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Appenzell

Appenzell hält alte Traditionen lebendig

Von Elke Backert

Unglaublich! Wir stehen im Stau. In der Schweiz. Von Appenzell nach Gonten – auf sechs Kilometern Landstraße. Wegen einer Baustelle? Nein, der Almabtrieb ist’s. Was aber suchen Kühe und Ziegen auf der Landstraße, wenn sie von der Alm absteigen? Die Tradition will es so. Kehren die Rindviecher von der Alm heim in ihren Stall, werden sie zuerst durchs Dorf geführt, auf dass alle Appenzeller sie willkommen heißen können. Dann ziehen sie weiter in ihr Heimatdorf, in diesem Fall eben Gonten.

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Appenzeller Tracht

Im Appenzeller Land lebt die Tradition. Man singt und jodelt, man spielt auf dem Hackbrett „Striichmusig“ – in Appenzeller Tracht, versteht sich. Ob groß, ob klein, ob jung, ob alt, ob weiblich oder männlich, alle lieben es zu singen und Musik zu machen. Sogar die Kühe, die im Sommer tagaus, tagein mit ihren um den Hals gehängten Glocken bimmeln.

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„Striichmusig“ auf dem Hackbrett

Die Einwohner lieben den Tanz und vertreiben sich die Zeit mit Talerschwingen. In einen Tontopf werfen sie eine Fünf-Franken-Münze und kreisen sie so geschickt, dass die Münze immer um den Schüsselrand kreist. Nachmachen erlaubt! Möglicherweise sind es die Berge und die Ruhe, die diese Traditionen lebendig halten.

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Talerschwingen will erlernt sein

Man höre und staune: Jeden Abend bei Einbruch der Dämmerung lässt auf dem Alpsteinmassiv ein „Betrufer“ sein alpines Gebet in lokalem Dialekt über die Berge erschallen: „Bhüets Gott ond ehaalts Gott …“, was soviel heißt wie „Gott behüte und Gott schütze dich“. Das macht der Mann, indem er einen aus Holz geschnitzten Trichter an den Mund hält und hineinruft.

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Der „Betrufer“ hält einen aus Holz geschnitzten Trichter an den Mund hält und ruft sein Gebet hinein

Es ist kein Witz. Die Region Appenzell Innerrhoden ist katholisch geprägt und hält die Religion hoch. Im Ort selbst lädt die 1561 im spätgotischen Stil erbaute Heiligkreuzkapelle zu innerer Einkehr. Aber auch die in reichem Barock ausgeschmückte Pfarrkirche St. Mauritius – allein das Deckengemälde birgt 163 Figuren! Eine Besonderheit fällt auf: die Beichtbank. Mit ihr hat man direkten Zugang zum Beichtstuhl. Aber, so erfährt der Besucher bei einer Führung durch Appenzell mit einem Augenzwinkern, sie würde heutzutage kaum mehr genutzt, da keine Sünden zu beichten seien.

Die Berge im Alpsteinmassiv wie Säntis und Hoher Kasten erreichen 2504 und 1795 Meter. Seilbahnen bringen den Besucher in diese luftigen Höhen, sofern sie nicht auf dem Geologischen Wanderweg hochlaufen möchten. Auf dem Hohen Kasten in der nordöstlichsten Ecke der Schweiz, den man vom 922 Meter hoch gelegenen Brülisau mit der Gondelbahn erreicht, lädt das Drehrestaurant Rondom innen zu Speis und Trank ein, draußen zum Durchstreifen des Alpengartens mit über 300 beschilderten, teils seltenen Pflanzen und zu einem Gipfel-Rundweg mit Aussicht ins Rheintal auf das Fürstentum Liechtenstein, aufs österreichische Vorarlberg und in die Bodenseeregion.

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Bunt bemalte, dicht aneinander gereihte Häuser sind typisch für Appenzell. Die Giebelseiten scheinen nur aus Fenstern zu bestehen. Handstickerei und Weberei benötigten viel Licht

Appenzell selbst kann sich sehen lassen. Bunt bemalte Häuser mit den schönsten Aushängeschildern, hier Taveen genannt, lassen nicht nur der Fotografen Herz höher schlagen.

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Tavee Hotel Appenzell und Aushängeschild Knechtle; was Aushängeschilder anbelangt, kann wohl kaum eine Stadt mit den Orten im Appenzeller Land konkurrieren. Auch Urnäsch lässt sich nicht lumpen

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Hier sind auch die Gourmets am richtigen Ort, die die einheimischen Spezialitäten kosten wollen. Pasta- und Käseliebhaber werden gleichermaßen bedient mit Älplermagronen, auch Chäs Makkaroni geheißen, die zudem Kartoffelstücke enthalten und die man mit Apfelmus isst. In Appenzell gehört noch eine Brühwurst und Senf dazu. Wohl bekomm’s!

Fleischesser halten sich lieber an die diversen Salamiarten und an Mostbröckli, gepökelten, geräucherten und getrockneten Rinderschinken. Im Unterschied zum Bündner oder Walliser Trockenfleisch wird das Mostbröckli vor dem Trocknen geräuchert, was den typischen rauchigen Geschmack ausmacht.

Die Bäcker offerieren gefüllte Appenzeller Biber, ein wie Lebkuchen schmeckender Honiggewürzteig mit Mandelfüllung, Birnenweggen aus Dörrfrüchten und Gewürzen, etwa dem österreichischen Kletzenbrot vergleichbar, einem Früchtebrot aus getrocknetem Obst, die wie Ravioli gefalteten und mit Haselnüssen gefüllten Chrempfli, zarte mit Butter gefüllte Biberfladen, Chäsfladde, eine Art Käsekuchen mit einem bis zu neun Monate gereiftem scharfem Käse, der nur in der Küche verwendet wird.

Nach so viel Deftigem wird ein Appenzeller Alpenbitter mit 42 Kräutern und 29 Prozent Geist guttun. Es gibt ihn schon über 100 Jahre. Dass die Region auch eigene Weine erzeugt, verwundert manchen. Die vermutet man nicht in der Ostschweiz, eher im Süden am Genfer See, im Waadtland und im Wallis. Aber, Teufel!, sie schmecken.

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Beinahe ein Synonym für das Appenzeller Land ist die Kuh, ob als Wirtshausschild, aufgeprägt auf Gürtel und Hosenträger, oder ihre Glocken, die es in allen Größen zu kaufen gibt. Auch in der Bauernmalerei

Große Bedeutung hat die Kuh, gemalt, als Skulptur, als Schmuck und in echt. Sie trägt immer eine Glocke um den Hals. Die reich mit Ziegenleder bestickten Senntumriemen für die Glocken in allen Größen fertigt der Sennensattler Hampi Fässler.

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Der Sennensattler Hampi Fässler versteht die Kunst, Ledergürtel, Trachten, Schuhe mit den traditionellen Motiven zu bestücken

Drei riesige Glocken ergeben ein Glockenspiel. 14 Kilo kann so eine Glocke wiegen. Die Kuh bringt rund 700 Kilo auf die Waage. Ob sie da wirklich stolz ist, eine so schwere Glocke beim Almabtrieb zu tragen, wie die Appenzeller behaupten? Neben Senntumriemen stanzt Hampi Fässler goldene und silberne Kühe auf Gürtel, Schlüsselanhänger, Melkmützen, Schuhschnallen und auf die für einen Appenzeller lebensnotwendigen Hosenträger. Die Schale, mit der der Bauer den Rahm von der Milch abschöpft, war für den Sattler so bedeutungsvoll, dass er die Ohrgehänge für Buben und Männer damit schmückte – natürlich im Kleinformat.

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In der Talstation Brülisau der Seilbahn auf den Hohen Kasten spielt eine hölzerne Kapelle, und ein Holz-Paar tanzt dazu. Zwei Männer lassen die Kuhglocken erklingen. Ein Hingucker!

Wer noch mehr über die lebendigen Traditionen erfahren möchte, sollte dem Heimatmuseum in der Touristen-Information einen Besuch abstatten. Er wird es nicht bereuen. Allein die Trachten sind sehenswert.

Kunstliebhaber finden im lichtdurchfluteten Museum Liner eine reiche Auswahl an Gemälden, nicht nur der Schweizer Maler Carl Liner Vater und Sohn, deren Namen das Museum trägt.

Fotos © Elke Backert

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