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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Frankfurt und Hessen' Category

Begegnung im Dunkeln: Das DialogMuseum in Frankfurt am Main

Sonntag, 16. Mai 2010

Wir haben eine erstaunliche, ja kaum je für möglich gehaltene Erfahrung gemacht.

Wir begaben uns am frühen Nachmittag eines durchsonnten, hellichtenTages in die absolute Dunkelheit, die Dunkelheit völlig blinder Menschen. Eine Selbsterfahrung, nicht ohne Risiko. Eine jüngere Frau in der achtköpfigen Gruppe - mehr als acht Personen durfte sie nicht umfassen – bekam bereits nach wenigen Minuten Dunkelheit eine Art Panik und schied aus dem Experiment aus, bevor es richtig begonnen hatte. Wir und die anderen sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer hielten es aus.

Und nun die erstaunliche Erfahrung: Nach Wiedereintritt in die Helligkeit fühlten wir uns in den ersten Momenten in einer gewissen Weise verunsichert, aus einer Obhut entlassen, ein Stück einsam, allein.

Was war geschehen?

Wir besuchten das DialogMuseum in Frankfurt am Main. Wir nahmen dort an einer Führung teil, im wahrsten Sinne des Wortes. In vollkommener Dunkelheit. Eineinhalb Stunden lang. Unser Führer: ein Blinder.

Ungelenk fuchtelten wir mit dem Blindenstock, der uns am Eingang gereicht wurde, über die verschiedenen Böden, die es zu betreten, nein zu erkunden, mit den Füssen zu ertasten galt. Unser Führer lockte uns, half uns mit seiner Stimme den Weg finden über einen Parcours, der dem Sehenden nur Selbstverständliches bedeutet, dem vorübergehend “Erblindeten” jedoch zu einer Verkettung von Abenteuern geriet, von Aufgaben, die es zu bewältigen galt. Er führte durch verschiedene Erlebnisräume, einschliesslich einer Fahrt im offenen Boot über den Main. In einem Akustikraum erwarben wir einen Hauch von Ahnung davon, was es bedeutet, mit den “Ohren zu sehen”. Wir lernten in der Finsternis, wie sich Bäume, fliessendes Wasser, Häuserwände, Briefkästen, Geldautomaten, öffentliche Telefonsäulen, Exponate in einem Skulpturenmuseum oder Parkbänke anfühlen, um sie zu “sehen”.

In der von einer auf die andere Minute über uns hereingebrochenen Hilflosigkeit – schon nach wenigen Schritten und Wegbiegungen wussten wir nicht mehr, wo rechts oder links, wo vorn oder hinten ist – entwickelten wir eine besondere Art von Vertrauen zu unserem blinden Führer, dessen Stimme und freundschaftlichen Aufforderungen wir folgten wie kleine artige Kinder dem Ruf ihrer Eltern. Und wir ertasteten die Personen unserer kleinen Gruppe, waren froh, eine Schulter ergreifen, einen Arm, eine Hand finden zu können, die uns gewiss sein liess: Wir sind nicht allein.

Eineinhalb Stunden in völliger Dunkelheit gerieten zu einer enormen Spanne an Zeit, in der sich für uns ein eigenartiger Zustand eines Sichhineinfindens in unser Geschick ergab. Zunehmend ein wenig mutiger setzten wir Schritt um Schritt die Füsse auf den Grund, tasteten mit dem Blindenstock in einem schulterbreiten Segment den zu beschreitenden Boden ab, den Erzählungen unseres Führers lauschend, in welcher Umgebung wir uns gerade befanden: in einem Garten, an einer von Autos befahrenen Strasse, in einer kleinen Bar. Uns erfasste der Beginn einer ganz kleinen Ahnung davon, wie es sein könnte, ein Leben in völliger Dunkelheit einzurichten. Und ganz wichtig: Wir fingen an zu verstehen, warum das DialogMuseum so und nicht anders und schon gar nicht “Blindenmuseum” heissen kann.

Dunkelheit

Mehr als nur Dunkelheit: im Frankfurter DialogMuseum

Und beim allmählichen, die Augen dennoch schmerzenden Übergang ins Tageslicht am Ausgang des Parcours spüren wir es, dieses eigenartige Gefühl: Wir sind entlassen aus der Obhut unseres blinden Führers, in der wir uns schon so sehr eingerichtet hatten, wir sind wieder auf uns selbst gestellt.

Im DialogMuseum kehren sich die Verhältnisse um: Der Sehende wird zum Blinden, der geführt werden muss, der Blinde als “Sehender” zu dessen Führer. Wir werden ihn, unseren Führer, der als Jugendlicher völlig erblindete und der, wie er sagte, nicht bereit war, “nur wegen der Erblindung sein Leben aufzugeben”, nicht sehend kennenlernen; das Museum wahrt die Anonymität.

Das 2005 gegründete, in der Form einer GmbH geführte DialogMuseum wird von der Agentur für Arbeit, dem Landeswohlfahrtsverband (Integrationsamt) Hessen und der Stadt Frankfurt am Main gefördert. Zu den Führungen in Gruppen bis zu acht Personen ist eine zumeist längerfristige Voranmeldung erforderlich.


Bilder, die bewegen: Künstlerinnen und Künstler der Praunheimer Werkstätten in der Frankfurter Heussenstamm-Galerie

Donnerstag, 21. Januar 2010

Bilder, die bewegen, so heisst diese Ausstellung …

Was sind das für Bilder, die uns bewegen, die in der Galerie vom Fleck weg gekauft werden, ja sogar sozusagen unbesehen direkt aus dem Katalog?

Was ist das überhaupt für eine Kunst, die wir derzeit – leider nur noch bis zum 29. Januar 2010 -  in der Heussenstamm-Galerie, inmitten der Frankfurter “Galeriemeile” also, sehen können?

Manche blicken, wie wir bemerkt haben, mit mehr oder weniger erkennbarer Skepsis auf diese Gemälde. Es handelt sich nämlich um Arbeiten von künstlerischen Menschen in den Praunheimer Werkstätten. Diese Werkstätten sind eine Rehabilitations- und Förderstätte für Erwachsene mit geistiger Behinderung.

Sehr viele andere, und wir schliessen uns da ein, zeigen sich angesichts dieser Bilder durchaus betroffen, ja erschrocken: Betroffen von einer Konfrontation mit Kunstwerken, die uns mit einer kaum gekannten Wucht und Unmittelbarkeit in Beschlag nehmen, die mitunter die Intimsphäre der Malenden in einer Weise offenbaren, mit der wir kaum umgehen können. Diese Bilder können irritieren, sie können uns,  die wir uns so frag- und sorglos als nichtbehindert bezeichnen, in eine gewisse Verlegenheit, ja sogar Hilflosigkeit bringen. Zumindest zwingen sie uns, alteingenommene Standpunkte zu befragen, zu prüfen. Dies umso mehr, als wir uns tatsächlich in der “Galeriemeile” befinden, in der wir so manches Sehenswerte wie auch weniger Sehenswerte antreffen.

Wir können uns auch mit Anna Meseure, Autorin eines überaus interessanten Textes im zur Ausstellung erschienenen phantastischen Katalog, die die gezeigten Arbeiten in einen Kontext mit Werken bekannter und berühmter Künstler stellt, der Thematik kunsthistorisch-wissenschaftlich nähern:

Die Künstler der Praunheimer Werkstätten malen, so Anna Meseure, “mit heiligem Ernst”, jedoch weitab etwa der Naivität von Hobby-Malern. “Der wahrscheinlich einzige Unterschied” – wir dürfen zitieren – ” zwischen der Kunst von Menschen mit Beeinträchtigungen und jener von anderen Künstlern besteht in einer anderen Sicht von Innen- und Aussenverhältnis. Während für die Künstler der Praunheimer Werkstätten ihre Kunst dominant eine Ausdrucksmöglichkeit ist, ihr Verhältnis zur Welt und ihre ganz subjektive Sicht der Realität zu zeigen, reflektieren die anderen Künstler mit Hilfe ihrer Werke die Welt als wahrnehmungsabhängig, also die sich historisch ändernden Bedingungen, wie wir Welt überhaupt sehen und verstehen können. Das setzt eine intellektuelle Distanz voraus … Das ‘Da-Sein’ und das ‘So-Sein’ sind different. Bei den Bildern der hier vorgestellten Künstler fallen diese Kategorien in eins … Wobei das ‘Da-Sein’ und ‘So-Sein’ unabhängig von dem gewählten Abstraktionsgrad der Darstellungen identisch ist … Keinem der Künstler geht es um ‘Wirkung’, um ein ‘Beeindrucken’ der Betrachter, sondern um den Ausdruck ihrer eigenen Befindlichkeit. Dies ist aber mindestens so authentisch, wenn nicht authentischer als das, was wir als sogenannte Kunsthandels-Kunst bezeichnen.”

Gerade letzterer Feststellung möchten wir uns uneingeschränkt anschliessen. Uns scheint der Begriff “Authentizität” ohnehin ein Schlüssel zur Beurteilung der Frage zu sein, ob wir einem Kunstwerk gegenüberstehen oder einer in den Kunstbetrieb – sprich Kunst-Markt – eingebrachten Beliebigkeit. Womit wir wieder an den Anfang unserer Betrachtungen zurückgekehrt wären: Ja, diese Bilder aus den Praunheimer Werkstätten bewegen wirklich!

Schauen Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, einige dieser Werke an:

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Manfred Buhl, Drei Grazien, 2008/09, Acryl und Tusche auf Leinwand, 60 x 80 cm; Bildnachweis: Heussenstamm-Galerie

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Manfred Buhl, ohne Titel, 2009, Acryl, Tinte auf Leinwand, 60 x 80 cm; Foto: FeuilletonFrankfurt

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Selbermann (Georg Vaternahm), Frau Barbara Streisand bei Julchen in Oregon, 2006, Ölpastell, Ölfarbe und Bleistift auf Papier, 50 x 70 cm; Bildnachweis: Heussenstamm-Galerie

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Andreas Skorupa, Flucht nach Ägypten, 2009, Acryl und Tusche auf Leinwand, 80 x 100 cm; Foto: FeuilletonFrankfurt

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Gotthard Tschisch, Landschaft mit Bergen, 2008, Acryl auf Leinwand, 60 x 90 cm; Foto: FeuilletonFrankfurt

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Birgit Ziegert, Eichhörnchen, 2008, Acryl und Tusche auf Papier, 40 x 60 cm; Bildnachweis: Heussenstamm-Galerie

Seit Mitte Januar 2010 erstreckt sich die bereits im November vergangenen Jahres im Obergeschoss der Heussenstamm-Galerie eröffnete Schau nun über die gesamte Aussellungsfläche. In den Wochen bis Weihnachten konnten bereits über 600 Besucher gezählt werden – ein grossartiger Erfolg.

Ein Kunstwerk für sich bildet der schon erwähnte Katalog zur Ausstellung, herausgegeben von der Frankfurter Heussenstamm-Stiftung. Er kostet lediglich 15 Euro und sollte in keiner Kunst und Kultur verpflichteten Bibliothek fehlen.

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Stadträtin Professor Daniela Birkenfeld und Dagmar Priepke, Leiterin der Galerie und Geschäftsführerin der Stiftung, bei der Eröffnung der Ausstellung im November 2009, im Hintergrund die Künstlerin Hilda Kleyn; Foto: FeuilletonFrankfurt

Die Praunheimer Werkstätten gGmbH ist eine Rehabilitations- und Förderstätte für Erwachsene mit geistiger Behinderung. Mit verschiedenen Atelierangeboten im künstlerischen Bereich kommt die Einrichtung ihrem formulierten Anliegen nach, den einzelnen behinderten Menschen als Individuum zu begreifen und ihm bei der Entfaltung seiner Persönlichkeit zu unterstützen. Die Ateliers befinden sich in den Standorten Praunheim, Fechenheim und Höchst. Hier erhalten die Künstler der Werkstätten unter Anleitung und Betreuung durch erfahrene Kunstpädagoginnen die Möglichkeit, durch Kunst ihr Verhältnis zur Welt und ihre ganz subjektive Sicht der Realität auszudrücken. Das Ergebnis stellt sich durch Arbeiten mit hoher ästhetischer Qualität und von beeindruckender Authentizität dar und reicht von grossformatigen Gemälden über Papierarbeiten bis zu Holz- und Kartonskulpturen.

Heussenstamm-Stiftung und Heussenstamm-Galerie, Braubachstraße 34, 60311 Frankfurt am Main; die Galerie hat dienstags bis freitags von 12 bis 18 Uhr, samstags von 12 bis 17 Uhr geöffnet.

Carl Morgenstern, der “Frankfurter Italienmaler”

Dienstag, 15. November 2011

Wir haben uns zuletzt viel mit minimalistischer und konzeptueller Kunst befasst, zeitgenössische Installationen und Interventionen in den Blick genommen. Da tut es gut, einmal innezuhalten, sich zu vergewissern, wo man steht, im Bereich der Skulptur, vor allem auch des Tafelbilds, und sich dabei durchaus einem Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts wie dem Frankfurter Carl Morgenstern zuzuwenden, dem das Museum Giersch anlässlich des 2oo. Jahrestages der Geburt des Künstlers seine gegenwärtige Ausstellung widmet.

Carl, bereits in der vierten Generation der Malerdynastie Morgenstern (auch sein Sohn Friedrich Ernst, 1853 bis 1919, wird ihm in dieser Familientradition folgen), wird im Jahr 1811 geboren und von seinem Vater Johann Friedrich in der Tradition des damaligen Akademiebetriebs und einer dunkeltonigen, den altniederländischen Vorbildern verpflichteten Malweise unterwiesen. Mit 21 Jahren begibt er sich nach München, wo er sich – jenseit von Akademie und Hofmalerei – einer Gruppe junger Landschaftsmaler anschliesst, die vor allem in der Natur ihren Lehrmeister sehen.

1829 findet die längst klassische deutsche Italien-Sehnsucht mit der Veröffentlichung der “Italienischen Reise” von Johann Wolfgang Goethe einen vorläufigen Höhepunkt. Im Herbst 1834 bricht auch Carl Morgenstern zur Reise nach Italien auf, die ihn durch die Vielfalt der italienischen Landschaften bis nach Sizilien führt und von der er erst im Sommer 1837 zurückkehrt. Seine mit sensiblem handwerklichen Können auf das Feinste gefertigten Arbeiten – auf der Grundlage hunderter Skizzen in seinen Ateliers in Italien und in Frankfurt ausgeführt – bringen ihm den Titel “Frankfurter Italienmaler” ein.

Ihn faszinieren die südlichen Lichtverhältnisse, die Stimmungen des blauen Himmels und des blauen Wassers, die antiken Stätten, die üppige Vegetation, die kleinen Fischerorte am Meer. Die malerische Wiedergabe der zahlreichen verschiedenen Blautönungen und -schattierungen und der Intensität des Lichts sind ein herausragendes Merkmal dieser den südlichen Landschaften gewidmeten Malerei.

Carl Morgenstern, Capri bei Sonnenaufgang, 1836, Öl auf Leinwand, 74,5 x 105 cm, Privatbesitz

Carl Morgenstern, Terracina mit Fischfelsen, 1844, Öl auf Leinwand, 55 x 78 cm, Privatbesitz

Carl Morgenstern, Blick auf Terracina, 1837, Öl auf Leinwand, 50 x 78 cm, Privatbesitz

Carl Morgenstern, Italienische Ideallandschaft mit Hirten und Ziegenherde, 1837, Öl auf Leinwand, 58 x 78 cm, Sammlung Giersch

Diese bei manchen in Vergessenheit geratenen Bilder üben gerade heute wieder eine Faszination nicht nur auf den Italienliebhaber aus: Wenn wir heute von Rom aus durch Latium reisen, finden wir eine vor allem mit Industrieanlagen, aber auch mit allerlei Bauruinen und Schrotthalden weitgehend zersiedelte und zerstörte Landschaft vor – von der Verbetonierung der Meeresküsten einmal gar nicht zu reden.

Weitere Reisen des Künstlers folgen – innerhalb Deutschlands sowie nach Frankreich, an die französische und italienische Riviera, nach Venedig und in die Schweiz.

Carl Morgenstern, Canal Grande mit Blick auf Sta. Maria della Salute, 1843, Öl auf Leinwand, 30 x 45,8 cm, Privatbesitz

Einen grossen Namen erwirbt sich Morgenstern gerade auch mit Ansichten der Stadt Frankfurt, besonders mit dem Blick vom südlichen Mainufer aus auf die Leonhardskirche, den Dom und die markante Gebäudelinie.

Carl Morgenstern, Blick auf Frankfurt, 1854, Öl auf Leinwand, 52 x 80,5 cm, Privatbesitz

Carl Morgenstern entfaltet eine ungeheure Produktivität, er fertigt Auftragswerke, bei denen er auch auf Kundenwünsche eingeht, und entwickelt eine Reihe von “Standardmotiven”, die er zum Verkauf vorrätig hält.

Doch eilen wir im Zeitraffer voran: Seit den 1870er Jahren findet der einst so erfolgreiche Landschaftsmaler kaum mehr Zuspruch, so dass er, der seine Kunst eher als eine Dienstleistung versteht und weniger als ein Mittel zur Selbstentfaltung, an seinem Werk und seiner künstlerischen Arbeit zu zweifeln beginnt. Maler wie beispielsweise Gustave Courbet finden die öffentliche Aufmerksamkeit und den Erfolg, und mit ihm geben die anderen Maler des Realismus und anschliessend ebenso des Impressionismus die neue Richtung vor: 1859 stellt Édouard Manet im Salon de Paris aus; 1872 gibt Claude Monets berühmtes Seestück “Impression soleil levant” der Bewegung ihren Namen. Und schliesslich beginnt die Fotografie mit ihrem Siegeszug um die Welt. Es wird stiller um Carl Morgenstern. In den ersten Tagen des Jahres 1893 verstirbt der Maler – im Konflikt zwischen handwerklich-malerischer Tradition und Moderne, der er sich nicht mehr zurechnen kann.

Neben den in Öl ausgeführten Gemälden enthält die Ausstellung Ölskizzen und Ölstudien, Aquarelle, Zeichnungen und Skizzenbücher. Den Werken Carl Morgensterns werden Arbeiten von Zeitgenossen und Künstlerfreunden wie Carl Blechen, Johann Georg von Dillis, Ernst Fries, Christian Ernst Bernhard Morgenstern, Friedrich Nerly, Johann Heinrich Schilbach und Ernst Willers sowie von Frankfurter Malern wie Jakob Fürchtegott Dielmann, Johann Heinrich Hasselhorst, Adolf Hoeffler und Eduard Wilhelm Pose gegenübergestellt.

Eine Augenweide schliesslich ist der hervorragend gestaltete Katalog.

Eine äusserst sehenwerte Ausstellung “Carl Morgenstern und die Landschaftsmaler seiner Zeit” im MUSEUM GIERSCH, bis zum 29. Januar 2012.

Bildnachweis: Museum Giersch

 

Der “Krönungsweg” – Frankfurts und Deutschlands bedeutendste historische Meile

Freitag, 6. April 2012

Wo über dem “Archäologischen Garten” der Kran steht, verläuft der Krönungsweg

Der “Krönungsweg” – Frankfurt am Mains und ganz Deutschlands wahrscheinlich bedeutendste historische Meile – auf Jahre und Jahrzehnte hinaus eine Betontrümmerbrache? Im historischen Herzen der Stadt, über viele Jahrhunderte hinweg Stätte der Wahl deutschen Könige und der Krönung vieler Kaiser des “Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation”? Schlicht unverantwortlich!

Hässliche Brache im Herzen der Stadt; Fotos: FeuilletonFrankfurt

“Das ist der Krönungsweg” rief der Frankfurter SPD-Stadtverordnete Turgut Yüksel am 25. März 2012, dem Tag des triumphalen Wahlsiegs des künftigen Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann über den CDU-Kandidaten Boris Rhein, als Feldmann sich vom Haus am Dom, wo die SPD-Party stattfand, zum altehrwürdigen Frankfurter Rathaus Römer begab. Hat der Siegreiche dabei – wenigsten verschämt – mal nach rechts geschaut, dorthin, wo einst dieser Krönungsweg zwischen Kaiserdom und Römer verlief und wo jetzt, nach dem Abriss des betonmassigen Technischen Rathauses, eben jene erbärmliche Wüste und Brache zum Himmel schreit?

Warum wir diese Frage stellen? Nun, niemand anderes als Peter Feldmann hatte sich im Wahlkampf zu der (offenbar von Teilen der Frankfurter SPD getragenen), für uns nicht nachvollziehbaren Aussage verstiegen, der Bau der “neuen Altstadt” könne zurückgestellt werden, bis die städtischen Finanzen wieder konsolidiert seien. Und nun fragen wir weiter: Wann wird das sein, diese Konsolidierung? In einem, in fünf, in zehn Jahren? Wir sagen es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, klipp und klar voraus: am Sankt Nimmerleins-Tag!

Schuld an letzterem Befund ist nun wiederum nicht Peter Feldmann, sondern eine seit Jahrzehnten verfehlte Bundespolitik, die die öffentlichen Haushalte der Kommunen ins finanzielle Elend manövriert hat. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Feldmanns die städtische Finanzkraft herausfordernde Ziele – Kinderarmut stoppen, bezahlbaren Wohnraum schaffen, ältere Bürgerinnen und Bürger integrieren – sind wichtige und richtige. Das aber alles ist kein Grund, besagte Abbruchwüste jetzt einfach mal Abbruchwüste sein zu lassen. Die “neue Altstadtbebauung” zurückzustellen wäre ein beispielloser Frevel an der ehemaligen Freien Reichsstadt und an ihrer auch heute herausragenden Bedeutung im gesamten Deutschland und – allein schon als Sitz der Europäischen Zentralbank – in einem vereinten Europa; wäre eine Zumutung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern und eine Lachnummer für die zwischen Dom und Römer pendelnden Touristenscharen aus aller Welt! Auch einen Namen für solches städtebauliche Elend liesse sich der Volksmund wohl sehr bald für die 7000 m² umfassende Abrisswüste einfallen – wie wäre es beispielsweise mit “Peter Feldmann-Anlage” oder “Dom-Römer Kulturforum”?

Vor zweieinhalb Monaten legte Oberbürgermeisterin Petra Roth den Grundstein für das Jahrhundert-Bauvorhaben: “Mit dem DomRömer-Projekt schreiben wir”, so Frau Roth, “einmal mehr Frankfurter Stadtgeschichte. Nach der Zerstörung unserer Altstadt im Zweiten Weltkrieg und jahrelanger Diskussion erhält die Stadt ihr Herz zurück”. Die Planungen sind weitgehend abgeschlossen, die Fertigstellung für das Jahr 2016 angekündigt. Es sollte deshalb auch endlich Schluss sein mit der immer wieder aufflammenden, klein-klein geführten, auf Provinzniveau abgesunkenen Debatte über die Zahl der Rekonstruktionen. Denn es kann als selbstverständlich angenommen werden, dass auch in einer vom Bombenkrieg verschont gebliebenen Altstadt wesentliche bauliche und allein schon sanierungsbedingte Veränderungen stattgefunden hätten. Was die verantwortlichen Gremien, vor allem die städtische DomRömer GmbH in jahrelanger Arbeit und unter steter Bürgerbeteiligung entwickelt und nun zur Beschlussfassung vorgelegt haben, ist ein eindrucksvoller und sowohl städtebaulich wie ästhetisch sehr befriedigender Kompromiss.

Bildnachweis: HHVISON, DomRömer GmbH

Bildnachweis: HHVISON, DomRömer GmbH

Bildnachweis: HHVISON, DomRömer GmbH

Schlimm ist ebenso die unter dem Vorzeichen eingeschränkter finanzieller Mittel entfachte Diskussion um einen Verzicht auf das als zentrales Element der Gesamtplanung schlechthin notwendige Stadthaus, in dessen Untergeschoss der archäologische Garten integriert werden soll. Dem “Garten”, derzeit unter freiem Himmel der Verschmutzung und Verwitterung ausgesetzt, nicht selten mit Flaschenscherben, verschmierten Essensverpackungen und Zigarettenstummeln verschönt und unzweifelhaft leider auch als Latrine missbraucht, garantierte die Einbettung in das Stadthaus endlich eine angemessene und denkmalgerechte Bleibe.

Auch deshalb nicht nachvollziehbar ist schliesslich die Forderung der Initiative “SOS Dompanorama”, die “Garten”-Brache zugunsten eines – völlig unhistorischen, weil nie vorhandenen – freien Blicks auf den Dom zu belassen. Kirchen und Dome waren Mittelpunkte eng um sie gescharter mittelalterlicher Bebauung; sogenannte “freie Blicke” schufen in aller Regel allein erst die Kriegszerstörungen.

Das Stadthaus schafft einen harmonisch abgeschlossenen, zum Verweilen einladenden Platz; Bildnachweis: DomRömer GmbH

Plakat zur Kampagne; Foto: FeuilletonFrankfurt

Archäologischer Garten sinnvoll und denkmalgerecht unter dem Stadthaus; Bildnachweis: DomRömer GmbH

Die “neue Altstadt” jetzt kaputt-, gar totsparen? Nein danke! Auf die jetzt erforderliche allseitige Vernunft der Stadtpolitik kann man aber leider nicht vertrauen, sondern nur hoffen. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

s. a.  Baut Bettina Pousttchi in der Schirn schon an der neuen Altstadt

s. a.  Folie statt Fachwerk: “Framework” von Bettina Pousttchi in der Schirn Kunsthalle

 

Der Frankfurter Künstlerclub im Nebbienschen Gartenhaus

Donnerstag, 27. März 2008

Nehmen wir an, Sie sitzen an einem warmen Frühlingstag auf der Terasse des Hilton-Hotels und schauen in das junge Grün des hier Bockenheimer Anlage genannten Abschnitts des Frankfurter innerstädtischen Wallanlagenrings. Ihr Blick schweift umher und bleibt auf einem besonderen Kleinod dieser an Kleinodien wahrlich nicht armen Stadt ruhen: Sie erblicken das Nebbiensche Gartenhaus, das Domizil des renommierten Frankfurter Künstlerclubs. Gewiss nehmen Sie sich vor, nach einem abschliessenden Cappuccino Ihre Schritte dorthin zu lenken. Sie treten ein und befinden sich in einer Ausstellung eines der vielen namhaften Frankfurter Künstler.

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Das klassizistische Nebbiensche Gartenhaus, 1810 von Salins de Montfort für den Verleger Marcus Johannes Nebbien als Gartenpavillon errichtet, diente vor dem Zweiten Weltkrieg verschiedenen Zwecken, zuletzt als Maleratelier. 1952 wurde es mit Hilfe von Spenden renoviert. Zu seiner Rechten steht in dem das Gebäude umgebenden romantischen Garten ein marmorner italienischer Renaissance-Brunnen aus dem Park der Villa Waldfried des von den Nationalsozialisten verfolgten Frankfurter Unternehmers und Mäzenen Carl von Weinberg. Die linke Seite schmückt ein weiterer Springbrunnen, aus einem Kapitell aus weissem Sandstein gefertigt und mit einem schmiedeeisernen Brunnenhäuschen verziert.

Ende 1953 gab die Stadt das Gebäude zur Nutzung durch einen Kunstverein frei. Es wurde der Schauspielerin Dodo van Doeren zur Verfügung gestellt, die 1955 mit sechs weiteren Künstlerinnen und Künstlern den gemeinnützigen Verein “Gebende Hände” zur Unterstützung freischaffender Künstler gründete. 1980 – nach 25 Jahren seiner Existenz – gab sich der Verein seinen heutigen Namen “Frankfurter Künstlerclub – gemeinnütziger Zusammenschluss von Künstlern und Kunstfreunden”.

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Heute zählt der Verein rund 350 Mitglieder. Eine Besonderheit ist es, dass in ihm alle Sparten der bildenden und darstellenden Künste vertreten sind, also Malerei, Bildhauerei und Grafik, Fotografie, Prosa und Lyrik, Musik, Schauspielerei und Kabarett. Mit seinen zwölf Kunstausstellungen und den rund 140 Matineen und Soireen, Familienkonzerten und sonstigen Veranstaltungen, namentlich zum Museumsuferfest und zur Frankfurter Buchmesse, erreicht der Künstlerclub rund 10.000 Besucher jährlich. Neben dem Vorstand sind ein Beirat und eine Jury für den Verein tätig. Mit seinen Angeboten gehört der Frankfurter Künstlerclub seit langem zu den wichtigen Kulturträgern des Rhein-Main-Gebietes.

Seit 1996 leitet der Frankfurter Maler und Buchautor Ernst-Dietrich Haberland mit viel Engagement und grosser Leidenschaft als Vorsitzender den Verein. Ihm steht dabei die Ärztin und Geigerin Hannelore Gwildis zur Seite. War es zu Zeiten der “Gebenden Hände” noch eine wesentliche Aufgabe des Vereins, existenzbedrohte und notleidende Künstler zu fördern und zu unterstützen, so hat er sich unter der Führung von Haberland mehr und mehr zu einem zeitgerecht gemanagten, gleichwohl am Gemeinnutz orientierten Kunstbetrieb mit einem besonderen Akzent auf Kunstausstellungen und Darbietungen seiner künstlerischen Mitglieder entwickelt. Haberland realisierte insbesondere seine neue Konzeption, die ausgestellten Kunstwerke durch ein individuell abgestimmtes, der künstlerischen Aussage eines Malers oder Bildhauers entsprechendes Musik- und Literaturprogramm zu begleiten. Ferner trug er dafür Sorge, dass das historische Nebbiensche Gartenhaus optisch und technisch auf einen neuen, den aktuellen Erfordernissen entsprechenden Stand gebracht wurde. Zu den Höhepunkten der bisherigen Geschichte des Künstlerclubs gehörte 2005 der Festakt zum 50. Jahrestag seiner Gründung in Anwesenheit der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth und des damaligen Kulturdezernenten der Stadt, Hans-Bernhard Nordhoff.

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Es ist zum einen dieses reiche kulturelle Angebot, zum anderen aber ebenso der genius loci, der Zauber des klassizistischen Gebäudes, umgeben vom lauschigen Garten mit seinen Brunnen, dies alles inmitten des Wallanlagenparkes mit seinem hohen, alten Baumbestand, den romantischen Weihern und gepflegten Wegen, was die Freunde und Liebhaber des Clubs wie auch die vorüberkommenden Spaziergänger in den Bann zieht.

Übrigens: Der Künstlerclub stellt das Gartenhaus auch Firmen und Privatpersonen für interne Veranstaltungen und Familienfeiern zur Verfügung. Gerne vermittelt er Künstlerinnen und Künstler, die zum Erfolg solcher Veranstaltungen beitragen.

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Derzeit stellt Rudolf Kunstmann unter dem Titel “Schatten der Zeit” Arbeiten in Acryl und Mischtechnik sowie Kollagen im Gartenhaus aus. Am Sonntag, 13. April 2008, 11 Uhr, eröffnet Ernst-Dietrich Haberland die Ausstellung mit Werken von Hans-Ludwig Wucher, bekannt als “Monet von Frankfurt”.

Ein Kleinod mitten in Frankfurt am Main: das Nebbiensche Gartenhaus, Sitz des Frankfurter Künstlerclubs .

(Bildnachweis: Foto A. Köhler wikimedia commons GFDL [1]; Frankfurter Künstlerclub [2 bis 4])