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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Bildende Künste: Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Objektkunst' Category

“Das Wesen im Ding” im Frankfurter Kunstverein (2): Florian Haas

Sonntag, 28. März 2010

“Das Wesen im Ding” – Wer oder was erwartet uns dieses Mal im Frankfurter Kunstverein?

Merkwürdige Gesellen haben sich dort eingefunden, soviel sei schon zu Beginn verraten, als da wären Rübling und  Schwindling, Porling und Saftling, Becherling, Ritterling und Täubling und sogar der legendäre Hallimasch.

Und was für Beinamen tragen diese Gesellen! “Am Ast gehen”, “Ganz alleine”, “Ein Herz und eine Seele”, “Erzieherin” und “Alleinerzieherin”, “Carmen” und “Lourdes”,  “Langes Gespräch” und “Husten”, “Gouvernante” und “Schneewittchen”, “Drei Kameraden” …

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Florian Haas vor 66 Pilzbildern, 2002 bis 2009, jeweils Öl auf Hartfaser, 17,5 x 25 cm, Courtesy Künstler und Galerie Heike Strelow

Natürlich kennen Sie, liebe Kunstliebhaber und -liebhaberinnen, Florian Haas – vielleicht bringen sie ihn zu allererst mit der Künstlergruppe “finger”, der  “Frankfurter Stadtimkerei” und natürlich dem Museum für Moderne Kunst MMK in Verbindung, auf dessen Dach er (zusammen mit Andreas Wolf) wiederholt einen Bienenstand – als ein gesellschaftsrelevantes Kunstprojekt – installierte.

Hier nun Florian Haas als Maler: Im Frankfurter Kunstverein zeigt er Pilze, so weit im Ausstellungssaal das Auge reichen mag. Allein 66 Bilder in kleinem Format, zu einem Tableau gehängt; hinzu kommen mehrere Arbeiten in grossem Format.

Mit seinen Autorenarbeiten (Malerei und Grafik) einerseits und seinen vielgestaltigen Gruppenprojekten andererseits wendet sich der Künstler an recht unterschiedliche Publika. Für erstere mögen aus jüngerer Zeit seine Einzelausstellungen in der Frankfurter Galerie Heike Strelow stehen, für letztere neben der bereits genannten “Stadtimkerei” Projekte wie “Public Garden Public Generation” in Aachen, “Observing Beast, Time, Evolution – Kunst und Naturwissenschaft” in Hildesheim oder “Wollen Sie Ihrer Bank auch etwas mitteilen?” im Frankfurter Projektraum finger. Stets haben seine Arbeiten und Interventionen einen institutions-, zeit- und gesellschaftskritischen Hintergrund, seien es die Eitelkeiten eines narzisstischen und hedonistischen Kunstbetriebs, sei es die Banken- und Finanzkrise samt ihrer gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen.

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Lourdes, 2010, Öl auf Leinwand, 130 x 96 cm, Courtesy Künstler und Galerie Heike Strelow

Neben den Bildern von Pilzen und Blumen – die er geradezu als Porträts gestaltet – beschäftigt sich Haas in seiner Malerei mit Landschaften, mit der Natur schlechthin. Den Pflanzen- und Pilz”porträts” kommt vielfach ein allegorischer Charakter zu – wir erinnern uns an die eingangs aufgeführten Titel, die Haas seinen Pilzbildern gibt. Sein Malstil könnte “naiv” genannt werden – naiv jedoch im Sinne einer Respektlosigkeit gegenüber dem Urteil der “Experten” eines immer stärker kommerzialisierten Kunstbetriebs samt dessen Hitlisten. Also durchaus auch eine Provokation.

“Bei Haas entspringt das Malen”, schreibt Holger Kube Ventura, Chef des Frankfurter Kunstvereins, “eher dem Bedürfnis nach einer sensiblen Würdigung des Gegenstands: Es ist eine absichts- und funktionslose und daher respektvolle Beschäftigung mit ihm. Sie ist getrieben von der Neugier darauf, dass aus der künstlerischen Handlung quasi ungesteuert etwas Neues entstehen möge.” Kritik an gesellschaftlichen Zuständen der Gegenwart, an Egoismus und Konkurrenzdenken, an Unterwerfung gegenüber dem Diktat der Ökonomie auch hier: In Haas’ Arbeiten jedoch manifestiert sich diese Kritik als Darstellung einer Welt der schönen Natur, als eine – so Kube Ventura – “Würdigung natürlicher Organismen, die eine andere, friedlichere Form des Zusammenlebens vorzuschlagen scheinen”.

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Albert Speer zum 75. Geburtstag, 2010, Öl auf Leinwand, 97,5 x 145 cm, Courtesy Künstler und Galerie Heike Strelow

“Das Wesen im Ding” zu ergründen – dazu scheinen uns in besonderer Weise Pilze herauszufordern. Pilze als geheimnisvolle Wesen, biologisch zwischen der Tier- und der Pflanzenwelt angesiedelt: Ihre heterotrophe Lebensweise teilen sie trotz ihrer Ortsgebundenheit mit den Tieren, von den Pflanzen unterscheiden sie sich durch die Unfähigkeit zur Photosynthese. Vielfach und fälschlich wird als Pilz lediglich der oberirdisch sichtbare knollen- oder hutförmige Fruchtkörper angesehen, der jedoch nur einen geringen Teil dieses Lebewesens ausmacht. Pilze erreichen mitunter hohe Lebensalter und riesige Dimensionen: Ein im Jahr 2000 im US-amerikanischen “Malheur National Forest” (Oregon) entdeckter, über 2400 Jahre alter Armillaria ostoyae, ein Hallimasch, hat eine Ausdehnung von knapp 900 Hektar und dürfte nach Ansicht von Wissenschaftlern rund 600 Tonnen wiegen. Er wird als eines der grössten, von manchen überhaupt als das grösste Lebewesen der Erde angesehen.

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Carmen, 2009, Öl auf Leinwand, 85 x 120 cm, Courtesy Künstler und Galerie Heike Strelow

Florian Haas, 1961 in Freiburg/Breisgau geboren, studierte von 1983 bis 1988 an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Professor Peter Dreher. 1990 bis 1992 folgte ein Aufbaustudium mit dem Abschluss Meisterschüler. Haas lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

(abgebildete Werke © Florian Haas; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

“Das Wesen im Ding” im Frankfurter Kunstverein (3): Egill Sæbjörnsson

Mittwoch, 7. April 2010

“Das Wesen im Ding” im Frankfurter Kunstverein: Wieder einmal betreten wir einen verdunkelten Raum, dieses Mal ist es der grosse Ausstellungssaal im 2. Obergeschoss. Die Augen, soeben noch dem hellen Tageslicht verhaftet, gewöhnen sich nur langsam um. Schemenhaft werden einige Aufbauten sichtbar, deutlicher die Projektionen an den Wänden. Fünf Arbeiten des isländischen Künstlers Egill Sæbjörnsson sind es, die uns dort faszinieren.

Was ist das “Wesen” im “Ding”?

Ein “Ding”: ein Objekt, eine Sache, ein Gegenstand? Das Bild, das wir uns von ihm machen, die Vorstellung, die wir von ihm haben? Wie stehen wir, als Subjekt, dem Ding, als Objekt, gegenüber? Immanuel Kant sprach von dem “Ding an sich” als dem unabhängig vom Subjekt Seienden (Kant: “Es sind uns Dinge als ausser uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein von dem, was sie an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Erscheinungen, d. i. die Vorstellungen, die sie in uns wirken, indem sie unsere Sinne affizieren”). Und das “Wesen”? Der Essentialismus unterstellt ein Wesen als wahre Natur, als Identität einer Sache, eines Dings also. Seit alters her bilden Vorstellungen von “Ding” und “Wesen” ein Tummelfeld der Philosophen. Heute erscheint, im Lichte quantenphysikalischer Erkenntnisse und Theorien, von Forschungen mit dem Large Hadron Collider LHC und deren mit Spannung wie auch Spekulationen erwarteten Ergebnissen, vieles von dem lediglich noch der historischen Betrachtung wert.

Wir verstehen die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein als eine – exemplarische – Präsentation, wie sich Künstler heute mit Fragen nach einem Wesen im Ding auseinandersetzen. Nach einer – wiederum exemplarischen – Betrachtung der Arbeiten von Nina Canell und Florian Haas schliessen wir mit einer künstlerischen Position von Egill Sæbjörnsson.

Putzeimer, Besen und andere, der Reinigung dienende und damit durchaus banale Gegenstände entfalten in der Installation “Kugeln” ein erstaunliches Eigenleben:

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Kugeln, 2008, Installation mit verschiedenen Objekten, Beamer, Ton, Masse variabel, Ausstellungsansicht, Courtesy Künstler, i8 Gallery Reykjavik und Grusenmeyer Art Gallery, Deurle; Fotos: FeuilletonFrankfurt

Die genannten Gegenstände werden zu einer Art Stillleben arrangiert und einer Videoprojektion aus Filmen und Animationen ausgesetzt, die sie überlagert. Auf der Projektionsfläche an der Wand vermischen sich diese Videoprojektionen mit den Schatten und Durchleuchtungen der angestrahlten, zum Teil transparenten Gegenstände zu einer filmischen Szenerie, in der die Elemente zu einer flächig wie räumlich erscheinenden Bilderwelt fusionieren. Mit der Projektion verändert sich zugleich die Szenerie der real arrangierten – wie ausgeführt teilweise transparenten – Gegenstände. Der Betrachter nimmt somit deren körperlich vorhandene, in ihrer Anschauung sich jedoch stets wandelnde Gegenständlichkeit vor deren projiziertem, wiederum mit der eigentlichen Projektion fusioniertem Abbild auf der Wand wahr.

In ähnlicher Weise verfährt der Künstler in seiner Arbeit “The Silent Maker” mit einem Arrangement von gläsernen und damit hochtransparenten, dieses Mal auf einer sich drehenden Scheibe angeordneten Objekten. In der Durchleuchtung wiederum mittels einer spezifischen Videoprojektion erfahren die rotierenden Glaselemente eine eigentümliche Mutation. Auf der Projektionsfläche an der Wand verschmelzen sie mit dem Video zu einem kosmisch-elementar anmutenden Szenarium, das sich als ein Bildnis ihres Innenlebens lesen lässt, zu einem Ambulatorium nächtlich wandelnder Kometen und Gestirne, zu einem Tanz der Elementarteilchen. Eine Arbeit auch von ausserordentlicher, faszinierender Schönheit und Ästhetik.

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The Silent Maker (Glass Objects), 2009, Glasobjekte, bewegliche Scheibe, DVD, Beamer, Ton, Masse variabel, Ausstellungsansicht, Courtesy Künstler, i8 Gallery Reykjavik und Grusenmeyer Art Gallery, Deurle; Fotos: FeuilletonFrankfurt

In seinen Arrangements “Grey Still Life” II und III baut Sæbjörnsson kleine Bühnen, die einem aufgeklappten Notebook ähneln. Er bestückt sie mit Gegenständen des Alltags – Bällen, Kaffeekannen und Trinkbechern, Schreibpapier, Bilderrahmen und Spielzeugfiguren, Aktenköfferchen, Schalen und Vasen. Auch diese Arrangements bestrahlt er mit Videoprojektionen. Da scheinen Lampen und Lupen die aufgebauten Dinge eingehender untersuchen und ergünden zu wollen. Sie überziehen sie mit grafischen Elementen wie mit Symbolen und Chiffren. Die Dinge auf den Bühnen verändern sich unter den Projektionen, sie erscheinen in neuen Zusammenhängen und wollen sich dem Betrachter auf neue Weise mitteilen.

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Grey Still Life II, 2009, verschiedene Objekte, Videoprojektion, Ton, Masse variabel, Ausstellungsansicht, Courtesy Künstler, i8 Gallery Reykjavik und Grusenmeyer Art Gallery, Deurle; Fotos: FeuilletonFrankfurt

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Grey Still Life III, 2009, verschiedene Objekte, Videoprojektion, Ton, Masse variabel, Ausstellungsansicht, Courtesy Künstler, i8 Gallery Reykjavik und Grusenmeyer Art Gallery, Deurle; Fotos: FeuilletonFrankfurt

Sæbjörnsson untermalt das Geschehen im grossen Ausstellungssaal mit gelegentlichen akustischen Elementen, Tönen, Klängen und Sprachfetzen.

“Brown Paper” betitelt der Künstler eine grossformatige Videoprojektion, die uns in kosmische Welten führt. Aus einem Sternenhimmel fliegen an Meteoriten erinnernde Elemente auf den Betrachter zu, die jedoch alsbald auf rechteckigen Hintergründen – wir denken an Objekttische von Mikroskopen – fixiert werden. Um Untersuchen und Erkennen geht es auch hier. Zumindest um den entsprechenden Versuch.

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Brown Paper, 2010, Papierobjekte, Beamer, Ton, 255 x 455 cm, Courtesy Künstler, i8 Gallery Reykjavik und Grusenmeyer Art Gallery, Deurle; Fotos: FeuilletonFrankfurt

“Der Reiz von Sæbjörnssons Installationen besteht”, so der Frankfurter Kunstverein, “einerseits aus dem synästhetischen Zauber der zum Leben erweckten Stillleben und andererseits aus der Ruhe und Schlichtheit, die die verwendeten Gegenstände ausstrahlen”.

Egill Sæbjörnsson, 1973 in Reykjavik geboren, studierte in den Jahren 1993 bis 1997 am Icelandic College of Arts and Craft in Reykjavik sowie an der Université Paris 8 Vincennes-St. Denis. Der Künstler stellte bislang unter anderem in Gent, London, Reykjavik, Roskilde, Wien und Sydney, in Deutschland in Berlin und in Dresden-Hellerau aus. Sæbjörnsson lebt und arbeitet in Berlin.

(abgebildete Arbeiten © Egill Sæbjörnsson; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

“Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden” im Städel Museum Frankfurt / 1

Montag, 22. Dezember 2008

Die Feiertage um Weihnachten und Neujahr, noch dazu in diesem Jahr “arbeitnehmerfreundlich” im Wochenablauf eingebettet, sollten Daheimgebliebenen eine Gelegenheit bieten, im Städel Museum Frankfurt am Main eine der schönsten, bemerkenswertesten und sicher auch spektakulärsten Ausstellungen dieser Jahrzehnte zu besuchen. Ihr Titel: “Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden”.

Zum ersten Mal in der Ausstellungsgeschichte werden die entsprechenden herausragenden Bestände des Städel Museums und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin zusammengeführt, ergänzt durch Leihgaben unter anderem der Londoner National Gallery, dem Madrider Museo del Prado, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Musée du Louvre in Paris, der St. Petersburger Staatlichen Eremitage, der National Gallery in Washington und dem Wiener Kunsthistorischen Museum. Bei den meisten der ausgestellten Exponate handelt es sich wegen ihres unschätzbaren Wertes um grundsätzlich nicht ausleihbare Werke. Umso bemerkenswerter ist diese – tatsächlich einzigartige – Schau; obendrein für die Kunstwissenschaft ein bedeutendes Ereignis: bietet diese Zusammenstellung doch erstmals die Möglichkeit des unmittelbaren Vergleichs dieser Gemälde untereinander, die vieles miteinander gemeinsam haben, vor allem die “Entdeckung der Wirklichkeit in der Malerei”. So wollen der Städel-Kurator Jochen Sander und sein Berliner Kollege auf der Grundlage dieser Ausstellung einer weitverbreiteten Ansicht entgegentreten, die in dem legendären “Meister von Flémalle” den in Tournai tätigen Maler Robert Campin (1375 bis 1444) vermutet. Vielmehr wird mit der Werkschau die These untermauert, bei dem fiktiven “Meister von Flémalle” handele es sich nicht um eine Einzelperson, sondern um einen Kreis von Malern, wohl unter dem Einfluss Robert Campins, zu denen auch Rogier van der Weyden zählt.

Eine derartige Malerei mit ihrer detailrealistischen Wiedergabe der Wirklichkeit hatten die Menschen des 15. Jahrhunderts noch nicht gesehen. Den Weg zu dieser neuen Malweise ebnete nicht zuletzt die Ölfarbe, bei der das Öl die bisher hauptsächlich als Bindemittel verwendete Tempera ablöste.

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Meister von Flémalle, “Madonna an der Rasenbank”, Eichenholz, 40,2 mal 28,5 cm,
Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
Foto: bpk/Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin/Jörg P. Anders

Bei der in das erste Drittel des 15. Jahrhunderts zu datierenden “Madonna an der Rasenbank” handelt es sich, wie sich aus Vergleichen mit inhaltlich ähnlichen Werken ergibt, vermutlich um die rechte Tafel eines Diptychons. Auffallend und ungewöhnlich die erschrockene, ja angstvolle und abwehrende Gebärde des Jesuskindes. Sie scheint sich gegen eine Darstellung der späteren Passion – des Schmerzensmannes – auf der dazugehörigen linken Tafel zu wenden.

Auffallend zum Beispiel auch die akribisch-realistische Darstellung der Flora auf dem Boden und auf der Rasenbank, neben einer Vielzahl von Pflanzen sind unschwer Erdbeeren und Löwenzahn auszumachen.

“Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden” im Städel Museum Frankfurt – eine wirklich phantastische Schau von Meisterwerken der Malerei der “ars nova” an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit.

(zu Folge 2; zu Folge 3)

“Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden” im Städel Museum Frankfurt / 2

Dienstag, 23. Dezember 2008

Stellten wir im 1. Abschnitt unseres Beitrags zur gemeinsamen Ausstellung von Städel Museum und Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin die “Madonna an der Rasenbank” vor, so wenden wir uns heute einer Madonnendarstellung aus der Werkstatt Rogiers van der Weyden zu, die als ein Teil eines Diptychons oder eines Triptychons verstanden wird.

Die bekrönte Madonna steht in einer von zwei goldenen Löwen geschmückten Thronnische. Der Realismus der Darstellung geht mit deren – für die damalige Zeit ungewohnten – Freizügigkeit einher: Das Jesuskind ist nackt, nur spärlich mit einer Windel verhüllt, Maria stillt es mit entblösster Brust. Die Kunstkritik würdigt den emailartigen Schmelz und die pralle Rundheit der unbekleideten Körperpartien. Phantastisch der Faltenwurf und das Blau des Madonnengewandes vor dem goldbrokatenen Ehrentuch im Hintergrund, umrahmt von der steinernen Umrandung der Thronnische.

Wieder faszinieren der Detailreichtum – Krone und Haar der Madonna, die Ornamentik des Ehrentuchs oder der gekachelte Fussboden – und die auf das Sorgfältigste ausgeführte malerische Arbeit.

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Rogier van der Weyden (Werkstatt), Madonna (Flügel eines Diptychons); Eichenholz, 18,9 mal 12,1 cm,
Kunsthistorisches Museum, Wien
Foto: Kunsthistorisches Museum

Das kleinformatige Gemälde wurde zunächst den frühesten Arbeiten Rogier van der Weydens (1399/1400 bis 1464) zugerechnet, wird aber heute als eine Werkstattarbeit aus der Mitte des 15. Jahrhunderts angesehen.

Ausstellung im Städel Museum Frankfurt am Main.

(zu Folge 3)

“Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden” im Städel Museum Frankfurt / 3

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Den Darstellungen zweier Madonnen des “Meisters von Flémalle” und aus der Werkstatt Rogier van der Weydens in den ersten Abschnitten unserer Betrachtungen schliesst sich heute eine Geburtsszene an, wiederum aus dem Kreis des “Meisters von Flémalle”.

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Meister von Flémalle, Geburt Christi, Eichenholz, 85,7 mal 72 cm,
Musée des Beaux Arts, Dijon
Foto: Musée des Beaux Arts, François Jay

Diese Darstellung der Geburtsszene zählt mit zu den bemerkenswertesten – und faszinierendsten – ihrer Art in der abendländischen Malerei. Ihre Symbolsprache und ihr Detailreichtum vermag sich einem Betrachter im Zeitalter heutiger massenmedialer Reizüberflutung zwar kaum mehr zu erschliessen. Versuchen wir es dennoch:

Die Szene ist in eine ideale Landschaft gebettet mit der detaillierten Wiedergabe einer befestigen Burg und Stadt. Es ist eine herbstlich-winterliche Landschaft, die Bäume stehen beschnitten und ohne Laub. Eine – offensichtlich aufgehende – Sonne erhellt die Szenerie. Bemerkenswert die brennende Kerze in Josephs Hand, an die Dunkelheit der Geburtsnacht gemahnend.

Die Personengruppen umfassen jeweils drei Gestalten: die der drei Engel in ihren farbigen Gewändern, der drei Hirten, der heiligen Familie und der beiden Damen rechts im Vordergrund mit dem ihnen zugewandten Engel.

Das Jesuskind liegt nackt auf dem blossen Erdboden. Maria – im Gegensatz zu fast allen anderen überlieferten wie modernen bildlichen Darstellungen, die sie in blauen und roten Gewändern zeigen – trägt knieend ein weisses Kleid und einen weissen Umhang. Und: Ihr gegenüber knieen beziehungsweise stehen zwei Hebammen, es sind Azel und Salome, zwei Figuren aus dem apokryphen Evangelium des “Pseudo-Matthäus”, von denen die eine an die “unbefleckte Empfängnis” glaubt, die andere hingegen nicht. Die beiden Damen tragen eine hochherrschaftliche, festliche, zweifellos sehr aufwändige und teure Kleidung. Zu ihnen spricht der ihnen zugewandte Engel, im Gegensatz zu der Engeltroika über dem Dach des Stalles in ein ähnlich festlich anmutendes weisses Gewand gekleidet. Welch ein ungeheurer Kontrast zu dem nackt auf dem Boden liegenden Jesuskind!

Bescheiden dagegen wiederum die Aufmachung der drei Hirten in ihren rustikalen, aus groben Stoffen gefertigten Umhängen, der eine hält ein armseliges Musikinstrument, eine Sackpfeiffe, der andere einen schmucklosen Filzhut in den Händen.

Die Geburt findet – besser fand, auch die beiden Hebammen scheinen zu spät zu ihr gekommen zu sein -  vor einem sich in einem erbärmlichen Bauzustand befindlichen Stall statt. Und auch dieser Stall mit seinen verrotteten Wänden bleibt den Tieren als Schutzraum vorbehalten – Ochse und Esel haben ihn in Beschlag genommen, allenfalls Maria scheint noch etwas Geborgenheit unter dem vorstehenden, ebenfalls schadhaften Dach zu finden.

Alt und müde wirkt Joseph – und distanziert, wie er hilflos seinen Blick auf das nackt auf dem Boden liegende Kind senkt.

Erinnern wir uns: Die Bildersprache der alten Meister richtete sich – vor allem, wenn sich die Werke im öffentlichen oder zumindest halböffentlichen Raum befanden – an eine in weiten Teilen noch von Analphabetismus gekennzeichnete Gesellschaft. Sie trat neben die mündliche Überlieferung von Wissen und Erfahrungen. Wir haben es längst verlernt, diese Bildersprache zu entziffern, und es setzt Zuwendung voraus und bereitet einige Mühe, den Weg zu ihr zu finden  in unserer – wir sprachen bereits davon – von ebenso banalen wie plumpen massenmedialen Reizen überfluteten Zeit. Aber die Anstrengung lohnt sich – so meinen wir.

Die Ausstellung im Städel Museum endet am 22. Februar 2009. Anschliessend ist sie – in einer allerdings modifizierten Form – in der Berliner Gemäldegalerie zu sehen.

Eine herausragende Leistung stellt der zur Ausstellung erschienene, reich bebilderte Katalog dar. Sein Preis von 34,90 Euro mutet in Anbetracht der opulenten Ausstattung nahezu als ein Schnäppchen an – es ist immer noch Zeit für ein verspätetes Weihnachtsgeschenk und erst recht für die sinnvolle Verwendung einer entsprechenden Geldgabe.

Wir hoffen, liebe Leserinnen und Leser, Ihnen mit der nachfolgenden grösseren Wiedergabe dieser Geburtsszene eine erste vertiefte Auseinandersetzung mit diesem Meisterwerk zu ermöglichen. Eine Abbildung kann jedoch keinesfalls die unmittelbare Betrachtung des Originals im Städel Museum ersetzen, sondern lediglich dazu ermuntern, die Schritte dorthin zu lenken.

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(Bildnachweis: s. oben)