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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Tassilo Letzel: „… immer in Bewegung bleiben“

Natürlich ein klarer Fall für den ADAC-Abschleppdienst, dieser „Renno“ (Renault R 4), einst wie der „Döschwo“ (Deux Chevaux 2 CV, die „Ente“) beliebtes Studenten- wie höchst praktisches Familien- und Handwerkerauto für den schmalen Geldbeutel. Über gut 30 Jahre hinweg wurden über acht Millionen Exemplare dieses preiswerten wie robusten Wägelchens gebaut. Sogar die französische und die spanische Polizei steuerten den R 4 als Dienstfahrzeug.

Und nun also das: der ADAC muss her! Kein Wunder, fuhr das Vehikel ja auf Kufen, unerhört, das reinste Verkehrshindernis! Aber:

Was soll das? Wo fährt der ADAC-Mensch denn hin? Auf den Frankfurter Riedberg, zum dortigen Campus der Goethe-Universität, zum Biologikum. Und was macht er da? Er lädt den Schaukel-„Renno“ dort ab, direkt neben dem Haupteingang. Das ist ja mindestens genauso unerhört!

Nachdem wir uns beruhigt hatten, wurde uns klar: Aha, es kann sich nur um Kunst handeln! Kunst auf dem Campus Riedberg.

↑ Anliefern und Abladen des Kunstwerks ↓

Bereiten dem Automobilisten wenig Freude: Blick nach vorn in die Nacht, Blick zurück in den Spiegel

Wenig Freude für den Automobilisten auch am Volant:

Da bleibt nur eines: „Bitte einsteigen und selber schaukeln“:

Freuen sich nicht nur klammheimlich über das Kunstwerk: Thomas Kypta von der Offenbacher Heyne-Kunstfabrik und Carsten Siebert, Kurator der Campus-Kunst der Goethe-Universität

Ja, schaukeln, das möchten vielleicht manche der im wahnwitzigen, alltäglichen bundesdeutschen Autobahnverkehrsstau im Stillstand verharrenden Automobilisten. „Und was lernt das nun den Menschen?“ – wie uns einst unser noch heute verehrter gymnasialer Germanistik-Oberstudienrat spöttisch-lehrend fragte?

Persiflage und ironischer Spiegel im deutschen Land der von Kanzlerin, Verkehrs- und Wirtschaftsminister so über alles geschätzten unbegrenzten Autobahngeschwindigkeit: Vom kindlich-infantilen Schaukelpferd ist der Weg nicht weit zum automobilen Steckenpferd manch präpotenter Herrenwelt: zu den phallusartig verlängerten Motorhauben, zu den kraftstrotzenden PS der bis zur Unbrauchbarkeit aufgemotzten Motoren, zu dem röhrenden, den Folgen eines fortdauernden Analkomplexes verhafteten Auspuffton.

Tassilo Letzel, der Künstler des „… immer in Bewegung bleiben“, konnte am Tag des Aufbaus der Installation leider nicht anwesend sein, dafür jedoch Thomas Kypta, Chef der Offenbacher Heyne-Kunstfabrik, der die Arbeit des Künstlers angekauft hat. Die Installation wird zumindest bis zum Oktober dieses Jahres neben dem Eingang zum Biologikum zu betrachten – und zu schaukeln – sein. Auch ist für den Frühherbst noch ein Termin für die offizielle „Einweihung“ der Arbeit geplant.

Tassilo Letzel, 1979 in München geboren, studierte an der Dokumentarfilmschule ZeLIG Bolzano/Bozen mit dem Diplom für Kamera und Regie, an der Akademie der Bildenden Künste München (Diplom und Meisterschüler bei Professorin Magdalena Jetelová) und an der Kongelige Danske Kunstakademi in Kopenhagen. Seine Arbeiten wurden zahlreich im In- und Ausland ausgestellt.

Bleibt schlussendlich die etwas subversive Frage: Wurde das Kunstwerk an diesem seinem Platz denn nun im Sinne der in Deutschland so untertänigst gepflegten wie strapazierten „Political Correctness“ aufgestellt? Honi soit qui mal y pense!

Installation © Tassilo Letzel in Zusammenarbeit mit Thomas Kypta; Fotos: FeuilletonFrankfurt

 

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