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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Bildende Künste: Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Objektkunst' Category

“Amt für Umbruchsbewältigung” in Frankfurt am Main

Samstag, 28. Januar 2012

Das “Amt für Umbruchsbewältigung” ist voll in Betrieb!

Öffnungs- und Sprechzeiten:

Samstag, 28. Januar, von 15 bis 19 Uhr und
Sonntag, 29. Januar, von 16 bis 19 Uhr.

Die Themenkreise:

DEMOKRATIE UND FREIHEIT

GLOBALE PHÄNOMENE

ÖKONOMIE UND GERECHTIGKEIT

Anmeldung möglichst eine Stunde vor Beginn der Sprechstunden im Frankfurter Kunstverein

(Foto: FeuilletonFrankfurt)

 

“ANALOG”: Fotografien von Petra Schaffer im Nebbienschen Gartenhaus

Donnerstag, 29. Oktober 2009

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© Petra Schaffer, Wasserfall, Miami

In Zeiten einer in manchem bereits inflationär anmutenden Zahl an Ausstellungen aktueller fotografischer Arbeiten kann Petra Schaffers fotografisches Werk durchaus eine hervorgehobene Position beanspruchen. Dessen künstlerische Qualität ist nicht zuletzt auch der Tatsache geschuldet, dass Petra Schaffer vor ihrem Magisterstudium an der Universität München in vierter Familiengeneration das Handwerk und die Kunst der Fotografie an der renommierten damaligen “Bayerischen Staatslehranstalt für Photografie” (heute in die Fachhochschule München integriert) erlernte. Wegweisende Impulse für ihr künftiges schöpferisches Arbeiten erhielt sie ferner während ihrer Assistenz bei der bedeutenden, 1989 verstorbenen Regina Relang, der in den 1950er- und 1960er-Jahren führenden deutschen Modefotografin.

Petra Schaffer (Porträt in FeuilletonFrankfurt) verschrieb sich bereits zu einer Zeit ausschliesslich der analogen Fotografie, bevor manche von den Möglichkeiten der Digitalisierung enttäuschten Fotokünstler wieder zur analogen Technik zurückkehrten. “Analog” – so auch der Titel ihrer neuen Ausstellung – bedeutet für Schaffer den Verzicht nicht nur auf den Einsatz eines Stativs oder anderer Hilfsmittel während einer Aufnahme, sondern auch auf spätere Ausschnittkorrekturen und jedwede technische Nachbehandlung ihrer Arbeiten im Labor. Diese sind deshalb von einer einzigartigen künstlerisch-fotografischen Authentizität.

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© Petra Schaffer, Lichteinfall auf Kirchensäule

Mag die Auswahl der im fotografischen Bild festgehaltenen Sujets oft überraschen, ja eine gewisse Spontaneität vermuten lassen, so sind die Fotografien doch sorgfältig komponiert. Mit der bildgestaltenden Wahl von Brennweite, Blendeneinstellung und Verschlusszeit sowie dem freihändigen Verziehen der Kamera gegenüber feststehenden oder bewegten Objekten führt die Künstlerin den Betrachter ihrer Arbeiten in eine gleichsam neue Welt ungewohnter Einblicke und Wahrnehmungen des im unreflektierten Vorübergehen meist als unspektakulär und alltäglich Empfundenen. In Dialog und Auseinandersetzung mit das Vertraute verlassenden, neuen Perspektiven gelangt jener zu selbstkritischer Prüfung eingeübter Sehweisen.

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© Petra Schaffer, Abenddämmerung Museum Budapest

Schaffers Arbeiten, die in ihrer farblichen Komposition – wie in unseren aktuellen Beispielen ersichtlich – vielfach einen malerischen Charakter haben, ermöglichen dem Betrachter eine Fülle von Assoziationen. Bei aller formalen Strenge wie auch Ästhetik können sie ihm den Blick auf das hinter mancher äusserer Erscheinungsform verborgene Wesentliche öffnen.

Die 1961 in Regensburg geborene Fotografin stellt seit 2005 ihre Arbeiten regelmässig aus, so über Frankfurt am Main hinaus in München, Schwandorf und Seeshaupt, im benachbarten Ausland in Küssnacht, Amsterdam und Den Haag. Zuletzt waren sie im Sommer dieses Jahres in einer vielbeachteten Ausstellung während des Rheingau Musik Festivals in Kloster Eberbach zu sehen.

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© Petra Schaffer, Highway-Fahrt, Houston

Am Freitag, den 30. Oktober 2009, 18 Uhr, spricht Petra Schaffer im Nebbienschen Gartenhaus des Frankfurter Künstlerclubs im traditionellen Künstlergespräch über ihre Arbeiten. Es verspricht, ein interessanter Abend zu werden.

Die Ausstellung im Nebbiensches Gartenhaus, Bockenheimer Anlage (gegenüber dem Hilton-Hotel) – ein “Muss” für alle Freunde der künstlerischen Fotografie – ist bis 15. November 2009, Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, geöffnet.

“Arte Essenziale” im Frankfurter Kunstverein

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Gemeinschaftsausstellung mit der italienischen Collezione Maramotti

Über die Weihnachtstage waren wir zu Gast im Städel Museum, bei den Alten Meistern, genauer gesagt bei drei Madonnendarstellungen. Nun naht das “Neue Jahr”, und nicht nur deshalb begeben wir uns zu “neuer Kunst”, genauer gesagt zu zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, deren Arbeiten der Frankfurter Kunstverein unter dem Titel “Arte Essenziale” präsentiert – noch bis einschliesslich 1. Januar 2012. Es sind also nur noch ein paar Tage Zeit, genug jedoch, diese überaus sehenswerte – wenn auch etwas anstrengende – Ausstellung zu besuchen.

Arte essenziale – essenzielle, also grundlegende, wesentliche, unabdingbare Kunst? Was ist das?

Zunächst einmal gilt es, betont Holger Kube Ventura, Direktor des Kunstvereins, sehr genau hinzusehen auf das, was vor uns liegt, also das Material zu erforschen und zu definieren, um als Betrachter die Materialität der Objekte als Kunstwerke in ihrem räumlichen und zeitlichen Kontext zu erfassen, zu verstehen und auch zu hinterfragen. Federico Ferrari, Professor für Philosophie der Kunst an der renommierten Mailänder Accademia di belle Arti di Brera und Kurator der gemeinsam mit der Collezione Maramotti realisierten Ausstellung, auf den der Begriff Arte essenziale zurückgeht, sucht nach dem “Ursprung künstlerischer Praxis unter besondere Berücksichtigung des Wesens der künstlerischen Geste”. Er misst dabei dem künstlerischen Ausgangsmaterial eine entscheidende Bedeutung zu. Alltägliche, banale Materialien (wir denken an die Arte povera) können dabei zu “symbolisch aufgeladenen” Materialien wie zum Beispiel Marmor oder Bronze in Beziehung treten und einen neuen Sinnzusammenhang erschliessen.

Karla Black, “Nature Does The Easiest Thing”, 2011, Ausstellungsansichten

Gleich im offenen Treppenhaus empfängt uns eine an der Decke befestigte, über elf Meter an Länge messende Arbeit der 1972 in Alexandria (Schottland) geborenen Karla Black, die in Glasgow lebt und arbeitet. Kleine quadratische Folien aus Polyethylen, mit zart pastellfarbenem Kreidestaub bedeckt, hat sie aneinander geknüpft. Die hauchdünnen Materialien sind in ununterbrochener Bewegung, allein schon die normale Thermik in dem Treppenhaus lässt sie niemals zur Ruhe kommen. Der Kreidestaub auf den knitternden und sich kräuselnden Folien bringt zarte, zerbrechliche Strukturen zum Vorschein, die sich von Sekunde zu Sekunde verändern. Der von der halbkreisförmigen Treppe über die Etagen gebildete Raum gewinnt eine neue Dimension und eine neue Ästhetik.

Francesco Gennari, “Degeneration of Parsifal (Nativity)”, 2005-2010, Ausstellungsansichten

Eine wunderbare Kreation des 1973 in Pesaro geborenen Francesco Gennari, der dortselbst sowie in Mailand lebt und arbeitet: Ein Quader aus Mehl, mit 80 kg dem Körpergewicht des Künstlers entsprechend, wurde zunächst durch vier spiegelblanke Stahlplatten und Schraubzwingen zusammengepresst und -gehalten, die sodann gelöst wurden und nunmehr auf dem Boden liegen. Der Würfel aus der instabilen Masse Mehl erodiert an den Rändern und bildet tiefe Risse, die abgespalteten Teile “stürzen” herab wie etwa (dieser Tage geschehen mit einem zu beklagenden Todesopfer) Kreidefelsen auf Rügen. Eine die eigene Person und Existenz als Künstler reflektierende Arbeit, eine Metapher für Eingesperrtsein in überwiegend behüteter Bürgerlichkeit und einer – der Schutzlosigkeit ausgesetzten – künstlerischen Freiheit.

Karla Black, “Persuader Face”, 2011, (im Hintergrund “What To Ask Of Others”, 2011), Ausstellungsansicht

Karla Black, “What To Ask Of Others”, 2011

Und noch einmal Karla Black: Wunderbar auch zwei weitere ihrer Arbeiten , die in einem räumlichen Zusammenhang präsentiert werden. Auf dem Boden breitet die Künstlerin einen “Teppich” aus, er soll aus Make up-Puder in einem warmen, zarten Rosa bestehen (nach anderer Ausführung aus gefärbtem Gipspulver). Der Belag franst an den Rändern aus, bedeckt zunächst kaum wahrnehmbare, bei längerem Hinsehen aber immer deutlicher erkennbar werdende Strukturen. Wir denken an die Blütenstaub-Arbeit von Wolfgang Laib seinerzeit im MMK. Man bückt sich nieder, ist versucht, den “Teppich” mit den Fingern zu berühren, zu erkunden.

Ähnlich die Wandarbeit aus einer hauchdünnen, mit Kreidestaub bedeckten Folie, wiederum aus Polyethylen, einem trotz seiner Zartheit als widerstandsfähig und belastbar bekanntem Material. Assoziationen stellen sich ein: an Brautkleider, Schleier über Kinderwiegen, festlich dekorierte Tafeln und Räume. Auch diese Folie ist, der Luftzirkulation im Saal geschuldet, in ständiger Bewegung, reagiert sofort auf die einen Luftzug erzeugende Annäherung des Betrachters, weicht ihm aus oder kommt ihm entgegen. Jede Erscheinungsform in einer Millisekunde ist vergänglich, kehrt nie mehr wieder.

Gianni Caravaggio, “Shortly Before the Solar System”, 2008

Der studierte Bildhauer und Philosoph Gianni Caravaggio, 1968 im Dörfchen Rocca San Giovanni in den Abruzzen geboren, lebt und Arbeitet in Mailand und Stuttgart. Auf dem Boden ein an einen noch nicht gerundeten, mit Kratern übersäten Himmelskörper erinnerndes, etwa eineinhalb Meter hohes kugelähnliches Objekt aus Styropor, bei dem optische Massigkeit und physikalische Leichtigkeit des Materials in einem offenen Widerspruch stehen, darauf eine kleine Skulptur aus neun Kugeln unterschiedlicher Grösse und Materialität wie Bronze, Zink, Aluminium oder auch Soja. Dieses in sich schon fragile Gebilde – es könnte auf die nach älterer Definition neun Planeten des Sonnensystems anspielen – lagert unbefestigt in einer der kraterförmigen Vertiefungen des bodenstehenden Objekts. Instabilität, Zufälle auch im Universum? Oder ein spielender Creator, Demiurg?

Thea Djordjadze, “I trust the liar. With pleasure, tea”, 2011, Ausstellungsansichten

Thea Djordjadze, eine 1971 in Tiflis geborene Installations- und Objektkünstlerin, lebt und arbeitet in Berlin. Sie konstruiert einen häusliche Situationen zitierenden Raum aus den harten Materialien Stahl, Glas und Spiegeln, den sie mit wohnlichen, gleichsam “warmen” Objekten wie Teppichen und Decken oder auch gefässartigen Gebilden aus Keramik oder Ton ausstattet. Die Jalousie des Fensters ist heruntergelassen. Der Raum verharrt in einem “unfertigen” Zustand – wird hier etwas errichtet oder abgebrochen? Konstruktion wie Dekonstruktion spielen in der gezeigten Arbeit ebenso eine Rolle wie räumliche Inszenierungen, die beim Umschreiten der Installation erfahrbar werden.

Wir schauen aus einem der Installation benachbarten Fenster, mitten hinein in die umbrechende Stadtlandschaft. Und wenden uns wieder zurück zu Thea Djordjadzes Raumschöpfung.

Ausstellungs-Aussicht (durch ein Fenster des Ausstellungssaals auf Dom, Grossbaustelle “Altstadtbebauung” mit Graffiti-Zaun und Schirn Kunsthalle)

“Arte Essenziale” zeigt ausserdem Arbeiten von Alice Cattaneo, Jason Dodge, Ian Kiaer und Helen Mirra. Die Künstler haben ihre Werke im Auftrag der Collezione Maramotti in Reggio Emilia für die Ausstellung produziert. Nach einer ersten Präsentation in der Collezione Maramotti, dem von Achille Maramotti (Max Mara) begründeten Museum für zeitgenössische Kunst, wird “Arte Essenziale” derzeit – noch bis 1. Januar 2012 – im Frankfurter Kunstverein gezeigt.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

 

“Atelier Max Weinberg – Spielraum der Phantasie”

Montag, 9. Juni 2008

Jubiläumsausstellung zum 80. Geburtstag des Künstlers

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Im Hof der Frankfurter AusstellungsHalle 1A begrüsst uns Max Weinbergs fünfeinhalb Meter hohe Skulptur Überirdische Frau. “Als mythisches Sinnbild”, schreibt Brigitta Amalia Gonser, “aufgehängt in der Schwebe, steuert sie ihren Energieaustausch mit der Umwelt selbst – wuchtig und ebenso verletztbar, voller Power und dennoch frei von brutaler Gewalt”. Es könnte ein Motto sein für die Ausstellung insgesamt.

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Im Zusammenwirken zwischen der Stadt Frankfurt am Main, der Jüdischen Gemeinde Frankfurts, der AusstellungsHalle 1A und einer Reihe namhafter Sponsoren entstand eine dreimonatige Ausstellung zum 80. Geburtstag des Künstlers, der seit fast 50 Jahren hier lebt und arbeitet – und der aus der vergangenen wie aktuellen Kunstszene dieser Stadt einfach nicht mehr wegzudenken ist. Es ist eine Ausstellung der besonderen Art: Max Weinberg hat nämlich für diesen Zeitraum gleichsam sein Atelier in die Halle verlegt, mit allem malerischen Handwerkszeug, das er für seine Arbeit benötigt – und natürlich samt seiner viertel-, halb- oder dreiviertel fertigen – oder unfertigen – Bilder. Er wird dort also arbeiten, täglich zwischen 16 und 21 Uhr – und das Publikum kann ihm dabei zuschauen, Überlegungen und Vorschläge einbringen und natürlich die Werke erwerben. “Atelier Max Weinberg – Spielraum der Phantasie” – so lautet denn auch folgerichtig der Titel der Ausstellung.

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Wir zeichneten bereits, im zeitlichen Vorfeld seines 80. Geburtstags, ein Porträt “Die Welt ist Pink! Max (Moshe) Weinberg führt uns in sein Zauberreich” dieses immer wieder neu faszinierenden Künstlers, es sei an dieser Stelle, auch zum Nachlesen, in Erinnerung gerufen.

Am vergangenen Mittwoch eröffnete die Stadt mit Ansprachen von Susanne Kujer, Referentin für Bildende Kunst im städtischen Kulturamt, Johannes Wachten, stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, und Robert Bock, Leiter und Kurator der AusstellungsHalle, das erstaunliche Ereignis.

Wie stets dominieren ein leuchtendes Pink, Giftgrün und Hellblau die Palette. Max Weinberg über seine Arbeiten: “Das ist für mich die Rolle des Künstlers: den Flügeln des Geistes Impulse zu geben. Meine Malerei ist eine Botschaft von Erwachsenen an Erwachsene – von meiner kindlichen Fantasie zu ihrer. Ich berufe mich in meinen Arbeiten auf die spielerische Vorgehensweise der Kinder bei der Erkundung ihres Lebensumfelds. Für mich sind alle Kinder Künstler.Wenn ich male, bin ich wie sie auf Entdeckungsreise: Nie weiss ich bestimmt, wo es langgehen wird, sondern ich lasse mich durch das Werden des Bildes selbst, wie in einem Rausch, in das mir Unbekannte hineinziehen.”

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Zur Ausstellung erschien ein wundervoller, 335 Seiten starker Katalog, herausgegeben von Caspar Knieper, Edition Temmen, zum Preis von 30 Euro.

Die Ausstellung “Atelier Max Weinberg – Spielraum der Phantasie” bleibt in Anwesenheit des Künstlers täglich zwischen 16 und 21 Uhr bis zum 31. August 2008 geöffnet.

AusstellungsHalle 1A, Schulstraße 1a, 60594 Frankfurt am Main

(Bildnachweis: AusstellungsHalle 1A; © Max Weinberg)

“© MURAKAMI” im Frankfurter MMK (Teil 1)

Montag, 29. September 2008

Zum Abschied die One Man-Show und ein Paukenschlag

So war es nicht gedacht. Wie Udo Kittelmann, der scheidende Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, erläuterte, sei noch einiges in Planung gewesen für die Jahre seiner zweiten Amtszeit in Frankfurt am Main. Es kam jedoch anders. Zwei Spitzenpositionen in der deutschen Museumslandschaft waren zu besetzen, die Generaldirektion der Staatlichen Museen zu Berlin sowie die Direktion der Alten und Neuen Nationalgalerie, und die Wahl fiel auf zwei Spitzenmänner der deutschen Museumsszene, Michael Eissenhauer, bislang Direktor der weit und breit einzigartigen “Museumslandschaft Hessen Kassel”, und eben Udo Kittelmann.

So gerät die One Man-Show “© MURAKAMI” unversehens zur One Man-Show Kittelmann, einer grandiosen Abschiedsvorstellung. Seine viele Hundertschaften zählende Kunstgemeinde pilgerte am vergangenen Freitag zur Eröffnungsfeier, die zugleich ein Abschied war – mit ovationsartigem Beifall für den Scheidenden. Und wir können uns – leider – sehr sicher sein, dass das MMK eine derartige Präsentation auf absehbare Zeit nicht wieder erleben wird.

Nun zum Ist und Heute: Umbenannt wurde das Haus bis zum 9. Januar 2009: “© MURAKAMI MUSEUM FÜR MODERNE KUNST” heisst es ab sofort, am Schriftzug an der Fassade von weitem zu erkennen. Kittelmann frozzelte: Eigentlich sei Takashi Murakami jetzt bis zum Ende der Ausstellung der Direktor des Hauses. Zum zweiten Mal seit seinem Bestehen – nach der grossen Sturtevant- Ausstellung “The Brutal Trouth” 2004/2005,  es erhielt dafür den “Art Award 2005″ des Beaux Arts Magazine “Beste Internationale Ausstellung” – widmete Kittelmann das gesamte Haus einem einzigen Künstler.

Leuchtend rot schallt es uns im Erdgeschoss entgegen: Geburt von “DOB” – O-vales Gesicht, zwei Ohren namens D und B, Karikatur und Persiflage der von US-Amerika aus die Welt überschwemmenden Mickey-Mouse-Kultur – aus dem Strahl des spermaschleudernden “My Lonesome Cowboy”? “Entstanden aus einer Simulation von Sprache und Comicbildern”, schreibt Mika Yoshitake, “verdankt sich Murakamis DOB-Produktion einer Auseinandersetzung mit der Entstehung eines Symbols als Gegenstand der Massenkommunikation und seiner Verbreitung als eigenständiges geschütztes Warenzeichen, das sich verwenden, wiederverwenden, kaufen und verkaufen lässt.”

Womit wir zum Paukenschlag gelangen: “© MURAKAMI” bereitete schon zum Beginn Ärger, mit rigiden Vorschriften etwa für die Presse: Bilder dürfen nur bis zu einer bestimmten Formatgrösse und nur mit den vorgegebenen Textunterschriften gedruckt werden. Die Folge: dpa stieg aus der Berichterstattung aus, und Julia Voss (“Der Trick des Murakami”, FAZ vom 27. September 2008) verzichtete auf den Abdruck von Bildern – zu spät freilich, denn Katharina Deschka-Hoeck hatte zuvor in der Freitags-Ausgabe (“Niedliche, traurige Monster”) bereits mit Bild berichtet. Die FAZ lasse sich nicht, schimpft Voss, in der journalistischen Freiheit einschränken und von Künstlern zu einer Art verlängerter Pressestelle reduzieren. Recht hat sie.

Takashi Murakami überspannt den Bogen. Er hat sein Werk nebst sich selbst zu einer kommerziellen Marke stilisiert, über deren Verwertungsart er alleine bestimmt. Kunst begreift er als einen Teil der Wirtschaft. Mit seiner Firma Kaikai Kiki Co., Ltd. entfaltet er ein riesiges Geschäftsfeld in der massenhaften Herstellung von Merchandising-Artikeln, und er schreckt nicht vor Kooporationen im Bereich des Corporate Design zurück, beispielsweise mit der Firma Louis Vuitton.

Kittelmann sieht ihn, trotz aller Unterschiede im einzelnen, in einer Reihe mit Damien Hirst oder Jeff Koons, und er prophezeit den Sieg derartiger Kunst-Vermarktungsmodelle über den tradionellen Kunstbetrieb. Wir sind nicht überzeugt von solchen Entwicklungen und werden darauf an anderer Stelle näher eingehen.

Unbeschadet dieser Kritik zurück zur Ausstellung: Sie ist in jeder Weise gewaltig, und in der Tat rechtfertigt sie den mit einem immensen Aufwand verbundenen Schritt, ihr das gesamte Museum zur Verfügung zu stellen. Drei Wochen nahmen die notwendigen Räumungs- und Umbaumassnahmen in Anspruch. Es ist immerhin die erste museumsgebundene Einzelausstellung des Künstlers in Europa. Vom legendären Museum of Contemporary Art MOCA in Los Angeles organisiert und kuratiert, nahm beziehungsweise wird sie ihren Weg über das Brooklyn Museum, New York und derzeit das MMK (Kurator: Mario Kramer) im nächsten Jahr zum Guggenheim Museum Bilbao nehmen. Der Künstler sowie MOCA-Chefkurator Paul Schimmel reisten eigens nach Frankfurt am Main an, um der Eröffnung im MMK beizuwohnen.

Takashi Murakami, 1962 in Tokio geboren,  studierte an der National University of Fine Arts and Music in Tokio. Er schloss sein Studium mit dem Bachelor und Master sowie einer Promotion ab. Heute lebt und arbeitet er in Tokio und in Long Island City, New York.

Wir werden uns mit der Ausstellung, deren Beschreibung und Beurteilung neben einem nicht nur flüchtigen Blick in den 328-seitigen textstarken Katalog auch ein Studium der Exponate voraussetzt, noch im einzelnen auseinandersetzen (Teil 2).