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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

„Laster des Lebens“ von William Hogarth im Städel Museum

Bilderzählungen voller Drastik, Tragik und Komik

Von Hans-Bernd Heier

Im Jubiläumsjahr „200 Jahre Städel“ rückt die weltweit renommierte Frankfurter Galerie die Sammlungsgeschichte der ältesten bürgerlichen Museumsstiftung Deutschlands in den Fokus. Der Bankier Johann Friedrich Städel hinterließ der nach ihm benannten Stiftung nicht nur knapp 500 Gemälde, sondern auch rund 4.600 Zeichnungen und annähernd 10.000 Druckgrafiken. Er legte damit den Grundstein für die fünftgrößte Grafiksammlung in Deutschland. Aus dem reichen druckgrafischen Gründungsbestand zeigte das Städel zum Auftakt des Jubiläumsreigens bereits herausragende Arbeiten des französischen Künstlers Jean-Jacques de Boissieu.

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„Hogarth Painting the Comic Muse“ (Hogarth malt die komische Muse), Radierung und Kupferstich (7. Zustand von 7), 44 x 35,4 cm, 1764

Unter dem Titel „Laster des Lebens“ sind jetzt in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung druckgrafische Arbeiten des englischen Malers, Kupferstechers und Radierers William Hogarth (1697-1764) zu sehen. Auch hier kann das Kunstinstitut aus dem Vollen schöpfen: Von den insgesamt 110 Arbeiten, die zum Grundstock des Städel Museums gehören, sind bis zum 6. September 2015 rund 70 Meisterwerke versammelt – darunter auch die berühmten Druckfolgen „A Harlot’s Progress“ (Der Weg einer Dirne, 1732), „A Rake’s Progress“ (Der Weg eines Liederlichen, 1735) und „Marriage à la Mode“ (Die Heirat nach der Mode, 1745).

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„Der Weg einer Dirne“, Blatt 2 (Leichtfertigkeit), Radierung und Kupferstich, 31,3 x 38 cm, 1732

Diese Serien machten den englischen Ausnahme-Künstler europaweit bekannt und nicht seine Gemälde, die den Arbeiten auf Papier vorausgingen. Mit den nach Gemälden entstandenen Druckgrafiken erreichte er bei einem größeren Publikum seinen Durchbruch. Sie trugen ihm Ruhm und auch Wohlstand ein. Für den in London geborenen Künstler sind sie keine bloßen Reproduktionen, sondern „ebenbürtige Kunstwerke, die er immer wieder um Details ergänzte und deren hohe Qualität ihm sehr wichtig war“, schreibt Kuratorin Annett Gerlach in dem kleinen, aber feinen Begleitheft zu der sehenswerten Schau. Auch Martin Sonnabend, zusammen mit Jutta Schütt Leiter der Graphischen Sammlung, lobt „das fantastische grafische Niveau“, das sich beispielsweise in der raffinierten Darstellung der Lichtverhältnisse zeige.

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„Das lachende Publikum“, Radierung (4. Zustand von 4), 18,7 x 17,2 cm, 1733

Hogarth schuf mit seinem Werk eine neue Gattung zwischen realistischer Historienmalerei und Karikatur. Mit seinen „modern moral subjects“ (moderne Lebensbilder) suchte er ein neues realistisches Genre zu etablieren. Er wandte sich gegen die idealisierenden Darstellungen der Historienbilder, aber auch gegen die Überzeichnungen in der Karikatur. Sein Freund, der Schriftsteller Henry Fielding, bezeichnete Hogarth als „Comic History Painter“. Damit umriss er die entscheidenden Merkmale von Hogarths Kunst, die dieser selbst in seinen autobiografischen Notizen folgendermaßen beschrieb: „Ich wandte deshalb meinen Blick auf ein neues Genre, nämlich auf das Malen und Stechen moderner Lebensbilder, ein Feld, welches bisher noch in jedem Lande brach lag. Ich erkannte, dass die Schriftsteller und auch die Maler im historischen Stil die Zwischenstufe vom Erhabenen zum Grotesken übersahen“.

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Auf der Pressekonferenz: Claudia Scholtz, Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung; Sammlungsleiter Martin Sonnabend, Städel-Direktor Max Hollein und Kuratorin Annett Gerlach

„Es sind Werke eines kühnen Neuentwurfs in den Bildenden Künsten; der Künstler schuf nichts Geringeres als eine neue Gattung, die eine schonungslos realistische Beobachtung der Wirklichkeit mit der klassischen großen Narration der Historienmalerei verband. Drama, Tragik und Komik seiner Bilderzählungen sind so packend und so nah am Leben, dass man seiner Epoche den Namen ‚Hogarth’s England‘ verliehen hat“ – so charakterisiert Städel-Direktor Max Hollein das Werk des bedeutenden englischen Künstlers im Vorwort des Katalogs.

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„Stimmenfang“ (gestochen von G. Grignion), Radierung und Kupferstich, 43,8 x 55,9 cm, 1757

In seinen narrativen Arbeiten thematisierte Hogarth die Moden, Laster und Kehrseiten des modernen Lebens in der Metropole London. Es sind faszinierende Bildromane, geprägt von englischem Witz und hoher moralischer Intention. Hogarth selbst verstand seine Kunstwerke als gedrucktes Theater seiner Zeit. Auf seiner Bildbühne agieren Spieler, Säufer, Ehebrecher und Prostituierte, aber auch hungernde Kinder, Kranke und Notleidende. Als besondere Kennzeichen fließen in die Arbeiten die scharfsinnige Beobachtungsgabe und der beißende Witz des Künstlers ein.

Analysis of Beauty (Analyse der Schönheit). Tafel I. 1753.

„Analyse der Schönheit“, Blatt 1 (Der Statuenhof), Radierung und Kupferstich, 39 x 50,6 cm,1753

Seine Werke zeichnen sich durch eine Allgemeingültigkeit aus, die den Betrachter bis heute in ihren Bann zieht. In seinen gesellschaftskritischen Bildserien warnt Hogarth vor Gefahren und Versuchungen, die in einer wachsenden Großstadt wie London besonders deutlich zu beobachten waren. Dabei reicht der kritische Blick des Künstlers von den repräsentativen Palästen der höchsten Adelskreise bis in die verkommenen Gassen der Elendsviertel.

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„Der Weg eines Liederlichen“, Blatt 3 (Tom Rakewell verschwendet sein Geld), Radierung und Kupferstich, 35,6 x 40,8 cm, 1735

Hogarth’s Druckfolgen greifen durchaus auf reale Schicksale zurück. In der acht Blätter umfassenden Serie „A Rake’s Progress“ schildert er zum Beispiel den sozialen Abstieg des jungen Tom Rakewell, der durch Unvernunft sein Erbe verprasst und erst im Schuldgefängnis, dann im Irrenhaus landet. Rakewells Inhaftierung aufgrund seiner Verschuldung erinnert an des Künstlers eigene Kindheitsgeschichte. Sein Vater Richard Hogarth musste wegen Schulden für fünf Jahre in das berüchtigte Londoner Fleet-Gefängnis. Frau und Kinder mussten ihn, wie es damals üblich war, begleiten.

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„Garrick in der Rolle Richard III“, (gestochen unter Mitarbeit von C. Grignion), Radierung und Kupferstich, 42 x 52,7 cm, 1746

Nach der Entlassung des Vaters begann William Hogarth 1713 eine Lehre als Silbergraveur, in der er auch die Grundlagen für die komplexen Techniken des Tiefdrucks – Kupferstich und Radierung – erlernte. Nach siebenjähriger Ausbildung machte er sich als Kupferstecher mit einer eigenen Werkstatt selbstständig. Um sich weiter als Maler ausbilden zu lassen, trat er 1724 der von dem Historienmaler James Thornhill privat geführten Mal- und Zeichenschule „St. Martin’s Lane Academy“ in London bei. So wurde er 1724 auch Mitglied der Kunstakademie des königlichen Hofmalers James Thornhill, dessen Tochter Jane er 1729 heiratete.

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„Die Eheschließung“, (gestochen von G. J.-B. Scotin), Radierung und Kupferstich, 38,4 x 46,8 cm, 1745

Im Gegensatz zu seinem Vater war William Hogarth ein gewiefter und erfolgreicher Geschäftsmann, der das florierende Londoner Zeitungswesen zu nutzen verstand. In Zeitungen schrieb er seine Werke zur Subskription aus und konnte so die Auflagenhöhe seiner Grafiken ökonomisch kalkulieren. Wie viele Erfolgreiche war auch er nicht gegen Nachahmungen gefeit. Hogarth ärgerten billige, oft minderwertige Kopien seiner Arbeiten. Er setzte sich deshalb vehement gegen Urheberrechtsverletzungen ein. Seine Beschwerden führten 1735 zum „Engravers Act“ (umgangssprachlich auch „Hogarth Act“ genannt), das die Werke von Künstlern 14 Jahre vor illegalen Kopien schützte. Hogarth zögerte sogar bewusst die Herausgabe der bereits vollendeten Druckfolge „A Rake’s Progress“ bis zum Inkrafttreten dieses Gesetzes hinaus.

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„Die Zeiten“, Blatt 1, Radierung und Kupferstich, 24,7 x 30,7 cm

Hogarth mischt in seinem grafischen Werk sehr häufig die Technik von Radierung und Kupferstich. „Um die malerische Wirkung von Gemälden … oder die Suggestion von Räumlichkeit zu erreichen, wird die geätzte Platte anschließend mit dem Kupferstichel überarbeitet“, schildert Annett Gerlach. Auch hat er seine Platten oft noch nachträglich weiterbearbeitet, so dass von seinen Arbeiten häufig mehrere „Zustände“ existieren.

Im Zentrum der großartigen Präsentation im Städel stehen jene meisterhaften Druckfolgen William Hogarths, die ihn international bekannt gemacht haben: „A Harlot’s Progress“, „A Rake’s Progress“ und „Marriage à la Mode“. Dass es seine Arbeiten auf Papier waren, die ihm zum künstlerischen Durchbruch verhalfen und einen Platz in der Kunstgeschichte sicherten, hat einen einfachen Grund: die besseren Verbreitungsmöglichkeiten von Druckgrafiken gegenüber Gemälden. Auf diesem Weg erreichte der Künstler ein breites, gebildetes Publikum im 18. Jahrhundert.

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„Bierstraße“, Radierung und Kupferstich, 39,2 x 32,6 cm, 1751
Schnapsstraße“, Radierung und Kupferstich, 39 x 32,3 cm, 1751

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Bereits von der ersten Auflage von „A Harlot’s Progress“ konnte er 1.240 Exemplare verkaufen. In dieser Bildfolge schildert Hogarth in sechs Episoden Aufstieg und Fall einer jungen Frau, die vom Land in die Stadt kommt, um Arbeit zu finden. Zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts arbeitet sie schließlich als Prostituierte und landet dafür im Gefängnis. Die letzte Szene zeigt das unwürdige Begräbnis der bereits im Alter von 23 Jahren an einer Geschlechtskrankheit verstorbenen Protagonistin. Für ihr grausames Schicksal lassen sich zahlreiche reale und literarische Vorbilder finden.

Den Titel einer weiteren großen Folge „Marriage à la Mode“ entlehnte Hogarth einer Komödie von John Dryden (1631-1700). In diesem sechsteiligen Zyklus thematisiert er eine von zwei Vätern vereinbarte Ehe, in der die Partner allerdings keinerlei Interesse füreinander hegen und sich mit ihren Liebhabern vergnügen. Letztlich nimmt diese Miss-Allianz mit beider Tod ein dramatisches Ende.

Ein weiteres Highlight der begeisternden Schau sind die bekannten Grafiken „Beer Street“ und „Gin Lane“. Mit diesen beiden detailreichen, moralisierenden Blättern unterstützte Hogarth 1751 eine öffentliche Kampagne gegen den übermäßigen Konsum von Gin. In der „Beer Street“ menschelt es zwar, aber beim Trinken des Gerstensafts geht es heiter und gesittet zu. Der Künstler stellt den Genuss von Bier als gesund und wohltuend dar. In krassem Gegensatz dazu zeigt er deftig-drastisch die zerstörerische Wirkung von Gin, die darin gipfelt, dass eine schnapstrunkene Mutter mit entblößter Brust ihr Kind über das Geländer einer Treppe in die Tiefe stürzen lässt.

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„Vorher“, Radierung und Kupferstich, 43 x 33,1 cm, 1736
Nachher“, Radierung und Kupferstich, 41,2 x 33,3 cm, 1736

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Hogarth bedient mit seinen moralisch-ironischen Blättern nicht nur die Sensationsgier der Betrachter, wie mit der drastischen Serie „Die vier Stufen der Grausamkeit“, sondern durchaus auch voyeuristische Gelüste. Besonders mit den beiden Blättern „Before and After“ (Vorher und Nachher) aus dem Jahre 1736. Hier stellt er eine erotische Szene dar, die heute salopp als „One-Night-Stand“ bezeichnet wird.

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„Schlussstück oder falsches Pathos“, Radierung und Kupferstich, 32 x 33,9 cm,1764

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts widmet sich Hogarth neben gesellschaftskritischen zunehmend auch nationalen und politischen Themen. Sie bilden einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung. Mehrfach thematisiert er das Verhältnis der verfeindeten Staaten Frankreich und England. „The Gate of Calais“ von 1748 ist seine Antwort auf eine Festnahme wegen Spionageverdachts bei einer seiner Frankreichreisen. Knapp 15 Jahre später setzt sich Hogarth in der Grafik „The Times“ mit einem eindringlichen Appell für die Beendigung des Siebenjährigen Krieges ein.

Seine kunsttheoretischen Überlegungen hat Hogarth 1753 in dem Buch „The Analysis of Beauty“ (Die Analyse der Schönheit) veröffentlicht. Darin beschäftigt er sich mit den Grundlagen des bildkünstlerischen Schaffens, insbesondere mit der Frage, wie Schönheit und Anmut zu erreichen seien. Bereits ein Jahr später übersetzte der deutsche Schriftsteller Christlob Mylius den Text ins Deutsche. Ein Exemplar dieser Übersetzung befand sich auch in der Bibliothek Johann Friedrich Städels und ist in der Ausstellung zu sehen.

Nach einem Schlaganfall im Jahre 1763 war William Hogarth stark eingeschränkt; er starb im darauffolgenden Jahr in seinem Londoner Haus in Leicester Fields.

Die exzellente Schau, die durch die Hessische Kulturstiftung gefördert wird, ist nach der Präsentation im Städel im Schloss Neuhardenberg zu sehen.

„Laster des Lebens. Druckgrafik von William Hogarth“, Städel Museum, bis 6. September 2015

Bildnachweis (soweit nicht anders bezeichnet): Städel Museum – ARTHOTHEK

→ 200 Jahre Städel-Stiftung – Städel Museum Frankfurt am Main
→ Jubiläumsausstellung im Städel Museum Frankfurt “Monet und die Geburt des Impressionismus”
→ Meisterwerke von Jean-Jacques de Boissieu im Städel
→ 200 Jahre Städel (1)

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