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Archive for the 'Bildende Künste: Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Objektkunst' Category

“ANALOG”: Fotografien von Petra Schaffer im Nebbienschen Gartenhaus

Donnerstag, 29. Oktober 2009

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© Petra Schaffer, Wasserfall, Miami

In Zeiten einer in manchem bereits inflationär anmutenden Zahl an Ausstellungen aktueller fotografischer Arbeiten kann Petra Schaffers fotografisches Werk durchaus eine hervorgehobene Position beanspruchen. Dessen künstlerische Qualität ist nicht zuletzt auch der Tatsache geschuldet, dass Petra Schaffer vor ihrem Magisterstudium an der Universität München in vierter Familiengeneration das Handwerk und die Kunst der Fotografie an der renommierten damaligen “Bayerischen Staatslehranstalt für Photografie” (heute in die Fachhochschule München integriert) erlernte. Wegweisende Impulse für ihr künftiges schöpferisches Arbeiten erhielt sie ferner während ihrer Assistenz bei der bedeutenden, 1989 verstorbenen Regina Relang, der in den 1950er- und 1960er-Jahren führenden deutschen Modefotografin.

Petra Schaffer (Porträt in FeuilletonFrankfurt) verschrieb sich bereits zu einer Zeit ausschliesslich der analogen Fotografie, bevor manche von den Möglichkeiten der Digitalisierung enttäuschten Fotokünstler wieder zur analogen Technik zurückkehrten. “Analog” – so auch der Titel ihrer neuen Ausstellung – bedeutet für Schaffer den Verzicht nicht nur auf den Einsatz eines Stativs oder anderer Hilfsmittel während einer Aufnahme, sondern auch auf spätere Ausschnittkorrekturen und jedwede technische Nachbehandlung ihrer Arbeiten im Labor. Diese sind deshalb von einer einzigartigen künstlerisch-fotografischen Authentizität.

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© Petra Schaffer, Lichteinfall auf Kirchensäule

Mag die Auswahl der im fotografischen Bild festgehaltenen Sujets oft überraschen, ja eine gewisse Spontaneität vermuten lassen, so sind die Fotografien doch sorgfältig komponiert. Mit der bildgestaltenden Wahl von Brennweite, Blendeneinstellung und Verschlusszeit sowie dem freihändigen Verziehen der Kamera gegenüber feststehenden oder bewegten Objekten führt die Künstlerin den Betrachter ihrer Arbeiten in eine gleichsam neue Welt ungewohnter Einblicke und Wahrnehmungen des im unreflektierten Vorübergehen meist als unspektakulär und alltäglich Empfundenen. In Dialog und Auseinandersetzung mit das Vertraute verlassenden, neuen Perspektiven gelangt jener zu selbstkritischer Prüfung eingeübter Sehweisen.

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© Petra Schaffer, Abenddämmerung Museum Budapest

Schaffers Arbeiten, die in ihrer farblichen Komposition – wie in unseren aktuellen Beispielen ersichtlich – vielfach einen malerischen Charakter haben, ermöglichen dem Betrachter eine Fülle von Assoziationen. Bei aller formalen Strenge wie auch Ästhetik können sie ihm den Blick auf das hinter mancher äusserer Erscheinungsform verborgene Wesentliche öffnen.

Die 1961 in Regensburg geborene Fotografin stellt seit 2005 ihre Arbeiten regelmässig aus, so über Frankfurt am Main hinaus in München, Schwandorf und Seeshaupt, im benachbarten Ausland in Küssnacht, Amsterdam und Den Haag. Zuletzt waren sie im Sommer dieses Jahres in einer vielbeachteten Ausstellung während des Rheingau Musik Festivals in Kloster Eberbach zu sehen.

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© Petra Schaffer, Highway-Fahrt, Houston

Am Freitag, den 30. Oktober 2009, 18 Uhr, spricht Petra Schaffer im Nebbienschen Gartenhaus des Frankfurter Künstlerclubs im traditionellen Künstlergespräch über ihre Arbeiten. Es verspricht, ein interessanter Abend zu werden.

Die Ausstellung im Nebbiensches Gartenhaus, Bockenheimer Anlage (gegenüber dem Hilton-Hotel) – ein “Muss” für alle Freunde der künstlerischen Fotografie – ist bis 15. November 2009, Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, geöffnet.

“Atelier Max Weinberg – Spielraum der Phantasie”

Montag, 9. Juni 2008

Jubiläumsausstellung zum 80. Geburtstag des Künstlers

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Im Hof der Frankfurter AusstellungsHalle 1A begrüsst uns Max Weinbergs fünfeinhalb Meter hohe Skulptur Überirdische Frau. “Als mythisches Sinnbild”, schreibt Brigitta Amalia Gonser, “aufgehängt in der Schwebe, steuert sie ihren Energieaustausch mit der Umwelt selbst – wuchtig und ebenso verletztbar, voller Power und dennoch frei von brutaler Gewalt”. Es könnte ein Motto sein für die Ausstellung insgesamt.

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Im Zusammenwirken zwischen der Stadt Frankfurt am Main, der Jüdischen Gemeinde Frankfurts, der AusstellungsHalle 1A und einer Reihe namhafter Sponsoren entstand eine dreimonatige Ausstellung zum 80. Geburtstag des Künstlers, der seit fast 50 Jahren hier lebt und arbeitet – und der aus der vergangenen wie aktuellen Kunstszene dieser Stadt einfach nicht mehr wegzudenken ist. Es ist eine Ausstellung der besonderen Art: Max Weinberg hat nämlich für diesen Zeitraum gleichsam sein Atelier in die Halle verlegt, mit allem malerischen Handwerkszeug, das er für seine Arbeit benötigt – und natürlich samt seiner viertel-, halb- oder dreiviertel fertigen – oder unfertigen – Bilder. Er wird dort also arbeiten, täglich zwischen 16 und 21 Uhr – und das Publikum kann ihm dabei zuschauen, Überlegungen und Vorschläge einbringen und natürlich die Werke erwerben. “Atelier Max Weinberg – Spielraum der Phantasie” – so lautet denn auch folgerichtig der Titel der Ausstellung.

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Wir zeichneten bereits, im zeitlichen Vorfeld seines 80. Geburtstags, ein Porträt “Die Welt ist Pink! Max (Moshe) Weinberg führt uns in sein Zauberreich” dieses immer wieder neu faszinierenden Künstlers, es sei an dieser Stelle, auch zum Nachlesen, in Erinnerung gerufen.

Am vergangenen Mittwoch eröffnete die Stadt mit Ansprachen von Susanne Kujer, Referentin für Bildende Kunst im städtischen Kulturamt, Johannes Wachten, stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, und Robert Bock, Leiter und Kurator der AusstellungsHalle, das erstaunliche Ereignis.

Wie stets dominieren ein leuchtendes Pink, Giftgrün und Hellblau die Palette. Max Weinberg über seine Arbeiten: “Das ist für mich die Rolle des Künstlers: den Flügeln des Geistes Impulse zu geben. Meine Malerei ist eine Botschaft von Erwachsenen an Erwachsene – von meiner kindlichen Fantasie zu ihrer. Ich berufe mich in meinen Arbeiten auf die spielerische Vorgehensweise der Kinder bei der Erkundung ihres Lebensumfelds. Für mich sind alle Kinder Künstler.Wenn ich male, bin ich wie sie auf Entdeckungsreise: Nie weiss ich bestimmt, wo es langgehen wird, sondern ich lasse mich durch das Werden des Bildes selbst, wie in einem Rausch, in das mir Unbekannte hineinziehen.”

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Zur Ausstellung erschien ein wundervoller, 335 Seiten starker Katalog, herausgegeben von Caspar Knieper, Edition Temmen, zum Preis von 30 Euro.

Die Ausstellung “Atelier Max Weinberg – Spielraum der Phantasie” bleibt in Anwesenheit des Künstlers täglich zwischen 16 und 21 Uhr bis zum 31. August 2008 geöffnet.

AusstellungsHalle 1A, Schulstraße 1a, 60594 Frankfurt am Main

(Bildnachweis: AusstellungsHalle 1A; © Max Weinberg)

“© MURAKAMI” im Frankfurter MMK (Teil 1)

Montag, 29. September 2008

Zum Abschied die One Man-Show und ein Paukenschlag

So war es nicht gedacht. Wie Udo Kittelmann, der scheidende Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, erläuterte, sei noch einiges in Planung gewesen für die Jahre seiner zweiten Amtszeit in Frankfurt am Main. Es kam jedoch anders. Zwei Spitzenpositionen in der deutschen Museumslandschaft waren zu besetzen, die Generaldirektion der Staatlichen Museen zu Berlin sowie die Direktion der Alten und Neuen Nationalgalerie, und die Wahl fiel auf zwei Spitzenmänner der deutschen Museumsszene, Michael Eissenhauer, bislang Direktor der weit und breit einzigartigen “Museumslandschaft Hessen Kassel”, und eben Udo Kittelmann.

So gerät die One Man-Show “© MURAKAMI” unversehens zur One Man-Show Kittelmann, einer grandiosen Abschiedsvorstellung. Seine viele Hundertschaften zählende Kunstgemeinde pilgerte am vergangenen Freitag zur Eröffnungsfeier, die zugleich ein Abschied war – mit ovationsartigem Beifall für den Scheidenden. Und wir können uns – leider – sehr sicher sein, dass das MMK eine derartige Präsentation auf absehbare Zeit nicht wieder erleben wird.

Nun zum Ist und Heute: Umbenannt wurde das Haus bis zum 9. Januar 2009: “© MURAKAMI MUSEUM FÜR MODERNE KUNST” heisst es ab sofort, am Schriftzug an der Fassade von weitem zu erkennen. Kittelmann frozzelte: Eigentlich sei Takashi Murakami jetzt bis zum Ende der Ausstellung der Direktor des Hauses. Zum zweiten Mal seit seinem Bestehen – nach der grossen Sturtevant- Ausstellung “The Brutal Trouth” 2004/2005,  es erhielt dafür den “Art Award 2005″ des Beaux Arts Magazine “Beste Internationale Ausstellung” – widmete Kittelmann das gesamte Haus einem einzigen Künstler.

Leuchtend rot schallt es uns im Erdgeschoss entgegen: Geburt von “DOB” – O-vales Gesicht, zwei Ohren namens D und B, Karikatur und Persiflage der von US-Amerika aus die Welt überschwemmenden Mickey-Mouse-Kultur – aus dem Strahl des spermaschleudernden “My Lonesome Cowboy”? “Entstanden aus einer Simulation von Sprache und Comicbildern”, schreibt Mika Yoshitake, “verdankt sich Murakamis DOB-Produktion einer Auseinandersetzung mit der Entstehung eines Symbols als Gegenstand der Massenkommunikation und seiner Verbreitung als eigenständiges geschütztes Warenzeichen, das sich verwenden, wiederverwenden, kaufen und verkaufen lässt.”

Womit wir zum Paukenschlag gelangen: “© MURAKAMI” bereitete schon zum Beginn Ärger, mit rigiden Vorschriften etwa für die Presse: Bilder dürfen nur bis zu einer bestimmten Formatgrösse und nur mit den vorgegebenen Textunterschriften gedruckt werden. Die Folge: dpa stieg aus der Berichterstattung aus, und Julia Voss (“Der Trick des Murakami”, FAZ vom 27. September 2008) verzichtete auf den Abdruck von Bildern – zu spät freilich, denn Katharina Deschka-Hoeck hatte zuvor in der Freitags-Ausgabe (“Niedliche, traurige Monster”) bereits mit Bild berichtet. Die FAZ lasse sich nicht, schimpft Voss, in der journalistischen Freiheit einschränken und von Künstlern zu einer Art verlängerter Pressestelle reduzieren. Recht hat sie.

Takashi Murakami überspannt den Bogen. Er hat sein Werk nebst sich selbst zu einer kommerziellen Marke stilisiert, über deren Verwertungsart er alleine bestimmt. Kunst begreift er als einen Teil der Wirtschaft. Mit seiner Firma Kaikai Kiki Co., Ltd. entfaltet er ein riesiges Geschäftsfeld in der massenhaften Herstellung von Merchandising-Artikeln, und er schreckt nicht vor Kooporationen im Bereich des Corporate Design zurück, beispielsweise mit der Firma Louis Vuitton.

Kittelmann sieht ihn, trotz aller Unterschiede im einzelnen, in einer Reihe mit Damien Hirst oder Jeff Koons, und er prophezeit den Sieg derartiger Kunst-Vermarktungsmodelle über den tradionellen Kunstbetrieb. Wir sind nicht überzeugt von solchen Entwicklungen und werden darauf an anderer Stelle näher eingehen.

Unbeschadet dieser Kritik zurück zur Ausstellung: Sie ist in jeder Weise gewaltig, und in der Tat rechtfertigt sie den mit einem immensen Aufwand verbundenen Schritt, ihr das gesamte Museum zur Verfügung zu stellen. Drei Wochen nahmen die notwendigen Räumungs- und Umbaumassnahmen in Anspruch. Es ist immerhin die erste museumsgebundene Einzelausstellung des Künstlers in Europa. Vom legendären Museum of Contemporary Art MOCA in Los Angeles organisiert und kuratiert, nahm beziehungsweise wird sie ihren Weg über das Brooklyn Museum, New York und derzeit das MMK (Kurator: Mario Kramer) im nächsten Jahr zum Guggenheim Museum Bilbao nehmen. Der Künstler sowie MOCA-Chefkurator Paul Schimmel reisten eigens nach Frankfurt am Main an, um der Eröffnung im MMK beizuwohnen.

Takashi Murakami, 1962 in Tokio geboren,  studierte an der National University of Fine Arts and Music in Tokio. Er schloss sein Studium mit dem Bachelor und Master sowie einer Promotion ab. Heute lebt und arbeitet er in Tokio und in Long Island City, New York.

Wir werden uns mit der Ausstellung, deren Beschreibung und Beurteilung neben einem nicht nur flüchtigen Blick in den 328-seitigen textstarken Katalog auch ein Studium der Exponate voraussetzt, noch im einzelnen auseinandersetzen (Teil 2).



“© MURAKAMI” im Frankfurter MMK (Teil 2)

Freitag, 3. Oktober 2008

Von Atompilzen und “Superflat”, Kaikai und Kiki

Die Ausstellung “© MURAKAMI” im Frankfurter Museum für Moderne Kunst führt uns in eine uns unvertraute Welt, wir müssten einen nicht ganz unbeträchtlichen Teil unserer verbleibenden Lebenszeit für entsprechende Studien aufwenden, um all die Mangas und Animes, die Wesenheiten und Chiffren enträtseln zu können, mit denen uns der Künstler konfrontiert. Das wollen und müssen wir der Kunstwissenschaft und der Japanologie überlassen.

Nähern wir uns unbefangener der Person Takashi Murakami: “Takashi, du hast grosses Glück. Wenn es über Kokura keine Wolken gegeben hätte, wärest du heute nicht hier.” Dies sagte Takashis Mutter zu ihrem Sohn. Wir zitieren aus Paul Schimmels Katalogbeitrag “Die Entstehung Murakamis”. Über Kokura sollte am Vormittag des 9. August 1945 die amerikanische Atombombe “Fat Man” explodieren. Der Himmel dort aber war bewölkt, und zwar von den Folgen der Detonation der ersten Atombombe “Little Boy” drei Tage zuvor, am 6. August, über Hiroshima. Der US-Bomber suchte sich ein neues Ziel: Nagasaki. Kokura blieb verschont. Dort wohnte Takashis Mutter.

Manchmal erklären sich gewisse Dinge eben recht einfach. Immer wieder begegnen wir in der MMK-Ausstellung dem in den verschiedensten Gestaltungen erscheinenden Atompilz. Dem auf einem Halswirbelskelett balancierenden Totenschädel mit dem Phosphorleuchten in den leeren Augenhöhlen. Missgebildeten Figuren, deren fehlende Knochen, Gelenke und Gliedmassen durch maschinelle Mechaniken ersetzt wurden wie den Inochis.

Wir begegnen auch den weissen Wolken am blauen Himmel über einem Meer lachender Blumen – erinnern sie an die Wolken, die einst die Stadt Kokura vor dem Atomblitz bewahrten und Nakasaki das Verderben brachten? Es ist ein sich zigtausendfach wiederholendes Lachen, es verdichtet sich zu einem fast unerträglichen gleichmachenden Grinsen. Jedoch nicht alle Blumen lachen.

Und spätestens wenn wir vor dem neun (!) Meter breiten und drei Meter hohen Bild “Kawaii! Vacances d’été” stehen, beginnen wir allmählich, einen der Schlüssel zu verstehen, die uns die Tür zu dieser Ausstellung öffnen können: Das hunderttausendfache Grinsen, die kinderbonbonkitschigen Farben, die Regression auf Mangas und Comics sind Gleichnisse eines japanischen Weges, erlittene Traumata zu kompensieren, zu verdrängen.

Die beiden Atombomben, der amerikanische Sieg und der nachfolgende Import US-amerikanischer Kultur, Subkultur und Konsumgewohnheiten haben dieses alte Kulturland, haben Japan, so will es uns der Künstler zeigen, “flach” gemacht. Flächendeckend flach wie die riesigen vom ihm gestalteten Tapetenwände der Ausstellung. “In der Nachkriegszeit wurde Japan”, schreibt Murakami, “von Amerika am Leben erhalten und ernährt. Man zeigte uns, dass die wahre Bedeutung des Lebens in der Bedeutungslosigkeit liegt, und man brachte uns bei, ein gedankenloses Leben zu führen. Unsere Gesellschaft und unsere Hierarchien wurden aufgelöst. Man zwang uns ein Gesellschaftssystem auf, in dem keine ‘Erwachsenen’ mehr entstehen.”

“Superflat” nennt sich seine künstlerische Position, mit der er auf die japanische Gegenwarts(sub)kultur Otaku reagiert, die wiederum auf dem Konsum von Manga und Anime, Science Fiction, Pop-Kultur und einer spezifischen Pornografie beruht. Seine Interpretation versucht dabei, die alte japanische Hochkultur der Edo-Zeit (von Anfang des 17. bis zur späten Mitte des 19. Jahrhunderts) mit der Massenkultur zu verbinden. Es bereitet, wie eingangs angedeutet, einige Anstrengungen, sich in dieser künstlerisch-künstlichen Welt zurechtzufinden. Die Sinnlichkeit der Kunst Murakamis “versüsst” uns aber durchaus unsere Mühen.

Von DOB, der Kultfigur, einem alter ego des Künstlers, war schon im ersten Teil unserer Betrachtungen die Rede. Oben begegnet sie uns kindlich-naiv, umringt von aggressiven feindlichen (Atom)Pilzen – lassen wir uns in der fröhlich erscheinenden Farbigkeit nicht täuschen! DOB, “der asiatische Cousin von Mickey Mouse”, zerstört “die DNS des urheberrechtlich geschützten Nagers der Disney Corporation und die ihn entscheidend kodierende Vorspiegelung ewiger Unschuld. Er gibt dessen Immunität gegen Fremdinfektionen preis und setzt ihn dem universell entstellenden Fallout der Detonationen von Little Boy und Fat Man aus”, stellt Dick Hebdige im Katalog fest.

Zu DOB gesellen sich Kaikai und Kiki, ebenfalls als alter ego, als spirituelle Leitfiguren des Künstlers. Sie verkörpern die Prinzipien Gut (Kaikai, eine Art sanftmütiger Teletubbi) und Böse (Kiki, arglistig-dreiäugig blickend mit zwei Haifischzähnen im aufgerissenen Mund).

In einem gewaltigen Panorama-Bild von mehr als sieben Metern Breite erscheint DOB als Gero Tan (“speiender Schleimjunge”), ein schreckliches Ungeheuer mit schwarzem, Flüssigkeiten und im Übermass Vertilgtes ausscheidendem Maul und furchteinflössenden Reisszähnen, aber dem Tode geweiht. Von Lust, Gewalt, Leiden, Sterben und Wiedergeburt handelt die apokalyptische Darstellung – mit vielerlei uns fremden, in der japanischen Tradition verwurzelten Chiffren und Verschlüsselungen versehene Allegorie der unersättlichen Konsumgier der Gesellschaft.


“basis”: Sommerausstellung 2010 in Frankfurt am Main

Sonntag, 22. August 2010

Von potentieller Dummheit war die Rede, als der Frankfurter Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth unlängst die Sommerausstellung 2010 von “basis”, des Vereins zur “Förderung kreativer Produktionsmöglichkeiten und Inhalte”, im Atelierhaus Gutleutstrasse eröffnete. Denn von Dummheit zeugte es, wenn eine weltoffene Stadt wie Frankfurt am Main nichts unternähme, um ihre Künstlerinnen und Künstler nicht nur zu fördern, sondern auch deren Arbeit in die Stadtgesellschaft hinein zu kommunizieren. So stellt das Kulturdezernat unter anderem 40 preiswerte Ateliers bereit. Darüber hinaus fördert es, wiederum unter anderem, den Verein “basis” mit seinen 45 Arbeits- und Produktionsräumen in der Elbe- sowie weiteren 75 entsprechenden Räumen in der Gutleutstrasse (nicht zu vergessen ferner die Unterstützung der 45 Ateliers von “atelierfrankfurt” in der Hohenstaufenstrasse). Neben den regelmässigen Sonderausstellungen dieser Ateliers legen deren jährliche, von den Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern vielbesuchte und geschätzte “Open Doors” ein beredtes Zeugnis ab von der in der Stadt reich versammelten künstlerischen Kreativität und Leistungsfähigkeit.

Zurück nun zur “basis”-Sommerausstellung 2010: “Feeding the World” lautet trefflich ihr Motto, und wahrlich: Kunst versteht sich – und wird unserem Eindruck nach mehr und mehr verstanden (gerade auch an einem Banken- und Dienstleistungsstandort wie Frankfurt am Main) – als ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel. An der aktuellen, sommerlich-künstlerischen “basis”-Nähr-Aktion beteiligen sich Isabel Albrecht, Verónica Aguilera, Valentin Beinroth, Johanna Bieligk, Nicolaj Dudek, Wiebke Grösch, Özlem Günyol, Florian Jenett, Stefanie Kettel, Sandra Kranich, Astrid Korntheuer, Levent Kunt, Mustafa Kunt, Frank Metzger, Nashun Nashunbatu, Stefanie Pretnar, Katharina Schücke und Oliver Voss. Erstmals wird eine derartige Ausstellung in einem der basis-Häuser kuratiert: von dem in Berlin lebenden freien Autor und Kurator Ludwig Seyfarth.

Wieder einmal haben wir die Qual der Wahl: Die Arbeiten von neun Künstlerinnen und Künstlern stellen wir exemplarisch vor als einen Querschnitt durch die bis zum 12. September 2010 dauernde Ausstellung, die sich Kunsthungrige keinesfalls entgehen lassen sollten. Lassen Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, im besten Sinne mit Kunst “füttern”.

Astrid Korntheuer,1979 in Schwelm geboren, studierte von 1999 bis 2005 an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach bei den Professoren rosalie, Heiner Blum und Frank Schumacher. Sie arrangiert für ihre fantastischen fotografischen Arbeiten die verschiedensten Materialien, die sich bei nachhaltiger Betrachtung als ein behutsam wie sorgfältig entwickeltes kompositorisches Ganzes erweisen. Verblüffend die räumliche Tiefenwirkung, gleichsam “Dreidimensionalität” ihrer Fotografien der Serie “Nature morte”. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Offenbach.

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Astrid Korntheuer, “Nature Morte 113″, 2009, Injektprint Aludibond, 115 x 142,5 x 5 cm (im oberen Teil leider mit einem störenden Lichtreflex)

Der 1975 in Würzburg geborene Florian Jenett kam nach dem Besuch der Stuttgarter Freien Kunstschule P.Art an die Offenbacher HfG, an der er bis 2007 bei den Professoren Heiner Blum und David Linderman studierte.

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Florian Jenett, “1 t ct”, 2009, 4347,82 Euro in Centstücken, FIBC BigBag-Sack, 2 Euro Pool-Paletten, 80 x 80 x 110 cm

Sinnlich wie aberwitzig der mit einer Tonne “Kupfer”-Eurocents gefüllte über einen Meter hohe Bauschutt-Sack, dem angesichts des enormen Gewichts lediglich der Gegenwert von gut 4300 Euro entspricht – groteskes Sinnbild einer aus den Fugen geratenen, dazu stets von geldentwertender Inflation wie Deflation bedrohten Finanzwelt. Grotesk auch eine weitere Arbeit des Künstlers: Auf dem Rücken liegende Uralt-Monitore bespielt er mit live in Internet-Nachrichtenportalen (sic!) verbreiteten Werbebannern: Zerrbild – oder schlimmer gar Abbild – einer sogenannten, noch dazu globalisierten “Informations”-Gesellschaft.

L1006033-650 Florian Jenett, “Phishing At The River Of News, 2009, 20 Computermonitore, sechs Video-Splitter, Mac Mini, Masse variabel

Auch Nicolaj Dudek studierte, nach zunächst einem Diplom-Studium der Geologie an der Universität Frankfurt am Main, an der HfG in Offenbach, an der er 2000 das Diplom im Bereich Zeichnen ablegte. Einen zeichnerischen Seismographen seiner visuellen Umwelt könnte man den Künstler nennen. Seine “Reisenden” lässt Dudek in fantasievollen, traumhaft imaginierten Welten erscheinen und wieder verschwinden – Zeitreisen im steten Werden und Vergehen.

L1006055-650 Nicolaj Dudek, Reisender (Travellor) I, 2010, Tusche auf Papier, 261 x 198 cm

Valentin Beinroth, 1974 in Stuttgart geboren, ist ebenfalls Absolvent der Offenbacher HfG, an der er von 2000 bis 2008 bei Professor Heiner Blum studierte. Der Künstler, ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten einer Vermessung – will sagen Aneignung – der Welt, rekurriert aktuell auf einen Referenzwürfel der NASA von einem Zentimeter Kantenlänge zur Fotografie von Meteoriten. Beinroth vergrössert dieses Mass auf die mesopotamische sogenannte Nippur-Elle von 51,8 cm Länge, den ältesten überlieferten, auf die Zeit um 2800 v. Chr. datierten Messgegenstand, der seinerseits auf eine bereits um 3500 v. Chr. bekannte Masseinheit zurückgeht.

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Valentin Beinroth, “ScaleCube”, 2010, Holz, Farbe, Aluminiumpigment, Seitenlänge je 51,8 cm

Erneut zu einer grossartige Arbeit hat sich das Künstlerduo Özlem Günyol und Mustafa Kunt gefunden: Sie zeichneten auf die Stirnwand des grossen Ausstellungsraumes im Erdgeschoss, zu einem zweieinhalb Meter messenden Rund verdichtet, die Umrisse sämtlicher Länder dieser Erde übereinander. Günyol und M. Kunt, 1977 und 1978 in Ankara geboren, studierten an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule – in Frankfurt am Main bei den Professoren Ayse Erkmen beziehungsweise Wolfgang Tillmans und Willem de Rooij; sie leben und arbeiten in Frankfurt am Main. Sah man je eine überzeugendere visuelle Übersetzung dieser “einen Welt”?

L1006050-650 Özlem Günyol, Mustafa Kunt, “Caseless Doodle”, 2009, Wandzeichnung mit Pigmenttinte, Durchmesser 256 cm

Bleiben wir weiter bei den Städelschülern und Städelschülerinnen: Katharina Schücke, 1982 in Dresden geboren, studiert seit 2001 bei Professor Tobias Rehberger. In ihrer aktuell gezeigten Arbeit setzt sie sich mit dem Offenen und Geschlossenen auseinander: Verfremdete Saloon-Schwingtüren im langen Flur des Erdgeschosses im “basis”-Haus stehen für beides. Und Schücke ist in radikaler Weise konsequent: Bis zum Ende der Ausstellung steht dort die ausgehängte Tür zu ihrem Atelier – samt dem unter der Klinke baumelnden Schlüsselbund.

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Katharina Schücke, “The Crazy Barbarian Couple II Part I” (links), 2010, Silbergelatine auf Holz, Sprühfarbe, Pendelscharniere, PUR Leim, Dachlatten, Tischlerplatte, 120 x 60 x 4 und 120 x 100 x 4 cm; “The Crazy Barbarian Couple II Part II” (rechts), 2010, Ateliertür, Sprühfarbe, Kleiderhaken, Schlüsselbund, 195 x 90 x 3 cm

Eine Städel-Schülerin auch Stefanie Kettel: 1981 in Adenau geboren, studierte sie an der Frankfurter Hochschule von 2001 bis 2007 bei den Professoren Hermann Nitsch und Simon Starling. Kettel lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Landschaften – das Gesicht der Erde. Darin Menschen, hier zwei Frauen in vermutlich heimatlichen Trachten, verträumt-versponnen. Ein mächtiges, kristallines Gebilde bricht herein – oder ist es nicht bereits ein konstituierender, künstlerisch formulierter Bestandteil unseres Seins?

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Stefanie Kettel, “Lass dich niemals täuschen, indem du daran zweifelst”, 2010, Öl und Lack auf Baumwolle, 130 x 170 cm

Weder HfG-ler noch Städelschüler war Levent Kunt – 1978 in Ankara geboren – , mit dem wir unseren Bilderbogen beschliessen: Er studierte Kunst an der Hacettepe Universität seiner Heimatstadt, später an der Universität Mainz und an der Akademie der Bildenden Künste Wien. Levent Kunt lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Im Kreis liegt alles beschlossen – zum Ring der Neonröhre gehören fünf feinste kleinformatige, gerahmte Zeichnungen, Studien, die einem mit einem Turnreifen von 1,80 Meter Durchmesser hantierenden Pariser Strassenkünstler nachgehen. In der Zusammenschau erschliesst sich die feinsinnige Arbeit.

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Levent Kunt, “Le Spectacle” part/1, 2009, Neonröhre, Durchmesser 180 cm

Kehren wir zurück zu der einleitenden Ansprache von Kulturdezernent Felix Semmelroth: Nein, die Frankfurter Stadtgesellschaft ist keineswegs dumm, sondern hungrig nach aktueller Kunst, und sie tut klug und gut daran, sich einen fütternden Kunstverein “basis” mit seinen beiden Atelierhäusern und regelmässigen Ausstellungen zu leisten.

Sommerausstellung 2010 im Atelierhaus “basis”: “Feeding the World”, bis 12. September 2010

(abgebildete Werke © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt