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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

„… and other objects of interest“: Suzanne Wild in der Frankfurter Galerie Nathalia Laue

Die Zeiten, in denen man die „anderen Objekte von Interesse“, denen sich Suzanne Wild aktuell malerisch widmet, mit Worten zumindest wie „delikat“ bezeichnet hätte, sind – niemand wird es beklagen – längst vorüber: Unterröcke, Unterhemdchen, BHs oder Bustiers, aus feinsten Geweben, gerade noch eben blickdicht oder auch nicht. Und auch Perücken trägt „frau“, aus welchen Gründen auch immer, heute unbefangen. Keine Tabus mehr also – aber ein Hauch von Sinnlichkeit und Erotik sollte noch bleiben – alles andere wäre doch schade. Einem jeden Betrachter sei die Möglichkeit eingeräumt, solche Garderoben mit Körpern und Charakteren zu füllen und Erzählungen zu lauschen oder zu spinnen. Und vielleicht sollte auch der eine oder andere Voyeur und Spinkser auf seine Kosten kommen – sei’s drum und warum denn nicht.

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Pink Frilly Skirt 2, 2015, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm

So räumt auch die Künstlerin im Interview ein, dass Unterwäsche etwas Verborgenes eigne, dass manche dieser Kleidungsstücke Fantasien freisetzen könnten – etwa über ihre frühere Trägerin und deren Aussehen oder Alter. Sie selbst steht diesen Gegenständen mit künstlerischer Distanz gegenüber, handelt es sich doch um auf Flohmärkten oder bei ähnlichen Gelegenheiten erworbene Objekte, die ihr unmittelbar als Vorlage dienen und deren Vorbesitzerinnen sie nicht kennt. Und so mag ein Bildtitel wie etwa „dirty lace“ – verschmutzte Spitze – nicht verwundern.

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↑ Dirty Lace, 2015, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm
↓ Pink Satin Bra, 2015, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm

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In der Tat lässt sich ein Bogen spannen zwischen Suzanne Wilds früheren Arbeiten, deren Sujets bereits durchaus Textiles waren – mit feinen Stoffen bezogene Stühle und Sessel, Fenster und Türen bekleidende Stores und Draperien – , zu ihren heutigen. Vom Grossen, Repräsentativen, gar Ostentativen mag sich dieser Bogen nunmehr hin zum Kleinen, Intimen und Körpernahen und damit zur Kunstform des Stilllebens erstrecken. Ein schwerer Vorhang kann dabei schon mal zu einem Minirock aus Samt mutieren. Und der Weg ist nicht sehr weit zu den Perücken mit „langen, glatten seidigen Haaren“ und „dicken, glänzenden Locken“.

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↑ Gloria, 2014, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm
↓ Cindy, 2014, Öl auf Hartfaser, 40 x 30 cm

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Aber kommen wir zurück zur Malerei, denn Suzanne Wild versteht sich als Malerin – leidenschaftlich. Ihren Arbeiten sieht man diese Leidenschaft, ja Liebe auf das Sinnfälligste an. In einer Zeit, in der Hochmögenste der Kunst von einer eben solchen sprechen, die sich nicht mehr unbedingt zu manifestieren, zu materialisieren brauchen soll, ein Anachronismus? Nein, die so hundert- und tausendfach totgesagte Malkunst lebt! Suzanne Wild legt davon ein beredtes Zeugnis ab.

Wie allen Malerinnen und Malern geht es ihr um Farben, um Licht, das Farben „erzeugt“ und erkennbar werden lässt. Hier nicht um Farbfeldmalerei, sondern um Kompositionen von Farbe. Das darf dann ruhig zu Ergebnissen führen, die wir als gegenständliche Malerei bezeichnen. Wo, bitteschön, sollte hier ein Problem sein?

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Blue Velvet Skirt 1, 2015, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm

Und dennoch: Bei aller Konzentration und Hingabe auf das Malerische erwischt es den Betrachter – nicht kalt, wie es die Redensart vermuten lässt, sondern heiss: mit „Female Fruit“, weiblichen Früchten! Was nun? Zwei Feigen in einem durchsichtigen Beutel. Wem hier keine Assoziationen zufliegen, dem kann man auch nicht mehr helfen.

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The Female Fruit, 2014, Öl auf Hartfaser, 40 x 30 cm

Man verstehe ausserdem: Feigen. Die erste namentlich im Alten Testament erwähnte Fruchtpflanze. Adam und Eva bedeckten, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, bei ihrer Vertreibung aus dem Paradies mit Feigenblättern all das, was zu bedecken zuvor kein Anlass bestand. Und worin bestand diese Erkenntnis? Dass man Mann und Frau war.

Ach, wir entdecken noch etwas: Der Kirchenvater Augustinus soll gesagt haben: Ficus foliis significantur pruritus libidinis – „Feigenblätter bedeuten das Jucken der Sinnlichkeit“.

Suzanne Wild, „…objects of interest“, Galerie Nathalia Laue, nur noch bis Samstag, 4. Juni 2016

An diesem Samstag wird die Künstlerin in der Zeit zwischen 14 und 18 Uhr in der Galerie für eine persönliche Begegnung anwesend sein und für Gespräche zur Verfügung stehen. Also: Hingehen!

Abbildungen © Suzanne Wild; Bildnachweis: Galerie Nathalia Laue

→ Das Kunstwerk der Woche (19)
→ Suzanne Wild – Malerin

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