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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Emil Cimiotti im KunstRaum Bernusstraße

Ein Pionier der Nachkriegsskulptur mit neuen Arbeiten im KunstRaum Bernusstraße

Von Hanneke Heinemann
Kunsthistorikerin

Emil Cimiotti tut gut daran zu betonen, dass er kein „informeller“ Bildhauer sei, ist doch auch in den Auflösungs- und Durchdringungsprozessen seiner Werke die Form immer Hauptakteur, heute vielleicht sogar stärker denn je. Er ist ein geehrter und von vielen Professoren und Ausstellungsmachern geschätzter Pionier der Nachkriegsskulptur und gleichzeitig ein Überwinder des Informel, der mit einer erstaunlichen Vitalität bis zum heutigen Tag innovative, lebendige Werke hervor bringt.

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(v.l.) Aus der Reihe Macchiato: Papierrelief, 2015, Tusche auf Zeichenkarton
Palmyra, 2012, Bronze auf Stahl, Unikat
Schwebend, 2014, Bronze auf Stahl, Unikat
Aus der Reihe Segmente: Papierrelief, 2015, Tusche auf Zeichenkarton

Die Technik, die er noch heute in abgewandelter Form anwendet, unterscheidet ihn von vielen seiner Kollegen: Er arbeitet im Wachsausschmelzverfahren mit verlorener Form, das Einzelstücke entstehen lässt. Trotz vielleicht ähnlich erscheinender Gestalt sind die Plastiken nicht zu wiederholen. Der geschmeidige Werkstoff folgt fast unvermittelt der Bewegung der Hand und konserviert einen abstufungsreichen Zustand zwischen Flüssigkeit und Festigkeit. Hatte Emil Cimiotti in frühen Jahren das weiche, leicht und recht spontan zu bearbeitende Wachs mit Paraffin und Kolophonium stabilisiert, benutzt er heute leicht nachgebende, aber trotzdem tragfähige Filzstoffe, die er beispielsweise in Wellenbewegungen versetzt oder sie spannungsreich über- und aneinander legt. Er testet Entgrenzung und die Auflösung von Form und Gestalt aus und nimmt sie aber auch absichtsvoll wieder zurück, um auf vertraute Grundformen zurückzukommen. Kraftvolle Prozesse in Struktur und Textur verbinden sich mit Statik und Tektonik zu ausgewogenen Formfindungen.

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↑ Palmyra, 2012, Bronze auf Stahl, Unikat
↓ Hügel V, 1989/90, Bronze auf Stahl, teilweise bemalt, Unikat

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Die Ausstellung im KunstRaum Bernusstraße zeigt Werke, die in den letzten Jahren entstanden sind. Da formt sich eine flache Ebene zu Raum erkundenden Faltungen, die sich über ihre Grenzen fortzusetzen scheint. In Werken wie „Schwebend“ entstehen Raumzeichen von betörender Schlichtheit und Spannung. Die weitgehend unbearbeitete Oberfläche der Bronzen, die mitunter auch punktuell perforiert ist, trägt dabei zur Lebendigkeit der Plastiken bei. Zwei in die Höhe weisende Flügel von „Alpha“ lehnen sich in ihrer Dynamik an Nike-Figuren an und zeigen nur eine Version des Themas. Ebenfalls auf die Antike spielt die zweiansichtige Plastik „Palmyra“ an, die fächerförmig mit stiller Würde auf einen Ort in Syrien verweist, der heute tragischer Weise nicht mehr existiert. Schon vor der Zerstörung der archäologischen Stätten hat Emil Cimiotti in der Bronze die Ornamentik und die Kraft der alten Hochkultur zusammengefasst und ihr so ein Denkmal gesetzt.

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↑ Alpha, 2012, Bronze auf Stahl, Unikat
↓ Baum, 2002, Bronze auf Stahl, Unikat

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Emil Cimiottis Arbeiten wachsen aus der Materie und zeugen vom respektvollen Dialog des Künstlers mit Material, Form und Raum. Im Gegensatz zu früheren Werken tragen sie nun knappe Titel, die auf einen Aspekt der Formbildung („Entfaltung“) oder der geometrischen Beschaffenheit („Segmente“) hinweisen. Der Betrachter vertraut auf sein Formempfinden, wenn er in den Faltungen der Plastik „Schwebend“ einen Tragflügel erspüren kann, der langsam sich vom Boden empor hebt. Die ovoide Gestalt der Bronze „In der Art der Boliden“ bietet ein mit Bravour verspanntes Zusammen von Innen und Außen. Über einen verdichteten Boden entfaltet sich ein dynamisches Auseinanderdrängen von eruptierenden Strahlen, die in einem spannungsreichen Miteinander zum geometrischen Umriss der Figur stehen, eine nach außen strömende Bewegung, die wieder eingefangen wird – ein Höhepunkt aus der Synthese von Auflösung und klarer Form in Cimiottis aktuellem Werk.

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(v.l.) In der Art der Boliden, 2014, Bronze auf Stahl, Unikat
Aus der Folge Strophen, Papierrelief, 2015, Tusche auf Zeichenkarton
Alpha, 2012, Bronze auf Stahl, Unikat

Eine der großen Entdeckungen dieser Ausstellung sind die späten, noch weitgehend unbekannten Papierreliefs, die sich in einer ungeahnten Frische präsentieren. Emil Cimiotti weicht die Struktur des Papiers auf, um halb spielerisch, halb kalkuliert etwas unerwartet Neues in seinem Werk zu erschaffen. Knautschungen, Faltungen und Risse lassen Reliefs entstehen, die seinem Anliegen, den Raum mit Texturen und Strukturen zu erobern, eine weitere Intensität hinzufügen. Sichere farbige Setzungen steigern die Plastizität des Papiers und zeigen, dass Emil Cimiotti nicht nur ein Pionier der Nachkriegsskulptur ist, sondern unbestritten auf der Höhe seiner Zeit. Der bereichernde Dialog mit den Werken lässt dies zweifelsohne direkt erspüren.

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In der Art der Boliden, 2014, Bronze auf Stahl, Unikat

Emil Cimiotti wurde 1927 in Göttingen geboren. Nach Kriegsdienst und -gefangenschaft beginnt er 1946 zunächst eine Steinmetzlehre, bevor er an der Stuttgarter Kunstakademie studiert; weitere Stationen sind Berlin und Paris. 1959 nimmt er zum ersten Mal an der documenta Kassel teil und vertritt 1960 mit anderen Deutschland auf der Biennale in Venedig. Weitere Teilnahmen an wichtigen Ausstellungen folgen. Von 1963 bis 1992 lehrt er an der Braunschweiger Kunsthochschule. Emil Cimiotti lebt und arbeitet in Wolfenbüttel.

Emil Cimiotti – Ein Pionier der Nachkriegsskulptur, KunstRaum Bernusstraße, bis 24. Oktober 2015

Hinweise: Sonntag, 11. Oktober 2015, 11.30 Uhr: „Emil Cimiotti – Bericht aus dem Atelier/Technik und Werk“. Im Gespräch mit Hanneke Heinemann werden anhand von Abbildungen auch einige Werke früherer Jahre vorgestellt und von Besuchen im Atelier des Künstlers berichtet. Zum Abschluss wird ein kurzen Film gezeigt, in dem Emil Cimiotti selbst seine Gedanken zu seinen Arbeiten erläutert
Sonntag, 25. Oktober 2015, 11.30 Uhr: Vortrag von Professorin Christa Lichtenstern „Beobachtungen zum Spätwerk von Emil Cimiotti“

Abgebildete Werke © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotos: FeuilletonFrankfurt

 

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