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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archiv für Dezember, 2015

Abschied von der Europäischen Kulturhauptstadt 2015 Pilsen / Plzeň (Teil 1)

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Liebeserklärung an eine liebenswerte Stadt (1)

Pilsen / Plzeň – eine überaus dem bunten Leben offene, schöne, ja prächtige, mit der Westböhmischen Universität und der medizinischen Fakultät der Prager Karls-Universität von studentischem Leben geprägte und nicht nur deshalb jugendlich wirkende Stadt, mit etwa 170.000 Einwohnern noch gut überschaubar, Verwaltungs- und Bischofssitz, mit zahlreichen Kultureinrichtungen und -institutionen und, last but not least, Sitz der weltberühmten Brauerei, die im 19. Jahrhundert das Pils (Pilsner) erfand – davon in Teil 2 mehr.

Über eine Fläche von rund 200 mal 150 Meter erstreckt sich der Hauptmarkt (heute Platz der Republik) im Zentrum der unter Denkmalschutz stehenden Altstadt mit der freistehenden St.-Bartholomäus-Kathedrale in seiner Mitte, umrandet von schönsten, perfekt restaurierten Bürgerhäuserfassaden.

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Deutscher Fairness-Preis 2015 an Sina Trinkwalder – Fairness-Initiativpreis an „Digitale Helden“

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Unsere Kleidung: wie unfair ist sie – wie fair kann sie sein?

Von Renate Feyerbacher

Diesmal, am 31. Oktober 2015, hatte die Fairness-Stiftung in den Saal des Frankfurter Ökohauses eingeladen. Das Interesse war gross, dicht gedrängt sassen die Besucher. 220 sollen es gewesen sein. Aber der Ort war angemessen, ging es doch um Umwelt, um den Umgang mit Resourcen, um auf saubere, will sagen auf ökologische und nachhaltige Weise hergestellte Kleidung. Zum 15. Mal wurde der undotierte Preis verliehen.

 

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Sina Trinkwalder, umringt vom Kuratorium der Fairness-Stiftung: Professor Karl-Heinz Brodbeck (Kuratoriumsvorsitzender), Mark Schmid-Neuhaus, Johannes Hans A. Nikel, Dieter Kallinke,  Norbert Copray (geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung) und Irene Thiele-Mühlhan (stellvertretende Kuratoriumsvorsitzende)

Sina Trinkwalder ist die Fairnesspreisträgerin 2015. Sie gründete 2010 in Augsburg, da war sie 32 Jahre, die ökosoziale Textilfima manomama. Kurz zuvor war sie Mutter geworden. Sie beschäftigt hauptsächlich benachteiligte Menschen, alleinerziehende Frauen, Ältere oder Geringqualifizierte und zahlt ihnen einen Stundenlohn von mindestens zehn Euro. Ihr eigener Lohn sei nur wenig mehr als der ihrer Mitarbeiter, sagt sie bei der Preisverleihung. 150 Menschen gibt sie Arbeit und Lebensperspektiven. Fairness praktiziert sie mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit Lieferanten, mit Umwelt und Natur. Sie produziert in Deutschland, verarbeitet werden nur nachhaltige erzeugte Fasern: Viskose, Baumwolle, Schurwolle von bayerischen Schafen, Leder aus dem Allgäu und Garn von der Schwäbischen Alb. Weiterlesen

EISZEIT: Ausstellung in der Orangerie Schloss Benrath

Dienstag, 29. Dezember 2015

Die Facetten des Ephemeren

Von Petra Kammann

Die Erderwärmung hat uns offenbar ein frühjahrshaftes Weihnachtsfest beschert. Bilder zum Thema Eiszeit, die noch bis zum 3. Januar 2016 in der Orangerie des Schlosses Benrath zu sehen sind, erinnern an die vergängliche Schönheit winterlicher Strukturen wie aus ferner Zeit.

Sieben Künstler hatte der Benrather Kulturkreis eingeladen, die sich direkt oder indirekt in unterschiedlichen Medien und Materialien mit dem ephemeren Stoff Eis auseinandergesetzt haben. Kuratiert wurde die Schau von der jungen Kunsthistorikerin Leonie Runte.

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Kuratorin Leonie Runte, im Hintergrund Fotos aus der Antarktis von Lutz Fritsch; Werke © VG Bild-Kunst, Bonn

Von der Wiener „Eisbildhauerin“ Claudia Märzendorfer sehen wir in dieser Schau keine Eiskulpturen. Sie hat stattdessen eine Vinylplatte beigesteuert, auf der ihre Performance mit den Tönen einer in Eis gegossenen Schallplatte als „frozen record“ gebannt ist. Sie gibt die akustische Wahrnehmbarkeit des Schmelzvorgangs während der Spieldauer wieder.

Benrath gehört wie Urdenbach zu den südlichen Stadtteilen Düsseldorfs, in denen einige interessante Künstlerinnen und Künstler leben. Sie haben sich auf ihre Weise mit dem Thema Eiszeit beschäftigt wie etwa Dodo Schmid. Sie hat dem nahe gelegenen Rhein das Schwemmholz entnommen, das nach seiner langen Reise durch Seitenflüsse und Schmelzwasser ins Rheinland gelangt ist, um es dann eigenständig skulptural weiter zu bearbeiten.

Treibholz ist auch für die in Urdenbach ansässige Künstlerin Andrea Mohr die Basis eines kreativen Prozesses. Sie veredelt die scheinbar alltäglichen Funde mit reduzierten Applikationen metallischer Elemente und lässt so changierend glänzende Objekte entstehen.

André Wagner nahm seine Langzeitbelichtungen in Island in der Dämmerung und bei Nacht auf. Seine teils mit dem Medium des Films, teils digital entstandenen Landschaftsfotografien mit blauen Eisschollen auf spiegelnd grauen Wasserflächen vor rauhen Gebirgsketten scheinen von innen heraus zu leuchten.

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André Wagner, Island 1 Weiterlesen

Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium

Sonntag, 27. Dezember 2015

Bis auf den heutigen Tag ist es ungebrochen populär und beliebt: das sechs Kantaten umfassende (und deshalb nach Bachs Praxis an sechs verschiedenen Tagen zu spielende) Weihnachtsoratorium des grossen Komponisten, an Weihnachten sowie an und nach Neujahr 1734/1735 in Leipzig uraufgeführt. Heute, am 27. Dezember, wäre somit nach dem ersten und zweiten Weihnachtstag die dritte Kantate an der Reihe gewesen, die vierte folgte sodann am Neujahrstag. Heute werden meist die drei ersten (und dem breiten Publikum bekannteren) Kantaten zusammenhängend bereits in der Adventszeit aufgeführt, auch von sozusagen semiprofessionellen Orchestern und Chören, denn die Gesangs- und Chorpartien bieten keine übermässigen Schwierigkeiten.

Anders verhält sich dies jedoch bei den Trompetensätzen, die in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung – sehr zu Unrecht – weniger im Rampenlicht als die Sängerinnen und Sänger stehen: Sie verlangen, insbesondere die „halsbrecherische“ erste Stimme, höchste bläserische Fertigkeiten und Spieltechniken, über die heute selbst Berufstrompeter im allgemeinen nicht mehr zu verfügen brauchen. Gespielt werden diese Partien, jedenfalls in Live-Konzerten, deshalb durchweg auf der vierventiligen, jedoch eher klangarmen Hoch-Trompete, um sich nicht mit Patzern vor dem Publikum zu blamieren. Vor der Zeit der Hoch-Trompete spielten die Instrumentalisten solche Werke auf der eine Oktave tieferen, klangvoluminöseren dreiventiligen „Normal“-Trompete in D-Stimmung, ein in Live-Aufführungen hinsichtlich der Intonationssicherheit durchaus risikoanfälliges Unterfangen, was nicht immer auf das Perfekteste gelang. Um ein Vielfaches noch schwieriger und problematischer für heutige Bläser ist hingegen das Spiel auf der ventillosen, abermals eine Oktave tiefer liegenden, gegenüber der Normaltrompete also doppelt und der Hoch-Trompete viermal so langen Barocktrompete, wie sie zu Bachs Zeiten allein zur Verfügung stand. Dass diese Partien auf den damaligen Instrumenten von den (wenn auch nicht zahlreichen) Meistern ihres Fachs intonationssicher ausgeführt wurden, beweist bereits die Tatsache, dass der anspruchsvolle Bach sie überhaupt komponiert hat.

Umso bemerkenswerter ist es, wenn heute wagemutige Ensembles die sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums live in öffentlichen Konzerten mit drei ventillosen Barocktrompeten zur Aufführung bringen – die Klangschönheit dieser Instrumente rechtfertigt die dabei kaum vermeidbaren Intonationsrisiken. Verwendet werden Neubauten, die zur Intonationskorrektur mit Grifflöchern versehen sind, welche aber keinesfalls die Funktion eines Ventils erfüllen. Die wahre Königsklasse allerdings sind die wirklichen Naturtrompeten ohne Grifflöcher – es gibt Trompeter wie die Musikprofessoren Edward H. Tarr oder Jean-François Madeuf (Nachfolger des ersteren an der berühmten Schola Cantorum Basiliensis), die die barocke Trompetenliteratur auch auf Originalinstrumenten fehlerfrei und in einzigartiger Klangschönheit bewältigen.

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Grote of Sint-Vituskerk in Naarden (1380-1479); Bildnachweis CrazyPhunk at Dutch Wikipedia/wikimedia commons, GFDL

Im folgenden die sechs Kantaten (in verhältnismässig guter Bild- und Tonqualität) von AVROTROS KLASSIEK auf Youtube veröffentlicht, im Dezember 2012 mit ventillosen Neubau-Barocktrompeten live aufgeführt vom Combattimento Consort Amsterdam und der Capella Amsterdam unter der Leitung von Jan Willem de Vriend in der Grote Kerk in Naarden.

Leider werden uns die Namen der drei hoch qualifizierten wie mutigen Solo-Trompeter unverständlicher Weise nicht verraten.

Kantate Nr. 1 „Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage“ (Erster Feiertag)

Kantate Nr. 2 „Und es waren Hirten in derselben Gegend“ (Zweiter Feiertag)

Kantate Nr. 3 „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“ (Dritter Feiertag)

Kantate Nr. 4 „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“ (Neujahrstag)

Kantate Nr. 5 „Ehre sei dir, Gott, gesungen“ (Erster Sonntag nach Neujahr)

Kantate Nr. 6 „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“ (Epiphanias)

– Weitere Beiträge zu „Naturtrompete“ und „Barocktrompete“ bitte im obigen Feld „Suchen“ aufrufen –

Weihnachten 2015 im Städel Museum

Freitag, 25. Dezember 2015



Allen Leserinnen und Lesern
ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest!

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Adam Elsheimer, Kreuzaltar, 1603-1605, Kupfer, 133,6 × 107 cm, Teileigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.; Städel Museum Frankfurt; Foto © Städel Museum – ARTOTHEK

Johann Wolfgang Goethe mag der grösste „Sohn“ der Stadt Frankfurt am Main sein – es gibt jedoch auch eine Anzahl weiterer grosser in der Stadt geborener Künstler-Söhne und -Töchter, stellvertretend für viele seien hier nur Caspar Merian (1627-1686) und Maria Sibylla Merian (1647-1717) genannt, und natürlich der bedeutende Maler Adam Elsheimer, 1578 in der Stadt geboren (manche Historiker sehen jedoch das nahe Wörrstadt als den Geburtsort an). Im Jahr 1600 übersiedelte er nach Rom, wo er 1610 allzu früh – wie wir lesen an den Folgen einer Schuldgefängnishaft – verstarb. Elsheimer, der einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf die Barockmalerei in Europa ausübte und den schon Rubens und Rembrandt bewunderten, hatte zu Lebzeiten mit seinen zumeist kleinformatigen Werken grossen Erfolg. Die sieben Bildtafeln des Kreuzaltars zählen zu den Hauptwerken seines wegen des frühen Todes zahlenmässig nur kleinen überkommenen Œuvres. Im Jahr 2006 widmete ihm das Städel Museum, das die weltweit grösste Sammlung von Werken des Meisters besitzt, eine umfassende Ausstellung.