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Archive for the 'Meine Gäste' Category

Gesund in die AOK auf Probe

Sonntag, 27. September 2009

“Vorsicht Arzt!” schrieb einst der legendäre Chirurg Julius Hackethal an sein Praxisschild. Lenin soll gespottet haben: “Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich erst noch eine Bahnsteigkarte!” In diesem Sinne rufen wir, deutsch, vorsichtig und pflichtbewusst, wie wir sind, Ihnen zu: “Vorsicht Glosse!”

Gesund in die AOK auf Probe

von Robert Straßheim

Testen Sie die AOK Hessen”, stand auf dem Werbeplakat.

Warum nicht, dachte ich mir, teste mal richtig die Krankenkasse! Ich wurde AOK-Mitglied, für eine Probezeit von drei Monaten, mit Auslands-Zusatzversicherung.

Erstmal nahm ich mir eine Woche Urlaub. Das sollte reichen, dachte ich mir, eine Woche investiere ich mal, und die restlichen zwölf Wochen gehören dann der AOK.

Sofort buchte ich einen Flug nach Mexiko, ein one-way-ticket, versteht sich, der Rückflug sollte auf die Kasse gehen. Aber ich musste vier Tage warten, bis der Flieger abging. Um die Zeit zu nutzen, ging ich in ein Flatrate-Lokal, wo ich mich richtig volllaufen ließ, und weil ich die Hälfte davon wieder erbrach, schluckte ich noch ein paar bunte Pillen dazu. Notarzt, Intensivstation, alles verlief nach Wunsch. Nach drei Tagen hatte die AOK mich wieder auf die Beine gebracht.

In Mexiko jagte ich dem Virus nach, wollte doch immer schon mal wissen, wie gefährlich diese Schweinegrippe ist. Fürs HIV und eine schöne AIDS-Behandlung reichen drei Monate ja leider nicht aus. Also schlich ich mich in ein Krankenhaus mit Grippe-Opfern ein, durchbrach alle Sicherheitssperren, gelangte ins Krankenzimmer und küsste von den siechen Leibern alle verfügbaren Schweineviren ab.

Nichts passierte. Dabei endete in zwei Tagen mein Urlaub! Was ich bei meiner Planung vergessen hatte: Drei, vier Tage Inkubationszeit brauchen diese Viren, bis die Schweinegrippe richtig ausbricht. Da ich solange nicht warten konnte, weil ich sonst gefeuert worden wäre oder auf eigene Kosten hätte zurückfliegen müssen, hatte ich eine bessere Idee: Bungee-Jumping. Auch dafür ist Mexiko ein prima Land. Trotzdem musste ich fünfmal hintereinander springen, bis ich endlich verunglückte. Jetzt ging alles sehr schnell: Hubschrauber-Rettung, Nottransport zurück nach Deutschland, Wirbelsäulen-OP, Schweinegrippen-Quarantäne und eine schöne lange Reha-Therapie. Genau zum Ende der Probezeit bin ich entlassen worden.

Zuhause finde ich nun einen Brief der AOK vor: Sie fragt höflich an, ob mir die Probezeit gefallen habe? Ob sie mich weiterhin als ihren AOK-Versicherten führen dürfe?

Naja, denke ich, dank der AOK bin ich nicht im Delirium verreckt, nicht vom mutwilligen Springen querschnittsgelähmt, und durch hinterlistiges Küssen nicht zum Schwein geworden, jedenfalls nicht im medizinischen Sinne. Aber wenn ich es mir recht überlege, will ich doch keine Beiträge an eine Versicherung löhnen, die für all die Dummheiten, wie ich sie begangen habe, bedingungslos bezahlt.

P.S. Mein AOK-Test bringt mir jetzt ein Vermögen ein: Kurz nachdem ich meinen Bericht veröffentlicht hatte, habe ich mehrere Angebote von privaten Fernsehsendern bekommen: Die sind ganz heiss darauf, aus meiner Erfahrung ein neues Format zu produzieren, Titel: Die Kassenprüfer“. In diesem Format soll das Fernsehpublikum die Abenteuer von Freiwilligen in AOK-Probezeiten begleiten, je verwegener, je verrückter, je blutiger, desto grösser der Werbeumsatz. Gratuliere, AOK, tolle Idee!

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(Foto: Jutta Anger /pixelio.de)


“Daphne” von Richard Strauss an der Oper Frankfurt

Dienstag, 6. April 2010

Erinnerung als Paradies und als Raum erfahrenen Unglücks:

“Daphne” von Richard Strauss an der Oper Frankfurt

Eindrücke von Renate Feyerbacher

Eine alte Frau betritt zögernd die Bühne und schreitet durch die hohen, heruntergekommenen Räume. Claus Guth, der Opernregisseur, bekannt für seine psychologischen Interpretationen, lässt die gealterte Daphne den Ort ihrer Kindheit und Jugend, wo der Missbrauch stattfand, aufsuchen. “Der Tag, der sie veränderte, sie erstarren liess, taucht wiederum vor ihren Augen auf.” Das Thema beschäftigt derzeit unsere Gesellschaft landauf, landab. Es sind viele, die zur Zeit aus ihrer Erstarrung aufwachen, sich erinnern und reden wie der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff: “Keinem der Betroffenen sieht man an, wie viel in ihm kaputt ist.”

Dieser Gedanke schwebt über der Aufführung.

In der griechischen Mythologie erstarrt Daphne, die Nymphe, zum Lorbeerbaum, als Gott Apollo hinter ihr her ist und nicht von ihr ablässt. Das Thema hat Schriftsteller (Ovid, Petrarca, Martin Opitz, Sylvia Plath, Sarah Kane – beide Dichterinnen nahmen sich das Leben – ), Komponisten (Monteverdi, Gluck, Mozart), Maler, Philosophen und Psychoanalytiker wie Sigmund Freud nicht losgelassen. Freud interpretierte die Geschichte als Deflorationsangst des Mädchens und Feindseligkeit gegenüber dem Mann, die krankhafte Züge annehmen kann.

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Lance Ryan (Apollo), Daniel Behle (Leukippos) und Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Richard Strauss war ein Freund Griechenlands. 1892 besuchte er die Insel Naxos, auf der Dionysos, Gott des Weines, geboren und verehrt wurde. Auch Ariadne lebte hier. Richard Strauss schuf zusammen mit Hugo von Hofmannsthal die Oper “Ariadne auf Naxos”. Auch diesmal wollte der Komponist mit Hofmannsthal die “Daphne” erarbeiten, aber der Freund starb unerwartet 1929. Stefan Zweig übernahm die Librettistenaufgabe, aber die Nazis liessen dieses Bündnis von Komponist und Dichter nicht zu. Zweig empfahl Joseph Gregor, einen Bücherwurm, Bibliothekar und Archivar, der die Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek gegründet hatte und sich hin und wieder als Poet betätigte. Die Briefe, die Strauss ihm schrieb, zeugen von der mühsamen Arbeit am Libretto. Er forderte laufend Veränderungen und sprach von “schlecht imitiertem Homerjargon”. Er liess das Projekt schliesslich zu mit den Worten, “dass aus dem hübschen Sujet und manchen hübschen Details der Bearbeitung nicht doch noch ein netter Einakter werden kann”. “Daphne”, die bukolische Tragödie in einem Akt, wurde am 15. Oktober 1938 in der Semper-Oper in Dresden uraufgeführt. Bukolik ist die griechische Hirtendichtung.

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Lance Ryan (Apollo) und Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Die Oper beginnt mit den Vorbereitungen auf das Dionysos-Fest. Leukippos, der Jugendfreund, umwirbt Daphne und kommt ihr nah, doch sie schreckt plötzlich zurück. Mutter Gaea, mythologisch Mutter Erde, ist besorgt. Apollo, verkleidet als Hirte, ist von dem jungen schönen Mädchen (Nymphe) angezogen. Daphne ist berührt von seinen Liebesworten, umarmt und küsst ihn, dann schreckt sie vor Angst zurück. Beim Fest erscheint Leukippos als Mädchen verkleidet, um Daphne nahe zu sein. Diese Entweihung des Festes und der Betrug erzürnen Apollo: Er stört mit Donner und Blitz die Festlichkeiten und stellt den jungen Nebenbuhler zur Rede. Daphne muss den doppelten Betrug erkennen. Leukippos befreit sich selbst von den Frauenkleidern, Apollo offenbart sich und fordert die Geliebte auf, mit ihm zu gehen. Als Leukippos ihn einen Lügner nennt und Daphne sich weigert, mitzugehen, kommt es zum Kampf. Apollo tötet Daphnes Jugendfreund und bittet die Götter um Vergebung. Daphne möchte er zurück gewinnen – nicht in Menschengestalt, sondern als immer grünenden Lorbeerbaum. Daphne verwandelt sich.

Der Text dieser musikalisch eindringlichen Oper erscheint manchmal verquast und artifiziell. Man muss sich auf die Musik konzentrieren mit ihren wunderschönen Momenten: “Hier sind behutsame Regungen und Stimmungen der Naturverbundenheit in Klänge gefasst, die man so leicht nicht vergisst”, schreibt Ernst Krause (zitiert nach dem Programmheft). Fasziniert ist er, wie Strauss Daphnes Verwandlung in den Lorbeerbaum musikalisch umsetzt, die sich in “schleierzartem Fis-Dur vollzieht, wie der Klang sich aus dem reinen Holz emporwachsend immer mehr in das viel verästelte Farbenflimmern der geteilten Streicher, der Harfe und der übrigen Instrumente auflöst … “, der Klang sich in den “vogelhaft-zwitschernden Koloraturen des frei schwebenden Soprans” fortspinnt. Das ist einmalig. Strauss hat mehr als einen netten Einakter geschaffen.

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Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Claus Guths einleuchtende, psychologisch-durchgängige Regiearbeit steht im Einklang mit der musikalischen Realisation.

Die Schwedin Maria Bengtsson singt Daphne. Ihr zarter, lyrischer Ton begeistert, ihr Spiel ist eindringlich. Ihr einleitender Monolog “O bleib, geliebter Tag” lässt erahnen, welches Potential diese Stimme birgt, die in der Klage um den toten Freund einen Höhepunkt erreicht. Heldentenor Lance Ryan hat in “Daphne” sein Debüt als Apollo. Trotz gesundheitlicher Probleme am Premierenabend gab der Kanadier einen grandiosen Einstand an der Oper Frankfurt. Er verlieh diesem liebesbesessenen und machtorientierten Gott kraftvolle Töne, manchmal bewusst etwas schrill. Martin Behle ist Leukippos. Sein jugendlicher, strahlender Tenor, makellos in den Höhen, besticht.

Matthew Best als Vater Peneios und Tanja Ariane als Gaea überzeugen wie auch die anderen Sängerinnen und Sänger, die als Schäfer und Mägde agieren.

Generalmusikdirektor Sebastian Weigle und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester musizieren sehr dynamisch: lebendig beim Fest, einfühlsam bei den Naturimpressionen.

“Daphne” – ein Opernabend, den man schon wegen Maria Bengtsson nicht verpassen sollte: Vorstellungen gibt es am 4., 10., 18., 23. und 25. April sowie am 19. und 26. Juni 2010, jeweils um 19.30 Uhr.

“Teufelswerk Tango” – Hommage an Astor Piazzolla

Mittwoch, 31. März 2010

“Teufelswerk Tango“ – Hommage an Astor Piazzolla

Das Ensemble “Mi Loco Tango” -
die Frankfurter Erben

von Renate Feyerbacher

“Immer nur Tango, Tango”, so hat Astor Piazzolla (1921 bis 1992) gestöhnt. Sein Vater hörte diese Musik immer wieder im wirtschaftlichen Exil – das war in New York Mitte der zwanziger Jahre. Der Vater hatte Heimweh nach Argentinien. Der junge Astor mochte den Tango nicht, viel lieber den Jazz und die Musik von Johann Sebastian Bach. Aber er lernte dem Vater zuliebe Bandoneon spielen. Dieses um 1846 erstmals gebaute Harmonikainstrument mit bis zu 200 Tönen wurde um 1900 zum Soloinstrument bei den klassischen Tangoensembles Argentiniens. Als der junge Piazzolla 18 Jahre alt war, kehrte die Familie nach Buenos Aires zurück. Da hörte er zum ersten Mal eine neuartige Tangomusik. Dieses Ereignis wurde zu einem Schlüsselerlebnis. Damals hatte der Tango allerdings keinen guten Ruf. Es war die Musik der einfachen Leute, die Upper Class mied sie. Tango wurde in Kaschemmen, Kneipen und Bordellen gespielt. Das tat auch Astor Piazzolla.

Dann lernte er den Komponisten klassischer Musik Alberto Ginastera (1916 bis 1983) kennen und studierte ab1940 bei ihm. Er orientierte sich neu. 1954 bekam er ein Stipendium in Paris und lernte bei der Komponistin, Dirigentin und Musikpädagogin Nadia Boulanger (1887 bis 1979), zu deren Schülerkreis Aaron Copland, Philip Glass oder Igor Markevitch gehörten. Piazzolla schämte sich, ihr zu sagen, dass er Tango – und vor allem wo er ihn – gespielt hatte. Beim Durchblättern von Piazzollas ersten Kompositionen findet Nadia Boulanger zwar Einflüsse grosser moderner Komponisten, aber keine eigene Handschrift. Er spielt schliesslich einen Tango und die Lehrmeisterin schnauzt ihn an: “Du Idiot! Merkst Du nicht, dass dies der echte Piazzolla ist, nicht jener andere? … Dein Tango ist die neue Musik und sie ist ehrlich” (zitiert nach Eckhard Weber: “Astor Piazzolla – der Schöpfer des Tango Nuevo”).

Astor Piazzolla ist der Erneuerer des argentinischen Tangos, der Schöpfer des Tango Nuevo, der Elemente der neuen, klassischen Musik und des Jazz mit dem Tango, der ursprünglich ausschliesslich dem Tanz diente, verbindet. Hunderte von Tangos komponierte er, ausserdem Orchesterwerke, Kammer-, Film- und Tanzmusiken (u. a. für Pina Bausch) und die Oper “Maria de Buenos Aires”, die 1987 in Wien uraufgeführt wurde.

Immer wieder hat er Kompositionen Engeln und Teufeln gewidmet. “Del Diablo” und “Del Angel” heissen zwei der Zyklen, die nun von der Gruppe “Mi Loco Tango” eingespielt wurden.

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Das Ensemble “Mi Loco Tango”; Foto: Markus Herrmann

Zehn Jahre nach dem Tod des argentinischen Komponisten gründete sich 2002 in Frankfurt das Ensemble “Mi Loco Tango”. Zu diesem Quartett gehören Vassily Dück, geboren in Sibirien, er ist der Bajanist, die deutschen Musikerinnen Irina Bunn, Violine und Gitarre, Judith Herrmann, Piano und Keyboard, und der deutsch-französische Kontrabassist und Keyboarder Gregor Praml. Zunächst widmete sich das Ensemble ausschließlich dem Werk von Piazzolla mit dem Ziel der Neudefinition durch die Mitwirkenden.

Zwischenzeitlich haben sie sich auch der italienischen Filmmusik verschrieben – die Filmmusiken von Nino Rota und Ennio Morricone reizten sie. Für diese CD “Il Cinema: il Paradiso!” erhielt die Gruppe den 1. Preis in der Kategorie Filmmusik beim 32. Festival Internationale Fisharmonica in Italien. Aber zuvor bekamen sie den Weltmusikpreis “creole 2007″ und dann 2008 – bisheriger Preishöhepunkt in der Karriere des Ensembles – den Tangopreis “Libertango” beim 2. Astor Piazzolla Festival im italienischen Lanciano. Dessen Juryvorsitz hatte Laura Escalada-Piazzolla, die Witwe des Komponisten.

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CD-Cover “Del Diablo y del Angel”; © Franziska Harvey Illustration/Artwork; Foto: Renate Feyerbacher

“Del Diablo y del Angel” – von Teufeln und Engeln heisst die neue Produktion des Frankfurter Quartetts, das sich auf die Suche nach dem Diabolischen und Engelhaften in Piazzollas Musik gemacht hat. “In meiner Geschichte mischen sich Teufel und Engel … man muss von allem etwas haben”, bekannte der Komponist.

Die Zyklen “Del Diablo” und “Del Angel” werden nicht häufig gespielt, deshalb hat diese CD schon einen Seltenheitswert.

Allerdings beginnen die Musiker mit einem Piazzolla-Hit “Adios Nonino”, ein Stück, das er seinem Vater gewidmet hat. Ursprünglich war es für vier Akkordeons arrangiert. Alberto Mompellio, der italienische Arrangeur von “Mi Loco Tango”, massschneiderte eine neue Version für die Gruppe. Bestimmtheit vermittelt das Bandoneon mit seinen klaren Akkorden, das Klavier folgt ihm, dann Wehmut, die von Violine und Kontrabass übernommen werden.

Es folgen vier Stücke aus dem Zyklus “Del Angel”. Die “Introduccion al Angel” ist sanft, lässt der Violine wunderschönen Spielraum der Entfaltung. Die zwei ersten ruhigen Stücke gehören zur Bühnenmusik eines Theaterstücks. Darin sollte die Geschichte eines Engels erzählt werden, der die Bewohner eines Mietshauses beschützt, aber von einem Bösewicht ermordet wird.

Bitte anklicken:
Hörbeispiel “Mi Loco Tango – La Muerte del Angel”

(alle Rechte bei Essay Recordings)

Schnelle Violintöne, begleitet von Schlägen auf den Kontrabass, dann hektische Klavierakkorde und schrille Bandoneontöne machen dieses Engels-Drama musikalisch nachvollziehbar.

Bei den ersten Tönen von “La Resurreccion del Angel”, die Auferstehung des Engels, kann man an Bach denken. Die Aufnahme entstand im Hessischen Rundfunk und wird abgeschlossen durch Beifall.

Dann hat sich das Team eine schöne Unterbrechung einfallen lassen. Dieses gelungene Arrangement beginnt mit dem berühmten Stück “El Tango”, dann geht es über in das literarische Meldodram “El Tango”. Der Frankfurter Theatermacher Willy Praml, Vater von Gregor Praml, bekannt durch seine aussergewöhnlichen Inszenierungen in der Frankfurter Naxos-Halle, liest die deutsche Fassung dieses schriftstellerischen Kleinods des weltberühmten argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges (1899 bis 1986). Das ist grossartig arrangiert: Zunächst wird fast zwei Minuten lang “El Tango” gespielt, dann setzt Willy Pramls Stimme ein, weiterhin untermalt von der Musik, die aber noch deutlich wahrzunehmen ist. Die Geschichte des Tango von den Anfängen in den Kaschemmen wird traurig und dramatisch erzählt – eine schöne Hommage an die “Urahnen des Tangos”.

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Willy und Gregor Praml in der Naxos-Halle; Foto: Renate Feyerbacher

Bevor es zu den Teufeln geht, kommt “Mumuki”, eine Komposition, die Piazzolla mit E-Gitarre einleitet. Diese gibt es aber bei “Mi Loco Tango” nicht. Kontrabass und gezupfte Violine beginnen das Stück und beherrschen es zunächst, erst spät kommen Klavier und Bandoneon dazu. Die Witwe von Piazzolla war von dieser Version extrem beeindruckt, erzählen die Musiker.

Dann geht es mit “El Tango del Diablo” zur Sache. Wie Peitschenhiebe klingen die Akkorde von Klavier und Bandoneon – ein richtiger Teufelstanz. Dann wird es romantischer beim Teufel: flirrend, täuschend, verführend. Und zum Schluss wild: “Vayamos al Diablo”, Wut und Ärger wie bei Beethovens “Wut über den verlorenen Groschen”, dann noch einmal disharmonische Bandoneontöne und die Willy Praml-Stimme: “Verfluchter Tango, der mit seiner Süsse, wenn er erklingt, vergiftet. Verfluchter Tango, der mich so mit Gallenbitterkeit erfüllt. Er war der Grund meines Ruins, verfluchter Tango, der in Bann schlägt, oh du Tango: du tötest und bezwingst. Verflucht seist du in Ewigkeit!”.

“Contrabajisimo” ist eine kleine Sinfonie, die zu Piazzollas Beerdigung über den Friedhof in Buenos Aires schallte. Hier kommt der Kontrabass zunächst zu seinem Recht und demonstriert, dass er durchaus ein Instrument für Melodien ist, die anderen Instrumente tauchen nach und nach auf, manchmal besinnlich, zart und traurig, dann wieder fröhlich, schluchzend, hämmernd, peitschend. Alle Elemente sind vertreten. Und auch im letzten Stück “Casapueblo” ist der Kontrabass deutlich zu hören, viele Takte spielt er nur mit dem Ton A in langsamem Viertelrhythmus. Das ist einprägend, markierend.

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Das Ensemble “Mi Loco Tango”; Foto: Markus Herrmann

“Mi Loco Tango” hat eine CD vorgelegt, die Freude macht, die reizt, sich mit Piazzolla näher auseinanderzusetzen. Hier präsentieren sich vier vorzügliche Musiker, die dem Ideal von Astor Piazzolla sehr nahe sind, wenn nicht sogar entsprechen.

Die Gruppe gastiert im Mai, Juni und August 2010 in verschiedenen Orten Hessens, im Oktober 2010 bei der ARD-Radionacht der Bücher im Hessischen Rundfunk.

Alles Zufall?

Dienstag, 29. Dezember 2009

Alles Zufall?

Gedanken zum Jahreswechsel

Von Johanna Wenninger-Muhr

Spielt der Zufall im Leben eine größere Rolle, als es uns Menschen lieb ist? Man denkt an einen Freund, den man seit Jahren nicht mehr gesehen hat. In diesem Moment läutet das Telefon und er ruft an. Für Carl Gustav Jung, den Begründer der Analytischen Psychologie, kein blinder Zufall, sondern das “sinnvolle Zusammentreffen eines inneren und eines äußeren Ereignisses”. Die rätselhafte Übereinstimmung zwischen Innen- und Außenwelt nennt er Synchronizität und meint: Oft enthält der so genannte Zufall eine Botschaft, die es zu entschlüsseln gilt. Zufall oder Fügung? Diese Frage beschäftigte schon Aristoteles vor zweieinhalb Tausend Jahren. Einen Exkurs in die Welt des Zufalls gab es im November auf Schloss Eggersberg im Altmühltal. Gerhard Hofweber, Doktor der Philosophie und Akademischer Rat der Universität Augsburg, reflektierte im Rahmen seiner philosophischen Seminare in einem kleinen Teilnehmerkreis zum Thema “Aristoteles – der Zufall und seine Bedeutung für unser Leben.”

Den Monat November und Schloss “Eggersberg”, hoch über dem Altmühltal gelegen, hat Hofweber gewählt, um uns Teilnehmer auf das Thema einzustimmen: auf Aristoteles und den Zufall. Aristoteles – keine leichte Kost und die Frage nach dem Zufall schon gar nicht.

Mein Fuß ist geschient – ein Kapselriss im linken Fußgelenk, als Folge eines kleinen Unfalls. War es Zufall oder was war es? Eine Botschaft? Ein wenig kürzer treten, Ruhe geben? Jedenfalls heißt es erstmals viele Stufen steigen mit geschientem Fuß im Schloss aus dem 16. Jahrhundert, das zu einem Hotel und Restaurant umgebaut wurde, aber ohne Lift. Es heißt jeden Schritt überlegen, bedächtig einen Fuß vor den anderen setzen.

Das ist mühsam. Mein Zimmer liegt auf der zweiten Etage. Philosophiert wird auf der ersten und gespeist im Parterre des alten Gemäuers. All die vielen Ahnenbilder auf den Gängen, ehemalige Schlossbewohner, die mich mit Blicken verfolgen und Fragen stellen … bilde ich mir ein.

Aristoteles und der Zufall

Unbestimmbar müssen die Ursachen sein, durch die das Zufällige geschehen mag. Daher scheint der Zufall zu dem “Unbestimmten zu gehören und unklar dem Menschen” (Aristoteles). Die erste zusammenhängende philosophische Abhandlung über den Zufall findet sich bei Aristoteles. Im zweiten Buch der “Physik” geht es um die Ursachen der Dinge. Für den Philosophen Martin Heidegger (1889 bis 1976), einem der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, war die “Physik” das Buch, “das Bibliotheken überflüssig macht und das Grundbuch der abendländischen Philosophie”. Im Kapitel vier und fünf erklärt Aristoteles seine Ansichten zum Zufall. Seine Definition (wir Teilnehmer versuchen zu folgen…) von Zufall lautet: “Wenn im Bereich der Geschehnisse, die im strengen Sinn wegen etwas eintreten und deren Ursache außer ihnen liegt, etwas geschieht, das mit dem Ergebnis nicht in eine “Deswegen-Beziehung” zu bringen ist, nennen wir das “zufällig”. Aristoteles führt – Gott sei Dank – immer Beispiele an. Hier sein Beispiel: Ein Pferd entgeht dadurch, dass es aus dem Stall herauskommt, einem Unglück, es ist aber nicht herausgekommen, weil es dem Unglück entgehen wollte – es wusste nichts vom drohenden Unglück. In diesem Fall würde man sagen: “Das Pferd ist zufällig herausgekommen”. Die “Ursache” ist hier das Herauskommen, das “Ergebnis” ist das dem Unglück-Entgehen, und zwischen beiden gibt es keine “Deswegen-Beziehung”. Das Pferd ist nicht herausgekommen, um dem Unglück zu entgehen, daher ist das ganze zufällig.

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Drei Sechsen – ein Zufallsereignis? Foto: Ingrid Friedl / Johanna Wenninger-Muhr

Über den Zufall in der Physik

Ganz besondere Bedeutung für die Entwicklung der philosophischen Auffassungen vom Zufall – so lernen wir – hatte die Deutung der Ergebnisse der Quantenphysik. Sie weisen für die Physik die objektive Existenz des Zufalls nach. Aus der philosophischen Analyse ergibt sich, dass der Zufall als “zufällige Verwirklichung von Möglichkeiten eines aus dem Gesetz sich ergebenden Möglichkeitsfeldes” auftreten kann; für diese Verwirklichung existiert eine Wahrscheinlichkeitsverteilung. Bei den “reinen Zufällen” in der Quantenphysik, so etwa beim Zerfall eines Atomkerns, ist nachgewiesen (“Kopenhagener Deutung”), dass gleiche Experimente unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen können. Beim radioaktiven Zerfall ist zwar bekannt, dass nach dem Verstreichen der Halbwertzeit ziemlich genau die Hälfte der radioaktiven Atome zerfallen sein werden – aber welche einzelnen Atome zerfallen sein werden, lässt sich nicht vorhersagen. Der Astrophysiker Steven Klein kommt zu folgender Auffassung: “Es gibt keinen Zufall, lediglich eine Menge unbestimmter Faktoren, die wir weder beeinflussen können noch wollen”. Als Beispiel bringt er das “Münzenwerfen”, das von der Oberfläche der Münze, dem Luftdruck, der Temperatur oder etwa einem Luftzug abhänge. Für Professor Detlef Dürr, den Leiter der Arbeitsgruppe “Bohmsche Mechanik” am Mathematischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München, basiert der Zufall in der Physik auf instabilen Bewegungsabläufen in hinreichend komplizierten Systemen. Der Zufall beschreibe das typische Geschehen. Typisches Verhalten eines aus vielen Teilchen bestehenden Systems könne ganz regulär sein, wie bei einem Festkörper, einem Stein, oder irregulär, wie die Molekülbewegung im Gas oder einer Flüssigkeit oder wie der Ausgang beim Münzwurf. Der Zufall trete in allen Bereichen der Physik auf, vom mikroskopischen Bereich bis hin zum makroskopischen, etwa der Bildung von Galaxien.

Zufall eine Folge von Unwissenheit?

Für den Physiker, Philosophen und Wissenschaftsautor Stefan Klein dreht sich beim Zufall alles um die Frage, wie viel wir von der Welt erkennen können, in der wir leben. Zufall sei eine Folge von Unwissenheit. Als zufällig erschienen Vorgänge, hinter denen man keine Regeln erkenne, entweder, weil die Zusammenhänge zu komplex sind, oder weil es gar keine Regel gibt. Im Kern stehe dabei die Erkenntnis aus der Neurowissenschaft, dass das Gehirn die Rolle des Zufalls unterschätzen müsse, weil es sich nur so Wissen aneignen könne. Dies erkläre laut Klein nicht nur Phänomene wie Schicksalsgläubigkeit, sondern auch in der heutigen komplexen Welt die oft verheerende Einschätzung von Risiken; Beispiele seien Flugzeugkatastrophen und andere Unglücke, aber auch falsche Lebensentscheidungen. Der Mensch sei von Natur aus darauf programmiert, überall Muster und Zusammenhänge zu erkennen – teilweise auch dort, wo sie gar nicht existierten. Ausprägungen davon wären Talismänner oder Bräuche, die Glück bringen oder Unglück vermeiden helfen sollen. Die Unsicherheit und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, mache Angst. Dies könne zum Beispiel so weit gehen, dass es zu krankhaften Zuständen führe, etwa alles bis ins Letzte planen und kontrollieren zu wollen.

Die Entzauberung des Zufalls

Am Ende des ersten Tages sind wir Teilnehmer erstmal nicht sehr viel weiter in der Erkenntnis, im Gegenteil: Weitere Fragen haben sich aufgetan …

Hofweber tröstet und ermutigt: Auch er hatte als Student der Philosophie und später als Dozent zunächst sehr unkonkrete Vorstellungen vom Zufall, war im Grunde überzeugt davon, dass es – außer in der Quantenphysik – keinen Zufall gibt. Gleichwohl sah auch er einen verborgenen Sinn im Zufall, und es erschien ihm wichtig, diesen Sinn zu erkennen. Im Rahmen seiner Habilitation ist er auf den Abschnitt “Zufall” im zweiten Buch der “Physik” von Aristoteles gestoßen. Eine ziemlich unverständliche Erklärung, die ihn zunächst enttäuscht habe, weil das Thema darin “sehr trocken” abgehandelt wird. Er habe eine Art “Entzauberung des Zufalls” erlebt, dann aber die Auflösung und die Konsequenz daraus verstanden – und verstanden, dass man den Sinn des eigenen Lebens nicht vom Zufall abhängig machen müsse, sondern dass das Leben selbst einen Sinn habe, der zunächst verborgen, aber doch erkennbar sei.

Hofweber erklärt den Zufall als Hinzutreten eines möglichen Zwecks zu einem realen, wesentlichen Zweck.

Im Grunde aber sei der moderne Mensch heute bei der Fragestellung, ob es den Zufall gibt, noch nicht weiter als der Mensch in der Antike. Die möglichen Antworten, die sofort wieder Fragen entstehen ließen, was der Zufall ist, seien seit zweieinhalb Tausend Jahren identisch:

es gibt für alles einen wohl bestimmten Grund – ist das aber tatsächlich so?

die Gedanken sind inkonsequent – sind sie es wirklich?

alles in der Natur ist Gesetz – aber die Entstehung der Gesetzmäßigkeit soll zufällig sein?

es gibt einen göttlichen Plan – oder ist die Welt zufällig entstanden?

Auch die Physik sei im Grunde nicht viel weiter. Sie versuche das Phänomen des Zufalls zu verstehen, aber nicht das Prinzip hinter dem Phänomen. Die Frage, was Zufall ist, werde in der Physik nicht gestellt. Untersucht würden nur die Phänomene.

Immerhin stehen Philosophie und Physik in einer Art Wechselbeziehung. Wie die wissenschaftliche Forschung herausgefunden hat, halfen philosophische Fragen und Antworten Albert Einstein entscheidend bei der Deutung der Relativitätstheorie. Der Einstein-Experte Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, sieht in der Begegnung von Albert Einstein und Moritz Schlick, Professor der Philosophie an der Universität Rostock, einen aufschlussreichen Beleg für den fruchtbaren Austausch zwischen philosophischer Erkenntnistheorie und Naturwissenschaft. Schlick, der der sich ab 1920 mit der Quantenphysik befasste, stand ab 1915 in Briefkontakt mit Albert Einstein.

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Hofweber tröstet und ermutigt Suse Rabel-Harbering (Neue Zürcher Zeitung) (links) und Johanna Wenninger-Muhr bei der Auseinandersetzung mit der philosophischen Frage nach dem Zufall; Foto: Sybille Schmadalla

Wir können nur werden, wer wir tatsächlich sind …

Der Mensch versuche heute alle Probleme ökonomisch zu lösen. Hofweber erklärt den Zufall als Hinzutreten eines möglichen Zwecks zu einem wirklichen und wesentlichen Zweck. Der Mensch habe einen herrschenden Gedanken, ein Ziel, dem er folge. Dieses Ziel habe er sich nicht ausgesucht, sondern drücke aus, wer er als Individuum sei. Erst wenn er dies akzeptieren könne, gewinne er ein freies Verhältnis zu seinem Ziel. Weder Fremd- noch Selbstbild spielten dabei eine Rolle und würden weiterhelfen: “Egal, welches Bild wir von uns selbst haben – es ist falsch, weil wir uns selbst nicht in einem Bild erkennen können.” Wer man tatsächlich ist, könne man nur im Denken erfahren. Man müsse begreifen, wer man ist und was man wolle. Der Weg zur Selbsterkenntnis sei uralt und schwierig. Hofweber: “Solange wir über uns reflektieren und uns vorstellen, wer wir sein wollen, funktioniert das nicht. Wir können nur werden, wer wir sind, uns aber nicht dazu machen, wer wir sein wollen.”

Asiatische Weisheitslehren böten als Lösung an, die Reflexion zum Stillstand zu bringen und gar nicht mehr zu denken. Erst wenn die Reflexion zum Stillstand gekommen sei, komme die Erlösung und Erkenntnis in einer Art mystischen Einheit. Der westliche Weg sei ein anderer: In der abendländischen Philosophie höre man mit dem Denken nicht auf, sondern fange mit dem Denken nach der Reflexion an. Die Reflexion sei nur Bestandteil des Denkens. Statt Reflexion könne man auch Verstand sagen und statt Denken Vernunft. Der Verstand sei nur ein Moment der Vernunft, aber er sei nicht das Denken selbst.

Die Philosophie, so ist sich Hofweber sicher, führe dazu, selbst zur Einsicht zukommen. Es gehe in erster Linie nicht darum, erklärt zu bekommen, was dieser oder jener Philosoph denke, sondern darum, zu welcher Einsicht man selbst durch die Auseinandersetzung mit den Texten komme, denn nur was zur Einsicht führe, werde behalten. Es reiche, von verschiedenen Dingen das Prinzip zu verstehen, dann beginne man Zusammenhänge zu erkennen, die man vorher nicht gesehen habe. Das erweitere den eigenen Handlungsspielraum und führe zu einer Art Versöhnung mit sich selbst und anderen. Mit sich selbst ins Reine zu kommen, sei ein wesentlicher Effekt der Beschäftigung mit Philosophie.

Was ist das Ergebnis des Seminars? Ich habe zum Thema Zufall mehr Fragen, als vor dem Seminar, habe erfahren, dass der Mensch nach zweieinhalb Tausend Jahren immer noch keine Antworten auf die Fragen nach dem Zufall hat, habe erfahren, dass das Leben trotz maximaler Beherrschbarkeit in vielen Bereichen Rätsel aufgibt und dass es wohl ein letztes Geheimnis gibt, das sich dem Menschen nicht erschließt.

Und, um mit den Worten von Hofweber zu sprechen: “Der Zufall ist der vermeintlich rettende Bereich für einen vermuteten tieferen Sinn.” Das bedeute, dass man den regulären Sinn des Lebens nicht sehe. Der Sinn des Lebens liege im Leben selbst und nicht im Zufall: “Wir suchen, was wir wollen. Was wir wirklich wollen, wird und kommt von selbst.”

Die Suche nach dem Wesentlichen ist also noch nicht abgeschlossen …

Das ist ein gutes Gefühl. Alles ist gut so wie es ist, alles muss so sein, wie es ist. Das habe ich mir selbst im Innersten wohl alles so gewünscht – es ist alles kein Zufall, oder doch?

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Der Garten von Eggersberg, ein Ort für “Gedankengänge”; Foto: Johanna Wenninger-Muhr


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Anhang:

Wenn der liebe Gott anonym bleiben will …

… nennt der Mensch Ereignisse, die er nicht begreift, zu Unrecht “Zufall”?
Für Albert Schweitzer ist der Zufall ein Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er anonym bleiben will …
Auch Albert Einstein äußerte sich zum Phänomen: “Das, wobei unsere Berechnungen versagen, nennen wir Zufall.”
Friedrich Hebbel nennt den Zufall das Rätsel, welches das Schicksal dem Menschen aufgibt.
“Der Zufall hat keinen Verstand. Es heißt, er sei blind”, so Erich Kästner.
Frank Fehlberg, Historiker und Religionssoziologe: “Wer zurückblickt, wird feststellen, dass man die Aneinanderreihung von vermeintlichen Zufällen gleichsam ihre Fügung nennen kann. Der Rückschluss lässt die Aussage zu: nichts passiert ‘zufällig’ ohne Sinn. Im ‘Guten’ wie im ‘Schlechten’ “.
Voltaire beschreibt den Zufall als Wort ohne Sinn; nichts könne ohne Ursachen existieren.

Hofwebers Philosophieseminare

Hofwebers Idee, außeruniversitäre Philosophie-Seminare anzubieten, entstand während seines Studiums. Hofweber bekennt mutig, dass er während des Philosophie-Studiums das Wesentliche nicht verstanden hat. Man könne linear einem gewissen Gedanken folgen, aber dann käme man an einen Punkt, an dem ein linearer Übergang nicht mehr möglich sei. Dieser “Punkt” aber sei der Übergang vom “Vorstellungs-Denken” zum “Philosophischen Denken” – dort, wo das Denken erst beginne. Erst mit dem Ende des linearen Denkens oder Ableiten des Verstandes beginne das “vernünftige” Denken – die Vernunft. Die Ableitung könne man nachvollziehen, aber die Prinzipien könne man nicht mehr ableiten, erwarte aber, dass es aus der Ableitung heraus einen linearen Übergang zum Prinzip gibt. Den gibt es aber nicht. Man müsse das Prinzip anders einsehen. Dieses “andere Einsehen des Prinzips” sei die Vernunft. Es gibt also offensichtlich eine Art zu Denken, die im Besondern in der Philosophie zum Ausdruck kommt, von der aber die wenigsten noch etwas zu wissen scheinen. Hofweber fühlt sich keineswegs als Weltverbesserer, der die Welt mit seinen Einsichten segnen möchte. Man müsse die Dinge im Denken erfahren. Das ist aber schwierig. Wesentlicher Aspekt und Ziel der Seminare sei, dass sie eigene Handlungsspielräume erweitern. Außerdem lerne man in der Philosophie Bescheidenheit und Demut. Was wolle man zum Beispiel einem Aristoteles, der vor zweieinhalb Tausend Jahren über Politik, Rhetorik, Logik, Ethik, Physik, Metaphysik Bahnbrechendes, das immer noch Gültigkeit hat, schrieb, entgegensetzen?

Aristoteles

(*384 v. Chr. in Stageira auf der Halbinsel Chalkidike, † 322 v. Chr. auf der Insel Euboia) gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten europäischen Philosophen. Er hat zahlreiche Disziplinen entweder selbst begründet oder maßgeblich beeinflusst, darunter Wissenschaftstheorie, Logik, Biologie, Physik, Ethik, Dichtungstheorie und Staatslehre. Aus seinem Gedankengut entwickelte sich der Aristotelismus. 342/343 wurde er Lehrer Alexanders des Großen. Die an eine breite Öffentlichkeit gerichteten Schriften des Aristoteles in Dialogform sind verloren. Die erhalten gebliebenen Lehrschriften waren größtenteils nur für den internen Gebrauch im Unterricht bestimmt. Themenbereiche sind:

• Logik, Wissenschaftstheorie, Rhetorik

• Naturlehre – Aristoteles’ Naturphilosophie thematisiert die Grundlagen jeder Naturbetrachtung: die Arten und Prinzipien der Veränderung. In seiner Seelenlehre argumentiert er, dass die Seele, die die verschiedenen vitalen Funktionen von Lebewesen ausmache, dem Körper als seine Form zukomme. Damit vertritt er in der Philosophie des Geistes eine Position jenseits von Dualismus und Materialismus. Metaphysik – Zentrales Thema seiner Metaphysik ist seine Auffassung von der Substanz. In der frühen Lehre argumentiert er gegen Platon dafür, dass die Substanzen konkrete Einzeldinge sind.

• Die “Physik“ ist neben der Metaphysik und der Nikomachischen Ethik eines der Hauptwerke des Aristoteles. Sie befasst sich mit der Erklärung und Erläuterung grundlegender Begriffe bei der Beschreibung von Naturvorgängen.

• Ethik und Staatslehre – das Ziel des menschlichen Lebens, so Aristoteles in seiner Ethik, ist das gute Leben, das Glück. Um es zu erreichen, muss man Verstandestugenden und (durch Erziehung und Gewöhnung) Charaktertugenden ausbilden, wozu ein entsprechender Umgang mit Begierden und Emotionen gehört.

• Dichtung – in seiner Theorie der Dichtung behandelt Aristoteles insbesondere die Tragödie, deren Funktion aus seiner Sicht darin besteht, Emotionen zu erregen, um sie schließlich zu reinigen.

Drei Sechsen – ein Zufallsereignis?

Ein physikalischer Erklärungsversuch:
1. Ursache: der Mensch, der würfelt.
2. Ursache: Bewegungsenergie wird jedem Körper mitgegeben, der auf sechs verschiedene Arten wieder in ein stabiles Gleichgewicht kommen kann.
3.Ursache: Die Bewegungsenergie der Würfel wird durch Luftreibung und durch Kontakt etwa mit einer Tischfläche in Reibungsenergie verwandelt.
4.Ursache: Jeder der drei Würfel hat sechs gleichberechtigte Möglichkeiten, zur Ruhe zu kommen. Wirkung: Sie kommen zur Ruhe und nehmen – jeder für sich – eine dieser Möglichkeiten ein. Welche sie einnehmen, war nicht voraussehbar, jedenfalls nicht berechenbar.


Begegnung mit dem Sänger Johannes Martin Kränzle

Donnerstag, 4. März 2010

“Sich auf die Suche machen”
Begegnung mit dem Sänger Johannes Martin Kränzle

Text und Fotografien: Renate Feyerbacher

Sonntag ist er noch in São Paulo, Mittwoch in Kairo, um in der “Fledermaus“ den Eisenstein zu singen, dazwischen in Frankfurt am Main bei seiner Familie. Beim Gespräch mit der Journalistin in seiner Küche, das er spontan ermöglicht, ist er entspannt und aufgeschlossen, ab und zu lacht er herzlich. Feiner Humor blitzt immer wieder auf, keine Spur von Hektik, aber von grosser Energie. Jung und dynamisch wirkt er.

Seit 12 Jahren Ensemble-Mitglied der Oper Frankfurt

Vor 12 Jahren sang er an der Frankfurter Oper den Lescault aus Henzes “Boulevard Solitude”, seine erste Premierenrolle an dieser Bühne. Seitdem gehört er zum Ensemble. “Ich finde es schön, einen Bezugspunkt zu haben, sowohl, was das Persönliche betrifft, als auch dass man die Kollegen kennt, insofern bin ich gerne hier.” Er lobt das Niveau, das Orchester, die Produktionen. Er gebraucht die Worte “toll” und “wunderbar”. Nun wird der Sänger Kränzle national und international immer mehr gefragt, und es wird nach Lösungen gesucht, ihm diese Freiheiten des ausserfrankfurterischen Engagements zu ermöglichen.

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Johannes Martin Kränzle in seinem Musikzimmer

1999 überzeugte Johannes Martin Kränzle mit einer grandiosen Darstellung des Lenz in Wolfgang Rihms Kammeroper “Jakob Lenz”. Sie stützt sich auf Georg Büchners psychologische Novelle “Lenz”, die von der Krankheit des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz erzählt. Dieser hatte Angst- und Wahnvorstellungen, die ihn immer wieder zu Suizidversuchen trieben. Die Erinnerung an diese erschütternde Interpretation durch den Bariton Johannes Martin Kränzle ist heute noch hellwach.

Er sang und spielte eindrucksvoll echt. Es ist zu vermuten, dass Wolfgang Rihm von Kränzles Interpretation auch begeistert war. Denn nun vertraut ihm der Komponist erneut die Rolle eines psychisch Kranken an, und zwar in seiner Oper “Dionysos”, die Nietzsches letztes Werk “Dionysos-Dithyramben” zur Grundlage hat. Noch sitzt der Komponist an der Partitur der Oper, die bei den diesjährigen Salzburger Festspielen im Juli zur Uraufführung kommen soll. Johannes Martin Kränzle wird die Partie singen. Er wartet auf die Noten, was ihm im Augenblick ganz recht ist. In der Regel rechnet er mit zwei, drei Monaten für die Probenarbeit. “Das wird so eine Situation sein, dass man sich vornehmen muss, man springt gerade in so was rein”. Denn zur Zeit käme er nicht zum Einstudieren, da er im März an der Kölner Oper sein Rollendebüt in Bartoks “Herzog Blaubarts Burg” (Premiere am 12. März) gibt und im Mai in Mailand am Teatro alla Scala sein Rollen- und Hausdebüt als Alberich in Wagners “Das Rheingold” (aus dem Zyklus “Der Ring der Nibelungen”). Rund um die Uhr habe er nach Mailand zu proben.

Aber zunächst an die Kölner Oper: September 2009 wurde Wagners Oper “Die Meistersinger von Nürnberg” neu inszeniert. Die Kritiken betreffend Regie waren verheerend. Nur Johannes Martin Kränzle als Beckmesser wird höchstes Lob zuteil. “Herausragend  … darstellerisch überzeugender Beckmesser, der die Rolle einmal nicht als Karikatur anlegt, sondern – bei aller Detail-Differenzierung – mit Würde und Tragik ausstattet”, heisst es im Kölner Stadt-Anzeiger.

Im Gespräch darauf angesprochen, betont Kränzle den “ernsten Kern”, der jeder Figur innewohnt. “Der Mensch möchte ja kein Clown sein, sondern möchte ja auch verstanden werden. Durch die Situation ergibt sich dann die Komik und nicht dadurch, dass ich jetzt rauskomme und der grosse Spassmacher sein möchte”. Er beruft sich auf Charlie Chaplin und Buster Keaton, die in ihrem Ernst komisch waren. Aber nachahmen, kopieren kommt für ihn nicht infrage, er will “aus sich selbst arbeiten und Ideen entwickeln”. “Sich auf die Suche machen” ist seine Devise bei der Entwicklung einer Rolle. Er schätzt die Zusammenarbeit mit Regisseur Christof Loy, der an der Oper Frankfurt “Cosi fan tutte” inszenierte. Ein psychologisches Regie-Meisterstück, in dem Johannes Martin Kränzle den Don Alfonso singt (5. März 2010). Geschickt wickelt er die Frauen ein, die lange Zeit sich nicht verführen lassen und ihren Männern treu sein wollen. Aber Don Alfonso lässt nicht nach, weil es ja um eine Wette geht: “Cosi fan tutte” … “So sind sie alle”, die Weiber. Frauenfeindlich?

Nein, sagt der Sänger. Mozart behandele ja die Frauen viel liebevoller als die Männer, die seien ja wohl schön dumm, so eine Wette einzugehen. Und humorvoll fügt er hinzu: “Wenn die Männer die Frauen auf die Probe stellen würden, dann wäre das ganze Stück viel schneller zu Ende, denn die Männer würden nicht so lange durchhalten.”

Der einzige, der als Sänger wie als Schauspieler völlig souverän wirkt an diesem Abend, ist Johannes Martin Kränzle als “Beckmesser”, so wird in WDR 5 nach der Premiere in Köln berichtet. Er wird als der einzige gefeiert, der seinen Part zu entwickeln versteht. Als Sensation, als “Sänger, der vor Kraft und Sinnlichkeit vibriert, der mit der Stimme zu agieren versteht” (Kölner Stadt Anzeiger) wird er gefeiert.

Das fasziniert an Johannes Martin Kränzle: er überzeugt sängerisch wie darstellerisch und das nicht nur als Beckmesser, sondern auch als Don Alfonso, als Don Pizarro, als Graf Almaviva, als Papageno, als Figaro, als Eisenstein, als Lenz und und und. Über sechsunddreissig Rollen verfügt sein aktives Repertoire derzeit. Theaterspielen hat ihn schon immer interessiert, am Anfang mehr als das Singen. “Ich gehe privat fast öfter ins Schauspiel als in die Oper, da ich da mehr Innovation fürs eigene Spiel finden kann”, bekennt er. Professor Andreas Meyer-Hano von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt hat ihm während des Studiums die Schauspielkunst nahe gebracht.

Werdegang

Aber nun zurück zu den Anfängen des in Augsburg geborenen Sängers. Die Mutter war Musiklehrerin an einem Gymnasium. Er und seine beiden jüngeren Geschwister lernten ein Instrument. Er lernte die Geige. Dieses Instrument beherrscht er so gut, dass er in der szenischen Aufführung von Schuberts “Winterreise” ein Geigensolo spielt, ebenso manchmal in Offenbachs “Orpheus in der Unterwelt”. Und gelegentlich macht er mit Kollegen des Orchesters Kammermusik.

Nach der Schule, wo er hin und wieder ein Solo sang, studierte er in Hamburg ein Jahr Musiktheaterregie. Das fand er irgendwann langweilig, zu theoriebelastet, weil man von den spannenden Persönlichkeiten wie Götz Friedrich nur Referate hörte. Wie kam er zum Gesang? Durch Zufall. Johannes Martin Kränzle machte in Frankfurt am Main die Aufnahmeprüfung für Schulmusik, ohne Schulmusiker werden zu wollen, sondern um sich eine umfassende, musikalische Ausbildung anzueignen. Der Musikpädagoge Martin Gründler, der vor sechs Jahren verstarb, sass zufällig an diesem Tag in der Prüfungskommission. Er hörte den Studenten und sagte “Sie werden Sänger! Kommen Sie wieder und machen in einem halben Jahr die Gesangsaufnahmeprüfung”. So hat es Kränzle dann gemacht. Nach fünf Jahren hat Gründler sein Versprechen wahr gemacht und ihm ein erstes Engagement in Dortmund vermittelt.

“Da war jemand so überzeugt von mir. Ich bin ihm heute noch sehr sehr dankbar“.

Neue Lied-CD

2009 erhielt die CD-Aufnahme von Aribert Reimanns Oper “Lear”, die 2008 an der Oper Frankfurt Premiere hatte, den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Johannes Martin Kränzle bietet als ausgenutzter, gefolterter Gloster ein berührendes Portrait.

Nun ist 2009 eine Lied-CD des Sängers erschienen, die seine sängerische Bandbreite voll zur Entfaltung kommen lässt.

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Cover der CD „Die Mitternacht zog näher schon” (Bildnachweis: Oehms Classics München)

Es sind dramatische, witzige, nicht nur romantische Balladen von Carl Loewe, Robert Schumann, Hugo Wolf, Franz Schubert, Gustav Mahler sowie Ferruccio Busonis „Flohlied“ von Johann Wolfgang Goethe. Mephisto präsentiert es in “Faust I”, um die Gäste in Auerbachs Keller zu Leipzig zu erheitern.

Zu einer Hörprobe bitte hier anklicken
(alle Rechte bei Oehms Classics München)

“Es war einmal ein König,
Der hatt’ einen grossen Floh,
Den liebt’ er gar nicht wenig,
Als wie seinen eig’nen Sohn.
Da rief er seinen Schneider,
Der Schneider kam heran:
Da, miss dem Junker Kleider
Und miss ihm Hosen an!

In Sammet und in Seide
War er nun angetan,
Hatte Bänder auf dem Kleide,
Hatt’ auch ein Kreuz daran,
Und war sogleich Minister,
Und hatt’ einen grossen Stern.
Da wurden seine Geschwister
Bei Hof auch grosse Herrn.

Und Herrn und Frau’n am Hofe,
Die waren sehr geplagt,
Die Königin und die Zofe
Gestochen und genagt,
Und durften sie nicht knicken
Und weg sie jucken nicht.
Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.”

Johannes Martin Kränzle lässt im „Flohlied“ wie auch in Mahlers “Des Antonius von Padua Fischpredigt” und Schumanns “Die beiden Grenadiere” feine Ironie hören. Sein lyrischer Bariton kann sich in diesen Liedern wunderbar entfalten. Loewes Balladen singt er wie die alten Barden, nicht immer die Basstiefen genügend ausschöpfend, aber wirklich dramatisch. Schuberts “Erlkönig” gefällt, weil er eine übertriebene Darstellung, wie sie früher üblich war, vermeidet. Auch Hugo Wolfs “Gutman und Gutweib” sowie “Der Feuerreiter” sind lebendig und Schuberts “Revelge” äusserst berührend. Seine Texte sind gut zu verstehen. Hilko Dumno, Dozent für Liedform an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt, preisgekrönter Klavierbegleiter grosser Interpreten, unterstützt den Sänger am Klavier: vorzüglich, markant und einfühlsam. Seine Vor-, Zwischen -und Nachspiele lassen ein bedeutendes pianistisches Können spüren.

Ein engagierter Mensch

1991 gewann der 28jährige Johannes Martin Kränzle in Rio de Janeiro bei einem Gesangswettbewerb den ersten Preis. Damals hatte er gerade das Dortmunder Engagement mit einer kleinen Rolle angenommen und konnte das Angebot der Oper von Rio, als Leporello zu debütieren, nicht wahrnehmen. Er hatte wohl noch die Zeit, in Nordbrasilien herumzureisen und ein paar Konzerte zu geben. Aber das war den Musikprofessoren von João Pessoa nicht genug. Sie wollten, dass er den Studenten etwas beibringe. Blitzschnell organisierten sie einen Simultandolmetscher und einen Pianisten, und der junge Sänger fand sich sofort in der Rolle des Musikpädagogen.

Es machte ihm Spass. Schnell sprach sich seine Tätigkeit in Nordbrasilien herum. Im Jahr darauf meldete sich die Musikschule von Recife, dann von Natal, wo er im Januar 2010 unterrichtet hat. Einigen seiner Teilnehmer konnte er in diesen 19 Jahren, die er nun dort aktiv ist, helfen, in Europa einen Studienplatz zu finden.

Ehrenamtlich ist er natürlich tätig. Wobei das Geld, das er diesmal bekam, seine Flugkosten deckten. “Ich fände es eigenartig, wenn ich als Besserverdienender Kapital daraus schlagen würde.” Die Tatsache, dass er die Sonne und den Strand geniessen kann und vor allem ein anderes Lebensgefühl erlebt, ist für ihn Lohn genug. Es macht ihm Spass, nicht nur an grossen Häusern in Japan, USA und Deutschland zu singen (“da ist manchmal alles zu saturiert, gemachte Nester”), sondern auch zum Beispiel in Tiflis, wo die Proben erst zu Ende sind, wenn das Licht ausgeht, oder wie Ende Januar in Kairo.

Johannes Martin Kränzle, dem kein Alter anzusehen ist, ist auf dem Sprung in die Weltkarriere. Publikum und Fachwelt sind gespannt auf seine Interpretation des Alberich, den er im Mai am Teatro alla Scala singen wird und im Oktober an der Deutschen Oper Berlin. Wie wird er dessen Bösartigkeit, aber auch Verzweiflung – auch er hat ja einen “guten Kern” – gestalten?

Die Termine des Sängers, auch die Konzertermine von Mendelssohn-Bartholdys “Elias” in Darmstadt und Mainz, stehen auf seiner Internet-Seite .

Im Juni und Juli 2010 singt er wieder an der Oper Frankfurt Hans Pfitzner. Dann kommen die Salzburger Festspiele, dann Berlin. Das Jahr beendet er als Graf Danilo in “Die Lustige Witwe” im Grand Théâtre de Genève. 2011 steht das berühmte Glyndebourne Opernfestival südlich von London auf seinem Terminkalender.