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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Frankfurt und Hessen' Category

“La Calisto” von Francesco Cavalli in der Oper Frankfurt

Montag, 2. Januar 2012

Amor, der Taugenichts – Amor, der Glücksbringer
Irdische Liebe – himmlische Liebe

von Renate Feyerbacher

Feuerrot ist sein Kostüm. Grazil, knabenhaft, beflügelt, beobachtend, lauernd, mit Flöte bewaffnet, hockt Amore (Amor) alias Eros, um seine Intrigen zu beginnen.

Anna Fusek (Amore), Foto: © Barbara Aumüller

Ein schön anzusehender Liebesgott in Gestalt der Musikerin und Schauspielerin Anna Fusek. Mal listig, mal traurig, mal rabiat, pantomimisch nuanciert, lenkt sie betörend die Verwirrspiele mal vom schmalen Bühnensteg aus, mal aus dem Publikum. Sinneslust pur.

“Alle sind verrucht, die an Amor glauben”

Calisto (Kallisto), die Schöne, ein Mensch, eine Nymphe im Gefolge der Jagdgöttin Diana, wird als Erste Amors Opfer sein. Giove (Jupiter) kommt zunächst als fürsorglicher Obergott. Er bedauert den Zustand der Welt, den der Krieg zwischen Göttern und Menschen angerichtet hat, und will helfen. Die Erde ist verbrannt und kahl. Er erspäht Calisto. Sie klagt über die ausgetrockneten Quellen und gibt Giove die Schuld. Der weibertolle Gott will ihr imponieren und lässt ad hoc die Quellen sprudeln. Natürlich will er nicht nur beeindrucken, sondern naschen.

Anna Fusek (Amore) und Christiane Karg (Calisto), Foto: © Barbara Aumüller

Aber Calisto, die Keuschheit schwor, verweigert sich. Gioves Sohn Mercurio (Merkur), Schutzpatron der Kaufleute und des Handels, aber auch der Diebe und Lügner, rät zur List, zur Täuschung, zur göttlichen Metamorphose. Giove verwandelt sich in die Gestalt der Göttin Diana, der Jagd- und Mondgöttin, Göttin der Keuschheit. Wohlgemerkt – es ist seine Tochter mit Giunone (Juno). Das ist besonders infam von dem verwandlungsgeübten Gott, der oft denen, die er begehrt, als Tier erscheint: bei Europa als Stier, bei Leda als Schwan, bei Ganymed als Adler. Calisto merkt den Betrug nicht und lässt sich von der vermeintlichen Göttin küssen und noch mehr. Der Gott schwängert sie.

“Betrogen von Jupiters Liebesglut”

Der römische Dichter Ovid (43 v. Chr bis um 17 n. Chr) hat in den “Metamorphosen”, seinem 15bändigen Meisterwerk, auch die Geschichte von Kallisto erzählt. Giovanni Faustini (1615 bis 1651), der Librettist der Oper “La Calisto”, verknüpft zwei antike Mythen miteinander, “die ursprünglich nichts miteinander zu tun haben”, sagt der Librettoforscher Albert Gier. Aber Diana tritt in beiden auf, allerdings in unterschiedlichen Rollen. Calisto gegenüber ist sie hart und streng und verbannt sie. Sie selbst, die Hüterin der Keuschheit, verliebt sich in den schönen Hirten Endimione (Endymion). “Faustini war der Erfinder solcher, in der venezianischen Oper des 17. Jahrhunderts sehr beliebten Doppelintrigen, die den Vorteil haben, vier etwa gleichwertige Hauptrollen zu ermöglichen” (Albert Gier).

Luca Tittoto (Giove) und Christiane Karg (Calisto), Foto: © Barbara Aumüller

Francesco Cavalli (1602 bis 1676) kleidete dieses Drama in Musik. Er komponierte schnell, auch noch während Librettist Faustini probte. Die Uraufführung war in Venedig und könnte im Herbst 1651 oder im Frühjahr 1652 gewesen sein. Letzteres Datum entspräche dem venezianischen Karneval. Als Karnevalsoper wird daher “La Calisto” auch bezeichnet. “Die Freiheit Venedigs billigt alles … Die berühmte Freiheit Venedigs zieht die Fremden haufenweise an, die Lustbarkeiten und die Vergnügungen halten sie dort fest und erschöpfen ihre Börse” schrieb der Wissenschaftler Alexandre Toussaint de Saint Didier 1680 in “La ville et la République de Venise”. Suffisant führt er das Beispiel des Herzogs von Savoyen an, der unter falschem Namen verschwenderischen Aufwand trieb.

Luca Tittoto (Giove) und Daniel Schmutzhard (Mercurio), Foto: © Barbara Aumüller

Cavalli hiess ursprünglich Giovanni Battista Caletti und war der Sohn eines Domkapellmeisters. Seine schöne, vielgerühmte Knabenstimme faszinierte den Statthalter von Venedig Federico Cavalli, der den Vierzehnjährigen mit in die Lagunenstadt nahm. Dort erhielt er die beste musikalische Ausbildung und war Schüler von Claudio Monteverdi. Er dankte seinem Förderer, indem er seinen Namen annahm und bis zum Lebensende San Marco als Tenorsänger, Organist, Kapellmeister und Komponist verpflichtet blieb.

“Alle Männer sind verrückt”

Das Künstler-Gespann Faustini-Cavalli konzentrierte sich auf die Liebesintrige, auf die Paare Diana – Endimione und Giove – Calisto. Und es geht ihnen um zwei verschiedene Spielarten der Liebe. Beim ersten Paar ist es himmlische Liebe, die sich in Küssen und Träumen erschöpft, beim zweiten Paar geht es um irdische Liebe, die im Geschlechtsakt endet. Beide nähern sich jedoch an, beziehungsweise ihre Liebe unterliegt auch einer Metamorphose: Mondgöttin Diana muss vom Sternenhimmel steigen, um ihrem keuschen Geliebten, den sie in ewigen Schlaf versenkte, nahe zu sein. Sie gibt sich also irdischer Liebe hin, Calisto wird zum Sternbild und ist so dem Geliebten nahe. So wird die Liebe himmlisch.

Brenda Rae (Giunone), Foto: © Barbara Aumüller

Wie kommt es dazu? Giunone (Juno), Jupiters Gemahlin, hat natürlich den Betrug ihres Mannes schnell erkannt. Aber nicht ihn straft sie, sondern Calisto. Und das sehr hart, obwohl die junge, unschuldige Nymphe betrogen wurde, einer Vergewaltigung zum Opfer fiel. Sie lässt Calisto durch die Furien quälen und verwandelt sie in eine Bärin. Daraufhin verspricht Giove ihr eine weitere Metamorphose: als Sternbild wird sie neben ihm Göttlichkeit erlangen.

“Alle Frauen sind verrückt”

“Rollen- und Partnertausch, aber mit Rückverwandlungsgarantie, für zwei Wochen, eine Nacht, eine Stunde, einen Rausch: her damit – nur bitte danach weiter wie  bisher, um eine Erfahrung reicher, ein bisschen Krise als Chance” – das schrieb Jan Bosse im Programmheft zur Baseler Inszenierung von “La Calisto” 2010.

Jan Bosse (1969 geboren), Hausregisseur am Berliner Maxim Gorki-Theater, aktiv an Züricher und Basler Theatern, inszenierte in Frankfurt während der Intendanz von Elisabeth Schweeger Werner Schwabs sogenanntes Fäkaliendrama “Die Präsidentinnen” mit Karin Neuhäuser. Eine grandiose Inszenierung.

Nach “L’Orfeo” von Monteverdi ist “La Calisto” von Cavalli nun seine zweite Operninszenierung, zunächst am Theater Basel und nun an der Oper Frankfurt, genauer im Bockenheimer Depot. Sie wurde neu einstudiert im Bühnenraum von Stéphane Laimé, der seit 14 Jahren für Bosse entwirft (und 2011 “Bühnenbildner des Jahres” wurde) sowie in den Kostümen von Kathrin Plath. Grandios Laimés Idee mit den Wasservorhängen, auf denen erotische Videoinstallationen projiziert werden.

Mitgebracht hat Bosse aus Basel Anna Fusek als Amore,  Luca Tittoto als Giove und Flavio Ferri-Benedetti als Linfea.

“Ich möchte vernascht werden”

Die Spielstätte Bockenheimer Depot ist ideal für dieses frivole, sinnliche Verwirrspiel. Männer und Frauen sitzen sich in zwei Zuschauerblöcken gegenüber, strikt getrennt durch den Bühnensteg. Und die Protagonisten tummeln sich, je nach Gelüsten, mal in dem einen, mal im anderen Block.

Linfea (Lynfea), zum keuschen Gefolge Dianas gehörend, dreht plötzlich durch, entledigt sich ihres weissen, wallenden Gewandes, stürzt sich im kurzen Leopardenkostüm auf die Tribüne der Männer und sucht und findet einen männlichen Schoss. “Ich möchte vernascht werden.”

Flavio Ferri-Benedetti (Linfea) und Christopher Robson (Satirino), Foto: © Barbara Aumüller

Amore leistet tolle Arbeit. Sie hetzt den kleinen Satyr, ein Mischwesen aus Mensch und Tier, auf Linfea, die natürlich angewidert ist.

Das Publikum kommt aus dem Staunen nicht heraus, auch wenn man bedenkt, wie alt diese Geschichte beziehungsweise dieser Text ist und – wie modern. Jacques Offenbach könnte sich hier Ideen geholt haben und auch Mozart: das Duo Jupiter und Merkur erinnert an Don Giovanni und Leporello.

Ein Heidenspass, der dank einer glänzenden Regie nichts mit Klamotte zu tun hat.

Die Musik: eine Entdeckung

Francesco Cavalli, der mehr als 30 Opern schrieb, war damals der führende Opernkomponist Italiens und damit Europas. Selbst seinen Lehrer Monteverdi übertraf er mit seinen musikalisch-durchstrukturierten Formen. “Welche Oper stellt so offen wie diese Sinnlichkeit und Sexualität in den mannigfaltigsten Formen dar?” fragt Dirigent René Jacobs im CD-Booklet von “La Calisto” (2005).

Cavalli begeistert durch Nuancenreichtum der Stimmen: da ist der leidenschaftlich-verzweifelte Sopran der Calisto, der dramatische von Diana und der fast hysterische, in Koloratur sich steigernde von Giunone.

Jenny Carlstedt (Diana), Foto: © Barbara Aumüller

Nymphomanin Linfea wird von einem Countertenor gesungen, der sich auf Travestierollen spezialisiert hat. Der kleine Satyr ist auch ein Countertenor mit hoher Stimmlage. Das Mischwesen Pane (Pan), der Hirtengott, singt manchmal überdreht in seiner Tenorstimmlage. Weich, zart, poetisch-träumerisch ist die Stimme von Endimione, Dianas Liebhaber, “des männlichen Altisten” (René Jacobs). Zwei Basspartien sind dabei: Panes Begleiter Silvano imponiert mit ruppigem Bass. Gioves Klangfarbe ist dagegen locker, verführerisch und steigert sich als Diana ins Falsett. Sein Helfershelfer, Sohn Mercurio, ist ein kecker Bariton wie Leporello. Selten ist so viel stimmliche Vielfalt zu hören.

Nur Amore, Anna Fusek, singt nicht, spielt Flöte und Geige und eilt beweglich durch alle turbulenten Liebesspiele, die er entfachte, und die ein grandioses Sängerinnen- und Sängerteam spielfreudig realisiert: allen voran Christiane Karg als Calisto, Luca Tittoto als Giove, ein italienischer Casanova, Daniel Schmutzhard als Mercurio, Jenny Carlstedt als Diana, Brenda Rae als Giunone, Valer Barna-Sabadus als Endimione, Flavio Ferri-Benedetti als Linfea, Martin Mitterrutzner als Pane, Florian Plock als Silvano, Christopher Robson als Satirino und als Chor das Ensemble Barock vokal der Hochschule für Musik in Mainz.

Last not least dirigiert – sehr einfühlsam, spritzig und fein – der englische Barockspezialist Christian Curnyn die wenigen Musiker  des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters vom Cembalo aus.

Anna Fusek (Amore), Foto: © Barbara Aumüller

Selten besinnt sich Amore und hält inne.

Den Sternenhimmel am Ende produziert das Publikum mit kleinen, in der Pause verteilten Lampen.

Weitere Vorstellungen der Oper Frankfurt am 2., 4., 6. und 7. Januar 2012. Ort des Geschehens: das Bockenheimer Depot, jeweils um 19.30 Uhr.

“Amt für Umbruchsbewältigung” in Frankfurt am Main

Samstag, 28. Januar 2012

Das “Amt für Umbruchsbewältigung” ist voll in Betrieb!

Öffnungs- und Sprechzeiten:

Samstag, 28. Januar, von 15 bis 19 Uhr und
Sonntag, 29. Januar, von 16 bis 19 Uhr.

Die Themenkreise:

DEMOKRATIE UND FREIHEIT

GLOBALE PHÄNOMENE

ÖKONOMIE UND GERECHTIGKEIT

Anmeldung möglichst eine Stunde vor Beginn der Sprechstunden im Frankfurter Kunstverein

(Foto: FeuilletonFrankfurt)

 

“Arte Essenziale” im Frankfurter Kunstverein

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Gemeinschaftsausstellung mit der italienischen Collezione Maramotti

Über die Weihnachtstage waren wir zu Gast im Städel Museum, bei den Alten Meistern, genauer gesagt bei drei Madonnendarstellungen. Nun naht das “Neue Jahr”, und nicht nur deshalb begeben wir uns zu “neuer Kunst”, genauer gesagt zu zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, deren Arbeiten der Frankfurter Kunstverein unter dem Titel “Arte Essenziale” präsentiert – noch bis einschliesslich 1. Januar 2012. Es sind also nur noch ein paar Tage Zeit, genug jedoch, diese überaus sehenswerte – wenn auch etwas anstrengende – Ausstellung zu besuchen.

Arte essenziale – essenzielle, also grundlegende, wesentliche, unabdingbare Kunst? Was ist das?

Zunächst einmal gilt es, betont Holger Kube Ventura, Direktor des Kunstvereins, sehr genau hinzusehen auf das, was vor uns liegt, also das Material zu erforschen und zu definieren, um als Betrachter die Materialität der Objekte als Kunstwerke in ihrem räumlichen und zeitlichen Kontext zu erfassen, zu verstehen und auch zu hinterfragen. Federico Ferrari, Professor für Philosophie der Kunst an der renommierten Mailänder Accademia di belle Arti di Brera und Kurator der gemeinsam mit der Collezione Maramotti realisierten Ausstellung, auf den der Begriff Arte essenziale zurückgeht, sucht nach dem “Ursprung künstlerischer Praxis unter besondere Berücksichtigung des Wesens der künstlerischen Geste”. Er misst dabei dem künstlerischen Ausgangsmaterial eine entscheidende Bedeutung zu. Alltägliche, banale Materialien (wir denken an die Arte povera) können dabei zu “symbolisch aufgeladenen” Materialien wie zum Beispiel Marmor oder Bronze in Beziehung treten und einen neuen Sinnzusammenhang erschliessen.

Karla Black, “Nature Does The Easiest Thing”, 2011, Ausstellungsansichten

Gleich im offenen Treppenhaus empfängt uns eine an der Decke befestigte, über elf Meter an Länge messende Arbeit der 1972 in Alexandria (Schottland) geborenen Karla Black, die in Glasgow lebt und arbeitet. Kleine quadratische Folien aus Polyethylen, mit zart pastellfarbenem Kreidestaub bedeckt, hat sie aneinander geknüpft. Die hauchdünnen Materialien sind in ununterbrochener Bewegung, allein schon die normale Thermik in dem Treppenhaus lässt sie niemals zur Ruhe kommen. Der Kreidestaub auf den knitternden und sich kräuselnden Folien bringt zarte, zerbrechliche Strukturen zum Vorschein, die sich von Sekunde zu Sekunde verändern. Der von der halbkreisförmigen Treppe über die Etagen gebildete Raum gewinnt eine neue Dimension und eine neue Ästhetik.

Francesco Gennari, “Degeneration of Parsifal (Nativity)”, 2005-2010, Ausstellungsansichten

Eine wunderbare Kreation des 1973 in Pesaro geborenen Francesco Gennari, der dortselbst sowie in Mailand lebt und arbeitet: Ein Quader aus Mehl, mit 80 kg dem Körpergewicht des Künstlers entsprechend, wurde zunächst durch vier spiegelblanke Stahlplatten und Schraubzwingen zusammengepresst und -gehalten, die sodann gelöst wurden und nunmehr auf dem Boden liegen. Der Würfel aus der instabilen Masse Mehl erodiert an den Rändern und bildet tiefe Risse, die abgespalteten Teile “stürzen” herab wie etwa (dieser Tage geschehen mit einem zu beklagenden Todesopfer) Kreidefelsen auf Rügen. Eine die eigene Person und Existenz als Künstler reflektierende Arbeit, eine Metapher für Eingesperrtsein in überwiegend behüteter Bürgerlichkeit und einer – der Schutzlosigkeit ausgesetzten – künstlerischen Freiheit.

Karla Black, “Persuader Face”, 2011, (im Hintergrund “What To Ask Of Others”, 2011), Ausstellungsansicht

Karla Black, “What To Ask Of Others”, 2011

Und noch einmal Karla Black: Wunderbar auch zwei weitere ihrer Arbeiten , die in einem räumlichen Zusammenhang präsentiert werden. Auf dem Boden breitet die Künstlerin einen “Teppich” aus, er soll aus Make up-Puder in einem warmen, zarten Rosa bestehen (nach anderer Ausführung aus gefärbtem Gipspulver). Der Belag franst an den Rändern aus, bedeckt zunächst kaum wahrnehmbare, bei längerem Hinsehen aber immer deutlicher erkennbar werdende Strukturen. Wir denken an die Blütenstaub-Arbeit von Wolfgang Laib seinerzeit im MMK. Man bückt sich nieder, ist versucht, den “Teppich” mit den Fingern zu berühren, zu erkunden.

Ähnlich die Wandarbeit aus einer hauchdünnen, mit Kreidestaub bedeckten Folie, wiederum aus Polyethylen, einem trotz seiner Zartheit als widerstandsfähig und belastbar bekanntem Material. Assoziationen stellen sich ein: an Brautkleider, Schleier über Kinderwiegen, festlich dekorierte Tafeln und Räume. Auch diese Folie ist, der Luftzirkulation im Saal geschuldet, in ständiger Bewegung, reagiert sofort auf die einen Luftzug erzeugende Annäherung des Betrachters, weicht ihm aus oder kommt ihm entgegen. Jede Erscheinungsform in einer Millisekunde ist vergänglich, kehrt nie mehr wieder.

Gianni Caravaggio, “Shortly Before the Solar System”, 2008

Der studierte Bildhauer und Philosoph Gianni Caravaggio, 1968 im Dörfchen Rocca San Giovanni in den Abruzzen geboren, lebt und Arbeitet in Mailand und Stuttgart. Auf dem Boden ein an einen noch nicht gerundeten, mit Kratern übersäten Himmelskörper erinnerndes, etwa eineinhalb Meter hohes kugelähnliches Objekt aus Styropor, bei dem optische Massigkeit und physikalische Leichtigkeit des Materials in einem offenen Widerspruch stehen, darauf eine kleine Skulptur aus neun Kugeln unterschiedlicher Grösse und Materialität wie Bronze, Zink, Aluminium oder auch Soja. Dieses in sich schon fragile Gebilde – es könnte auf die nach älterer Definition neun Planeten des Sonnensystems anspielen – lagert unbefestigt in einer der kraterförmigen Vertiefungen des bodenstehenden Objekts. Instabilität, Zufälle auch im Universum? Oder ein spielender Creator, Demiurg?

Thea Djordjadze, “I trust the liar. With pleasure, tea”, 2011, Ausstellungsansichten

Thea Djordjadze, eine 1971 in Tiflis geborene Installations- und Objektkünstlerin, lebt und arbeitet in Berlin. Sie konstruiert einen häusliche Situationen zitierenden Raum aus den harten Materialien Stahl, Glas und Spiegeln, den sie mit wohnlichen, gleichsam “warmen” Objekten wie Teppichen und Decken oder auch gefässartigen Gebilden aus Keramik oder Ton ausstattet. Die Jalousie des Fensters ist heruntergelassen. Der Raum verharrt in einem “unfertigen” Zustand – wird hier etwas errichtet oder abgebrochen? Konstruktion wie Dekonstruktion spielen in der gezeigten Arbeit ebenso eine Rolle wie räumliche Inszenierungen, die beim Umschreiten der Installation erfahrbar werden.

Wir schauen aus einem der Installation benachbarten Fenster, mitten hinein in die umbrechende Stadtlandschaft. Und wenden uns wieder zurück zu Thea Djordjadzes Raumschöpfung.

Ausstellungs-Aussicht (durch ein Fenster des Ausstellungssaals auf Dom, Grossbaustelle “Altstadtbebauung” mit Graffiti-Zaun und Schirn Kunsthalle)

“Arte Essenziale” zeigt ausserdem Arbeiten von Alice Cattaneo, Jason Dodge, Ian Kiaer und Helen Mirra. Die Künstler haben ihre Werke im Auftrag der Collezione Maramotti in Reggio Emilia für die Ausstellung produziert. Nach einer ersten Präsentation in der Collezione Maramotti, dem von Achille Maramotti (Max Mara) begründeten Museum für zeitgenössische Kunst, wird “Arte Essenziale” derzeit – noch bis 1. Januar 2012 – im Frankfurter Kunstverein gezeigt.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

 

“Daphne” von Richard Strauss an der Oper Frankfurt

Dienstag, 6. April 2010

Erinnerung als Paradies und als Raum erfahrenen Unglücks:

“Daphne” von Richard Strauss an der Oper Frankfurt

Eindrücke von Renate Feyerbacher

Eine alte Frau betritt zögernd die Bühne und schreitet durch die hohen, heruntergekommenen Räume. Claus Guth, der Opernregisseur, bekannt für seine psychologischen Interpretationen, lässt die gealterte Daphne den Ort ihrer Kindheit und Jugend, wo der Missbrauch stattfand, aufsuchen. “Der Tag, der sie veränderte, sie erstarren liess, taucht wiederum vor ihren Augen auf.” Das Thema beschäftigt derzeit unsere Gesellschaft landauf, landab. Es sind viele, die zur Zeit aus ihrer Erstarrung aufwachen, sich erinnern und reden wie der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff: “Keinem der Betroffenen sieht man an, wie viel in ihm kaputt ist.”

Dieser Gedanke schwebt über der Aufführung.

In der griechischen Mythologie erstarrt Daphne, die Nymphe, zum Lorbeerbaum, als Gott Apollo hinter ihr her ist und nicht von ihr ablässt. Das Thema hat Schriftsteller (Ovid, Petrarca, Martin Opitz, Sylvia Plath, Sarah Kane – beide Dichterinnen nahmen sich das Leben – ), Komponisten (Monteverdi, Gluck, Mozart), Maler, Philosophen und Psychoanalytiker wie Sigmund Freud nicht losgelassen. Freud interpretierte die Geschichte als Deflorationsangst des Mädchens und Feindseligkeit gegenüber dem Mann, die krankhafte Züge annehmen kann.

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Lance Ryan (Apollo), Daniel Behle (Leukippos) und Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Richard Strauss war ein Freund Griechenlands. 1892 besuchte er die Insel Naxos, auf der Dionysos, Gott des Weines, geboren und verehrt wurde. Auch Ariadne lebte hier. Richard Strauss schuf zusammen mit Hugo von Hofmannsthal die Oper “Ariadne auf Naxos”. Auch diesmal wollte der Komponist mit Hofmannsthal die “Daphne” erarbeiten, aber der Freund starb unerwartet 1929. Stefan Zweig übernahm die Librettistenaufgabe, aber die Nazis liessen dieses Bündnis von Komponist und Dichter nicht zu. Zweig empfahl Joseph Gregor, einen Bücherwurm, Bibliothekar und Archivar, der die Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek gegründet hatte und sich hin und wieder als Poet betätigte. Die Briefe, die Strauss ihm schrieb, zeugen von der mühsamen Arbeit am Libretto. Er forderte laufend Veränderungen und sprach von “schlecht imitiertem Homerjargon”. Er liess das Projekt schliesslich zu mit den Worten, “dass aus dem hübschen Sujet und manchen hübschen Details der Bearbeitung nicht doch noch ein netter Einakter werden kann”. “Daphne”, die bukolische Tragödie in einem Akt, wurde am 15. Oktober 1938 in der Semper-Oper in Dresden uraufgeführt. Bukolik ist die griechische Hirtendichtung.

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Lance Ryan (Apollo) und Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Die Oper beginnt mit den Vorbereitungen auf das Dionysos-Fest. Leukippos, der Jugendfreund, umwirbt Daphne und kommt ihr nah, doch sie schreckt plötzlich zurück. Mutter Gaea, mythologisch Mutter Erde, ist besorgt. Apollo, verkleidet als Hirte, ist von dem jungen schönen Mädchen (Nymphe) angezogen. Daphne ist berührt von seinen Liebesworten, umarmt und küsst ihn, dann schreckt sie vor Angst zurück. Beim Fest erscheint Leukippos als Mädchen verkleidet, um Daphne nahe zu sein. Diese Entweihung des Festes und der Betrug erzürnen Apollo: Er stört mit Donner und Blitz die Festlichkeiten und stellt den jungen Nebenbuhler zur Rede. Daphne muss den doppelten Betrug erkennen. Leukippos befreit sich selbst von den Frauenkleidern, Apollo offenbart sich und fordert die Geliebte auf, mit ihm zu gehen. Als Leukippos ihn einen Lügner nennt und Daphne sich weigert, mitzugehen, kommt es zum Kampf. Apollo tötet Daphnes Jugendfreund und bittet die Götter um Vergebung. Daphne möchte er zurück gewinnen – nicht in Menschengestalt, sondern als immer grünenden Lorbeerbaum. Daphne verwandelt sich.

Der Text dieser musikalisch eindringlichen Oper erscheint manchmal verquast und artifiziell. Man muss sich auf die Musik konzentrieren mit ihren wunderschönen Momenten: “Hier sind behutsame Regungen und Stimmungen der Naturverbundenheit in Klänge gefasst, die man so leicht nicht vergisst”, schreibt Ernst Krause (zitiert nach dem Programmheft). Fasziniert ist er, wie Strauss Daphnes Verwandlung in den Lorbeerbaum musikalisch umsetzt, die sich in “schleierzartem Fis-Dur vollzieht, wie der Klang sich aus dem reinen Holz emporwachsend immer mehr in das viel verästelte Farbenflimmern der geteilten Streicher, der Harfe und der übrigen Instrumente auflöst … “, der Klang sich in den “vogelhaft-zwitschernden Koloraturen des frei schwebenden Soprans” fortspinnt. Das ist einmalig. Strauss hat mehr als einen netten Einakter geschaffen.

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Maria Bengtsson (Daphne); Bildnachweis: Oper Frankfurt, Foto: © Barbara Aumüller

Claus Guths einleuchtende, psychologisch-durchgängige Regiearbeit steht im Einklang mit der musikalischen Realisation.

Die Schwedin Maria Bengtsson singt Daphne. Ihr zarter, lyrischer Ton begeistert, ihr Spiel ist eindringlich. Ihr einleitender Monolog “O bleib, geliebter Tag” lässt erahnen, welches Potential diese Stimme birgt, die in der Klage um den toten Freund einen Höhepunkt erreicht. Heldentenor Lance Ryan hat in “Daphne” sein Debüt als Apollo. Trotz gesundheitlicher Probleme am Premierenabend gab der Kanadier einen grandiosen Einstand an der Oper Frankfurt. Er verlieh diesem liebesbesessenen und machtorientierten Gott kraftvolle Töne, manchmal bewusst etwas schrill. Martin Behle ist Leukippos. Sein jugendlicher, strahlender Tenor, makellos in den Höhen, besticht.

Matthew Best als Vater Peneios und Tanja Ariane als Gaea überzeugen wie auch die anderen Sängerinnen und Sänger, die als Schäfer und Mägde agieren.

Generalmusikdirektor Sebastian Weigle und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester musizieren sehr dynamisch: lebendig beim Fest, einfühlsam bei den Naturimpressionen.

“Daphne” – ein Opernabend, den man schon wegen Maria Bengtsson nicht verpassen sollte: Vorstellungen gibt es am 4., 10., 18., 23. und 25. April sowie am 19. und 26. Juni 2010, jeweils um 19.30 Uhr.

“DeutschSommer” – ein richtungweisendes Projekt der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main

Mittwoch, 22. September 2010

Der “DeutschSommer”, das Sprachförderprogramm der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main, ging bereits 2007 an den Start, lange bevor also Thilo Sarrazins jüngst erschienenes Bestseller-Buch “Deutschland schafft sich ab” die Politik aufschreckte oder besser gesagt aufweckte.

Als Exkurs und um es gleich vorweg zu nehmen: Wir halten es insofern mit dem ruhig abgewogenen, differenzierenden Urteil eines Frank Schirrmacher (“Ein fataler Irrweg” oder “Frau Merkel sagt, es ist alles gesagt”, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung von 29. August bzw. 19. September 2010). Und auch mit dem provokanten, den Nagel aber auf den Kopf treffenden Kommentar eines Volker Zastrow “Körperzellenrock” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 12. September 2010, der eine realitätsferne, sich vielfach im Weggucken und Wegducken erschöpfende “political correctness” der politischen Kaste geisselt. Denn leider und unbestreitbar gibt es einen nicht unerheblichen Anteil an Migranten in Deutschland, der sich integrationsfern bis integrationsverweigernd darstellt, mit allen sich daraus für die Gesellschaft wie auch für die Betreffenden selbst ergebenden absehbar negativen Konsequenzen.

Da sucht man verzweifelt nach Auswegen oder gar Lichtblicken. Und findet sie: in dem erfolgreichen Projekt “DeutschSommer” der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main.

(Bildnachweis: “DeutschSommer”; Foto: D. Buschardt)

Das sehen auch andere so, beispielsweise die von der Bundesregierung und der Wirtschaft getragene, unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stehende Standort-Initiative “Deutschland – Land der Ideen” mit ihrem Wettbewerb “365 Orte im Land der Ideen”: Am 16. September 2010 zeichnete sie in einer Feierstunde in Frankfurt in Anwesenheit der hessischen Kultusministerin Dorothea Henzler den “DeutschSommer” als “Ausgewählten Ort 2010″ aus.

Dorothea Henzler, Kultusministerin des Landes Hessen, bei ihrem Grusswort zur Preisverleihung

“DeutschSommer – Ferien, die schlau machen”: eine geniale Idee, ebenso tatkräftig wie erfolgreich in die Praxis umgesetzt. Stellt die Bildungsförderung bereits eines der zentralen Anliegen der Stiftung dar, so steht die Sprachförderung und insbesondere das Bemühen um Sprachkompetenz bei Migrantenkindern im Fokus des Förderprogramms “DeutschSommer”. Das Projekt begann im Sommer 2007 zunächst in Frankfurt am Main. In diesem Jahr beteiligen sich erstmals auch die benachbarten Städte Offenbach, Hanau und Wiesbaden an ihm. Neben dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten und dem Staatlichen Schulamt für die Stadt Frankfurt sowie der Volkshochschule und dem hessischen Kultusministerium unterstützen namhafte private Stiftungen als Partner das Projekt.

In der Zeit der hessischen Sommer-Schulferien erhielten 150 Frankfurter Schülerinnen und Schüler des dritten Schuljahrs mit gezieltem Förderbedarf im Deutschen eine intensive und ganzheitliche Förderung: über drei Wochen hinweg täglich zwei Stunden Deutschunterricht und zwei Stunden sprachintensives Theaterspiel. Lesen, Schreiben, Wortschatz und Grammatik stehen im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit in kleinen Schülergruppen mit bis zu zwölf Kindern, die in Jugendherbergen untergebracht werden. Am Nachmittag betreuen Sozialpädagogen die Kinder in einem anregenden Freizeitprogramm. Am Ende der drei Wochen führen die Kinder ein Theaterstück auf, zu dem auch die Eltern eingeladen werden (die denn auch sehr zahlreich erscheinen).

Der Erfolg ist messbar: viele der Kinder gelangen aus den schwachen in die guten Leistungsgruppen mit unterrichtsfähigen Deutschkenntnissen. Zugleich wächst bei den Kindern das Bewusstsein, ihre Sprachkenntnisse nach bestimmten Regeln selbst verbessern zu können, und das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit.

Aufbauend auf den “DeutschSommer” folgt im Januar in der letzten Woche der Weihnachtsferien das Projekt “Endspurt” im Schullandheim “Wegscheide” der Stadt Frankfurt am Main, wiederum mit Deutschunterricht, sprachintensivem Theaterspiel und einem begleitenden Freizeitprogramm. Dreierteams – sie bestehen jeweils aus einer Lehrkraft für Deutsch als Zweitsprache sowie einem Theater- und einem Sozialpädagogen – betreuen Gruppen mit maximal 14 Kindern rund um die Uhr.

Ein zweitägiges Fortbildungsseminar “3x Deutsch: Sprache, Theater, Freizeit” schliesslich richtet sich an Lehrer der Schüler der Klassen 3 und 4, die am “DeutschSommer” teilgenommen haben. Es vermittelt praxisnah die erfolgreiche Methodik des “DeutschSommers” für den Einsatz im Schulalltag.

“DeutschSommer”-Kinder des Jahres 2010 bedanken sich für den Applaus des Publikums der Preisverleihung

Es ist unbestreitbar: Sprachkompetenz ist eine zentrale Voraussetzung für eine gelingende Integration von Migranten. Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main hat dies vor langem erkannt und mit ihrem erfolgreichen Projekt “DeutschSommer” entsprechend gehandelt.

(Fotos von der Preisverleihung und der sie begleitenden Ausstellung: FeuilletonFrankfurt)