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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 1

Ein Reisebericht

1. Teil: Málaga

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

Die Autorin reiste im Juni 2012 mit ihrer Tochter, die Spanisch spricht, durch Andalusien. Bus und Bahn waren ihre Transportmittel. Eine gute Entscheidung.

Verzögerter Abflug

Der Regen prasselt ununterbrochen. Das Flugzeug der Lufthansa, das uns von Frankfurt nach Málaga bringen soll, hat Verspätung. „Bitte geben Sie ihr Handgepäck auf, die Maschine ist komplett ausgebucht“, schallt es laufend aus dem Lautsprecher. Viele Passagiere, ich denke die meisten, streben zu den andalusischen Stränden an der Costa del Sol, nach Marbella, Fuengirola, Nerja, Torremolinos, wo es die berühmten Chiringuitos gibt, gehobene Holzhütten, eine Art Strandbars, die preiswertes Essen anbieten. Sie gehören zur spanischen Lebensart.

Dann endlich der Einstieg, aber noch lange kein Abheben. Denn wir hatten gesehen, dass sich die Crew um eine Dame kümmerte. Später eine Durchsage des Flugkapitäns: „Das Gepäck muss wieder ausgeladen werden, weil sie das Flugzeug wegen Flugangst verlassen hat“. Ich bin froh, dass ich die meinige im Griff habe und sie fast vergesse, als uns schon bald nach dem Start bei starkem Regen über den Wolken die Sonne lacht. Kurz vor der Landung in Málaga kommt sie allerdings wieder, die Flugangst. Könnte die Landepiste im Meer enden, wenn die Maschine zu flott ist?  In Nizza hatte ich es erleben müssen, dass die Swissair wieder durchstartete, weil sie beim Landeanflug zu schnell war. Wäre sie im Meer gelandet? Der Flugkapitän entschuldigte sich später. Diesmal eine Landung ohne Probleme auf dem Flughafen Pablo Ruiz Picasso von Málaga.

Blick vom Gibralfaro

Andalusien

„Cádiz, reizvolle Klarheit,
Granada, im Verborgenen weinender Strom,
Römisch und maurisch schweigendes Córdoba,
Singendes Málaga,
Goldenes Almería,
Silberglänzendes Jaén,
Huelva, der Strand der Caravelen,
und – Sevilla“

Gedicht von Antonio Machado, spanischer Lyriker (geboren 1875 in Sevilla, gestorben 1939 im südfranzösischen Collioure auf der Flucht vor den Schärgen Francos)

Andalusien hat 8,5 Millionen Einwohner. Es ist eine der 17 autonomen Verwaltungsregionen der iberischen Halbinsel, Ceuta und Melilla in Nordafrika nicht mitgezählt. Die Hauptstadt ist Sevilla. Andalusien ist etwa so gross wie Portugal und ein Viertel so gross wie die Bundesrepublik.

Málaga ist eine der acht Provinzen Andadalusiens. Modern und übersichtlich ist der Flughafen der zweitgrössten Stadt dieser Region mit ihren etwa 570.000 Einwohnern. Schnell finden wir den Shuttle-Zug, der uns in die Innenstadt bringt. Unglaublich ist die Hitze, es ist um die 37 Grad. Das Wechselbad Frankfurt-Málaga ist kaum zu verkraften.

Das hält uns aber nicht ab, einen ersten sonntäglichen Spaziergang zu machen.

Kathedrale

Leider ist die Kathedrale, La Manquita, die Einarmige genannt, weil einer der Türme nicht vollendet wurde, sonntags geschlossen und wir verpassen das geschnitzte Chorgestühl von 1658, das eines der schönsten seiner Zeit sein soll. Im gewaltigen, gotisch begonnenen Gotteshaus aus dem 16. Jahrhundert mit aussergewöhnlichen, reich verzierten Gewölbekuppeln erschallen zwei Orgeln, die zusammen  4000 Pfeifen haben. Wir sind erstaunt über den Eintritt von 4 Euro, den wir hätten zahlen müssen. Gewöhnungsbedürftig, dass Kirchen in Spanien nur gegen Bezahlung betreten werden können.

Bischofspalais

Wir geniessen den Bummel durch die Fussgängerzonen rund um die Kathedrale, bewundern das barocke Bischofspalais und erleben am 16. Juni eine ungewöhnliche Prozession. Frauen und Männer stützen sich auf kunstvoll geschmückte Stäbe. Mehrere junge Männer tragen einen Altar mit den Heiligen. Der Wiege-Schritt der Träger soll einmalig sein in Spanien. Wie meine Tochter von einem der Prozessionsteilnehmer erfragte, wurde das Fest der Stadtpatrone von Málaga gefeiert. Es sind San Ciriaco und Santa Paula, die im Jahr 305 noch sehr jung in Málaga gesteinigt wurden (lokaler Festtag 18. Juni).

Erst im 15. Jahrhundert, nach der Rückeroberung Málagas von den Mauren, schlug der Papst in Rom diese beiden jungen Märtyrer als Schutzheilige der Stadt vor.

Die Hitze ist schon am  Morgen intensiv. Daher fahren wir mit dem Bus zum Castillo de Gibralfaro, das hoch oben über der Stadt liegt. Diese maurische Verteidigungsanlage auf dem „Berg des Leuchtturms“ stammt aus dem 14. Jahrhundert.

Málaga, Alcazaba

Das Castillo de Gibralfaro hat einen begehbaren Mauerumgang, von dem aus es einen fantastischen Blick auf die Stadt und ihre Monumente sowie auf den Hafen und das Meer gibt. Von hier oben ist die Alcazaba, die Maurenburg zu sehen, deren wichtigster Teil im 11. Jahrhundert erbaut wurde. Dahinter die Kathedrale. Weiter links liegt die Stierkampfarena. Eine wunderbare Vegetation lernen wir beim Abstieg vom Castillo kennen. Noch hat die Sonne sie nicht verbrannt.

Geschichtliche Daten

Málaga wurde im 8. Jahrhundert von den Phöniziern gegründet, dann von den Karthagern beherrscht. Anschliessend kamen die Römer, hieran erinnern die Reste des römischen Theaters, dann die Wandalen, die Alanen, die Byzantiner, die Westgoten und schliesslich die Mauren.

Die Mauren eroberten 711 die Stadt. Entscheidende Bedeutung erhielt sie dann im 11. Jahrhundert, als mit dem Bau der Alcazaba, der maurischen Burg, begonnen wurde. Architektonisch soll sie ein Vorläufer der Alhambra gewesen sein. Davon zeugen ihre Innenhöfe. Die Dekoration ist dagegen nicht mehr erhalten. Ihr turmverstärkter Mauerring zieht sich in Zick-Zack-Windungen bergauf. In ihr lebte bis 1487 der letzte maurische Statthalter. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts war Málaga Teil des nasridischen Emirats von Granada.

Die Stadt hatte lange Widerstand gegen die christlichen Eroberer geleistet, die sie von Land und See belagerten. Als alle Vorräte aufgebraucht waren, mussten sie erschöpft aufgeben. Sicherheit hatte man ihnen versprochen, als Sklaven wurden sie verkauft. Nun gehörte es zur Krone Kastiliens.

Córdoba und Sevilla waren bereits 1236 beziehungsweise 1248 von den Christen „rückerobert“ worden. Es ist das Ende der „Gran Reconquista“, wie die spanische Geschichtsschreibung diese Periode nennt.

Das nasridische, muslimische Refugium in Granada bestand jedoch zweieinhalb Jahrhunderte weiter.  Ein Refugium, dass „eine einzigartige Spätblüte maurischer Kunst entfalten sollte“, schreibt Georg Bossong, deutscher Romanist und Sprachwissenschaftler, heute Professor für romanische Philologie an der Universität Zürich, in seinem Buch „Das maurische Spanien – Geschichte und Kultur“, Verlag C. H. Beck, München. „Anerkennung ihrer Vasallenschaft und … Zahlung hoher Tribute“ waren die Bedingungen, die das nasridische Reich möglich machten. Es wurde gegründet von Muhammed ibn Yû ibn Nasr, genannt Ibn al-Ahmar, der aus einer alten arabischen Familie stammte. Das war 1237/1238. Die Alhambra in Granada ist ein Meisterwerk aus dieser Zeit.

Fliesen in Sevilla, Europa-Platz

Geburtsstadt von Pablo Picasso

Málaga ist die Geburtsstadt von Pablo Ruiz Picasso (1881 bis 1973). Das Casa Natal, das Geburtshaus (Museo Casa Natal), liegt an der belebten Plaza de la Merced, Zentrum der jungen Szene und des Nachtlebens, umrahmt von Cafés und Restaurants.

Geburtshaus

Einige Räume wie das Atelier wurden rekonstruiert. Erinnerungsstücke wie einige Grafiken und Fotografien sind zu sehen. Nebenan zeigt die Fundación Picasso Museo Casa Natal hin und wieder Ausstellungen. Es gibt ein Dokumentationszentrum. Schön ist die Gartenanlage mit vielen Pflanzenarten.

Bereits mit sieben Jahren wurde Pablo von seinem Vater, einem freischaffenden Maler und Lehrer an der Kunstgewerbeschule, zum Malen angeregt. Mit neun Jahren vollendete er das Ölbild „Der Picador“, sein erstes bekanntes Bild. Bereits ein Jahr später, nach dem Umzug der Familie nach La Coruña in Galicien, wurde er in die dortige Schule für Bildende Künste aufgenommen.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts lebte der Künstler in Frankreich, zunächst in Paris. Nach Málaga kehrte er nie mehr zurück.

Im spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) unterstützte Picasso die republikanische Regierung, die gegen die Nationalisten (Falangisten) unter General Francisco Franco (1892 bis 1975), den späteren spanischen Diktator, kämpften. Nachdem 1937 die deutsche Legion Condor, die Franco unterstützte, die Stadt Guernica im Baskenland bombadiert hatte, malte er das berühmte Bild „Guernica“.

Auch am Massaker im Februar 1937 in Málaga waren die deutschen Flieger beteiligt. Als zigtausende Menschen, darunter um die 5000 Kinder, aus der Stadt auf der Küstenstrasse nach Almería flohen, wurden sie von deutschen und spanischen Flugzeugen und Kriegsschiffen unter Beschuss genommen. Medizinische Hilfe leistete der kanadische Lungenspezialist und Gründer des spanischen Blutspende-Dienstes Norman Bethune (1890 bis 1939). Zur Erinnerung wurde ein Stück der Küstenstrasse in „Paseo del Doctor Bethun“ benannt. Er emigrierte nach China und starb dort an einer Blutvergiftung.

Der chilenischen Dichter Pablo Neruda (1904 bis 1973), damals Konsul seines Landes in Spanien, schrieb den Gedichtzyklus „España en el corazón“. „Almería“ und  „Erklärung einiger Dinge“ beziehen sich auf den Kindermord. „… aus jedem ermordeten Kind wächst ein Gewehr mit Augen, aus jedem Verbrechen werden Kugeln geboren, die eines Tages den Sitz eines Herzens finden werden“ (zitiert aus „Erklärung einiger Dinge“, übersetzt von Erich Arendt/Stephan Hermlin in „Tränen und Rosen“ – Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden, Verlag Nation Berlin 1965).

„Noch immer liegen zehntausende Opfer in Wäldern, Feldern, an Strassen verscharrt. Allein in Andalusien, so gab die Regionalregierung nach siebenjähriger Untersuchung bekannt, existieren noch 614 Massengräber, davon 20 aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg“ (Zitat aus dem ZEIT-Artikel vom 26. Juli 2012 „Eine Schüssel Blut aus Almería“ von Christian Schmidt-Häuer). In einem Grab wird auch der Dichter Federico Garcia Lorca (1898 bis 1936), der nahe Granada ermordet wurde, vermutet.

Über das Massaker wurde lange Zeit in Málaga geschwiegen. In Almería erinnert heute ein Bunkermuseum an das Geschehen.

Dieses Massaker in seiner Heimatstadt könnte Pablo Picasso davon abgehalten haben, jemals wieder nach Málaga zurückzukehren. Nichts desto trotz wirbt die Stadt geschickt mit ihrem grossen Sohn, vor allem mit dem Museo Picasso Málaga, das 2003 in Anwesenheit des spanischen Königspaares eröffnet wurde. Untergebracht ist das Museum im Palacio de los Condes de Buenavista aus dem 16. Jahrhundert. Der Künstler wurde posthum von den Bürgern begeistert gefeiert. Es gab sogar einen Stierkampf zu seinen Ehren in der Málagueta, der Stierkampfarena.

Francisco López Hernández: Pablo Ruiz Picasso, Málaga

Picasso hatte bereits in den 1930er Jahren die Absicht, in seiner Heimatstadt ein Museum einzurichten. Die Gründe, warum es nicht dazu kam, sind bekannt: Picasso kehrte nie mehr nach Málaga zurück. Seine Schwiegertochter Christine Ruiz-Picasso, Ehefrau des ältesten Picasso Sohnes, griff diese Absicht auf. 1997 gründete sie nach dem Erwerb des Palacio de Buenavista eine Stiftung, die Fundación Museo Picasso Málaga. Sie schenkte zur Eröffnung 133 Werke, und ihr Sohn, Picassos Enkel Bernard Ruiz-Picasso, 22 Originale. 2010 wurde die Sammlung durch Leihgaben auf 233 Objekte erweitert.

Wie schwierig die Aufarbeitung der nationalistischen Vergangenheit ist, schildert der in Madrid lebende Schriftsteller, Journalist und Herausgeber Paul Ingendaay, dessen Kulturberichte in der FAZ zu lesen sind. Im Juni 2011 berichtete er („Pablo Picassos Frontbesuch“) von einem kleinen Skandal im Picasso-Museum. Kurz zuvor war die Ausstellung „Viñetas en el frente“ (Vignetten an der Front) eröffnet worden. Es ist ein Radierzyklus Picassos aus dem Jahr 1937, der sich um „Traum und Lüge Francos“ dreht. Er hat sie vor dem Bild „Guernica“ geschaffen. Es sollen die stärksten politischen Darstellungen Picassos gegen Franco sein. Die Erben, die viele Kunstwerke schenkten und liehen und entsprechende Rechte haben, sollen daraufhin die Entlassung des Museumsdirektors gefordert haben. Dazu kam es aber nicht. Francos Geist ist immer noch stark, nicht nur in Málaga.

Die  Kollektion des Picasso-Museums Málaga enthält Werke aus acht verschiedenen Schaffensperioden. Herausragend sind die Gemälde seiner Frauen und seiner Kinder: der Ehefrau Olga Kokhlova (Chochlowa), Mutter von Paulo; den drei Geliebten Marie Thérèse Walter, Mutter der Tochter Maya, der Fotografin und Malerin Dora Maar und von Françoise Gilot, Mutter seiner Kinder Claude und Paloma; schliesslich von Jaqueline Roque, seiner zweiten Ehefrau, einer Keramikverkäuferin bei der Manufaktur Madoura, die er 1961 heiratete. Von Olga, die 1955 starb, hatte er sich nicht scheiden lassen, weil er sonst seinen Besitz halbe-halbe mit ihr hätte teilen müssen.

Auch einige Kostproben seiner Keramiken sind zu bewundern. Ab 1947 versuchte er sich erstmals in Keramik und schuf zwanzig Jahre lang ungewöhnliche Frauengeschöpfe, Teller mit Stierkampfmotiven, Tauben und Eulen. Motiviert dazu hatten ihn Suzanne und Georges Ramié, die Eigentümer der Keramikfabrik in Vallauris, wo Picasso ein Atelier bezogen hatte.

Ich war das erste Mal 1961 mit meiner Mutter in der Keramikmanufaktur Madoura. Wir waren begeistert. Ich träumte von der Begegnung mit dem Künstler, hoffte ihn in den Strassen des kleinen Ortes zu sehen. Vergeblich. Immer wieder besuchte ich später die Galerie Madoura, die vor zwei Jahren geschlossen wurde. Der Sohn Alain Ramié, er gab 1988 ein Werkverzeichnis aller Picasso-Keramiken heraus, hat vor kurzem die letzten Bestände aus der Werkstatt bei Christie’s in London versteigert.

Madoura-Kalender

Málaga nennt sich Museumsstadt. Neben dem Picasso-Museum ist das Museo Carmen Thyssen von Bedeutung. Francisco de Zurbarán und Della Robbia sind unter anderem dort vertreten. Málaga hat ein Wissenschafts-, ein Puppenhaus-, ein Öko-, ein Flamenco-, ein Automobil- und ein Museum zeitgenössischer Kunst – und noch ein paar andere mehr.

Und wer nicht nur Kultur erleben möchte, macht einen Spaziergang vom Hafen aus zum Strand.

Literatur: Georg Bossong: „Das maurische Spanien“, Geschichte und Kultur, C. H. Beck Wissen / Brigitte Hintzen-Bohlen: „Andalusien“, Kunst & Architektur, h.f.ullmann im Tandem Verlag / Maria Anna Hälker: „Andalusien“, Dumont Reise-Taschebuch / Karoline Gimpel: „Andalusien“, Die besten Highlights entdecken und erleben. Sonderausgabe für Naumann und Göbel Verlagsgesellschaft / Broschüre „Spanien“, Hrsg. Ministerio de Industria, Turismo Y Comercio.

Die komplette Serie Andalusien – ein Reisebericht:

→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 2 (Ronda)
→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 3 (Cádiz)
→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 4 (Sevilla 1)
→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 5 (Sevilla 2)
→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 6 (Córdoba)
→ Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 7 (Granada 1)
→  Andalusien – christlich-islamischer Kulturschatz / 8 (Granada 2)

s. a.  Elke Backert: Málaga olé!
→ Kastilien-León: Historische Pracht, von Wasser gesäumt
→ Tarragona
→ Toledo im Herzen Spaniens
→ Cádiz, das “Silbertässchen”

 

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