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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for the 'Biennale Arte Venedig 2009 / 2011' Category

53. Biennale Arte Venedig 2009 (3) – Die Cafeteria von Tobias Rehberger

Freitag, 26. Juni 2009

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Sie ist der Hingucker der diesjährigen Biennale Arte: die Cafeteria im Palazzo delle Esposizioni.

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Ihr Schöpfer: Tobias Rehberger, Professor und Prorektor der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Frankfurt am Main (Städelschule). Er erhielt den Goldenen Löwen der Biennale 2009 als bester Künstler.

Der Titel seiner Arbeit: “Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen”.

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Obwohl “vorgewarnt”, sind wir verblüfft: Zumindest beim ersten Betreten der Cafeteria und ihres Vorraums verlieren wir für Sekunden die Orientierung, suchen nach der Grenze zwischen den Wänden und dem sicheren Halt gewährenden  Grund, erkunden wir, wo und wie wir uns fortbewegen können oder sollen, wo wir uns eventuell hinsetzen könnten oder wo der Schein einer Sitzgelegenheit trügt.

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Ist hier tatsächlich die Theke mit den Speisen und Getränken? Dahinter Spiegel, die uns zum Opfer des Verwirrspiels machen. Ob Sie wohl, liebe Leserinnen und Leser, den Fotografen entdecken?

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Im Rahmen des Mottos der diesjährigen Biennale “Welten machen” schafft Rehberger eine Verfremdungs- und Verwirrlandschaft zwischen dem Mobilen und dem Immobilen. Zebrastreifen durchkreuzen schwarze und weisse Wand- und Bodenflächen, stehen in einem Dialog mit den Neon-Farben, vorzugsweise Orange, Türkis und Gelb, des Mobiliars und paraventähnlicher Raumelemente. Der Raum wiederum bricht sich in hundertfach geknickten und gefalteten Spiegelflächen.

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Der 1966 in Esslingen geborene Tobias Rehberger, Schüler der Professoren Thomas Bayrle und Martin Kippenberger, ist von Hause aus Bildhauer. Dem breiteren Publikum bekannt wurde er vor allem durch seine raumgreifenden Gross-Installationen. Seinen Arbeiten eignet zumeist eine Verschränkung zwischen Skulptur und Architektur, Malerei und Design. Bereits als Kunststudent machte er 1990 mit einer ersten grösseren, öffentlich ausgestellten Arbeit im Bonner Kunstverein auf sich aufmerksam.

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(Installation © Tobias Rehberger; Fotos: FeuilletonFrankfurt)


53. Biennale Arte Venedig 2009 (4) – Tomas Saraceno und sein Spinnennetz-Kosmos

Sonntag, 28. Juni 2009

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Es bedarf nur weniger Schritte, und wir sind bereits mittendrin: in Tomás Saracenos Netzwerk, das er in einer der zentralen Hallen des Palazzo delle Esposizioni aufspannt. Nun, wir gehen vorsichtig einige Schritte hinein in den von elastischen Seilen durchzogenen Raum, weichen den Strippen so gut es geht aus, vermeiden es auch, auf die durchaus stabilen Verankerungspunkte am Boden zu treten, schauen uns um und bemerken überrascht, wie weit wir uns bereits in die Gefangenschaft der vom Künstler gesponnenen Verstrickungen begeben haben.

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Mal hell und licht, mal dunkel und bedrohlich wirken die Spinnennetzkugeln, phantasievolle Galaxien, die vor und über uns schweben, uns in Bodennähe den Weg versperren.

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Je tiefer wir in diese Welt eindringen, desto beschwerlicher gestaltet sich das Vorankommen. Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, die Spinnenseile berühren. Welche Impulse lösen wir jetzt aus? Sind es die Signal- und Fangseile eines geheimnisvollen, alles verschlingenden Wesens, rast in den nächsten Sekunden ein riesenspinnengleiches Etwas auf uns zu? Wie schnell könnten wir, ohne über die gefangennehmenden Schnüre zu stolpern, zu fallen, den rettenden Ausgang erreichen?

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Nun will uns Saraceno in seiner Arbeit “Galaxies Forming along Filaments, like Droplets along the Strands of a Spider’s Web” für die aktuelle Biennale nicht mit einer Schwarzen Witwe im Riesenformat bedrohen. Vielmehr untersucht er, vor allem unter dem Aspekt innovativer und futuristischer Architektur, die Möglichkeiten neue Räume konstituierender architektonischer Strukturen. Dabei interessiert ihn, wie spinnennetzähnliche Konstruktionen unter Nutzung geometrischer Muster und Strukturen hohe Gewichte zu tragen in der Lage sind.

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Tomás Sarazeno, 1973 in Tucumán, Argentinien geboren, studierte Kunst und Architektur in Buenos Aires, zuletzt an der Escuela Superior de Bellas Artes Ernesto de la Carcova. Von 2001 bis 2003 setzte er seine Studien an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste (Städelschule) in Frankfurt am Main fort. Der Künstler lebt und arbeitet auch heute in dieser Stadt.

Saraceno stellte vielfach weltweit aus, in Deutschland vor allem in Berlin. Dem Frankfurter Publikum wurde er durch seine Ausstellungen im dortigen Kunstverein, im Portikus und in der Städelschule sowie im atelierfrankfurt bekannt.

(Installation © Tomás Saraceno; Fotos: FeuilletonFrankfurt)


53. Biennale Arte Venedig 2009 (5) – Die Komoren und Monsieur Pinault

Mittwoch, 1. Juli 2009

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Einen nationalen Pavillon zur Biennale hat sie nicht: die Union der Komoren im Indischen Ozean. Kein Wunder bei einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von gut 800 US-Dollar (Deutschland rund 45.000). Und dennoch ist der föderale Inselstaat bei all seiner Armut zum ersten Mal bei einer Biennale in Venedig vertreten.

Kuratiert von Wahidat Hassane verankerten der italienische Künstler Paolo W. Tamburella und fünf komorische Dockarbeiter am Ufer der Bacino di San Marco, am Eingang zu dem Pavillon-Park der Giardini Pubblici, ein im Hafen der Komoren-Hauptstadt Moroni verlassenes Djahazi-Boot. Beladen ist es mit einem braun angestrichenen Container. Dieser trägt zu beiden Seiten die Aufschrift “CAPITAL FORWARDING SOLUTIONS”.

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Das erbärmliche Boot – einst tatsächlich zum Transport von Lasten bis hin zu Containern im Hafen von Moroni eingesetzt – dümpelt im an dieser Stelle brackigen, veralgten Uferwasser, umgeben von manchem Plastikunrat. Am Kai wurde ein Lattengerüst aus rohem Holz installiert, zur Lagunenseite hin geneigt. Es signalisiert Abwehr.

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Der 1973 in Rom geborene Paolo W. Tamburella lebt und arbeitet dortselbst und in New York. Er befasst sich mit Fragen der Globalisierung und postkolonialer Verhältnisse. Tamburella wurde für seine weltweit gezeigten Installationen bekannt. Wahidat Hassane versieht das Amt des Direktors für Kultur, Jugend und Sport in der Union der Komoren.

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Szenenwechsel:

Schräg über den Bacino di San Marco hinweg, durchaus noch in Sichtweite zum Djahazi-Boot, vor der mächtigen Kulisse der Votivkirche Santa Maria della Salute die blendend weisse Fassade der Punta della Dogana. Der französische Luxusmarken-Unternehmer, Kunstsammler und Milliardär François Pinault liess jüngst das ehemalige venezianische Zolllager zu seinem zweiten Privatmuseum (neben dem ebenfalls am Canal Grande gelegenen, 2006 renoviert eröffneten Palazzo Grassi) ausbauen, eigene Yacht-Ankerplätze inklusive. Rund 20 Millionen Euro liess er sich den neuen “Palazzo Prozzo” (Silke Müller, stern 25/2009) kosten. Was Pinault an weltweit Teuerstem erwarb und beherbergt, übersteigt den Geldwert der Baumassnahmen um ein Vielfaches: Andy Warhol und Mark Rothko, Maurizio Cattelan und Takashi Murakami, Jeff Koons und Damien Hirst, um nur einige Namen zu nennen.

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Standesgemässe Wasserfahrzeuge, wenn auch der bescheideneren Art gegenüber dem, was man sonst so alles in Venedig ankern sehen kann: zu Besuch bei François Pinault. Oder sind es lediglich seine Wassertaxen, mit denen er seine Freunde abholen lässt?

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Ach ja, CAPITAL FORWARDING SOLUTIONS.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)


53. Biennale Arte Venedig 2009 (6) – Aleksandra Mir bringt “Venezia” in die ganze Welt

Freitag, 3. Juli 2009

Von Publikum vielfach umlagert: die zweiteilige Installation von Aleksandra Mir im Palazzo delle Esposizioni und in den Arsenale (in Frankfurt am Main ist die Künstlerin durch ihre Ausstellung “Triumph” bekannt).

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Ständer für Postkarten, Kartons auf Holzpaletten: gefüllt mit Ansichtskarten, die Rückseiten mit dem üblichen Blanko-Adressfeld bedruckt, fertig zum Verschicken. Aleksandra Mirs Installation umfasst denn auch gleich einen echten Briefkasten der Poste Italiane und einen Verkaufsstand für Briefmarken auf dem Ausstellungsgelände.

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“VENEZIA (all places contain all others)”

betitelt die Künstlerin ihre Aktion. 1 Million farbige Bildpostkarten hat sie drucken lassen, von 100 Motiven mit jeweils einer Auflage von 10.000 Exemplaren. Die Postkarten liegen in den Ständern und Kartons für die Dauer der aktuellen Biennale für die Besucher zur kostenfreien Entnahme aus. Ein jeder kann so viele Karten mitnehmen, wie er möchte.

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(Aleksandra Mir, Venezia, Digital Vision, Getty Images)

Aber was sind das für seltsame Ansichtskarten? Da stimmt doch etwas nicht. Die Motive der Karten tragen zwar alle die Aufschrift “Venezia”. Aber was hat das, was da zu sehen ist, mit Venedig zu tun?

Alle 100 Motive zeigen Situationen, die mit Wasser zu tun haben. Alle Wasser dieser Erdkugel hängen in vielerlei Weise miteinander zusammen, stehen untereinander in einem weltumspannenden Konnex. So sind auch die Kanäle Venedigs, selbst wo dies nicht unmittelbar der Fall ist, doch mittelbar über den irdischen Wasserkreislauf aus Verdunstung und Regen mit allen Meeren, mit allen Flüssen, Bächen, Seen und Teichen in allen Kontinenten verbunden.

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(Aleksandra Mir, Venezia, Andy Sotiriou/Photodisc, Getty Images)

Venedig ist, so die Künstlerin, in allen Regentropfen, in allen Wassermolekülen präsent. Die miteinander verbundenen Wasserwege sind uns ein Gleichnis für die Globalisierung.

Die Verflechtung der Wasserflächen und -wege symbolisiert weltweite Mobilität, sie steht, so Aleksandra Mir weiter, für die Erosion des Nationalstaatlichen, aus der eine neue weltweite kulturelle Identität erwächst.

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(Aleksandra Mir, Venezia, George Doyle/Stockbyte, Getty Images)

Wir haben aus den 100 Motiven auch solche ausgewählt, die uns zugleich als ein Menetekel erscheinen: beispielsweise die Bedrohung der Meere durch Ausbeutung unterseeischer Ressourssen, die Zerschneidung und Zerstörung der Umwelt durch gigantische Verkehrswegeschneisen, die Gefährdung und Verletzung der Natur durch aggressives Freizeitverhalten.

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(Aleksandra Mir, Venezia, Karl Weatherly/Photodisc, Getty Images)

Mit ihrer Aktion schreibt Aleksandra Mir den Besuchern der Biennale in Venedig eine aktive und fundamentale Rolle zu: die Million Postkarten in alle Welt zu verschicken, damit das Kunstwerk seine globale Wirkung entfalten und sich auf diese Weise vollenden kann.

Fotos: FeuilletonFrankfurt

53. Biennale Arte Venedig 2009 (7) – Elmgreen & Dragset und der Tote im Pool

Donnerstag, 9. Juli 2009

Wohl das meistfotografierte Motiv der diesjährigen Biennale:

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Eine riesige Bungalow-Villa, davor ein Gartenschwimmbad, darin ein Toter. Korrekte Kleidung: schwarze Hose und weisses Hemd, jedoch Hosenbeine und Ärmel aufgekrempelt, dunkle Socken und schwarze Schuhe am Beckenrand geordnet abgelegt. Der Tote treibt bäuchlings auf dem Wasser, die Arme über den Kopf erhoben, eine hilflose, fast flehentliche Gebärde. Oder eine ins Groteske überhöhte Karikatur?

“Tod in Venedig”? Nun, so respektlos wollen wir mit Thomas Manns Meisterwerk nicht umgehen.

Aber ein Zeichen unserer Zeit, ein Zeichen der Finanz- und Wirtschaftskrise könnte es schon sein: Freitod eines gescheiterten Börsenspekulanten? Eines bankrotten Investmentbankers? Oder steckt nicht gar die Kunst, zumindest der Kunstbetrieb in der Krise? Also der Freitod eines Kunsthändlers, der seine “Blue chips” nicht mehr an den millionenschweren Mann bringen kann? Eines Galeristen, der sich an dem, was er für marktträchtige Kunst hielt, verhoben hat?

Michael Elmgreen und Ingar Dragset inszenieren den Tod im Pool als Teil einer Gemeinschaftsausstellung im Pavillon Dänemarks sowie im benachbarten Pavillon der drei nordischen Länder Finnland, Norwegen und Schweden. “The Collectors” lautet beziehungsreich ihr Titel. Und wir dürfen daher etwas sicherer in der Annahme gehen, dass es dem Künstler-Duo durchaus um zeitgenössische kulturell-ökonomische Phänomene geht.

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Elmgreen & Dragset – die beiden treten mit dem Firmen-”&” auf – verwandelten in Kooperation mit 24 Künstlern, Designern und entsprechenden Kollektiven den nordischen Pavillon in den Luxusbungalow eines homosexuellen Kunstsammlers. Eine grosszügige Wohnlandschaft ist ebenso wie eine Schlaflandschaft in die um einige Stufen erhöhte Hauptgebäudeebene eingesenkt. Eine futuristische Kücheneinrichtung beschränkt sich auf das Notwendigste. Dafür zieren verschiedene Kunstwerke meist homoerotischen Sujets den Raum und die Wände.

Auf dem Schreibtisch des verlassenen Grossraums eine Ablage, gefüllt mit zahlreichen Kopien dieses Blattes: der Entwurf eines Plots, Titel: Der erotische Autor, eine autobiografische Novelle.

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Der Tote im Pool: Ein Ende im hedonistischen Überdruss, in der Apokalypse der Dekadenz, im – purgatorischen? – Freitod. Menetekel? Vision? Ach ja, wir befinden uns ja auf der Biennale 2009 in Venedig, mitten im alleraktuellsten Kunstbetrieb (wäre da nicht noch der einwöchig zeitgleiche Messe-Markt der Art Basel).

Michael Elmgreen und Ingar Dragset, ersterer in Dänemark, letzterer in Norwegen geboren, leben und arbeiten in Berlin, seit 1995 in einer künstlerischen Kooperation. Das Duo Elmgreen & Dragset, weltweit bekannt für seine Installationen und Performances, entwarf das “Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen”, das im Mai 2008 in Berlin, nahe dem “Denkmal für die ermordeten Juden Europas”, enthüllt wurde.

(Installationen © Elmgreen & Dragset; Fotos: FeuilletonFrankfurt)