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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

„Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Helmut Lachenmann an der Oper Frankfurt

Durch Hören zu sich kommen – ein „Wahrnehmungsabenteuer“

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Monika Rittershaus/Oper Frankfurt und Renate Feyerbacher

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Helmut Lachenmann am Abend der Erstaufführung an der Oper Frankfurt; Foto: Renate Feyerbacher

„Musik mit Bildern“ hat Komponist Helmut Lachenmann sein Werk genannt, das 1997 an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt und am 18. September 2015 seine szenische Erstaufführung an der Oper Frankfurt hatte. Konzertant war das Opus bereits 2002 in der Alten Oper Frankfurt zu hören.

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Michael Mendl (Schauspieler; in der Bildmitte sitzend und auf der Leinwand) sowie im Hintergrund die Zuschauer, das Ensemble und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester; Foto © Monika Rittershaus

„Es war fürchterlich kalt“, so beginnt das Märchen von Hans Christian Andersen (1805-1875), das eines der traurigsten der Weltliteratur ist. Das sind auch die ersten Worte, die verstanden werden können in Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Der Komponist nahm den Text des dänischen Autors als Hauptvorlage und ergänzte ihn mit Texten von Gudrun Ensslin, die als RAF-Mitglied in Frankfurt 1968 zündelte (Überschrift „Kaufladen“), und von Leonarado da Vinci: „Doch ich irre umher, getrieben von meiner brennenden Begierde, das große Durcheinander der verschiedenen und seltsamen Formen wahrzunehmen, die die sinnreiche Natur hervorgebracht hat … um in die Höhle hineinzublicken … große Dunkelheit … plötzlich in mir zwei Gefühle: Furcht und Verlangen. Furcht vor der drohenden Dunkelheit der Höhle, Verlangen aber, mit eigenen Augen zu sehen, was darin an Wunderbarem sein möchte“ (aus dem „Codex Arundel“ 1478-1518), zitiert aus dem Programmheft („Zwei Gefühle“), verfremdet, gestottert gesprochen, nur Silben, Wortfetzen sind zu verstehen, wird er von Helmut Lachenmann selbst. Ein Text, der seine brennende Wissbegierde dokumentiert.

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Helmut Lachenmann (Sprecher; unten stehend) und Michael Mendl (Schauspieler; auf der Leinwand); Foto © Monika Rittershaus

Es ist die Geschichte vom kleinen, armen Mädchen, das beim Überqueren der Strasse die viel zu grossen Pantoffel der Mutter, die diese zuletzt anhatte, trägt und sie verliert. Sie sucht sie: Der eine ist verschwunden, der andere wird von einem Jungen mitgenommen. Das Mädchen setzt sich an eine Hauswand und versucht, Streichhölzer zu verkaufen. Vergeblich – keiner will sie haben, und so zündet es eins nach dem andern an, um sich zu wärmen. „Der Neujahrsmorgen ging über der kleinen Leiche auf, die mit Streichhölzern dasaß, wovon eine ganze Schachtel verbrannt war. ‚Sie hat sich wärmen wollen‘, sagte man. Niemand wusste, was sie Schönes erblickt hatte, in welchem Glanze sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war!“

Das Kind war erfroren. Hinschauen und Tätig-Werden hätten den Tod des Kindes verhindern können. Auszug aus einem Brief von Gudrun Ensslin: „der kriminelle, der wahnsinnige, der selbstmörder – sie verkörpern diesen widerspruch, sie verrecken in ihm, ihr verrecken verdeutlicht die ausweglosigkeit/ohnmacht des menschen im system …“ („Litanei“).

Lachenmann kannte Gudrun Ensslin – beide kamen aus einer Pastorenfamilie. „Beide haben auf verschiedene Weise gezündelt: Grudrun hat eben eine unglaubliche, nicht nachvollziehbare weitere Entwicklung genommen, hat Menschen auf dem Gewissen. Das kleine Mädchen hatte die Gnade des frühen Verreckens.“ Das sind harte Worte von Helmut Lachenmann im Videoclip der Oper Frankfurt. Hochaktuell ist das Thema. Tagtäglich sind in den Medien Bilder von toten Flüchtlingskindern zu sehen. Der dreijährige Ailan, der tot am Strand von Bodrum lag, dort wo Touristen Urlaub machen, rüttelte auf. Wirklich?

Beim Komponieren, das mehr als zwanzig Jahre dauerte, hatte Lachenmann zwar das Märchen im Kopf, aber er wollte eine meteorologische Situation musikalisch realisieren. Er hat an kein politisches Manifest gedacht, nicht an Kinderarbeit. Es werden Zustände beschrieben. Die todbringende meteorologische Kälte wird nicht gespielt, sondern gerieben, gescharrt, geblasen, tonlos gestrichen. Der eisige Wind ist zu spüren. Unglaublich, wie ihm das gelungen ist. Im ganzen Opernhaus verteilt ist der Orchesteraufbau. Das Orchester und die beiden Sopranistinnen verkörpern das Mädchen. „Die Stimme als frierende Kreatur“. Schnalzen, Bibbern.

Komponist Helmut Lachenmann, 1935 in Stuttgart geboren, nennt das Werk „Musik mit Bildern“. Eine schwierige Aufgabe für den Regisseur Benedikt von Peter. Es gibt keine handelnden Personen. Er konzentriert sich auf das Phänomen der sozialen Kälte.

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Foto: Renate Feyerbacher

Die Inszenierung beginnt draussen vor dem Opernhaus mit einer überlebensgrossen, aufgeblasenen Mädchenfigur, die Streichhölzer in den Händen hält. Am Ende der Oper liegt die Figur Helium-Gas entleert auf dem Pflaster. Rechts und links vom Operneingang sitzen wie bei jeder Vorstellung reale Bettler. Diese Figur muss nicht gefallen, scheint reine Werbung zu sein, aber sie fällt auf. Überall im Vorraum, im Foyer stehen Statisten mit einer Art Megaphon in der Hand. Im Foyer ist aus den Lautsprechern das Märchen zu hören – gesprochen von Michael Mendl. Aber, wer hört schon zu, wenn Freunde begrüsst werden? Michael Mendl hatte das Märchen bei Oper extra vorgelesen. Das Atmen der Menschen war nicht mehr zu hören, so lauschten die Besucher dem Text. Ein Ereignis. Ich hätte mir gewünscht, dass er es zu Beginn der Oper so noch einmal gelesen hätte. Denn einige werden das Märchen nicht gekannt haben, und um Werk und Inszenierung zu verstehen, ist die Kenntnis wichtig.

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Michael Mendl (Schauspieler; in der Bildmitte sitzend und auf der Leinwand) sowie das Frankfurter Opern- und Museumsorchester; Foto © Monika Rittershaus

Im Dunkel gehaltenen Zuschauerraum des Parketts, der Balustraden der oberen Ränge – schwarz die Wände, um die weiss gehalten Texte zu projizieren: Märchentexte, Überschriften der musikalischen Handlung: „Auf der Strasse“, „Stille Nacht, Heilige Nacht“, „Königin der Nacht“, „An der Hauswand“ und schliesslich „Wenn ein Stern vom Himmel fällt“. Dann fahre eine Seele zu Gott empor, so hatte es die Großmutter erzählt.

Es gibt keine handelnden Personen. Das Mädchen wird quasi in Vielstimmigkeit aufgelöst. Es ist wie ein fragmentierter Körper. Regisseur Benedikt von Peter erzählt eine Gegengeschichte zur meteorologischen Kälte, eine Geschichte von sozialer Kälte. Die Szene zwischen Michael Mendl und dem realen Meerschweinchen ist der Bezug zur Realität. Auf der Projektionswand ist auf blauem Untergrund das Meerschweinchen zu sehen, das an der Bühne auf einem Podest vor sich hin agiert. Mendl sitzt, hockt, liegt daneben – vereint sind Mensch und Tier.

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Michael Mendl bei „Oper extra“; Foto: Renate Feyerbacher

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Michael Mendl (Schauspieler); Foto © Monika Rittershaus

Traurigkeit, Einsamkeit und Schutzlosigkeit werden am Ende eindrücklich fokussiert, wenn der Schauspieler nur da sitzt und das Tier im Arm hält. Anfangs wird durch handelndes Geschehen zwischen Mensch und Tier von der Musik manchmal doch immer wieder abgelenkt. Wie Michael Mendl über fast zwei Stunden hinweg minimalistisch agiert, zusammengekauert mit dem Tier im Arm fast unbeweglich auf dem Podest sitzt, das geht schon unter die Haut.

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ChorWerk Ruhr sowie das Frankfurter Opern- und Museumsorchester; Foto © Monika Rittershaus

Und die Musik: Immer wieder ist das „Ritsch“ der Streichhölzer an der Hauswand stimmlich wie instrumental zu hören.

„Himmelfahrt“. Der Orchesterapparat zieht sich fast ganz zurück, damit der Klang der japanischen, rituellen Mundorgel Shô gehört werden kann: „Im glücklich-befreiten Sinne ‚trost-loses‘ Medium des Transzendenten, bruchlos hinüber- bzw. zurückführend in die kalte Morgenstunde, die über der Leiche des kleinen Mädchens aufgeht … Geistermelodien der Klaviere, quasi cantabile gehauchte Trompeten im Pedaltonbereich und großräumig hin- und zurückschwingenden Wischbewegungen der Streicher mit auf der Seitenoberfläche aufgelegter Bogenstange“ (Lachenmann im Programmheft). Metapher für den suchenden Menschen. Eine „Musik mit Bildern“ nennt sie, wie gesagt, Lachenmann. Die Musik ist so stark, dass sie diese Bilder im Kopf erzeugt.

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Dirigent Erik Nielsen mit der Partitur bei „Oper extra“; Fotos: Renate Feyerbacher

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Auch für den Dirigenten, für das Frankfurter Opern- und Museumsorchester und für ChorWerk Ruhr ist die Realisation eine schwierige Aufgabe. Grandios, wie die Musiker und der Chor unter dem ruhigen, disziplinierten Duktus von Erik Nielsen „spielen“, reiben, scharren, klopfen, schlagen, klirren, manchmal durch Tutti attackieren, schnalzen, flüstern, hauchen (Chor-Einstudierung Michael Alber). Großartig auch die Leistungen der beiden Sopranistinnen Christine Graham und Yuko Kakuta.

Ein „wahnsinniger“, klangmalerischer, faszinierend-bedrückender „Opern“-Abend, ein Musik-Labor, das manche nicht verkraftet und das Haus vorzeitig verlassen haben, einige sich fragten, ob das überhaupt Musik sei und den Beifall der Vielen nicht verstanden haben. „Die Deutschen klatschen ja für alles!“, war zu hören. Nein, einige Deutsche haben nachgedacht, denken nach. Lachenmann will, dass wir die Kunst neu denken, durch Hören und Hin-Schauen zu uns kommen. Eben ein „Wahrnehmungsabenteuer“, eine Art „Raum-Klang-Skulptur“.

Weitere Vorstellungen am 24., 26. und 27. September 2015, jeweils um 19.30 Uhr

 

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