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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Biennale Arte Venedig 2009 / 2011 / 2013' Category

Biennale Arte Venedig 2011 (11): Adrián Villar Rojas “The Murderer of Your Heritage”

Donnerstag, 3. November 2011

Im Frühjahr 2011, in gut zwei Monaten Arbeit vor Ort, an allen Wochentagen und um die 16 Stunden täglich, auf rund 25o Quadratmetern Ausstellungsfläche in der Artiglierie der venezianischen Arsenale, mit einem grossen Team von Bauleuten, Ingenieuren beziehungsweise Statikern sowie Bildhauern, schuf der argentinische Künstler Adrián Villar Rojas elf monumentale Skulpturen aus Ton und Zement. Der Titel seiner Arbeit: The Murderer of Your Heritage – Der Mörder deines Erbes. Eine ortspezifische Installation als offizieller Beitrag der Republik Argentinien zur 54. Biennale Venedig 2011.

Villar Rojas beruft sich in seiner Arbeit auf die Theorie einer Existenz paralleler Welten, von Multiversen; seine Figuren stehen dabei für Erscheinungsformen gleichzeitiger Welten in den Individuen, für alternative Entwicklungen, die die Menschheit im Laufer der Evolution hätte nehmen können.

Die innere Struktur seiner monumentalen hybriden Figuren besteht aus Holz, Zement und Sackleinen, die äussere Gestalt modelliert er aus Ton. Es erscheinen Formen von vegetativem Wuchs, verbunden mit architektonischen Strukturen und Elementen grosser Maschinen. Der Künstler versetzt sich gleichsam an ein zukünftiges Ende der Welt und fragt, wie ein letztes von einem menschlichen Wesen geschaffenes Kunstwerk aussehen könnte.“What will the last piece of art ever to be made by a human look like before we disappear from the face of the earth?” – so lautet seine Frage.

Villar Rojas versteht seine Arbeiten als eine Alternative zu der traditionellen lateinamerikanischen Kunstproduktion, die sich eher der Einfachheit der Form, des Ready-made und der Konzeptkunst verpflichtet fühlt. Im Gegensatz dazu sind seine Werke von einer emphatischen, fast liebevollen Zuwendung zu den Materialien, zu den Formen und Oberflächen gekennzeichnet. Die Figuren scheinen auf eine geheimnisvolle, dem menschlichen Zugang verschlossene Weise miteinander zu kommunizieren.

Adrián Villar Rojas wurde 1980 in Rosario geboren. Er studierte an der dortigen Universität Bildende Künste. Seine Arbeiten wurden und werden weltweit ausgestellt, unter anderem in Berlin, Buenos Aires, Istanbul, London, Mexico City, Paris, San Francisco und Sao Paulo.

Installation “The Murderer of Your Heritage” © Adrián Villar Rojas; Fotos der Ausstellungsansichten: FeuilletonFrankfurt

Die Biennale Arte di Venezia endet am
27. November 2011.


Biennale Arte Venedig 2011 (12): Urs Fischer, Installation “untitled”, 2011

Dienstag, 8. November 2011

Alles Irdische geht einmal zu Ende, bleibt aber in unseren Erinnerungen lebendig; ja “lebt” in einer anderen Art und Weise weiter, in einer anderen Materialität, in metaphysischen Räumen, in einer anderen Dimension des Universums, in einem möglichen Multiversum.

Auch die 54. Biennale in Venedig nähert sich ihrem Ende, und somit auch unsere Reihe von Berichten in FeuilletonFrankfurt, die informieren und neugierig machen wollen – noch ist es ja, bis zum 27. dieses Monats November, möglich, sich kurzentschlossen auf den Weg nach Venedig zu begeben, das überdies an nebelig-verhangenen Novembertagen sehr viel besser zu entdecken ist als in den Sommermonaten der überbordenden touristischen Masseninvasion.

Abschied nehmen heisst es also – und nichts passt besser dazu als eine wunderbare Arbeit von Urs Fischer in den Arsenale.

Urs Fischer präsentiert drei Skulpturen in Lebensgrösse beziehungsweise im Massstab 1 zu 1:

Da steht zum einen eine Nachbildung der manieristischen Marmorgruppe “Der Raub der Sabinerinnen” aus dem Jahr 1583 von Giovanni da Bologna (1529 bis 1608, genannt Giambologna, eigentlich, seiner Geburt im heute französischen Douai geschuldet, Jean de Boulogne), weltweit bekannt durch ihren prominenten Standort vor der Loggia dei Lanzi in Florenz.

Davor ein Betrachter, bekleidet mit sportlicher Hose, offenem Hemdkragen und gepflegtem Sakko, die Hände lässig in den Hosentaschen, die Brille nicht minder lässig über die Stirn geschoben. Ein Geschäftsmann auf Kulturreise, die vermeintliche Marmorskulptur  betrachtend? Nein, es ist “Fischers friend”, eine lebenstreue Nachbildung des Künstlers Rudolf Stingel.

Und dann steht da noch ein Bürosessel, durchaus komfortabel mit Armlehnen und erhöhter Rückenlehne, sagen wir mal für mittleres Management. Auch nicht wahr? Es handelt sich um ein in Urs Fischers Arbeiten häufig anzutreffendes Attribut: hier die Nachbildung seines eigenen Atelier-Sessels.

Was nun ist daran das besondere?

Nun, alle drei Skulpturen bestehen aus Wachs, wie es für Kerzen verwendet wird. Und sie sind auch in der Tat gewissermassen Kerzen: versehen mit einem Docht brennen sie. Das Wachs lief bereits am 1. und am 4. Juni 2011, als wir sie an den Preview-Tagen besuchten, an ihnen herunter.

Und die Figuren – die Florentiner Skulptur-Ikone “Raub der Sabinerinnen”, der Künstler Rudolf Stingel, Urs Fischers komfortabler Bürosessel – sie alle brennen und schmelzen täglich weiter ab. Wir wissen nicht, wieviel am heutigen Tag noch von ihnen übrig ist oder ob sie sich bereits in einen grösseren Hügel von Wachs auf dem Boden verwandelt haben.

Ein für die Biennale mit einigem Aufwand erschaffenes Werk verzehrt sich, zerstört sich selbst.

Eine Vanitas, ein Memento mori. Und ein Hinterfragen aller künstlerischen Tätigkeiten und aller künstlerischen Produkte.

Eine Verunsicherung auch des die Werke der Kunst betrachtenden Publikums: Was ist wahr, was hat Bestand, was geschieht mit “Kunst”, was geschieht mit einem “Künstler”? Wie steht – und “besteht” – der heutige Künstler vor den grossen Ikonen alter Kunst?

Letzteres nun führt uns zum Ausgangspunkt der diesjährigen Biennale in Venedig zurück: zu dem grossen venezianischen Meister Jacopo Robusti, genannt Tintoretto (1518 bis 1594), dem Biennale-Direktorin Bice Curiger die grosse Haupthalle des Biennale-Palastes widmete.

Urs Fischer, 1973 in Zürich geboren, erhielt zwei Mal den Eidgenössischen Preis für Freie Kunst und bestritt zahlreiche Einzelausstellungen, unter anderem in New York, Paris, Rotterdam und Zürich. Fischer lebt und arbeitet in New York.

Installation “untitled”, 2011, Ausstellungsansichten, Wachs, Pigmente, Dochte, Stahl, Installationsmasse variabel, © Urs Fischer, Courtesy Galerie Eve Presenhuber, Zürich;

Fotos: FeuilletonFrankfurt

Die Biennale Arte di Venezia endet am
27. November 2011.

→ → → Biennale Arte Venedig 2011 (1)

Biennale Arte Venedig 2011 (2): Jacopo Tintoretto und Maurizio Cattelan

Montag, 18. Juli 2011

Es ist ruhiger geworden um die diesjährige 54. Kunst-Biennale in Venedig. Die Printmedien, insbesondere die Fachmagazine, haben sich an ihr abgearbeitet ebenso wie Hörfunk und Fernsehen: Es ist also der rechte Zeitpunkt für FeuilletonFrankfurt, seinen Leserinnen und Lesern ein paar eigene Eindrücke zu vermitteln und diejenigen, die einen Besuch erst noch planen, neugierig zu machen.

“ILLUMInations” lautet beziehungsreich der Titel der 54. Biennale Arte 2011 – von dem 1976 im japanischen Okinawa geborenen US-amerikanischen Künstler Josh Smith in seiner unverwechselbaren Schrift und in einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Ironie auf die Eingangsfassade des Biennale-Palastes in den Giardini Pubblici gepinselt. Diese Arbeit reisst uns nicht unbedingt vom Hocker.

Josh Smith, ILLUMI-NATIONS

Aber dann folgt, beim Betreten der Haupthalle, der Aufreger, und – obschon alles im Vorfeld landauf, landab bereits hinlänglich zu lesen war – ein Erstaunen und ungläubiges Augenreiben: Zum ersten Mal in der Geschichte der Biennale werden Werke eines alten Meisters präsentiert und noch dazu mit ihnen die weltweit renommierteste Schau kontemporärer Kunst quasi eingeleitet und eröffnet.

Es sind drei Werke des venezianischen Malers Jacopo Robusti, genannt Tintoretto (1518 bis 1594), Vater des venezianischen Malers Domenico Tintoretto (1560 bis 1635). Die grossformatigen Gemälde wurden für die Dauer der Biennale von der Gallerie dell’ Accademia und der Abbazia di San Giorgio Maggiore zur Verfügung gestellt.

Trafugamento del corpo di San Marco (Die Bergung des Leichnams des Heiligen Markus), 1562 / 1566, Öl auf Leinwand, 397 x 315 cm, Gallerie dell’ Accademia, Venedig

La creazione degli animali (Die Erschaffung der Tiere), 1550 / 1553, Öl auf Leinwand, 151 x 258 cm, Gallerie dell’ Accademia, Venedig

Ultima Cena (Abendmahl), 1591 / 1594, Öl auf Leinwand, 365 x 568 cm, Abbazia di San Giorgio Maggiore, Venedig

Biennale-Direktorin Bice Curiger, die die Biennale nicht ganz zu Unrecht schon als ein Ufo bezeichnete, das sich alle zwei Jahre für den Zeitraum der Ausstellung in der Stadt niederlässt, wollte das Ereignis in einen Zusammenhang mit der Tradition – venezianischer – Kunst stellen. Tintoretto, so Curiger, ein Sohn der Stadt, ein experimenteller Künstler von “ungestümer Kraft”, ein Maler des Lichts und “ekstatischer Momente”, ja ein Aussenseiter, spreche, wie zu seinen Lebzeiten, so auch heute noch in seiner Malerei die Menschen unmittelbar an.

Tintoretto verkörpert gewissermassen das Motto der Biennale “Illuminazioni, Illuminations” (das reizvolle Wortspiel illumi und nazioni hier einmal beiseite gelassen). Und doch überschreiten wir eine Schwelle, wenn wir uns in die benachbarten Ausstellungsräume begeben, gelangen wir aus einem Vergangenen, das wir durchaus in uns tragen und das auch das unsrige ist, in ein uns auf andere Weise herausforderndes Hier und Heute.

Zum Beispiel das des – in Frankfurt allen noch bekannten – Maurizio Cattelan. Ironisch, spöttisch und “sophisticated” wie stets.

Mehr als 200 Tauben (ausgestopfte, versteht sich) plaziert er auf den Lüftungsrohren und Verspannungsdrähten der Hallen. Die Arbeit ist beileibe nicht neu, greift der Künstler doch auf eine entsprechende zur 47. Biennale des Jahres 1997 (“Turisti”) zurück, als er den etwas heruntergekommenen, mit Tauben bevölkerten italienischen Pavillon mit 200 nunmehr ausgestopften Tauben karikierte und konterkarierte, einige von ihnen sollen, so hören wir, ohne selbst dabeigewesen zu sein, mit Hilfe gewisser Mechaniken den Boden verklackst haben.

Maurizio Cattelan, Others, 2011, (Turisti, 1997), ausgestopfte Tauben

Eine interessante und hinterlistige Arbeit, die uns zu knabbern gibt: Reminiszenz an den von Tausenden von Tauben belebten Marcusplatz als eines der Wahrzeichen von Venedig; eine Metapher für denselben Platz (und letztlich ganz Venedig), wie er von ins Unerträgliche ausufernden Heerscharen von Touristen heimgesucht und seiner Würde und Grandiosität beraubt wird; gar ein Hieb auf den alle zwei Jahre einschwebenden Kunstbetrieb der Biennale, der doch (wir mutmassen eine mögliche Einschätzung des Künstlers) immer wieder nur das Gleiche zu sein scheint wie die nie aussterben wollenden Taubenscharen der Stadt?

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

 

Biennale Arte Venedig 2011 (3): Die Goldenen Löwen

Dienstag, 26. Juli 2011

Er ist eine hohe Auszeichnung: der “Leone d’ Oro”, der Goldene Löwe, alle zwei Jahre anlässlich der Biennale Arte in Venedig verliehen. Wobei man nicht vergessen darf: Zur Biennale Venedig gehören neben der Kunst – zu unterschiedlichen Zeiten über das Jahr verteilt – auch die Sparten Architektur, Film (Internationale Filmfestspiele Venedig), Tanz, Musik, Theater und sogar “Historisches Archiv”.

Uns geht es – wie vor zwei Jahren – um die Kunst-Biennale. Heute stellen wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Gewinner der begehrten “Leone d’ Oro” vor (wobei wir nicht nur in Zeiten der Finanz- und Euro-Krise annehmen, das die Trophäe leider nicht aus dem heftig nachgefragten Edelmetall besteht, dessen Preis per Unze die 1600-Dollar-Grenze überschritten hat, bei vier dieser liebenswerten Tierchen vor Ort hätte dies längst die italienische und internationale Räuberszene auf den Plan gerufen, trotz der zahlreichen, im üblichen auffälligen Schwarz gekleideten Herren mit der Antennenspirale hinter dem Ohr).

Es ist der 4. Juni, ein herrlicher Sommertag, der Festakt findet gegen Mittag in den Giardini Pubblici unter freiem Himmel, zugleich einem riesigen Sonnensegel statt. Biennale-Präsident Paolo Baratta und Biennale-Direktorin Bice Curiger sprechen kurz zur Eröffnung.

Bice Curiger und Paolo Baratta

Überall Absperrungen und Gedränge, Kameras und Fotografen, im Hintergrund ein damals aktuelles politisches Transparent “SI al REFERENDUM”

Wie wir bereits ausgeführt haben: vier Goldene Löwen gab es zu verteilen, und traditionsgemäss einen Silbernen, letzteren für den besten unter den vielversprechenden Nachwuchskünstlern.

Nun, den einen Goldenen gewann – jetzt wird es etwas kompliziert – die Bundesrepublik Deutschland für den “besten nationalen Auftritt ‘Christoph Schlingensief’“. Biennale-Kuratorin (Kommissarin) Susanne Gaensheimer nahm ihn am 4. Juni in Empfang.

Aino Laberenz (Witwe Christoph Schlingensiefs), Susanne Gaensheimer, Biennale-Präsident Paolo Baratta und Bice Curiger, Direktorin der 54. Kunst-Biennale, während der Verleihung des Goldenen Löwen für den Beitrag Deutschlands

Wem gehört er nun eigentlich, der Goldene Löwe, der Bundesrepublik Deutschland? Der Kommissarin Susanne Gaensheimer? Posthum Christoph Schlingensief? Kunst-Juristen an die Arbeit!

Klarer ist die Situation bei dem “besten Künstler” der diesjährigen Biennale: Mit dem zweiten Leone d’ Oro ausgezeichnet wurde der US-Amerikaner Christian Marclay für seinen Film “The Clock” aus dem Jahr 2010.

Goldener Löwe für Christian Marclay

Mit jeweils einem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk wurden ausgezeichnet: Sturtevant und Franz West.

Paolo Baratta gratuliert Franz West zum Goldenen Löwen

Goldener Löwe auch für Sturtevant

Den silbernen “Nachwuchs-Löwen” erhielt Haroon Mirza aus Grossbritannien. Mit den “Besonderen Erwähnungen” wurden ausgezeichnet der Pavillon Litauens und die schwedische Künstlerin Klara Lidén.

Nehmen ein Bad in der Menge: Haroon Mirza, Aino Laberenz, Susanne Gaensheimer und Franz West

Biografische Notizen:

Sturtevant (eigentlich Elaine Sturtevant) wurde 1930 in Lakewood/Ohio geboren. In Frankfurt ist sie seit September 2004 bekannt: Udo Kittelmann widmete ihr das gesamte Museum für Moderne Kunst MMK für ihre erste grosse, 140 Werke umfassende Museumsausstellung “The Brutal Truth”. Die radikal-konzeptuelle Künstlerin befasst sich mit dem Dualismus von Original und Reproduktion und stellt dabei, Publikum wie Kunstmarkt gleichermassen irritierend und provozierend, das Original und dessen Originalität zur Disposition – eine unverändert aktuelle Thematik. Sie reproduziert oder besser gesagt wiederholt mit verblüffender handwerklicher Technik und zeitlicher Nähe zum “Original” Werke bekannter zeitgenössischer Künstler. “Sturtevant”, schreibt Mario Kramer, “stellte den Kunstprodukten, die alle Merkmale der Multiplikation, des Reproduktiven als auch des Seriellen in sich tragen, ein dupliziertes Original zur Seite.” Die Künstlerin lebt in Paris.

Sturtevant, Warhol Flowers, 1990, Siebdruck- und Acrylfarbe auf Leinwand, 295 x 295 cm, © Sturtevant, Jubiläumsausstellung 20 Jahre MMK

Franz West, 1947 in Wien geboren, wo er auch heute lebt, arbeitet hauptsächlich auf den Gebieten Skulptur, Collage und Installation. Weltweit bekannt wurde er durch seine “Passstücke”, kleine skulpturale Gegenstände, die die Ausstellungsbesucher erhielten und mit denen sie eine aktive Beziehung zu den zu betrachtenden Kunstwerken entwickeln sollten. Bekannt sind ebenso seine Sitz-Möbel-Skulpturen, die gleichermassen Kunstobjekte wie auch Gebrauchsgegenstände darstellen. 1993 gestaltete West den Pavillon Österreichs zur 45. Biennale Arte in Venedig. 1992 und 1997 nahm er an der Kasseler documenta IX und X teil. Zur aktuellen Biennale 2011 errichtete er einen sogenannten Para-Pavillon.

Franz West, Para-Pavillon (Detail), Biennale Arte 2011, Arsenale

Christian Marclay wurde 1955 im kalifornischen San Rafael geboren. Nach Studienjahren in Genf, wo er auch aufwuchs, kehrte er 1977 in die USA zurück. Zum einen bildender Künstler vor allem im Bereich der monumentalen Skulptur, untersucht Marclay zum anderen als Komponist in seinen Arbeiten Zusammenhänge zwischen Ton, Fotografie, Video und Film. Die Film-Collage “The Clock”, an der er zusammen mit sechs Assistenten zwei Jahre lang arbeitete, beinhaltet eine 24 Stunden umfassende Montage von ineinanderfliessenden Ausschnitten aus Tausenden von Kinofilmen. In den einzelnen Sequenzen laufen, zumeist in Echtzeit, Uhren aller Art und Beschaffenheit – Symbol für die unaufhaltsam vergehende Zeit – und Lebenszeit. Marclay lebt in New York und London.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

 

Biennale Arte Venedig 2011 (4): Sigalit Landau bespielt den Israelischen Pavillon

Mittwoch, 10. August 2011

“Die israelische Künstlerin Sigalit Landau zoomt sich direkt hinein in das Grauen des Alltags, versteht sich als Archäologin verdeckter, verschütteter Gefühle.” Wir zitieren heute aus der “taz”.

Und wo wir gerade dabei sind, zitieren wir auch die Künstlerin selbst: “Man versucht, dem Schmerz zu entrinnen, indem man noch mehr Schmerz produziert.”

Die bereits international bekannte, in Jerusalem geborene  Sigalit Landau bespielt mit Installationen und Videos den Israelischen Pavillon zur 54. Biennale Arte in Venedig. “One man’s floor is another man’s feelings” lautet beziehungsreich der Titel ihrer Arbeit. “Durchaus studiert mit heissem Bemühn” haben wir den “Überbau” in Gestalt einer 18seitigen Pressemeldung, eines sogenannten Flyers und natürlich des Beitrags im Ausstellungskatalog, der die Präsentation als ein Sprungbrett für die doch bereits arrivierte Künstlerin apostrophiert. Wasser, Salz und Erde sind die metaphorisch aufgeladenen Elemente, von denen sie handelt.

Hier aber nun eine “Basis”-Betrachtung, unser eigener Eindruck also ohne vorheriges Studium aller Schriftlichkeiten:

Das Wasser

Water Ladders, The cave, Installationen

Neben dem Frieden ist Wasser vielleicht das Wichtigste, das wir auf dieser Erde haben. Das Leben ist aus dem Wasser hervorgegangen. Ohne Wasser können Mensch und Tier nicht überleben. Sauberes Wasser ist in vielen Ländern und Regionen Mangelware, es muss von weit her und oft mühsam beschafft werden. Sauberes Wasser war schon immer ein Mittel des Krieges, die sprichwörtlichen “Brunnenvergifter” wussten um die verheerende Wirkung dieser Waffe. Die Versorgung mit Trinkwasser in den Konfliktgebieten des Nahen Ostens ist seit vielen Jahren von hoher Brisanz. Presseberichten zufolge entfällt auf einen Einwohner der Palästinensergebiete lediglich ein Viertel der Wassermenge, die pro Kopf den Bürgern Israels zur Verfügung steht. Nicht wenige Zukunftsforscher sagen in manchen Teilen der Welt Kriege um Trinkwasser voraus.

In Sigalit Landaus Installation im Aussen- und Innenbereich des Pavillons dominieren mächtige, bizarre, in den israelischen Nationalfarben Weiss und Blau lackierte Wasserleitungssysteme, mit zig Messuhren und Absperrventilen versehen – keine Waffe der Wasserreichen gegen die Wasserarmen?

Das Salz

Wie Wasser ist auch das “weisse Gold” weltweit lebensnotwendig.

“Ihr seid das Salz der Erde”, Bergpredigt, Matthäus 5, Vers 13. In einer wundervollen Videoarbeit sehen wir ein Paar Arbeitsschuhe, in das Salinenwasser des Toten Meers getaucht und daher über und über salzverkrustet, auf einem zugefrorenen Süsswassersee in Danzig: Das Salz bringt die Eisschicht zum Schmelzen, die Schuhe versinken im Wasser. Welch einen gewaltigen Bogen spannt uns die Künstlerin nicht nur zwischen diesen beiden geschichtsträchtigen Orten. Danzig als Ausgangspunkt der historischen Wende in Europa: 1970 stürzte die von den Werften ausgehende Streikwelle das verhasste Gomulka-Regime; 1980 folgte die Gründung der “Solidarnosc”, was zum Zusammenbruch der kommunistischen Volksrepublik Polen führte, ein entscheidendes Moment wiederum zur Überwindung des Eisernen Vorhangs in Europa. Zwischen Israel und den Palästinensergebieten hingegen werden die rund 700 km langen Sperranlagen kontinuierlich ausgebaut – unter Zerstörung übrigens auch zahlreicher Brunnen und vieler Kilometer Wasserleitungen.

Salted Lake, HD-Video

Die Erde (Sand)

Kinder spielen im Sand, ein sogenanntes “Knife game”. “Azkelon” heisst diese Videoarbeit, ein Name zusammengesetzt aus Aza (Gaza) und Ashkelon, den beiden Nachbarstädten am Mittelmeer, getrennt durch die undurchdringliche Grenze. Junge Menschen ziehen kreuz und quer Grenzlinien in den Sand, zertreten sie und ziehen sie aufs neue.

Azkelon, HD-Video

Aktueller, politischer kann eine künstlerische Arbeit wohl kaum sein.

Sigalit Landau, 1969 in Jerusalem geboren, besuchte die dortige Bezalel Academy of Art and Design sowie die Cooper Union School of Art and Design in  New York. Sie versteht sich als eine Brückenbauerin. “(Un)consciously looking for new and vital materials to connect the past to the future”, schreibt sie, “the west to the east, the private with the collective, the sub-existential to the Uber-profound, the found objects to the deepest epic narratives and mythologies… using scattered, broken words to define “the-bricker-brack” and transform it into a soft heap of new dream-buds, to act upon the uncertain horizon.”

Mit ihren Installationen, Videos und Performances bestückte sie bereits weltweit zahlreiche Ausstellungen und erhielt bedeutsame Preise. Ihre Arbeiten sind in den grossen Museen unter anderem in Jerusalem, Madrid, New York, Paris,  Stockholm oder Tel Aviv vertreten. Im November dieses Jahres können wir Sigalit Landau zur Yokohama  Triennale 2011 antreffen; in Frankfurt am Main vertritt die Galerie Anita Beckers die Künstlerin.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)