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Das Online-Magazin von Erhard Metz

Halle, Halloren und ihr weisses Gold

Von Elke Backert

„Darf ich mich vorstellen“, beginnt der dunkel gewandete und beleibte Herr mit dem schwarz-samtenen Dreispitz den Rundgang durch die sächsische Stadt Halle an der Saale, „ich bin ein Hallore, und was ich trage, ist kein Kostüm, sondern der gute Sonntagsanzug, mein Festkleid“.

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Der Göbelbrunnen auf dem Hallmarkt mit Darstellungen der Halloren vor der Marienkirche

Als Halloren werden seit dem 17. Jahrhundert die Salzarbeiter und Mitglieder der Salzwirker-Brüderschaft im Thale zu Halle bezeichnet, die in eisernen Pfannen Sole zu Salz verkochten, weshalb sie auch Pfänner genannt werden. Die Brüderschaft gehört mit dem Gründungsjahr 1491 zu den ältesten Brüderschaften im deutschsprachigen Raum und kam zu Wohlstand und Macht. Äußeres Merkmal der Halloren ist ihre barocke Kleidung. Als deren Besonderheit gelten die 18 silbernen Kugelknöpfe.

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Beim Rundgang auf den Spuren des Salzes kommt man auch zur Kleinen Ulrichstraße, schlicht Kleine Uli genannt, in der sich eine Kneipe an die andere reiht

Halle zählt zu den ältesten Salinestädten. An die 100 Siedekothe, schlichte Siedehütten, in denen Sole zu Salz versiedet wurde, gab es auf der mittelalterlichen Thalsaline, die sich im Bereich des heutigen Hallmarktes befand. Salz, das weiße Gold, war und ist ein unverzichtbarer Teil des Lebens. Aber nur sechs Gramm täglich brauche der Körper. 95 Prozent nutze die Industrie unter anderem zur Herstellung von Kunststoff.

Schon Goethe lobte das „Hallische Salz“:

„Entwallet nicht der Erde dort ein Wunderquell?
Und füllt geraume Becken mit erprobtem Naß,
Das bald verdampfend werte Gaben hinterlässt:
Die größte Gabe, sag‘ ich wohl mit kühnem Wort,
Die allergrößte, welche Mutters Tellus beut!
Sie gibt uns Gold und Silber aus dem reichen Schoß,
Das aller Menschen Aug‘ und Herzen an sich zieht;
Sie reicht das Eisen allgemeinem Kunstgebrauch,
Das so zerstört als bauet, so verderbt als schützt;
Sie reicht uns tausend abertausend andres Gut:
Doch über alles preis‘ ich den gekörnten Schnee,
Die erst‘ und letzte Würze jedes Wohlgeschmacks,
Das reine Salz, dem jede Tafel huldiget!“
(aus: Theaterreden)

„Bitte verwechseln Sie nicht den Namen Halloren mit den Einheimischen. Die heißen Hallenser, und Hallunken mit Doppel-l sind die Zugereisten – also Sie.“

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Der ungewöhnliche 74 Meter lange Dom zu Halle mit den welschen Giebeln wurde weltweit durch ein Gemälde Lyonel Feiningers (1871-1956) bekannt

Zu den Knöpfen seines Festkleids gibt der Hallore eine Legende zum Besten. Nixen aus der Saale hätten schwarze Mohnköpfe und Gewürznelken, die sich als Geschenk zu einer Taufe in einem Kästchen befanden, in Silberknöpfe verwandelt. Die Knöpfe seien wirklich etwas Besonderes, und jeder Hallore vererbe sie seinem Sohn. Da er zwei Söhne habe, habe er sie vorsichtshalber im Doppelpack gekauft, um keinen Erbstreit hervorzurufen.

Diese Kugelknöpfe sind auch der Ursprung für die Hallorenkugeln aus Schokolade, eine hallesche Spezialität. Und weil das ein Verkaufsschlager ist, gibt es noch die Hallore-Schlackwurst, das runde Brot Halloren-Kruste und das Hallore-Siedesalz, das seit 1964 nur noch zu touristisch-musealen Zwecken entsteht.

Und – vielleicht am lukrativsten – das Hallore-Salzkristall-Badesalz, gleich in siebenfacher Ausführung, Vanille, Kirsche, Lemongras, Olivenöl, Orchidee, Kokos und Mango. Die entsprechend duftenden Kristalle sollen die Nerven beruhigen und die Muskulatur lockern. Auf ein neues Wellness- und Badevergnügen!

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Die Moritzburg, ein befestigtes Schloss von 1484, wurde die spätere Residenz der Magdeburger Erzbischöfe. Heute ist sie das Kunstmuseum

Dass es Führungen auf salzigen Spuren gibt, versteht sich fast von selbst. Solche veranstaltet beispielsweise das Maritim Hotel Halle. Hauptsächlich an den Schausiede-Sonntagen, wo am Ende des Rundgangs entlang schönster historischer Baudenkmäler der Altstadt das Technische Halloren- und Salinemuseum auf der Saline-Halbinsel besucht wird und das Schau-Sieden bestaunt werden kann.

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Innenhof der Moritzburg

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Die Franckeschen Stiftungen in Halle

Wie kam es zu den Franckeschen Stiftungen?

Vor den Toren Halles war Glaucha eine stark von Armut und sozialer Verwahrlosung geprägte kleine Amtsstadt. Eine Pestepidemie hatte Waisen und Bettelkinder hinterlassen. Arme Familien konnten das Schulgeld für ihre Kinder nicht aufbringen. Hinzu kam der Alkoholismus: in Folge einer allgemeinen Schankerlaubnis für die Bürger von Glaucha waren unter den 200 Häusern der Stadt 37 Schänken.

Als Ortspfarrer an der St. Georgenkirche hielt August Hermann Francke (1663-1727), Hauptvertreter des Hallischen Pietismus, aufrüttelnde Predigten, in denen er das Elend anprangerte. Doch er erkannte, das reichte nicht aus. Als er eines Tages in der Spendenbüchse die damals enorme Summe von 4 Talern und 16 Groschen fand, rief er aus: „Das ist ein ehrlich Capital, davon muß man etwas rechtes stiften: ich wil eine Armen-Schule damit anfangen.“

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Die Bibliothek der Franckeschen Stiftungen

So begann 1695 der Aufbau der Franckeschen Stiftungen. In Franckes Todesjahr 1727 wurden in seinen Anstalten mehr als 2.200 Kinder von 167 Lehrern, 8 Lehrerinnen und 8 Inspektoren unterrichtet, und 250 Studenten hatten dort ihren Freitisch mit der Gelegenheit und Verpflichtung zur Mitarbeit.

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Verkleinerte Nachbildung des Francke-Denkmals

Fotos © Elke Backert

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