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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Kultur und Gesellschaft' Category

“Denglisch”-Quatsch … zum Zweiten

Sonntag, 30. März 2008

Geert Teunis in der Hauptversammlung der Volkswagen AG am 3. Mai 2006:

Herr Vorsitzender! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich vertrete eigene Aktien …

Ich habe vor einigen Monaten einen Passat bestellt und dabei erfahren, dass man fundierte Englischkenntnisse braucht, um alles zu verstehen, was angeboten wird. Bei der Ausstattung kann man wählen zwischen Trendline, Highline, Sportline und Comfortline.

Bei den Motoren gibt es u. a. TDI und FSI. Was “FSI” bedeutet, weiß der Berater nicht genau; es heiße wohl “Full Selected Injection” oder so. In Wirklichkeit heißt es natürlich “Fuel Stratified Injection”.

Es gibt weiterhin den FSI 4MOTION. Meine Nachfrage nach der Bedeutung von “4MOTION” lautet: “Das ist doch klar: unser Allradantrieb!” Der Berater weiß nicht, dass die korrekte Übersetzung für Allradantrieb “Four wheel drive” ist. “4MOTION” ist eine grammatikalische Unmöglichkeit und stellt eine böse Verstümmelung der englischen Sprache dar. Denn “Motion” für Bewegung kann morphosyntaktisch nicht mit einer Zahl kombiniert werden. Im Englischen ist das genau so unmöglich, wie es “4Bewegung” im Deutschen wäre. Bei den Farben ist es so bunt, dass es mir wegen der vielen englischen Qualifizierungen einfach zu bunt wird, bei denen man sich offenbar nicht die Mühe gemacht hat, nach deutschen Äquivalenten zu suchen. Ich darf wählen aus Candy-Weiß, Granite Green, Arctic Blue Silver, Wheat Beige, Shadow Blue, United Silver usw. Gibt es wirklich keine treffenden deutschen Namen für unser deutsches Produkt? Wo bleibt die Kreativität unserer Werbeabteilung?

(Beifall)

Darüber hinaus bietet die Volkswagen Individual GmbH ein individuelles Designpaket aus Sensitive-Leder, in Snow Beige und Türinserts in zeitlosem Design. Und dann zum Entertainment: Ich darf bestellen: Multimedia-Kit, PhatBox und Rear-Seat- Entertainment-Geräte. Bei all den englischen Vokabeln, die ich höre und lese, frage ich mich: Ist das eine Beratung für einen deutschen Kunden oder einen englischen Kunden? Nun fahre ich ihn, den Passat, und muss mich zurechtfinden mit Bezeichnungen wie TIM für Traffic Information System, TMC für Traffic Message Channel, EPC für Electronic Power Control, ACC für Adaptive Cruise Control, mit MUTE, DEST, NAV, MAP, Scan und Autostore, mit Autohold, Reset, SPEED, CANCEL,

(Heiterkeit und Beifall)

mit KESSY für Keyless Entry Start Exit System. – Es ist ein Graus, meine Damen und Herren!

(Beifall)

Es gibt nicht nur die unverständlichen Abkürzungen, sondern unter dem Navigationssystem prangt ein Satz: PASSENGER AIR BAG OFF. – Zu Deutsch, frei übersetzt: Passagier Luft Sack aus.

(Heiterkeit)

Ohne Englischkenntnisse und intensives Studium des Bordbuches kommt man nicht mehr zurecht! Warum steht auf dem Zündschloss der Schriftzug “ENGINE Start/Stop”? Es ging doch Jahrzehnte ohne diesen völlig überflüssigen und unverständlichen Hinweis!

Nach der Übergabe des Fahrzeugs war früher der Kundendienst für mich zuständig. Nun ist er umbenannt worden in After Sales Service.

(Heiterkeit)

Das ist absolut nicht einzusehen. Das ist nicht nur rücksichtslos, sondern es erscheint mir auch verkaufsstrategisch gesehen als dumm, so mit deutscher Kundschaft umzugehen.

(Beifall)

Ich empfehle, sich ein Beispiel an McDonald’s zu nehmen. McDonald’s hat in Deutschland bis vor gut einem Jahr mit “Every time a good time” geworben. Eine Marktanalyse ergab, dass dieser Werbespruch von der Bevölkerung nicht verstanden wurde. McDonald’s hat seinen Werbespruch geändert in “Ich liebe es!”.

(Heiterkeit und Beifall)

Aus demselben Grund hat auch unsere Konzerntochter Audi umgeschwenkt von “Driven by Instinct” auf “Pur und faszinierend”.

Herr … , auch Ihre Mitarbeiter in der Produktion verstehen nur unzulänglich Englisch. Sie haben trotzdem vier “Product Units” ? abgekürzt PUs ? für vier selbständig wirtschaftende Einheiten eingeführt. Es sind dies die PU A-Klasse, die PU Presswerk, die PU Trim und die PU Fahrsysteme – ein schönes Mischmasch aus Deutsch und Englisch! Gemeint sind aber offensichtlich gar nicht “Product Units”, sondern “Production Units”. Abgesehen von diesem Fehler empfehle ich, die jetzt von Ihnen eingeführte Bezeichnung “Product Unit” wieder zurückzunehmen. Die bisher gebräuchliche “Fertigung” kann genau so wirtschaftlich arbeiten wie eine “Product Unit”.

(Beifall)

Meine Damen und Herren, wenn der Kunde nachhaltig an Volkswagen gebunden werden soll, muss die Sprache stimmen. Die ist für deutsch Sprechende nun mal Deutsch und kein deutsch-englisches Mischmasch.

(Beifall)

Außerdem hat jeder das Recht, nicht Englisch zu können.

(Beifall)

Herr … , ich habe abschließend zwei Fragen und einen Vorschlag. Meine erste Frage: Beabsichtigen Sie, im deutschen Volkswagen Konzern, der bereits seit Jahrzehnten global agiert, jetzt zunehmend englische Bezeichnungen einzuführen, insbesondere auch dann, wenn es gute deutsche Wörter gibt? Meine zweite Frage: Ist schon einmal geprüft worden, welche Haftungsrisiken bestehen, falls ein des Englischen nicht mächtiger Kunde den im Zweifel lebenswichtigen Warnhinweis “PASSENGER AIR BAG OFF” nicht berücksichtigen konnte?

Und nun mein Vorschlag: Herr … , Sie haben vor gut einem Jahr einen neuen Namen für unseren deutschen Volkswagen Konzern gesucht, um eine Abgrenzung zu Volkswagen Aktiengesellschaft zu erreichen. Ich habe auf der letzten Hauptversammlung “People’s Wagon Group” vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde abgelehnt.

(Beifall)

Ich versuche es heute mit einem anderen Vorschlag. Falls Sie eine englische Bezeichnung für unseren Betriebsrat suchen sollten, ich habe ein Angebot: “Work Council” mit der Abkürzung “WC”.

(Große Heiterkeit und Beifall)

Meine Damen und Herren, ich freue mich, dass Ihnen mein Vorschlag so gut gefällt. Dann dürfen wir zusammen auf die Antwort von Herrn … gespannt sein. Falls der Vorschlag angenommen wird, kann der Worker an der Finishline künftig während oder nach seiner Shift zu seinem vertrauten WC gehen.

(Heiterkeit)

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche allen Volkswagen-Fahrern eine gute Zusammenarbeit mit ihrem After Sales Service.

(Heiterkeit und Beifall)

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(Sogenannter Narrenturm, weltweit erster Spezialbau zur Unterbringung von Geisteskranken, auf dem Gelände des Wiener Allgemeinen Krankenhauses; Foto: Gryffindor wikimedia commons GFDL)

“DeutschSommer” – ein richtungweisendes Projekt der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main

Mittwoch, 22. September 2010

Der “DeutschSommer”, das Sprachförderprogramm der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main, ging bereits 2007 an den Start, lange bevor also Thilo Sarrazins jüngst erschienenes Bestseller-Buch “Deutschland schafft sich ab” die Politik aufschreckte oder besser gesagt aufweckte.

Als Exkurs und um es gleich vorweg zu nehmen: Wir halten es insofern mit dem ruhig abgewogenen, differenzierenden Urteil eines Frank Schirrmacher (“Ein fataler Irrweg” oder “Frau Merkel sagt, es ist alles gesagt”, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung von 29. August bzw. 19. September 2010). Und auch mit dem provokanten, den Nagel aber auf den Kopf treffenden Kommentar eines Volker Zastrow “Körperzellenrock” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 12. September 2010, der eine realitätsferne, sich vielfach im Weggucken und Wegducken erschöpfende “political correctness” der politischen Kaste geisselt. Denn leider und unbestreitbar gibt es einen nicht unerheblichen Anteil an Migranten in Deutschland, der sich integrationsfern bis integrationsverweigernd darstellt, mit allen sich daraus für die Gesellschaft wie auch für die Betreffenden selbst ergebenden absehbar negativen Konsequenzen.

Da sucht man verzweifelt nach Auswegen oder gar Lichtblicken. Und findet sie: in dem erfolgreichen Projekt “DeutschSommer” der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main.

(Bildnachweis: “DeutschSommer”; Foto: D. Buschardt)

Das sehen auch andere so, beispielsweise die von der Bundesregierung und der Wirtschaft getragene, unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stehende Standort-Initiative “Deutschland – Land der Ideen” mit ihrem Wettbewerb “365 Orte im Land der Ideen”: Am 16. September 2010 zeichnete sie in einer Feierstunde in Frankfurt in Anwesenheit der hessischen Kultusministerin Dorothea Henzler den “DeutschSommer” als “Ausgewählten Ort 2010″ aus.

Dorothea Henzler, Kultusministerin des Landes Hessen, bei ihrem Grusswort zur Preisverleihung

“DeutschSommer – Ferien, die schlau machen”: eine geniale Idee, ebenso tatkräftig wie erfolgreich in die Praxis umgesetzt. Stellt die Bildungsförderung bereits eines der zentralen Anliegen der Stiftung dar, so steht die Sprachförderung und insbesondere das Bemühen um Sprachkompetenz bei Migrantenkindern im Fokus des Förderprogramms “DeutschSommer”. Das Projekt begann im Sommer 2007 zunächst in Frankfurt am Main. In diesem Jahr beteiligen sich erstmals auch die benachbarten Städte Offenbach, Hanau und Wiesbaden an ihm. Neben dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten und dem Staatlichen Schulamt für die Stadt Frankfurt sowie der Volkshochschule und dem hessischen Kultusministerium unterstützen namhafte private Stiftungen als Partner das Projekt.

In der Zeit der hessischen Sommer-Schulferien erhielten 150 Frankfurter Schülerinnen und Schüler des dritten Schuljahrs mit gezieltem Förderbedarf im Deutschen eine intensive und ganzheitliche Förderung: über drei Wochen hinweg täglich zwei Stunden Deutschunterricht und zwei Stunden sprachintensives Theaterspiel. Lesen, Schreiben, Wortschatz und Grammatik stehen im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit in kleinen Schülergruppen mit bis zu zwölf Kindern, die in Jugendherbergen untergebracht werden. Am Nachmittag betreuen Sozialpädagogen die Kinder in einem anregenden Freizeitprogramm. Am Ende der drei Wochen führen die Kinder ein Theaterstück auf, zu dem auch die Eltern eingeladen werden (die denn auch sehr zahlreich erscheinen).

Der Erfolg ist messbar: viele der Kinder gelangen aus den schwachen in die guten Leistungsgruppen mit unterrichtsfähigen Deutschkenntnissen. Zugleich wächst bei den Kindern das Bewusstsein, ihre Sprachkenntnisse nach bestimmten Regeln selbst verbessern zu können, und das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit.

Aufbauend auf den “DeutschSommer” folgt im Januar in der letzten Woche der Weihnachtsferien das Projekt “Endspurt” im Schullandheim “Wegscheide” der Stadt Frankfurt am Main, wiederum mit Deutschunterricht, sprachintensivem Theaterspiel und einem begleitenden Freizeitprogramm. Dreierteams – sie bestehen jeweils aus einer Lehrkraft für Deutsch als Zweitsprache sowie einem Theater- und einem Sozialpädagogen – betreuen Gruppen mit maximal 14 Kindern rund um die Uhr.

Ein zweitägiges Fortbildungsseminar “3x Deutsch: Sprache, Theater, Freizeit” schliesslich richtet sich an Lehrer der Schüler der Klassen 3 und 4, die am “DeutschSommer” teilgenommen haben. Es vermittelt praxisnah die erfolgreiche Methodik des “DeutschSommers” für den Einsatz im Schulalltag.

“DeutschSommer”-Kinder des Jahres 2010 bedanken sich für den Applaus des Publikums der Preisverleihung

Es ist unbestreitbar: Sprachkompetenz ist eine zentrale Voraussetzung für eine gelingende Integration von Migranten. Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main hat dies vor langem erkannt und mit ihrem erfolgreichen Projekt “DeutschSommer” entsprechend gehandelt.

(Fotos von der Preisverleihung und der sie begleitenden Ausstellung: FeuilletonFrankfurt)

“Mapping the Studio” in Venedig (1): Palazzo Grassi

Donnerstag, 12. August 2010

Wir möchten unseren Leserinnen und Lesern für ihren nächsten Aufenthalt in Venedig den Besuch zweier fantastischer Museen ans Herz legen: des “Palazzo Grassi” und der “Punta della Dogana” des französischen Milliardärs François Pinault respektive der François Pinault Foundation (Firmenimperium Pinault-Printemps-Redoute mit unter anderem Gucci, Puma, Yves Saint Laurent, Le Printemps oder dem Nobelweingut Château Latour und – setzen Sie sich fest hin – dem Auktionshaus Christie’s!)

Nun trifft es sich, dass in Zeiten der – ideologiepolitisch allem Anschein nach gewollten oder zumindest billigend in Kauf genommenen – Finanznot öffentlicher Haushalte (Steuergeschenke der Koalition an Hotellerie, Erben usw. lassen grüssen) auch die Diskussion um in öffentlicher und privater Trägerschaft betriebene Museen auflebt. Während sich erstere der Gefahr zunehmender finanzieller Auszehrung ausgesetzt sehen – dem finanzministeriellen wie kommunalen Rotstift fällt neben dem Sozialen zu allernächst die Kultur zum Opfer – , fliessen beträchtliche Gelder hoch Vermögender, vor allem über Stiftungen, in deren private Projekte, selbstverständlich nach dem bekannten Motto “Wer zahlt, schafft an”. Und wer beobachtet, mit welch euphorischem Jubel jene genannten politischen Kräfte hierzulande einem von den USA herüberzubranden drohenden “Philanthro-Kapitalismus” das Wort reden, wird Schlimmeres befürchten müssen. In Vergessenheit gerät darüber, dass die vermeintlichen Grossherzigkeiten der Bill Gates, Warren Buffet und Co. mit erheblichen Steuergeschenken über und über belohnt werden, die wiederum das Steueraufkommen verkürzen und dem Gemeinwesen dringend notwendige finanzielle Mittel entziehen, so dass letztlich die Allgemeinheit den Preis für privatmilliardäre “Wohltaten” zu entrichten hat, die jedoch dann von Entscheidungen über eine sinnvolle, im öffentlichen Interesse liegende Verwendung (ebenso wie das staatliche Gemeinwesen selbst) im wesentlichen ausgeschlossen ist.

Auf der anderen Seite verkennen wir keineswegs die bedeutsame kulturelle Rolle, die beispielsweise im Rhein-Main-Gebiet – im regionalen Rahmen – etwa dem Frankfurter Museum Giersch oder den Rüsselsheimer Opelvillen zukommt.

Nach diesem Exkurs ins Grundsätzliche nun zurück zum Palazzo Grassi und zur Punta della Dogana. Beginnen wir heute mit ersterem. Und heben gleich zu Beginn hervor, dass die Venetianer jeden Mittwoch freien Eintritt in die beiden Museen haben.

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Der Palazzo Grassi am Canal Grande, Foto: FeuilletonFrankfurt

Der in den Jahren 1748 bis 1772 von Giorgio Massari (zugeschrieben) am Canal Grande im Stadtteil San Marco errichtete Palast der Brüder Angelo und Zuanne Grassi – einer der grössten seiner Art in Venedig -, wechselte im Laufe der Zeit mehrfach Funktion und Eigentümer. 2005 erwarb François Pinault das bereits wiederholt umgestaltete und renovierte Anwesen und eröffnete darin, nach weiteren Umbauten durch den Weltklasse-Architekten Tadao Ando, Ende Juni 2006 für seine legendäre, über 2000 Werke umfassende Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst eine erste Heimstatt in der “Serenissima” (die zweite folgte 2009 in der Punta della Dogana).

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Paul McCarthy, Bear and Rabbit on a Rock, 1992; Mascot heads, acrylic fur, metal armature, foam rubber, formica pedestal, 270 x 190 x 130 cm, © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

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Rudolf Stingel, Untitled , 2008; Plaster, aluminium, steel, 18 panels, 294 x 654 x 17 cm, © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Die derzeitige, von Alison M. Gingeras und Francesco Bonami kuratierte, Anfang Juni 2009 eröffnete, noch in das Jahr 2011 laufende Ausstellung “Mapping the Studio” zeigt Arbeiten unter anderem von Kai Althoff, Maurizio Cattelan, Jake und Dinos Chapman, Marlene Dumas, Urs Fischer, Fischli & Weiss, Lucio Fontana, Felix Gonzales-Torres, Richard Hughes, Martin Kippenberger, Jeff Koons, Paul McCarthy, Otto Muehl, Takashi Murakami, Bruce Nauman, Cady Noland, Michelangelo Pistoletto, Sigmar Polke, Richard Prince, Charles Ray, Thomas Schütte, Cindy Sherman, Rudolf Stingel, Hiroshi Sugimoto, Jean Tinguely, Luc Tuymans, Cy Twombly, Franz West oder Rachel Whiteread, um nur einige der Künstlerinnen und Künstler zu nennen.

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Richard Prince, Untitled (de Kooning), 2006, Acrylic and inkjet on canvas, © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

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Richard Hughes, Crash My Party You Bastards, 2004, Mixed media, dimensions variable, © Richard Hughes by SIAE 2009, © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Natürlich beklagen wir das nicht sehr ergiebige Sortiment an Pressefotos, das die François Pinault Foundation über die Ausstellung zur Verfügung stellt. Umso mehr danken wir Mme. Mathilde Beaujard von der Pariser Claudine Colin Communication, die auch die beiden venetianischen Museen der Stiftung betreut, für die freundliche Kooperation. Der prächtige, knapp 400 Seiten starke Katalog (Preis vor Ort 50 Euro) entschädigt mit einem umfassenden Überblick über die Exponate der Schau.

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Pädagogik und Kreativität im Museum: Jugendgruppe im Murakami-Saal der Ausstellung im Palazzo Grassi; Foto: FeuilletonFrankfurt

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Luc Tuymans, The Book, 2007, Oil on canvas, 360 x 212 cm, © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Wie immer man es in der kulturpolitischen Diskussion um die Museumslandschaften drehen und wenden mag – als Venedig-Besucher kommt man an der hervorragend kuratierten wie grosszügig präsentierten Ausstellung der Sammlung François Pinault – einem in vielem repräsentativen Querschnitt durch die bereits schon klassische wie auch die kontemporäre Moderne – nicht vorbei.

“Mapping the Studio”, Palazzo Grassi, Venedig

“Mapping the Studio” in Venedig (2): Punta della Dogana

Sonntag, 29. August 2010

Palazzo Grassi und Punta della Dogana – zwei fantastische Museen in Venedig mit Werken der klassischen und zeitgenössischen Moderne aus der Sammlung François Pinault. Heute stellen wir die Punta della Dogana vor.

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Das Dreieck der Punta della Dogana am Auslauf des Canal Grande in die Bucht von San Marco; © Palazzo Grassi, ORCH orsenigo_chemollo

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Blick vom Portikus der Punta della Dogana auf den Campanile di San Marco; Foto: FeuilletonFrankfurt

Wenn es ein Maximum gäbe, ein Ensemble von einer der fantastischsten Städte der Welt, blaugrünem Meereswasser samt frischer salziger Brise, dem berühmten “Mantel der Geschichte”, dessen Saum zu streifen wir uns wähnen, und einer einzigartigen Ausstellung eben jener eingangs genannten Kunst, so wäre es hier und nirgend anderswo anzutreffen: an der Punta della Dogana.

Draussen, vor dem Portikus an der Spitze, treffen wir auf den über lebensgrossen Knaben mit dem Frosch in der Hand von Charles Ray, stets streng bewacht von einem grimmig bewaffneten Uniformierten. Für einen heranwachsenden Menschen, den Blick nach vorn in die Zukunft gerichtet, soll er stehen. Aber der Frosch – Daffke des Künstlers? Soll das – bizarrer Weise nicht nur von Touristen, sondern auch von manchen Exponenten des Kunstbetriebs fälschlich für marmorn gehaltene – Standbild den Menschen in seinem Sieg über das einst auch sumpfige Gelände symbolisieren, auf dem Venedig in der Lagune errichtet wurde? Er soll den Markuslöwen als Aushängeschild Venedigs ablösen, sagen andere. Und was raunt der – insofern durchaus erotisch aufgeladene – Volksglaube, im Brüder-Grimm-Märchen vom Froschkönig etwa oder im indianischen Mythos von der Froschfrau Kaaka?

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Charles Ray, Boy with Frog, 2009, cast stainless steel and acrylic polyurethane, 247 x 91 x 96,5, © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Gemessen am Wert manches im Museum gezeigten Werkes lediglich schlappe 20 Millionen Euro liess sich François Pinault die Wiederherrichtung der im 17. Jahrhundert von dem Baumeister Giuseppe Benoni (1618 bis 1684) errichteten einstigen Zolllagerhallen kosten – er soll sie auf 30 Jahre geleast haben. Architekt war wiederum der unter anderem für seine Museumsbauten Weltruhm geniessende, dem Minimalismus verpflichtete Tadao Ando, der bereits den Palazzo Grassi ausgestattet hatte. Mit Ando hatte sich Pinault gegen ein konkurrierendes Angebot der Guggenheim Foundation durchgesetzt, die immerhin die renommierte Star-Architektin Zaha Hadid aufgeboten hatte. Ando verwandelte die heruntergekommenen historischen Hallen in eines der weltweit spektakulärsten und schönsten Kunstmuseen. Pinault eröffnete es listig einen Tag vor dem Eröffnungsakt der Kunst-Biennale 2009.

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Eingangshalle des Museums:
Felix Gonzalez-Torres, Untitled (Blood), 1992, Plastic beads, metal rod, variable dimensions;
Rachel Whiteread, Untitled (One Hundred Spaces), 1995, Resin, 100 units, variable dimensions;
Maurizio Cattelan, Untitled, 2007, Taxidermied horse: horse hide, fiberglass, resin, 300 x 170 x 80 cm;
Luc Tuymans, Untitled (Still Life), 2002, Oil on canvas, 347 x 500 cm;
Richard Prince, Untitled, 2007, Acrylic and collage on canvas, 2 parts, 365,8 x 518, 2 cm;
© Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Tadao Ando hütete jeden Backstein des überkommenen Mauerwerks wie auch das – wo immer noch verwendungsfähige – hölzerne Dachgebälk und entfernte lediglich die im Laufe der Jahrhunderte hinzugefügten Bauteile. Jedoch zog er Böden und Zwischendecken aus Beton sowie einen Baukörper mit Wänden aus poliertem Sichtbeton ein.  Schlicht mit dem Prädikat grandios versehen wir die Lichtführung in den einzelnen Räumen. Eine Herausforderung der besonderen Art war die Absicherung der unterirdisch installierten Gebäudetechnik vor der Geissel Venedigs, dem jährlichen Acqua Alta.

Erhalten blieb die Würde des rund dreieinhalb Jahrhunderte alten Bauwerks; geschaffen wurde ein einzigartiger Inszenierungsrahmen für eine vermutlich dem Selbstverständnis wie dem Repräsentationsbedürfnis Pinaults entsprechende, Gross- und Grösstformatiges bevorzugende Schau.

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Maurizio Cattelan, Untitled, 2007, Taxidermied horse: horse hide, fiberglass, resin, 300 x 170 x 80 cm;
© Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Maurizio Cattelans mit dem Kopf durch die Wand rennendes Pferd konnten wir – ebenso wie Takashi Murakamis grossformatigen spermaschleudernden Lonesome Cowboy samt seinem weiblichen Gegenpart Hiropon – zu Udo Kittelmanns Zeiten im Frankfurter MMK bewundern, und etwas Wehmut im Gedenken an solche Zeiten mag sich einstellen, wenn wir den Tag näher kommen sehen, an dem es uns, von wohlschmeckender wie reichhaltiger heimischer Hausmannskost wunderbar gesättigt, in Frankfurt doch wieder einmal nach grossen internationalen Ausstellungsevents im Haus an der Domstrasse gelüstet, wie sie damals Gang und Gäbe waren und sie beispielsweise das Städel Museum fortlaufend pflegt.

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Cindy Sherman, Untitled, 2007-2008, Color photograph;
Cindy Sherman, Untitled, 2007-2008, Color photograph;
Jeff Koons, Bourgeois Bust – Jeff and Ilona, 1991, Marble;
© Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

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Maurizio Cattelan, All, 2008, 9 sculptures marbre white Carrara marble, variable dimensions, © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Nachbarschaftlich vereint: Cindy Shermans inszenierte Selbstporträts und Jeff Koons bourgeoise marmorne Büste; Hiroshi Sugimotos bizarre Kostümfotos der Serie “Stylized Sculpture” und Maurizio Cattelans neun marmorne leichentuchbedeckte, in einer Reihe am Boden Liegenden.

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Sigmar Polke,
- Jugendstil (Axial Age), 2005
- Neo Byzantium (Axial Age), 2005
- Forward (Axial Age), 2007
- Determination of the Position: Here It Is (Axial Age), 2007;
Violet pigments, mixed media on fabric, 300 x 480 cm; © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

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Paul McCarthy, Train, Pig, Island, 2007, Foam, mixed media, 266 x 558 x 124 cm, © Palazzo Grassi SpA. Foto: ORCH, orsenigo_chemollo

Mitunter geht es nicht nur grösstformatig, sondern auch schrill, pompös zu in Pinaults Museen. In manchem scheinen Themen wie Macht, Gewalt und Sex zu dominieren. Ein Zufall das im “Berlusconi-Land”? Wohl doch eher dem Sammler geschuldet. Sobald mich jemand beobachtet – so oder ähnlich soll sich François Pinault einmal geäussert haben -, wie ich ein Kunstwerk genauer betrachte, steigt der Marktwert des Künstlers. Und das genau ist ein Problem. Der sogenannte Kunstmarkt ist ausser Rand und Band. Wenn Sammler, denen es, pardon, auf eine Million mehr oder weniger nicht so streng ankommt, den Künstler kaufen, den sie unbedingt haben wollen, fängt sich die nach oben offene Preisspirale an zu drehen. Der Milliardär kauft Künstler, die in der – veröffentlichten – Meinung den “grossen Namen” haben. Diese Künstler wiederum schaukeln gegenüber den Milliardären ihre Preise hoch. Es werden Summen gezahlt, die das eine oder andere Objekt nun wirklich nicht wert sind. Die aus öffentlichen Haushalten finanzierten Museen haben in dieser Preisspirale das Nachsehen. Eine gesunde, nicht zu beanstandende Entwicklung? Keineswegs.

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Blick von der Punta della Dogana auf den Campanile und die Bucht von San Marco; Foto: FeuilletonFrankfurt

⇒ ⇒ ⇒ “Mapping the Studio” in Venedig (1): Palazzo Grassi

⇒ ⇒ ⇒ Ein “Muss” in Venedig: Die Sammlung Peggy Guggenheim

“Mein blaues Cello” – Frank Wolff

Sonntag, 27. Februar 2011

Dokumentation des Filmemachers Wolfgang Würker

Von Renate Feyerbacher

Wer kennt ihn nicht, den “tanzenden” Cellisten Frank Wolff, der nicht nur in Frankfurt am Main, sondern auf der ganzen Welt, auch in China, mit seinem Instrument tanzt? Der Weltmusiker streicht sein Cello auf grossen und kleinen Bühnen, bei Ausstellungseröffnungen, Hochzeiten und Beerdigungen von Freunden. Berühmt wurde Frank Wolff mit dem originellen “Frankfurter Kurorchester”, das er 1981 mit der Sängerin und Pianistin Anne Bärenz, die 2005 starb, gründete. Mit ihr musizierte und lebte er. Ab 2002 spielten die beiden im “Neuen Frankfurter Schulorchester” mit Sabine Fischmann, Ali Neander und Markus Neumeyer.

Angefreundet hat sich Frank Wolff mit dem Cello, als er zehn Jahre alt war. Er vertiefte diese Zuneigung im Musikstudium in Freiburg, wechselte aber dann nach Frankfurt zum Studium bei dem Soziologen und Komponisten Theodor W. Adorno.

Er und sein Bruder KD Wolff, heute erfolgreicher Verleger in Frankfurt, werden Ende der 1960er Jahre Sprecher der studentischen Protestbewegung. Nach deren Ende kehrt er wieder zu seinem Instrument zurück. Seitdem verzaubert er durch zarte, kräftige, aber auch schrille Töne, wie in seiner Version des Deutschlandliedes, sein Publikum.

Der in Frankfurt lebende Filmemacher Wolfgang Würker wurde für seine im letzten Jahr fertiggestellte Dokumentation über Frank Wolff mit dem Sonderpreis der Jury des Hessischen Filmpreises 2010 ausgezeichnet.

Würker, wie Frank Wolff aus dem hessischen Hinterland kommend, studierte zunächst Physik, promovierte, war Physiklehrer in Hanau und widmete sich schliesslich den Geisteswissenschaften. Er organisiert das Göttinger Filmfest, wird Redakteur bei der FAZ, lernt dort Sylvia Strasser kennen, mit der er PAOLO-FILM gründet. Seit mehr als 20 Jahren produzieren sie Dokumentationen unter anderem für das ZDF und gelegentlich für private Auftraggeber.

Der Titel des Films “Mein blaues Cello” erinnert an ein Gedicht von Else Lasker-Schüler. Bei der Dichterin ist es nicht das Cello, sondern

“Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier
Die Mondfrau sang im Boote
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür
Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir
Ich ass vom bitteren Brote
Mir lebend schon die Himmelstür
Auch wider dem Verbote.“

Dieses Gedicht umschreibt für Frank Wolff die Klangfarbe seines Instruments.  “Das Cello hat ja nicht nur etwas Sentimentales und Romantisches, sondern auch etwas Melancholisches. Das bin ich auch, nicht nur vom Gefühl und der seelischen Verfassung. Es ist auch ein Teil von meinem Körper.”

Der Film wurde in Frankfurt und Umgebung, an der Mosel und auf Helgoland, in Berlin und Oslo gedreht. Es wirken weiter mit: der Pianist, Sänger und Dirigent Markus Neumeyer, die Sängerin Ingrid El Sigai, der Kulturredakteur Hans Riebsamen, die Malerin Friederike Walter, der Politiker Wolfgang Thierse, der Winzer Ulrich Stein und nicht zuletzt die Fotografin Barbara Klemm.

Frank Wolff und Markus Neumeyer (Foto: Renate Feyerbacher)

Gezeigt wird “Mein blaues Cello” am Dienstag, den 1. März 2011 um 20 Uhr im Naxos-Kino in der Frankfurter Naxos-Halle (Zugang derzeit nur über Waldschmidtstrasse gegenüber Mousonturm).

Frank Wolff und Wolfgang Würker sind beim anschliessenden Filmgespräch anwesend.

Weitere Termine: 20. März 2011, 17 Uhr im Gloria Palast, Kassel; 14. April 2011, 19 Uhr im Kommunalen Kino Mainspitze / Burg-Lichtspiele, Ginsheim-Gustavsburg