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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Künstlerinnen und Künstler veranstalten temporäre Ausstellungen

Von Erhard Metz

Künstlerinnen und Künstler in Frankfurt am Main und Umgebung suchen händeringend nach Ausstellungsmöglichkeiten und greifen deshalb gern auf temporär leerstehende Wohnungen oder Ladengeschäfte oder am Wochenende unbelegte Büroräume zurück, und sei es nur für einen Samstag und anschliessenden Sonntag – so wie jetzt am jüngsten Wochenende in dem Unternehmen MEET/N/ROOM am Hauptbahnhof oder in einem derzeit leerstehenden Geschäftsraum in der Adlerflychtstrasse. Das ist besser als gar nichts und bringt allemal die Namen der Ausstellenden wieder ins Gedächtnis. Und obendrein eignet sich eine solche Praxis dazu, in der interessierten Öffentlichkeit wie unter Künstlerkollegen auch einmal Experimentelles zu zeigen.

In MEET/N/ROOM gestalteten jetzt – kuratiert von Olga Inozemtceva und Larissa Hägele – die Künstlerinnen und Künstler Maria Anisimowa, BBB_ (das Performer-Duo Alla Poppersoni und Alexander Sahm), Lars Karl Becker, Christin Berg, EEEFFF (die beiden russischen Digital-Künstler Nicolay Spesivtsev und Dzina Zhuk), Moritz Grimm, Miji Ih, Internet TBD (eine Gruppe aus neun jungen Wissenschaftlern und Künstlern),Tom Król, Ivan Murzin, Emilia Neumann, Dennis Siering, Sebastian Thewes und Sonja Yakovieva unter dem Titel „it´s a good day to have a good day“ eine medienübergreifende, hoch interessante wie auch den Betrachter etwas anstrengende Gemeinschaftsausstellung mit zahlreichen Arbeiten aus der Welt der digitalen Medien, in denen Videobeamer und Flachbildschirme das Sagen haben. Die Ausstellung legt, wir die Kuratorinnen schreiben, ihren Fokus auf eine enge Symbiose zwischen Kunst und Büroraum: „Die Ausstellung zielt nicht darauf ab, Kunst einem dekorativen Zweck unterzuordnen, sondern den Künstler ohne Einschränkungen in die primär funktionalen Räumlichkeiten intervenieren zu lassen“.

Neben vielem Digitalen gab es denn doch auch noch „körperlich Handgreifliches“ zu sehen, drei Beispiele führen wir hier an, zunächst eine auf die repräsentative Empfangsrotunde des Gebäudes antwortende Arbeit von Emilia Neumann: Genial, wie sie die geborstene kannelierte Säule über den Zentralstern des Bodens wirft, dem schlichten Material Gips eine marmorne Anmutung verleiht.

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Emilia Neumann, Dorische, 2016, Gips, 200 x 70 x 40 cm

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BBB_, Balance Wanted/Buddha  App Says, 2016, Installation/verschiedene Medien: Plexiglas-Objekte, Röhrenlampen, Teppiche, bedruckte Kissen, Performance/synthetisierte Stimme, durch Gehirnströme manupulierter Sound, verschiedene Objekte, 5 x 5 m (60 min.)

Die Künstlergruppe BBB_ sowie auch Sonja Yakovieva boten Performances, die wir leider nicht sehen konnten, aber keinesfalls in Vergessenheit geraten lassen wollen. Ohnehin sind die mit den Performances verbundenen Installationen – hier recht frivol, dort trefflich ironisch – allein schon sehenswert.

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Sonja Yakovieva, Der Orchideendoktor, Performance (20-60 min.)

Nicht minder sehenswert die Installationen „∼FOX∼“ und „∼DANA∼“ von Maria Anisimova, die uns – wie könnte es bei dieser Künstlerin anders sein – bei manch wiedererkennbarer „Handschrift“ stets mit neuen künstlerischen Konzepten und Ausdrucksformen überrascht: Wie die schon als unvermeidlich erscheinenden Orchideen bei Sonja Yakovieva gehören wohl auch Aquarien zum Kanon von Ausstattungsgegenständen eines menschelnd-menschlich gestalteten Büroalltags.

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Maria Anisimova, ∼FOX∼ , 2017, Metall, Glas, Plastilin, 50 x 60 x 113 cm; ∼DANA∼ , 2017, Metall, Spiegel, Fundstücke, 120 x 72 x 80 cm

In der Adlerflychtstrasse im Frankfurter Nordend organisierten jetzt zeitgleich zur erstgenannten Gruppe am Samstag und Sonntag mit dem Titel „IF YOU ARE SHY DON’T CLICK HERE“ die drei Städelschul-Absolventen Thomas Buck, Monika Romstein und Sven Tadic eine Gemeinschaftsausstellung. Einen kleinen Eindruck auch dieser vielfältigen Schau halten wir hier fest, verbunden mit der Empfehlung, all diesen Künstlerinnen und Künstlern bei künftigen Ausstellungen Aufmerksamkeit zu schenken.

Thomas Bucks „Korb“ weckt Assoziationen an „fleissige“ Bienen wie auch an ein erschreckendes Hochhaus-Wohnsilo für Menschen. Hunderte und tausende von Bienen verständigen sich auf wundersame Weise – und wie verhält es sich in besagtem Wohnhochhaus?

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Thomas Buck, Korb, 2011, Öl auf Leinwand, 26 x 19 cm

Rätselhaft und zu Erkundungen einladend die beiden ungerahmten Arbeiten von Monika Romstein und Sven Tadic: Was mögen sich zwei auf dem Boden kniende Kinder bei dem alten, finster dreinschauenden Mann begucken? Auf welchem Fleckchen Erde mögen die zwei Freunde – sind es Pferde, sind es Maultiere – leben, in einer dunklen Landschaft unter einem dunklen Himmel?

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↑ Monika Romstein, o.T., 2016, Wasserfarbe auf Papier, 38,4 x 29,5 cm
↓ Sven Tadic, 2 Freunde, 2015, Öl auf Leinwand, 100 x 128 cm

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Beide reich bestückte Gruppenausstellungen endeten am gestrigen Sonntag.

Abbildungen © jeweilige Künstlerinnen und Künstler;
Fotos: Erhard Metz

 

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