home

FeuilletonFrankfurt



Erhard MetzHerzlich willkommen!
Das Internet-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Meine Gäste' Category

Gesund in die AOK auf Probe

Sonntag, 27. September 2009

“Vorsicht Arzt!” schrieb einst der legendäre Chirurg Julius Hackethal an sein Praxisschild. Lenin soll gespottet haben: “Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich erst noch eine Bahnsteigkarte!” In diesem Sinne rufen wir, deutsch, vorsichtig und pflichtbewusst, wie wir sind, Ihnen zu: “Vorsicht Glosse!”

Gesund in die AOK auf Probe

von Robert Straßheim

Testen Sie die AOK Hessen”, stand auf dem Werbeplakat.

Warum nicht, dachte ich mir, teste mal richtig die Krankenkasse! Ich wurde AOK-Mitglied, für eine Probezeit von drei Monaten, mit Auslands-Zusatzversicherung.

Erstmal nahm ich mir eine Woche Urlaub. Das sollte reichen, dachte ich mir, eine Woche investiere ich mal, und die restlichen zwölf Wochen gehören dann der AOK.

Sofort buchte ich einen Flug nach Mexiko, ein one-way-ticket, versteht sich, der Rückflug sollte auf die Kasse gehen. Aber ich musste vier Tage warten, bis der Flieger abging. Um die Zeit zu nutzen, ging ich in ein Flatrate-Lokal, wo ich mich richtig volllaufen ließ, und weil ich die Hälfte davon wieder erbrach, schluckte ich noch ein paar bunte Pillen dazu. Notarzt, Intensivstation, alles verlief nach Wunsch. Nach drei Tagen hatte die AOK mich wieder auf die Beine gebracht.

In Mexiko jagte ich dem Virus nach, wollte doch immer schon mal wissen, wie gefährlich diese Schweinegrippe ist. Fürs HIV und eine schöne AIDS-Behandlung reichen drei Monate ja leider nicht aus. Also schlich ich mich in ein Krankenhaus mit Grippe-Opfern ein, durchbrach alle Sicherheitssperren, gelangte ins Krankenzimmer und küsste von den siechen Leibern alle verfügbaren Schweineviren ab.

Nichts passierte. Dabei endete in zwei Tagen mein Urlaub! Was ich bei meiner Planung vergessen hatte: Drei, vier Tage Inkubationszeit brauchen diese Viren, bis die Schweinegrippe richtig ausbricht. Da ich solange nicht warten konnte, weil ich sonst gefeuert worden wäre oder auf eigene Kosten hätte zurückfliegen müssen, hatte ich eine bessere Idee: Bungee-Jumping. Auch dafür ist Mexiko ein prima Land. Trotzdem musste ich fünfmal hintereinander springen, bis ich endlich verunglückte. Jetzt ging alles sehr schnell: Hubschrauber-Rettung, Nottransport zurück nach Deutschland, Wirbelsäulen-OP, Schweinegrippen-Quarantäne und eine schöne lange Reha-Therapie. Genau zum Ende der Probezeit bin ich entlassen worden.

Zuhause finde ich nun einen Brief der AOK vor: Sie fragt höflich an, ob mir die Probezeit gefallen habe? Ob sie mich weiterhin als ihren AOK-Versicherten führen dürfe?

Naja, denke ich, dank der AOK bin ich nicht im Delirium verreckt, nicht vom mutwilligen Springen querschnittsgelähmt, und durch hinterlistiges Küssen nicht zum Schwein geworden, jedenfalls nicht im medizinischen Sinne. Aber wenn ich es mir recht überlege, will ich doch keine Beiträge an eine Versicherung löhnen, die für all die Dummheiten, wie ich sie begangen habe, bedingungslos bezahlt.

P.S. Mein AOK-Test bringt mir jetzt ein Vermögen ein: Kurz nachdem ich meinen Bericht veröffentlicht hatte, habe ich mehrere Angebote von privaten Fernsehsendern bekommen: Die sind ganz heiss darauf, aus meiner Erfahrung ein neues Format zu produzieren, Titel: Die Kassenprüfer“. In diesem Format soll das Fernsehpublikum die Abenteuer von Freiwilligen in AOK-Probezeiten begleiten, je verwegener, je verrückter, je blutiger, desto grösser der Werbeumsatz. Gratuliere, AOK, tolle Idee!

haltdieohrensteif-jutta-anger

(Foto: Jutta Anger /pixelio.de)


Alles Zufall?

Dienstag, 29. Dezember 2009

Alles Zufall?

Gedanken zum Jahreswechsel

Von Johanna Wenninger-Muhr

Spielt der Zufall im Leben eine größere Rolle, als es uns Menschen lieb ist? Man denkt an einen Freund, den man seit Jahren nicht mehr gesehen hat. In diesem Moment läutet das Telefon und er ruft an. Für Carl Gustav Jung, den Begründer der Analytischen Psychologie, kein blinder Zufall, sondern das “sinnvolle Zusammentreffen eines inneren und eines äußeren Ereignisses”. Die rätselhafte Übereinstimmung zwischen Innen- und Außenwelt nennt er Synchronizität und meint: Oft enthält der so genannte Zufall eine Botschaft, die es zu entschlüsseln gilt. Zufall oder Fügung? Diese Frage beschäftigte schon Aristoteles vor zweieinhalb Tausend Jahren. Einen Exkurs in die Welt des Zufalls gab es im November auf Schloss Eggersberg im Altmühltal. Gerhard Hofweber, Doktor der Philosophie und Akademischer Rat der Universität Augsburg, reflektierte im Rahmen seiner philosophischen Seminare in einem kleinen Teilnehmerkreis zum Thema “Aristoteles – der Zufall und seine Bedeutung für unser Leben.”

Den Monat November und Schloss “Eggersberg”, hoch über dem Altmühltal gelegen, hat Hofweber gewählt, um uns Teilnehmer auf das Thema einzustimmen: auf Aristoteles und den Zufall. Aristoteles – keine leichte Kost und die Frage nach dem Zufall schon gar nicht.

Mein Fuß ist geschient – ein Kapselriss im linken Fußgelenk, als Folge eines kleinen Unfalls. War es Zufall oder was war es? Eine Botschaft? Ein wenig kürzer treten, Ruhe geben? Jedenfalls heißt es erstmals viele Stufen steigen mit geschientem Fuß im Schloss aus dem 16. Jahrhundert, das zu einem Hotel und Restaurant umgebaut wurde, aber ohne Lift. Es heißt jeden Schritt überlegen, bedächtig einen Fuß vor den anderen setzen.

Das ist mühsam. Mein Zimmer liegt auf der zweiten Etage. Philosophiert wird auf der ersten und gespeist im Parterre des alten Gemäuers. All die vielen Ahnenbilder auf den Gängen, ehemalige Schlossbewohner, die mich mit Blicken verfolgen und Fragen stellen … bilde ich mir ein.

Aristoteles und der Zufall

Unbestimmbar müssen die Ursachen sein, durch die das Zufällige geschehen mag. Daher scheint der Zufall zu dem “Unbestimmten zu gehören und unklar dem Menschen” (Aristoteles). Die erste zusammenhängende philosophische Abhandlung über den Zufall findet sich bei Aristoteles. Im zweiten Buch der “Physik” geht es um die Ursachen der Dinge. Für den Philosophen Martin Heidegger (1889 bis 1976), einem der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, war die “Physik” das Buch, “das Bibliotheken überflüssig macht und das Grundbuch der abendländischen Philosophie”. Im Kapitel vier und fünf erklärt Aristoteles seine Ansichten zum Zufall. Seine Definition (wir Teilnehmer versuchen zu folgen…) von Zufall lautet: “Wenn im Bereich der Geschehnisse, die im strengen Sinn wegen etwas eintreten und deren Ursache außer ihnen liegt, etwas geschieht, das mit dem Ergebnis nicht in eine “Deswegen-Beziehung” zu bringen ist, nennen wir das “zufällig”. Aristoteles führt – Gott sei Dank – immer Beispiele an. Hier sein Beispiel: Ein Pferd entgeht dadurch, dass es aus dem Stall herauskommt, einem Unglück, es ist aber nicht herausgekommen, weil es dem Unglück entgehen wollte – es wusste nichts vom drohenden Unglück. In diesem Fall würde man sagen: “Das Pferd ist zufällig herausgekommen”. Die “Ursache” ist hier das Herauskommen, das “Ergebnis” ist das dem Unglück-Entgehen, und zwischen beiden gibt es keine “Deswegen-Beziehung”. Das Pferd ist nicht herausgekommen, um dem Unglück zu entgehen, daher ist das ganze zufällig.

zufall01-430

Drei Sechsen – ein Zufallsereignis? Foto: Ingrid Friedl / Johanna Wenninger-Muhr

Über den Zufall in der Physik

Ganz besondere Bedeutung für die Entwicklung der philosophischen Auffassungen vom Zufall – so lernen wir – hatte die Deutung der Ergebnisse der Quantenphysik. Sie weisen für die Physik die objektive Existenz des Zufalls nach. Aus der philosophischen Analyse ergibt sich, dass der Zufall als “zufällige Verwirklichung von Möglichkeiten eines aus dem Gesetz sich ergebenden Möglichkeitsfeldes” auftreten kann; für diese Verwirklichung existiert eine Wahrscheinlichkeitsverteilung. Bei den “reinen Zufällen” in der Quantenphysik, so etwa beim Zerfall eines Atomkerns, ist nachgewiesen (”Kopenhagener Deutung”), dass gleiche Experimente unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen können. Beim radioaktiven Zerfall ist zwar bekannt, dass nach dem Verstreichen der Halbwertzeit ziemlich genau die Hälfte der radioaktiven Atome zerfallen sein werden – aber welche einzelnen Atome zerfallen sein werden, lässt sich nicht vorhersagen. Der Astrophysiker Steven Klein kommt zu folgender Auffassung: “Es gibt keinen Zufall, lediglich eine Menge unbestimmter Faktoren, die wir weder beeinflussen können noch wollen”. Als Beispiel bringt er das “Münzenwerfen”, das von der Oberfläche der Münze, dem Luftdruck, der Temperatur oder etwa einem Luftzug abhänge. Für Professor Detlef Dürr, den Leiter der Arbeitsgruppe “Bohmsche Mechanik” am Mathematischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München, basiert der Zufall in der Physik auf instabilen Bewegungsabläufen in hinreichend komplizierten Systemen. Der Zufall beschreibe das typische Geschehen. Typisches Verhalten eines aus vielen Teilchen bestehenden Systems könne ganz regulär sein, wie bei einem Festkörper, einem Stein, oder irregulär, wie die Molekülbewegung im Gas oder einer Flüssigkeit oder wie der Ausgang beim Münzwurf. Der Zufall trete in allen Bereichen der Physik auf, vom mikroskopischen Bereich bis hin zum makroskopischen, etwa der Bildung von Galaxien.

Zufall eine Folge von Unwissenheit?

Für den Physiker, Philosophen und Wissenschaftsautor Stefan Klein dreht sich beim Zufall alles um die Frage, wie viel wir von der Welt erkennen können, in der wir leben. Zufall sei eine Folge von Unwissenheit. Als zufällig erschienen Vorgänge, hinter denen man keine Regeln erkenne, entweder, weil die Zusammenhänge zu komplex sind, oder weil es gar keine Regel gibt. Im Kern stehe dabei die Erkenntnis aus der Neurowissenschaft, dass das Gehirn die Rolle des Zufalls unterschätzen müsse, weil es sich nur so Wissen aneignen könne. Dies erkläre laut Klein nicht nur Phänomene wie Schicksalsgläubigkeit, sondern auch in der heutigen komplexen Welt die oft verheerende Einschätzung von Risiken; Beispiele seien Flugzeugkatastrophen und andere Unglücke, aber auch falsche Lebensentscheidungen. Der Mensch sei von Natur aus darauf programmiert, überall Muster und Zusammenhänge zu erkennen – teilweise auch dort, wo sie gar nicht existierten. Ausprägungen davon wären Talismänner oder Bräuche, die Glück bringen oder Unglück vermeiden helfen sollen. Die Unsicherheit und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, mache Angst. Dies könne zum Beispiel so weit gehen, dass es zu krankhaften Zuständen führe, etwa alles bis ins Letzte planen und kontrollieren zu wollen.

Die Entzauberung des Zufalls

Am Ende des ersten Tages sind wir Teilnehmer erstmal nicht sehr viel weiter in der Erkenntnis, im Gegenteil: Weitere Fragen haben sich aufgetan …

Hofweber tröstet und ermutigt: Auch er hatte als Student der Philosophie und später als Dozent zunächst sehr unkonkrete Vorstellungen vom Zufall, war im Grunde überzeugt davon, dass es – außer in der Quantenphysik – keinen Zufall gibt. Gleichwohl sah auch er einen verborgenen Sinn im Zufall, und es erschien ihm wichtig, diesen Sinn zu erkennen. Im Rahmen seiner Habilitation ist er auf den Abschnitt “Zufall” im zweiten Buch der “Physik” von Aristoteles gestoßen. Eine ziemlich unverständliche Erklärung, die ihn zunächst enttäuscht habe, weil das Thema darin “sehr trocken” abgehandelt wird. Er habe eine Art “Entzauberung des Zufalls” erlebt, dann aber die Auflösung und die Konsequenz daraus verstanden – und verstanden, dass man den Sinn des eigenen Lebens nicht vom Zufall abhängig machen müsse, sondern dass das Leben selbst einen Sinn habe, der zunächst verborgen, aber doch erkennbar sei.

Hofweber erklärt den Zufall als Hinzutreten eines möglichen Zwecks zu einem realen, wesentlichen Zweck.

Im Grunde aber sei der moderne Mensch heute bei der Fragestellung, ob es den Zufall gibt, noch nicht weiter als der Mensch in der Antike. Die möglichen Antworten, die sofort wieder Fragen entstehen ließen, was der Zufall ist, seien seit zweieinhalb Tausend Jahren identisch:

es gibt für alles einen wohl bestimmten Grund – ist das aber tatsächlich so?

die Gedanken sind inkonsequent – sind sie es wirklich?

alles in der Natur ist Gesetz – aber die Entstehung der Gesetzmäßigkeit soll zufällig sein?

es gibt einen göttlichen Plan – oder ist die Welt zufällig entstanden?

Auch die Physik sei im Grunde nicht viel weiter. Sie versuche das Phänomen des Zufalls zu verstehen, aber nicht das Prinzip hinter dem Phänomen. Die Frage, was Zufall ist, werde in der Physik nicht gestellt. Untersucht würden nur die Phänomene.

Immerhin stehen Philosophie und Physik in einer Art Wechselbeziehung. Wie die wissenschaftliche Forschung herausgefunden hat, halfen philosophische Fragen und Antworten Albert Einstein entscheidend bei der Deutung der Relativitätstheorie. Der Einstein-Experte Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, sieht in der Begegnung von Albert Einstein und Moritz Schlick, Professor der Philosophie an der Universität Rostock, einen aufschlussreichen Beleg für den fruchtbaren Austausch zwischen philosophischer Erkenntnistheorie und Naturwissenschaft. Schlick, der der sich ab 1920 mit der Quantenphysik befasste, stand ab 1915 in Briefkontakt mit Albert Einstein.

zufall03-430

Hofweber tröstet und ermutigt Suse Rabel-Harbering (Neue Zürcher Zeitung) (links) und Johanna Wenninger-Muhr bei der Auseinandersetzung mit der philosophischen Frage nach dem Zufall; Foto: Sybille Schmadalla

Wir können nur werden, wer wir tatsächlich sind …

Der Mensch versuche heute alle Probleme ökonomisch zu lösen. Hofweber erklärt den Zufall als Hinzutreten eines möglichen Zwecks zu einem wirklichen und wesentlichen Zweck. Der Mensch habe einen herrschenden Gedanken, ein Ziel, dem er folge. Dieses Ziel habe er sich nicht ausgesucht, sondern drücke aus, wer er als Individuum sei. Erst wenn er dies akzeptieren könne, gewinne er ein freies Verhältnis zu seinem Ziel. Weder Fremd- noch Selbstbild spielten dabei eine Rolle und würden weiterhelfen: “Egal, welches Bild wir von uns selbst haben – es ist falsch, weil wir uns selbst nicht in einem Bild erkennen können.” Wer man tatsächlich ist, könne man nur im Denken erfahren. Man müsse begreifen, wer man ist und was man wolle. Der Weg zur Selbsterkenntnis sei uralt und schwierig. Hofweber: “Solange wir über uns reflektieren und uns vorstellen, wer wir sein wollen, funktioniert das nicht. Wir können nur werden, wer wir sind, uns aber nicht dazu machen, wer wir sein wollen.”

Asiatische Weisheitslehren böten als Lösung an, die Reflexion zum Stillstand zu bringen und gar nicht mehr zu denken. Erst wenn die Reflexion zum Stillstand gekommen sei, komme die Erlösung und Erkenntnis in einer Art mystischen Einheit. Der westliche Weg sei ein anderer: In der abendländischen Philosophie höre man mit dem Denken nicht auf, sondern fange mit dem Denken nach der Reflexion an. Die Reflexion sei nur Bestandteil des Denkens. Statt Reflexion könne man auch Verstand sagen und statt Denken Vernunft. Der Verstand sei nur ein Moment der Vernunft, aber er sei nicht das Denken selbst.

Die Philosophie, so ist sich Hofweber sicher, führe dazu, selbst zur Einsicht zukommen. Es gehe in erster Linie nicht darum, erklärt zu bekommen, was dieser oder jener Philosoph denke, sondern darum, zu welcher Einsicht man selbst durch die Auseinandersetzung mit den Texten komme, denn nur was zur Einsicht führe, werde behalten. Es reiche, von verschiedenen Dingen das Prinzip zu verstehen, dann beginne man Zusammenhänge zu erkennen, die man vorher nicht gesehen habe. Das erweitere den eigenen Handlungsspielraum und führe zu einer Art Versöhnung mit sich selbst und anderen. Mit sich selbst ins Reine zu kommen, sei ein wesentlicher Effekt der Beschäftigung mit Philosophie.

Was ist das Ergebnis des Seminars? Ich habe zum Thema Zufall mehr Fragen, als vor dem Seminar, habe erfahren, dass der Mensch nach zweieinhalb Tausend Jahren immer noch keine Antworten auf die Fragen nach dem Zufall hat, habe erfahren, dass das Leben trotz maximaler Beherrschbarkeit in vielen Bereichen Rätsel aufgibt und dass es wohl ein letztes Geheimnis gibt, das sich dem Menschen nicht erschließt.

Und, um mit den Worten von Hofweber zu sprechen: “Der Zufall ist der vermeintlich rettende Bereich für einen vermuteten tieferen Sinn.” Das bedeute, dass man den regulären Sinn des Lebens nicht sehe. Der Sinn des Lebens liege im Leben selbst und nicht im Zufall: “Wir suchen, was wir wollen. Was wir wirklich wollen, wird und kommt von selbst.”

Die Suche nach dem Wesentlichen ist also noch nicht abgeschlossen …

Das ist ein gutes Gefühl. Alles ist gut so wie es ist, alles muss so sein, wie es ist. Das habe ich mir selbst im Innersten wohl alles so gewünscht – es ist alles kein Zufall, oder doch?

zufall04-430

Der Garten von Eggersberg, ein Ort für “Gedankengänge”; Foto: Johanna Wenninger-Muhr


_______________________________________________________________________

Anhang:

Wenn der liebe Gott anonym bleiben will …

… nennt der Mensch Ereignisse, die er nicht begreift, zu Unrecht “Zufall”?
Für Albert Schweitzer ist der Zufall ein Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er anonym bleiben will …
Auch Albert Einstein äußerte sich zum Phänomen: “Das, wobei unsere Berechnungen versagen, nennen wir Zufall.”
Friedrich Hebbel nennt den Zufall das Rätsel, welches das Schicksal dem Menschen aufgibt.
“Der Zufall hat keinen Verstand. Es heißt, er sei blind”, so Erich Kästner.
Frank Fehlberg, Historiker und Religionssoziologe: “Wer zurückblickt, wird feststellen, dass man die Aneinanderreihung von vermeintlichen Zufällen gleichsam ihre Fügung nennen kann. Der Rückschluss lässt die Aussage zu: nichts passiert ‘zufällig’ ohne Sinn. Im ‘Guten’ wie im ‘Schlechten’ “.
Voltaire beschreibt den Zufall als Wort ohne Sinn; nichts könne ohne Ursachen existieren.

Hofwebers Philosophieseminare

Hofwebers Idee, außeruniversitäre Philosophie-Seminare anzubieten, entstand während seines Studiums. Hofweber bekennt mutig, dass er während des Philosophie-Studiums das Wesentliche nicht verstanden hat. Man könne linear einem gewissen Gedanken folgen, aber dann käme man an einen Punkt, an dem ein linearer Übergang nicht mehr möglich sei. Dieser “Punkt” aber sei der Übergang vom “Vorstellungs-Denken” zum “Philosophischen Denken” – dort, wo das Denken erst beginne. Erst mit dem Ende des linearen Denkens oder Ableiten des Verstandes beginne das “vernünftige” Denken – die Vernunft. Die Ableitung könne man nachvollziehen, aber die Prinzipien könne man nicht mehr ableiten, erwarte aber, dass es aus der Ableitung heraus einen linearen Übergang zum Prinzip gibt. Den gibt es aber nicht. Man müsse das Prinzip anders einsehen. Dieses “andere Einsehen des Prinzips” sei die Vernunft. Es gibt also offensichtlich eine Art zu Denken, die im Besondern in der Philosophie zum Ausdruck kommt, von der aber die wenigsten noch etwas zu wissen scheinen. Hofweber fühlt sich keineswegs als Weltverbesserer, der die Welt mit seinen Einsichten segnen möchte. Man müsse die Dinge im Denken erfahren. Das ist aber schwierig. Wesentlicher Aspekt und Ziel der Seminare sei, dass sie eigene Handlungsspielräume erweitern. Außerdem lerne man in der Philosophie Bescheidenheit und Demut. Was wolle man zum Beispiel einem Aristoteles, der vor zweieinhalb Tausend Jahren über Politik, Rhetorik, Logik, Ethik, Physik, Metaphysik Bahnbrechendes, das immer noch Gültigkeit hat, schrieb, entgegensetzen?

Aristoteles

(*384 v. Chr. in Stageira auf der Halbinsel Chalkidike, † 322 v. Chr. auf der Insel Euboia) gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten europäischen Philosophen. Er hat zahlreiche Disziplinen entweder selbst begründet oder maßgeblich beeinflusst, darunter Wissenschaftstheorie, Logik, Biologie, Physik, Ethik, Dichtungstheorie und Staatslehre. Aus seinem Gedankengut entwickelte sich der Aristotelismus. 342/343 wurde er Lehrer Alexanders des Großen. Die an eine breite Öffentlichkeit gerichteten Schriften des Aristoteles in Dialogform sind verloren. Die erhalten gebliebenen Lehrschriften waren größtenteils nur für den internen Gebrauch im Unterricht bestimmt. Themenbereiche sind:

• Logik, Wissenschaftstheorie, Rhetorik

• Naturlehre – Aristoteles’ Naturphilosophie thematisiert die Grundlagen jeder Naturbetrachtung: die Arten und Prinzipien der Veränderung. In seiner Seelenlehre argumentiert er, dass die Seele, die die verschiedenen vitalen Funktionen von Lebewesen ausmache, dem Körper als seine Form zukomme. Damit vertritt er in der Philosophie des Geistes eine Position jenseits von Dualismus und Materialismus. Metaphysik – Zentrales Thema seiner Metaphysik ist seine Auffassung von der Substanz. In der frühen Lehre argumentiert er gegen Platon dafür, dass die Substanzen konkrete Einzeldinge sind.

• Die “Physik“ ist neben der Metaphysik und der Nikomachischen Ethik eines der Hauptwerke des Aristoteles. Sie befasst sich mit der Erklärung und Erläuterung grundlegender Begriffe bei der Beschreibung von Naturvorgängen.

• Ethik und Staatslehre – das Ziel des menschlichen Lebens, so Aristoteles in seiner Ethik, ist das gute Leben, das Glück. Um es zu erreichen, muss man Verstandestugenden und (durch Erziehung und Gewöhnung) Charaktertugenden ausbilden, wozu ein entsprechender Umgang mit Begierden und Emotionen gehört.

• Dichtung – in seiner Theorie der Dichtung behandelt Aristoteles insbesondere die Tragödie, deren Funktion aus seiner Sicht darin besteht, Emotionen zu erregen, um sie schließlich zu reinigen.

Drei Sechsen – ein Zufallsereignis?

Ein physikalischer Erklärungsversuch:
1. Ursache: der Mensch, der würfelt.
2. Ursache: Bewegungsenergie wird jedem Körper mitgegeben, der auf sechs verschiedene Arten wieder in ein stabiles Gleichgewicht kommen kann.
3.Ursache: Die Bewegungsenergie der Würfel wird durch Luftreibung und durch Kontakt etwa mit einer Tischfläche in Reibungsenergie verwandelt.
4.Ursache: Jeder der drei Würfel hat sechs gleichberechtigte Möglichkeiten, zur Ruhe zu kommen. Wirkung: Sie kommen zur Ruhe und nehmen – jeder für sich – eine dieser Möglichkeiten ein. Welche sie einnehmen, war nicht voraussehbar, jedenfalls nicht berechenbar.


Begegnung mit dem Sänger Johannes Martin Kränzle

Donnerstag, 4. März 2010

“Sich auf die Suche machen”
Begegnung mit dem Sänger Johannes Martin Kränzle

Text und Fotografien: Renate Feyerbacher

Sonntag ist er noch in São Paulo, Mittwoch in Kairo, um in der “Fledermaus“ den Eisenstein zu singen, dazwischen in Frankfurt am Main bei seiner Familie. Beim Gespräch mit der Journalistin in seiner Küche, das er spontan ermöglicht, ist er entspannt und aufgeschlossen, ab und zu lacht er herzlich. Feiner Humor blitzt immer wieder auf, keine Spur von Hektik, aber von grosser Energie. Jung und dynamisch wirkt er.

Seit 12 Jahren Ensemble-Mitglied der Oper Frankfurt

Vor 12 Jahren sang er an der Frankfurter Oper den Lescault aus Henzes “Boulevard Solitude”, seine erste Premierenrolle an dieser Bühne. Seitdem gehört er zum Ensemble. “Ich finde es schön, einen Bezugspunkt zu haben, sowohl, was das Persönliche betrifft, als auch dass man die Kollegen kennt, insofern bin ich gerne hier.” Er lobt das Niveau, das Orchester, die Produktionen. Er gebraucht die Worte “toll” und “wunderbar”. Nun wird der Sänger Kränzle national und international immer mehr gefragt, und es wird nach Lösungen gesucht, ihm diese Freiheiten des ausserfrankfurterischen Engagements zu ermöglichen.

IMGP3310-430

Johannes Martin Kränzle in seinem Musikzimmer

1999 überzeugte Johannes Martin Kränzle mit einer grandiosen Darstellung des Lenz in Wolfgang Rihms Kammeroper “Jakob Lenz”. Sie stützt sich auf Georg Büchners psychologische Novelle “Lenz”, die von der Krankheit des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz erzählt. Dieser hatte Angst- und Wahnvorstellungen, die ihn immer wieder zu Suizidversuchen trieben. Die Erinnerung an diese erschütternde Interpretation durch den Bariton Johannes Martin Kränzle ist heute noch hellwach.

Er sang und spielte eindrucksvoll echt. Es ist zu vermuten, dass Wolfgang Rihm von Kränzles Interpretation auch begeistert war. Denn nun vertraut ihm der Komponist erneut die Rolle eines psychisch Kranken an, und zwar in seiner Oper “Dionysos”, die Nietzsches letztes Werk “Dionysos-Dithyramben” zur Grundlage hat. Noch sitzt der Komponist an der Partitur der Oper, die bei den diesjährigen Salzburger Festspielen im Juli zur Uraufführung kommen soll. Johannes Martin Kränzle wird die Partie singen. Er wartet auf die Noten, was ihm im Augenblick ganz recht ist. In der Regel rechnet er mit zwei, drei Monaten für die Probenarbeit. “Das wird so eine Situation sein, dass man sich vornehmen muss, man springt gerade in so was rein”. Denn zur Zeit käme er nicht zum Einstudieren, da er im März an der Kölner Oper sein Rollendebüt in Bartoks “Herzog Blaubarts Burg” (Premiere am 12. März) gibt und im Mai in Mailand am Teatro alla Scala sein Rollen- und Hausdebüt als Alberich in Wagners “Das Rheingold” (aus dem Zyklus “Der Ring der Nibelungen”). Rund um die Uhr habe er nach Mailand zu proben.

Aber zunächst an die Kölner Oper: September 2009 wurde Wagners Oper “Die Meistersinger von Nürnberg” neu inszeniert. Die Kritiken betreffend Regie waren verheerend. Nur Johannes Martin Kränzle als Beckmesser wird höchstes Lob zuteil. “Herausragend  … darstellerisch überzeugender Beckmesser, der die Rolle einmal nicht als Karikatur anlegt, sondern – bei aller Detail-Differenzierung – mit Würde und Tragik ausstattet”, heisst es im Kölner Stadt-Anzeiger.

Im Gespräch darauf angesprochen, betont Kränzle den “ernsten Kern”, der jeder Figur innewohnt. “Der Mensch möchte ja kein Clown sein, sondern möchte ja auch verstanden werden. Durch die Situation ergibt sich dann die Komik und nicht dadurch, dass ich jetzt rauskomme und der grosse Spassmacher sein möchte”. Er beruft sich auf Charlie Chaplin und Buster Keaton, die in ihrem Ernst komisch waren. Aber nachahmen, kopieren kommt für ihn nicht infrage, er will “aus sich selbst arbeiten und Ideen entwickeln”. “Sich auf die Suche machen” ist seine Devise bei der Entwicklung einer Rolle. Er schätzt die Zusammenarbeit mit Regisseur Christof Loy, der an der Oper Frankfurt “Cosi fan tutte” inszenierte. Ein psychologisches Regie-Meisterstück, in dem Johannes Martin Kränzle den Don Alfonso singt (5. März 2010). Geschickt wickelt er die Frauen ein, die lange Zeit sich nicht verführen lassen und ihren Männern treu sein wollen. Aber Don Alfonso lässt nicht nach, weil es ja um eine Wette geht: “Cosi fan tutte” … “So sind sie alle”, die Weiber. Frauenfeindlich?

Nein, sagt der Sänger. Mozart behandele ja die Frauen viel liebevoller als die Männer, die seien ja wohl schön dumm, so eine Wette einzugehen. Und humorvoll fügt er hinzu: “Wenn die Männer die Frauen auf die Probe stellen würden, dann wäre das ganze Stück viel schneller zu Ende, denn die Männer würden nicht so lange durchhalten.”

Der einzige, der als Sänger wie als Schauspieler völlig souverän wirkt an diesem Abend, ist Johannes Martin Kränzle als “Beckmesser”, so wird in WDR 5 nach der Premiere in Köln berichtet. Er wird als der einzige gefeiert, der seinen Part zu entwickeln versteht. Als Sensation, als “Sänger, der vor Kraft und Sinnlichkeit vibriert, der mit der Stimme zu agieren versteht” (Kölner Stadt Anzeiger) wird er gefeiert.

Das fasziniert an Johannes Martin Kränzle: er überzeugt sängerisch wie darstellerisch und das nicht nur als Beckmesser, sondern auch als Don Alfonso, als Don Pizarro, als Graf Almaviva, als Papageno, als Figaro, als Eisenstein, als Lenz und und und. Über sechsunddreissig Rollen verfügt sein aktives Repertoire derzeit. Theaterspielen hat ihn schon immer interessiert, am Anfang mehr als das Singen. “Ich gehe privat fast öfter ins Schauspiel als in die Oper, da ich da mehr Innovation fürs eigene Spiel finden kann”, bekennt er. Professor Andreas Meyer-Hano von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt hat ihm während des Studiums die Schauspielkunst nahe gebracht.

Werdegang

Aber nun zurück zu den Anfängen des in Augsburg geborenen Sängers. Die Mutter war Musiklehrerin an einem Gymnasium. Er und seine beiden jüngeren Geschwister lernten ein Instrument. Er lernte die Geige. Dieses Instrument beherrscht er so gut, dass er in der szenischen Aufführung von Schuberts “Winterreise” ein Geigensolo spielt, ebenso manchmal in Offenbachs “Orpheus in der Unterwelt”. Und gelegentlich macht er mit Kollegen des Orchesters Kammermusik.

Nach der Schule, wo er hin und wieder ein Solo sang, studierte er in Hamburg ein Jahr Musiktheaterregie. Das fand er irgendwann langweilig, zu theoriebelastet, weil man von den spannenden Persönlichkeiten wie Götz Friedrich nur Referate hörte. Wie kam er zum Gesang? Durch Zufall. Johannes Martin Kränzle machte in Frankfurt am Main die Aufnahmeprüfung für Schulmusik, ohne Schulmusiker werden zu wollen, sondern um sich eine umfassende, musikalische Ausbildung anzueignen. Der Musikpädagoge Martin Gründler, der vor sechs Jahren verstarb, sass zufällig an diesem Tag in der Prüfungskommission. Er hörte den Studenten und sagte “Sie werden Sänger! Kommen Sie wieder und machen in einem halben Jahr die Gesangsaufnahmeprüfung”. So hat es Kränzle dann gemacht. Nach fünf Jahren hat Gründler sein Versprechen wahr gemacht und ihm ein erstes Engagement in Dortmund vermittelt.

“Da war jemand so überzeugt von mir. Ich bin ihm heute noch sehr sehr dankbar“.

Neue Lied-CD

2009 erhielt die CD-Aufnahme von Aribert Reimanns Oper “Lear”, die 2008 an der Oper Frankfurt Premiere hatte, den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Johannes Martin Kränzle bietet als ausgenutzter, gefolterter Gloster ein berührendes Portrait.

Nun ist 2009 eine Lied-CD des Sängers erschienen, die seine sängerische Bandbreite voll zur Entfaltung kommen lässt.

IMGP3363-k-430

Cover der CD „Die Mitternacht zog näher schon” (Bildnachweis: Oehms Classics München)

Es sind dramatische, witzige, nicht nur romantische Balladen von Carl Loewe, Robert Schumann, Hugo Wolf, Franz Schubert, Gustav Mahler sowie Ferruccio Busonis „Flohlied“ von Johann Wolfgang Goethe. Mephisto präsentiert es in “Faust I”, um die Gäste in Auerbachs Keller zu Leipzig zu erheitern.

Zu einer Hörprobe bitte hier anklicken
(alle Rechte bei Oehms Classics München)

“Es war einmal ein König,
Der hatt’ einen grossen Floh,
Den liebt’ er gar nicht wenig,
Als wie seinen eig’nen Sohn.
Da rief er seinen Schneider,
Der Schneider kam heran:
Da, miss dem Junker Kleider
Und miss ihm Hosen an!

In Sammet und in Seide
War er nun angetan,
Hatte Bänder auf dem Kleide,
Hatt’ auch ein Kreuz daran,
Und war sogleich Minister,
Und hatt’ einen grossen Stern.
Da wurden seine Geschwister
Bei Hof auch grosse Herrn.

Und Herrn und Frau’n am Hofe,
Die waren sehr geplagt,
Die Königin und die Zofe
Gestochen und genagt,
Und durften sie nicht knicken
Und weg sie jucken nicht.
Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.”

Johannes Martin Kränzle lässt im „Flohlied“ wie auch in Mahlers “Des Antonius von Padua Fischpredigt” und Schumanns “Die beiden Grenadiere” feine Ironie hören. Sein lyrischer Bariton kann sich in diesen Liedern wunderbar entfalten. Loewes Balladen singt er wie die alten Barden, nicht immer die Basstiefen genügend ausschöpfend, aber wirklich dramatisch. Schuberts “Erlkönig” gefällt, weil er eine übertriebene Darstellung, wie sie früher üblich war, vermeidet. Auch Hugo Wolfs “Gutman und Gutweib” sowie “Der Feuerreiter” sind lebendig und Schuberts “Revelge” äusserst berührend. Seine Texte sind gut zu verstehen. Hilko Dumno, Dozent für Liedform an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt, preisgekrönter Klavierbegleiter grosser Interpreten, unterstützt den Sänger am Klavier: vorzüglich, markant und einfühlsam. Seine Vor-, Zwischen -und Nachspiele lassen ein bedeutendes pianistisches Können spüren.

Ein engagierter Mensch

1991 gewann der 28jährige Johannes Martin Kränzle in Rio de Janeiro bei einem Gesangswettbewerb den ersten Preis. Damals hatte er gerade das Dortmunder Engagement mit einer kleinen Rolle angenommen und konnte das Angebot der Oper von Rio, als Leporello zu debütieren, nicht wahrnehmen. Er hatte wohl noch die Zeit, in Nordbrasilien herumzureisen und ein paar Konzerte zu geben. Aber das war den Musikprofessoren von João Pessoa nicht genug. Sie wollten, dass er den Studenten etwas beibringe. Blitzschnell organisierten sie einen Simultandolmetscher und einen Pianisten, und der junge Sänger fand sich sofort in der Rolle des Musikpädagogen.

Es machte ihm Spass. Schnell sprach sich seine Tätigkeit in Nordbrasilien herum. Im Jahr darauf meldete sich die Musikschule von Recife, dann von Natal, wo er im Januar 2010 unterrichtet hat. Einigen seiner Teilnehmer konnte er in diesen 19 Jahren, die er nun dort aktiv ist, helfen, in Europa einen Studienplatz zu finden.

Ehrenamtlich ist er natürlich tätig. Wobei das Geld, das er diesmal bekam, seine Flugkosten deckten. “Ich fände es eigenartig, wenn ich als Besserverdienender Kapital daraus schlagen würde.” Die Tatsache, dass er die Sonne und den Strand geniessen kann und vor allem ein anderes Lebensgefühl erlebt, ist für ihn Lohn genug. Es macht ihm Spass, nicht nur an grossen Häusern in Japan, USA und Deutschland zu singen (”da ist manchmal alles zu saturiert, gemachte Nester”), sondern auch zum Beispiel in Tiflis, wo die Proben erst zu Ende sind, wenn das Licht ausgeht, oder wie Ende Januar in Kairo.

Johannes Martin Kränzle, dem kein Alter anzusehen ist, ist auf dem Sprung in die Weltkarriere. Publikum und Fachwelt sind gespannt auf seine Interpretation des Alberich, den er im Mai am Teatro alla Scala singen wird und im Oktober an der Deutschen Oper Berlin. Wie wird er dessen Bösartigkeit, aber auch Verzweiflung – auch er hat ja einen “guten Kern” – gestalten?

Die Termine des Sängers, auch die Konzertermine von Mendelssohn-Bartholdys “Elias” in Darmstadt und Mainz, stehen auf seiner Internet-Seite .

Im Juni und Juli 2010 singt er wieder an der Oper Frankfurt Hans Pfitzner. Dann kommen die Salzburger Festspiele, dann Berlin. Das Jahr beendet er als Graf Danilo in “Die Lustige Witwe” im Grand Théâtre de Genève. 2011 steht das berühmte Glyndebourne Opernfestival südlich von London auf seinem Terminkalender.


Bhutan – ein noch ziemlich unbekanntes Land (Folge 1)

Montag, 13. Oktober 2008

Bhutan

Text und Fotografien: © Ingrid Malhotra
Buchautorin und Fotografin

Bhutan ist ein sehr kleines Land.

Bhutan ist auch – noch – ein ziemlich unbekanntes Land.

Um ehrlich zu sein, ich bin da ganz egoistisch, wünsche ich mir, dass es noch sehr, sehr lange so bleiben möge.

tempel-bei-bumthang.JPG

Es ist herrlich, in einer alten Tempelanlage herumzustrolchen, und niemand will mir etwas verkaufen. Ich kann mir in aller Ruhe jedes Detail anschauen, mit den Menschen sprechen, die dort leben und arbeiten. Es ist kein Problem, Fotos zu machen, auf denen nur Bhutan zu sehen ist – keine Deutschen, keine Amerikaner, keine Japaner.

Herrlich.

Ich würde das gerne irgendwann wiederholen, vielleicht mit etwas besserem Wetter.

Und weil noch so wenige Leute nach Bhutan reisen, ist der Kontakt zu den Einheimischen auch ganz besonders “normal”.

Aber am besten fange ich ganz am Anfang an. Vor der Einreise …

Die häufigsten Fragen, wenn ich erzählte, dass ich nach Bhutan reisen will, waren “Wo liegt denn das?” und “Warum gerade dahin?”, gefolgt gelegentlich von Warnungen, dass es dort noch sehr primitiv und mittelalterlich zugehe.

Wo es liegt? Zwischen Indien und China, nicht weit von Nepal – ein saftiger Knochen, den sich die beiden grossen Kampfhunde gar zu gerne einverleiben möchten, aber Bhutan hält sich tapfer.

Bhutan ist lang und schmal, kaum für moderne Fortbewegungsmittel erschlossen, und die Höhenunterschiede sind immens: im Süden an der indischen Grenze kaum über Meereshöhe; und im Norden hat der höchste Berg 7.553 Meter. Von Indien aus steigen die Vorberge des Himalaya wie eine Wand auf 2000 bis 3000 m Höhe an – hier leben die meisten Menschen und treiben Ackerbau und Viehzucht in weiten Hochtälern. Kartoffeln, Buchweizen, Spargel, Äpfel – alles ganz vertraute Produkte. Dazu findet man noch so manche uralte Getreidesorte, die bei uns keiner mehr kennt.

Die Klimaunterschiede entsprechen den Höhenunterschieden – für eine Reise nach Bhutan muss man auf alles vorbereitet sein – vom ärmellosen T-Shirt bis zur Daunenjacke darf nichts fehlen.

Es hiess, dass hier die alten Traditionen nicht wegen des Tourismus gepflegt werden, sondern weil sie den Menschen etwas bedeuten. Es hiess, dass nur eine begrenzte Anzahl von Touristen jedes Jahr einreisen darf, damit dem Land die üblichen, hässlichen Begleiterscheinungen des Tourismus erspart bleiben. Das klingt doch irgendwie reizvoll, nicht wahr?

Also, schaute ich mir die Landkarte an, las ein paar Bücher und stellte dann die Reise ungefähr so zusammen, wie ich sie mir vorstellte.

bhutan.png

Da es nun ganz so aussah, als ob man nicht einfach hinfliegen und herumfahren könne (was heisst hier “herumfahren”? im Wesentlichen gibt es nur eine Strasse, und ob die den Namen verdient?) und ausserdem die

highway.JPG

Kenntnisse aus Büchern mitunter etwas mangelhaft sind, habe ich meinen Plan einem erfahrenen Reiseveranstalter in Bangkok geschickt, den ich von früheren Reisen her kannte, und ihn gebeten, mir die Reise zu organisieren. (Leider habe ich den Kontakt inzwischen verloren, was ich überaus bedauere.)

Nun gingen viele Mails hin und her – es war wohl gut, das einem Menschen zu überlassen, der sich damit auskannte, insbesondere, da ich anschliessend noch nach Darjeeling und Kathmandu wollte. Er machte Vorschläge, ich akzeptierte sie – meistens. Wichtig war der Zeitpunkt der Reise: Ich wollte ausserhalb der Regenzeit unterwegs sein (Sie ahnen es schon, in dem Jahr dauerte die Regenzeit länger!), und ich wollte die Maskentänze sehen. Schliesslich war alles vorbereitet, ich musste nur noch die Flüge von und nach Frankfurt buchen, dann konnte es schon losgehen.

Da ich mir ausgerechnet hatte, dass das Reisen in Bhutan vielleicht ein wenig anstrengend sein könnte, und da mein Reiseveranstalter in Bangkok sitzt, bin ich zunächst einmal nach Bangkok geflogen, um meine Unterlagen abzuholen und ein wenig in der Stadt herumzustromern. Bangkok ist faszinierend, und in meinem Hotel gelte ich mittlerweile als so eine Art Stammgast und bekomme immer ein Eckzimmer mit Balkon ganz weit oben mit einem herrlichen Blick über den Chao Phraya.

aussic-ht-von-meinem-balkon-in-bangkok.JPG

Eigentlich wäre ich am liebsten dort geblieben. So herrlich faul zu sein, verwöhnt zu werden …

So ein Hotel ist ja schon ein kleiner Minikosmos, in dem man immer wieder neue, aufregende Entdeckungen macht.

Aber ich hatte gerade eine Menge Geld für die Reise nach Bhutan bezahlt – die Behörden dort verlangen nicht nur, dass man die Reise über einen Reiseveranstalter bucht, sondern auch, dass man etwas über 200 US-Dollar pro Tag Mindestsumme vorausbezahlt. Das klang natürlich nach sehr viel, aber wie sich später herausstellte, waren damit auch alle Kosten im Lande abgedeckt – bis auf die unvermeidlichen Einkäufe, die man sich dann zuhause meist nicht mehr so recht erklären kann.

Also ging es zum neuen Flughafen in Bangkok – der alte war ja schon gewaltig, aber der neue – Megalomanie vom Feinsten!

Ein wenig misstrauisch war ich, denn um nach Bhutan zu kommen, musste ich mit einer Fluggesellschaft starten, von der ich nie zuvor gehört hatte, der Druk Air, der staatlichen Fluggesellschaft Bhutans. Andere dürfen dort nicht hinfliegen.

Und man kennt ja diese kleinen asiatischen Fluggesellschaften … Ich wusste nicht so recht, wie ich das mit meiner ewigen Flugangst unter einen Hut bringen sollte. Aber alle Sorgen stellten sich wieder einmal als völlig unbegründet heraus: Druk Air ist nicht nur klein, sondern auch fein.

Das Flugzeug war brandneu, so sauber und gepflegt, dass man gar nicht auf die Idee kam, nach Roststellen, losen Schrauben oder sonst etwas Verdächtigem an den Tragflächen zu suchen – also, ich weiss nicht, irgendwie sehr unasiatisch. Das war jetzt sicher politisch nicht korrekt, aber spätestens seit der sicher schon mehrmals anderswo ausgemusterten 707 von Bombay nach Aurangabad – der mit den geflochtenen Sitzen und ohne Gepäckablagen – bin ich etwas empfindlich geworden. Und dazu hatte ich noch das grosse Glück, neben einem Mitarbeiter einer internationalen Organisation (ich glaube, es war der IWF) zu sitzen, der oft nach Bhutan flog und mir viele wertvolle Tipps gab.

Ohne diesen Sitznachbarn hätte ich wahrscheinlich so manches gar nicht als Besonderes wahrgenommen, was tatsächlich sehr besonders war. Er warnte mich auch vor der Landung auf dem einzigen internationalen Flugplatz Bhutans im Paro-Tal, da der Landeanflug durch einen engen Taleinschnitt erfolge.

bergflanke.JPG

Naja, auch da hatte ich Glück und sass auf der Seite, wo der Berg sanfter anstieg und dadurch weiter entfernt wirkte.

Aber schon vor der Landung fiel mir auf, wie gepflegt alles wirkte – grosse Häuser mit viel Holz, wie es schien.

landeanflug-1.JPG

landeanflug-2.JPG

Von oben betrachtet, hätten die genauso gut in der Schweiz stehen können. Gut, später stellte sich heraus, dass zumindest das Dekor etwas unschweizerisch war.

img_7136.JPG

Man legt halt grossen Wert auf Fruchtbarkeit, denn es gibt so wenig Bhutanesen, nur circa 630.000 oder 640.000, manche sagen auch etwas über 700.000. Immerhin ist das Land etwa so gross wie die Schweiz, wenn auch lang und schmal. Und diese wenigen Bhutanesen leben grösstenteils auch noch weit auseinander in diesem winzigen Land. Die allermeisten leben irgendwo in einem Haus inmitten ihrer Felder und Weiden und müssen lange Fussmärsche zurücklegen, wenn sie in eine der wenigen Städte wollen. Und das wollen sie mindestens einmal im Jahr, wenn die grossen Tanzveranstaltungen stattfinden.

Tja, und dann kam die Landung und die damit verbundene Erleichterung. Passkontrolle, Gepäck, alles ging schnell und einfach vonstatten. Und dann stand draussen ein junger Mann, eigentlich eher noch ein Junge, mit einem Pappschild, auf dem mein Name stand. Dieser Junge war äusserst merkwürdig angezogen: Ein schwarzes, ja, wie soll ich sagen, Kleid, das sich gewaltig über einem eng zugezogenen Gürtel bauschte, schwarze Kniestrümpfe und die elegantesten schwarzen Lackschuhe, die ich je gesehen habe.

Natürlich hatte ich gelesen, dass die Regierung von den Bürgern verlangt, ihre Nationaltracht zu tragen, aber ich hatte ja keine Ahnung, wie die aussieht. Also irgendwie, doch, sehr elegant. Nicht direkt praktisch in einem Hochgebirgsland, wo sich das Leben überwiegend in Lagen weit über 3000 Metern und in unwegsamem Gelände abspielt, aber deutlich schicker als Lederhosen. Dass es auch anders geht, sah ich dann am Fahrer, bei dem alles wie kariert war.

auto-und-fahrer.JPG

Das Auto passte irgendwie zur Tracht: Ich hatte einen geländegängigen Jeep erwartet, stattdessen stand da eine etwas ältere Limousine, ebenfalls asiatischer Provenienz, von der Sorte, bei der man schon beim Hingucken seekrank wird. Und das im Hochgebirge …

Nun, man wird sehen. Die beiden Jungs stellen sich vor, sind schwer verständlich, aber ich werde ja genug Zeit haben, mich an den Akzent zu gewöhnen, und los geht’s. Nach Thimphu, der Hauptstadt.

Die Strecke ist nicht lang. Laut meinen Büchern soll die Fahrt etwa eine Stunde dauern. Was die Autoren offenbar nicht wussten, ist, dass die Strasse in erster Linie aus Baustellen besteht. Und diese Baustellen sind nicht ampelgeregelt – dafür sind sie auch viel zu lang! -, sondern man darf zwei Stunden in die eine Richtung fahren und dann zwei Stunden in die andere. Und dann kommt ein Regierungsmitglied, der Kronprinz (der inzwischen König ist und wahrscheinlich immer noch ganz unbekümmert mit seinem Jeep durch die Gegend kurvt) oder eine Delegation aus einem anderen Land. Und für die gelten diese Regelungen nicht. Also, es zog sich etwas hin, bis wir in Thimphu ankamen.

Inzwischen war es Spätnachmittag. Die Zeit reichte nur noch für einen kurzen Spaziergang. Man zeigte mir den “dansing policeman” – das war der Verkehrspolizist, der an einem Ende der Hauptstrasse in seinem kleinen Unterstand jedes Mal in frenetische Aktivität ausbrach, wenn ein Auto kam. Das geschah nicht oft, aber es war jedes Mal äusserst sehenswert.

dansing-policeman.JPG

Und die Bhutanesen schienen sehr stolz auf ihn zu sein. Ich hatte auch noch Gelegenheit, die im Hotel in Bangkok vergessene Zahnbürste zu ersetzen und ein paar Schaufenster anzusehen.

hauptstrasse-in-thimphu-1.JPG

hauptstrasse-in-thimphu-2.JPG

Dann war es Zeit, ins Hotel zu gehen, das nicht sonderlich komfortabel war, aber einen sehr schönen Blick über die Stadt bot.

thimphu-by-night.JPG

Das Abendessen war zu meinem grossen Leidwesen gar nicht schlecht – ich hatte ja gehofft, dort abzunehmen, was dringend erforderlich gewesen wäre (ist es immer noch!) und was mir in Burma oder Kambodscha immer gut gelingt. Aber nein – das Essen schmeckte richtig lecker.

Nun, am nächsten Tag beginnt das grosse Abenteuer. Das können Sie dann demnächst nachlesen unter “Unterwegs in Bhutan”.

(Folge 2)

Bhutan – ein noch ziemlich unbekanntes Land (Folge 2)

Montag, 20. Oktober 2008

Unterwegs in Bhutan

Text und Fotografien: © Ingrid Malhotra
(ein Foto von Marion Toelle)

Heute ist der zweite Tag in Bhutan (siehe Folge 1). Das Abenteuer beginnt.

thimphu.JPG

Aber zunächst wird Thimphu, die gewaltige Hauptstadt mit knapp 70.000 Einwohnern, gründlicher angeschaut. Der Tempel mit den grössten Gebetsmühlen, die man sich vorstellen kann, und ich erfahre, dass es sehr wichtig ist, nur linksherum um den Tempel zu gehen. Dann ein Blick auf den Königspalast, der sehr bescheiden wirkt.

Briefmarkenkauf, die öffentliche Bücherei ist geschlossen;

briefmarkenkauf.JPG

eine klassische Baustelle, die Baustelle des neuen Luxushotels, des künftig einzigen in Bhutan;

baustelle.JPG

ein Gang über den Fluss, die freitragende Brücke ist wunderschön,

thimphus-stolz.JPG

und unter dem Schutz des Brückendachs spielen zwei Frauen mit Würfeln. Eine will nicht fotografiert werden, aber die andere ist umso lieber dazu bereit.

wurfelspielerin.jpg

Auf der anderen Seite des Flusses findet gerade der Wochenmarkt statt, und es ist ein richtiger Wochenmarkt, auf dem Waren angeboten werden,

uber-die-brucke-zum-wochenmarkt.JPG

welche die Einheimischen brauchen können – nur ganz wenig Touristenkram.

Den Dzong lassen wir aus, den soll ich zum Ende der Reise noch gründlich kennenlernen.

Aber zum Goldschmied muss ich kurz hineinsehen. Ich habe da etwas gesehen, und ja, das ist traditioneller bhutanesischer Schmuck, ein Ring, wie ihn Männer und Frauen hier tragen: aus getriebenem Gold mit einem tropfenförmigen Türkis. Da lasse ich mir doch gleich einen machen.

goldschmied-1.JPG

goldschmied-2.JPG

Dann geht es weiter ins Land hinein – es gibt wirklich nur eine Strasse, die von Westen nach Osten das Land durchquert – die Reiseroute ist sehr einfach nachzuvollziehen. Und das trotz der Angst, die einen gelegentlich etwas lähmte, denn diese einzige Strasse ist sehr, sehr schmal, sie verläuft in grosser Höhe an steilen Hängen entlang, und sie ist sehr befahren.

Es ist wahr, Bhutan ist noch sehr mittelalterlich, aber es ist ein Mittelalter mit Autos und Handies – es scheint, als ob jeder ein Auto hat, ob er nun an einer Strasse wohnt oder nicht, und Handies sind auch weit verbreitet und eifrig in Gebrauch. Die Netzabdeckung scheint recht gut zu sein, wenn man so mit dem Taunus vergleicht …

Und ausserdem stelle ich fest, dass Bhutan den falschen Namen trägt! Es heisst „Land des Donnerdrachens“, und der Drachen ist auch das Wappentier und wird liebevoll auf jede Fahne gestickt.

flagge.JPG

Aber es sollte „Land der Wasserfälle“ heissen. Überall fällt Wasser, lang, kurz, schmal, breit – wo man auch hinschaut, Wasserfälle. Und ich liebe Wasserfälle sehr. Und treibe meinen Fahrer in den Wahnsinn, weil ich hinter jeder zweiten Kurve „stop“ schreie und aus dem noch halb fahrenden Auto springe, um ein Foto zu machen. Man kann dort eigentlich nirgends anhalten, weil die Strasse so eng ist und weil es fast immer auf der einen Seite sehr steil nach oben und auf der anderen Seite ebenso steil nach unten geht. Aber was bleibt mir anderes übrig bei so vielen Wasserfällen, und einer ist schöner als der andere …

wasserfall-1.JPG

wasserfall-2.JPG

Ein paar Stunden, nachdem wir Thimphu verlassen haben, fahren wir über einen Pass, der mit vielen kleinen Tempeln und noch mehr Gebetsfahnen geschmückt ist. Man soll hier eine grossartige Aussicht haben. Aber natürlich sehe ich nur Wolken. Andere sahen mehr …

am-pass.JPG

meine-aussicht-vom-pass.JPG

Allmählich verstehe ich auch, warum sechs bis sieben Tage veranschlagt wurden, um von Thimphu im Westen nach Trashigang im Osten zu fahren – eine Gesamtstrecke von ca. 530 km: diese Strassen! Und es ist so viel zu sehen. Immer wieder müssen wir unterwegs anhalten. Mal wegen eines Wasserfalls, mal wegen eines herrlichen Ausblicks in eine der waldigen Wildwasserschluchten, mal, um Frauen beim Weben ihrer unglaublichen Stoffe zuzuschauen. Das Muster wird so eingewebt, dass es wie gestickt wirkt. Wirklich unglaublich schön, aber leider auch unglaublich teuer.

weberinnen.jpg

spinnerin.jpg

Schliesslich kommen wir nach Punakha. Zunächst geht es ins Hotel, das wunderschön liegt, aber mich unterzubringen, verursacht ein mittleres Chaos, weil die Zimmerreservierung nicht angekommen sei und weil die doch eher unerfahrenen Mitarbeiterinnen der festen Überzeugung sind, dass man einer Alleinreisenden kein Doppelzimmer zumuten kann – und die Einzelzimmer waren alle nicht in Ordnung. Es kostete einiges an Überzeugungsarbeit, bis sie verstanden, dass ich gerne das Opfer bringe und bereit bin, ein grösseres Zimmer mit besserer Aussicht zu nehmen. Was tut man nicht alles …

Dann fahren wir schnell an den Fluss, um einen atemberaubenden Blick auf den Dzong zu geniessen.

punakha-dzong.JPG

Hier sollte ich vielleicht erklären, was ein Dzong ist: Es handelt sich um eine befestigte Anlage, die zum Teil als Kloster und zum Teil als Verwaltungssitz eines der 20 Distrikte von Bhutan, eines so genannten Dzongkhar, dient. Ausserdem sind – oder waren – die Dzongs Zufluchtsorte für die Bevölkerung in Kriegszeiten.

Am nächsten Morgen geht es weiter nach Trongsa.

hauptstrasse-von-trongsa.JPG

Den riesigen Dzong sieht man schon von weitem, wie er auf einer steilen Klippe über einer tiefen Schlucht thront.

im-trongsa-dzong.JPG

im-trongsa-dzong-2.JPG

Innen kann man deutlich den Verwaltungstrakt vom Klosterteil unterscheiden. Besonders gut erhalten sind der alte Wachtturm und herrliche alte Wandmalereien. Der Ort ist winzig, aber als ich in den einzigen richtigen Laden ging und fragte, ob es einen Taschenspiegel gebe, weil ich meinen verloren hatte, zeigte man mir voller Stolz eine Chanel-Puderdose. Irgendwie kam das unerwartet …

Das Hotel hier war bezaubernd, grosse gut eingerichtete Zimmer voller Atmosphäre, Balkons mit prächtiger Aussicht, eine Terrasse, auf der man sehr gemütlich zu Abend essen und einen erlebnisreichen Tag ausklingen lassen konnte. Herrlich. Hier könnte man öfter hinfahren, wenn es nur nicht so weit weg wäre.

Am nächsten Tag geht es auf den Weg nach Bumthang. Hier sind wir schon ziemlich in der Mitte des Landes. Bumthang liegt langgestreckt in einem weiten, sandigen Hochtal. Die Landschaft wird geprägt von der rötlichen Farbe des Buchweizens,

buchweizen.JPG

von zahllosen Apfelbäumen und von einem kleinen Fluss, der sich durch das Tal schlängelt. Die Einheimischen bezeichnen Bumthang als eine Stadt, aber eigentlich ist es eine Vielzahl von kleinen Siedlungskernen, die sich über circa 80 km erstrecken. Im grössten dieser Kerne finde ich mein Hotel, und ich habe hier auch zum ersten Mal intensiveren Kontakt mit Einheimischen.

Es ist ja üblich bei Reisen in Entwicklungsländer, dass ein Programmpunkt der Besuch einer einheimischen Familie ist, damit man sehen kann, wie die Menschen dort leben. Üblicherweise sitzen dann die Touristen verlegen herum und wissen nicht, wohin mit ihren Händen, weil sie der Hygiene nicht trauen. Die Gastgeber sitzen auch mit verlegenem Grinsen herum, bieten etwas zu essen oder zu trinken an, und alle sind froh und erleichtert, wenn es vorbei ist.

In Bumthang war das ein wenig anders. Ich besuchte eine Bauernfamilie. Sie zeigten mir stolz ihr Haus. Das Leben spielte sich überwiegend im Wohnzimmer ab, wo man im Winter auch schläft, um Heizmaterial zu sparen – trotz der vielen Wälder sind die Bhutanesen erfreulich besorgt um ihr Holz. Im Sommer schlief man in kleinen Schlafkammern mit Nischenbetten. Und dann gab es noch ein besonderes Zimmer mit einem Altar und einem extra bequemen Bett – dort sollte der Lama schlafen, wenn er denn einmal zu Besuch kommen sollte. Die Unterhaltung war lebhaft, die Kinder spielten ganz unbekümmert und freuten sich, wenn ich sie fotografierte.

spielende-bauernkinder.JPG

Es gab selbstgebrauten Schnaps, von dem ich allerdings nicht ganz so viel schaffte, wie man von mir erwartete.

Aber das Interesse an unserer Art zu leben war gross; sie kennen es ja nur aus einem gelegentlichen Fernsehfilm und wollen schon gerne wissen, ob wir wirklich so leben. Und ich konnte mal wieder meine übliche Frage loswerden: „Sind Sie wirklich glücklich? So, wie es der König angeordnet hat?“ Aber auch hier beharrten alle darauf, dass sie wirklich glücklich seien, so wie der König das wolle.

In einem Tempel übten Mönche für die Maskentänze – sehr befremdend mit ihren Roben und alten Säcken statt ritueller Gegenstände. Aber lustig, und auf jeden Fall hat es neugierig gemacht auf die echten Tänze später.

uben-uben-1.JPG

uben-uben-2.JPG

In einem anderen Tempel gab es prächtige Tangkas und Wandmalereien – und keinen einzigen Touristen! Die Gebäude waren um einen grossen Platz aufgereiht – auf einer Seite die Tempel, auf der anderen Seite die Unterkunft für die Mönche. Hunde dösten und spielten wie überall, wo Menschen sie füttern – die Regierung sterilisiert sie, aber die braven Buddhisten in Bhutan lassen selten einen Hund hungern.

tempel-bei-bumthang-2.JPG

im-tempel-bei-bumthang.JPG

Eine alte Frau entfernte Unkraut aus den Ritzen des Tempelvorplatzes – das war ihr Job, davon lebte sie und war tatsächlich glücklich dabei. Wir unterhielten uns lange, und es stellte sich heraus, dass wir fast gleichaltrig waren. Erklärungen fielen uns beiden sehr schwer …

alte-frau.JPG

Aber sie hatte so ihre Theorien darüber, wie Frauen in modernen Ländern leben und warum sie langsamer altern.

Beim Abendessen kam dann noch eine grosse Überraschung: Angekündigt waren Kartoffelpfannkuchen mit Ingwerkarotten. Das waren Reibekuchen genau wie zuhause! Und die Ingwerkarotten passten so gut dazu, dass ich mir gleich das Rezept geben liess …

Ich fand es schon ganz schade, Bumthang zu verlassen – aber wir sind ja noch ein paar Stunden hindurch gefahren.

Die nächste Station war Mongar – hier besuchte ich eine Schule und war zutiefst beeindruckt von Disziplin und Lerneifer der Kinder. Sie hatten gerade Englischunterricht – Englisch ist Pflichtfach, da man den Kindern die Möglichkeit geben will, in der ganzen Welt zu lernen und zu studieren, wenn sie die Schulausbildung in Bhutan abgeschlossen haben. Aber später erklärte man mir hinter vorgehaltener Hand, dass diese ach so disziplinierten Kinder alles nachholen, was sie hier nicht dürfen, wenn sie später tatsächlich im Ausland weiter lernen. Nun, das sei ihnen gegönnt – sie waren wirklich viel zu brav!

schule-1.JPG

schule-2.JPG

Hier in Mongar war es auch, dass ein gewaltiges BMW-Motorrad, liebevoll geputzt, gepflegt und dekoriert, nicht weit vom Fussballplatz stand – das kam irgendwie unerwartet. Noch unerwarteter kam das, was ich über die Liebe der Bhutanesen zum Fussball erfuhr. Das ist eine ganz besondere Beziehung. Sie kennen alle Mannschaften, sogar die Frankfurter Eintracht, und ganz Bhutan schwärmt immer noch vom Fussballspiel Bhutan gegen Montserrat im Jahre 2002.

bmw_in_mongar.jpg

fussballplatz-in-mongar.JPG

Von Mongar aus ging es weiter nach Trashigang. Das Wetter wurde besser, gelegentlich schien sogar die Sonne. Die Wasserfälle glänzten im Licht, die Landschaft wurde etwas weniger harsch. Und dann kam Trashigang, der östlichste Punkt, den man mit einem normalen PKW erreichen kann, wie man mir sagte. Ein wunderschönes Ortszentrum. Prächtige alte Häuser stehen im Kreis um einen Platz herum, in dessen Mitte sich eine Gebetsmühle befindet.

trashigang.jpg

Eines dieser Häuser war mein Hotel, und leider war hier, an diesem schönen Ort, zum ersten und einzigen Mal über mangelnde Hygiene zu klagen. Den Floh, den ich mir hier einfing, habe ich mitgenommen auf die Rückfahrt und bin ihn erst in Mongar wieder losgeworden. Ob man mir dort wohl dankbar war? Aber es soll ein weitgereister Floh gewesen sein – angeblich war er sogar schon in Bangkok …

Trotzdem habe ich wunderschöne Erinnerungen an Trashigang, denn abends gab es gutes Essen und nach einer kleinen Suchaktion eine Flasche überraschend guten Rotwein auf der Terrasse unter gewaltigen Engelstrompetenbüschen.

abend-in-trashigang.JPG

Eine ganze Reihe der Einwohner von Trashigang versammelte sich, und wir haben bis spät in die Nacht sämtliche Probleme dieser Welt im Ganzen und Bhutans im Einzelnen gelöst. Fast alle sprachen Englisch, und es war enorm gemütlich. Hier habe ich auch nicht mehr widerstehen können und eine dieser teuren handgewebten Decken und einen handgewebten Gürtel gekauft – irgendwann wird man mürbe!

Am nächsten Tag wurde noch eine Kunstschule besichtigt, an der junge Menschen lernten, Tangkas und Tempelbilder, Schnitzereien und kunstvolle Webereien anzufertigen.

kunstschule-1.JPG

kunstschule-2.JPG

Eine besondere Spezialität waren Schieferplatten mit vergoldeten Figuren darauf – leider zu schwer für das Fluggepäck.

schieferbild.JPG

Tja, und dann kam die Rückfahrt nach Thimphu.

Und die war so ereignisreich, dass ich wohl aus der geplanten Trilogie über Bhutan eine Quadrologie machen muss – sonst wird das zu lang, und Sie mögen nicht weiter lesen, gerade wenn es interessant wird …

(Folge 3)