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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Musik' Category

“La Calisto” von Francesco Cavalli in der Oper Frankfurt

Montag, 2. Januar 2012

Amor, der Taugenichts – Amor, der Glücksbringer
Irdische Liebe – himmlische Liebe

von Renate Feyerbacher

Feuerrot ist sein Kostüm. Grazil, knabenhaft, beflügelt, beobachtend, lauernd, mit Flöte bewaffnet, hockt Amore (Amor) alias Eros, um seine Intrigen zu beginnen.

Anna Fusek (Amore), Foto: © Barbara Aumüller

Ein schön anzusehender Liebesgott in Gestalt der Musikerin und Schauspielerin Anna Fusek. Mal listig, mal traurig, mal rabiat, pantomimisch nuanciert, lenkt sie betörend die Verwirrspiele mal vom schmalen Bühnensteg aus, mal aus dem Publikum. Sinneslust pur.

“Alle sind verrucht, die an Amor glauben”

Calisto (Kallisto), die Schöne, ein Mensch, eine Nymphe im Gefolge der Jagdgöttin Diana, wird als Erste Amors Opfer sein. Giove (Jupiter) kommt zunächst als fürsorglicher Obergott. Er bedauert den Zustand der Welt, den der Krieg zwischen Göttern und Menschen angerichtet hat, und will helfen. Die Erde ist verbrannt und kahl. Er erspäht Calisto. Sie klagt über die ausgetrockneten Quellen und gibt Giove die Schuld. Der weibertolle Gott will ihr imponieren und lässt ad hoc die Quellen sprudeln. Natürlich will er nicht nur beeindrucken, sondern naschen.

Anna Fusek (Amore) und Christiane Karg (Calisto), Foto: © Barbara Aumüller

Aber Calisto, die Keuschheit schwor, verweigert sich. Gioves Sohn Mercurio (Merkur), Schutzpatron der Kaufleute und des Handels, aber auch der Diebe und Lügner, rät zur List, zur Täuschung, zur göttlichen Metamorphose. Giove verwandelt sich in die Gestalt der Göttin Diana, der Jagd- und Mondgöttin, Göttin der Keuschheit. Wohlgemerkt – es ist seine Tochter mit Giunone (Juno). Das ist besonders infam von dem verwandlungsgeübten Gott, der oft denen, die er begehrt, als Tier erscheint: bei Europa als Stier, bei Leda als Schwan, bei Ganymed als Adler. Calisto merkt den Betrug nicht und lässt sich von der vermeintlichen Göttin küssen und noch mehr. Der Gott schwängert sie.

“Betrogen von Jupiters Liebesglut”

Der römische Dichter Ovid (43 v. Chr bis um 17 n. Chr) hat in den “Metamorphosen”, seinem 15bändigen Meisterwerk, auch die Geschichte von Kallisto erzählt. Giovanni Faustini (1615 bis 1651), der Librettist der Oper “La Calisto”, verknüpft zwei antike Mythen miteinander, “die ursprünglich nichts miteinander zu tun haben”, sagt der Librettoforscher Albert Gier. Aber Diana tritt in beiden auf, allerdings in unterschiedlichen Rollen. Calisto gegenüber ist sie hart und streng und verbannt sie. Sie selbst, die Hüterin der Keuschheit, verliebt sich in den schönen Hirten Endimione (Endymion). “Faustini war der Erfinder solcher, in der venezianischen Oper des 17. Jahrhunderts sehr beliebten Doppelintrigen, die den Vorteil haben, vier etwa gleichwertige Hauptrollen zu ermöglichen” (Albert Gier).

Luca Tittoto (Giove) und Christiane Karg (Calisto), Foto: © Barbara Aumüller

Francesco Cavalli (1602 bis 1676) kleidete dieses Drama in Musik. Er komponierte schnell, auch noch während Librettist Faustini probte. Die Uraufführung war in Venedig und könnte im Herbst 1651 oder im Frühjahr 1652 gewesen sein. Letzteres Datum entspräche dem venezianischen Karneval. Als Karnevalsoper wird daher “La Calisto” auch bezeichnet. “Die Freiheit Venedigs billigt alles … Die berühmte Freiheit Venedigs zieht die Fremden haufenweise an, die Lustbarkeiten und die Vergnügungen halten sie dort fest und erschöpfen ihre Börse” schrieb der Wissenschaftler Alexandre Toussaint de Saint Didier 1680 in “La ville et la République de Venise”. Suffisant führt er das Beispiel des Herzogs von Savoyen an, der unter falschem Namen verschwenderischen Aufwand trieb.

Luca Tittoto (Giove) und Daniel Schmutzhard (Mercurio), Foto: © Barbara Aumüller

Cavalli hiess ursprünglich Giovanni Battista Caletti und war der Sohn eines Domkapellmeisters. Seine schöne, vielgerühmte Knabenstimme faszinierte den Statthalter von Venedig Federico Cavalli, der den Vierzehnjährigen mit in die Lagunenstadt nahm. Dort erhielt er die beste musikalische Ausbildung und war Schüler von Claudio Monteverdi. Er dankte seinem Förderer, indem er seinen Namen annahm und bis zum Lebensende San Marco als Tenorsänger, Organist, Kapellmeister und Komponist verpflichtet blieb.

“Alle Männer sind verrückt”

Das Künstler-Gespann Faustini-Cavalli konzentrierte sich auf die Liebesintrige, auf die Paare Diana – Endimione und Giove – Calisto. Und es geht ihnen um zwei verschiedene Spielarten der Liebe. Beim ersten Paar ist es himmlische Liebe, die sich in Küssen und Träumen erschöpft, beim zweiten Paar geht es um irdische Liebe, die im Geschlechtsakt endet. Beide nähern sich jedoch an, beziehungsweise ihre Liebe unterliegt auch einer Metamorphose: Mondgöttin Diana muss vom Sternenhimmel steigen, um ihrem keuschen Geliebten, den sie in ewigen Schlaf versenkte, nahe zu sein. Sie gibt sich also irdischer Liebe hin, Calisto wird zum Sternbild und ist so dem Geliebten nahe. So wird die Liebe himmlisch.

Brenda Rae (Giunone), Foto: © Barbara Aumüller

Wie kommt es dazu? Giunone (Juno), Jupiters Gemahlin, hat natürlich den Betrug ihres Mannes schnell erkannt. Aber nicht ihn straft sie, sondern Calisto. Und das sehr hart, obwohl die junge, unschuldige Nymphe betrogen wurde, einer Vergewaltigung zum Opfer fiel. Sie lässt Calisto durch die Furien quälen und verwandelt sie in eine Bärin. Daraufhin verspricht Giove ihr eine weitere Metamorphose: als Sternbild wird sie neben ihm Göttlichkeit erlangen.

“Alle Frauen sind verrückt”

“Rollen- und Partnertausch, aber mit Rückverwandlungsgarantie, für zwei Wochen, eine Nacht, eine Stunde, einen Rausch: her damit – nur bitte danach weiter wie  bisher, um eine Erfahrung reicher, ein bisschen Krise als Chance” – das schrieb Jan Bosse im Programmheft zur Baseler Inszenierung von “La Calisto” 2010.

Jan Bosse (1969 geboren), Hausregisseur am Berliner Maxim Gorki-Theater, aktiv an Züricher und Basler Theatern, inszenierte in Frankfurt während der Intendanz von Elisabeth Schweeger Werner Schwabs sogenanntes Fäkaliendrama “Die Präsidentinnen” mit Karin Neuhäuser. Eine grandiose Inszenierung.

Nach “L’Orfeo” von Monteverdi ist “La Calisto” von Cavalli nun seine zweite Operninszenierung, zunächst am Theater Basel und nun an der Oper Frankfurt, genauer im Bockenheimer Depot. Sie wurde neu einstudiert im Bühnenraum von Stéphane Laimé, der seit 14 Jahren für Bosse entwirft (und 2011 “Bühnenbildner des Jahres” wurde) sowie in den Kostümen von Kathrin Plath. Grandios Laimés Idee mit den Wasservorhängen, auf denen erotische Videoinstallationen projiziert werden.

Mitgebracht hat Bosse aus Basel Anna Fusek als Amore,  Luca Tittoto als Giove und Flavio Ferri-Benedetti als Linfea.

“Ich möchte vernascht werden”

Die Spielstätte Bockenheimer Depot ist ideal für dieses frivole, sinnliche Verwirrspiel. Männer und Frauen sitzen sich in zwei Zuschauerblöcken gegenüber, strikt getrennt durch den Bühnensteg. Und die Protagonisten tummeln sich, je nach Gelüsten, mal in dem einen, mal im anderen Block.

Linfea (Lynfea), zum keuschen Gefolge Dianas gehörend, dreht plötzlich durch, entledigt sich ihres weissen, wallenden Gewandes, stürzt sich im kurzen Leopardenkostüm auf die Tribüne der Männer und sucht und findet einen männlichen Schoss. “Ich möchte vernascht werden.”

Flavio Ferri-Benedetti (Linfea) und Christopher Robson (Satirino), Foto: © Barbara Aumüller

Amore leistet tolle Arbeit. Sie hetzt den kleinen Satyr, ein Mischwesen aus Mensch und Tier, auf Linfea, die natürlich angewidert ist.

Das Publikum kommt aus dem Staunen nicht heraus, auch wenn man bedenkt, wie alt diese Geschichte beziehungsweise dieser Text ist und – wie modern. Jacques Offenbach könnte sich hier Ideen geholt haben und auch Mozart: das Duo Jupiter und Merkur erinnert an Don Giovanni und Leporello.

Ein Heidenspass, der dank einer glänzenden Regie nichts mit Klamotte zu tun hat.

Die Musik: eine Entdeckung

Francesco Cavalli, der mehr als 30 Opern schrieb, war damals der führende Opernkomponist Italiens und damit Europas. Selbst seinen Lehrer Monteverdi übertraf er mit seinen musikalisch-durchstrukturierten Formen. “Welche Oper stellt so offen wie diese Sinnlichkeit und Sexualität in den mannigfaltigsten Formen dar?” fragt Dirigent René Jacobs im CD-Booklet von “La Calisto” (2005).

Cavalli begeistert durch Nuancenreichtum der Stimmen: da ist der leidenschaftlich-verzweifelte Sopran der Calisto, der dramatische von Diana und der fast hysterische, in Koloratur sich steigernde von Giunone.

Jenny Carlstedt (Diana), Foto: © Barbara Aumüller

Nymphomanin Linfea wird von einem Countertenor gesungen, der sich auf Travestierollen spezialisiert hat. Der kleine Satyr ist auch ein Countertenor mit hoher Stimmlage. Das Mischwesen Pane (Pan), der Hirtengott, singt manchmal überdreht in seiner Tenorstimmlage. Weich, zart, poetisch-träumerisch ist die Stimme von Endimione, Dianas Liebhaber, “des männlichen Altisten” (René Jacobs). Zwei Basspartien sind dabei: Panes Begleiter Silvano imponiert mit ruppigem Bass. Gioves Klangfarbe ist dagegen locker, verführerisch und steigert sich als Diana ins Falsett. Sein Helfershelfer, Sohn Mercurio, ist ein kecker Bariton wie Leporello. Selten ist so viel stimmliche Vielfalt zu hören.

Nur Amore, Anna Fusek, singt nicht, spielt Flöte und Geige und eilt beweglich durch alle turbulenten Liebesspiele, die er entfachte, und die ein grandioses Sängerinnen- und Sängerteam spielfreudig realisiert: allen voran Christiane Karg als Calisto, Luca Tittoto als Giove, ein italienischer Casanova, Daniel Schmutzhard als Mercurio, Jenny Carlstedt als Diana, Brenda Rae als Giunone, Valer Barna-Sabadus als Endimione, Flavio Ferri-Benedetti als Linfea, Martin Mitterrutzner als Pane, Florian Plock als Silvano, Christopher Robson als Satirino und als Chor das Ensemble Barock vokal der Hochschule für Musik in Mainz.

Last not least dirigiert – sehr einfühlsam, spritzig und fein – der englische Barockspezialist Christian Curnyn die wenigen Musiker  des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters vom Cembalo aus.

Anna Fusek (Amore), Foto: © Barbara Aumüller

Selten besinnt sich Amore und hält inne.

Den Sternenhimmel am Ende produziert das Publikum mit kleinen, in der Pause verteilten Lampen.

Weitere Vorstellungen der Oper Frankfurt am 2., 4., 6. und 7. Januar 2012. Ort des Geschehens: das Bockenheimer Depot, jeweils um 19.30 Uhr.

“Adriana Lecouvreur” von Francesco Cilea in der Oper Frankfurt

Donnerstag, 8. März 2012

Oberflächliche Liebesschwüre – furioses Duell der Rivalinnen

Text: Renate Feyerbacher
Fotos: © Wolfgang Runkel / Oper Frankfurt

Theater, Bühnenwirklichkeit konfrontiert mit der Realität, so lässt sich das Melodrama, die neue Opernkreation in Frankfurt, auf den Punkt bringen.

Micaela Carosi (Adriana Lecouvreur)

Staunen, als der rote Theatervorhang langsam nach oben schwebt und das Bühnenbild sichtbar wird. Ein Bühnenbild im Bühnenbild. Der Ort: die Comédie-Française, beziehungsweise die Bühnenkulissen mit Einblick in die dahinter liegenden Garderoben der Schauspielerinnen und Schauspieler. Hinten das Portrait von Jean-Baptiste Poquelin, alias Molière (1622 bis 1673), der eng mit diesem Theater verbunden war. Es wird auch “Maison de Molière” genannt. Per Dekret hatte König Ludwig XIV. im Jahr 1680 die beiden Pariser Schauspieltruppen in diesem Theater vereinigt.

Später verschwindet Molières Bild und ein Spiegel erweitert das Geschehen.

Opulent die grandiosen Kostüme der damaligen Zeit und wie sie sich gekonnt darin bewegen: die Schauspiel-Sängerinnen und -Sänger der Oper Frankfurt. Nervös hin und her eilend, aus Jean Baptiste Racines (1639 bis 1699) Tragödie “Bajazet” rezitierend. Dazwischen sind Sätze zu hören, die Intrigen offenbaren und spannend auf das Operndrama vorbereiten, das folgt.

Peter Marsh (Abbé von Chazeuil), Maren Favela (Fräulein Dangeville; verdeckt), Julian Prégardien (Poisson), Micaela Carosi (Adriana Lecouvreur), Davide Damiani (Michonnet), Anna Ryberg (Fräulein Jouvenot), Florian Plock (Quinault) und Federico Sacchi (Fürst von Bouillon)

Historische Figuren

Die Oper spielt im Jahr 1730. Es ist das Todesjahr der berühmten Schauspielerin Adrienne Couvreur genannt Lecouvreur, die 1692 in der Champagne zur Welt kam. Eine historische Figur, eine gefeierte Schauspielerin, die mit 37 Jahren starb und buchstäblich in einer Nacht- und Nebelaktion am Ufer der Seine verscharrt wurde, in nicht geweihter Erde. So wollten es die Bestimmungen der katholischen Kirche für Schauspieler im 18.Jahrhundert.

Vorgeworfen wurde den Darstellern, dass sie die Wirklichkeit fälschten, zum destruktiven Zeitvertreib verleiteten, die Jugend und die Frauen durch öffentliche Darstellung von Liebe und Leidenschaft gefährdeten und per se unsittlich in ihrem Lebenswandel seien. Sie wurden der Prostitution verdächtigt.

Lecouvreurs Freund, der Schriftsteller Voltaire (1694 bis 1778), schrieb in seinem Wort-Epitaph: “Und die Lecouvreur hätte in London ein Grabmal neben den Geistesgrössen, den Königen und Helden bekommen … Götter! Warum ist mein Land nicht mehr das Vaterland des Ruhmes und der grossen Geister?“ (aus: “Der Tod von Mademoiselle Lecouvreur, der berühmten Künstlerin”, 1730, zitiert aus dem Programmheft).

Makaber, dass der Wohlfahrtsausschuss (Comité de salut public), der während der Französischen Revolution vom Nationalkonvent eingerichtet wurde, die Comédie-Française 1793 schliessen und die Schauspieler verhaften liess. Sie wurde erst sechs Jahre später wiedereröffnet. Welche Gemeinsamkeiten!

Charles-Antoine Coypel (1694 bis 1752), Adrienne Lecouvreur als Cornelia in Pierre Corneilles Drama La Mort de Pompée (wikimedia commons, Foto: Vichy-Enchères)

Dabei bleibt die Schauspielerin Adrienne Lecouvreur in historisch guter Erinnerung. Sie war bescheiden und beschrieb sich als Dienerin der Kunst, die das “Verdienst meines Spiels in seiner Natürlichkeit” sah.

Die Familie war aus wirtschaftlichen Gründen, der Vater war Hutmacher, nach Paris gezogen in unmittelbare Nachbarschaft zum berühmten Theater, an dem sie später ihre grossen Rollen spielte. Früh wurden Theaterleute auf ihr Talent aufmerksam. Mit 18 Jahren war sie bereits am Theater in Lille engagiert, es folgten Gastspiele in Flandern, Lothringen und im Elsass. In Straßburg wurde sie ans Hoftheater des Herzogs verpflichtet. “Sie verkehrte  als angesehener Gast in den ersten Kreisen dieser weltoffenen Stadt – ein für die damalige Zeit erstaunlicher Vorgang. Denn Theaterleute galten während des Ancien Régime als nicht gesellschaftsfähig”, schreibt Hans-Georg Uhl im Programmheft-Beitrag “Gesellschaftsskandal um eine grosse Tragödin” (aus “Ein Libretto schöpft aus dem Leben”, München 1984). Sie brachte es fertig, die sozialen Schranken zwischen dem Schauspielberuf, der einen niederen Status hatte, und der sogenannten besseren Gesellschaft zu überwinden.

Schlichtes Auftreten, kein pathetisches Gehabe, sondern kluge Natürlichkeit auf der Bühne und im persönlichen Umgang, hohe Intelligenz, literarisches Talent und sittliches Verhalten, und das in der verführerischen Barockzeit, werden ihr nachgesagt. Ihre besondere Ausstrahlung und ihre Fähigkeit, die Herzen der Menschen zu rühren, begeisterten.

Sie war 25 Jahre als, als sie nach Paris verpflichtet wurde. Es beginnt die Zeit ihrer grössten Theatertriumphe. In den Logen gaben sich die Fürsten die Klinke in die Hand. Und auch die Pariser Bürger lagen ihr zu Füssen. Sie gewann mit den klassischen Rollen in Corneilles und Racines Dramen ein Bühnenformat, das später nur mit dem von Sarah Bernhardt (1844 bis 1923) verglichen wird, die 1862 mit 18 Jahren an der Comédie-Française mit Iphigenie von Jean Racine debütierte. Sie verehrte die Vorgängerin, war allerdings im Privaten mehr oder weniger das Gegenteil. Sie schlüpfte in dem Stück, das sie schrieb, in die Rolle der Adrienne Lecouvreur.

Opernhandlung

Der italienische Komponist Franceso Cilea (1866 bis 1950) entschied sich 1899, das Drama von Eugène Scribe und Ernest Legouvé  “Adrienne Lacouvreur”, zum Libretto umgeschrieben von Arturo Colautti, zu vertonen. Er begeisterte sich für die verschiedenen Charaktere, von denen er berechtigt Bühnenwirksamkeit erhoffte. Die Paare Lecouvreur – Maurizio und Fürst und Fürstin von Bouillon bieten sie, ebenso das glamouröse Theaterleben der Barockzeit.

Fast authentisch haben die Herren Scribe und Legouvé die Figur der historischen Schauspieler-Persönlichkeit gezeichnet. Ob sie allerdings durch den Duft eines vergifteten Veilchenstrausses starb, wird bezweifelt. Adriennes Arzt, der wie Voltaire bei der Sterbenden war, konnte die Todesursache nicht klären. Tatsächlich soll die Künstlerin an Lungenschwindsucht gelitten haben.

Maurizio heisst ihr Geliebter in Cileas Oper “Adriana Lecouvreur”. Hinter der Figur verbirgt sich der historische Hermann Moritz Graf von Sachsen (1696 bis 1750), illegitimer Sohn von August dem Starken. Ein Meister deutscher Kriegskunst in französischen Diensten (Maréchal de Saxe). Berüchtigt war er wegen seiner Ausschweifungen. Adriennes Briefe an den Grafen bezeugen dagegen ihre Treue.

In der Oper, die 1902 in Mailand uraufgeführt wurde (mit Angelica Pandolfini in der Titelrolle und Enrico Caruso als Maurizio), tritt der Graf zunächst als untadeliger Held, als glühender, ehrlicher Liebhaber auf. Allerdings weiss Adriana nicht, dass er der Graf von Sachsen ist und nicht ein Fähnrich aus dessen Regiment, wie er vorgibt.

Schon kurz nach dem mit Treueschwüren vollgepackten Duett verschwindet er, um sich mit Adrianas späterer Gegenspielerin zu treffen, der Fürstin von Bouillon. “Er verspricht viel, hält wenig”, bestätigt er von sich selbst.

Im  Zweiten Akt ein neues Bühnenbild: eine halbkreisförmige Wand, die zu einzigartigem Schattenspiel anregt. Nur ein Stuhl steht einsam herum.

Modern die Kostüme. Die Fürstin in einem sportlich-eleganten Satinmantel, unter dem sie dürftig bekleidet ist. Sie will Maurizio, den sie leidenschaftlich liebt, verführen, wieder an sich binden. Der aber bleibt kühl und distanziert. Daraufhin will sie den Namen ihrer Rivalin wissen. Überraschend wird der Fürst, ihr Gatte, angekündigt, und eilig muss sie sich verstecken.

Frank van Aken (Maurizio), Tanja Ariane Baumgartner (Fürstin von Bouillon) und Micaela Carosi (Adriana Lecouvreur)

Die Intrigenspiele sind verworren: Der Fürst, glaubt, dass seine Maitresse, die  Schauspielerin Mademoiselle Duclos, an Graf Moritz einen Brief schrieb und will die beiden überführen. Dabei erfährt Adriana, die auch in der Villa ihrer Schauspielkollegin Duclos erscheint, dass Maurizio der Graf selbst ist, und verdächtigt ihn, ein Verhältnis mit der Duclos zu haben. Er kann sie überzeugen, dass es nur politische Interessen waren, sich mit einer  hochgestellten Dame hier geheim zu treffen. Adriana, die erkennt, dass diese Dame Maurizio liebt, ist nicht mehr bereit, der Fürstin zur Flucht zu verhelfen, wie sie es Maurizio versprach. Ein Höhepunkt der Oper ist das Duett der beiden Rivalinnen. Der Fürstin gelingt unerkannt die Flucht, ihr Armband bleibt jedoch in Adrianas Händen zurück.

Auf einem Fest, zu dem der Fürst auch Adriana und Michonnet, den Inspizienten der Comédie einlud, kommt es zum Eklat. Die Fürstin erkennt die Stimme der Nebenbuhlerin. Um letzte Gewissheit zu erhalten, tischt sie die Geschichte vom verwundeten Maurizio auf. Adrianas heftige, betroffene Reaktion gibt ihr Gewissheit. Dann erscheint der Graf und protzt mit seinen kriegerischen Taten. Adriana rächt sich, indem sie das Armband zeigt. Der Fürst erkennt es als Schmuckstück seiner Frau und ist pikiert.

Eine schauspielerische Einlage wird verlangt. Hämisch fordert die beherrschte Fürstin die Rivalin auf, die Klage der Ariadne, die von Theseus verlassen wurde, zu deklamieren. Der Fürst will dagegen, dass sie aus Racines Phädra rezitiert, die eine
zerstörerische, leidenschaftliche Liebe zu ihrem Stiefsohn nährt. “Mir scheint, diese Gewölbe, diese Mauern sprächen, als warteten sie schon, zur Anklage bereit, meinem Gemahl die Wahrheit zu enthüllen“ (Racine “Phädra”, Akt III, Szene 3).

Dramatisch, wie Cilea diese Szene gestaltet hat. Adriana beginnt im Deklamationsstil, geht über in Sprechgesang und endet im Gesang. Das hat Wucht. Kein Wort sprechen Adriana und Maurizio bei diesem Fest miteinander.

Der vierte Akt, der wieder in den Theaterkulissen spielt, die durch bedrückendes Lichtdesign verfremdet sind,  ist dem Vergiftungstod der Schauspielerin gewidmet. Noch einmal erscheint Maurizio, den der väterliche Freund Michonnet (der seine Liebe zu Adriana vergrub) um sein Kommen bat. Er bittet um Verzeihung und beschwört sie, seine Frau zu werden. Der Giftduft der Blumen wirkt.

Davide Damiani (Michonnet) und Micaela Carosi (Adriana Lecouvreur)

Der Komponist und seine Oper

Francesco Cilea prägte das Musikleben seines Landes um 1900 noch entscheidend mit. Die Kritiker rechneten seine Oper “Adriana Lecouvreur” zu den gelungensten Opern der Jahrhundertwende. Triumphal ist es 1902 im Mailander Teatro Lirico zugegangen. Nicht nur in Italien, sondern auch im Ausland – Paris, London, Mexiko City, St.Peterburg und New York – wurde das Werk gefeiert. Nur aus Hamburg, wo die deutsche Erstaufführung im November 1903 stattfand, gab es kaum Berichte, und nach drei  Aufführungen wurde es abgesetzt. Erst 1938 tauchte die Oper wieder in Berlin auf.

Aber es gab eine Zeit, da wurde sie auch nicht mehr in Italien gespielt, und Cilea bearbeitete sie. 1930 erlebte sie ihre erfolgreiche Wiederaufführung und gehört seitdem in Italien zum Repertoire. Seit einiger Zeit wird “Adriana Lecouvreur” auf mehreren deutschen Opernbühnen gespielt.

Musikspezialisten sprechen von einer “farbigen, perfekt ausgearbeiteten Instrumentierung” und bescheinigen der melodischen Form eine stets klare und elegante Führung. Grandios wird Maurizios kriegerische Erfolgsarie, die er der Festgesellschaft präsentiert, durch Trommeln, Hörner und Trompeten begleitet. Sie steigert die Sensationslust der Anwesenden. Sehr differenziert und fest umrissen sind die Partien der Rivalinnen. Gelungen ist ihr gegenseitiger Schlagabtausch, der schliesslich in der Deklaration der Phädra gipfelt.

Francesco Cilea sah seine Hauptaufgabe nicht als Komponist, sondern als Lehrer. Schmal ist sein Œuvre: fünf Opern, die wenig Beachtung fanden, Kammermusik und Orchesterwerke.

Die Frankfurter Aufführung

Der französische Regisseur Vincent Boussard, der an der Comédie-Française gearbeitet hat, bringt das französische Flair gekonnt rüber. Die Abwesenheit von Maurizio , die gleich am Anfang sichtbar wird, steigert er in der Sterbeszene. Maurizio bringt es nicht fertig, sich der Sterbenden zu nähern, geschweige sie in die Arme zu nehmen. Was für ein Schwächling. Hart, bösartig lässt er die Fürstin agieren, bescheiden, aber selbstbewusst Adriana.

Spektakulär sind die Bühnenbilder und die Kostüme. Kaspar Glarner, kein Unbekannter an der Oper Frankfurt, verändert sein Bühnenbild raffiniert durch Spiegelelemente, kombiniert im 2. Akt mit einer leeren Wandfläche, die eindrücklichen Schattenspielen dient. In der letzten, der Sterbeszene, fällt eine Kulissenwand um. Auf ihr stirbt Adriana.

Ein weiterer Clou: die Kostüme von Christian Lacroix. Der weltberühmte Modeschöpfer ist seit über 30 Jahren auch bei Opern-, Ballet- und Schauspielproduktionen aktiv. In üppigen Kostümen beginnt das Theater im Theater. Dann kleidet Lacroix die Protagonisten und den Chor in moderne, elegante Gewänder. Das hat was.

Eine faszinierende Rolle spielt das Licht, das Beleuchtungsmeister und Lichtdesigner Joachim Klein seit Jahren an der Oper Frankfurt gestaltet.

Cileas Werk stellt hohe Anforderungen an die Hauptfiguren. Die Titelpartie singt Micaela Carosi, eine der bedeutendsten Sopranistinnen Italiens. Sie hat die Rolle bereits gesungen. Eine edel-vornehme Erscheinung. Eine schöne Stimme, mit eindrücklichen Momenten, die gelegentlich aber in leichtes Vibrato abdriften. Nicht immer springt der Funke über. Bewegend und einmalig, wie Micaela Carosi die Phädra-Szene gestaltet.

Auch Frank van Aken, an der Oper Frankfurt als Siegmund in “Die Walküre” gefeiert, wird der Rolle als Maurizio nicht immer gerecht. Es gibt gelegentlich Schwankungen in der Intonierung. Er ist kein überzeugender Liebender im Liebesduett  mit Adriana.

Klangschön und klangvoll dagegen durchgehend Tanja Ariane Baumgartner als Fürstin. Ihr durchdringender Mezzosopran gab dieser Figur die überzeugende Rivalinnen-Grösse. Sie wurde zum gefeierten Star des Abends. Zum ersten Mal sang sie diese Partie.

Neu in Frankfurt ist der italienische Bassist Frederico Sacchi. Nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch prägnant bewältigte er sein Rollendebüt als Fürst von Bouillon. Auch Peter Marsh gefiel als schmieriger Abbé von Chazeuil.

Der Italiener Davide Damiani gastiert erstmals in Frankfurt als Michonnet. Sein ausgewogener Bariton verleiht dem verzichtend Liebenden Glaubwürigkeit.

Einfühlsam begleitet das Frankfurter Opern-und Museumsorchester die Sängerinnen und Sänger und bietet bewegende Momente bei den längeren Zwischenmusiken. Dirigent Carlo Montanaro, auch er ein Italiener, hat ein feines Gespür für die Musik Francesco Cileas, die es versteht, Melancholie, Rivalität, Leidenschaft, aber auch gesellschaftliche Ausgelassenheit in Töne umzusetzen.

Dieses grosse Opernspektakel sollte man nicht verpassen.

Weitere Aufführungen am 9., 15., 17., 23. und 30. März, jeweils um 19.30 Uhr, sowie am 25. März um 15.30 Uhr mit kostenloser Kinderbetreuung durch Fachpersonal für Kinder von 3 bis 9 Jahren.

“Daphne” von Richard Strauss an der Oper Frankfurt

Dienstag, 6. April 2010

Erinnerung als Paradies und als Raum erfahrenen Unglücks:

“Daphne” von Richard Strauss an der Oper Frankfurt

Eindrücke von Renate Feyerbacher

Eine alte Frau betritt zögernd die Bühne und schreitet durch die hohen, heruntergekommenen Räume. Claus Guth, der Opernregisseur, bekannt für seine psychologischen Interpretationen, lässt die gealterte Daphne den Ort ihrer Kindheit und Jugend, wo der Missbrauch stattfand, aufsuchen. “Der Tag, der sie veränderte, sie erstarren liess, taucht wiederum vor ihren Augen auf.” Das Thema beschäftigt derzeit unsere Gesellschaft landauf, landab. Es sind viele, die zur Zeit aus ihrer Erstarrung aufwachen, sich erinnern und reden wie der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff: “Keinem der Betroffenen sieht man an, wie viel in ihm kaputt ist.”

Dieser Gedanke schwebt über der Aufführung.

In der griechischen Mythologie erstarrt Daphne, die Nymphe, zum Lorbeerbaum, als Gott Apollo hinter ihr her ist und nicht von ihr ablässt. Das Thema hat Schriftsteller (Ovid, Petrarca, Martin Opitz, Sylvia Plath, Sarah Kane – beide Dichterinnen nahmen sich das Leben – ), Komponisten (Monteverdi, Gluck, Mozart), Maler, Philosophen und Psychoanalytiker wie Sigmund Freud nicht losgelassen. Freud interpretierte die Geschichte als Deflorationsangst des Mädchens und Feindseligkeit gegenüber dem Mann, die krankhafte Züge annehmen kann.

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Lance Ryan (Apollo), Daniel Behle (Leukippos) und Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Richard Strauss war ein Freund Griechenlands. 1892 besuchte er die Insel Naxos, auf der Dionysos, Gott des Weines, geboren und verehrt wurde. Auch Ariadne lebte hier. Richard Strauss schuf zusammen mit Hugo von Hofmannsthal die Oper “Ariadne auf Naxos”. Auch diesmal wollte der Komponist mit Hofmannsthal die “Daphne” erarbeiten, aber der Freund starb unerwartet 1929. Stefan Zweig übernahm die Librettistenaufgabe, aber die Nazis liessen dieses Bündnis von Komponist und Dichter nicht zu. Zweig empfahl Joseph Gregor, einen Bücherwurm, Bibliothekar und Archivar, der die Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek gegründet hatte und sich hin und wieder als Poet betätigte. Die Briefe, die Strauss ihm schrieb, zeugen von der mühsamen Arbeit am Libretto. Er forderte laufend Veränderungen und sprach von “schlecht imitiertem Homerjargon”. Er liess das Projekt schliesslich zu mit den Worten, “dass aus dem hübschen Sujet und manchen hübschen Details der Bearbeitung nicht doch noch ein netter Einakter werden kann”. “Daphne”, die bukolische Tragödie in einem Akt, wurde am 15. Oktober 1938 in der Semper-Oper in Dresden uraufgeführt. Bukolik ist die griechische Hirtendichtung.

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Lance Ryan (Apollo) und Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Die Oper beginnt mit den Vorbereitungen auf das Dionysos-Fest. Leukippos, der Jugendfreund, umwirbt Daphne und kommt ihr nah, doch sie schreckt plötzlich zurück. Mutter Gaea, mythologisch Mutter Erde, ist besorgt. Apollo, verkleidet als Hirte, ist von dem jungen schönen Mädchen (Nymphe) angezogen. Daphne ist berührt von seinen Liebesworten, umarmt und küsst ihn, dann schreckt sie vor Angst zurück. Beim Fest erscheint Leukippos als Mädchen verkleidet, um Daphne nahe zu sein. Diese Entweihung des Festes und der Betrug erzürnen Apollo: Er stört mit Donner und Blitz die Festlichkeiten und stellt den jungen Nebenbuhler zur Rede. Daphne muss den doppelten Betrug erkennen. Leukippos befreit sich selbst von den Frauenkleidern, Apollo offenbart sich und fordert die Geliebte auf, mit ihm zu gehen. Als Leukippos ihn einen Lügner nennt und Daphne sich weigert, mitzugehen, kommt es zum Kampf. Apollo tötet Daphnes Jugendfreund und bittet die Götter um Vergebung. Daphne möchte er zurück gewinnen – nicht in Menschengestalt, sondern als immer grünenden Lorbeerbaum. Daphne verwandelt sich.

Der Text dieser musikalisch eindringlichen Oper erscheint manchmal verquast und artifiziell. Man muss sich auf die Musik konzentrieren mit ihren wunderschönen Momenten: “Hier sind behutsame Regungen und Stimmungen der Naturverbundenheit in Klänge gefasst, die man so leicht nicht vergisst”, schreibt Ernst Krause (zitiert nach dem Programmheft). Fasziniert ist er, wie Strauss Daphnes Verwandlung in den Lorbeerbaum musikalisch umsetzt, die sich in “schleierzartem Fis-Dur vollzieht, wie der Klang sich aus dem reinen Holz emporwachsend immer mehr in das viel verästelte Farbenflimmern der geteilten Streicher, der Harfe und der übrigen Instrumente auflöst … “, der Klang sich in den “vogelhaft-zwitschernden Koloraturen des frei schwebenden Soprans” fortspinnt. Das ist einmalig. Strauss hat mehr als einen netten Einakter geschaffen.

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Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Claus Guths einleuchtende, psychologisch-durchgängige Regiearbeit steht im Einklang mit der musikalischen Realisation.

Die Schwedin Maria Bengtsson singt Daphne. Ihr zarter, lyrischer Ton begeistert, ihr Spiel ist eindringlich. Ihr einleitender Monolog “O bleib, geliebter Tag” lässt erahnen, welches Potential diese Stimme birgt, die in der Klage um den toten Freund einen Höhepunkt erreicht. Heldentenor Lance Ryan hat in “Daphne” sein Debüt als Apollo. Trotz gesundheitlicher Probleme am Premierenabend gab der Kanadier einen grandiosen Einstand an der Oper Frankfurt. Er verlieh diesem liebesbesessenen und machtorientierten Gott kraftvolle Töne, manchmal bewusst etwas schrill. Martin Behle ist Leukippos. Sein jugendlicher, strahlender Tenor, makellos in den Höhen, besticht.

Matthew Best als Vater Peneios und Tanja Ariane als Gaea überzeugen wie auch die anderen Sängerinnen und Sänger, die als Schäfer und Mägde agieren.

Generalmusikdirektor Sebastian Weigle und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester musizieren sehr dynamisch: lebendig beim Fest, einfühlsam bei den Naturimpressionen.

“Daphne” – ein Opernabend, den man schon wegen Maria Bengtsson nicht verpassen sollte: Vorstellungen gibt es am 4., 10., 18., 23. und 25. April sowie am 19. und 26. Juni 2010, jeweils um 19.30 Uhr.

“Das Rheingold” an der Berliner Staatsoper

Freitag, 29. Oktober 2010

Das Rheingold” von Richard Wagner an der Berliner Staatsoper
Vorabend des Bühnenfestspiels “Der Ring des Nibelungen”

Natur und Musik im Einklang

Betrachtungen von Renate Feyerbacher

Die Musik dieses Wagner’schen Grossprojektes im Schillertheater: kann das gut gehen? Die Grösse des Gebäudes in der Bismarckstraße ist nicht zu vergleichen mit dem Staatsopern-Gebäude Unter den Linden, das nun saniert wird. Ja, es gelang. Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin beweisen es. Die Feinheiten der Musik kommen geschärft zur Geltung. Beinahe jedes Wort des Textes ist zu verstehen. Noch nie habe sie den Text in einer Wagner-Oper verstanden, heute Abend jedoch – so war eine Dame zu vernehmen.

FRICKA Ekaterina Gubanova FROH Marco Jentzsch FREIA Anna Samuil DONNER Jan Buchwald Tänzer der Eastman Company LOGE Stephan Rügamer WOTAN Hanno Müller-Brachman; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Dennoch gibt es einen Wermutstropfen in der Koproduktion mit der Mailänder Scala: Es war ein Zuviel des Tanzes. Wieso Tanz überhaupt? Es nervt, wenn während der Zwischenmusik getanzt wird. Wenn auch sehr gut getanzt wird, denn kein Geringerer als der weltberühmte Sidi Larbi Cherkaoui hat choreographiert. Packend sind auch die Tanzszenen, wenn sich Alberich verwandelt: Wie Knäuel rollen sich die Tänzerinnen und Tänzer der Eastman Company, die Cherkaoui im Januar 2010 gründete, dann zusammen, verschlungen sind ihre Körper, und wenn Wotan den Nibelung gefangen hält, hängen sie wie Kletten-Fesseln an ihm.

ALBERICH Johannes Martin Kränzle und Tänzerinnen der Eastman Company; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Den Alberich singt – wie auch schon an der Mailänder Scala – Johannes Martin Kränzle. Sehr differenziert gestaltet er die Rolle, fulminant steigert er seine baritonale Stimme, und wie immer spielt er fantastisch. Kränzle, Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, wurde wegen seiner Interpretation des Beckmesser in “Die Meistersinger von Nürnberg” von Wagner an der Oper Köln für den Theaterpreis Der FAUST nominiert. Allerdings hat er zwei starke Konkurrentinnen.

ALBERICH Johannes Martin Kränzle; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Stephan Rügamer gefällt als lyrischer Loge. Die Russin Ekatarina Gubanova, sie gab 2009 ihr Debut an der Metropolitan Opera New York, ist eine selbstbewusste, strahlende Fricka. Diese drei ragen in der ansonsten guten Sängerriege heraus.

FROH Marco Jentzsch FRICKA Ekaterina Gubanova WOTAN Hanno Müller-Brachmann LOGE Stephan Rügamer; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Die Video-Projektionen zeigen die Naturelemente – beeindruckend. In der ersten Szene, dem neckischen Spiel zwischen den Rheintöchtern und Alberich, steht die Bühne unter Wasser. Eine schöne Idee, die aber auch sehr ablenkt von dem trügerischen Spiel des Nibelung und der Rheintöchter. Es fehlt der erotische Funken.

Da FeuilletonFrankfurt mittlerweile auch in Berlin gelesen wird: Nur noch einmal in dieser Spielzeit, am 31. Oktober 2010, wird “Das Rheingold” in der Staatsoper Berlin im Schillertheater in der Inszenierung von Guy Cassiers aufgeführt. Und: Mit ICE oder Billigflug ist es von Frankfurt am Main nach Berlin nur ein “Katzensprung”.

“Götterdämmerung” von Richard Wagner: der Tetralogie letzter Teil an der Oper Frankfurt

Sonntag, 5. Februar 2012

Hoffnung für die verstümmelte Natur

von Renate Feyerbacher

Der letzte Tag von Richard Wagners vierteiligem Bühnenfestspiel “Der Ring des Nibelungen” hatte am 29. Januar 2012 Premiere in der Oper Frankfurt.

Vera Nemirova; Foto: Renate Feyerbacher

Fünf Jahre, so erzählt Regisseurin Vera Nemirova, habe das Team zusammengearbeitet. Sie habe sich an der Frankfurter Oper wohlgefühlt. Zum Stammhaus sei sie ihr geworden und “tolle Leute” habe sie getroffen. Sehr fruchtbar im doppelten Sinne sei die Produktion gewesen, denn einige Kinder wurden geboren.

Zum Beispiel wurde Malte Krasting, der Dramaturg des Frankfurter Projekts, Vater. Die anderthalbjährige Kleine ist bei “Oper extra” zu sehen, wie sie tapfer im Foyer herumläuft. “Die im Dunkeln sind, sieht man nicht” hat Brecht gesagt, aber ihre Arbeit ist prägend für das Gelingen des Wagnerschen Mammutwerks, das Krasting bearbeiten musste.

Malte Krasting; Foto: Renate Feyerbacher

Über 400 Seiten umfasst das Reclam-Textbuch, das für die Zuschauer nachvollziehbar und zeitlich verkraftbar aufbereitet werden muss. Und das ist dem Dramaturg gelungen.

Der weltweit agierende Bühnenbildner Jens Kilian hat sich immer wieder Varianten für seine Wagner-Scheibe einfallen lassen, die schliesslich am Ende zur Raum-Zeit-Maschine wird. Aus der Unterwelt im “Rheingold” wird die Halle der Gibichungen, die sich an ihrer Bar gerne bedienen. Die Jetztzeit ist angekommen und gemeint.

Fantasievoll hat Kostümbildnerin Ingeborg Berneth das Personal des Rings eingekleidet. In der “Götterdämmerung” ist es eine Mischung aus alten und neuen Kostümen.

Wie Kilian hat auch Olaf Winter, Technischer Direktor sowohl an der Oper als am Schauspiel, mit namhaften Regisseuren im In- und Ausland zusammengearbeitet. Er verantwortet das Lichtdesign, mit dem pointiert, behutsam, eindrücklich umgegangen wird.

Zunächst war Bibi Abels verantwortlich für die Videoprojektionen, jetzt wurde die Regisseurin, unterstützt von Katja Gehrke, selbst aktiv.

Nun endlich konnte der Chor brillieren, den Wagner in der “Götterdämmerung” – erstmals in der Tetralogie – auftreten lässt. Chordirektor Matthias Köhler hat ihn einstudiert. Stimmgewaltig singen diese “Mannen und Frauen”.

Bildnachweis Chor der Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

Last not least: immer dabei ist Generalmusikdirektor Sebastian Weigle, der mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester – zum dritten Mal in Folge “Orchester des Jahres” – musikalische Meilensteine gesetzt hat. Am Ende präsentieren sich die Musiker mit ihrem Dirigenten und ernten frenetischen Beifall.

Bildnachweis Frankfurter Opern- und Museumsorchester: Barbara Aumüller

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Trüb-grau, poliert-glatt ist die Scheibe, die Raum-Zeit-Maschine, die im “Rheingold” das Blau des Rheins wiedergab, in “Walküre” zum Baumstamm mit Jahresringen und im “Siegfried” zur moosgrünen Wiese im Wald wurde. Es ist Nacht, kalt die Atmosphäre, eisiges Schweigen statt des ausgelassenen, unbekümmerten Lachens und Herumtollens der drei Rheintöchter zu Beginn des “Rheingold”.

Vor sich hinstarrend, hocken nun die drei Schicksal bestimmenden Nornen, die Töchter von Erda, zusammen, unglücklich dreinblickend, ihr strähniges Haar ordnend. Mit dem Messer schneidet jede eine Strähne ab. Düster, langsam, molltönig die Musik. Während sie mit dem Schicksals-Seil die Götter-Staffage und die anderen leblosen Figuren, die auf verschiedenen Positionen der Bühne stehen, umgarnen, beginnen sie vom Vergangenen zu erzählen und unheilvoll das Ende herauf zu beschwören. Dann robbt sich der goldbekleidete Alberich heran und zerschneidet das Seil. Die Nornen entgleiten in die Tiefe “hinab zur Mutter, hinab!”.  Ein starker Beginn.

Die zweite Szene des Vorspiels knüpft wieder an das Ende von “Siegfried”. Es ist der Fels, dessen Feuermauer der Held überwand. Er befreite Brünnhilde aus ihrem (Dornröschen-) Schlaf. Ewige Treue schworen sie sich: “O Siegfried! Dein war ich von jeh!”  Er: “Warst du’s von je, so sei es jetzt!”

Lance Ryan (Siegfried) und Susan Bullock (Brünnhilde); Foto: © Monika Rittershaus

Nun steht da eine Badewanne auf dem “Fels”-Podest. Hingebungsvoll und verliebt wäscht Brünnhilde den Helden, den das kühne Weib dann “zu neuen Taten, teurer Helde!” rüstet, ihm ein Tässchen Kaffee reicht, ihr Ross Grane schenkt und sich seiner Treue versichert. Den Ring des Nibelungen, “Nun wahre Du seine Kraft”, lässt er bei ihr.

Dann erster Aufzug – Ankunft in unserer Gesellschaft. Im Schlauchboot demonstrieren die Rheintöchter, “Rettet den Rhein” steht auf ihrem Schild. Die Occupy-Bewegung, die in eisiger Kälte vor Oper und EZB ausharrt, die Demonstrationen gegen Fluglärm in Frankfurt und Umgebung kommen in den Sinn. Mehr Slapstick denn Ernsthaftigkeit im Auftritt. Später hat die Demonstrationsszene der Rheintöchter  mehr Tiefe. Da versuchen sie, Siegfried den Ring abzuschwätzen. Vergebens.

Der macht sich mit dem Schlauchboot auf zur Halle der Gibichungen am Rhein.

Die Bar des Hauses ist gut gefüllt, nur ein weisser Sessel als Inventar. Die Personen: Gunther, der Chef des Hauses, im Strassenanzug, mit Hornbrille, ein schwächlicher Typ, eine Witzfigur, nichts von einem Helden, von dessen Ruhm Siegfried gehört haben will, und Hagen, sein Halbbruder – ganz in Schwarz.

Lance Ryan (Siegfried), Gregory Frank (Hagen) und Johannes Martin Kränzle (Gunther); Foto: © Monika Rittershaus

Verrat und Schuld

In Wagners “Götterdämmerung” ist Hagen der Sohn des Alberich, dem es trotz Schwur, der Liebe zu entsagen (Rheingold), gelungen ist, ein Kind zu zeugen. Da ist dann noch Gutrune, Gunthers Schwester, die gerade vom Joggen kommt. Die Geschichte ist in der Jetztzeit angekommen. “Die Gibichungen sind uns ähnlicher, als es uns lieb ist” begründet Regisseurin Vera Nemirova diese Szene.

Vor Siegfrieds Ankunft am Hofe hatte Hagen von dessen Heldentaten berichtet. Verschlagen, wie er ist, macht er dem unverheirateten Geschwisterpaar den Gedanken an eine Doppelhochzeit schmackhaft: Gunther soll Brünnhilde freien, Gutrune mit Siegfried vermählt werden. Wie könnten Siegfried, dieser Held, und Brünnhilde, die starke Frau, die nur von ihm erobert werden konnte und mit ihm vermählt ist, an die beiden am Rhein wohnenden Schwächlinge gebunden werden?

Nur durch Betrug: mit einem Willkommenstrank, der Siegfrieds Erinnerung an Brünnhilde auslöscht und ihn zum Betrüger werden lässt, soll das möglich werden.

Kurz nachdem Gutrune, jetzt im Glitzerkleid mit tiefem Dekolleté, Siegfried den Trank gereicht hat, entfaltet sie ihre Verführungskünste. Kopfüber legt sie sich über die Theke der Bar. Mund und Busen sind dem am Boden kauernden Siegfried ganz nah. Und dann schminkt sie sich ihre Lippen. Der, der bis dahin keinen Lippenstift kannte, schaut ganz nah zu. Das knistert.

Anja Fidelia Ulrich (Gutrune) und Lance Ryan (Siegfried); Foto: © Monika Rittershaus

Mit der Tarnkappe, die der Nibelung schuf und die in Siegfrieds Besitz ist, erobert er, in Gestalt von Gunther, für Gunther Brünnhilde, der er Treue schwor. Er entreisst ihr mit Gewalt den Ring vom Finger und entführt sie von ihrem Felsen. Ein infames Unterfangen. “Ihrem Mann (Gunther) gehorchte Brünnhild’ eine volle bräutliche Nacht”, wird Siegfried später seiner zukünftigen Frau Gutrune erzählen.

Bevor das geschehen konnte, hatte sich Waltraute, eine Schwester Brünnhildes, aus der Götterburg entfernt und war zum Felsen geeilt. Sie warnte und beschwor Brünnhilde, den Rheintöchtern den Ring zurückzugeben. Diese Szene ist dank Claudia Mahnke, die Waltraute singt, beeindruckend.

Claudia Mahnke; Foto Renate Feyerbacher

Zurück in der Halle der Gibichungen: Nur der weisse Sessel, in dem Alberich sitzt und sinnt – nur düstere Musik bis Alberich, wieder exzellent Jochen Schmeckenbecher, erscheint und ihn zum Handeln aufruft mit rotem Handschuh, mit dem er bereits im “Rheingold” agierte. Es geht um den Ring. Auch diese Szene ist ein Höhepunkt der Inszenierung, wie überhaupt dieser Zweite Aufzug. Der Ring an Siegfrieds Finger enthüllt den Betrug. Brünnhilde, Hagen und Gunther beschliessen Siegfrieds Tod.

“Es wäre zu einfach zu sagen: die Bösewichte. Die Gibichungen sind uns ähnlicher, als es uns lieb ist” (Vera Nemirova).

Johannes Martin Kränzle (Gunther) und Lance Ryan (Siegfried); Foto: © Monika Rittershaus

Im letzten Moment hat Gunther, der verratene Verräter, versucht, den Mord zu verhindern. Zu spät. Er weint, er versucht, den Sterbenden zu stützen. Gunther ist keine grosse Rolle in der “Götterdämmerung”. Aber die Regisseurin macht sie in diesem Dritten Aufzug dazu. Schweigend, wie erstarrt, sitzt Gunther lange Zeit, die Beine angewinkelt, dem Publikum zugewandt am Rande der Bühne. Dieser Moment geht unter die Haut, so wie Johannes Martin Kränzle ihn darstellt.

Das Ende: Hagen ermordet Gunther beim Kampf um den Ring und stürzt sich in den Rhein. Die  Töchter ziehen ihn in die Tiefe. Bevor sie sich zusammen mit Siegfrieds Leichnam auf dem Scheiterhaufen verbrennen lässt, schleudert Brünnhilde das Feuer – realisiert durch einen Lichtschock – ins Publikum, in die Götterburg Walhall. Der Ring ist  wieder im Besitz der Rheintöchter.

Wotan hat die Natur verstümmelt. Der Quell der Weisheit ist versiegt, die verdorrte Esche abgeholzt. Die Nornen haben es geklagt und beklagt: “In langer Zeiten Lauf zehrte die Wunde den Wald; falb fielen die Blätter, dürr darbte der Baum; traurig versiegte des Quelles Trank: trüben Sinnes ward mein Sang.”

Werden die Menschen die Natur wieder befrieden können? Es sieht düster aus. Die vielen Naturkatastrophen zeigen es. Dennoch hält Vera Nemirova es für falsch, von Weltenbrand zu reden. Zukunft wird es geben.

“Die Nibelungen wiederum – tief in der Erde zu Hause, noch unterhalb des Rheins – sind Sinnbild für Bodenschätze, Edelmetalle, Gold und in letzter Konsequenz: Geld. Und Geld ist Macht.” Malte Krasting: “Fertig ist die Musik eigentlich nie“ (Beitrag im Programmheft).

Eindrücke von der Aufführung

Die minimalistische Form der Inszenierung, es gibt kaum Requisiten, wohl aber die Bewegungen der Scheibe, der Raum-Zeit-Maschine, schärft die Konzentration und lässt die Musik voll zum Tragen kommen. Einige leise Buh-Rufe gab es bei der Premiere für das Regie-Team. Es gibt Momente, die Vera Nemirova überzogen hat, aber ihre Gesamtlinie ist konsequent, interessant und spannend.

Eine Dame sprach mich an und fragte nach meiner Meinung. Sie fand den Schluss langweilig. Ihr fehlten am Ende die Aktionen von Wasser, das Übertreten des Rheines über die Ufer und das lodernde Feuer wie in “Walküre” und “Siegfried”. Natürlich hätten Videoeinspielungen das möglich gemacht. Aber dieser ruhige, unspektakuläre Schluss, Siegfrieds Beerdigung, macht die Intention  des Komponisten klar. Sie provoziert zum Nachdenken.

Die Kontinuität von Bühnenbild und Künstlern stärkt die Inszenierungen der Tetralogie und unterstreicht deren Bedeutung als Gesamtkunstwerk.

Als Hauptpersonen sind wieder dabei: Lance Ryan als Siegfried und Susan Bullock als Brünnhilde. Jochen Schmeckenbecher als Alberich hatte nur einen, allerdings überzeugenden Auftritt. Die Rheintöchter Britta Stallmeister, Jenny Carlstedt und Katharina Magiera sind wieder genauso spritzig wie im “Rheingold”.

Britta Stallmeister; Foto Renate Feyerbacher

Neu besetzt ist die Rolle der Walküre Waltraute mit Claudia Mahnke, einmalig. Sie singt auch die 2. der Nornen, die neu in der „Götterdämmerung“ vertreten sind. Die 1. Norn verkörpert Meredith Arwady, sie sang auch die Erda. Ihr Vibrato ist manchmal zu stark. Die 3. Norn realisiert Angel Blue, die nicht nur ihr Rollen-, sondern auch ihr Hausdebüt an der Frankfurter Oper gibt. Zunächst war die Amerikanerin Model. Es wurde bei “Oper extra” verraten, dass sie einmal Schönheitkönigin war.

Angel Blue; Foto Renate Feyerbacher

Neu sind auch die Figuren des Gunther, des Hagen und der Gutrune, Letztere gesungen von Anja Fidelia Ulrich, eine schöne Stimme, aber es war für die Sängerin schwer, in dieser Konstellation zu bestehen.

Johannes Martin Kränzle, Sänger des Jahres 2011, Träger des Kölner Opernpreises, nominiert für den Theaterpreis DER FAUST 2010, Mitglied des Frankfurter Opernensembles seit vielen Jahren, interpretiert Gunther, den zunächst Schwachen, den von Hagen Abhängigen, der seine Schuld erkennt. Gunther ist eine Nebenrolle, wird aber in der Gestaltung des Sängers zu einer wichtigen Person. Einfühlsam differenziert er auch schauspielerisch die Wandlung dieses Menschen.

Johannes Martin Kränzle; Foto Renate Feyerbacher

Den Hagen sollte ursprünglich der dänische Bass Stephen Milling, eine Hüne von Mann, international unterwegs, singen. Er sagte wegen seines Sohnes, der vor einer Operation stand, ab. Gregory Frank, sieben Jahre Mitglied des Frankfurter Opernensembles, eilte aus den USA herbei, um die Rolle zu übernehmen. Er intoniert gut, aber überzeugt nicht ganz im Spiel. Er ist einer, der zwar am Hofe der Gibichungen das Sagen hat, aber durch die psychischen Verletzungen schwach ist und zum Bösewicht wird  – zuletzt angestachelt durch seinen Vater Alberich. Das arbeitet er nicht so heraus.

Susan Bullock; Foto Renate Feyerbacher

Bewundernswert Susan Bullocks Durchhaltevermögen in dieser Mammut-Rolle der Brünnhilde. Diese schöne Stimme müsste sich jedoch manchmal in ihrem Volumen noch steigern können. Bullock vermittelt dieser Figur grosse Reife und Einsicht. Versöhnlich steht sie am Ende auf der Bühne: verstehend und verzeihend.

Lance Ryan ist auf den Opernbühnen weltweit der Siegfried vom Dienst. Sein durchdringender, ausdrucksstarker Tenor reisst das Geschehen mit. Dennoch fehlt hin und wieder Differenzierung. So unbekümmert dieser Naturbursche ist, so unbekümmert schmettert er gelegentlich drauflos.

Lance Ryan und Meredith Arwady; Foto Renate Feyerbacher

Sein naturhaftes Wesen, seine Sehnsucht nach Familie, die ihn auch in die Zwickmühle bringt, sein Sterben realisiert Lance Ryan überzeugend.

Brünnhilde schleudert symbolisch den Ring ins Publikum. “Wenn die Götter nicht mehr sind, haben wir es in der Hand” (Vera Nemirova).

Ein schöner Einfall: Alle Agierenden der vier Inszenierungen von “Der Ring des Nibelungen” kommen zum Abschied auf die Bühne. Den Erfolg teilt die Regisseurin mit dem gesamten Team.

Vera Nemirova sitzt bei den Premieren immer im Publikum zusammen mit ihrer Mutter. Die mittlerweile berühmte Regisseurin, die 1982 aus Bulgarien in die DDR kam, ist bodenständig geblieben. Freundlich ist sie zu allen, die mit ihr reden wollen.

Mittlerweile wird sie schon wieder zu ihrer nächsten Inszenierung aufgebrochen sein und Frankfurt verlassen haben. In Berlin wird sie erwartet, wo der “Fliegende Holländer” auf dem Spielplan steht. Ob das Herumvagabundieren ihr nicht auch Probleme verursache, wurde sie in einem Interview gefragt. Ja, sagte sie, es habe schon einen etwas bitteren Beigeschmack. Aber mit Ende 30 vermisse sie noch nicht die Festanstellung einer Hausregisseurin. Aber für später wünsche sie sich das schon.

Weitere Aufführungen von “Götterdämmerung”  am 10., 18. und 26. Februar, 3. März, 17. Juni und 1.Juli.
Termine für die kompletten Ring-Zyklen sind im Juni und Juli 2012.

→  Das Rheingold und Die Walküre
→  Siegfried