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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Musik' Category

“La Calisto” von Francesco Cavalli in der Oper Frankfurt

Montag, 2. Januar 2012

Amor, der Taugenichts – Amor, der Glücksbringer
Irdische Liebe – himmlische Liebe

von Renate Feyerbacher

Feuerrot ist sein Kostüm. Grazil, knabenhaft, beflügelt, beobachtend, lauernd, mit Flöte bewaffnet, hockt Amore (Amor) alias Eros, um seine Intrigen zu beginnen.

Anna Fusek (Amore), Foto: © Barbara Aumüller

Ein schön anzusehender Liebesgott in Gestalt der Musikerin und Schauspielerin Anna Fusek. Mal listig, mal traurig, mal rabiat, pantomimisch nuanciert, lenkt sie betörend die Verwirrspiele mal vom schmalen Bühnensteg aus, mal aus dem Publikum. Sinneslust pur.

“Alle sind verrucht, die an Amor glauben”

Calisto (Kallisto), die Schöne, ein Mensch, eine Nymphe im Gefolge der Jagdgöttin Diana, wird als Erste Amors Opfer sein. Giove (Jupiter) kommt zunächst als fürsorglicher Obergott. Er bedauert den Zustand der Welt, den der Krieg zwischen Göttern und Menschen angerichtet hat, und will helfen. Die Erde ist verbrannt und kahl. Er erspäht Calisto. Sie klagt über die ausgetrockneten Quellen und gibt Giove die Schuld. Der weibertolle Gott will ihr imponieren und lässt ad hoc die Quellen sprudeln. Natürlich will er nicht nur beeindrucken, sondern naschen.

Anna Fusek (Amore) und Christiane Karg (Calisto), Foto: © Barbara Aumüller

Aber Calisto, die Keuschheit schwor, verweigert sich. Gioves Sohn Mercurio (Merkur), Schutzpatron der Kaufleute und des Handels, aber auch der Diebe und Lügner, rät zur List, zur Täuschung, zur göttlichen Metamorphose. Giove verwandelt sich in die Gestalt der Göttin Diana, der Jagd- und Mondgöttin, Göttin der Keuschheit. Wohlgemerkt – es ist seine Tochter mit Giunone (Juno). Das ist besonders infam von dem verwandlungsgeübten Gott, der oft denen, die er begehrt, als Tier erscheint: bei Europa als Stier, bei Leda als Schwan, bei Ganymed als Adler. Calisto merkt den Betrug nicht und lässt sich von der vermeintlichen Göttin küssen und noch mehr. Der Gott schwängert sie.

“Betrogen von Jupiters Liebesglut”

Der römische Dichter Ovid (43 v. Chr bis um 17 n. Chr) hat in den “Metamorphosen”, seinem 15bändigen Meisterwerk, auch die Geschichte von Kallisto erzählt. Giovanni Faustini (1615 bis 1651), der Librettist der Oper “La Calisto”, verknüpft zwei antike Mythen miteinander, “die ursprünglich nichts miteinander zu tun haben”, sagt der Librettoforscher Albert Gier. Aber Diana tritt in beiden auf, allerdings in unterschiedlichen Rollen. Calisto gegenüber ist sie hart und streng und verbannt sie. Sie selbst, die Hüterin der Keuschheit, verliebt sich in den schönen Hirten Endimione (Endymion). “Faustini war der Erfinder solcher, in der venezianischen Oper des 17. Jahrhunderts sehr beliebten Doppelintrigen, die den Vorteil haben, vier etwa gleichwertige Hauptrollen zu ermöglichen” (Albert Gier).

Luca Tittoto (Giove) und Christiane Karg (Calisto), Foto: © Barbara Aumüller

Francesco Cavalli (1602 bis 1676) kleidete dieses Drama in Musik. Er komponierte schnell, auch noch während Librettist Faustini probte. Die Uraufführung war in Venedig und könnte im Herbst 1651 oder im Frühjahr 1652 gewesen sein. Letzteres Datum entspräche dem venezianischen Karneval. Als Karnevalsoper wird daher “La Calisto” auch bezeichnet. “Die Freiheit Venedigs billigt alles … Die berühmte Freiheit Venedigs zieht die Fremden haufenweise an, die Lustbarkeiten und die Vergnügungen halten sie dort fest und erschöpfen ihre Börse” schrieb der Wissenschaftler Alexandre Toussaint de Saint Didier 1680 in “La ville et la République de Venise”. Suffisant führt er das Beispiel des Herzogs von Savoyen an, der unter falschem Namen verschwenderischen Aufwand trieb.

Luca Tittoto (Giove) und Daniel Schmutzhard (Mercurio), Foto: © Barbara Aumüller

Cavalli hiess ursprünglich Giovanni Battista Caletti und war der Sohn eines Domkapellmeisters. Seine schöne, vielgerühmte Knabenstimme faszinierte den Statthalter von Venedig Federico Cavalli, der den Vierzehnjährigen mit in die Lagunenstadt nahm. Dort erhielt er die beste musikalische Ausbildung und war Schüler von Claudio Monteverdi. Er dankte seinem Förderer, indem er seinen Namen annahm und bis zum Lebensende San Marco als Tenorsänger, Organist, Kapellmeister und Komponist verpflichtet blieb.

“Alle Männer sind verrückt”

Das Künstler-Gespann Faustini-Cavalli konzentrierte sich auf die Liebesintrige, auf die Paare Diana – Endimione und Giove – Calisto. Und es geht ihnen um zwei verschiedene Spielarten der Liebe. Beim ersten Paar ist es himmlische Liebe, die sich in Küssen und Träumen erschöpft, beim zweiten Paar geht es um irdische Liebe, die im Geschlechtsakt endet. Beide nähern sich jedoch an, beziehungsweise ihre Liebe unterliegt auch einer Metamorphose: Mondgöttin Diana muss vom Sternenhimmel steigen, um ihrem keuschen Geliebten, den sie in ewigen Schlaf versenkte, nahe zu sein. Sie gibt sich also irdischer Liebe hin, Calisto wird zum Sternbild und ist so dem Geliebten nahe. So wird die Liebe himmlisch.

Brenda Rae (Giunone), Foto: © Barbara Aumüller

Wie kommt es dazu? Giunone (Juno), Jupiters Gemahlin, hat natürlich den Betrug ihres Mannes schnell erkannt. Aber nicht ihn straft sie, sondern Calisto. Und das sehr hart, obwohl die junge, unschuldige Nymphe betrogen wurde, einer Vergewaltigung zum Opfer fiel. Sie lässt Calisto durch die Furien quälen und verwandelt sie in eine Bärin. Daraufhin verspricht Giove ihr eine weitere Metamorphose: als Sternbild wird sie neben ihm Göttlichkeit erlangen.

“Alle Frauen sind verrückt”

“Rollen- und Partnertausch, aber mit Rückverwandlungsgarantie, für zwei Wochen, eine Nacht, eine Stunde, einen Rausch: her damit – nur bitte danach weiter wie  bisher, um eine Erfahrung reicher, ein bisschen Krise als Chance” – das schrieb Jan Bosse im Programmheft zur Baseler Inszenierung von “La Calisto” 2010.

Jan Bosse (1969 geboren), Hausregisseur am Berliner Maxim Gorki-Theater, aktiv an Züricher und Basler Theatern, inszenierte in Frankfurt während der Intendanz von Elisabeth Schweeger Werner Schwabs sogenanntes Fäkaliendrama “Die Präsidentinnen” mit Karin Neuhäuser. Eine grandiose Inszenierung.

Nach “L’Orfeo” von Monteverdi ist “La Calisto” von Cavalli nun seine zweite Operninszenierung, zunächst am Theater Basel und nun an der Oper Frankfurt, genauer im Bockenheimer Depot. Sie wurde neu einstudiert im Bühnenraum von Stéphane Laimé, der seit 14 Jahren für Bosse entwirft (und 2011 “Bühnenbildner des Jahres” wurde) sowie in den Kostümen von Kathrin Plath. Grandios Laimés Idee mit den Wasservorhängen, auf denen erotische Videoinstallationen projiziert werden.

Mitgebracht hat Bosse aus Basel Anna Fusek als Amore,  Luca Tittoto als Giove und Flavio Ferri-Benedetti als Linfea.

“Ich möchte vernascht werden”

Die Spielstätte Bockenheimer Depot ist ideal für dieses frivole, sinnliche Verwirrspiel. Männer und Frauen sitzen sich in zwei Zuschauerblöcken gegenüber, strikt getrennt durch den Bühnensteg. Und die Protagonisten tummeln sich, je nach Gelüsten, mal in dem einen, mal im anderen Block.

Linfea (Lynfea), zum keuschen Gefolge Dianas gehörend, dreht plötzlich durch, entledigt sich ihres weissen, wallenden Gewandes, stürzt sich im kurzen Leopardenkostüm auf die Tribüne der Männer und sucht und findet einen männlichen Schoss. “Ich möchte vernascht werden.”

Flavio Ferri-Benedetti (Linfea) und Christopher Robson (Satirino), Foto: © Barbara Aumüller

Amore leistet tolle Arbeit. Sie hetzt den kleinen Satyr, ein Mischwesen aus Mensch und Tier, auf Linfea, die natürlich angewidert ist.

Das Publikum kommt aus dem Staunen nicht heraus, auch wenn man bedenkt, wie alt diese Geschichte beziehungsweise dieser Text ist und – wie modern. Jacques Offenbach könnte sich hier Ideen geholt haben und auch Mozart: das Duo Jupiter und Merkur erinnert an Don Giovanni und Leporello.

Ein Heidenspass, der dank einer glänzenden Regie nichts mit Klamotte zu tun hat.

Die Musik: eine Entdeckung

Francesco Cavalli, der mehr als 30 Opern schrieb, war damals der führende Opernkomponist Italiens und damit Europas. Selbst seinen Lehrer Monteverdi übertraf er mit seinen musikalisch-durchstrukturierten Formen. “Welche Oper stellt so offen wie diese Sinnlichkeit und Sexualität in den mannigfaltigsten Formen dar?” fragt Dirigent René Jacobs im CD-Booklet von “La Calisto” (2005).

Cavalli begeistert durch Nuancenreichtum der Stimmen: da ist der leidenschaftlich-verzweifelte Sopran der Calisto, der dramatische von Diana und der fast hysterische, in Koloratur sich steigernde von Giunone.

Jenny Carlstedt (Diana), Foto: © Barbara Aumüller

Nymphomanin Linfea wird von einem Countertenor gesungen, der sich auf Travestierollen spezialisiert hat. Der kleine Satyr ist auch ein Countertenor mit hoher Stimmlage. Das Mischwesen Pane (Pan), der Hirtengott, singt manchmal überdreht in seiner Tenorstimmlage. Weich, zart, poetisch-träumerisch ist die Stimme von Endimione, Dianas Liebhaber, “des männlichen Altisten” (René Jacobs). Zwei Basspartien sind dabei: Panes Begleiter Silvano imponiert mit ruppigem Bass. Gioves Klangfarbe ist dagegen locker, verführerisch und steigert sich als Diana ins Falsett. Sein Helfershelfer, Sohn Mercurio, ist ein kecker Bariton wie Leporello. Selten ist so viel stimmliche Vielfalt zu hören.

Nur Amore, Anna Fusek, singt nicht, spielt Flöte und Geige und eilt beweglich durch alle turbulenten Liebesspiele, die er entfachte, und die ein grandioses Sängerinnen- und Sängerteam spielfreudig realisiert: allen voran Christiane Karg als Calisto, Luca Tittoto als Giove, ein italienischer Casanova, Daniel Schmutzhard als Mercurio, Jenny Carlstedt als Diana, Brenda Rae als Giunone, Valer Barna-Sabadus als Endimione, Flavio Ferri-Benedetti als Linfea, Martin Mitterrutzner als Pane, Florian Plock als Silvano, Christopher Robson als Satirino und als Chor das Ensemble Barock vokal der Hochschule für Musik in Mainz.

Last not least dirigiert – sehr einfühlsam, spritzig und fein – der englische Barockspezialist Christian Curnyn die wenigen Musiker  des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters vom Cembalo aus.

Anna Fusek (Amore), Foto: © Barbara Aumüller

Selten besinnt sich Amore und hält inne.

Den Sternenhimmel am Ende produziert das Publikum mit kleinen, in der Pause verteilten Lampen.

Weitere Vorstellungen der Oper Frankfurt am 2., 4., 6. und 7. Januar 2012. Ort des Geschehens: das Bockenheimer Depot, jeweils um 19.30 Uhr.

“Daphne” von Richard Strauss an der Oper Frankfurt

Dienstag, 6. April 2010

Erinnerung als Paradies und als Raum erfahrenen Unglücks:

“Daphne” von Richard Strauss an der Oper Frankfurt

Eindrücke von Renate Feyerbacher

Eine alte Frau betritt zögernd die Bühne und schreitet durch die hohen, heruntergekommenen Räume. Claus Guth, der Opernregisseur, bekannt für seine psychologischen Interpretationen, lässt die gealterte Daphne den Ort ihrer Kindheit und Jugend, wo der Missbrauch stattfand, aufsuchen. “Der Tag, der sie veränderte, sie erstarren liess, taucht wiederum vor ihren Augen auf.” Das Thema beschäftigt derzeit unsere Gesellschaft landauf, landab. Es sind viele, die zur Zeit aus ihrer Erstarrung aufwachen, sich erinnern und reden wie der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff: “Keinem der Betroffenen sieht man an, wie viel in ihm kaputt ist.”

Dieser Gedanke schwebt über der Aufführung.

In der griechischen Mythologie erstarrt Daphne, die Nymphe, zum Lorbeerbaum, als Gott Apollo hinter ihr her ist und nicht von ihr ablässt. Das Thema hat Schriftsteller (Ovid, Petrarca, Martin Opitz, Sylvia Plath, Sarah Kane – beide Dichterinnen nahmen sich das Leben – ), Komponisten (Monteverdi, Gluck, Mozart), Maler, Philosophen und Psychoanalytiker wie Sigmund Freud nicht losgelassen. Freud interpretierte die Geschichte als Deflorationsangst des Mädchens und Feindseligkeit gegenüber dem Mann, die krankhafte Züge annehmen kann.

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Lance Ryan (Apollo), Daniel Behle (Leukippos) und Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Richard Strauss war ein Freund Griechenlands. 1892 besuchte er die Insel Naxos, auf der Dionysos, Gott des Weines, geboren und verehrt wurde. Auch Ariadne lebte hier. Richard Strauss schuf zusammen mit Hugo von Hofmannsthal die Oper “Ariadne auf Naxos”. Auch diesmal wollte der Komponist mit Hofmannsthal die “Daphne” erarbeiten, aber der Freund starb unerwartet 1929. Stefan Zweig übernahm die Librettistenaufgabe, aber die Nazis liessen dieses Bündnis von Komponist und Dichter nicht zu. Zweig empfahl Joseph Gregor, einen Bücherwurm, Bibliothekar und Archivar, der die Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek gegründet hatte und sich hin und wieder als Poet betätigte. Die Briefe, die Strauss ihm schrieb, zeugen von der mühsamen Arbeit am Libretto. Er forderte laufend Veränderungen und sprach von “schlecht imitiertem Homerjargon”. Er liess das Projekt schliesslich zu mit den Worten, “dass aus dem hübschen Sujet und manchen hübschen Details der Bearbeitung nicht doch noch ein netter Einakter werden kann”. “Daphne”, die bukolische Tragödie in einem Akt, wurde am 15. Oktober 1938 in der Semper-Oper in Dresden uraufgeführt. Bukolik ist die griechische Hirtendichtung.

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Lance Ryan (Apollo) und Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Die Oper beginnt mit den Vorbereitungen auf das Dionysos-Fest. Leukippos, der Jugendfreund, umwirbt Daphne und kommt ihr nah, doch sie schreckt plötzlich zurück. Mutter Gaea, mythologisch Mutter Erde, ist besorgt. Apollo, verkleidet als Hirte, ist von dem jungen schönen Mädchen (Nymphe) angezogen. Daphne ist berührt von seinen Liebesworten, umarmt und küsst ihn, dann schreckt sie vor Angst zurück. Beim Fest erscheint Leukippos als Mädchen verkleidet, um Daphne nahe zu sein. Diese Entweihung des Festes und der Betrug erzürnen Apollo: Er stört mit Donner und Blitz die Festlichkeiten und stellt den jungen Nebenbuhler zur Rede. Daphne muss den doppelten Betrug erkennen. Leukippos befreit sich selbst von den Frauenkleidern, Apollo offenbart sich und fordert die Geliebte auf, mit ihm zu gehen. Als Leukippos ihn einen Lügner nennt und Daphne sich weigert, mitzugehen, kommt es zum Kampf. Apollo tötet Daphnes Jugendfreund und bittet die Götter um Vergebung. Daphne möchte er zurück gewinnen – nicht in Menschengestalt, sondern als immer grünenden Lorbeerbaum. Daphne verwandelt sich.

Der Text dieser musikalisch eindringlichen Oper erscheint manchmal verquast und artifiziell. Man muss sich auf die Musik konzentrieren mit ihren wunderschönen Momenten: “Hier sind behutsame Regungen und Stimmungen der Naturverbundenheit in Klänge gefasst, die man so leicht nicht vergisst”, schreibt Ernst Krause (zitiert nach dem Programmheft). Fasziniert ist er, wie Strauss Daphnes Verwandlung in den Lorbeerbaum musikalisch umsetzt, die sich in “schleierzartem Fis-Dur vollzieht, wie der Klang sich aus dem reinen Holz emporwachsend immer mehr in das viel verästelte Farbenflimmern der geteilten Streicher, der Harfe und der übrigen Instrumente auflöst … “, der Klang sich in den “vogelhaft-zwitschernden Koloraturen des frei schwebenden Soprans” fortspinnt. Das ist einmalig. Strauss hat mehr als einen netten Einakter geschaffen.

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Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Claus Guths einleuchtende, psychologisch-durchgängige Regiearbeit steht im Einklang mit der musikalischen Realisation.

Die Schwedin Maria Bengtsson singt Daphne. Ihr zarter, lyrischer Ton begeistert, ihr Spiel ist eindringlich. Ihr einleitender Monolog “O bleib, geliebter Tag” lässt erahnen, welches Potential diese Stimme birgt, die in der Klage um den toten Freund einen Höhepunkt erreicht. Heldentenor Lance Ryan hat in “Daphne” sein Debüt als Apollo. Trotz gesundheitlicher Probleme am Premierenabend gab der Kanadier einen grandiosen Einstand an der Oper Frankfurt. Er verlieh diesem liebesbesessenen und machtorientierten Gott kraftvolle Töne, manchmal bewusst etwas schrill. Martin Behle ist Leukippos. Sein jugendlicher, strahlender Tenor, makellos in den Höhen, besticht.

Matthew Best als Vater Peneios und Tanja Ariane als Gaea überzeugen wie auch die anderen Sängerinnen und Sänger, die als Schäfer und Mägde agieren.

Generalmusikdirektor Sebastian Weigle und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester musizieren sehr dynamisch: lebendig beim Fest, einfühlsam bei den Naturimpressionen.

“Daphne” – ein Opernabend, den man schon wegen Maria Bengtsson nicht verpassen sollte: Vorstellungen gibt es am 4., 10., 18., 23. und 25. April sowie am 19. und 26. Juni 2010, jeweils um 19.30 Uhr.

“Das Rheingold” an der Berliner Staatsoper

Freitag, 29. Oktober 2010

Das Rheingold” von Richard Wagner an der Berliner Staatsoper
Vorabend des Bühnenfestspiels “Der Ring des Nibelungen”

Natur und Musik im Einklang

Betrachtungen von Renate Feyerbacher

Die Musik dieses Wagner’schen Grossprojektes im Schillertheater: kann das gut gehen? Die Grösse des Gebäudes in der Bismarckstraße ist nicht zu vergleichen mit dem Staatsopern-Gebäude Unter den Linden, das nun saniert wird. Ja, es gelang. Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin beweisen es. Die Feinheiten der Musik kommen geschärft zur Geltung. Beinahe jedes Wort des Textes ist zu verstehen. Noch nie habe sie den Text in einer Wagner-Oper verstanden, heute Abend jedoch – so war eine Dame zu vernehmen.

FRICKA Ekaterina Gubanova FROH Marco Jentzsch FREIA Anna Samuil DONNER Jan Buchwald Tänzer der Eastman Company LOGE Stephan Rügamer WOTAN Hanno Müller-Brachman; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Dennoch gibt es einen Wermutstropfen in der Koproduktion mit der Mailänder Scala: Es war ein Zuviel des Tanzes. Wieso Tanz überhaupt? Es nervt, wenn während der Zwischenmusik getanzt wird. Wenn auch sehr gut getanzt wird, denn kein Geringerer als der weltberühmte Sidi Larbi Cherkaoui hat choreographiert. Packend sind auch die Tanzszenen, wenn sich Alberich verwandelt: Wie Knäuel rollen sich die Tänzerinnen und Tänzer der Eastman Company, die Cherkaoui im Januar 2010 gründete, dann zusammen, verschlungen sind ihre Körper, und wenn Wotan den Nibelung gefangen hält, hängen sie wie Kletten-Fesseln an ihm.

ALBERICH Johannes Martin Kränzle und Tänzerinnen der Eastman Company; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Den Alberich singt – wie auch schon an der Mailänder Scala – Johannes Martin Kränzle. Sehr differenziert gestaltet er die Rolle, fulminant steigert er seine baritonale Stimme, und wie immer spielt er fantastisch. Kränzle, Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, wurde wegen seiner Interpretation des Beckmesser in “Die Meistersinger von Nürnberg” von Wagner an der Oper Köln für den Theaterpreis Der FAUST nominiert. Allerdings hat er zwei starke Konkurrentinnen.

ALBERICH Johannes Martin Kränzle; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Stephan Rügamer gefällt als lyrischer Loge. Die Russin Ekatarina Gubanova, sie gab 2009 ihr Debut an der Metropolitan Opera New York, ist eine selbstbewusste, strahlende Fricka. Diese drei ragen in der ansonsten guten Sängerriege heraus.

FROH Marco Jentzsch FRICKA Ekaterina Gubanova WOTAN Hanno Müller-Brachmann LOGE Stephan Rügamer; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Die Video-Projektionen zeigen die Naturelemente – beeindruckend. In der ersten Szene, dem neckischen Spiel zwischen den Rheintöchtern und Alberich, steht die Bühne unter Wasser. Eine schöne Idee, die aber auch sehr ablenkt von dem trügerischen Spiel des Nibelung und der Rheintöchter. Es fehlt der erotische Funken.

Da FeuilletonFrankfurt mittlerweile auch in Berlin gelesen wird: Nur noch einmal in dieser Spielzeit, am 31. Oktober 2010, wird “Das Rheingold” in der Staatsoper Berlin im Schillertheater in der Inszenierung von Guy Cassiers aufgeführt. Und: Mit ICE oder Billigflug ist es von Frankfurt am Main nach Berlin nur ein “Katzensprung”.

“Hoffmanns Erzählungen” in der Oper Frankfurt

Dienstag, 19. Oktober 2010

Die Fantasie ist meine Amme – “Hoffmanns Erzählungen” in der Oper Frankfurt

Betrachtungen von Renate Feyerbacher

Hoffmann und Offenbach: zwei Gleichgesinnte

Der Literat, Musiker, Zeichner und Jurist E. T. A. (Ernst Theodor Amadeus) Hoffmann (1776 bis 1822), gebürtig in Königsberg, und der Komponist Jacques Offenbach (1819 bis 1880), in Köln geboren, haben einiges gemeinsam: Beide arbeiteten nicht um der hehren Kunst willen, sondern um schnell Geld ins Säckel zu bekommen. Beide hatten einen ausgeprägten Geschäftssinn. Beide wurden von Gläubigern verfolgt.

Beide sind sehr gesellig. Der eine streift über die Pariser Boulevards, der andere sitzt häufig im Weinhaus Lutter & Wegner, wo er bis morgens erzählt und trinkt. Beide sind auf Effekte aus, auf die Wirkung beim Publikum. Beide haben eine Schwäche für Fantastisches. Hoffmanns Gespensterwelt, seine Phantasmagorien ziehen den Komponisten in Bann.

14jährig geht Offenbach nach Paris, um mit Musik Geld zu verdienen. Da ist in Frankreich bereits die Begeisterung für den deutschen Poeten E. T. A. Hoffmann voll entbrannt. Offenbach, der Cello-Virtuose, wird von den französischen Zeitungsleuten mit Hoffmann in Verbindung gebracht: “Mit seinen langen Haaren, seinem schmalen Wuchs und seiner geistvollen Stirn könnte man ihn für eine Gestalt aus den fantastischen Erzählungen Hoffmanns halten“, hiess es 1843.

Acht Jahre später erlebt Offenbach die Uraufführung des fantastischen Dramas “Les Contes d’Hoffmann” (“Hoffmanns Erzählungen”) der Autoren Michel Carré und Jules Barbier. Es basiert auf Erzählungen des deutschen Poeten. Offenbach ist begeistert. Der Stoff lässt ihn nicht mehr los.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kippt die Stimmung. Die Begeisterung für Hoffmanns Werk schlägt um. Goethe hatte ja schon früh gewettert “krankhafte Werke eines leidenden Mannes”. Ebenso schwindet Offenbachs Ruhm. Der “Abgott der Boulevards” muss dringend ein Werk schaffen, das ihn aus der finanziellen Misere holt. Da erinnert er sich an “Les Contes d’Hoffmann”, die er 25 Jahre zuvor im Théâtre National de l’Odéon sah. 1877, drei Jahre vor seinem Tod, beginnt der Komponist mit der Oper. Diesmal nimmt er sich Zeit mit der Arbeit. Er hinterlässt allerdings ein Opern-Fragment. Der Epilog ist nur vorgezeichnet.

Alfred Kim (Hoffmann; rechts stehend in blauem Jackett) sowie im Hintergrund v. l. Florian Plock (Peter Schlemihl), Brenda Rae (Olympia), Elza van den Heever (Antonia), Michael MacCown (Cochenille), Claudia Mahnke (Giulietta) und Chor der Oper Frankfurt; Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Hoffmanns Erzählungen am Tresen

Hoffmann steht mit seinen Trinkkumpanen am Tresen. Vom Alkohol beseelt, erinnert er sich mit Wehmut an Stella, seine unvergessene Jugendliebe, nun eine gefeierte Opernsängerin. Sie gastiert mit Mozart in der Stadt. (Mozart war Hoffmanns und Offenbachs Lieblingskomponist.) Um seine Sehnsucht nach Stella zu überwinden, erzählt er drei Geschichten über seine Liebe zu ihr. In seiner Fantasie teilt er Stella in drei Frauen auf: in Olympia, eine automatisierte Puppe, in die schwindsüchtige Sängerin Antonia, die sich buchstäblich zu Tode singt, und in die Kurtisane Giulietta, der er verfällt, an die er nicht nur sein Herz, sondern auch sein Spiegelbild verliert. Hinter diesen “drei Frauen in einer einzigen Frau” sieht der völlig betrunkene Poet seine Stella, die einzig Geliebte. “Die Träume sind die einzige Wahrheit in dieser Welt, in der alles falsch ist.”

Regisseur Dale Duesing im Anschluss von “Oper extra”; Foto: Renate Feyerbacher

Der amerikanische Bariton Dale Duesing hat an allen grossen Opernhäusern der Welt gesungen. Opernwelt kürte ihn einst zum “Sänger des Jahres”. In Frankfurt sang er unter anderem den Wozzeck. Dale Duesing ist aber auch ein erfolgreicher Regisseur. Seine Frankfurter Inszenierung von Rossinis “Il viaggio a Reims” begeisterte. Nun hat er “Hoffmanns Erzählungen” inszeniert. Es geht um Träumereien, um Phantasmagorien.

Hoffmann steht auf einer fast leeren Bühne. Weit hinten der Tresen, die Bar – ein grosses Regal gefüllt mit Flaschen. Nichts Gemütliches ist da, das zu Träumereien einladen könnte. Hoffmann wirkt verloren auf dieser Bühne, die seine Einsamkeit unterstreichen soll. Befremdlich ist, dass die Akteure, Olympia, Antonia, Giulietta und andere sich bereits anfangs an der Bartheke tummeln. Es fehlt die Personenführung durch Dale Duesing. Er zeigt einen torkelnden Hoffmann. Seine Nöte, seine Ängste, seine Krankhaftigkeit werden nicht wirklich sichtbar.

Drei Frauen in Stella

Peter Marsh (Pitichinaccio), Alfred Kim (Hoffmann) und Brenda Rae (Olympia); Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Die Szene mit Olympia, die Bewegungen wie ein Roboter vollzieht, überzeugt nicht.

Es ist zu turbulent. Der Chor steht zu nah und die Marionetten, die über dem Geschehen auch noch kreisen, lenken ab. Sängerin Brenda Rae beeindruckt jedoch durch ihre Koloraturen und zieht so die ganze Aufmerksamkeit auf sich.

Auch die Szene mit Antonia, die sich nur um den auf der rechten Bühnenseite stehenden Flügel abspielt, hat wenig Dramatik. Elza van den Heever macht mit ihrem fulminanten Sopran die dramaturgische Einfallslosigkeit vergessen.

Alfred Kim (Hoffmann) und Elza van den Heever (Antonia); Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Die berühmte Barcarole leitet die dritte Erzählung ein. Auch hier kommt das Prickelnde der Erotik nicht wirklich zur Geltung. Es springt kein Funke über. Es geht ja immerhin um Verführung. Claudia Mahnkes starker Mezzosopran macht auch das vergessen. Wunderbar ihre kühle Überlegenheit.

Alfred Kim als Hoffmann, eine Überraschung – sängerisch, weniger darstellerisch.

Mühelos erreicht seine tenorale Stimme die Höhen und führt sie zur Entfaltung.

Giorgio Surian gibt die vier Bösewichte in “Hoffmanns Erzählungen”. Sehr intensiv ist sein Bass, und schauspielerisch überzeugt er auch. Peter Marsh in seiner Vierfachrolle gefällt.

Im Epilog führt Jenny Carlstedt als Muse mit schöner Altstimme den Dichter zu seiner wahren Bestimmung, nämlich der Kunst, zurück.

Einfachheit der Offenbach’schen Musik

Dirigent der Neuinszenierung ist Roland Böer. Sechs Jahre lang war er Kapellmeister an der Oper Frankfurt. Er hätte die Musiker des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters manchmal mehr anfeuern können.

Von der Einfachheit der Mittel, derer sich der Komponist bedient, spricht Böer. “Die Musik lebt vom Gesang, der schlicht Dur-Moll-kadenziell begleiteten Melodie, ungetrübt durch Polyphonie oder gar psychologische Kontrapunktik.”

Dirigent Roland Böer im Anschluss von “Oper extra”; Foto: Renate Feyerbacher

Manchmal sind es nur wenige Töne, die sich oft wiederholen. Vielleicht ist das das Geheimnis der musikalischen Faszination von Offenbachs Musik. Beim Rausgehen aus dem Opernhaus summen einige Besucher die Barcarole. Das Publikum war zufrieden.

“Die Fantasie ist meine Amme, meine Zügel heissen Vergnügungen. Leicht und frech singe ich meine Lieder, und Tragödien kenne ich nicht”, singt Hoffmanns Muse. So leicht und beschwingt wie in seinen Operetten geht es in Jacques Offenbachs fantastischer Oper “Hoffmanns Erzählungen” nicht zu.

Trotz einiger Einwände zur Inszenierung ist das ein gelungener Opernabend. Er lebt vom Gesang.

Weitere Aufführungen in französischer Originalsprache mit deutschen Übertiteln in der Oper Frankfurt am 23. und 29. Oktober, am 6. November und noch dreimal im Dezember 2010.

“L’Étoile”: Opéra bouffe von Emmanuel Chabrier an der Oper Frankfurt

Samstag, 15. Oktober 2011

Musik: vital, elegant –
Libretto: skurril, grotesk, aktuell

von Renate Feyerbacher

Immer wieder sind Stücke von Emmanuel Chabrier im Radio zu hören. Ein französischer Komponist, schöne Musik, klassisch-leicht. Wer war dieser Komponist?

Die Erstaufführung von “L’Ètoile” – Der Stern – am hiesigen Opernhaus macht ihn bekannt.

Ein fleissiger Beamter und genialer Komponist

Emmanuel Chabrier (1841 bis 1894) war Jurist und arbeitete bis zu seinem 39. Lebensjahr im französischen Innenministerium. Aber schon früh hatte er auch Musik studiert, allerdings nicht am Pariser Konservatorium wie die anderen grossen Komponisten des Landes. Und er spielte gut Klavier, obwohl er kleine, dicke Finger hatte. Er bewunderte Wagners Werke und reiste zu Aufführungsorten seiner Opern, auch nach Bayreuth.

Er war Freund der Impressionisten, die ihn in Gemälden verewigten (Edouard Manet, Edgar Degas, der Realist Henri Fantin-Latour, Édouard Detaille), nicht weil er schön war. Im Gegenteil: Chabrier war klein, beleibt und gedrungen, aber er war witzig, humorvoll. Ein Mensch, der die Aktenberge vergass und im Café zum Mittelpunkt wurde. Ein sogenannter Bonvivant, ein Lebemann, der Essen und Trinken und schöne Frauen schätzte.

Seine Komponisten-Kollegen (Claude Debussy, Maurice Ravel, Eric Satie und Francis Poulenc und sogar Igor Strawinsky) huldigten ihm.

L’Étoile” – nicht nur ein astrologischer Spass

Mit dieser Opéra bouffe, die 1877 im Théâtre des Bouffes-Parisiens uraufgeführt wurde, in dem auch Offenbachs Operetten gespielt wurden, konnte Chabrier einen ersten grossen Erfolg verbuchen. Da war er noch Justizangestellter. Drei Jahre später quittierte er den Dienst, verschrieb sich ganz der Musik und verdiente sein Geld als Chordirigent, als Korrepetitor und als Sekretär einer Konzertgesellschaft.

Dramaturg Zsolt Horpácsy hält “L’Étoile” für “eines der originellsten Beispiele der Belle Époque”. Es ist jene Zeit, die nach dem deutsch-französischen Krieg (1870/71) begann. Es herrschte Frieden. Aber die “Schöne Epoche” in Europa war natürlich nur für bestimmte Kreise schön, für das mittlere und gehobene Bürgertum. Die Kultur erlebte einen grossen Aufschwung. In den Cafés, Ateliers, Salons trafen sich die Künstler. 1914 endete diese Friedenszeit mit den 1. Weltkrieg.

Christophe Mortagne (König Ouf I., auf dem Sessel sitzend) sowie Tänzer und Chor der Oper Frankfurt; Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Eine Zeit, in der sich der Bonvivant Emmanuel Chabrier gut entfalten konnte. Mit seiner Opéra bouffe traf er den Geschmack der Zeit mehr inhaltlich als musikalisch. Die Textvorlage begeisterte. 47 Vorstellungen gab es in Paris.

Der lebens- und liebeslustige Inhalt beflügelte die Fantasie der Zuschauer, die in Moralvorstellungen gefestigt schienen. “Ist man verliebt, ja hilft es dann, sich den Kopf zu zermartern über eine Lapalie namens Ehemann? … ein Ehemann, der stört nicht” (2. Akt). Seitensprung oder mehrere Liebschaften, c’est la vie.

Auch politisch wird alles ganz locker gehandhabt.

König Ouf I., ein grausamer Verrückter, von denen es auch in der neueren Geschichte einige gab, feiert jedes Jahr seinen Namenstag mit einer Hinrichtung. Aber ein Kandidat fehlt und Ouf begibt sich inkognito unter die Bürger, um ein Opfer zu finden.

Christophe Mortagne (König Ouf I. und Simon Bailey (Siroco; im Hintergrund); Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Er provoziert zunächst erfolglos, dann gerät er an den Strassenhändler Lazuli. Dieser hat soeben seine grosse Liebe in spe, Prinzessin Laoula, gesichtet, die verkleidet zum Hof des Königs reist, um Ouf zu heiraten. Aber Fürst Hérisson de Porc-Epic trennt das Paar, das sofort turtelt, und gibt Laoula als seine Frau aus.

Stinksauer lässt Lazuli seine Wut an König Ouf aus, indem er ihn sogar ohrfeigt. Nun hat der Herrscher sein Opfer. Sofort wird Lazuli verhaftet.

Nun kommt das Horoskop ins Spiel, der Stern, der eines jeden Schicksal leiten soll.

Natürlich hat Ouf eine astrologische Abteilung, verkörpert durch Siroco. Der rät dringend von der Hinrichtung ab, weil Oufs und Lazulis Sterne verbunden sind. Stirbt der eine, so wird ihm der andere einen Tag später folgen. Und Siroco hat ein Eigeninteresse, den König von der Hinrichtung abzuhalten. Denn er selbst darf nur eine Viertelstunde den König überleben. So ist es testamentarisch festgelegt.

Aber wie bekannt: Horoskope sind ohne Garantie.

Simon Bailey (Siroco), Paula Murrihy (Lazuli), Juanita Lascarro (Prinzessin Laoula) und Christophe Mortagne (König Ouf I.); Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

L’Étoile” – ein musikalisches Meisterwerk

Chabrier war ein Dilettant in Sachen Komponieren. Manchmal glaubt man Offenbach zu hören, aber diese Einschätzung vergeht schnell. Seine Musik ist viel komplizierter, weshalb die Orchestermitglieder des Théâtre des Bouffes damals rebellierten. Es war üblich, mit etwa sechs Proben das Stück im Griff zu haben. Chabrier: “Ich habe es so einfach gemacht, wie ich konnte” (zitiert nach Programmheft S. 6).

Verschiedene Stilelemente, Melodien mit Schwung, poetische, anrührende, sentimentale Romanzen bietet die Musik. Dazwischen gibt es, wie in der Operette üblich, Textpartien. Aber allein Lazuli hat vier Soli, in denen er sich vorstellt, seinen Stern besingt, triumphiert, als er Laoula heiraten darf, und schliesslich die Ehemänner verspottet, die kaum ein Hindernis sind im Liebesduell.

Geradezu anrührend das Duett von Siroco und König Ouf, das dem Chartreuse verte huldigt. Denn die Zwei scheinen ja kurz vor ihrem Tod zu stehen, weil Lazuli als tot gilt. Das bedeutet laut Horoskop auch für sie: Tod. Die übergrosse Digitaluhr, die beide, Herrscher und Astrologe, manipuliert haben, tickt unermüdlich weiter. Nun ja, das Horoskop hat gesponnen, alles wird gut. Nichts geht in Erfüllung, was Siroco vorhersagte.

Michael McCown (Fürst Hérisson de Porc-Epic), Simon Bailey (Siroco) und Christophe Mortagne (König Ouf I.); Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Dirigent Henrik Nánási, der zukünftige Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin, hat die “Ausgelassenheit und Leichtigkeit und auch ihre Frivolität”, wie er die Musik beschreibt, mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester ironisch fein, gekonnt und vital umgesetzt. Schöne Musik konnte entdeckt werden. Und auch dem Chor, den Michael Clark einstudierte, gehört volles Lob.

So verrückt im guten Sinne wie der Inhalt ist die Inszenierung. Kein Moment kommt Langeweile auf. Ununterbrochen bietet der amerikanische Regisseur David Alden einen neuen Einfall, der manchmal ausufert, sich aber vom Klamauk fern hält. Ideenreich bindet er die witzigen, spritzigen Choreografien von Beate Vollack ein. Das Bühnenbild, das sich später als Flughafenhalle entpuppt, und die Kostüme von Gideon Davey erfreuen durch Vielfalt. Gelungen das exklusiv eingerichtete Zimmer mit poppigem, wandfüllendem Bild des Königs, mit schwarz gekachelter Nasszelle nebst Prunkbett, in dem Ouf noch schnell vor dem Tod ein Kind zeugen will.

David Alden hat grossartige Interpreten zur Verfügung: allen voran Christophe Mortagne als Jönig Ouf I. Ein Multitalent, das einmal Mitglied der berühmten Comédie Française war. Der in Paris ausgebildete Tenor debütiert im kommenden Frühjahr an der Metropolitan Opera New York und wenig später an der Mailänder Scala. Quirlig, unglaublich verschlagen ist dieser Typ.

Paula Murrihy (Lazuli) und im Hintergrund Tänzerinnen; Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Die irische Mezzosopranistin Paula Murrihy singt die diffizil ausgearbeitete Hosenrolle, den Lazuli. Lebendig ist ihr Spiel und anmutig ihr Gesang.

Simon Bailey als Siroco ist nicht wiederzuerkennen. Falstaff-ähnlich wurde er verändert. Sein ausgewogener Bariton kommt nur im Chartreuse-Duett zur Geltung. Auch die anderen Sängerinnen und Sänger gefallen.

Die Oper Frankfurt, die erneut zur “Oper des Jahres” gekürt wurde, die das beste Orchester und den “Sänger des Jahres” im Ensemble hat, nämlich Johannes Martin Kränzle, ist kein Haus für Operettenseligkeit. Emmanuel Chabriers “L’Étoile” hat damit auch nichts zu tun, insofern gehört dieses Werk auch hierher.

Paula Murrihy (Lazuli, links in schwarz-goldenem Morgenmantel) sowie Tänzer und Chor der Oper Frankfurt; Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Weitere Aufführungen am 15., 21., 23. (15 und 20 Uhr), am 9. und 12. November 2011.