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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Bildende Künste: Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Objektkunst' Category

“© MURAKAMI” im Frankfurter MMK (Teil 2)

Freitag, 3. Oktober 2008

Von Atompilzen und “Superflat”, Kaikai und Kiki

Die Ausstellung “© MURAKAMI” im Frankfurter Museum für Moderne Kunst führt uns in eine uns unvertraute Welt, wir müssten einen nicht ganz unbeträchtlichen Teil unserer verbleibenden Lebenszeit für entsprechende Studien aufwenden, um all die Mangas und Animes, die Wesenheiten und Chiffren enträtseln zu können, mit denen uns der Künstler konfrontiert. Das wollen und müssen wir der Kunstwissenschaft und der Japanologie überlassen.

Nähern wir uns unbefangener der Person Takashi Murakami: “Takashi, du hast grosses Glück. Wenn es über Kokura keine Wolken gegeben hätte, wärest du heute nicht hier.” Dies sagte Takashis Mutter zu ihrem Sohn. Wir zitieren aus Paul Schimmels Katalogbeitrag “Die Entstehung Murakamis”. Über Kokura sollte am Vormittag des 9. August 1945 die amerikanische Atombombe “Fat Man” explodieren. Der Himmel dort aber war bewölkt, und zwar von den Folgen der Detonation der ersten Atombombe “Little Boy” drei Tage zuvor, am 6. August, über Hiroshima. Der US-Bomber suchte sich ein neues Ziel: Nagasaki. Kokura blieb verschont. Dort wohnte Takashis Mutter.

Manchmal erklären sich gewisse Dinge eben recht einfach. Immer wieder begegnen wir in der MMK-Ausstellung dem in den verschiedensten Gestaltungen erscheinenden Atompilz. Dem auf einem Halswirbelskelett balancierenden Totenschädel mit dem Phosphorleuchten in den leeren Augenhöhlen. Missgebildeten Figuren, deren fehlende Knochen, Gelenke und Gliedmassen durch maschinelle Mechaniken ersetzt wurden wie den Inochis.

Wir begegnen auch den weissen Wolken am blauen Himmel über einem Meer lachender Blumen – erinnern sie an die Wolken, die einst die Stadt Kokura vor dem Atomblitz bewahrten und Nakasaki das Verderben brachten? Es ist ein sich zigtausendfach wiederholendes Lachen, es verdichtet sich zu einem fast unerträglichen gleichmachenden Grinsen. Jedoch nicht alle Blumen lachen.

Und spätestens wenn wir vor dem neun (!) Meter breiten und drei Meter hohen Bild “Kawaii! Vacances d’été” stehen, beginnen wir allmählich, einen der Schlüssel zu verstehen, die uns die Tür zu dieser Ausstellung öffnen können: Das hunderttausendfache Grinsen, die kinderbonbonkitschigen Farben, die Regression auf Mangas und Comics sind Gleichnisse eines japanischen Weges, erlittene Traumata zu kompensieren, zu verdrängen.

Die beiden Atombomben, der amerikanische Sieg und der nachfolgende Import US-amerikanischer Kultur, Subkultur und Konsumgewohnheiten haben dieses alte Kulturland, haben Japan, so will es uns der Künstler zeigen, “flach” gemacht. Flächendeckend flach wie die riesigen vom ihm gestalteten Tapetenwände der Ausstellung. “In der Nachkriegszeit wurde Japan”, schreibt Murakami, “von Amerika am Leben erhalten und ernährt. Man zeigte uns, dass die wahre Bedeutung des Lebens in der Bedeutungslosigkeit liegt, und man brachte uns bei, ein gedankenloses Leben zu führen. Unsere Gesellschaft und unsere Hierarchien wurden aufgelöst. Man zwang uns ein Gesellschaftssystem auf, in dem keine ‘Erwachsenen’ mehr entstehen.”

“Superflat” nennt sich seine künstlerische Position, mit der er auf die japanische Gegenwarts(sub)kultur Otaku reagiert, die wiederum auf dem Konsum von Manga und Anime, Science Fiction, Pop-Kultur und einer spezifischen Pornografie beruht. Seine Interpretation versucht dabei, die alte japanische Hochkultur der Edo-Zeit (von Anfang des 17. bis zur späten Mitte des 19. Jahrhunderts) mit der Massenkultur zu verbinden. Es bereitet, wie eingangs angedeutet, einige Anstrengungen, sich in dieser künstlerisch-künstlichen Welt zurechtzufinden. Die Sinnlichkeit der Kunst Murakamis “versüsst” uns aber durchaus unsere Mühen.

Von DOB, der Kultfigur, einem alter ego des Künstlers, war schon im ersten Teil unserer Betrachtungen die Rede. Oben begegnet sie uns kindlich-naiv, umringt von aggressiven feindlichen (Atom)Pilzen – lassen wir uns in der fröhlich erscheinenden Farbigkeit nicht täuschen! DOB, “der asiatische Cousin von Mickey Mouse”, zerstört “die DNS des urheberrechtlich geschützten Nagers der Disney Corporation und die ihn entscheidend kodierende Vorspiegelung ewiger Unschuld. Er gibt dessen Immunität gegen Fremdinfektionen preis und setzt ihn dem universell entstellenden Fallout der Detonationen von Little Boy und Fat Man aus”, stellt Dick Hebdige im Katalog fest.

Zu DOB gesellen sich Kaikai und Kiki, ebenfalls als alter ego, als spirituelle Leitfiguren des Künstlers. Sie verkörpern die Prinzipien Gut (Kaikai, eine Art sanftmütiger Teletubbi) und Böse (Kiki, arglistig-dreiäugig blickend mit zwei Haifischzähnen im aufgerissenen Mund).

In einem gewaltigen Panorama-Bild von mehr als sieben Metern Breite erscheint DOB als Gero Tan (“speiender Schleimjunge”), ein schreckliches Ungeheuer mit schwarzem, Flüssigkeiten und im Übermass Vertilgtes ausscheidendem Maul und furchteinflössenden Reisszähnen, aber dem Tode geweiht. Von Lust, Gewalt, Leiden, Sterben und Wiedergeburt handelt die apokalyptische Darstellung – mit vielerlei uns fremden, in der japanischen Tradition verwurzelten Chiffren und Verschlüsselungen versehene Allegorie der unersättlichen Konsumgier der Gesellschaft.


“basis”: Sommerausstellung 2010 in Frankfurt am Main

Sonntag, 22. August 2010

Von potentieller Dummheit war die Rede, als der Frankfurter Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth unlängst die Sommerausstellung 2010 von “basis”, des Vereins zur “Förderung kreativer Produktionsmöglichkeiten und Inhalte”, im Atelierhaus Gutleutstrasse eröffnete. Denn von Dummheit zeugte es, wenn eine weltoffene Stadt wie Frankfurt am Main nichts unternähme, um ihre Künstlerinnen und Künstler nicht nur zu fördern, sondern auch deren Arbeit in die Stadtgesellschaft hinein zu kommunizieren. So stellt das Kulturdezernat unter anderem 40 preiswerte Ateliers bereit. Darüber hinaus fördert es, wiederum unter anderem, den Verein “basis” mit seinen 45 Arbeits- und Produktionsräumen in der Elbe- sowie weiteren 75 entsprechenden Räumen in der Gutleutstrasse (nicht zu vergessen ferner die Unterstützung der 45 Ateliers von “atelierfrankfurt” in der Hohenstaufenstrasse). Neben den regelmässigen Sonderausstellungen dieser Ateliers legen deren jährliche, von den Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern vielbesuchte und geschätzte “Open Doors” ein beredtes Zeugnis ab von der in der Stadt reich versammelten künstlerischen Kreativität und Leistungsfähigkeit.

Zurück nun zur “basis”-Sommerausstellung 2010: “Feeding the World” lautet trefflich ihr Motto, und wahrlich: Kunst versteht sich – und wird unserem Eindruck nach mehr und mehr verstanden (gerade auch an einem Banken- und Dienstleistungsstandort wie Frankfurt am Main) – als ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel. An der aktuellen, sommerlich-künstlerischen “basis”-Nähr-Aktion beteiligen sich Isabel Albrecht, Verónica Aguilera, Valentin Beinroth, Johanna Bieligk, Nicolaj Dudek, Wiebke Grösch, Özlem Günyol, Florian Jenett, Stefanie Kettel, Sandra Kranich, Astrid Korntheuer, Levent Kunt, Mustafa Kunt, Frank Metzger, Nashun Nashunbatu, Stefanie Pretnar, Katharina Schücke und Oliver Voss. Erstmals wird eine derartige Ausstellung in einem der basis-Häuser kuratiert: von dem in Berlin lebenden freien Autor und Kurator Ludwig Seyfarth.

Wieder einmal haben wir die Qual der Wahl: Die Arbeiten von neun Künstlerinnen und Künstlern stellen wir exemplarisch vor als einen Querschnitt durch die bis zum 12. September 2010 dauernde Ausstellung, die sich Kunsthungrige keinesfalls entgehen lassen sollten. Lassen Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, im besten Sinne mit Kunst “füttern”.

Astrid Korntheuer,1979 in Schwelm geboren, studierte von 1999 bis 2005 an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach bei den Professoren rosalie, Heiner Blum und Frank Schumacher. Sie arrangiert für ihre fantastischen fotografischen Arbeiten die verschiedensten Materialien, die sich bei nachhaltiger Betrachtung als ein behutsam wie sorgfältig entwickeltes kompositorisches Ganzes erweisen. Verblüffend die räumliche Tiefenwirkung, gleichsam “Dreidimensionalität” ihrer Fotografien der Serie “Nature morte”. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Offenbach.

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Astrid Korntheuer, “Nature Morte 113″, 2009, Injektprint Aludibond, 115 x 142,5 x 5 cm (im oberen Teil leider mit einem störenden Lichtreflex)

Der 1975 in Würzburg geborene Florian Jenett kam nach dem Besuch der Stuttgarter Freien Kunstschule P.Art an die Offenbacher HfG, an der er bis 2007 bei den Professoren Heiner Blum und David Linderman studierte.

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Florian Jenett, “1 t ct”, 2009, 4347,82 Euro in Centstücken, FIBC BigBag-Sack, 2 Euro Pool-Paletten, 80 x 80 x 110 cm

Sinnlich wie aberwitzig der mit einer Tonne “Kupfer”-Eurocents gefüllte über einen Meter hohe Bauschutt-Sack, dem angesichts des enormen Gewichts lediglich der Gegenwert von gut 4300 Euro entspricht – groteskes Sinnbild einer aus den Fugen geratenen, dazu stets von geldentwertender Inflation wie Deflation bedrohten Finanzwelt. Grotesk auch eine weitere Arbeit des Künstlers: Auf dem Rücken liegende Uralt-Monitore bespielt er mit live in Internet-Nachrichtenportalen (sic!) verbreiteten Werbebannern: Zerrbild – oder schlimmer gar Abbild – einer sogenannten, noch dazu globalisierten “Informations”-Gesellschaft.

L1006033-650 Florian Jenett, “Phishing At The River Of News, 2009, 20 Computermonitore, sechs Video-Splitter, Mac Mini, Masse variabel

Auch Nicolaj Dudek studierte, nach zunächst einem Diplom-Studium der Geologie an der Universität Frankfurt am Main, an der HfG in Offenbach, an der er 2000 das Diplom im Bereich Zeichnen ablegte. Einen zeichnerischen Seismographen seiner visuellen Umwelt könnte man den Künstler nennen. Seine “Reisenden” lässt Dudek in fantasievollen, traumhaft imaginierten Welten erscheinen und wieder verschwinden – Zeitreisen im steten Werden und Vergehen.

L1006055-650 Nicolaj Dudek, Reisender (Travellor) I, 2010, Tusche auf Papier, 261 x 198 cm

Valentin Beinroth, 1974 in Stuttgart geboren, ist ebenfalls Absolvent der Offenbacher HfG, an der er von 2000 bis 2008 bei Professor Heiner Blum studierte. Der Künstler, ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten einer Vermessung – will sagen Aneignung – der Welt, rekurriert aktuell auf einen Referenzwürfel der NASA von einem Zentimeter Kantenlänge zur Fotografie von Meteoriten. Beinroth vergrössert dieses Mass auf die mesopotamische sogenannte Nippur-Elle von 51,8 cm Länge, den ältesten überlieferten, auf die Zeit um 2800 v. Chr. datierten Messgegenstand, der seinerseits auf eine bereits um 3500 v. Chr. bekannte Masseinheit zurückgeht.

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Valentin Beinroth, “ScaleCube”, 2010, Holz, Farbe, Aluminiumpigment, Seitenlänge je 51,8 cm

Erneut zu einer grossartige Arbeit hat sich das Künstlerduo Özlem Günyol und Mustafa Kunt gefunden: Sie zeichneten auf die Stirnwand des grossen Ausstellungsraumes im Erdgeschoss, zu einem zweieinhalb Meter messenden Rund verdichtet, die Umrisse sämtlicher Länder dieser Erde übereinander. Günyol und M. Kunt, 1977 und 1978 in Ankara geboren, studierten an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule – in Frankfurt am Main bei den Professoren Ayse Erkmen beziehungsweise Wolfgang Tillmans und Willem de Rooij; sie leben und arbeiten in Frankfurt am Main. Sah man je eine überzeugendere visuelle Übersetzung dieser “einen Welt”?

L1006050-650 Özlem Günyol, Mustafa Kunt, “Caseless Doodle”, 2009, Wandzeichnung mit Pigmenttinte, Durchmesser 256 cm

Bleiben wir weiter bei den Städelschülern und Städelschülerinnen: Katharina Schücke, 1982 in Dresden geboren, studiert seit 2001 bei Professor Tobias Rehberger. In ihrer aktuell gezeigten Arbeit setzt sie sich mit dem Offenen und Geschlossenen auseinander: Verfremdete Saloon-Schwingtüren im langen Flur des Erdgeschosses im “basis”-Haus stehen für beides. Und Schücke ist in radikaler Weise konsequent: Bis zum Ende der Ausstellung steht dort die ausgehängte Tür zu ihrem Atelier – samt dem unter der Klinke baumelnden Schlüsselbund.

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Katharina Schücke, “The Crazy Barbarian Couple II Part I” (links), 2010, Silbergelatine auf Holz, Sprühfarbe, Pendelscharniere, PUR Leim, Dachlatten, Tischlerplatte, 120 x 60 x 4 und 120 x 100 x 4 cm; “The Crazy Barbarian Couple II Part II” (rechts), 2010, Ateliertür, Sprühfarbe, Kleiderhaken, Schlüsselbund, 195 x 90 x 3 cm

Eine Städel-Schülerin auch Stefanie Kettel: 1981 in Adenau geboren, studierte sie an der Frankfurter Hochschule von 2001 bis 2007 bei den Professoren Hermann Nitsch und Simon Starling. Kettel lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Landschaften – das Gesicht der Erde. Darin Menschen, hier zwei Frauen in vermutlich heimatlichen Trachten, verträumt-versponnen. Ein mächtiges, kristallines Gebilde bricht herein – oder ist es nicht bereits ein konstituierender, künstlerisch formulierter Bestandteil unseres Seins?

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Stefanie Kettel, “Lass dich niemals täuschen, indem du daran zweifelst”, 2010, Öl und Lack auf Baumwolle, 130 x 170 cm

Weder HfG-ler noch Städelschüler war Levent Kunt – 1978 in Ankara geboren – , mit dem wir unseren Bilderbogen beschliessen: Er studierte Kunst an der Hacettepe Universität seiner Heimatstadt, später an der Universität Mainz und an der Akademie der Bildenden Künste Wien. Levent Kunt lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Im Kreis liegt alles beschlossen – zum Ring der Neonröhre gehören fünf feinste kleinformatige, gerahmte Zeichnungen, Studien, die einem mit einem Turnreifen von 1,80 Meter Durchmesser hantierenden Pariser Strassenkünstler nachgehen. In der Zusammenschau erschliesst sich die feinsinnige Arbeit.

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Levent Kunt, “Le Spectacle” part/1, 2009, Neonröhre, Durchmesser 180 cm

Kehren wir zurück zu der einleitenden Ansprache von Kulturdezernent Felix Semmelroth: Nein, die Frankfurter Stadtgesellschaft ist keineswegs dumm, sondern hungrig nach aktueller Kunst, und sie tut klug und gut daran, sich einen fütternden Kunstverein “basis” mit seinen beiden Atelierhäusern und regelmässigen Ausstellungen zu leisten.

Sommerausstellung 2010 im Atelierhaus “basis”: “Feeding the World”, bis 12. September 2010

(abgebildete Werke © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt

“Blindheit des Sehens” im Frankfurter KunstBlock

Samstag, 30. Oktober 2010

“Bildnisse sehen nicht? Du irrst Dich, die Bilder und Figuren sehen mit den Augen, die sie betrachten” schrieb der Literatur-Nobelpreisträger José Saramago.

Und der Philosoph und Essayist Paul Valéry: “Ein Kunstwerk sollte uns immer beibringen, dass wir nicht gesehen haben, was doch vor unseren Augen liegt.”

Blindheit des Sehens – so der Titel einer Ausstellung im Frankfurter KunstBlock (Bellavista Film), kuratiert von Florian Koch in Kooperation mit dem benachbarten DialogMuseum (“Blindenmuseum”) und dem Frankfurter Künstler Klaus Schneider. Provokation? Realität?

Gleich zu Beginn nimmt ein “Buch” unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Klaus Schneider hat es in der Bibliothek der Bellavista aufgestellt, es ist aus Holz, der Titel und die einzige aufklappbare “Seite” in Brailleschrift, auf der linken Innenseite mit Holzkugeln materialisiert, denen Versenkungen in der rechten entsprechen. Wir können sie nicht lesen. Nicht den Inhalt des Geschriebenen erfassen. Unsere Fingerkuppen gleiten hilflos über die Holzkügelchen.

Blinde lesen, was sie nicht sehen können.
Wir Nichtblinden sehen, was wir nicht lesen können.

Klaus Schneider, wer-wir B (oben) und A (unten), 1996 und 2001, Nussbaum- und Buchenholz, Scharniere, Holzkugeln, 30 x 25 × 6 und 25 × 25 × 6 cm (Fotos: Klaus Schneider)

Seit vielen Jahren setzt sich Klaus Schneider in “Sprachbildern” mit dem Phänomen der Kommunikation unter Menschen, mit den Möglichkeiten und Grenzen – visueller – Wahrnehmung, von Sprache und Schrift auseinander. In seinen Arbeiten – seien es Malereien oder Zeichnungen, Fotografien oder Installationen – konfrontiert er den Betrachter mit Blindenschrift. Oft bezieht er diesen selbst, wie in der Serie “autobiograf”, mittels bearbeiteter Spiegelflächen, durch Öffnungen, die die Blindenschrift in der Lackierung freigibt, in das zu Betrachtende unmittelbar ein.

Klaus Schneider, autobiograf, 2010, Spiegel, Acryllack, 40 x 65 cm (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Schneider, 1951 geboren, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Kunstpädagogik an der Frankfurter Goethe-Universität und anschliessend Malerei, Zeichnung und Druckgrafische Techniken an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg. Der Künstler lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Bernd Reich, madonna, 2010, Fotografie, gestochen, 18,7 x 12, 8 cm (Foto: Ausstellung/Klaus Schneider)

In seiner Werkreihe “Stupfarbeiten” perforiert Bernd Reich – in Anlehnung an die Prägung von Papier mittels der Brailleschrift – mit einer Nadel Fotografien, die von der ausgestellten Rückseite her eine fragmentarische Negativ-Darstellung des fotografischen Abbilds zeigen. Ob das “gestupfte” Papier tatsächlich einer entsprechenden rückseitigen Fotografie entspricht, lässt der Künstler jedoch offen und stellt damit die Abbildfunktion auf eine grundsätzliche Weise in Frage.

Bernd Reich, 1966 in Freudenstadt geboren, studierte mit Diplomabschluss an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung HfG.

Helga Griffiths, Trust II, 2008, Rauminstallation (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Auch Helga Griffiths knüpft in ihrer äusserst komplexen Video-Installation formal an die Brailleschrift an: Sie ordnet verspiegelte, undurchblickbare Linsen so an, dass sie das Wort “trust” wiedergeben. Darauf projiziert sie von einer Blinden aufgenommene Videobilder, die sich in fragmentierte Lichterscheinungen auflösen, und stellt damit das Vertrauen in Frage, welches wir im Zeitalter massenmedialer Bildüberflutung dem uns visuell Vermittelten entgegenbringen.

Helga Griffiths wurde 1959 in Ehingen geboren und studierte an der Rutgers University, Mason Gross School of the Arts, N. J., an der Kunstakademie Stuttgart und an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung.

Marie José Burki, Blindsight: Hibou (Videostill), 1993, Video (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Marie José Burki scheint in ihrer nicht minder komplexen, bei allem humorvollen Videoarbeit José Saramagos eingangs zitierte Erkenntnis umzusetzen. Ein (Video-) Bild schaut uns an: in Gestalt einer scharfblickenden Eule, in deren Iris und Pupille sich durchaus alltägliche Szenen abspielen, beispielsweise Reiter auf Pferden vorüberziehen. Wer blickt wen an? Wo entstehen die Bilder? Sehen wir die Realität oder das, was wir dafür halten?

Marie José Burki, 1961 im schweizerischen Biel geboren, studierte in Genf französische Literatur und besuchte die dortige Ecole Supérieure d’Art Visuel. Sie unterrrichtete an der Rijksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam und an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg; derzeit lehrt sie an der Ecole nationale supérieure des beaux-arts de Paris. Burki lebt und arbeitet in Brüssel.

Jelena Heitsch, Zierde und Halt, 2008, Papierpulp, 69,5 x 56,6 cm (Foto: Ausstellung/Klaus Schneider)

“Anwesenheit von Abwesenheit” ist das Thema von Jelena Heitsch; das “Verborgene und Imaginäre, welches einzig und allein in der Vorstellung und Phantasie des Betrachters aktiviert werden kann”. Ein Bilderrahmen ohne Rahmeninhalt unterbricht herkömmliche Sehgewohnheiten und öffnet eine Fläche für Projektionen des Betrachters.

Die 1982 in Dachau geborene Jelena Heitsch studierte Bildhauerei und Installation an der Akademie der Bildenden Künste München; ihr Studium schloss sie in diesem Jahr mit dem Examen ab.

Karsten Kraft, Dark, 2010, Acryl auf Leinwand, 150 x 200 cm (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Karsten Kraft nähert sich mit malerischen Mitteln der Thematik. Aus mannigfach aufgetragenen Farbschichten bestehen seine “schwarzen” Bilder. Schaut man lange genug darauf, erblickt man farbig-flächige Strukturen. Scheinbar Unsichtbares wird sichtbar.

Karsten Kraft, 1968 in Frankfurt am Main geboren, studierte an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule – bei Professor Hermann Nitsch und wurde Meisterschüler im Fach Interdisziplinäre Künstlerische Arbeit.

Nicole Ahland, Zwischengängerin, 2003, 2-teilig, C-Print, je 88 x 120 cm (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Wir kennen die mit analoger Technik arbeitende Künstlerin Nicole Ahland als eine Meisterin der fotografischen Bildsprache, in der sie oft das Sichtbare in das nur noch Erahnbare transformiert – in einer, könnte man sagen, ins Transzendente führenden Transparenz. Ihren Bildern von malerischer Anmutung eignet stets etwas Spirituelles, das uns in eine andere Dimensionen des Sehens und Erkennens zu führen vermag.

Nicole Ahland, 1970 in Trier geboren, studierte Freie Kunst an der Akademie für Bildende Künste der Universität Mainz. Sie lebt und arbeitet in Wiesbaden.

Weiter sind in der Ausstellung im Frankfurter KunstBlock, die man keinesfalls versäumen sollte, die Künstler

Evgen Bavcar
Martin Brüger
Markus Frohnhöfer
Jochem Hendricks und
Willes Meinhardt

vertreten.

“Die Ausstellung versammelt ausgewählte Arbeiten von Künstlern, die sich … mit dem Sichtbarmachen von Unsichtbarem auseindergesetzt haben”, schreiben Florian Koch und Klaus Schneider. “In der Summe geht es also um die Absenz des Sehens im visuellen Objekt. Die Ausstellung nähert sich diesem Thema aus verschiedenen Perspektiven und in unterschiedlichen künstlerischen Medien an.”

Frankfurter KunstBlock, Bellavista-Film, noch bis zum 20. November 2010

Begleitet wird die Ausstellung von einer 90minütigen Spezial-Tour durch einen musealen Erlebnisraum “Dialog im Dunkeln” im benachbarten DialogMuseum.

(Abbildungen © jeweilige Künstlerinnen und Künstler)

“Citywatch Office” – Ein Projekt von Sandip Shah im ATELIERFRANKFURT

Mittwoch, 24. November 2010

Vorsicht Künstler!

“Wegen Beteiligung an ausnahmslos guter Herstellung von gegenwartsnaher bildender Kunst werden steckbrieflich gesucht …

Mara Monetti / Andreas Rohrbach / Natalie Goller / Jörg Simon / Lionel Röhrscheid / Corinna Mayer / Edwin Schäfer / Sandip Shah / Raul Gschrey / Helge Steinmann / Anette Babl / Mirek Macke / Christoph Loew / Ralf Schmitt / Herbert Warmuth / Thomas Erdelmeier …”

“Für Hinweise, die zur Ergreifung der Gesuchten führen, sind … zur Belohnung ausgesetzt …”

so heisst es weiter in einer “schärferen” Variante des Steckbrief-Plakats.

(Abbildung © Sandip Shah)

Die zeitgleich mit der Jubiläumsausstellung zum Artist in Residence-Programm  “Frankfurt in … / … in Frankfurt” am 19. November eröffnete und ebenfalls bis zum 16. Dezember 2010 laufende Ausstellungs-Aktion “CWO – Citywatch Office”, kuratiert von dem Frankfurter Künstler Sandip Shah, ist im ATELIERFRANKFURT, Pförtnerloge II (in der Einfahrt zum Hof) zu sehen.

Sandip Shah hat die ehemalige Pförtnerloge II des Gebäudes zu einem zusätzlichen Ausstellungsraum ausgestaltet, jede bzw. jeder der steckbrieflich gesuchten Künstlerinnen bzw. Künstler ist dort mit einer Arbeit vertreten, videoüberwacht, versteht sich. Auch Sie, Besucherinnen und Besucher der Ausstellung, müssen damit rechnen, als verdächtige Kunstrezipient-Person gefilmt, gescannt und ungepixelt datengespeichert zu werden. Die Kamera rechts oben unter der Decke des Raumes kennt kein Pardon und lässt niemanden aus. Und wenn Sie Pech haben, wird Ihr Besucher-Konterfei sofort auf dem Monitor in der Pförtnerloge abgebildet. Ein in der Hofeinfahrt sich an die Wand drückender verdeckter Ermittler mit hochgestelltem Trenchcoatkragen und tief in das Gesicht gezogenem Schlapphut wird unweigerlich seine Schlussfolgerungen aus Ihrem unerwünschten Besuch ziehen.

FeuilletonFrankfurt rät: Auf alle Fälle trotzdem hingehen!

(Fotos, soweit nicht anders angegeben: FeuilletonFrankfurt)

“Das Wesen im Ding” im Frankfurter Kunstverein (1): Nina Canell

Mittwoch, 17. März 2010

Dunkel ist es in diesem Raum des Frankfurter Kunstvereins. Aber es ist nicht die Faust’sche Hexenküche, und es geht auch nicht ganz so knallend und zischend zu wie im Giessener Liebig-Museum, wenn der legendäre Professor Wolfgang Laqua dort vor staunendem Publikum seine chemischen Experimente zum Besten gibt. Aber es begegnet uns schon etwas Geheimnisvolles, es faucht und blubbert leise schäumend aus der Schüssel, und klackernde Töne, wie wir sie von einem Geigerzähler her kennen, verbreiten sich im Raum.

“Das Wesen im Ding” ist die neue Ausstellung im Frankfurter Kunstverein betitelt. Sieben künstlerische Postionen werden dazu präsentiert. Es geht darum, wie Künstler die Natur- und Dingwelt durch deren Repräsentation und Imitation ergründen, um tiefere Erkenntnisse über das Wesen der Welt zu gewinnen. “Die Repräsentation der für wirklich gehaltenen Welt”, so der Frankfurter Kunstverein, “ist kaum noch ohne eine Reflexion der damit verbundenen Parameter möglich. Mit den unterschiedlichsten künstlerischen Strategien wie Serialität, Fragmentierung, Skalierung oder Auflösung entstehen nunmehr Abbildungen der Natur- und Dingwelt, die ihren Wirklichkeitsbezug in Frage stellen”.

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In “Morasko Circle” – einer ihrer sieben ausgestellten Arbeiten  – baut Nina Canell eine kleine Installation, die auf den ersten Blick – den wir jedoch alsbald korrigieren werden – wie eine einfache naturwissenschaftliche Versuchsanordnung erscheint. Das Wasser in der Schüssel wird von derem Grund her etwas aufgewirbelt, ihm entsteigt bisweilen ein nebeliger Dampf, ein Mikrofon verstärkt blubbernde Geräusche über eine technische Apparatur zu jenem erwähnten Prickeln und Geigerzähler-Klackern, das wir so unauslöschlich mit hörbar gemachter radioaktiver Strahlung verbinden. Rote und schwarze Kabel leiten elektrische Ströme, eine profane Lampe, in künstlerischer oder kuratierender Absicht verbal zur “Laterne” veredelt, beleuchtet die Szenerie.

Nur ein Baukastenspielchen? Was hat es mit dem “Morasko Circle” auf sich?

Vor etwa 5.000 Jahren soll es sich begeben haben: Ein Meteorit stürzte dort zur Erde, wo heute das polnische, inzwischen nach Posen eingemeindete  Dörfchen Morasko liegt, nach welchem der Ausserirdische – nach seiner Entdeckung Ende 1914 – seinen Namen erhielt. Die Geschwindigkeit des Himmelskörpers mag zwischen 11.000 und 18.000 kmh betragen haben, als er in einer grossen Druckwelle zerberstend und verdampfend einschlug. Es bildeten sich mehrere Krater, zum Teil bis heute mit Wasser gefüllt.

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Liegt hier der Schlüssel zu jenem Geheimnis, das uns umhüllt, wenn wir in der Dunkelheit die Installation immer wieder im Kreis umschreiten, der vom grellen Lichtbündel enthüllten Dampfentwicklung ansichtig, das Prickeln und Klackern der Strahlungen unerreichbar ferner Welten im Ohr, von denen uns der einst dem Asteroidengürtel entflohene Meteorit kündet? Die banalen, armen Materialien, die Nina Canell zu ihrer skulpturalen Erzählung komponiert, gewinnen eine neue ästhetische, ja poetische Dimension. Unsichtbare Energien werden in Luft, Dampf und Licht, im Klang des seine Aggregatzustände wechsenden Wassers erahnbar. So wie der ganze kosmische Kreislauf. Das Universum.

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Abbildungen: “Morasko Circle”, 2007, Plastikschüssel, Nebelmaschine, Wasser, Acryl, Schlingenhalterung, Mikrofon, Laterne, PA-System; Ausmasse variabel; Courtesy Sammlung Christian Schwarm, Stuttgart; Fotos: FeuilletonFrankfurt

Nina Canell, 1979 im schwedischen Växjö geboren, studierte am Institute of Art, Design and Technologie in Dun Laoghaire, Irland, mit dem Abschluss Bachelor of Fine Art (1st Class Honours). Seit 2005 stellte sie in einer Vielzahl von Gruppen- und Einzelausstellungen ihre Arbeiten vor, unter anderem in Aachen, Antwerpen, Berlin, Dublin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Gwangju (Korea), Hamburg, Köln, London, Neapel und New York. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin und in Dublin.