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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Kunst für alle im Dreiländereck

Von Elke Backert

Das Kunst- und Kulturangebot im Dreiländereck Deutschland, Schweiz, Frankreich macht die Region mit der abwechslungsreichen Landschaft und dem milden Klima des Südens zu einem beliebten Ganzjahresziel für Kulturliebhaber.

Die Bewohner des südlichen Oberrheins und des Schwarzwalds haben anderen Deutschen etwas voraus. Sie erfreuen sich nicht nur schöner Landschaft und stimmungsvoller Natur auf deutscher Seite, sie können ihre Freizeit grenzüberschreitend geniessen, denn sie leben im Dreiländereck Deutschland, Schweiz, Frankreich. Und dort gibt neben der Natur die Kunst den Ton an.

Plakat im Dreiländermuseum in Lörrach

Im Dreiländermuseum Lörrach widmet sich die interaktive Dauerausstellung „Hallo, Salut, Grüezi“ der Geschichte und Gegenwart der, wie der Museumsname es sagt, Drei-Länder-Region am Oberrhein. Welche Gemeinsamkeiten verbinden die drei Länder? Wie kam es zur Dreiteilung des gemeinsamen Siedlungsraums? Wie wirken sich die Grenzen auf Politik, Wirtschaft und Alltag aus? Eine Sonderausstellung zum Nationalsozialismus ergänzt den reichhaltigen Fundus.

Aber nicht nur Museen sind es, die die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich lenken. Durch Lörrachs Innenstadt etwa zieht sich ein Skulpturenweg mit Arbeiten von Bernd Goehring, Stephan Balkenhol, Bruce Naumann und Beatrix Sassen, der dem Stadtrundgang ein besonderes Flair gibt. Originelle Brunnen und Plastiken schmücken und beleben Strassen und Plätze, mal gegenständlich oder abstrakt, mal witzig, mahnend oder mythisch. Da hängt in einem Kreisverkehr ein Colani-Tropfen, eine „Wolkenwaage“ schüttet Wasser in einen Brunnen in Form eines Schiffes, Stephan Balkenhol stellte eine „Grosse Säulenfigur“ auf: Ein kleiner Mann steht auf einem Baumstamm, aber keinem gewöhnlichen. Es ist eine farbig gefasste Douglasie.

Konrad Winzer, der Betreiber des Hotels „Drei König“ in Lörrach, betitelt seine Plastik „Existentielle Not“

Konrad Winzer, der Betreiber des Hotels „Drei König“ in Lörrach, hinterliess eine „Existentielle Not“ betitelte Plastik, Bernd Göhring stellte 2001 ein Mahnmal auf, das an den 9. November erinnert, an den IX.XI in römischen Ziffern. Und genau den stellen die vier Stelen IXI dar, die zwei in der Mitte gekreuzt, sodass eine römische X entsteht: Ende des Kaiserreichs 1918, Reichsprogromnacht 1938 und Fall der Berliner Mauer 1989. Bunte Kühe in bunter Wiese deuten an, dass hier die Milka-Schokolade hergestellt wird.

„Bridge Gallery“

Lörrachs Kunst open air kulminiert in der „Bridge Gallery“, das sind 28 Pfeiler der Autobahnbrücke, die für Graffiti-Sprayer freigegeben wurden, 1500 Quadratmeter Betonfläche. Alle vier Seiten der Brückenpfeiler tragen acht bis 20 Meter hohe tags, auch pieces genannt, von regionalen und internationalen Künstlern gestaltet. Der berühmteste Sprayer der Schweiz, der 33jährige Adrian Falkner, Künstlername smash, sprüht, seit er elf war, doch heute nicht auf der Strasse, sondern auf Leinwand. Sein Atelier befindet sich im Kesselhaus, einer ehemaligen Textilfabrik in Weil am Rhein, in dem auch weitere Künstler ihre Ateliers haben. Etwa der Preisträger Holger Kröner, der seine Bilder mit Sänden und farbigen Erden aus aller Welt fertigt, earthpainting genannt.

Earthpainting nennt Holger Kröner seine mit Sänden und farbigen Erden aus aller Welt gefertigten Bilder

Ötlingen, das „Rebdorf am Himmel“, der höchstgelegene Stadtteil von Weil am Rhein, verwandelte sich in ein „Art-Dorf“, in dem die Bewohner auf Anregung des Galeristen und Malers Gerhard Hanemann ihre Hausfassaden zum Hängen von Gemälden, alles Unikate, zur Verfügung stellten.

↑↓ Fassaden in Ötlingen

Eine originelle Aktion, den Menschen Kunst nahezubringen.

Weil am Rhein selbst betitelt sich als „Stadt der Stühle“ und präsentiert 21 fantasievolle Objekte auf Häusern, in Vorgärten, am Strassenrand.

Ein Stuhl von Shiro Kuramata in der „Stadt der Stühle“ Weil am Rhein gegenüber dem Rhein-Center

Architektur-Fans werden sich am Vitra Design Museum ergötzen, wo auf dem grossen Vitra-Campus beispielsweise Zaha Hadid ihr erstes Gebäude überhaupt realisierte, der amerikanische Architekt Frank Gehry seinen ersten Bau in Europa. Zaha Hadids Feuerwehrhaus hatte als solches nach zwei Jahren ausgedient, möglicherweise weil den Feuerwehrleuten von den schiefen Wänden und irren Glaskonstruktionen schwindlig wurde. Frank Gehry verstehe man schnell, meint die Campus-Führerin, man brauche nur ein kleines Blatt Papier zu knüllen, schon habe man einen Gehry.

Für das Vitra-Haus am Eingang liessen sich die Architekten Herzog und de Meuron von Giebelhäusern der Region inspirieren. Zwölf einzelne Glasgiebel haben sie so übereinander gestapelt und ineinander verschachtelt, dass sowohl im Innern wohnlicher Raum für die Vitra Home Collection entstand als auch ein perfekter Blick aus den Fenstern ins Dreiländereck möglich ist.

Der Thron oder Sessel von Véronique Werner steht in Mulhouse auf der Strasse

Sollte jemand Interesse verspüren, sich als Sprayer zu betätigen, kann er die inzwischen akzeptierte Kunstform an der dafür geschaffenen Kunstschule im elsässischen Mulhouse erlernen. Schöne Beispiele an hässlichen Mauern, etwa von „W.S. way of spray“, zeigt auch diese Stadt, die noch dazu eine sehenswerte Altstadt mit Gebäuden fast aller Stilrichtungen hat und fantastische Skulpturen all überall. Ein sogenannter „Greeter“, ein Einwohner, der seine Ansicht über die Stadt mit Touristen teilen möchte und dies freiwillig tut, führt gern Reisende auf persönliche Weise durch Mulhouse.

„La Kunsthalle“ in der Nähe des Bahnhofs mit faszinierendem architektonischen Innenleben stellt zeitgenössische Künstler aus dem Dreiländereck aus und bringt es auf 15.000 Besucher pro Jahr, davon zehn Prozent Deutsche.

Bleibt noch ein besonderes Highlight: Basel, die Schweizer Grenzstadt zu beiden Seiten des Rheins.

Basel kurz zu beschreiben, ist nicht leicht. Fest steht, dass man bei einem Gang durch die gut erhaltene mittelalterliche Altstadt mit ihren verwinkelten, romantischen Gässchen die Augen offen halten muss, denn fast jede Fassade bietet einen Hingucker, eine Bemalung oder Verzierung, wunderschöne schmiedeeisern vergitterte Fenster und Tore.

↑ Basel: Tierformen an Fassade
↓ Eine Seil-Fähre über den Rhein in Basel

Enges Basler Gässlein mit Blick auf den Rathausturm

Ein Muss sind das prächtige, 1514 erbaute Rathaus am Marktplatz, heute noch Regierungssitz des Kantons Basel-Stadt, und das zwischen 1019 und 1500 im romanischen und gotischen Stil erbaute Münster mit seinem roten Sandstein, den bunten Ziegeln und seinen beiden schlanken Türmen.

Das Basler Rathaus

↑ Wahrzeichen der Stadt: das Basler Münster
↓ Kreuzgang des Basler Münsters

Vorbei kommt man beim Rundgang am kleinsten Museum der Welt, das nur aus einem winzigen Schaufenster besteht. Es ist das Hoosesagg Museum, das Hosensack-Museum.

Hoosesagg Museum

Schönste Brunnen all überall. Der Tinguely-Brunnen etwa reizt durch seine verrückten mechanischen Wasserspiele, mehr davon gibt es im Museum Tinguely zu sehen – auch Kinder werden sich dort sehr wohl fühlen. Auf jeden Fall dazu gehört Schlemmen mit einem Muttenzer Wein in einem der vielfältigen und schicken Restaurants. Noch dazu ruft derzeit das Kunstmuseum Basel „Die Picassos sind da!“ und zeigt eine Retrospektive von 150 zum Teil noch nie präsentierten Werken des exzentrischen Malers aus dem Kunstmuseum selbst, der Fondation Beyeler und Privatsammlern. Die Picassos von der Blauen und der Rosa Periode über den Kubismus bis zum surrealistisch geprägten Werk der 1930er Jahre sowie dem Schaffen der 1940er und 1950er Jahre bis einschliesslich des Spätwerks bleiben uns bis zum 21. Juli 2013 erhalten. Zusätzlich ein starker Anreiz, die Region zwischen Schwarzwald, Vogesen und Schweizer Jura zu besuchen.

Fotos: Elke Backert

 

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