home

FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Ein Meister und Einzelgänger in Rom: Claude Lorrain

„Die verzauberte Landschaft“ im Frankfurter Städel Museum

Städel-Direktor Max Hollein, Sammlungsleiter Martin Sonnabend und Jon Whiteley vom Ashmolean Museum Oxford (Foto: FeuilletonFrankfurt)

„Die Bilder haben die höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit. Claude Lorrain kannte die reale Welt bis ins kleinste Detail auswendig, und er gebrauchte sie als Mittel, um die Welt seiner schönen Seele auszudrücken. Und das ist eben die wahre Idealität, die sich realer Mittel zu bedienen weiss, dass das erscheinende Wahre eine Täuschung hervorbringt, als sei es wirklich.“

„Im Claude Lorrain erklärt sich die Natur für ewig.“

Johann Wolfgang Goethe (Quelle: Städel Museum)

Landschaft mit dem Urteil des Paris, 1633, Öl auf Leinwand, 97 x 122 cm, Trustees of the Ninth Duke of Buccleuch’s Chattels Fund, © Trustees of the Ninth Duke of Buccleuch’s Chattels Fund

Er war einer der bedeutendsten Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts: Claude Lorrain, eigentlich Claude Gellée, nach seiner geografischen Herkunft „der Lothringer“ genannt. Das Städel Museum widmet dem Meister – in Zusammenarbeit mit dem Ashmolean Museum Oxford – eine Sonderausstellung mit rund 130 seiner Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken.

Wie schon Johann Wolfgang Goethe bei seiner Italienreise hervorhob, malte und zeichnete Lorrain klassische Ideal-Landschaften, die nicht der vorgefundenen Realität entsprechen mussten. Er beeinflusste damit Generationen späterer, nach Italien „pilgernder“ Landschaftsmaler. „Lorrain war ein unerreichter Meister in der Wiedergabe von Licht und feinsten atmosphärischen Nuancen; die harmonische Ausgewogenheit seiner Kompositionen, das ruhige, gelassene Miteinander von Mensch und Natur, ist bei ihm gleichwohl immer mit einer spannungsvollen inneren Dynamik versehen, die sich beim intensiven Betrachten der Werke mehr und mehr erschliesst“ (Städel Museum).

Pastorale mit dem Konstantinsbogen, 1648, Öl auf Leinwand, 98 x 147,5 cm, Kunsthaus Zürich, Ausstellungsansicht (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Claude Lorrain (der „Lothringer“), um 1600 in einem lothringischen Dorf als Claude Gellée geboren, reist nach dem Tod seiner Eltern wohl als 13jähriger nach Rom, um sich künstlerisch auszubilden. Nach einem Zwischenaufenthalt in Neapel lernt und arbeitet er in Rom bei dem Landschaftsmaler Agostino Tassi (um 1580 bis 1644). 1625 kehrt er für etwa eineinhalb Jahre in seine lothringische Heimat zurück und arbeitet in Nancy als Freskenmaler.

Landschaft mit einem Turm, um 1635-1640, Feder und graubraune Lavierung, Rötel, auf Papier, 25,0 x 21,8 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main – ARTOTHEK

1626/1627 für immer nach Rom zurückgekehrt, lebt Claude Lorrain in der Stadt, über lange Strecken allein, in sich ruhend und fast ein wenig zurückgezogen, später befreundet mit dem Maler Nicolas Poussin, mit dem er, so wird berichtet, ab und an ein Glas Wein trinkt. Er unterhält – entgegen den Gepflogenheiten vieler anderer Künstler seines Ranges – keine grössere Werkstatt, und er hat wohl auch keine Schüler. Sein Wohnatelier wählt er in einem Künstlerviertel nahe der Piazza di Spagna, das er nie verlässt; nur einmal wechselt er das Haus, aber nur um ein paar Strassenecken weiter ein anderes zu beziehen. Verheiratet ist er nicht, adoptiert aber 1658 eine unehelich von einer Magd geborene Tochter; später ziehen noch zwei Neffen in sein Haus ein.

Fontana della Barcaccia, 1627 bis 1629 von Pietro Bernini errichtet, auf der Piazza di Spagna (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Den Bau der berühmten Fontana della Barcaccia erlebte Claude Lorrain aus der Nähe mit, die erst ein rundes Jahrhundert später errichtete „Spanische Treppe“ konnte er natürlich nicht kennen, sondern nur den etwas wild bewachsenen Hang, der hinauf zur Kirche Santa Trinità dei Monti führte. In diesem Wahrzeichen Roms wurde der Meister, der im November 1682 starb, beigesetzt. Später wurden seine Gebeine in die Kirche San Luigi dei Francesi umgebettet, der französischen Nationalkirche in Rom nahe der Piazza Navona, die unter anderem drei bedeutende Grossgemälde Caravaggios (eigentlich Michelangelo Merisi, 1571 bis 1610) beherbergt.

Scalinata di Trinità dei Monti (Spanische Treppe), errichtet 1721 bis 1725 zwischen der Piazza di Spagna und der Kirche Santa Trinità dei Monti (erbaut zwischen 1503 und 1587), der ersten Begräbnisstätte des Künstlers (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Claude Lorrain wird in die renommierte Accademia di San Luca aufgenommen, deren Rektorat er jedoch ausschlägt. Ein Jahrzehnt später wird er Mitglied der exklusiven Congregazione dei Virtuosi. Er fertigt Gemälde für den französischen Botschafter in Rom, für den spanischen König Philipp IV., für Papst Urban VIII. Lorrain ist berühmt, seine Auftraggeber sind fortan wohlhabende Patrizier und Kardinäle. Er kann es sich leisten, langsamer und dafür noch penibler zu arbeiten.

Landschaft mit der Taufe des Kämmerers, 1678, Öl auf Leinwand, 88 x 142,2 cm, National Museum of Wales, Cardiff, © National Museum of Wales, Cardiff

Landschaft mit Christus, der Maria Magdalena erscheint („Noli me tangere“), 1681, Öl auf Leinwand, 84,5 x 141 cm, Städel Museum, Frankfurt, Foto: Städel Museum, Frankfurt – ARTOTHEK

Claude Lorrain ist der „Erfinder“ des Pendants – der Bilderpaare, die einander entsprechen und ergänzen. Ein prägnantes Beispiel sind die beiden vorstehenden Werke „Landschaft mit Christus, der Maria Magdalena erscheint“ und „Landschaft mit der Taufe des Kämmerers“.

Ausstellungsansicht (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Natürlich gab es schon zu Lorrains Lebzeiten Fälscher und Nachahmer vom Rang eines heutigen Wolfgang Beltracchi oder des fast schon genialen Edgar Mrugalla, und gut honorierte Künstler nebst deren Werken waren vor solchen Leuten nicht sicher. Lorrain dokumentierte deshalb in einem „Liber Veritatis“ (Buch der Wahrheit) nahezu alle seine Gemälde in Gestalt von Zeichnungen, die selbst jeweils wiederum Meisterwerke sind. Ein eigenständiges Werk hohen künstlerischen Ranges bilden seine Radierungen. Wie viele andere Maler und Zeichner nutzte auch Lorrain diese für Könner leicht zu handhabende Vervielfältigungstechnik, um seine Werke und seinen Namen einem noch grösseren Kreis von Kunstinteressierten bekannt zu machen.

Claude Lorrain – Die verzauberte Landschaft, Städel Museum, bis 6. Mai 2012

Vgl. Carl Morgenstern – der Frankfurter Italienmaler

Schreib´ einen Kommentar