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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Frankfurt und Hessen' Category

“En Passant” der Künstlergruppe “et al.*”

Sonntag, 15. Mai 2011

Sie ging wohl in der grosses Aufsehen erregenden, spektakulären Jubiläumsausstellung der SCHIRN Kunsthalle Frankfurt “Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray” leider etwas unter, zumindest, soweit wir sehen können, in der öffentlichen Resonanz: die fantasievolle Rauminstallation “En Passant” der Künstlergruppe et al.* Obwohl jeder Besucher der Surreal-Schau die im abgedunkelten Treppenaufgang der SCHIRN errichtete Installation passieren muss.

Nun läuft, parallel zur Hauptausstellung, auch “En Passant” am 29. Mai 2011 aus, aber die Installation der Künstlergruppe mit dem bemerkenswert findig-listigen Namen sollte keineswegs in Vergessenheit geraten.

Eine Art Pandämonium, den Türhütern des Höllenrachens nur wenig nachstehend, scheint die Besucher zu empfangen, wenn sie sich – mit oder ohne Furcht und Grusel – anschicken, die obere Ausstellungsetage zu erklimmen. Doch gemach, sassen wir zur Jugendzeit nicht allzu gerne zur Kirmes in den damaligen “Geisterbahnen”, in denen sich spukhafte, wimmernde Torsi und skelettierte Wesen, vom Seufzen ewiger Verdammnis verfallener Seelen begleitet, über uns beugten, uns berührten und uns im nur langsam voranzuckelnden Wägelchen gar nachfolgten?

Verdrehte, verstümmelte Körper, abgeschlagene und aufgespiesste Köpfe, zerfetzte Gliedmassen sind unsere Wegbegleiter beim Aufstieg, kopflose Gespenster schweben auf uns herab, mächtiges, krakenarmhaftes Gedärm bedrängt und aus der Höhe. Eine in üppige Brokat- und Seidenstoffe gehüllte geheimnisvolle Dame küsst, wie der nächtlich gaukelnde Schmetterling dem tödlich heissen Licht der Glühbirne verfallen, eine grell-leuchtende Lampe. Ungewohnte Geräusche und Lichteffekte testen Schreckhaftigkeit und Nervenkostüm des redlich-nichtsahnenden, zur Ausstellung strebenden Kunsthallenbesuchers.

An die 40 skulpturale Elemente hat die Künstlergruppe im Treppenaufgang installiert; sie verschiebt, wie die SCHIRN betont, bewusst die Grenzen zwischen Ausstellungs- und Erlebnisort, zwischen (Alb-)Traum und Wirklichkeit.

Und doch ist all der inszeniert-durchschaubare Schrecken ein Fest der Sinne.

Zac Dempster, Mitglied der Künstlergruppe et all.*, im Interview mit dem SCHIRN Magazin: “Um einen harten Kern von sieben Leuten gibt es einen sich ständig verändernden Kreis aus Freunden, Bekannten und Neugierigen, die alle etwas zu unserer Arbeit beisteuern. Einige kenne ich noch von meiner Zeit aus New York, andere stiessen über Paris und Boston zu uns, die meisten trafen wir in der Frankfurter Städelschule oder auf Partys … Wir entwerfen begehbare Boxen, Nichträume, Traumwelten …”

Und weiter: “Obwohl wir uns nie mit den Surrealisten direkt vergleichen würden, schaffen auch wir irreale Orte, in die man aus der Realität eintritt, aber auch wieder verlassen muss. Diese Phase des Überganges ist uns besonders wichtig und hat uns zur ‘En Passant’ im Treppenhaus der SCHIRN inspiriert … Bei ‘En Passant’ war für uns vor allem interessant, dass die Besucher keinen abgeschlossenen Raum betreten, sondern eine Passage durchlaufen müssen, um zur Ausstellung ‘Surreale Dinge’ zu gelangen … All diese Eindrücke und Einflüsse strömen auf den Besucher ein, der sich eigentlich auf dem Weg in eine andere Ausstellung befindet. Es wird spannend, zu sehen, wie die Leute reagieren werden auf diesen verstörend wunderschönen Moment. Für uns ist ‘En Passant’ damit eine interessante Vorbereitung auf ‘Surreale Dinge’ “.

Künstlergruppe et al.* : Nicholas Vargelis, Zac Dempster und Wendell Seitz

Wer nun aber glaubt, sich an der spukhaften Geisterwelt im Treppenaufgang einfach nur (wenn auch insgeheim schaudernd) erfreuen zu können, wird sich korrigieren müssen: Natürlich ist alles viel hintergründiger, als es vordergründig erscheinen mag, und Kunstgenuss ist nun einmal nicht zum “anstrengungslosen” geistigen Nulltarif zu haben.

Also heisst es in dem Statement der Künstlergruppe zu ihrer Arbeit in der SCHIRN: “Wenn Sie die Stufen der Schirn Kunsthalle hinaufsteigen, stellen Sie sich bitte vor, dass Sie vor dem Gemälde Antoine Carons ‘Das Massaker unter dem Triumvirat’ von 1566 stehen. Durch ein blutiges Enthauptungsritual gewinnen dort die aurei (römische Goldmünzen) an Wert. Auch im Schlachthof werden die Köpfe der Rinder, Lämmer und Schweine gezählt, obwohl es aber das Fleisch ihrer Körper ist, das die Menschen ernährt. Wir erinnern an Michel Leiris’ Idee der Selbstenthauptung, von der er besessen war und die wir mit Batailles erotischen Opferfantasien verbinden, die das Ordnungssystem seines blutigen Chaos beherrschen. Ist das Massaker einmal beschrieben, findet es seine Bewegung und seinen Zweck im surrealistischen Scherz über die Wirklichkeit und der L’amour fou.”

Und damit Sie nun am Schluss, geneigte Leserinnen und Leser, nicht länger gänzlich im Dunkeln herumtappen, liefern wir Ihnen hier das zitierte Gemälde des manieristischen Malers und Meisters der Schule von Fontainebleau, Antoine Caron (um 1521 bis 1599):

Antoine Caron, Das Massaker unter dem Triumvirat, 1566, Öl auf Leinwand, 117 x 200 cm, Musée du Louvre, Paris (Bildnachweis: wikimedia commons/The Yorck Projekt)

(Installation “En Passant”: © Künstlergruppe et al.*; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

 

“Farbverströmung im Dialog” – Klaus Straßheim im Frankfurter Künstlerclub

Freitag, 12. November 2010

Beeinflusst Zufall die Gestaltung? Gestaltung den Zufall? Gestaltung und Zufall im Wechselwirken, im Dialog?

Sternenhimmel I und II, je 70 x 70 cm, Gouache / Acryl auf MDF-Platte

Klaus Straßheim – wir kennen den Künstler von früherer Gelegenheit her – spielt, bei aller Gestaltungskraft, mit dem Zufall, fordert ihn heraus und bändigt ihn zugleich, steht so in einem Dialog mit ihm.

Am Anfang stehen Fotografien, sie bilden die Grundlage für kompositorische Skizzen auf der weissen Malplatte, dann betätigt Straßheim die Sprühflasche, entlässt Farben auf den zunächst planen Malgrund, mit kleinen Holzkeilchen hebt er ihn seitlich zu einer schiefen Ebene an, die Farben fliessen, verströmen sich im Eigenleben, zur Gouache kommt hin und wieder ein Spritzer Acryl, dann lässt er die Tafel trocknen.

“Ich respektiere die Farbe”, sagt er. Er stellt die Malplatte aufrecht, im Prozess der weiteren Bearbeitung mit Farbe, im Wechsel von Abstand und Nähe, in steter Kritik bis hin zum Verwerfen des Erreichten beginnt der Dialog des Künstlers mit dem Bild.

Aufbäumendes Pferd, 90 x 50 cm, Gouache / Acryl auf MDF-Platte

Klaus Straßheim bevorzugt den quadratischen Malgrund als gleichsam neutrale Fläche. Eher zögernd nähert er sich dem – stabilen – Längs- und dem – labilen – Hochformat. Entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit hat er die für die laufende Ausstellung im Nebbienschen Gartenhaus des Frankfurter Künstlerclubs ausgewählten Arbeiten betitelt.

Eisprinzessin I und II, je 75 x 75 cm, Gouache / Acryl auf MDF-Platte

“Kraft Farbe drängen innere Bilder ins Sichtbare. Strömen über, wollen nach aussen, die physische Grenze überwinden”, sagt Klaus Straßheim.

Noldes Blumenmeer V, 50 x 50 cm, Gouache / Acryl auf MDF-Platte

“Malen, das Spüren der Anspannung, der Aufbau von Elan, im Aktionsfluss sein”, beschreibt Straßheim seinen Arbeitsprozess. “Und immer wieder zurücktreten, inne halten. Wieder neu entwerfen, entdecken, dann verwerfen oder verstärken, ein Zulassen oder zurückweisen. Dem Bild etwas zumuten, schenken, nehmen. Wie im Leben, so beim Malen. Von aussen nach innen. Von innen nach aussen. Und wieder zurück. Von der Expression des Malens zur Impression des Betrachtens.

Sichtbares kann Verborgenes werden. Verborgenes kann sichtbar werden.”

Meeresleuchten, 100 x 100 cm, Gouache / Acryl auf MDF-Platte

Klaus Straßheim: “Das dialogische Malen hört so schnell nicht auf. Will doch das Bildgeschehen, ausgehend vom Fotomotiv, seinen eigenen Ausdruck in malerischer Abstraktion finden, Raum haben beim assoziativen Entfalten, beim In-die-Welt-Drängen. Anfang und Ende bedingen sich. Expression und Impression verströmen sich in Farbe und finden einen Klang, der Dialog wird zur Melodie, das trocknende Gemälde atmet ein neues Lied.”

Zum Licht, Diptychon, je 120 x 60 cm, Gouache / Acryl auf MDF-Platte

Klaus Straßheim, 1940 geboren, lebt und arbeitet in Niddatal-Ilbenstadt.

Ernst-Dietrich Haberland, Vorsitzender des Frankfurter Künstlerclubs, und Klaus Straßheim in der Vernissage (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Die Ausstellung “Farbverströmung im Dialog” im Nebbienschen Gartenhaus läuft noch bis zum 21. November 2010.

Am Sonntag, 28. November 2010, 15 Uhr, eröffnet der Frankfurter Künstlerclub seine Gemeinschaftliche Weihnachtsausstellung.

(Werke und Werk-Fotografien © Klaus Straßheim)

“Götterdämmerung” von Richard Wagner: der Tetralogie letzter Teil an der Oper Frankfurt

Sonntag, 5. Februar 2012

Hoffnung für die verstümmelte Natur

von Renate Feyerbacher

Der letzte Tag von Richard Wagners vierteiligem Bühnenfestspiel “Der Ring des Nibelungen” hatte am 29. Januar 2012 Premiere in der Oper Frankfurt.

Vera Nemirova; Foto: Renate Feyerbacher

Fünf Jahre, so erzählt Regisseurin Vera Nemirova, habe das Team zusammengearbeitet. Sie habe sich an der Frankfurter Oper wohlgefühlt. Zum Stammhaus sei sie ihr geworden und “tolle Leute” habe sie getroffen. Sehr fruchtbar im doppelten Sinne sei die Produktion gewesen, denn einige Kinder wurden geboren.

Zum Beispiel wurde Malte Krasting, der Dramaturg des Frankfurter Projekts, Vater. Die anderthalbjährige Kleine ist bei “Oper extra” zu sehen, wie sie tapfer im Foyer herumläuft. “Die im Dunkeln sind, sieht man nicht” hat Brecht gesagt, aber ihre Arbeit ist prägend für das Gelingen des Wagnerschen Mammutwerks, das Krasting bearbeiten musste.

Malte Krasting; Foto: Renate Feyerbacher

Über 400 Seiten umfasst das Reclam-Textbuch, das für die Zuschauer nachvollziehbar und zeitlich verkraftbar aufbereitet werden muss. Und das ist dem Dramaturg gelungen.

Der weltweit agierende Bühnenbildner Jens Kilian hat sich immer wieder Varianten für seine Wagner-Scheibe einfallen lassen, die schliesslich am Ende zur Raum-Zeit-Maschine wird. Aus der Unterwelt im “Rheingold” wird die Halle der Gibichungen, die sich an ihrer Bar gerne bedienen. Die Jetztzeit ist angekommen und gemeint.

Fantasievoll hat Kostümbildnerin Ingeborg Berneth das Personal des Rings eingekleidet. In der “Götterdämmerung” ist es eine Mischung aus alten und neuen Kostümen.

Wie Kilian hat auch Olaf Winter, Technischer Direktor sowohl an der Oper als am Schauspiel, mit namhaften Regisseuren im In- und Ausland zusammengearbeitet. Er verantwortet das Lichtdesign, mit dem pointiert, behutsam, eindrücklich umgegangen wird.

Zunächst war Bibi Abels verantwortlich für die Videoprojektionen, jetzt wurde die Regisseurin, unterstützt von Katja Gehrke, selbst aktiv.

Nun endlich konnte der Chor brillieren, den Wagner in der “Götterdämmerung” – erstmals in der Tetralogie – auftreten lässt. Chordirektor Matthias Köhler hat ihn einstudiert. Stimmgewaltig singen diese “Mannen und Frauen”.

Bildnachweis Chor der Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

Last not least: immer dabei ist Generalmusikdirektor Sebastian Weigle, der mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester – zum dritten Mal in Folge “Orchester des Jahres” – musikalische Meilensteine gesetzt hat. Am Ende präsentieren sich die Musiker mit ihrem Dirigenten und ernten frenetischen Beifall.

Bildnachweis Frankfurter Opern- und Museumsorchester: Barbara Aumüller

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Trüb-grau, poliert-glatt ist die Scheibe, die Raum-Zeit-Maschine, die im “Rheingold” das Blau des Rheins wiedergab, in “Walküre” zum Baumstamm mit Jahresringen und im “Siegfried” zur moosgrünen Wiese im Wald wurde. Es ist Nacht, kalt die Atmosphäre, eisiges Schweigen statt des ausgelassenen, unbekümmerten Lachens und Herumtollens der drei Rheintöchter zu Beginn des “Rheingold”.

Vor sich hinstarrend, hocken nun die drei Schicksal bestimmenden Nornen, die Töchter von Erda, zusammen, unglücklich dreinblickend, ihr strähniges Haar ordnend. Mit dem Messer schneidet jede eine Strähne ab. Düster, langsam, molltönig die Musik. Während sie mit dem Schicksals-Seil die Götter-Staffage und die anderen leblosen Figuren, die auf verschiedenen Positionen der Bühne stehen, umgarnen, beginnen sie vom Vergangenen zu erzählen und unheilvoll das Ende herauf zu beschwören. Dann robbt sich der goldbekleidete Alberich heran und zerschneidet das Seil. Die Nornen entgleiten in die Tiefe “hinab zur Mutter, hinab!”.  Ein starker Beginn.

Die zweite Szene des Vorspiels knüpft wieder an das Ende von “Siegfried”. Es ist der Fels, dessen Feuermauer der Held überwand. Er befreite Brünnhilde aus ihrem (Dornröschen-) Schlaf. Ewige Treue schworen sie sich: “O Siegfried! Dein war ich von jeh!”  Er: “Warst du’s von je, so sei es jetzt!”

Lance Ryan (Siegfried) und Susan Bullock (Brünnhilde); Foto: © Monika Rittershaus

Nun steht da eine Badewanne auf dem “Fels”-Podest. Hingebungsvoll und verliebt wäscht Brünnhilde den Helden, den das kühne Weib dann “zu neuen Taten, teurer Helde!” rüstet, ihm ein Tässchen Kaffee reicht, ihr Ross Grane schenkt und sich seiner Treue versichert. Den Ring des Nibelungen, “Nun wahre Du seine Kraft”, lässt er bei ihr.

Dann erster Aufzug – Ankunft in unserer Gesellschaft. Im Schlauchboot demonstrieren die Rheintöchter, “Rettet den Rhein” steht auf ihrem Schild. Die Occupy-Bewegung, die in eisiger Kälte vor Oper und EZB ausharrt, die Demonstrationen gegen Fluglärm in Frankfurt und Umgebung kommen in den Sinn. Mehr Slapstick denn Ernsthaftigkeit im Auftritt. Später hat die Demonstrationsszene der Rheintöchter  mehr Tiefe. Da versuchen sie, Siegfried den Ring abzuschwätzen. Vergebens.

Der macht sich mit dem Schlauchboot auf zur Halle der Gibichungen am Rhein.

Die Bar des Hauses ist gut gefüllt, nur ein weisser Sessel als Inventar. Die Personen: Gunther, der Chef des Hauses, im Strassenanzug, mit Hornbrille, ein schwächlicher Typ, eine Witzfigur, nichts von einem Helden, von dessen Ruhm Siegfried gehört haben will, und Hagen, sein Halbbruder – ganz in Schwarz.

Lance Ryan (Siegfried), Gregory Frank (Hagen) und Johannes Martin Kränzle (Gunther); Foto: © Monika Rittershaus

Verrat und Schuld

In Wagners “Götterdämmerung” ist Hagen der Sohn des Alberich, dem es trotz Schwur, der Liebe zu entsagen (Rheingold), gelungen ist, ein Kind zu zeugen. Da ist dann noch Gutrune, Gunthers Schwester, die gerade vom Joggen kommt. Die Geschichte ist in der Jetztzeit angekommen. “Die Gibichungen sind uns ähnlicher, als es uns lieb ist” begründet Regisseurin Vera Nemirova diese Szene.

Vor Siegfrieds Ankunft am Hofe hatte Hagen von dessen Heldentaten berichtet. Verschlagen, wie er ist, macht er dem unverheirateten Geschwisterpaar den Gedanken an eine Doppelhochzeit schmackhaft: Gunther soll Brünnhilde freien, Gutrune mit Siegfried vermählt werden. Wie könnten Siegfried, dieser Held, und Brünnhilde, die starke Frau, die nur von ihm erobert werden konnte und mit ihm vermählt ist, an die beiden am Rhein wohnenden Schwächlinge gebunden werden?

Nur durch Betrug: mit einem Willkommenstrank, der Siegfrieds Erinnerung an Brünnhilde auslöscht und ihn zum Betrüger werden lässt, soll das möglich werden.

Kurz nachdem Gutrune, jetzt im Glitzerkleid mit tiefem Dekolleté, Siegfried den Trank gereicht hat, entfaltet sie ihre Verführungskünste. Kopfüber legt sie sich über die Theke der Bar. Mund und Busen sind dem am Boden kauernden Siegfried ganz nah. Und dann schminkt sie sich ihre Lippen. Der, der bis dahin keinen Lippenstift kannte, schaut ganz nah zu. Das knistert.

Anja Fidelia Ulrich (Gutrune) und Lance Ryan (Siegfried); Foto: © Monika Rittershaus

Mit der Tarnkappe, die der Nibelung schuf und die in Siegfrieds Besitz ist, erobert er, in Gestalt von Gunther, für Gunther Brünnhilde, der er Treue schwor. Er entreisst ihr mit Gewalt den Ring vom Finger und entführt sie von ihrem Felsen. Ein infames Unterfangen. “Ihrem Mann (Gunther) gehorchte Brünnhild’ eine volle bräutliche Nacht”, wird Siegfried später seiner zukünftigen Frau Gutrune erzählen.

Bevor das geschehen konnte, hatte sich Waltraute, eine Schwester Brünnhildes, aus der Götterburg entfernt und war zum Felsen geeilt. Sie warnte und beschwor Brünnhilde, den Rheintöchtern den Ring zurückzugeben. Diese Szene ist dank Claudia Mahnke, die Waltraute singt, beeindruckend.

Claudia Mahnke; Foto Renate Feyerbacher

Zurück in der Halle der Gibichungen: Nur der weisse Sessel, in dem Alberich sitzt und sinnt – nur düstere Musik bis Alberich, wieder exzellent Jochen Schmeckenbecher, erscheint und ihn zum Handeln aufruft mit rotem Handschuh, mit dem er bereits im “Rheingold” agierte. Es geht um den Ring. Auch diese Szene ist ein Höhepunkt der Inszenierung, wie überhaupt dieser Zweite Aufzug. Der Ring an Siegfrieds Finger enthüllt den Betrug. Brünnhilde, Hagen und Gunther beschliessen Siegfrieds Tod.

“Es wäre zu einfach zu sagen: die Bösewichte. Die Gibichungen sind uns ähnlicher, als es uns lieb ist” (Vera Nemirova).

Johannes Martin Kränzle (Gunther) und Lance Ryan (Siegfried); Foto: © Monika Rittershaus

Im letzten Moment hat Gunther, der verratene Verräter, versucht, den Mord zu verhindern. Zu spät. Er weint, er versucht, den Sterbenden zu stützen. Gunther ist keine grosse Rolle in der “Götterdämmerung”. Aber die Regisseurin macht sie in diesem Dritten Aufzug dazu. Schweigend, wie erstarrt, sitzt Gunther lange Zeit, die Beine angewinkelt, dem Publikum zugewandt am Rande der Bühne. Dieser Moment geht unter die Haut, so wie Johannes Martin Kränzle ihn darstellt.

Das Ende: Hagen ermordet Gunther beim Kampf um den Ring und stürzt sich in den Rhein. Die  Töchter ziehen ihn in die Tiefe. Bevor sie sich zusammen mit Siegfrieds Leichnam auf dem Scheiterhaufen verbrennen lässt, schleudert Brünnhilde das Feuer – realisiert durch einen Lichtschock – ins Publikum, in die Götterburg Walhall. Der Ring ist  wieder im Besitz der Rheintöchter.

Wotan hat die Natur verstümmelt. Der Quell der Weisheit ist versiegt, die verdorrte Esche abgeholzt. Die Nornen haben es geklagt und beklagt: “In langer Zeiten Lauf zehrte die Wunde den Wald; falb fielen die Blätter, dürr darbte der Baum; traurig versiegte des Quelles Trank: trüben Sinnes ward mein Sang.”

Werden die Menschen die Natur wieder befrieden können? Es sieht düster aus. Die vielen Naturkatastrophen zeigen es. Dennoch hält Vera Nemirova es für falsch, von Weltenbrand zu reden. Zukunft wird es geben.

“Die Nibelungen wiederum – tief in der Erde zu Hause, noch unterhalb des Rheins – sind Sinnbild für Bodenschätze, Edelmetalle, Gold und in letzter Konsequenz: Geld. Und Geld ist Macht.” Malte Krasting: “Fertig ist die Musik eigentlich nie“ (Beitrag im Programmheft).

Eindrücke von der Aufführung

Die minimalistische Form der Inszenierung, es gibt kaum Requisiten, wohl aber die Bewegungen der Scheibe, der Raum-Zeit-Maschine, schärft die Konzentration und lässt die Musik voll zum Tragen kommen. Einige leise Buh-Rufe gab es bei der Premiere für das Regie-Team. Es gibt Momente, die Vera Nemirova überzogen hat, aber ihre Gesamtlinie ist konsequent, interessant und spannend.

Eine Dame sprach mich an und fragte nach meiner Meinung. Sie fand den Schluss langweilig. Ihr fehlten am Ende die Aktionen von Wasser, das Übertreten des Rheines über die Ufer und das lodernde Feuer wie in “Walküre” und “Siegfried”. Natürlich hätten Videoeinspielungen das möglich gemacht. Aber dieser ruhige, unspektakuläre Schluss, Siegfrieds Beerdigung, macht die Intention  des Komponisten klar. Sie provoziert zum Nachdenken.

Die Kontinuität von Bühnenbild und Künstlern stärkt die Inszenierungen der Tetralogie und unterstreicht deren Bedeutung als Gesamtkunstwerk.

Als Hauptpersonen sind wieder dabei: Lance Ryan als Siegfried und Susan Bullock als Brünnhilde. Jochen Schmeckenbecher als Alberich hatte nur einen, allerdings überzeugenden Auftritt. Die Rheintöchter Britta Stallmeister, Jenny Carlstedt und Katharina Magiera sind wieder genauso spritzig wie im “Rheingold”.

Britta Stallmeister; Foto Renate Feyerbacher

Neu besetzt ist die Rolle der Walküre Waltraute mit Claudia Mahnke, einmalig. Sie singt auch die 2. der Nornen, die neu in der „Götterdämmerung“ vertreten sind. Die 1. Norn verkörpert Meredith Arwady, sie sang auch die Erda. Ihr Vibrato ist manchmal zu stark. Die 3. Norn realisiert Angel Blue, die nicht nur ihr Rollen-, sondern auch ihr Hausdebüt an der Frankfurter Oper gibt. Zunächst war die Amerikanerin Model. Es wurde bei “Oper extra” verraten, dass sie einmal Schönheitkönigin war.

Angel Blue; Foto Renate Feyerbacher

Neu sind auch die Figuren des Gunther, des Hagen und der Gutrune, Letztere gesungen von Anja Fidelia Ulrich, eine schöne Stimme, aber es war für die Sängerin schwer, in dieser Konstellation zu bestehen.

Johannes Martin Kränzle, Sänger des Jahres 2011, Träger des Kölner Opernpreises, nominiert für den Theaterpreis DER FAUST 2010, Mitglied des Frankfurter Opernensembles seit vielen Jahren, interpretiert Gunther, den zunächst Schwachen, den von Hagen Abhängigen, der seine Schuld erkennt. Gunther ist eine Nebenrolle, wird aber in der Gestaltung des Sängers zu einer wichtigen Person. Einfühlsam differenziert er auch schauspielerisch die Wandlung dieses Menschen.

Johannes Martin Kränzle; Foto Renate Feyerbacher

Den Hagen sollte ursprünglich der dänische Bass Stephen Milling, eine Hüne von Mann, international unterwegs, singen. Er sagte wegen seines Sohnes, der vor einer Operation stand, ab. Gregory Frank, sieben Jahre Mitglied des Frankfurter Opernensembles, eilte aus den USA herbei, um die Rolle zu übernehmen. Er intoniert gut, aber überzeugt nicht ganz im Spiel. Er ist einer, der zwar am Hofe der Gibichungen das Sagen hat, aber durch die psychischen Verletzungen schwach ist und zum Bösewicht wird  – zuletzt angestachelt durch seinen Vater Alberich. Das arbeitet er nicht so heraus.

Susan Bullock; Foto Renate Feyerbacher

Bewundernswert Susan Bullocks Durchhaltevermögen in dieser Mammut-Rolle der Brünnhilde. Diese schöne Stimme müsste sich jedoch manchmal in ihrem Volumen noch steigern können. Bullock vermittelt dieser Figur grosse Reife und Einsicht. Versöhnlich steht sie am Ende auf der Bühne: verstehend und verzeihend.

Lance Ryan ist auf den Opernbühnen weltweit der Siegfried vom Dienst. Sein durchdringender, ausdrucksstarker Tenor reisst das Geschehen mit. Dennoch fehlt hin und wieder Differenzierung. So unbekümmert dieser Naturbursche ist, so unbekümmert schmettert er gelegentlich drauflos.

Lance Ryan und Meredith Arwady; Foto Renate Feyerbacher

Sein naturhaftes Wesen, seine Sehnsucht nach Familie, die ihn auch in die Zwickmühle bringt, sein Sterben realisiert Lance Ryan überzeugend.

Brünnhilde schleudert symbolisch den Ring ins Publikum. “Wenn die Götter nicht mehr sind, haben wir es in der Hand” (Vera Nemirova).

Ein schöner Einfall: Alle Agierenden der vier Inszenierungen von “Der Ring des Nibelungen” kommen zum Abschied auf die Bühne. Den Erfolg teilt die Regisseurin mit dem gesamten Team.

Vera Nemirova sitzt bei den Premieren immer im Publikum zusammen mit ihrer Mutter. Die mittlerweile berühmte Regisseurin, die 1982 aus Bulgarien in die DDR kam, ist bodenständig geblieben. Freundlich ist sie zu allen, die mit ihr reden wollen.

Mittlerweile wird sie schon wieder zu ihrer nächsten Inszenierung aufgebrochen sein und Frankfurt verlassen haben. In Berlin wird sie erwartet, wo der “Fliegende Holländer” auf dem Spielplan steht. Ob das Herumvagabundieren ihr nicht auch Probleme verursache, wurde sie in einem Interview gefragt. Ja, sagte sie, es habe schon einen etwas bitteren Beigeschmack. Aber mit Ende 30 vermisse sie noch nicht die Festanstellung einer Hausregisseurin. Aber für später wünsche sie sich das schon.

Weitere Aufführungen von “Götterdämmerung”  am 10., 18. und 26. Februar, 3. März, 17. Juni und 1.Juli.
Termine für die kompletten Ring-Zyklen sind im Juni und Juli 2012.

→  Das Rheingold und Die Walküre
→  Siegfried

“Geile Welt” – “heile Welt”? Sandra Mann in der Frankfurter Oberfinanzdirektion

Samstag, 13. August 2011

Wer als Künstlerin oder Künstler zur Eröffnung einer Ausstellung den stets umtriebigen ehemaligen MMK-Direktor Jean-Christophe Ammann ordert, muss sich auf manches gefasst machen, neben willkommenen Streicheleinheiten beispielsweise auch auf kritische Worte. So geschah es Sandra Mann zur Eröffnung ihrer Foto-Ausstellung “Geile Welt” in der Frankfurter Oberfinanzdirektion. Nein, die Texte, die die Künstlerin neben ihren Fotografien drapiert, hielt er nicht unbedingt für ratsam oder gar notwendig. Vielmehr solle sich Sandra Mann, so riet der Kunstprofessor, auf die Bildsprache ihrer Arbeiten verlassen, denen er, vollkommen zu Recht, eine eindrucksvolle Präsenz und hohe Qualität bescheinigte.

“Geile Welt” reimt sich irgendwie auf “heile Welt”, so dachten wir, als wir uns auf den Weg zur Ausstellung machten  – schön wäre es, wenn wir es bei diesem Wortspiel belassen könnten. Dem aber ist nicht so, denn Sandra Manns Welt ist mindestens so unheil wie vielleicht eben gerade noch heil. Aber sehen Sie selbst, liebe Leserinnen und Leser:

Vielleicht, wir wissen es nicht, hat die amerikanische Fotokünstlerin Taryn Simon bei Sandra Manns Bild- und Textkompositionen ein wenig Pate respektive Patin gestanden – bei Simon bilden die sorgfältig verfassten und optisch gestalteten Texte einen integralen Bestandteil des Gesamt-Bild-Text-Kunstwerks. Machen wir die Probe auf’s Exempel: Wie hätten wir es bei “Weil beten nicht hilft” lieber, mit oder ohne Text? Ein Motiv, das sehr berührt, auch aufrührt. Das Denk-Räume eröffnet, wo Heil und Unheil sich begegnen. Das Zweifel – den stillen Bruder der Verzweiflung – weckt. Unsere Antwort: ohne ist besser. Denn wir wollen arbeiten, wenn wir uns der Kunst stellen, nicht konsumieren.

Jesus with Money (Mexico City), 2004, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Ein Prozent genetischer Unterschied (London), 2010, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Sandra Mann lenkt mit ihrer gleichsam leisen Fotografien unseren Blick auf das Wesen der Dinge, auf die eigentliche Welt hinter der uns sichtbaren. Eine eigentümliche Stille und Ruhe liegt über ihren Motiven, die bei anderer Betrachtung Empörung und Zorn über so manche gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse provozieren müssten. Die Künstlerin ergreift in ihrer Fotografie auf eine sehr sensible Weise Partei, vermeidet die lautstarke Plakativität. Umso eindringlicher gelingt es ihr, uns mit ihrer Kunst ihre Botschaften zu vermitteln.

Al Kaida (Paris), 2004, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Chaneltüte (Frankfurt am Main), 2002, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Eine eigene Faszination entwickeln Sandra Manns Fotografien durch den Pigmentdruck auf Leinwand und die anschliessende Rahmung. Die Fotografie erfährt eine neue künstlerische Dimension und wird vom Betrachter in ihrer veränderten Bildhaftigkeit in einem anderen Kontext wahrgenommen. Die Schönheit, ja Musealität des neu entstandenen Werkes steht in einem spannungsreichen Kontrast zur mitunter abgründigen Realität der fotografischen Aussage: dem Wohlstandsmüll, der weltweit wachsenden Diskrepanz zwischen Arm und Reich, der damit einhergehenden Spaltung der Gesellschaft, der vom Menschen vergewaltigten Natur, dem zum Spielzeug pervertierten Kriegsgerät, der Erniedrigung der Frau zum Sexobjekt in der Werbung.

Puttinggreen (Worfelden), 2007, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Skiny (Mexico City), 2005, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Seduction / Attack Helicopter (Wien), 2011, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

“Geile Welt”? Ach ja, auch diese, im vermutlich engeren Sinn, kommt nicht zu kurz: in Foto-Collagen mit den Herren Dominique Strauss-Kahn, Silvio Berlusconi, Arnold Schwarzenegger und Roman Polanski.

Sandra Mann, Jahrgang 1970, studierte an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Kunstgeschichte und anschliessend an der Hochschule für Gestaltung HfG Offenbach Visuelle Kommunikation (Malerei, Bildhauerei, Digitales Bild, Experimentelle Raumkonzepte und Freie Fotografie) mit dem Diplom Visuelle Kommunikation. Seit 1998 stellt die Künstlerin regelmässig aus, in den letzten fünf Jahren neben Frankfurt am Main und  den grösseren Städten Deutschlands unter anderem in Antwerpen, Helsinki, Istanbul, Kapstadt, Los Angeles, Mailand, Rom, Washington und Wien. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien. Werke befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen, unter anderem im Frankfurter Museum für Moderne Kunst und in der Kunsthalle Mannheim.

Eine überaus sehenswerte Ausstellung in der Oberfinanzdirektion Frankfurt, bis 6. Oktober 2011. Das Künstlergespräch mit Sandra Mann am 25. August 2011, 17 Uhr, sollte man nicht versäumen.

(Fotografien: Archivbilder Sandra Mann, gerahmte Ausstellungsansichten FeuilletonFrankfurt)

 

“Highly Accurate Shapes”: Malerei von Julian Lee

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Julian Lee, Subcontinents (The coming of Asia), 2009, Öl / Acryl auf Leinwand, 190 x 150 cm (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Manchmal muss man sich zur Kunst an dafür unvermutete Orte begeben. Zum Beispiel den Frankfurter Riedberg “erklimmen” und den dortigen weitläufigen Zweit-Campus der Goethe-Universität aufsuchen, wo bekanntlich die Welt der Biologie, Chemie, Mathematik und Physik zuhause ist, sich zum Biozentrum durchfragen, dann unter Mitwirkung mehrerer hilfreicher Menschen das Gebäude 101 auffinden und betreten, den Weg in die erste Etage nehmen und: ja, dann ist man am Ziel seiner nicht ganz unbeschwerlichen Reise zur Kunst angelangt, dem “KunstRaum Riedberg” im Dekanat der Fachbereiche Biochemie, Chemie und Pharmazie. Beileibe nicht jeder Frankfurter Kulturmensch wird ihn kennen, unter den Kenntnislosen sicher auch solche Zeitgenossen, die ihn eigentlich kennen müssten, ist dort doch die bereits siebte Kunstausstellung seit seiner Eröffnung im Sommer 2009 zu sehen. Aber wer vermutet schon, pardon, Kunst bei Biologie, Chemie oder Physik, gar Pharmazie, jedenfalls auf den ersten Blick?

Nun, da wir unser Wissen möglichst täglich erweitern wollen, begaben wir uns also unlängst in besagten Raum nebst Flurbereich im äussersten Frankfurter Nordwesten, der von Carsten D. Siebert kuratiert wird. Dies fiel uns allerdings umso leichter, als wir dort einen Maler anzutreffen wussten, dessen Arbeiten uns bereits vor längerem aufgefallen sind, ja faszinierten: Julian Lee.

Highly accurate shapes, 2011, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm

Heimreise, 2011, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm

Julian Lee, 1972 in Liverpool geboren, studierte von 1989 bis 1991 am Southport College of Art und von 1996 bis 2000 an der Universität in Newcastle mit dem Abschluss Bachelor of Art. 2001 übersiedelte er nach Deutschland. Lee erhielt zahlreiche Preise und stellte in Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland wie auch europa- und weltweit aus. Seine Arbeiten sind in internationalen privaten Sammlungen vertreten. Der Künstler lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Neubau, 2009, Öl auf Leinwand, 180 x 180 cm

Es sind zunächst einmal und nicht nur vordergründig die Farben, die uns faszinieren, die verschiedenen Grüns, die Kombinations- und Variationsvielfalt dieser Grün- mit den Blaustufen, eine im Grunde nicht ganz unproblematische Gegenüberstellung der beiden im Lichtspektrum benachbarten und ineinander übergehenden, in der Verschmelzung im unreinen Türkis verschwimmenden Farben, zumal auch das Grün – und gerade in seinen vitalen bis hin zu den grellen Tönungen – offensichtlich von vielen Malern gemieden wird.

Und es sind zum anderen sowohl der Kontrast wie zugleich eine spannungsreiche Harmonie, mit der sich in Julian Lees Malerei geometrische, an Kristalle, aber auch an Architekturen erinnernde, gewissermassen geordnete Formen mit sozusagen ungeordneten, vital und vegetativ wuchernden begegnen, miteinander in einen Diskurs treten, der sich bis hin ins Unendliche verschwebt.

Nocturnal, 2010, Öl auf Leinwand, 110 x 90 cm

The Night, 2008, Öl auf Leinwand, 160 x 100 cm

Lees Malerei führt uns in fantastische Welten, die oft in besagten kristallinen und geometrischen Strukturen, auch in architektonischen Konstruktionen ihren Ausgang nehmen. Sie begegnen mal naturalistisch anmutenden, mal in der künstlerischen Fantasie geborenen Landschaften: Bäumen, Büschen und Sträuchern, begrünten Flächen, Teichen, Hügeln und Tälern. Menschen oder Tiere fehlen in diesen Räumen, der Homo sapiens hat seine Spuren in häuser- und turmähnlichen Gebilden hinterlassen. Prismenähnliche Brechungen, kaleidoskopartige Zerlegungen wechselwirken mit runden, weichen, Harmonie und Geborgenheit verheissenden Formen und Räumen in einer anscheinend unberührten und unverdorbenen Natur. Aber letztere ist doch bedroht, der “letzte Kastanienbaum”, von unheimlich erscheinenden Kräften aus der Bildmitte gezogen, legt Zeugnis davon ab.

The Last Chestnut, 2007,  Öl auf Leinwand, 140 x 120 cm

Die mit Farben in manchem ungewohnt bestückte Palatte, die der Künstler uns unterbreitet, berührt in besonderer Weise Augen und Sinne: Die verschiedenen Grüns, Symbol für von Menschenhand unbelastete und unbeschädigte Natur, für Naturschutz schlechthin, Symbol auch für das Gute, Richtige und Ordnungsgemässe (Grün als positive Signalfarbe) erweckt Gefühle der Sympathie, gepaart mit den Stufungen des Gelb verheisst es Frühlingshaftes und Frühsommerliches, junges Leben in Aufbruch und Entwicklung. Das Blau verspricht Ruhe, Ausgleich und Kontemplation, führt aber zugleich weiter zu Romantik und Sehnsucht, Ferne und Transzendenz. Das emotional aufreizende, mit Liebe und Leidenschaft, aber auch Konflikt und Aggression verbundene Rot meidet Lee, nur selten treffen wir es – und auch dann nur eher Ungutes verkündend – in seinen Arbeiten an.

Vanishing Tree, 2011, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm

Möchte Julian Lee in seiner Kunst die menschliche Welt mit all ihren Errungenschaften wie Fehlentwicklungen mit der Natur versöhnen, so könnte man vordergründig fragen? Oder führt und begleitet er uns nicht vielmehr in tiefere Dimensionen kosmischen Geschehens, das in der irdischen Natur den für uns Menschen wahrnehmbaren Ausgang nimmt? Und kommt es nicht allein auf den Standort des Betrachtenden an, darauf, ob er in den Linsensatz als Mikro- oder vom anderen Ende her als Teleskop schaut, in den Mikro- oder den Makrokosmos, die sich im Letzten doch so sehr ähneln?

Disappearing Tree, 2009, Öl auf Leinwand, 190 x 140 cm

(Werke / Fotografien © Julian Lee)

Julian Lee “Highly Accurate Shapes”, KunstRaum Riedberg der Goethe-Universität Frankfurt am Main, bis 29. Februar 2012