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Archive for the 'Musik' Category

“Daphne” von Richard Strauss an der Oper Frankfurt

Dienstag, 6. April 2010

Erinnerung als Paradies und als Raum erfahrenen Unglücks:

“Daphne” von Richard Strauss an der Oper Frankfurt

Eindrücke von Renate Feyerbacher

Eine alte Frau betritt zögernd die Bühne und schreitet durch die hohen, heruntergekommenen Räume. Claus Guth, der Opernregisseur, bekannt für seine psychologischen Interpretationen, lässt die gealterte Daphne den Ort ihrer Kindheit und Jugend, wo der Missbrauch stattfand, aufsuchen. “Der Tag, der sie veränderte, sie erstarren liess, taucht wiederum vor ihren Augen auf.” Das Thema beschäftigt derzeit unsere Gesellschaft landauf, landab. Es sind viele, die zur Zeit aus ihrer Erstarrung aufwachen, sich erinnern und reden wie der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff: “Keinem der Betroffenen sieht man an, wie viel in ihm kaputt ist.”

Dieser Gedanke schwebt über der Aufführung.

In der griechischen Mythologie erstarrt Daphne, die Nymphe, zum Lorbeerbaum, als Gott Apollo hinter ihr her ist und nicht von ihr ablässt. Das Thema hat Schriftsteller (Ovid, Petrarca, Martin Opitz, Sylvia Plath, Sarah Kane – beide Dichterinnen nahmen sich das Leben – ), Komponisten (Monteverdi, Gluck, Mozart), Maler, Philosophen und Psychoanalytiker wie Sigmund Freud nicht losgelassen. Freud interpretierte die Geschichte als Deflorationsangst des Mädchens und Feindseligkeit gegenüber dem Mann, die krankhafte Züge annehmen kann.

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Lance Ryan (Apollo), Daniel Behle (Leukippos) und Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Richard Strauss war ein Freund Griechenlands. 1892 besuchte er die Insel Naxos, auf der Dionysos, Gott des Weines, geboren und verehrt wurde. Auch Ariadne lebte hier. Richard Strauss schuf zusammen mit Hugo von Hofmannsthal die Oper “Ariadne auf Naxos”. Auch diesmal wollte der Komponist mit Hofmannsthal die “Daphne” erarbeiten, aber der Freund starb unerwartet 1929. Stefan Zweig übernahm die Librettistenaufgabe, aber die Nazis liessen dieses Bündnis von Komponist und Dichter nicht zu. Zweig empfahl Joseph Gregor, einen Bücherwurm, Bibliothekar und Archivar, der die Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek gegründet hatte und sich hin und wieder als Poet betätigte. Die Briefe, die Strauss ihm schrieb, zeugen von der mühsamen Arbeit am Libretto. Er forderte laufend Veränderungen und sprach von “schlecht imitiertem Homerjargon”. Er liess das Projekt schliesslich zu mit den Worten, “dass aus dem hübschen Sujet und manchen hübschen Details der Bearbeitung nicht doch noch ein netter Einakter werden kann”. “Daphne”, die bukolische Tragödie in einem Akt, wurde am 15. Oktober 1938 in der Semper-Oper in Dresden uraufgeführt. Bukolik ist die griechische Hirtendichtung.

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Lance Ryan (Apollo) und Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Die Oper beginnt mit den Vorbereitungen auf das Dionysos-Fest. Leukippos, der Jugendfreund, umwirbt Daphne und kommt ihr nah, doch sie schreckt plötzlich zurück. Mutter Gaea, mythologisch Mutter Erde, ist besorgt. Apollo, verkleidet als Hirte, ist von dem jungen schönen Mädchen (Nymphe) angezogen. Daphne ist berührt von seinen Liebesworten, umarmt und küsst ihn, dann schreckt sie vor Angst zurück. Beim Fest erscheint Leukippos als Mädchen verkleidet, um Daphne nahe zu sein. Diese Entweihung des Festes und der Betrug erzürnen Apollo: Er stört mit Donner und Blitz die Festlichkeiten und stellt den jungen Nebenbuhler zur Rede. Daphne muss den doppelten Betrug erkennen. Leukippos befreit sich selbst von den Frauenkleidern, Apollo offenbart sich und fordert die Geliebte auf, mit ihm zu gehen. Als Leukippos ihn einen Lügner nennt und Daphne sich weigert, mitzugehen, kommt es zum Kampf. Apollo tötet Daphnes Jugendfreund und bittet die Götter um Vergebung. Daphne möchte er zurück gewinnen – nicht in Menschengestalt, sondern als immer grünenden Lorbeerbaum. Daphne verwandelt sich.

Der Text dieser musikalisch eindringlichen Oper erscheint manchmal verquast und artifiziell. Man muss sich auf die Musik konzentrieren mit ihren wunderschönen Momenten: “Hier sind behutsame Regungen und Stimmungen der Naturverbundenheit in Klänge gefasst, die man so leicht nicht vergisst”, schreibt Ernst Krause (zitiert nach dem Programmheft). Fasziniert ist er, wie Strauss Daphnes Verwandlung in den Lorbeerbaum musikalisch umsetzt, die sich in “schleierzartem Fis-Dur vollzieht, wie der Klang sich aus dem reinen Holz emporwachsend immer mehr in das viel verästelte Farbenflimmern der geteilten Streicher, der Harfe und der übrigen Instrumente auflöst … “, der Klang sich in den “vogelhaft-zwitschernden Koloraturen des frei schwebenden Soprans” fortspinnt. Das ist einmalig. Strauss hat mehr als einen netten Einakter geschaffen.

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Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Claus Guths einleuchtende, psychologisch-durchgängige Regiearbeit steht im Einklang mit der musikalischen Realisation.

Die Schwedin Maria Bengtsson singt Daphne. Ihr zarter, lyrischer Ton begeistert, ihr Spiel ist eindringlich. Ihr einleitender Monolog “O bleib, geliebter Tag” lässt erahnen, welches Potential diese Stimme birgt, die in der Klage um den toten Freund einen Höhepunkt erreicht. Heldentenor Lance Ryan hat in “Daphne” sein Debüt als Apollo. Trotz gesundheitlicher Probleme am Premierenabend gab der Kanadier einen grandiosen Einstand an der Oper Frankfurt. Er verlieh diesem liebesbesessenen und machtorientierten Gott kraftvolle Töne, manchmal bewusst etwas schrill. Martin Behle ist Leukippos. Sein jugendlicher, strahlender Tenor, makellos in den Höhen, besticht.

Matthew Best als Vater Peneios und Tanja Ariane als Gaea überzeugen wie auch die anderen Sängerinnen und Sänger, die als Schäfer und Mägde agieren.

Generalmusikdirektor Sebastian Weigle und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester musizieren sehr dynamisch: lebendig beim Fest, einfühlsam bei den Naturimpressionen.

“Daphne” – ein Opernabend, den man schon wegen Maria Bengtsson nicht verpassen sollte: Vorstellungen gibt es am 4., 10., 18., 23. und 25. April sowie am 19. und 26. Juni 2010, jeweils um 19.30 Uhr.

“Teufelswerk Tango” – Hommage an Astor Piazzolla

Mittwoch, 31. März 2010

“Teufelswerk Tango“ – Hommage an Astor Piazzolla

Das Ensemble “Mi Loco Tango” -
die Frankfurter Erben

von Renate Feyerbacher

“Immer nur Tango, Tango”, so hat Astor Piazzolla (1921 bis 1992) gestöhnt. Sein Vater hörte diese Musik immer wieder im wirtschaftlichen Exil – das war in New York Mitte der zwanziger Jahre. Der Vater hatte Heimweh nach Argentinien. Der junge Astor mochte den Tango nicht, viel lieber den Jazz und die Musik von Johann Sebastian Bach. Aber er lernte dem Vater zuliebe Bandoneon spielen. Dieses um 1846 erstmals gebaute Harmonikainstrument mit bis zu 200 Tönen wurde um 1900 zum Soloinstrument bei den klassischen Tangoensembles Argentiniens. Als der junge Piazzolla 18 Jahre alt war, kehrte die Familie nach Buenos Aires zurück. Da hörte er zum ersten Mal eine neuartige Tangomusik. Dieses Ereignis wurde zu einem Schlüsselerlebnis. Damals hatte der Tango allerdings keinen guten Ruf. Es war die Musik der einfachen Leute, die Upper Class mied sie. Tango wurde in Kaschemmen, Kneipen und Bordellen gespielt. Das tat auch Astor Piazzolla.

Dann lernte er den Komponisten klassischer Musik Alberto Ginastera (1916 bis 1983) kennen und studierte ab1940 bei ihm. Er orientierte sich neu. 1954 bekam er ein Stipendium in Paris und lernte bei der Komponistin, Dirigentin und Musikpädagogin Nadia Boulanger (1887 bis 1979), zu deren Schülerkreis Aaron Copland, Philip Glass oder Igor Markevitch gehörten. Piazzolla schämte sich, ihr zu sagen, dass er Tango – und vor allem wo er ihn – gespielt hatte. Beim Durchblättern von Piazzollas ersten Kompositionen findet Nadia Boulanger zwar Einflüsse grosser moderner Komponisten, aber keine eigene Handschrift. Er spielt schliesslich einen Tango und die Lehrmeisterin schnauzt ihn an: “Du Idiot! Merkst Du nicht, dass dies der echte Piazzolla ist, nicht jener andere? … Dein Tango ist die neue Musik und sie ist ehrlich” (zitiert nach Eckhard Weber: “Astor Piazzolla – der Schöpfer des Tango Nuevo”).

Astor Piazzolla ist der Erneuerer des argentinischen Tangos, der Schöpfer des Tango Nuevo, der Elemente der neuen, klassischen Musik und des Jazz mit dem Tango, der ursprünglich ausschliesslich dem Tanz diente, verbindet. Hunderte von Tangos komponierte er, ausserdem Orchesterwerke, Kammer-, Film- und Tanzmusiken (u. a. für Pina Bausch) und die Oper “Maria de Buenos Aires”, die 1987 in Wien uraufgeführt wurde.

Immer wieder hat er Kompositionen Engeln und Teufeln gewidmet. “Del Diablo” und “Del Angel” heissen zwei der Zyklen, die nun von der Gruppe “Mi Loco Tango” eingespielt wurden.

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Das Ensemble “Mi Loco Tango”; Foto: Markus Herrmann

Zehn Jahre nach dem Tod des argentinischen Komponisten gründete sich 2002 in Frankfurt das Ensemble “Mi Loco Tango”. Zu diesem Quartett gehören Vassily Dück, geboren in Sibirien, er ist der Bajanist, die deutschen Musikerinnen Irina Bunn, Violine und Gitarre, Judith Herrmann, Piano und Keyboard, und der deutsch-französische Kontrabassist und Keyboarder Gregor Praml. Zunächst widmete sich das Ensemble ausschließlich dem Werk von Piazzolla mit dem Ziel der Neudefinition durch die Mitwirkenden.

Zwischenzeitlich haben sie sich auch der italienischen Filmmusik verschrieben – die Filmmusiken von Nino Rota und Ennio Morricone reizten sie. Für diese CD “Il Cinema: il Paradiso!” erhielt die Gruppe den 1. Preis in der Kategorie Filmmusik beim 32. Festival Internationale Fisharmonica in Italien. Aber zuvor bekamen sie den Weltmusikpreis “creole 2007″ und dann 2008 – bisheriger Preishöhepunkt in der Karriere des Ensembles – den Tangopreis “Libertango” beim 2. Astor Piazzolla Festival im italienischen Lanciano. Dessen Juryvorsitz hatte Laura Escalada-Piazzolla, die Witwe des Komponisten.

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CD-Cover “Del Diablo y del Angel”; © Franziska Harvey Illustration/Artwork; Foto: Renate Feyerbacher

“Del Diablo y del Angel” – von Teufeln und Engeln heisst die neue Produktion des Frankfurter Quartetts, das sich auf die Suche nach dem Diabolischen und Engelhaften in Piazzollas Musik gemacht hat. “In meiner Geschichte mischen sich Teufel und Engel … man muss von allem etwas haben”, bekannte der Komponist.

Die Zyklen “Del Diablo” und “Del Angel” werden nicht häufig gespielt, deshalb hat diese CD schon einen Seltenheitswert.

Allerdings beginnen die Musiker mit einem Piazzolla-Hit “Adios Nonino”, ein Stück, das er seinem Vater gewidmet hat. Ursprünglich war es für vier Akkordeons arrangiert. Alberto Mompellio, der italienische Arrangeur von “Mi Loco Tango”, massschneiderte eine neue Version für die Gruppe. Bestimmtheit vermittelt das Bandoneon mit seinen klaren Akkorden, das Klavier folgt ihm, dann Wehmut, die von Violine und Kontrabass übernommen werden.

Es folgen vier Stücke aus dem Zyklus “Del Angel”. Die “Introduccion al Angel” ist sanft, lässt der Violine wunderschönen Spielraum der Entfaltung. Die zwei ersten ruhigen Stücke gehören zur Bühnenmusik eines Theaterstücks. Darin sollte die Geschichte eines Engels erzählt werden, der die Bewohner eines Mietshauses beschützt, aber von einem Bösewicht ermordet wird.

Bitte anklicken:
Hörbeispiel “Mi Loco Tango – La Muerte del Angel”

(alle Rechte bei Essay Recordings)

Schnelle Violintöne, begleitet von Schlägen auf den Kontrabass, dann hektische Klavierakkorde und schrille Bandoneontöne machen dieses Engels-Drama musikalisch nachvollziehbar.

Bei den ersten Tönen von “La Resurreccion del Angel”, die Auferstehung des Engels, kann man an Bach denken. Die Aufnahme entstand im Hessischen Rundfunk und wird abgeschlossen durch Beifall.

Dann hat sich das Team eine schöne Unterbrechung einfallen lassen. Dieses gelungene Arrangement beginnt mit dem berühmten Stück “El Tango”, dann geht es über in das literarische Meldodram “El Tango”. Der Frankfurter Theatermacher Willy Praml, Vater von Gregor Praml, bekannt durch seine aussergewöhnlichen Inszenierungen in der Frankfurter Naxos-Halle, liest die deutsche Fassung dieses schriftstellerischen Kleinods des weltberühmten argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges (1899 bis 1986). Das ist grossartig arrangiert: Zunächst wird fast zwei Minuten lang “El Tango” gespielt, dann setzt Willy Pramls Stimme ein, weiterhin untermalt von der Musik, die aber noch deutlich wahrzunehmen ist. Die Geschichte des Tango von den Anfängen in den Kaschemmen wird traurig und dramatisch erzählt – eine schöne Hommage an die “Urahnen des Tangos”.

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Willy und Gregor Praml in der Naxos-Halle; Foto: Renate Feyerbacher

Bevor es zu den Teufeln geht, kommt “Mumuki”, eine Komposition, die Piazzolla mit E-Gitarre einleitet. Diese gibt es aber bei “Mi Loco Tango” nicht. Kontrabass und gezupfte Violine beginnen das Stück und beherrschen es zunächst, erst spät kommen Klavier und Bandoneon dazu. Die Witwe von Piazzolla war von dieser Version extrem beeindruckt, erzählen die Musiker.

Dann geht es mit “El Tango del Diablo” zur Sache. Wie Peitschenhiebe klingen die Akkorde von Klavier und Bandoneon – ein richtiger Teufelstanz. Dann wird es romantischer beim Teufel: flirrend, täuschend, verführend. Und zum Schluss wild: “Vayamos al Diablo”, Wut und Ärger wie bei Beethovens “Wut über den verlorenen Groschen”, dann noch einmal disharmonische Bandoneontöne und die Willy Praml-Stimme: “Verfluchter Tango, der mit seiner Süsse, wenn er erklingt, vergiftet. Verfluchter Tango, der mich so mit Gallenbitterkeit erfüllt. Er war der Grund meines Ruins, verfluchter Tango, der in Bann schlägt, oh du Tango: du tötest und bezwingst. Verflucht seist du in Ewigkeit!”.

“Contrabajisimo” ist eine kleine Sinfonie, die zu Piazzollas Beerdigung über den Friedhof in Buenos Aires schallte. Hier kommt der Kontrabass zunächst zu seinem Recht und demonstriert, dass er durchaus ein Instrument für Melodien ist, die anderen Instrumente tauchen nach und nach auf, manchmal besinnlich, zart und traurig, dann wieder fröhlich, schluchzend, hämmernd, peitschend. Alle Elemente sind vertreten. Und auch im letzten Stück “Casapueblo” ist der Kontrabass deutlich zu hören, viele Takte spielt er nur mit dem Ton A in langsamem Viertelrhythmus. Das ist einprägend, markierend.

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Das Ensemble “Mi Loco Tango”; Foto: Markus Herrmann

“Mi Loco Tango” hat eine CD vorgelegt, die Freude macht, die reizt, sich mit Piazzolla näher auseinanderzusetzen. Hier präsentieren sich vier vorzügliche Musiker, die dem Ideal von Astor Piazzolla sehr nahe sind, wenn nicht sogar entsprechen.

Die Gruppe gastiert im Mai, Juni und August 2010 in verschiedenen Orten Hessens, im Oktober 2010 bei der ARD-Radionacht der Bücher im Hessischen Rundfunk.

Antoine Dard: Sechs Sonaten für Fagott und Basso continuo

Donnerstag, 31. Mai 2007

Das Label RAMÉE publiziert in diesen Tagen die weltweite Ersteinspielung von sechs Sonaten für Fagott und Basso continuo aus dem Jahr 1759 des französischen Komponisten Antoine Dard. Der Solist ist Ricardo Rapoport, begleitet am Cembalo von Pascal Dubreuil. Karine Sérafin, Sopran, und Francois Nicolet, Traversflöte, wirken in kleineren anderen Partien der Einspielung als Gäste mit.

Antoine Dard (1715 bis 1784) zählte in Paris und in Versailles zu jenen Musikern, die zum Umfeld der bedeutendsten Musikinstitutionen der französischen Monarchie gehörten. Wenngleich Person und Oeuvre von Dard heute weitgehend lediglich noch der Fachwelt bekannt sind, kann man Dard doch als einen Komponisten von besonderem Interesse betrachten. So erschien am 11. Januar 1759 folgende Anzeige in der Pariser Presse: “6 Sonaten für Fagott, komponiert von Mr. Dard und sehr nützlich für diejenigen, die dieses Instrument gut spielen möchten. Diese Sonaten gelten als einzigartig und können auch auf dem Violoncello gespielt werden.”

Für die damalige Zeit war es nicht ungewöhnlich, eine Solo-Komposition auf unterschiedlichen Instrumenten auszuführen. Auch war das Fagott als Soloinstrument durchaus bekannt und beliebt, wie dies zahlreiche Werke anderer Komponisten belegen. Beispielsweise komponierte Antonio Vivaldi rund 40 Stücke für dieses Instrument, dessen Klang in den tiefen Registern als sonor und in der oberen Lage als recht kantabel charakterisiert werden kann.

Gleichwohl stellen Dards Sonaten nicht nur in seinem persönlichen Schaffen, sondern auch in der Literatur des 18. Jahrhunderts ganz allgemein sowie innerhalb des spezifischen Repertoires für Fagott eine Besonderheit dar: Dard benutzt das Fagott nach Art etwa eines Belcanto-Operntenors. Er verwendet häufig das sehr hohe Register des Instruments, wie es bis dahin kein anderer Komponist getan hatte und auch noch lange nach ihm keiner tun wird. Obgleich ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in den Grifftabellen für Fagott zunehmend Fingersätze angegeben waren, die bis zum d” und f” reichten, so geht doch die damalige Musik für dieses Instrument, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, niemals über g’ und a’ hinaus. Vielmehr setzte sich das sehr hohe Register erst sechzig Jahre später allmählich durch, nachdem das Instrument zahlreiche Verbesserungen erfahren hatte.

Der Fagottpart ist in seiner Melodiösität durch die Fülle an Verzierungen sehr voll und lyrisch, wobei die Verbindung dieser reichen Verzierungen mit dem galanten Stil eine einzigartige Wirkung hervorruft. Hinsichtlich ihrer Struktur sind die Sonaten eher traditionell. Dennoch erscheinen die langsamen Sätze in ihrer Form bemerkenswert: Sie sind in einem Zug und ohne Wiederholungen oder Doppelungen durchkomponiert und ähneln eher einem Arioso, das zu jener Zeit in Frankreich wenig gebräuchlich war. Trotz ihres unverkennbar französischen Charakters zeugen Dards Sonaten von italienischem Einfluss. Sicher kannte er die Werke der italienischer Komponisten, die damals auch in Frankreich aufgeführt wurden.

Edgar Degas, L´Orchestre de l´Opéra (1870)

Ricardo Rapoport studierte Fagott sowie Gitarre, Viola da gamba, Tonsatz, Komposition und Dirigieren in seiner Geburtsstadt Rio de Janeiro. Anschliessend folgte ein Engagement beim Brasilianischen Sinfonieorchester. 1984 ging er nach Paris, um dort sein Spiel am Conservatoire National Supérieur de Musique zu perfektionieren. Nachdem er den Premier Prix für Fagott erhalten und ein Aufbaustudium für Kammermusik absolviert hatte, widmete er sich dem Barockfagott. Neben seinen Aktivitäten als Kammermusiker und Solist wirkt Rapoport bei Konzerten und Aufnahmen mit verschiedenen Ensembles mit. Sein Interesse gilt auch der zeitgenössischen Musik, der er sich in zahlreichen Uraufführungen angenommen hat. Rapoport unterrichtet Fagott, Barockfagott und Kammermusik am Conservatoire National de Région in Rennes und wird regelmäßig zu Festivals und Meisterkursen in Europa und Brasilien eingeladen.

Pascal Dubreuil studierte ebenfalls am Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris und erhielt den Premier Prix für Cembalo und Generalbass. Anschließend vervollständigte er seine Ausbildung auf zahlreichen Meisterkursen, unter anderem bei Gustav Leonhardt. Dubreuil spielt bei Konzerten und Aufnahmen in Frankreich und Europa als Solist und Kammermusiker auf dem Cembalo, aber auch auf dem Clavichord und dem Pianoforte. Regelmässiger Gast bei einer Vielzahl von Wettbewerben, unterrichtet er Cembalo und Kammermusik am Conservatoire National de Région in Rennes, wo er die Abteilung für Alte Musik leitet.

Auch zur 53. Biennale Arte 2009: Venedig im Zeichen der Musik

Dienstag, 7. Juli 2009

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Junge Musikerinnen und Musiker in venezianischen Kostümen des 18. Jahrhunderts laden zu einem Konzert der I Musici Veneziani mit Antonio Vivaldis “Le Quattro Stagioni” ein.

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San Maurizio am Campo San Maurizio, 1806 durch Giannantonio Selva im klassizistischen Stil errichtet:  In der Ausstellung “Vivaldi und seine Zeit – der Lauten- (Geigen)bau” erwartet den Musikliebhaber eine wahre Augenweide.

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Violoncello, Mailänder Schule, Ende 1700

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Neapolitanische Mandolone (Bass-Mandoline) um 1750 und Laute um 1800

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Salterio, venezianische Schule, Settecento (im deutschen Sprachgebrauch 18. Jahrhundert)

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Viola da gamba, 1580

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Kontrabass von Niccolò Amati, Cremona, 1670

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Die profanierte, als Konzertsaal genutzte Kirche San Vidal (18. Jahrhundert) am Campo San Vidal ist die ständige Spielstätte des renommierten Ensemles Interpreti Veneziani.

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(Fotos: FeuilletonFrankfurt)


Begegnung mit dem Sänger Johannes Martin Kränzle

Donnerstag, 4. März 2010

“Sich auf die Suche machen”
Begegnung mit dem Sänger Johannes Martin Kränzle

Text und Fotografien: Renate Feyerbacher

Sonntag ist er noch in São Paulo, Mittwoch in Kairo, um in der “Fledermaus“ den Eisenstein zu singen, dazwischen in Frankfurt am Main bei seiner Familie. Beim Gespräch mit der Journalistin in seiner Küche, das er spontan ermöglicht, ist er entspannt und aufgeschlossen, ab und zu lacht er herzlich. Feiner Humor blitzt immer wieder auf, keine Spur von Hektik, aber von grosser Energie. Jung und dynamisch wirkt er.

Seit 12 Jahren Ensemble-Mitglied der Oper Frankfurt

Vor 12 Jahren sang er an der Frankfurter Oper den Lescault aus Henzes “Boulevard Solitude”, seine erste Premierenrolle an dieser Bühne. Seitdem gehört er zum Ensemble. “Ich finde es schön, einen Bezugspunkt zu haben, sowohl, was das Persönliche betrifft, als auch dass man die Kollegen kennt, insofern bin ich gerne hier.” Er lobt das Niveau, das Orchester, die Produktionen. Er gebraucht die Worte “toll” und “wunderbar”. Nun wird der Sänger Kränzle national und international immer mehr gefragt, und es wird nach Lösungen gesucht, ihm diese Freiheiten des ausserfrankfurterischen Engagements zu ermöglichen.

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Johannes Martin Kränzle in seinem Musikzimmer

1999 überzeugte Johannes Martin Kränzle mit einer grandiosen Darstellung des Lenz in Wolfgang Rihms Kammeroper “Jakob Lenz”. Sie stützt sich auf Georg Büchners psychologische Novelle “Lenz”, die von der Krankheit des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz erzählt. Dieser hatte Angst- und Wahnvorstellungen, die ihn immer wieder zu Suizidversuchen trieben. Die Erinnerung an diese erschütternde Interpretation durch den Bariton Johannes Martin Kränzle ist heute noch hellwach.

Er sang und spielte eindrucksvoll echt. Es ist zu vermuten, dass Wolfgang Rihm von Kränzles Interpretation auch begeistert war. Denn nun vertraut ihm der Komponist erneut die Rolle eines psychisch Kranken an, und zwar in seiner Oper “Dionysos”, die Nietzsches letztes Werk “Dionysos-Dithyramben” zur Grundlage hat. Noch sitzt der Komponist an der Partitur der Oper, die bei den diesjährigen Salzburger Festspielen im Juli zur Uraufführung kommen soll. Johannes Martin Kränzle wird die Partie singen. Er wartet auf die Noten, was ihm im Augenblick ganz recht ist. In der Regel rechnet er mit zwei, drei Monaten für die Probenarbeit. “Das wird so eine Situation sein, dass man sich vornehmen muss, man springt gerade in so was rein”. Denn zur Zeit käme er nicht zum Einstudieren, da er im März an der Kölner Oper sein Rollendebüt in Bartoks “Herzog Blaubarts Burg” (Premiere am 12. März) gibt und im Mai in Mailand am Teatro alla Scala sein Rollen- und Hausdebüt als Alberich in Wagners “Das Rheingold” (aus dem Zyklus “Der Ring der Nibelungen”). Rund um die Uhr habe er nach Mailand zu proben.

Aber zunächst an die Kölner Oper: September 2009 wurde Wagners Oper “Die Meistersinger von Nürnberg” neu inszeniert. Die Kritiken betreffend Regie waren verheerend. Nur Johannes Martin Kränzle als Beckmesser wird höchstes Lob zuteil. “Herausragend  … darstellerisch überzeugender Beckmesser, der die Rolle einmal nicht als Karikatur anlegt, sondern – bei aller Detail-Differenzierung – mit Würde und Tragik ausstattet”, heisst es im Kölner Stadt-Anzeiger.

Im Gespräch darauf angesprochen, betont Kränzle den “ernsten Kern”, der jeder Figur innewohnt. “Der Mensch möchte ja kein Clown sein, sondern möchte ja auch verstanden werden. Durch die Situation ergibt sich dann die Komik und nicht dadurch, dass ich jetzt rauskomme und der grosse Spassmacher sein möchte”. Er beruft sich auf Charlie Chaplin und Buster Keaton, die in ihrem Ernst komisch waren. Aber nachahmen, kopieren kommt für ihn nicht infrage, er will “aus sich selbst arbeiten und Ideen entwickeln”. “Sich auf die Suche machen” ist seine Devise bei der Entwicklung einer Rolle. Er schätzt die Zusammenarbeit mit Regisseur Christof Loy, der an der Oper Frankfurt “Cosi fan tutte” inszenierte. Ein psychologisches Regie-Meisterstück, in dem Johannes Martin Kränzle den Don Alfonso singt (5. März 2010). Geschickt wickelt er die Frauen ein, die lange Zeit sich nicht verführen lassen und ihren Männern treu sein wollen. Aber Don Alfonso lässt nicht nach, weil es ja um eine Wette geht: “Cosi fan tutte” … “So sind sie alle”, die Weiber. Frauenfeindlich?

Nein, sagt der Sänger. Mozart behandele ja die Frauen viel liebevoller als die Männer, die seien ja wohl schön dumm, so eine Wette einzugehen. Und humorvoll fügt er hinzu: “Wenn die Männer die Frauen auf die Probe stellen würden, dann wäre das ganze Stück viel schneller zu Ende, denn die Männer würden nicht so lange durchhalten.”

Der einzige, der als Sänger wie als Schauspieler völlig souverän wirkt an diesem Abend, ist Johannes Martin Kränzle als “Beckmesser”, so wird in WDR 5 nach der Premiere in Köln berichtet. Er wird als der einzige gefeiert, der seinen Part zu entwickeln versteht. Als Sensation, als “Sänger, der vor Kraft und Sinnlichkeit vibriert, der mit der Stimme zu agieren versteht” (Kölner Stadt Anzeiger) wird er gefeiert.

Das fasziniert an Johannes Martin Kränzle: er überzeugt sängerisch wie darstellerisch und das nicht nur als Beckmesser, sondern auch als Don Alfonso, als Don Pizarro, als Graf Almaviva, als Papageno, als Figaro, als Eisenstein, als Lenz und und und. Über sechsunddreissig Rollen verfügt sein aktives Repertoire derzeit. Theaterspielen hat ihn schon immer interessiert, am Anfang mehr als das Singen. “Ich gehe privat fast öfter ins Schauspiel als in die Oper, da ich da mehr Innovation fürs eigene Spiel finden kann”, bekennt er. Professor Andreas Meyer-Hano von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt hat ihm während des Studiums die Schauspielkunst nahe gebracht.

Werdegang

Aber nun zurück zu den Anfängen des in Augsburg geborenen Sängers. Die Mutter war Musiklehrerin an einem Gymnasium. Er und seine beiden jüngeren Geschwister lernten ein Instrument. Er lernte die Geige. Dieses Instrument beherrscht er so gut, dass er in der szenischen Aufführung von Schuberts “Winterreise” ein Geigensolo spielt, ebenso manchmal in Offenbachs “Orpheus in der Unterwelt”. Und gelegentlich macht er mit Kollegen des Orchesters Kammermusik.

Nach der Schule, wo er hin und wieder ein Solo sang, studierte er in Hamburg ein Jahr Musiktheaterregie. Das fand er irgendwann langweilig, zu theoriebelastet, weil man von den spannenden Persönlichkeiten wie Götz Friedrich nur Referate hörte. Wie kam er zum Gesang? Durch Zufall. Johannes Martin Kränzle machte in Frankfurt am Main die Aufnahmeprüfung für Schulmusik, ohne Schulmusiker werden zu wollen, sondern um sich eine umfassende, musikalische Ausbildung anzueignen. Der Musikpädagoge Martin Gründler, der vor sechs Jahren verstarb, sass zufällig an diesem Tag in der Prüfungskommission. Er hörte den Studenten und sagte “Sie werden Sänger! Kommen Sie wieder und machen in einem halben Jahr die Gesangsaufnahmeprüfung”. So hat es Kränzle dann gemacht. Nach fünf Jahren hat Gründler sein Versprechen wahr gemacht und ihm ein erstes Engagement in Dortmund vermittelt.

“Da war jemand so überzeugt von mir. Ich bin ihm heute noch sehr sehr dankbar“.

Neue Lied-CD

2009 erhielt die CD-Aufnahme von Aribert Reimanns Oper “Lear”, die 2008 an der Oper Frankfurt Premiere hatte, den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Johannes Martin Kränzle bietet als ausgenutzter, gefolterter Gloster ein berührendes Portrait.

Nun ist 2009 eine Lied-CD des Sängers erschienen, die seine sängerische Bandbreite voll zur Entfaltung kommen lässt.

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Cover der CD „Die Mitternacht zog näher schon” (Bildnachweis: Oehms Classics München)

Es sind dramatische, witzige, nicht nur romantische Balladen von Carl Loewe, Robert Schumann, Hugo Wolf, Franz Schubert, Gustav Mahler sowie Ferruccio Busonis „Flohlied“ von Johann Wolfgang Goethe. Mephisto präsentiert es in “Faust I”, um die Gäste in Auerbachs Keller zu Leipzig zu erheitern.

Zu einer Hörprobe bitte hier anklicken
(alle Rechte bei Oehms Classics München)

“Es war einmal ein König,
Der hatt’ einen grossen Floh,
Den liebt’ er gar nicht wenig,
Als wie seinen eig’nen Sohn.
Da rief er seinen Schneider,
Der Schneider kam heran:
Da, miss dem Junker Kleider
Und miss ihm Hosen an!

In Sammet und in Seide
War er nun angetan,
Hatte Bänder auf dem Kleide,
Hatt’ auch ein Kreuz daran,
Und war sogleich Minister,
Und hatt’ einen grossen Stern.
Da wurden seine Geschwister
Bei Hof auch grosse Herrn.

Und Herrn und Frau’n am Hofe,
Die waren sehr geplagt,
Die Königin und die Zofe
Gestochen und genagt,
Und durften sie nicht knicken
Und weg sie jucken nicht.
Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.”

Johannes Martin Kränzle lässt im „Flohlied“ wie auch in Mahlers “Des Antonius von Padua Fischpredigt” und Schumanns “Die beiden Grenadiere” feine Ironie hören. Sein lyrischer Bariton kann sich in diesen Liedern wunderbar entfalten. Loewes Balladen singt er wie die alten Barden, nicht immer die Basstiefen genügend ausschöpfend, aber wirklich dramatisch. Schuberts “Erlkönig” gefällt, weil er eine übertriebene Darstellung, wie sie früher üblich war, vermeidet. Auch Hugo Wolfs “Gutman und Gutweib” sowie “Der Feuerreiter” sind lebendig und Schuberts “Revelge” äusserst berührend. Seine Texte sind gut zu verstehen. Hilko Dumno, Dozent für Liedform an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt, preisgekrönter Klavierbegleiter grosser Interpreten, unterstützt den Sänger am Klavier: vorzüglich, markant und einfühlsam. Seine Vor-, Zwischen -und Nachspiele lassen ein bedeutendes pianistisches Können spüren.

Ein engagierter Mensch

1991 gewann der 28jährige Johannes Martin Kränzle in Rio de Janeiro bei einem Gesangswettbewerb den ersten Preis. Damals hatte er gerade das Dortmunder Engagement mit einer kleinen Rolle angenommen und konnte das Angebot der Oper von Rio, als Leporello zu debütieren, nicht wahrnehmen. Er hatte wohl noch die Zeit, in Nordbrasilien herumzureisen und ein paar Konzerte zu geben. Aber das war den Musikprofessoren von João Pessoa nicht genug. Sie wollten, dass er den Studenten etwas beibringe. Blitzschnell organisierten sie einen Simultandolmetscher und einen Pianisten, und der junge Sänger fand sich sofort in der Rolle des Musikpädagogen.

Es machte ihm Spass. Schnell sprach sich seine Tätigkeit in Nordbrasilien herum. Im Jahr darauf meldete sich die Musikschule von Recife, dann von Natal, wo er im Januar 2010 unterrichtet hat. Einigen seiner Teilnehmer konnte er in diesen 19 Jahren, die er nun dort aktiv ist, helfen, in Europa einen Studienplatz zu finden.

Ehrenamtlich ist er natürlich tätig. Wobei das Geld, das er diesmal bekam, seine Flugkosten deckten. “Ich fände es eigenartig, wenn ich als Besserverdienender Kapital daraus schlagen würde.” Die Tatsache, dass er die Sonne und den Strand geniessen kann und vor allem ein anderes Lebensgefühl erlebt, ist für ihn Lohn genug. Es macht ihm Spass, nicht nur an grossen Häusern in Japan, USA und Deutschland zu singen (“da ist manchmal alles zu saturiert, gemachte Nester”), sondern auch zum Beispiel in Tiflis, wo die Proben erst zu Ende sind, wenn das Licht ausgeht, oder wie Ende Januar in Kairo.

Johannes Martin Kränzle, dem kein Alter anzusehen ist, ist auf dem Sprung in die Weltkarriere. Publikum und Fachwelt sind gespannt auf seine Interpretation des Alberich, den er im Mai am Teatro alla Scala singen wird und im Oktober an der Deutschen Oper Berlin. Wie wird er dessen Bösartigkeit, aber auch Verzweiflung – auch er hat ja einen “guten Kern” – gestalten?

Die Termine des Sängers, auch die Konzertermine von Mendelssohn-Bartholdys “Elias” in Darmstadt und Mainz, stehen auf seiner Internet-Seite .

Im Juni und Juli 2010 singt er wieder an der Oper Frankfurt Hans Pfitzner. Dann kommen die Salzburger Festspiele, dann Berlin. Das Jahr beendet er als Graf Danilo in “Die Lustige Witwe” im Grand Théâtre de Genève. 2011 steht das berühmte Glyndebourne Opernfestival südlich von London auf seinem Terminkalender.