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Cádiz, das „Silbertässchen“

Einzigartig: eine Stadtführung mit einer Camera obscura

Von Elke Backert

Cadiz Architektur Hochformat (1)-430

In Cádiz fallen ungewöhnliche Fassaden auf mit einer Mischung unterschiedlicher Stile

„Horst, du schaffst es! Nur noch ein Treppenabsatz!“ Schnaufend und schwitzend guckt der beleibte Herr die schmale Wendeltreppe hoch. Ob er die restlichen Stufen meistern kann? Er kann. Denn was dem Besucher auf dem Torre Tavira in Cádiz geboten wird, ist für Spanien einzigartig: eine Stadtführung mit einer Camera obscura.

Die Fremdenführerin versammelt die Anwesenden um eine horizontale runde Leinwand und erklärt das optische Prinzip. „Es ist ganz einfach. Man benötigt lediglich eine kleine Öffnung, durch die das Tageslicht in ein komplett abgedunkeltes Zimmer auf eine weiße Leinwand einfallen kann, einen Spiegel und eine Vergrößerungslinse. Das Prinzip wurde schon zu Zeiten Leonardo da Vincis benutzt.“

Um uns herum wird es stockdunkel. Doch schon scheint von oben Licht herein, und auf der Leinwand zeigen sich Häuser, Türme, Bäume. Szenen, die sich im selben Moment außen abspielen, werden im Innern des Turms – immerhin auf etwa 35 Meter Höhe – auf die Leinwand projiziert. Auf den Straßen fahren Autos. Sie bewegen sich tatsächlich vor unseren Augen. Vögel kreisen über der Stadt, setzen sich auf einen Dachfirst. Fantastisch. Unglaublich.

Zuerst auf Spanisch, dann in perfektem Deutsch erklärt die junge Dame, was wir sehen. Cádiz, die mit über 3.000 Jahren älteste Stadt des Okzidents und Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Süden Andalusiens, liegt malerisch auf einer ins Meer ragenden Landzunge, ganz von Wasser umarmt. Auf einem Riff wie auf einer Untertasse gebaut, glänzt die Altstadt silbern wie eine Teetasse. Jedenfalls fand das der Erbauer, und seither hat sie ihren Kosenamen: tassita de plata, Silbertässchen.

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Von West bis Süd präsentieren sich die Sehenswürdigkeiten. Auffällig eine ansehnliche Zahl von Türmen der unterschiedlichsten Form, Aussichts- und Wachtürme zugleich. 126 sollen es sein. Man kann Stuhltürme, Schilderhäuschen- und Terrassentürme entdecken. Einer wird „Die versteckte Schöne“ genannt. Er steht in einer so engen Gasse, dass man ihn von unten gar nicht betrachten kann. Wir aber gucken ja von oben. Der im Barockstil errichtete Tavira-Turm war ursprünglich Teil eines gräflichen Palastes. 1778 wurde er zum offiziellen Wachtturm der Stadt erklärt, da er sich auf der höchsten Erhebung von Cádiz befindet. Seinen Namen erhielt er von seinem ersten Wächter.

Cadiz Plaza de Candelaria-600

Wie in allen spanischen Städten beeindrucken auch in Cádiz großzügige Plazas, hier die Plaza de Candelaria

Hier dient ein Löwenmaul als Briefkasten

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Zurück zur Camera obscura: Durch Verschiebung der Leinwand holt die Señorita den Blumenplatz ganz nah heran. „Ich kann auch mit den Personen spielen.“ Mit Hilfe einer weißen Pappe fängt sie die geschäftigen Leute auf dem Papier ein und setzt sie am Ende des Platzes wieder ab. Dann knickt sie die Pappe zu einem Zelt, lässt die Figuren rüberklettern und auf der anderen Seite ihren Weg fortsetzen. Lustig. Ein kräftiger Applaus ist ihr gewiss.

Anschließend darf man auf der Turmterrasse seine Augen schweifen lassen. Das soeben auf der Leinwand Gesehene breitet sich im gleißenden Sonnenlicht unter dem Betrachter aus – Cádiz ist ja auch Teil der Costa de la Luz, der Küste des Lichts, die selbst im Winter angenehme Temperaturen hat.

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Der Blumenmarkt von Cádiz gilt als zentraler Treffpunkt der Altstadt. Hier steht die Markthalle, und hier beginnen die Einkaufsstraßen

Die Kathedrale von Cádiz

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Auf einem Spaziergang durch die Stadt darf man einen Blick hinter die reizvollen Fassaden werfen, die man eben noch von außen betrachtete, etwa in die Kathedrale mit den beiden mächtigen Kuppeltürmen und dem Atlantik vor der Tür. In ihrer Krypta ist der in Cádiz geborene Komponist Manuel de Falla begraben. Im klassizistischen Gotteshaus Santa Cueva gestaltete kein Geringerer als Francisco de Goya drei der fünf Lünetten in der Kirchenkuppel. Die Kirche Santa Catalina schmücken Gemälde des großen Malers Murillo. Das berühmteste ist „Die Verlobung der Heiligen Katharina“.

An der Uferpromenade Paseo de Santa Bárbara fühlt man sich auf den Malecón von Kubas Metropole Havanna versetzt. Zum Träumen laden bunt gekachelte Bänke im sich anschließenden Park Genovés ein.

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Reich gesegnet mit schönsten Dünenstränden ist nicht nur Cádiz. Sie ziehen sich die ganze Costa de la Luz, die Küste des Lichts, entlang

Ob man im Hafen die Kreuzfahrtschiffe zählen möchte, in der Fußgängerzone der Altstadt nach Schnäppchen suchen, ihre engen immer am Meer endenden Gassen durchschlendern, in der ältesten Markthalle Spaniens die Schinken- und Wurstspezialitäten kaufen, …

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Tapas-Bars laden zum Verkosten des wohlschmeckenden spanischen Schinkens

… den Straßenmusikanten zuhören oder die herrlichen Sandstrände wie die Playa de la Caleta aufsuchen möchte, die 140.000 Einwohner zählende Hafenstadt war für den weit gereisten englischen Dichter Lord Byron im 19. Jahrhundert „die schönste Stadt der Welt“.

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Der Strand von Novo Sancti Petri, eine halbe Autostunde von Cádiz entfernt

Fotos © Elke Backert

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→  Renate Feyerbacher: Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / Cádiz

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