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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

„Richard Gerstl – Retrospektive“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Vielseitiger Maler-Rebell auf der Suche nach Neuland

Von Hans-Bernd Heier

Richard Gerstl gilt als der „erste österreichische Expressionist“ und ist doch für viele immer noch ein Geheimtipp. Der hoch begabte und talentierte Künstler, der sich häufig selbst im Wege stand, wurde nur 25 Jahre alt. Der 1883 in Wien geborene Maler-Rebell schuf in seinen wenigen Lebensjahren ein aufregendes, heterogenes, wenn auch überschaubares Werk von großer stilistischer Vielfalt – ein Œuvre mit beeindruckenden Höhepunkten und wegweisenden Neuerungen. Es ist das Werk eines spürbar Suchenden, der virtuos Malstile und -techniken wechseln konnte.

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert bis zum 14. Mai 2017 die erste Retrospektive von Richard Gerstl in Deutschland. Die von Ingrid Pfeiffer sorgfältig kuratierte Schau versammelt von 60 überlieferten Werken Gerstls insgesamt 53, darunter Leihgaben aus führenden Museen Österreichs. Ein großes Konvolut kommt zudem aus der Neuen Galerie in New York, weitere Werke aus wichtigen europäischen und amerikanischen Privatsammlungen.

„Die Schwestern Karoline und Pauline Fey“, März/April 1905, Öl auf Leinwand, 175 x 150 cm; Belvedere, Wien

Gerstl wird häufig in einem Atemzug mit den großen Meistern der Wiener Moderne Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka genannt. Seine Malerei reflektiert seine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen der Moderne: Er widersetzte sich stilistisch und inhaltlich der Wiener Secession, lehnte deren Schönheitsbegriff ab und bekannte sich zu einer „Ästhetik des Hässlichen“. „Der Vorläufer einer ‚gestischen Aktionskunst‘ liebte die Provokation und malte in der Überzeugung, künstlerisch ganz neue Wege zu gehen, gegen tradierte Regeln an. Dabei schuf er schonungslose und selbstbewusste Bilder, die keinem Vorbild folgen und bis heute ihresgleichen suchen“, so die begeisterte Kuratorin.

„Grinzing“, Frühling 1906, Öl auf Leinwand, 29,7 x 40,2 cm; Privatsammlung; Courtesy Galerie St. Etienne, New York

„Zu Lebzeiten blieb der ‚Frühexpressionist‘ ein Unbekannter, auch da er keine einzige Ausstellung hatte. Bis heute wird Richard Gerstls Œuvre als besonders zeitlos und aufregend zeitgenössisch rezipiert. Seine Malerei nahm vieles vorweg, was erst viel später in der Kunstgeschichte seinen Platz gefunden hat“, erläutert Philipp Demandt, Direktor der Schirn. „Gerstl ist eine wahre Entdeckung für die Besucherinnen und Besucher und sicherlich schon bald kein Geheimtipp mehr“, mutmaßt er wohl zurecht.

Das Porträt, vor allem das Selbstporträt, der Akt und die Landschaft sind Gerstls bevorzugte Genres. Wie er jedoch diese eher traditionellen Sujets umsetzte, zeigt, dass er unbedingt künstlerisches Neuland betreten wollte. Sein häufigstes Motiv ist das Selbstporträt, das ihm als Mittel zur Selbsterforschung diente. Wie viele Künstler, die von der Gesellschaft als Außenseiter angesehen wurden und sich ausgestoßen fühlten, etwa Edvard Munch oder Vincent van Gogh, bespiegelten sie sich häufig, um vor allem ihren Gemütszustand im Bilde festzuhalten. Etwa 20 Mal porträtierte sich Gerstl selbst in den unterschiedlichsten Stilarten.

„Selbstbildnis als Halbakt“, 1902/04, Öl auf Leinwand, 159 x 109 cm; © Leopold Museum, Wien

Gleich zu Beginn der faszinierenden, thematisch gehängten Schau sind zwei tief beeindruckende Selbstporträts von enormer Wucht zu sehen: das früheste, das „Selbstbildnis als Halbakt“ von 1902/04 und sein letztes, das „Selbstbildnis als Akt“ von 1908, das kurz vor seinem Freitod entstand. In dem stilistisch noch stark dem Symbolismus verhafteten Halbakt stellt er seinen hageren blassen, verletzlichen Körper nur von einem Lendentuch umhüllt in Christus-Ikonografie dar. Sein direkter, den Betrachter fixierender Blick und die hellblaue Aureole hinter seinem Kopf sind dagegen Ausdruck seiner selbstbewussten Künstlerpersönlichkeit.

Richard Gerstl, um 1902/03; Fotografie, Archiv Otto Breicha

In dem exzellenten Katalogbegleitbuch mit einem – erstmals seit 1993 aktualisierten – Werkverzeichnis weist Kuratorin Pfeiffer darauf hin, dass Gerstl in Phasen, in denen es ihm gut ging, das Haar normal lang trug. In schwierigen Lebenssituationen ließ er sich wie die damaligen Sträflinge die Haare kurz schneiden.

„Selbstbildnis als Akt“, September 1908; Öl auf Leinwand; 139,3 x 100 cm; © Leopold Museum, Wien

In seinem letzten Selbstporträt – wenige Wochen vor dem Selbstmord – malt Gerstl sich als vollständigen Akt, der dem Betrachter schonungslos ausgeliefert ist. Seit Albrecht Dürer ist er der erste Künstler, der sich in diesem radikalen Selbstbildnis ganzfigurig komplett nackt darstellte. Auf der mit expressivem Pinselstrich bemalten Leinwand kontrastiert der weiße, knochige Körper eindrucksvoll mit dem dunkleren Hintergrund.

„Selbstbildnis, lachend“, Sommer/Herbst 1907, Öl auf Leinwand, 40 x 30,5 cm; Belvedere, Wien

Am provokativsten hat der „Frühvollendete“ mit dem schwierigen Charakter sich auf dem „Selbstbildnis, lachend“ dargestellt. „Der oft mit seinem eigenen Äußeren hadernde junge Mann richtete Hohn und Spott gegen sich selbst“, erklärt die Kuratorin. Mit der Abbildung des Künstlers als Narr mit fast irrem Lachen folgt Gerstl einer langen künstlerischen Tradition, von Rembrandt bis Lovis Corinth.

Der Österreicher malte auch Bildnisse von anderen Zeitgenossen, die allerdings keiner der Porträtierten haben wollte. Da er aus einer wohlhabenden Familie stammte, konnte er das ebenso materiell verkraften wie fehlende Verkäufe. Der Maler-Rebell hatte zeitlebens nicht eine einzige öffentliche Ausstellung. Zwar gab es für ihn durchaus Möglichkeiten, die er aber nicht nutzen konnte oder wollte: So weigerte er sich beispielsweise, zusammen mit dem von ihm nicht geschätzten Gustav Klimt auszustellen. Das hinderte ihn aber nicht, im Juli 1908 einen Beschwerdebrief an das „Ministerium für Kultur und Unterricht“ zu schreiben, in dem er sich heftig beklagte, dass seine Arbeiten bei der Schulausstellung der Akademie nicht gezeigt wurden.

Der eigenwillige Künstler arbeitete ohne Vorzeichnungen und Temperaskizzen. Darin sahen seine Professoren eine reine Provokation. Auch signierte und datierte er seine Arbeiten nicht, da er alles ablehnte, was nach Zwang und Konvention „roch“. Dadurch wurde die Aufarbeitung seines Werkes äußerst erschwert, zumal es bei Gerstl keine eindeutig nachvollziehbare stilistische Entwicklung gibt. Vielmehr wechselten „fortschrittliche“ Phasen mit konventionelleren Werken ab.

„Bildnis der Mathilde Schönberg im Atelier“, Frühling 1908, Öl und Mischtechnik (evtl. Leimfarben) auf Leinwand, 171 x 60 cm; Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm; Foto: Kunsthaus Zug/Alfred Frommenwiler

1906 lernte Gerstl den Komponisten Arnold Schönberg und dessen Frau Mathilde kennen, denen er privaten Malunterricht erteilte. Mathilde Schönberg, seine spätere Geliebte, ist nach den Selbstporträts das zweithäufigste Motiv in seinem Œuvre. Im Gegensatz zu seinen lebendig gemalten Selbstbildnissen begegnet der Künstler Mathilde in seinen Bildern stets zurückhaltend, ja leidenschaftslos. Zwei Jahre kreiste Gerstl stilistisch und thematisch um das Mathilde-Motiv. Sein letztes Gemälde „Sitzender weiblicher Akt“ vom Herbst 1908 zeigt die nackte Mathilde in seinem Atelier. Das expressive, nahezu abstrakte Bild entstand vermutlich wenige Tage vor seinem Tod und markiert einen radikalen Schlusspunkt im Werk des Künstlers. Gerstl führte das Aktbild mit raschem Pinselstrich aus, vermutlich um eine Entdeckung zu vermeiden, wie Experten vermuten. Auch sei das Gesicht des Modells bewusst unvollendet belassen oder unkenntlich gemacht worden, um wohl ein Wiedererkennen zu vermeiden.

„Sitzender weiblicher Akt“, Herbst 1908, Tempera auf Leinwand, 166 x 116 cm; Foto: © Leopold Museum, Wien

Kurz zuvor hatte Gerstl in dem zweiten gemeinsamen Sommerurlaub 1908 die beiden Bildnisse „Die Familie Schönberg“ und „Gruppenbildnis mit Schönberg“ gefertigt. Beide Werke zeichnen sich durch einen hohen Abstraktionsgrad aus. Er malte sie wahrscheinlich mit sehr langen Pinseln. Ritzungen auf der aufgerauten Oberfläche und Spuren des Pinselstiels verweisen laut Pfeiffer auf eine „gestische Aktionskunst“. Besonders das „Gruppenbildnis mit Schönberg“ wird als Vorläufer des österreichischen Expressionismus gesehen. Trotz des schwungvollen, rauen Pinselduktus bleiben Körper und Kleidung gegenständlich und die in der Nahsicht verzerrten und ununterscheidbaren Gesichter der Dargestellten werden erkennbar, wenn der Betrachter zurücktritt.

„Gruppenbildnis mit Schönberg“, Ende Juli 1908, Öl auf Leinwand, 169 x 110 cm; Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm; Foto: Kunsthaus Zug/Alfred Frommenwiler

Mehr als ein Drittel der überlieferten Werke Gerstls sind Landschaften. Die meisten entstanden 1907 am Traunsee in Gmunden, wo der Künstler auf Einladung Schönbergs mit dessen Schülern und Freunden den Sommer verbrachte. Die Landschaftsansichten mit teilweise pastosem Farbauftrag sind überraschend kleinformatig und kontrastieren augenfällig mit den großformatigen Farbporträts.

Die großartige Präsentation, die durch den „Verein der Freunde der Schirn Kunsthalle e. V.“ gefördert wird, ist anschließend in der Neuen Galerie in New York zu sehen.

„Richard Gerstl Retrospektive“, Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis zum 14. Mai 2017

Bildnachweis: Schirn Kunsthalle Frankfurt

 

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