er war witzig, humorvoll. Ein Mensch, der die Aktenberge vergass und im Café zum Mittelpunkt wurde. Ein sogenannter Bonvivant, ein Lebemann, der Essen und Trinken und schöne Frauen schätzte.

Seine Komponisten-Kollegen (Claude Debussy, Maurice Ravel, Eric Satie und Francis Poulenc und sogar Igor Strawinsky) huldigten ihm.

L’Étoile” – nicht nur ein astrologischer Spass

Mit dieser Opéra bouffe, die 1877 im Théâtre des Bouffes-Parisiens uraufgeführt wurde, in dem auch Offenbachs Operetten gespielt wurden, konnte Chabrier einen ersten grossen Erfolg verbuchen. Da war er noch Justizangestellter. Drei Jahre später quittierte er den Dienst, verschrieb sich ganz der Musik und verdiente sein Geld als Chordirigent, als Korrepetitor und als Sekretär einer Konzertgesellschaft.

Dramaturg Zsolt Horpácsy hält “L’Étoile” für “eines der originellsten Beispiele der Belle Époque”. Es ist jene Zeit, die nach dem deutsch-französischen Krieg (1870/71) begann. Es herrschte Frieden. Aber die “Schöne Epoche” in Europa war natürlich nur für bestimmte Kreise schön, für das mittlere und gehobene Bürgertum. Die Kultur erlebte einen grossen Aufschwung. In den Cafés, Ateliers, Salons trafen sich die Künstler. 1914 endete diese Friedenszeit mit den 1. Weltkrieg.

Christophe Mortagne (König Ouf I., auf dem Sessel sitzend) sowie Tänzer und Chor der Oper Frankfurt; Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Eine Zeit, in der sich der Bonvivant Emmanuel Chabrier gut entfalten konnte. Mit seiner Opéra bouffe traf er den Geschmack der Zeit mehr inhaltlich als musikalisch. Die Textvorlage begeisterte. 47 Vorstellungen gab es in Paris.

Der lebens- und liebeslustige Inhalt beflügelte die Fantasie der Zuschauer, die in Moralvorstellungen gefestigt schienen. “Ist man verliebt, ja hilft es dann, sich den Kopf zu zermartern über eine Lapalie namens Ehemann? … ein Ehemann, der stört nicht” (2. Akt). Seitensprung oder mehrere Liebschaften, c’est la vie.

Auch politisch wird alles ganz locker gehandhabt.

König Ouf I., ein grausamer Verrückter, von denen es auch in der neueren Geschichte einige gab, feiert jedes Jahr seinen Namenstag mit einer Hinrichtung. Aber ein Kandidat fehlt und Ouf begibt sich inkognito unter die Bürger, um ein Opfer zu finden.

Christophe Mortagne (König Ouf I. und Simon Bailey (Siroco; im Hintergrund); Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Er provoziert zunächst erfolglos, dann gerät er an den Strassenhändler Lazuli. Dieser hat soeben seine grosse Liebe in spe, Prinzessin Laoula, gesichtet, die verkleidet zum Hof des Königs reist, um Ouf zu heiraten. Aber Fürst Hérisson de Porc-Epic trennt das Paar, das sofort turtelt, und gibt Laoula als seine Frau aus.

Stinksauer lässt Lazuli seine Wut an König Ouf aus, indem er ihn sogar ohrfeigt. Nun hat der Herrscher sein Opfer. Sofort wird Lazuli verhaftet.

Nun kommt das Horoskop ins Spiel, der Stern, der eines jeden Schicksal leiten soll.

Natürlich hat Ouf eine astrologische Abteilung, verkörpert durch Siroco. Der rät dringend von der Hinrichtung ab, weil Oufs und Lazulis Sterne verbunden sind. Stirbt der eine, so wird ihm der andere einen Tag später folgen. Und Siroco hat ein Eigeninteresse, den König von der Hinrichtung abzuhalten. Denn er selbst darf nur eine Viertelstunde den König überleben. So ist es testamentarisch festgelegt.

Aber wie bekannt: Horoskope sind ohne Garantie.

Simon Bailey (Siroco), Paula Murrihy (Lazuli), Juanita Lascarro (Prinzessin Laoula) und Christophe Mortagne (König Ouf I.); Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

L’Étoile” – ein musikalisches Meisterwerk

Chabrier war ein Dilettant in Sachen Komponieren. Manchmal glaubt man Offenbach zu hören, aber diese Einschätzung vergeht schnell. Seine Musik ist viel komplizierter, weshalb die Orchestermitglieder des Théâtre des Bouffes damals rebellierten. Es war üblich, mit etwa sechs Proben das Stück im Griff zu haben. Chabrier: “Ich habe es so einfach gemacht, wie ich konnte” (zitiert nach Programmheft S. 6).

Verschiedene Stilelemente, Melodien mit Schwung, poetische, anrührende, sentimentale Romanzen bietet die Musik. Dazwischen gibt es, wie in der Operette üblich, Textpartien. Aber allein Lazuli hat vier Soli, in denen er sich vorstellt, seinen Stern besingt, triumphiert, als er Laoula heiraten darf, und schliesslich die Ehemänner verspottet, die kaum ein Hindernis sind im Liebesduell.

Geradezu anrührend das Duett von Siroco und König Ouf, das dem Chartreuse verte huldigt. Denn die Zwei scheinen ja kurz vor ihrem Tod zu stehen, weil Lazuli als tot gilt. Das bedeutet laut Horoskop auch für sie: Tod. Die übergrosse Digitaluhr, die beide, Herrscher und Astrologe, manipuliert haben, tickt unermüdlich weiter. Nun ja, das Horoskop hat gesponnen, alles wird gut. Nichts geht in Erfüllung, was Siroco vorhersagte.

Michael McCown (Fürst Hérisson de Porc-Epic), Simon Bailey (Siroco) und Christophe Mortagne (König Ouf I.); Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Dirigent Henrik Nánási, der zukünftige Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin, hat die “Ausgelassenheit und Leichtigkeit und auch ihre Frivolität”, wie er die Musik beschreibt, mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester ironisch fein, gekonnt und vital umgesetzt. Schöne Musik konnte entdeckt werden. Und auch dem Chor, den Michael Clark einstudierte, gehört volles Lob.

So verrückt im guten Sinne wie der Inhalt ist die Inszenierung. Kein Moment kommt Langeweile auf. Ununterbrochen bietet der amerikanische Regisseur David Alden einen neuen Einfall, der manchmal ausufert, sich aber vom Klamauk fern hält. Ideenreich bindet er die witzigen, spritzigen Choreografien von Beate Vollack ein. Das Bühnenbild, das sich später als Flughafenhalle entpuppt, und die Kostüme von Gideon Davey erfreuen durch Vielfalt. Gelungen das exklusiv eingerichtete Zimmer mit poppigem, wandfüllendem Bild des Königs, mit schwarz gekachelter Nasszelle nebst Prunkbett, in dem Ouf noch schnell vor dem Tod ein Kind zeugen will.

David Alden hat grossartige Interpreten zur Verfügung: allen voran Christophe Mortagne als Jönig Ouf I. Ein Multitalent, das einmal Mitglied der berühmten Comédie Française war. Der in Paris ausgebildete Tenor debütiert im kommenden Frühjahr an der Metropolitan Opera New York und wenig später an der Mailänder Scala. Quirlig, unglaublich verschlagen ist dieser Typ.

Paula Murrihy (Lazuli) und im Hintergrund Tänzerinnen; Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Die irische Mezzosopranistin Paula Murrihy singt die diffizil ausgearbeitete Hosenrolle, den Lazuli. Lebendig ist ihr Spiel und anmutig ihr Gesang.

Simon Bailey als Siroco ist nicht wiederzuerkennen. Falstaff-ähnlich wurde er verändert. Sein ausgewogener Bariton kommt nur im Chartreuse-Duett zur Geltung. Auch die anderen Sängerinnen und Sänger gefallen.

Die Oper Frankfurt, die erneut zur “Oper des Jahres” gekürt wurde, die das beste Orchester und den “Sänger des Jahres” im Ensemble hat, nämlich Johannes Martin Kränzle, ist kein Haus für Operettenseligkeit. Emmanuel Chabriers “L’Étoile” hat damit auch nichts zu tun, insofern gehört dieses Werk auch hierher.

Paula Murrihy (Lazuli, links in schwarz-goldenem Morgenmantel) sowie Tänzer und Chor der Oper Frankfurt; Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Weitere Aufführungen am 15., 21., 23. (15 und 20 Uhr), am 9. und 12. November 2011.

 

“Metanoia – über das Denken hinaus”

Montag, 27. Dezember 2010

Opernprojekt von Jens Joneleit an der Berliner Staatsoper -
Christoph Schlingensiefs letzte Arbeit

Ich kann heulen, solange es Menschen gibt”

Betrachtungen von Renate Feyerbacher

Vorspann: Die Staatsoper unter den Linden hat mit Beginn dieser Spielzeit ein Ausweichquartier bezogen. Es ist das Schiller-Theater, das legendäre Schauspielhaus, an dem Regisseure wie Gustaf Gründgens, Fritz Kortner, Peter Zadek, George Tabori und Hans Neuenfels unvergessliche Theaterabende schufen. Hier spielten Bernhard Minetti, Sabine Sinjen, Katharina Thalbach und viele andere Schauspielgrössen. Protest gab es, als der Senat die grösste deutsche Sprechbühne aus finanziellen Gründen schliessen liess. Das war vor 17 Jahren. Derzeit gibt es den Protest und Kampf beim Deutschen Theater in Hamburg. Drei Jahre lang wird sich die Staatsoper nun im Schiller-Theater einrichten müssen. Der schöne Bau hat sich aber schon bewährt.

Metanoia” – ein Schlingensief-Projekt über mehr als zwei Jahre

An einem Tag im Januar 2008 bekommt Christoph Schlingensief die erste Diagnose: Lungenkrebs. Zufällig trifft er noch am gleichen Tag Daniel Barenboim, den Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper. Ihm erzählt er als einem der Ersten von seiner Krankheit. Der Dirigent hatte dem jungen Komponisten Jens Joneleit einen Kompositionsauftrag gegeben. Aber bisher fehlt das Libretto, und Barenboim versucht in diesem intimen Gespräch, Schlingensief für diese Arbeit zu gewinnen. Dieser sagt nach einigem Zögern auch zu und entscheidet sich für Friedrich Nietzsches Text “Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik”. Seine Krankheit macht das Schreiben eines Librettos unmöglich. Sein Freund, der 1962 im hessischen Friedberg geborene Dramatiker René Pollesch, schafft die Grundlage für ein Libretto: “Ich habe dann die ersten zwanzig Seiten von dem Nietzsche mit Texten von mir beballert, ohne aber beim Nietzsche etwas zu streichen.” Das Libretto schreiben schliesslich Jens Joneleit und Jens Schroth. Kein leichtes Unterfangen.

Christoph Schlingensief am 5. Oktober 2009 im Schauspiel Frankfurt; Foto: © Renate Feyerbacher

Die Oper sollte in einer Landschaft aus überlebensgross nachgebauten menschlichen Organen stattfinden und auch die Sängerdarsteller sollten Körperteile, Organe, Zellen, Parasiten, Eindringlinge sein, die in diesem Körper ein Eigenleben führen. Das passte für ihn (Schlingensief) zum Libretto, in dem es zum Beispiel heisst: ‘Sei doch froh, endlich mal einen Körper vor dir zu haben, der nicht vom Bewusstsein regiert wird. Hier macht eben jedes Organ, was es will. Das ist Evolution’.“ So steht es auf dem Zettel, der dem Programmheft beiliegt. Mehr war von der Schlingensiefschen Intention nicht bekannt.

Bühnenbilder werden angefertigt und im März gibt es die erste Stellprobe. Am 21. August 2010 stirbt Christoph Schlingensief, zwei Tage vor dem Probenbeginn in Berlin.

Bildung eines “kopflosen” Produktionsteams

Zu diesem “kopflosen” (so nennt es sich selbst) Team gehören unter anderen Aino Laberenz, die Witwe Schlingensiefs, Kostümbildnerin, die seit 2004 zu seinem Team gehörte, die Sängerinnen Annette Dasch, Anna Prohaska, Daniel Barenboim, der Schauspieler Martin Wuttke und der Dramaturg Carl Hegemann. Er war schon an Schlingensiefs “Parsifal” in Bayreuth und am “Fliegenden Holländer” im brasilianischen Urwald, in Manaus, dabei. “Die Gemeinschaftsarbeit könnte als ein Dokument des Fehlens und gleichzeitig auch der Anwesenheit (Schlingensiefs) verstanden werden,” so schreibt die Gruppe.

SOPRAN Anette Dasch, BASSBARITON Daniel Schmutzhard, CHARAKTERTENOR Graham Clark

Es wird kein nachgemachter Schlingensief. Das ist gut so. Herausgekommen ist allerdings eine statische Realisierung. Es fehlt Schlingensiefs Lebensinput. Man könnte sich vorstellen, dass bei ihm die Mitglieder des Chores in den Bühnenorganen herumgewuselt wären. So stehen sie in ihren gelben Ganzkörperanzügen nur an der Bühnenrampe, marschieren im Gänsemarsch ein und aus.

BASS Alfred Reiter, SCHAUSPIELER Martin Wuttke, SOPRAN Annette Dasch, BASSBARITON Daniel Schmutzhard, KOLORATURSOPRAN Rinnat Moriah, CHARAKTERTENOR Graham Clark

Auch die fünf Sängerinnen und Sänger positionieren sich so. Zwischendurch mal ein kleiner Gang ins Publikum. Und im Hintergrund laufen Video-Produktionen von Schlingensief und Texte. Entstanden ist quasi eine konzertante, sich widersprechende Inszenierung, die dem sich widersprechenden Text manchmal entspricht.

SCHAUSPIELER Martin Wuttke

Die Oper: Text und Musik

Metanoia bedeutet lateinisch: Busse, Reue (katholischer Aspekt), griechisch: Umdenken, Umkehr des Denkens, Sinnesänderung (protestantischer Aspekt).

Letzteres ist wohl gemeint. Es gibt keinen Erzählstrang, keine fest umrissenen Charaktere. Es gibt Standpunkte, über die verhandelt, debattiert wird.

“Es geht um Veränderung, nicht gleich der Gesellschaft, das wäre doch zuviel verlangt, aber doch um Veränderung von Wahrnehmungen, von Sicht- und Hörweisen, von Verständnis im weitesten Sinn, das mehr oder weniger eingefahren ist,” schreibt Jens Joneleit. “Es geht um Einheit, um Leben, Liebe und den Tod.”

BASS Alfred Reiter, SCHAUSPIELER Martin Wuttke, SOPRAN Annette Dasch, BASSBARITON Daniel Schmutzhard, KOLORATURSOPRAN Rinnat Moriah, CHARAKTERTENOR Graham Clark

Es wird vom Zuschauer / Zuhörer viel verlangt. Die Texte sind eben von Pollesch beballerte Nietzsche-Sätze, die in Übertiteln eingeblendet werden. Es geht um “Verdunkelung. Die Geburt. Gegenwart der Tragödie”. Philosophievorlesung. Von einem Libretto kann nicht geredet werden. Es ist eine Aneinanderreihung philosophischer und pseudophilosophischer Positionen. “Ich kann heulen, solange es Menschen gibt,” singen sie.

Annette Dasch

Die Musik von Jens Joneleit, geboren 1968 in Offenbach, mittlerweile vielfach ausgezeichnet, hat faszinierende Momente. Sie ist eruptiv. Sie begleitet vorzüglich den Gesang, der durch Annette Dasch, Daniel Schmutzhard, Graham Clark, Alfred Reiter und Anna Prohaska überzeugend übermittelt wird. Die Textpassagen spricht Martin Wuttke, der an allen grossen deutschen Bühnen spielt, der zuletzt in Quentin Tarantinos Film “Inglorious Bastards” mitwirkte.

Da gibt es eindrucksvolle instrumentale Solopassagen. Daniel Barenboim wird am Ende für die grossartige Orchesterführung bejubelt, ebenso der Komponist. Es gefällt, dass der Generalmusikdirektor alle Musiker beim Schlussapplaus auf der Bühne um sich schart und sie so der Orchestergraben-Vergessenheit entreisst.

“Metanoia” an der Berliner Staatsoper wird in dieser Spielzeit erst wieder am 2. und 5. Juli 2011 aufgeführt.

BASS Alfred Reiter, SOPRAN Annette Dasch, BASSBARITION Daniel Schmutzhard, CHARAKTERTENOR Graham Clark, STAATSOPERNCHOR

Bildnachweis (ausser Schlingensief-Porträt): Staatsoper im Schiller-Theater Berlin, Fotos © Monika Rittershaus

“Siegfried” von Richard Wagner an der Oper Frankfurt

Sonntag, 6. November 2011

Zweiter Tag des Bühnenfestspiels “Der Ring des Nibelungen”

Von Renate Feyerbacher

Fotos: Monika Rittershaus /Oper Frankfurt und Renate Feyerbacher

Wieder ist sie die Nummer 1, die Oper Frankfurt.

Mit diesem Auszeichnungsschub im Rücken geht es weiter mit dem Frankfurter Nibelungen-Projekt.

“Siegfried”, der dritte Teil der Opern -Tetralogie von Richard Wagner (1813 bis 1883), hatte nach “Das Rheingold” und “Die Walküre” Premiere. Die Begeisterung des Publikums ist ungebrochen.

Was war zuletzt los in der “Walküre”?

Siegmund musste auf Wotans Geheiss im Kampf sterben, ebenso Sieglinde, seine Frau und Schwester, nach der Geburt ihres Sohnes Siegfried. Sie vertraut das Neugeborene Mime an. Er nimmt auch Siegmunds zertrümmertes Schwert an sich.

Brünnhilde, Wotans und Erdas Tochter, wird wegen Ungehorsams von ihrem Vater bestraft. Er nimmt ihr die Göttlichkeit und versetzt sie in tiefen Schlaf. Damit niemand an sie herankommt, lässt Wotan den Fels von Feuer umgeben. “Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie!”

Lance Ryan (Siegfried; vorne) und Peter Marsh (Mime; hinten) © Monika Rittershaus

Wenigstens hat Brünnhilde, seine Lieblingstochter, erreicht, dass es ein Held sein soll, der sie befreit. Da hofft sie schon auf Siegfried.

Wer von den Zuschauern denkt da nicht an Dornröschen?

Ungestümes, trauriges Kind

Wotans Enkel, Siegfried, beherrscht fast viereinhalb Stunden das Operngeschehen.

Mime, der hinterlistige Zwerg, will ihm weissmachen, er sei der Vater. Auf Siegfrieds Frage: “Wo hast du nun, Mime, dein minniges Weibchen, dass ich es Mutter nenne?” antwortet Mime: “Ich bin dir Vater und Mutter zugleich.”

Mime sieht sich schliesslich gezwungen, Siegfrieds Herkunft zu offenbaren. Aber die Fragen, wo komme ich her, wer sind meine Eltern, wie sahen sie aus, beschäftigen ihn weiterhin.

Lance Ryan (Siegfried) und Susan Bullock (Brünnhilde) © Monika Rittershaus

Im Zweiten Aufzug sinniert der junge Held: “Ach! Möchte ich Sohn meine Mutter sehn! – Meine – Mutter! Ein Menschenweib!” Und er fragt bange: “Sterben die Menschenmütter an ihren Söhnen alle dahin?”

Bei der Befreiung von Brünnhilde im Dritten Aufzug ruft er, als er erkennt, dass es eine Frau ist: “Wen ruf ich zum Heil, dass er mir helfe?- Mutter! Mutter! Gedenke mein’!” und später “Wie ist mir Feigem? – Ist es das Fürchten? – O Mutter! Mutter Dein mutiges Kind!”

Dieser ungestüme Held, der selbst Wotan beleidigt, der tötet, fühlt sich verlassen. Die Psychologen kennen dieses Verhalten von Kindern, die nicht wissen, wer ihre Eltern sind. Sie leiden darunter oft ein Leben lang. Das ist ein Aspekt, der in der Inszenierung von Regisseurin Vera Nemirova deutlich wird.

Überhaupt die menschlichen Momente, die Verhaltensweisen der Agierenden kommen stark zutage. In dem Wanderer Wotan ist nichts Göttliches zu erkennen.

Wie ein Geck bewegt er sich manchmal über die Bühne. Siegfried ist ein jugendlicher Haudegen, ein ungezogener Bursche. Wen wundert es bei diesem hinterhältigen, lügnerischen, nur an seinen Vorteil denkendes Erzieher-Vorbild Mime.

In “Siegfried” geht es auch wieder um Macht, um Reichtum und um die Natur: Feuer, Luft, Wasser, Erde.

Lance Ryan (Siegfried) © Monika Rittershaus

Siegfried kennt und liebt die Natur, hört die Waldvögel, versteht sogar deren Sprache, als er den – später in einen Drachen verwandelten – Riesen Fafner, der im Besitz des Rheingoldes, der Tarnkappe und des Rings ist, getötet hatte. Möglich wurde das, als dessen Blut zufällig auf seine Zunge geriet.

Siegfried kennt nicht die Machenschaften von Mime, Alberich, Fafner und Wotan.

Mime tötet er, weil er vom Waldvogel erfuhr, dass dieser ihn vergiften will. Fafner tötet er, weil Mime es ihm einredete, um an die Schätze zu gelangen, deren Wert Siegfried nicht kannte. Er tötet nicht “willkürlich”.

Märchen und Mythos

“Nur, wer das Fürchten nicht erfuhr, schmiedet Nothung neu”, so hatte der Wanderer, der inkognito umherziehende Gott Wotan, im Gespräch mit Mime gesagt.

Terje Stensvold (Der Wanderer; stehend) und Peter Marsh (Mime; sitzend) © Monika Rittershaus

Nothung war Siegmunds Schwert, das nur Siegfried, der Furchtlose, neu schmieden kann und mit dem er siegreich sein würde. Mime denkt, dass sein Ziehsohn im Kampf mit dem Riesen Fafner das Fürchten lernen würde. Was nicht geschieht. Ihm fehlt das Gen, die Angst wahrzunehmen. Nach Siegfrieds eigenem Bekunden hat erst Brünnhilde ihn das Fürchten gelehrt. “Im Schlafe liegt eine Frau: – die hat ihn das Fürchten gelehrt!”

Man denkt an “Das Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen” aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Jacob  und Wilhelm Grimm (1785 bis 1863 bzw. 1786 bis 1859). Der 1. Band erschien 1812, der 2. Band 1815.

Siegfried ist auch so ein Märchenheld, der auszog.

Märchen und Mythos gehen in einander über. War es der Bruch, der Übergang, den Wagner zunächst weder textlich noch musikalisch zu realisieren wusste?

Lance Ryan (Siegfried) und Magnús Baldvinsson (Fafner; liegend) © Monika Rittershaus

Warum Richard Wagner die Kompositionsarbeit an “Siegfried” unterbrach und sie erst nach zwölf Jahren wieder aufnahm, ist ungewiss. Er brach sie ab im zweiten Akt. “Ich habe meinen jungen Siegfried noch in die schöne Waldeinsamkeit geleitet; dort hab ich ihn unter der Linde gelassen”, schreibt er 1857.

Hat er deshalb resigniert, weil er die Einsicht hatte, dass der dritte Akt, “der Übergang vom Märchen zum Mythos, die Vorstellung eines populären und in sich geschlossenen Werkes durchkreuzte”? Das vermutet Carl Dahlhaus (Richard Wagners Musikdramen, Velber 1971 – zitiert aus “Zwischen Märchen und Mythos”, Programmheft Siegfried der Oper Frankfurt).

Aus Notizen Wagners geht hervor, dass er ein populäres Werk schaffen wollte, das schnell die Opernbühnen eroberte. Tatsächlich wurde “Siegfried” niemals so populär wie die beiden ersten Teile des “Rings”.

Alles in allem hat sich der Komponist 26 Jahre lang mit dem Nibelungenprojekt beschäftigt.

Streitgespräche

In “Siegfried” geht es nicht so turbulent zu wie in “Rheingold” und “Walküre”.

Es werden manchmal lange Gespräche geführt: zwischen Mime und dem Wanderer (Wotan); nur, wenn Siegfried erscheint, wird es lebendig im Ersten Aufzug.

Im Zweiten begegnet Alberich, der Nibelung, dem Wanderer. Schnell erkennt er in ihm den verhassten Wotan, der ihn um das Rheingold und den Ring erpresste, das er selbst den Rheintöchtern gestohlen hatte.

Jochen Schmeckenbecher (Alberich) und Terje Stensvold (Der Wanderer) © Monika Rittershaus

Mime führt Siegfried zur Höhle Fafners. Der junge Haudegen provoziert den Drachen-Riesen so lange, bis dieser seine Höhle verlässt, und tötet ihn. Sein Blut brennt Siegfried auf der Hand, die er unwillkürlich zum Mund führt. Plötzlich versteht er die Sprache des Waldvogels, der ihn leitet, vor Mime warnt und schliesslich zu Brünnhilde führen wird.

Packend das Streitgespräch der Brüder Mime und Alberich, die sich hassen. Jeder hofft, Siegfried die Beute abzuluchsen. Alberich: “schlimmer Gesell” – Mime: “verfluchter Bruder”. Alberich: “nimmer erringst du Rüpel den Herrscherreif”. Mime: “Gegen dich ruf‘ ich Siegfried zu Rat und des Recken Schwert: der rasche Held, der richte, Brüderchen, dich!” Ausgerechnet den will er zu Hilfe rufen.

Kurz darauf nähert er sich widerlich-zudringlich Siegfried, den er vergiften will. Auf seinem beweglichen Küchenwagen mixt er den Gifttrank. Siegfried, der von dem Anschlag weiss, tötet ihn.

Meredith Arwady (Erda) und Terje Stensvold (Der Wanderer) © Monika Rittershaus

Im Dritten Aufzug sucht Wotan Göttin Erda auf, die er aus tiefem Schlaf erweckt. Er will wissen, wie er das Schicksal der Götter wenden kann. In “Rheingold” hatte sie ihn beschworen: “Ein düstrer Tag dämmert den Göttern: dir rat ich, meide den Ring!”

Die Götterdämmerung ist nah.

Sie ist unwillig, will ihm nicht raten, weist ihn ab und als sie, die Mutter von Brünnhilde, hört, was er mit der gemeinsamen Tochter gemacht hat, ist sie wütend und versinkt wieder in Schlaf.

Dann folgt der Dialog zwischen Wotan und Siegfried, der in ihm den Feind seines Vaters wähnt. Er zerschlägt ihm den Speer, mit dem er ihm den Weg versperrt hatte. Der Weg zu Brünnhilde ist frei.

Siegfried überwindet den Feuerring und erweckt die Schlafende durch einen Kuss, zu dem er sich, der keine Frau kennt, aufraffen muss.

Lance Ryan (Siegfried) und Susan Bullock (Brünnhilde) © Monika Rittershaus

Dann gibt es ein quälendes Gespräch der beiden. Brünnhilde: “Lass, ach lass! Lasse von mir!”, fleht die Walküre. Er später: “Lebe und lache, süsseste Lust! Sei mein! Sei mein! Sei mein!” Schliesslich widersteht sie ihm nicht mehr, die, die sie von jeher sein war.

Und dann ein Happy End mit Einschränkung: “Leuchtende Liebe, lachender Tod”, singen sie beide, als sie sich in die Arme fallen. Die “Götterdämmerung” wird folgen.

Bewährtes Team – immer wiederkehrendes Bühnenbild

In der “Walküre” senkte sich der Feuerring um den Fels, auf dem Brünnhilde liegt. Am Schluss des Dritten Aufzugs entschwebt der Feuerring langsam in den Bühnenhimmel. Das ist wieder beeindruckend.

Es wird auf derselben Scheibe gespielt. Man hätte sich den Bühnenbildner sparen können, scherzt Intendant Bernd Loebe auf der Premierenfeier. Keinesfalls. Jens Kilian hat sich neue Variationen der Bühnenscheibe einfallen lassen. Wieder dabei: die Licht-und Videogestalter. Regie, Dramaturgie und Musikalische Leitung sind unverändert. Und die meisten der Sängerinnen und Sänger sind wieder mit von der Partie: Wotan, Alberich, Fafner, Erda, Brünnhilde. Dieses bewährte Sängerteam stärkt vor allem die Einheit des Projektes. Die Kontinuität hilft dem Zuschauer, der immer dabei sein will, die Zusammenhänge zu behalten.

Vera Nemirova (Regie), Sebastian Weigle (Musikalische Leitung), Jens Kilian (Bühnenbild) bei der Premierenfeier, Foto: Renate Feyerbacher

Neu dabei ist Siegfried, der in der “Walküre” noch nicht existiert. Neu besetzt ist Mime mit Peter Marsh, der seit 1998 dem Ensemble angehört und mittlerweile international unterwegs ist. Eine Meisterleistung sängerisch wie schauspielerisch.

Heldentenor Lance Ryan debütierte in der letzten Saison an der Oper Frankfurt. Der Kanadier ist weltweit gefragt in dieser Rolle, und Intendant Loebe, mit seinem untrüglichen Gespür für Stimmen, hatte früh bei ihm angefragt und ihn als Siegfried engagiert. Die Staatsoper Berlin, die Mailänder Scala, die Münchner Staatsoper und die Bayreuther Festspiele, sie alle ziehen erst nach.

Zunächst singt er fast ruppig, manchmal schreiend, das ist wohl Absicht, ein ungehobelter Bursche, dann steigert er sich nach und nach zum Helden – melodisch und lyrisch. Eine grossartige Leistung.

Bei der Premiere frenetisch gefeiert wurde Terje Stensvold als Wanderer (Wotan).

Zu Recht: er war der Wotan schlechthin, exzellent. Manchmal dachte ich sogar an George London (1920 bis 1985), den berühmten Wotan in Bayreuth und auf allen grossen Bühnen der Welt, den ich als Einundzwanzigjährige 1962 in dieser Rolle an der Oper Köln gehört hatte.

Terje Stensvold bei der Premierenfeier, Foto: Renate Feyerbacher

Auch Jochen Schmeckenbecher als Alberich und Magnús Baldvinsson als Fafner (im Körperwelten-Kostüm) überzeugen in ihren verschiedenen Bass-Partien.

Susan Bullock als Brünnhilde, überzeugend in der “Walküre”, gefällt nicht immer, und Meredith Arwady als Erda kann ihren Auftritt im “Rheingold” nicht wiederholen. Sie ist kaum zu verstehen im seitlichen Rang, was ihrem Langhaarkostüm zu schulden ist.

Psychologisch differenziert gestaltet Regisseurin Vera Nemirova die Figuren. Mime lässt sie als schmuddeligen, tölpelhaften, Kapuzenshirt und Küchentuch tragenden, bebrillten, seinen Küchenwagen schiebenden Nibelung auftreten. Hinterhältig schleicht er sich an Siegfried heran, der mit blonder Haarmähne mal im Bärenfell, mal im Helden-Outfit, mal im Pelzumhang seines Vaters zunächst frech, respektlos, gewalttätig, sich zum liebenden Helden entwickelt.

Den Waldvogel lässt sie nicht nur stimmlich (Robin Johannsen) hören, sondern in Person von Alan Barnes auftreten. Der ehemalige Forsythe-Tänzer, heute Choreograph, Tänzer und Regieassistent an der Oper, federte über die Bühne. Ein hübscher Einfall, der auch die enge Verbindung Siegfrieds zur Natur symbolisiert.

Alan Barnes (Der Waldvogel) und Lance Ryan (Siegfried) © Monika Rittershaus

Ansonsten sind die Aktionen auf der Bühne sparsam. Verschwenderisch werden sie in der Musik nachempfunden. Es ist grandios, was da zu hören ist. Die Forti sind hinreissend, die Pianos zart und lyrisch. Generalmusikdirektor Sebastian Weigle leitet das erneut ausgezeichnete Frankfurter Opern- und Museumsorchester (Orchester des Jahres). Und auch Sänger und Orchester harmonisieren eindrucksvoll.

Die nächsten Aufführungen von Richard Wagners “Siegfried” an der Oper Frankfurt sind am 11., 19. und 27. November sowie am 2. Dezember 2011. Beginn ist jeweils um 17 Uhr.

Der gesamte Zyklus “Der Ring des Nibelungen” wird im Juni 2012 aufgeführt.

⇒⇒⇒ Das Frankfurter Nibelungen-Projekt: Das Rheingold / Die Walküre

⇒⇒⇒ Götterdämmerung

“Teufelswerk Tango” – Hommage an Astor Piazzolla

Mittwoch, 31. März 2010

“Teufelswerk Tango“ – Hommage an Astor Piazzolla

Das Ensemble “Mi Loco Tango” -
die Frankfurter Erben

von Renate Feyerbacher

“Immer nur Tango, Tango”, so hat Astor Piazzolla (1921 bis 1992) gestöhnt. Sein Vater hörte diese Musik immer wieder im wirtschaftlichen Exil – das war in New York Mitte der zwanziger Jahre. Der Vater hatte Heimweh nach Argentinien. Der junge Astor mochte den Tango nicht, viel lieber den Jazz und die Musik von Johann Sebastian Bach. Aber er lernte dem Vater zuliebe Bandoneon spielen. Dieses um 1846 erstmals gebaute Harmonikainstrument mit bis zu 200 Tönen wurde um 1900 zum Soloinstrument bei den klassischen Tangoensembles Argentiniens. Als der junge Piazzolla 18 Jahre alt war, kehrte die Familie nach Buenos Aires zurück. Da hörte er zum ersten Mal eine neuartige Tangomusik. Dieses Ereignis wurde zu einem Schlüsselerlebnis. Damals hatte der Tango allerdings keinen guten Ruf. Es war die Musik der einfachen Leute, die Upper Class mied sie. Tango wurde in Kaschemmen, Kneipen und Bordellen gespielt. Das tat auch Astor Piazzolla.

Dann lernte er den Komponisten klassischer Musik Alberto Ginastera (1916 bis 1983) kennen und studierte ab1940 bei ihm. Er orientierte sich neu. 1954 bekam er ein Stipendium in Paris und lernte bei der Komponistin, Dirigentin und Musikpädagogin Nadia Boulanger (1887 bis 1979), zu deren Schülerkreis Aaron Copland, Philip Glass oder Igor Markevitch gehörten. Piazzolla schämte sich, ihr zu sagen, dass er Tango – und vor allem wo er ihn – gespielt hatte. Beim Durchblättern von Piazzollas ersten Kompositionen findet Nadia Boulanger zwar Einflüsse grosser moderner Komponisten, aber keine eigene Handschrift. Er spielt schliesslich einen Tango und die Lehrmeisterin schnauzt ihn an: “Du Idiot! Merkst Du nicht, dass dies der echte Piazzolla ist, nicht jener andere? … Dein Tango ist die neue Musik und sie ist ehrlich” (zitiert nach Eckhard Weber: “Astor Piazzolla – der Schöpfer des Tango Nuevo”).

Astor Piazzolla ist der Erneuerer des argentinischen Tangos, der Schöpfer des Tango Nuevo, der Elemente der neuen, klassischen Musik und des Jazz mit dem Tango, der ursprünglich ausschliesslich dem Tanz diente, verbindet. Hunderte von Tangos komponierte er, ausserdem Orchesterwerke, Kammer-, Film- und Tanzmusiken (u. a. für Pina Bausch) und die Oper “Maria de Buenos Aires”, die 1987 in Wien uraufgeführt wurde.

Immer wieder hat er Kompositionen Engeln und Teufeln gewidmet. “Del Diablo” und “Del Angel” heissen zwei der Zyklen, die nun von der Gruppe “Mi Loco Tango” eingespielt wurden.

M. Herrmann MLT-430

Das Ensemble “Mi Loco Tango”; Foto: Markus Herrmann

Zehn Jahre nach dem Tod des argentinischen Komponisten gründete sich 2002 in Frankfurt das Ensemble “Mi Loco Tango”. Zu diesem Quartett gehören Vassily Dück, geboren in Sibirien, er ist der Bajanist, die deutschen Musikerinnen Irina Bunn, Violine und Gitarre, Judith Herrmann, Piano und Keyboard, und der deutsch-französische Kontrabassist und Keyboarder Gregor Praml. Zunächst widmete sich das Ensemble ausschließlich dem Werk von Piazzolla mit dem Ziel der Neudefinition durch die Mitwirkenden.

Zwischenzeitlich haben sie sich auch der italienischen Filmmusik verschrieben – die Filmmusiken von Nino Rota und Ennio Morricone reizten sie. Für diese CD “Il Cinema: il Paradiso!” erhielt die Gruppe den 1. Preis in der Kategorie Filmmusik beim 32. Festival Internationale Fisharmonica in Italien. Aber zuvor bekamen sie den Weltmusikpreis “creole 2007″ und dann 2008 – bisheriger Preishöhepunkt in der Karriere des Ensembles – den Tangopreis “Libertango” beim 2. Astor Piazzolla Festival im italienischen Lanciano. Dessen Juryvorsitz hatte Laura Escalada-Piazzolla, die Witwe des Komponisten.

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CD-Cover “Del Diablo y del Angel”; © Franziska Harvey Illustration/Artwork; Foto: Renate Feyerbacher

“Del Diablo y del Angel” – von Teufeln und Engeln heisst die neue Produktion des Frankfurter Quartetts, das sich auf die Suche nach dem Diabolischen und Engelhaften in Piazzollas Musik gemacht hat. “In meiner Geschichte mischen sich Teufel und Engel … man muss von allem etwas haben”, bekannte der Komponist.

Die Zyklen “Del Diablo” und “Del Angel” werden nicht häufig gespielt, deshalb hat diese CD schon einen Seltenheitswert.

Allerdings beginnen die Musiker mit einem Piazzolla-Hit “Adios Nonino”, ein Stück, das er seinem Vater gewidmet hat. Ursprünglich war es für vier Akkordeons arrangiert. Alberto Mompellio, der italienische Arrangeur von “Mi Loco Tango”, massschneiderte eine neue Version für die Gruppe. Bestimmtheit vermittelt das Bandoneon mit seinen klaren Akkorden, das Klavier folgt ihm, dann Wehmut, die von Violine und Kontrabass übernommen werden.

Es folgen vier Stücke aus dem Zyklus “Del Angel”. Die “Introduccion al Angel” ist sanft, lässt der Violine wunderschönen Spielraum der Entfaltung. Die zwei ersten ruhigen Stücke gehören zur Bühnenmusik eines Theaterstücks. Darin sollte die Geschichte eines Engels erzählt werden, der die Bewohner eines Mietshauses beschützt, aber von einem Bösewicht ermordet wird.

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Hörbeispiel “Mi Loco Tango – La Muerte del Angel”

(alle Rechte bei Essay Recordings)

Schnelle Violintöne, begleitet von Schlägen auf den Kontrabass, dann hektische Klavierakkorde und schrille Bandoneontöne machen dieses Engels-Drama musikalisch nachvollziehbar.

Bei den ersten Tönen von “La Resurreccion del Angel”, die Auferstehung des Engels, kann man an Bach denken. Die Aufnahme entstand im Hessischen Rundfunk und wird abgeschlossen durch Beifall.

Dann hat sich das Team eine schöne Unterbrechung einfallen lassen. Dieses gelungene Arrangement beginnt mit dem berühmten Stück “El Tango”, dann geht es über in das literarische Meldodram “El Tango”. Der Frankfurter Theatermacher Willy Praml, Vater von Gregor Praml, bekannt durch seine aussergewöhnlichen Inszenierungen in der Frankfurter Naxos-Halle, liest die deutsche Fassung dieses schriftstellerischen Kleinods des weltberühmten argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges (1899 bis 1986). Das ist grossartig arrangiert: Zunächst wird fast zwei Minuten lang “El Tango” gespielt, dann setzt Willy Pramls Stimme ein, weiterhin untermalt von der Musik, die aber noch deutlich wahrzunehmen ist. Die Geschichte des Tango von den Anfängen in den Kaschemmen wird traurig und dramatisch erzählt – eine schöne Hommage an die “Urahnen des Tangos”.

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Willy und Gregor Praml in der Naxos-Halle; Foto: Renate Feyerbacher

Bevor es zu den Teufeln geht, kommt “Mumuki”, eine Komposition, die Piazzolla mit E-Gitarre einleitet. Diese gibt es aber bei “Mi Loco Tango” nicht. Kontrabass und gezupfte Violine beginnen das Stück und beherrschen es zunächst, erst spät kommen Klavier und Bandoneon dazu. Die Witwe von Piazzolla war von dieser Version extrem beeindruckt, erzählen die Musiker.

Dann geht es mit “El Tango del Diablo” zur Sache. Wie Peitschenhiebe klingen die Akkorde von Klavier und Bandoneon – ein richtiger Teufelstanz. Dann wird es romantischer beim Teufel: flirrend, täuschend, verführend. Und zum Schluss wild: “Vayamos al Diablo”, Wut und Ärger wie bei Beethovens “Wut über den verlorenen Groschen”, dann noch einmal disharmonische Bandoneontöne und die Willy Praml-Stimme: “Verfluchter Tango, der mit seiner Süsse, wenn er erklingt, vergiftet. Verfluchter Tango, der mich so mit Gallenbitterkeit erfüllt. Er war der Grund meines Ruins, verfluchter Tango, der in Bann schlägt, oh du Tango: du tötest und bezwingst. Verflucht seist du in Ewigkeit!”.

“Contrabajisimo” ist eine kleine Sinfonie, die zu Piazzollas Beerdigung über den Friedhof in Buenos Aires schallte. Hier kommt der Kontrabass zunächst zu seinem Recht und demonstriert, dass er durchaus ein Instrument für Melodien ist, die anderen Instrumente tauchen nach und nach auf, manchmal besinnlich, zart und traurig, dann wieder fröhlich, schluchzend, hämmernd, peitschend. Alle Elemente sind vertreten. Und auch im letzten Stück “Casapueblo” ist der Kontrabass deutlich zu hören, viele Takte spielt er nur mit dem Ton A in langsamem Viertelrhythmus. Das ist einprägend, markierend.

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Das Ensemble “Mi Loco Tango”; Foto: Markus Herrmann

“Mi Loco Tango” hat eine CD vorgelegt, die Freude macht, die reizt, sich mit Piazzolla näher auseinanderzusetzen. Hier präsentieren sich vier vorzügliche Musiker, die dem Ideal von Astor Piazzolla sehr nahe sind, wenn nicht sogar entsprechen.

Die Gruppe gastiert im Mai, Juni und August 2010 in verschiedenen Orten Hessens, im Oktober 2010 bei der ARD-Radionacht der Bücher im Hessischen Rundfunk.

Andreas Scholl – weltberühmter Countertenor

Montag, 29. August 2011

Eine musikalische Rheingau-Reise

Text und Fotografien: Renate Feyerbacher

“Eine wunderbare Idee” nannte Andreas Scholl die Veranstaltung am 16. Juli 2011, die das Rheingau Musik Festival ausgezeichnet organisiert hatte. Wunderbar deshalb, weil er den Menschen, seinem Publikum, nahe sein konnte wie im Kirchhof von Hallgarten und nicht – wie nach einem Konzert in den Kulturtempeln – Anzug und Krawatte auszieht und verschwindet.

Andreas Scholl im Kirchhof von Mariae Himmelfahrt Hallgarten / Oestrich-Winkel

Deshalb, weil er seine Heimat vorstellen durfte, in die er nach 20 Jahren Aufenthalt in Basel und weltweit zurückgekehrt war. Deshalb, weil er seine Lieblingsensembles und wohl auch seine Lieblingsmusikerin, die Lebensgefährtin Tamar Halperin, einladen konnte. Die israelische Cembalistin und Musikwissenschaftlerin, die über ihren favorisierten Komponisten Johann Sebastian Bach (1685 bis 1740) an der renommierten Juilliard School in New York promovierte, spielte Bachs Suiten beim ersten Halt in der Schiersteiner Christophoruskirche.

Tamar Halperin und Andreas Scholl nach dem Konzert am 16. Juli 2011

Das Team des Rheingau Musik Festivals hatte zuvor die Teilnehmer am Wiesbadener Hauptbahnhof eingesammelt und in fünf Bussen zum ersten der drei vorgesehenen Konzertorte bringen lassen: nach Wiesbaden – Schierstein.

Die protestantische Kirche Christophorus im Stadtteil Schierstein wurde von 1752 bis 1754 im Stil des ausklingenden Barock und Rokoko gebaut. Es ist die schönste Rokokokirche Hessens. Sie wurde grösstenteils von Frankfurter Patriziern finanziert, die dort ihre Landhäuser hatten. Noch heute gibt es ihre Kirchenstühle.

Der Saalbau, dessen Grundriss dem Goldenen Schnitt entspricht, hat eine gute Akustik. Selbst auf der oberen Empore erklingt die Cembalo-Musik und der Gesang des Gastgebers Andreas Scholl klar und durchdringend.

Hochaltar in Christophorus

Der elegante Kanzelaltar – Altar (Sakrament), Kanzel (Wortverkündigung), Orgel (Lobpreis) – entspricht protestantischer Auffassung. Ihn flankieren Säulen und Putten. Fliessend geht er über in die Orgelempore, die wie die Gesamtkirche in eindrucksvoller Farbgebung gehalten ist.

Dieses Ambiente ist fantastisch für die Bach-Suiten, die Tamara Halperin spielte. Suite – der Name beziehungsweise der Begriff leitet sich vom ursprünglich vulgären Fachbegriff “la suite” (die Folge) her, stieg dann aber in die oberen Kreise auf und wurde hoffähig. Aus dem feinen, französischen “à la suite” wurde “en suite” für jedermann. Die Musik übernahm den Begriff. Die “Französische Suite” G-Dur BWV 816 setzte die Tänze Allemande (deutsch), Courante (französisch), Sarabande (spanisch) und so weiter “en suite” hintereinander. Die sympathische Künstlerin Tamar Halparin interpretierte sie differenziert: mal sanft, feinfühlig, dann stürmisch, impulsiv. Eine Entdeckung für mich. Sie erhielt schon verschiedene Preise, unter anderem den ECHO Jazz 2010 für die CD “Wunderkammer” zusammen mit dem Jazzpianisten Michael Wollny. Die Beiden kombinieren verschiedene Tasteninstrumente.

Andreas Scholl gibt in Christophorus die erste Kostprobe seiner wunderbaren Stimme. Er singt aus Henry Purcells Schauspielmusik zu “Oedipus, King of Thebes” die Arie “Music for a while”, ein Loblied auf die Schmerzen lindernde Kraft der Musik.

Es kann nicht überzeugender interpretiert werden.

Der Sänger hält es für eines der schönsten Lieder, die je geschrieben wurden. Die Musik habe “etwas Hypnotisches, von dem man angezogen wird”. Der Barockhit ist auf Scholls neuer CD “O Solitude purcell” mit der Accademia Bizantina unter der Leitung von Stefano Montanari zu hören, ebenso der berühmte sogenannte “Cold Song” aus der Semi-Oper “King Arthur or The British Worthy”. Semi-Oper ist eine spezielle Form der englischen Barockoper: gesprochenes Drama mit langen gesungenen, getanzten und instrumentalen Szenen.

 

Musik-Audiofile: bitte anklicken:

Andreas Scholl – What Power Art Thou – Cold Song – Snippet

© – Alle Rechte vorbehalten – Decca / Universal Music

 

“What power art thou”

“Was bist du nur für eine Macht,
die mühsam mich und wider Willen
von meinem tiefen Bett aus ewigem Schnee emporgebracht?
Sieh’ doch, dass uralt ich und steifgefroren,
die Kälte kaum noch mag ertragen,
schwer nur noch atme und die Regsamkeit verloren!
Geh, lass mich erfrieren in des Frostes Nacht.”

Wie Andreas Scholl diese Arie interpretiert, ist fulminant. Der kalte Schauer durchläuft den Körper. Diese berühmteste Szene des Werkes will beweisen, wie die Macht der Liebe (Cupido) imstande ist, jedes noch so kalte Herz aufzutauen.

Seine Liebe zur Musik Henry Purcells (1659 bis 1695), den überragenden Barockkomponisten Englands, hat der Sänger während seiner Baseler Studienzeit an der bedeutenden Schola Cantorum Basiliensis entdeckt. Immer wieder hat er Purcells Lieder gesungen, aber erst jetzt erstmals aufgenommen. Zu zwei Gesängen dieser neuen CD hat er den französischen Countertenor Christophe Dumaux eingeladen, mit dem er an der Metropolitain Opera in New York debütierte. Dabei sind auch seine Freunde von der Accademia Bizantina, mit denen er schon lange musiziert.

Vier dieser Musiker begleiteten ihn auch auf der musikalischen Rheingaureise, deren nächste Station das Weindorf Hallgarten war, das zwischen Wiesbaden und Rüdesheim etwas abseits vom Rheinufer, am Fusse der 580 Meter hohen “Hallgartener Zange” liegt.

Andreas Scholl und Mitglieder des Freundeskreises Mariae Himmelfahrt

Im Kirchhof hatte der Freundeskreis der Katholischen Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt zunächst für das leibliche Wohl der Teilnehmer gesorgt, zu denen sich Michael Herrmann, der vielbeschäftigte Geschäftsführer des Rheingau Musik Festivals, kurze Zeit gesellte und wie immer die Gäste begrüsste.

Die Freunde der Pfarrkirche unterstützen mit dem Verkauf des “Hallgartener Glockeschoppe”, eines mundigen Weines, unter anderem die Pflege des Kircheninventars. Dazu gehört vor allem die Hallgartener Madonna, die sogenannte Schröter-Madonna.

Hallgartener Madonna – auch Schrötermadonna genannt

Die Weinschröter waren angesehene Männer. Sie mussten die weingefüllten Eichenfässer mittels Schrotbaum und Schrotleiter vom Keller zum Fuhrwerk verladen, eine schwere Arbeit. Sie stifteten dieses Kleinod der Legende nach aufgrund wundertätiger Hilfe der Jungfrau Maria. Das Hauptwerk eines unbekannten mittelrheinischen Meisters stammt aus der Zeit um 1415. Die 113 Zentimeter hohe gotische Figur ist aus gebranntem Ton und hat eine “Schwester” im Louvre, “La belle Allemande” (Die schöne Deutsche) oder “Vierge de mayence” (Jungfrau von Mainz) genannt, die 1803 während der Säkularisierung aus dem Kloster Eberbach entführt worden war.

Hallgartener Madonna (Ausschnitt)

Das Jesuskind hält Weintrauben in seiner Hand und die in der Kunstgeschichte als “Madonna mit der Scherbe” bekannte Maria einen kleinen Weinkrug (mundartlich Scherbe genannt). Sie steht auf einem untergehenden Gesicht (Mond). “Das im Verhältnis zur Plastik ungewöhnlich grosse Männerantlitz könnte als die der Vergänglichkeit (Mond als Symbol der Vergänglichkeit) verfallene Menschheit insgesamt gedeutet werden. Es könnte aber auch das Gesicht Adams sein, der nach der Erlösung durch Christus ausschaut”, so die theologische Deutung im “Kleinen Führer” der Kirche.

Hallgartener Madonna – Ausschnitt Mond

Die Baugeschichte von Mariae Himmelfahrt, die noch weitere Kleinode besitzt, beginnt im 12. Jahrhundert. Mehrfach wurde sie bis ins 20. Jahrhundert baulich verändert.

Im vorderen Teil des Chorraumes vor den Glasmalereien (1962) in den drei gotischen Masswerkfenstern musizieren Mitglieder der Accademia Bizantina.

Stefano Rossi (Violine und Leitung), Tiziano Bagnati (Laute), Marco Frezzato (Violoncello), Francesco Baroni (Cembalo und Orgel)

Das Quartett spielte italienische Werke aus dem 17. Jahrhundert und begleitete Andreas Scholl bei Purcells Abend-Hymne “Now that the sun hath veiled his light”. Purcells Musik “ist keine Musik für Musikologen, es ist Musik für den Menschen”, so schreibt Andreas Scholl im Textheft zur CD. Und der Künstler singt für die Menschen, die in der Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt dabei sind. So wird es wirklich empfunden.

Andreas Scholl und Mitglieder der Accademia Bizantina

Der 1967 in Eltville geborene Andreas Scholl erhielt seine erste musikalische Ausbildung bei den Kiedricher Chorbuben. Seit 1333 gibt es diese Einrichtung in dem etwa 4000 Einwohner zählenden Rheingauer Weindorf Kiedrich. Der Chor, Jungen und Männer, singt “an erster Stelle Gregorianik, aber hier in einer gotischen Variante des Gregorianischen Chorals im sogenannten Germanischen Dialekt, aufgezeichnet mit gotischen Hufnagelnoten in grossen Folianten, dem Kiedricher Graduale. Melodisch wirkt dieser Gesang, der sich nur noch hier im Proprium (den wechselnden Texten des Gottesdienstes) erhalten hat, durch erhöhte Spitzentöne frischer, an anderen Stellen auch unbekümmerter, lebendiger“ (Homepage der Kiedricher Chorbuben). Aber auch die Mehrstimmigkeit kommt zum Zuge.

Elisabeth Scholl, seine Schwester, war das erste Mädchen, das in den Chor aufgenommen wurde. Sie ist heute auch eine gefragte Interpretin alter Musik. (Die Geschwister gaben einen Tag später ein Konzert in Kloster Eberbach.)

Fünfmal in der Woche proben die Kiedricher Knaben, die Männer zweimal. Etwa einhundert Mal im Jahr tritt der Chor in Aktion. Sonntags kann man ihn im Choralhochamt in der Basilika St. Valentin zu Kiedrich im Rheingau hören – eine der schönsten gotischen Bauwerke dieser Kulturlandschaft. Sie ist dem Heiligen Valentinus und dem Heiligen Dionysius gewidmet und hat eine der ältesten bespielbaren Orgeln der Welt. Besonderheiten sind der Lettner und die fast komplette gotische Innenausstattung.

In dieser Kirche nahm Andreas Scholl 2010 die CD mit Liedern von Oswald von Wolkenstein auf.

Ensemble White Raven und Andreas Scholl

Ein Lied des im Spätmittelalter lebenden Lyrikers, Komponisten, Ritters, Politikers und Botschafters Oswald von Wolkenstein gehörte zum Programm der letzten Station der Rheingaureise. In der Mittelheimer Basilika St. Aegidius, deren Bausubstanz fast unverändert aus dem 12. Jahrhundert stammt, erklang nun ein anderer musikalischer Stil.

Das Ensemble White Raven sang traditionelle irische Lieder, die Kathleen Dineen, Gründerin dieser A-Capella-Formation, meistens arrangiert hat. Wie Andreas Scholl hat die Irin an der Schola Cantorum Basiliensis studiert, wo sie heute lehrt. Mit von der gesanglichen Partie waren der Tenor Robert Getchell und der Bariton Raitis Grigalis. Natürlichkeit und Einfachheit gepaart mit sängerischer Könnerschaft zeichnet das Terzett aus, das durch Andreas Scholl manchmal zum Quartett erweitert wird. Dineens klarer, natürlicher Sopran begeistert. Die Stimmung der Künstler übertrug sich auf die Zuhörer. Ihnen gefiel der “mühelose Gesang”. “Kunst ist es, wenn es nicht nach Kunst klingt”, scherzte Andreas Scholl.

Ein sonniger Tag verwandelte sich in einen Unwetter ankündigenden Abend. Nibelungenhaft dunkel wurde es nach und nach.

Der Rhein bei Oestrich-Winkel am Abend des 16. Juli 2011

Das Frankfurter Musikpublikum hat am 24. Januar 2012 die Gelegenheit, den Lied-, Oratorien- und Opernsänger Andreas Scholl, der seit Jahren zu den besten Countertenören der Welt gehört und vielfach ausgezeichnet wurde, in der Oper Frankfurt als Liedsänger zu erleben. Tamar Halperin wird ihn am Klavier begleiten.