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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Januar, 2012

Neujahrskonzert der Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen

Montag, 23. Januar 2012

Es gab schon unfreundlichere Tage in diesem viel zu milden Winter als den gestrigen Sonntag – und dennoch freuten sich die Besucher des Holzhausenschlösschens, die zum vollständig ausgebuchten Neujahrskonzert und -empfang der Frankfurter Bürgerstiftung angereist kamen, über das Spalier der frühlingsbunten, in freundlich-gelbem Krepppapier gekleideten Primelchen zu beiden Seiten entlang der Brücke über den Wassergraben. Denn bekanntlich handelt es sich bei der Heimstatt der Stiftung um ein veritables Wasserschloss, das einzige “intra muros” überkommene der Stadt Frankfurt am Main.

Holzhausenschlösschen (Foto: Frankfurter Bürgerstiftung © Barbara Staubach)

Und dann stand da noch am Aufgang zur Brücke ein strahlend-weisser Kleintransporter, mit einer breiten roten Schleife geziert – aber darauf kommen wir später zurück.

Nach feierlichen Präliminarien, in denen Geschäftsführer Clemens Greve auch seine aus drei Personen bestehende hauptamtliche Mitarbeiterschar, die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sowie einige Förderer und Unterstützer der Frankfurter Bürgerstiftung vorstellte, begann das Neujahrskonzert – heuer musikalisch gestaltet überwiegend mit jungen Künstlerinnen und Künstlern der Frankfurter Musterschule, mit der die Stiftung seit langem zusammenarbeitet.

Künstlerinnen und Künstler? Aber ja – obwohl es Schülerinnen und Schüler sind, die das Abitur noch vor sich haben. Um es vorweg zu sagen – die Leistungen der jungen Musikerinnen und Musiker überraschen und überwältigen die Zuhörerschaft. So mancher selbst instrumental praktizierende Musikliebhaber im gespannt lauschenden Auditorium mag sich gefragt haben, was diese so überaus virtuos aufspielenden Solisten noch in einer Musikhochschule lernen sollen; manche der Neunt- bis Elftklässler sind dort bereits eingeschrieben, andere sehen einem entsprechenden Hochschulstudium entgegen.

Anita Arakilian fiel die – in mancherlei Hinsicht eher undankbare – Aufgabe zu, das Konzert einzuleiten.  Die junge Pianistin brillierte inspiriert und empfindungsreich mit dem zauberhaften Allegro con spirito der siebten Klaviersonate von Wolfgang Amadeus Mozart und schickte ihm die noch vielfach virtuosere – in einem Gemisch von wohl schwarzem Humor und Understatement “La Leggierezza” genannte – Konzertetüde in f-Moll von Franz Liszt an.

Pianistin Anita Arakilian (Foto: Renate Feyerbacher)

Maria Ließ, auf der Violine nicht minder glänzend disponiert und auf dem Klavier kompetent von Henriette Büsing begleitet, schloss mit Claude Debussys anspruchsvoller dreisätziger Violinsonate g-Moll an, die – dem Komponisten zufolge virtuoser “Zigeunergeige” huldigend – für den Solisten durchaus “Halsbrecherisches” bereithält.

Geigerin Maria Ließ (Foto: Renate Feyerbacher)

“Halsbrecherischer” als in Franz Liszts in dunklem, “schwarzem” h-Moll stehender, sich nach donnerhalligem Bass-Tastenwirbel zu manch lyrischen Passagen wie alsbald zu wahnwitzigen Tempi steigernder Ballade Nr. 2 kann es ein Pianist wohl schwerlich antreffen – vor und nach der perfekten Darbietung entrang es dem “Tastenlöwen” Lan Phien Pham denn auch einen leise gehauchten Seufzer. Das begeisterte Auditorium feierte in zu Recht stürmisch.

Pianist Lan Phien Pham (Foto: Renate Feyerbacher)

Gleichsam korrepetitorisch von Tobias Fandel am Klavier anstatt einem Orchester begleitet zelebrierte Cellistin Larissa Nagel  ebenso souverän wie feinfühlig den zweiten und dritten Satz (Adagio und Allegro) aus Joseph Haydns erstem Cellokonzert in C-Dur. Stürmischer Beifall auch ihrer Leistung.

Cellistin Larissa Nagel (Foto: Renate Feyerbacher)

Zum Schluss gab es noch ein kleines Überraschungs-Schmankl: Lisa Zanaboni und André Straußberger, am Klavier von Musiklehrerin Kristin Voigt begleitet, bereiteten mit zwei kessen Chansons den Übergang zum Büfett vor.

Alles in allem: ein von Musiklehrer Micha Häckel kenntnisreich moderierter, glanzvoller musikalischer Start in das Jahr 2012.

Schlussapplaus im Holzhausenschlösschen für die jungen Künstlerinnen und Künstler (Foto: Frankfurter Bürgerstiftung)

Als hessenweit einziges “Zentrum zur Förderung musikalisch Begabter” bietet die Musterschule Frankfurt ihren herausragenden Schülerinnen und Schülern mit dem Solistenpodium einmal pro Schuljahr eine besondere Gelegenheit, ihre musikalischen Fähigkeiten zu präsentieren. Die Frankfurter Bürgerstiftung unterstützt das Solistenpodium als Kooperationspartner seit 2007 und stellt mit dem Holzhausenschlösschen einen attraktiven und prominenten Konzertort für diese jungen Talente zur Verfügung.

Wir kommen auf den eingangs erwähnten weissen Kleintransporter mit roter Schleife zurück: der Mercedes Vito ist eine grosszügige Spende der Borchert-Stiftung an die Frankfurter Bürgerstiftung. In einem feierlichen Akt durchschnitt Dierk Borchert im Rahmen des Neujahrsempfangs das rote Schleifenband und übergab das Fahrzeug förmlich der Bürgerstiftung. Diese wird es gut gebrauchen können, stehen mit dem geplanten Umbau des Holzhausenschlösschens, verbunden mit der Verlagerung der Darbietungen an externe Orte zahlreiche Transportaufgaben an, die nunmehr ohne Anmietung von Fremdkapazitäten bewältigt werden können.

Übergabe des Stiftungsfahrzeugs: Clemens Greve, Geschäftsführer der Frankfurter Bürgerstiftung, mit Maren Görg und Dierk Borchert, Borchert-Stiftung (Foto: Frankfurter Bürgerstiftung)

Die Borchert-Stiftung wurde 2004 von Dierk und Angelika Borchert errichtet. Sie verfolgt den Zweck, Kultur, Wissenschaft und Bildung zu fördern, insbesondere das Städelsche Kunstinstitut und den Städelschen Museumsvereins e. V., die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft – Landesverband Hessen – sowie die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main und ihre Universitätsstiftung.

Skulpturen im Bergpark Bad Salzhausen (2)

Mittwoch, 18. Januar 2012

Vom 24. August bis zum 3. September 2011 fand in Bad Salzhausen, einem Stadtteil von Nidda, das 3. Internationale Bildhauersymposium “Plastische Perspektiven” statt und setzte damit die Tradition des 1. und 2. Symposiums der Jahre 2007 und 2009 fort. Zuvor und in den Jahren dazwischen, also 2006, 2008 und 2010, veranstaltete der Verein “Kunst:Projekt Nidda-Bad Salzhausen” im Parksaal des Kurorts ferner jeweils Werkschauen.

Der 2006 gegründete Verein will “einem breiten Publikum Kunst nahe bringen, Sprachrohr und Diskussionsgrundlage für künstlerische Aktivitäten und Aktionen sein” und “eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit regionaler und überregionaler, aber auch internationaler zeitgenössischer bildender Kunst ermöglichen”.

Bad Salzhausen, dessen Salzquellen 1446 erstmals urkundlich dokumentiert wurden und dessen historisches Soleförderungssystem als ein technisches “Kunstwerk” noch heute bewundert werden kann, blickt auch als kleiner und beschaulicher Kur- und Badeort auf eine lange Tradition zurück. Der zweiteilige Kurpark, der zu den ältesten Parkanlagen dieser Art in Deutschland zählt, wurde zwischen 1824 und 1826 begründet und in den 1950er Jahren erweitert. Er beherbergt über 300 verschiedene Gehölzarten und geht von allen Seiten fliessend in die natürliche Landschaft über: eine ideale Kulisse für Skulpturen unter freiem Himmel.

Die Fotos unserer zweiteiligen Bilddokumentation entstanden im Juli und Oktober 2011. Aus der Vielfalt der Kunstwerke konnte in diesem Rahmen wiederum nur eine Auswahl getroffen werden. Während sich viele der Künstlerinnen und Künstler mit der Situation des Parks und seiner waldreichen Umgebung sowie den vorfindbaren Materialien (Holz, Tuffstein) auseinandersetzen, gehen Hans Albrecht, Dierk Berthel, Nadja Iseli und Rudolf Tschudin in besonderer Weise auf die Spezifika Bad Salzhausens als früherem Soleförder- und späterem Badeort (Sole-Quellwasser, Soleleitung, Schwimmflügel, “Götz trifft den Roland beim Baden”) ein. Und wiederum sollen die Kunstwerke in der freien Natur unkommentiert für sich sprechen.

(im Hintergrund: ULRICH KUHLMANN, “Ohne Titel”, Corten-Stahl, Bildhauersymposium 2009)

Kurzbiografien

Hans Albrecht
1953 in Bad Harzburg geboren, Staatliche Akademie der bildenden Künste Karlsruhe, Studium der Germanistik an der Universität Karlsruhe, Ecole des Beaux-Arts Angers, lebt und arbeitet in Zell unter Aichelberg

Dierk Berthel
geboren 1963 in Schweinfurt, Lehre als Steinmetz, Ausbildung zum Bildhauer, Meisterschüler, seit 1986 eigenes Atelier

Siegfried Böttcher
geboren 1966 in Kaiserslautern, Studium der Freien Kunst an der Kunsthochschule Kassel, lebt und arbeitet seit 1989 in Kassel

Stephan Guber
1965 in Bad Nauheim geboren, Studium an der Fachhochschule Wiesbaden und Selbststudium, lebt und arbeitet in Nidda

Nadja Iseli
1954 in Zürich geboren, seit 1995 eigenes Bildhaueratelier in Luzern

Ulrich Kuhlmann
geboren 1966 in Bottrop, Kunstschmiedelehre, Studium der Bildhauerei an der Alanus-Kunsthochschule in Alfter, seit 1992 freischaffender Künstler in Velen

Michael Siebel
1951 in Frankfurt am Main geboren, Ausbildung zum Steinmetz und Bildhauer, Studium der Bildhauerei an der Städelschule, künstlerischer Leiter der Frankfurter Bildhauerwerkstatt Gallus

Ortrud Sturm
geboren 1959 im hessischen Altheim, Ausbildung zur Holzbildhauerin, Studium der Bildhauerei an der Werkkunstschule Flensburg

Axel Wilisch
Vorsitzender und Kurator von KUNST:PROJEKT e. V.

(abgebildete Werke © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

⇒  ⇒  ⇒ Teil  1

 

Skulpturen im Bergpark Bad Salzhausen (1)

Sonntag, 15. Januar 2012

Nein, Winter und Kälte zählen nicht so unbedingt zu unseren Favoriten. Da erinnern wir uns lieber eines freundlichen Sommers und Herbstes, etwa im Bergpark Bad Salzhausen, der sich mehr und mehr zu einem sehenswerten Skulpturengarten entwickelt hat. Und was gibt es noch viel an Schönerem als Kunstwerke unter freiem Himmel, mitten in der – wenn auch gebändigten und gestalteten – Natur?

Wir möchten versuchen, bewusst unkommentiert, etwas von der besonderen Atmosphäre wiederzugeben, die die Kunstwerke in einer solchen Umgebung erzeugen.

Kurzbiografien

Christian Bolt
1972 in Uster (Schweiz) geboren, Ausbildung an der Fachschule für Holzbildhauerei in Brienz, Studium an der Accademia di Belle Arti in Carrara, Studium der Bildenden Kunst an der Accademia di Belle Arti in Florenz, lebt und arbeitet als freischaffender Bildhauer im schweizerischen Klosters

Thomas Diermann
1965 in Paderborn geboren, Ausbildung zum Holzbildhauer, Studium der Bildhauerei an der Hochschule für Künste in Bremen, seit 1997 freischaffender Bildhauer

Corinna Krebber
geboren 1963 in Mülheim an der Ruhr, Architekturstudium an der Fachhochschule Würzburg, Studium Freie Kunst an der Alanus-Hochschule in Alfter, seit 2006 freiberufliche Künstlerin in Frankfurt am Main

Ulrike Obenauer
geboren 1961 in Oppenheim, Studium der Kunstpädagogik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main, seit 1993 freischaffende Künstlerin

Detlef Reuter
geboren 1955, Studium der Kunst- und Werkerziehung an der Universität Mainz, Studium der Kunstgeschichte an der Universität Köln, Studium der Freien Kunst/Bildhauerei an der ehemaligen Werkkunstschule Köln, seit 1982 künstlerische Arbeit als Zeichner und Bildhauer in Üxheim

Rudolf Tschudin
geboren 1960 in Sissach (Schweiz), Lehre als Metallbauschlosser, Schule für Gestaltung in Basel, seit 1986 freischaffender Künstler in Sissach

(abgebildete Werke © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

⇒ ⇒ ⇒   Teil 2

 

Douglas Gordon im Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main (1)

Freitag, 13. Januar 2012

Der Künstler vor seiner Installation Straight to Hell

MMK: “Douglas Gordon”

Er zählt zu den wichtigsten und einflussreichsten Künstlern seiner Generation, schreibt das MMK zur Eröffnung seiner grossen Ausstellung “Douglas Gordon” – und dem ist nichts hinzuzufügen. Im Gegenteil: Der Name des bekannten Städelschul-Professors ist schon per se Programm. Das MMK hat dem Künstler fast die gesamte erste und die beiden grossen Ausstellungsflächen der zweiten Ebene gewidmet. Zu sehen sind zum einen seine grossen Film- und Videoinstallationen “Play Dead; Real Time” aus dem Sammlungsbestand des Hauses, “k.364″, benannt nach Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonia Concertante, Köchel-Verzeichnis 364, “Zidane: A 21st Century Portrait” (in Zusammenarbeit mit Philippe Parreno) und “Henry Rebel” (in Zusammenarbeit mit James Franco und Henry Hopper). In Ebene 1 überrascht eine über 600 Fotografien, Drucke und Objekte umfassende Installation “Straight to Hell”. Ferner sind dort die Installation “No Way Back” und eine Anzahl von Arbeiten aus der Spiegel-Serie “Self-Portrait of You + Me” zu sehen. Eine Reihe weiterer Video-, Wand- und Spiegelarbeiten runden die Präsentation ab.


Self-Portrait of You + Me (four Jackies), 2008 (eingespiegelt: Once upon a time…, 2009 [Wandtext]), Installationsansicht

Self-Portrait of You + Me (six Marilyns), 2008 (eingespiegelt: Self-Portrait of You + Me [four Andys], 2008), Installationsansicht

Self-Portrait of You + Me (Elvis Pelvis), 2007 (eingespiegelt: Self-Portrait of You + Me [Elvis head and feet], 2007, Betrachter), Installationsansicht

Douglas Gordon – wir berichteten in anderem Zusammenhang über den Künstler-Professor – geht es in der Serie “Self-Portrait of You + Me” oder in der Installation “Straight to Hell” – wie prinzipiell auch in seinen anderen Arbeiten – um grundsätzliche Fragen der Wahrnehmung. Er bedient sich dabei der Spiegelungen und Doppelungen, der Fragmentierung und Zersplitterung mit dem Ziel der Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis.

Es war eine der wesentlichen – und dramatischen – Erfahrungen der Ur-Menschheit, sich selbst in einem Spiegelbild (in einer reflektierenden Wasserfläche etwa) zu erkennen, das eigene physische Ich zu erblicken und zu verstehen, sich selbst mit den eigenen Augen anblicken zu können – als eine Voraussetzung auch für die Erkenntnis der eigenen Innerlichkeit, der eigenen Psyche. Sobald sie dazu technisch in der Lage waren, stellten die Menschen später spiegelnde Oberflächen her, Spiegel aller Art wurden zu einem wesentlichen Gegenstand menschlicher Kultur. Dem Spiegelbild folgte das – vor allem künstlerische – Bedürfnis einer bewussten Selbstdarstellung, im weitverbreiteten Selbstporträt der Zeichner, Maler und Bildhauer. Es liegt auf der Hand, dass sich in diesem Prozess Fragen nach dem Wesen der Spiegelung, der Doppelung wie auch der Wiederholung und Wiederholbarkeit stellen.

Nicht von ungefähr also bedient sich Gordon in seinen Arbeiten der auch und gerade in der US-amerikanischen Pop Art massenhaft verbreiteten Bilder prominenter Idole wie eines Elvis Presley, einer Jackie Kennedy oder Marilyn Monroe, gar des Künstlers Andy Warhol selbst. Er verändert und verstümmelt diese Bilder mit Verbrennungen und appliziert die Fragmente auf Spiegel, die nun das Umfeld abbilden und in denen sich auch der jeweilige Betrachter abgebildet sieht. Er kann sich auf diese Weise in einem neuen Kontext auch zur Kultur- und zur Kunstgeschichte mit seinem Selbstbild auseinandersetzen.

Self-Portrait of You + Me (four Andys), 2008 (eingespiegelt: Self-Portrait of You + Me [six Marilyns], 2008), Installationsansicht

Straight to Hell, 2011 (Installationsansicht)

In der Installation “Straight to Hell” konfrontiert Gordon den Betrachter mit über 600 sorgsam gerahmten Bildern und Objekten, von denen angenommen werden kann, dass sie – wiewohl ungeordnet und ohne erkennbares System präsentiert – alle im Leben des Künstlers eine Rolle gespielt haben. Auch eine Reihe kleiner und kleinster Spiegel befindet sich in diesem Konvolut. Auf diese Weise entsteht ebenso ein “Spiegelbild”, ein “Selbstporträt” des Künstlers, wie es in anderer und konventioneller Form ein Maler auf seine Leinwand bringt. Auch der Betrachter wird angesichts der verschiedenen Motive und im Prozess der Auseinandersetzung mit ihnen zu einer Erinnerung seiner selbst und damit im Hier und Heute zu seinem imaginierten wie realen “Selbst” finden können.

Straight to Hell, 2011 (Installationsansicht, Detail)

MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer, MMK-Kurator Klaus Görner und Städelschul-Rektor Nikolaus Hirsch in der Pressekonferenz am 17. November 2011

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Douglas Gordon im MMK – Teil 2 -

Uta Mallin im Frankfurter Bilderhaus

Dienstag, 10. Januar 2012

Im Frankfurter Nordend gibt es eine kleine wie feine Galerie, sie nennt sich Das Bilderhaus. Nun klingt der Name zwar ein bisschen niedlich, ist nicht aber unbedingt Programm. Denn zu sehen gibt es dort nicht bunte Bilderchen, sondern ebenfalls Kleines wie Feines, sich in seiner Werthaltigkeit mitunter erst auf den zweiten, stilleren, genaueren Blick Erschliessendes: abseits aller das rechte Gefühl vermitteln wollender, kitschig-amateurhafter Kunsthandels-Kunst, abseits auch aller lärmend-schriller Kunstbetriebs-Kunst der Messen und mancher Galerien mit den riesigen Schaufenstern.

Heuer finden wir dort Zeichnungen und Gemälde von Uta Mallin. Wir entdeckten die Künstlerin vor längerem in der Rödelheimer “Fabrik”, aus der sie ausgezogen ist, und trafen sie später im Rahmen einer Einzelausstellung “Alles fliesst” im benachbarten Bad Vilbel. Wir gewannen dort einen Einblick der anderen Art in das “Wesen” des Wassers.

“Ich sehe Strukturen, Linien, Farben und fühle mich eingebunden in unentzifferbare Schrift und Sprache. Es gibt kein Bedürfnis, da etwas zu entziffern, was ein unerreichbares Unterfangen wäre, sondern die Sehnsucht nach einem Mitreden.”

Uta Mallin hat diesen Satz geschrieben, und er steht für ihre Kunst. Er steht für ihr Hinaus- oder besser gesagt Hineingehen in das, was wir normalerweise, recht oberflächlich, Natur nennen; in die “Gänze, die draussen anklingt und ihr Wesen treibt”, wie die Künstlerin es formuliert.

Wir kennen ihre wundervollen Bilder vom Wasser. Einige sind jetzt auch im Bilderhaus zu sehen. Dazu eine Reihe feiner Zeichnungen: mit Graphit, Tusche oder Filzstift. Dann Malerei in Öl und Acryl auf Leinwand, mit Titeln wie Wald, Dickicht, Grün, Herbst oder Tauwetter.

Bucht, 2008, Federzeichnung, Tusche, 30 x 23 cm

Weite Räume öffnen uns die Zeichnungen der Künstlerin: mit wenigen differenzierten Strichen, mit behutsamer Lavur nimmt sie uns mit auf imaginäre Wege, wir folgen dem geschwungenen Ufersaum eines Sees, vielleicht eines stillen Meeres, schreiten wiegenden Schrittes, eine leise Melodie im Kopf, einen Weg entlang durch eine winterliche Landschaft, karges Gesträuch wechselt mit höherem Gehölz und Bäumen, im Hintergrund erheben sich leichte Hügel. Dichtes Buschwerk birgt Raum und Schutz für Geheimnisse, die ihm zu entnehmen wir nicht befugt sind. Es ist eine Stille, eine Ruhe in diesen Bildern. Und doch lassen sie uns wissen, dass diese Ruhe eine Kraft umschliesst, die sich im Wechsel der Jahreszeit zu lebendiger Bewegung, zu üppigem Wuchs entfalten wird.

Weg, 2010, Federzeichnung, Tusche, 30 x 23 cm

Gebüsch, 2011, Filzstift, laviert, 30 x 23 cm

Uta Mallin bildet nicht ab, sie setzt uns nichts vor, denn ein “Abmalen” der “Natur” wäre Täuschung. Bilder, so vergewissern wir uns, sind parallele Wirklichkeiten zur Wirklichkeit der Welt, niemals die Abbildung der Welt. Die Malerin und Zeichnerin öffnet uns mit ihrer Kunst Möglichkeiten und Visionen, Erinnerungen an Gefühltes und Erlebtes, eine Sehnsucht nach fernem Unbekanntem und Aufbruch, wenn wir dem Lauf der Bucht und den Biegungen des Weges folgen, uns dem Geheimnis bergenden Gebüsch nur nähern, niemals in es eindringen.

Dann aber die sich entfaltende elementare, leidenschaftliche Wucht des Grüns: Das, was wir Natur und was die Künstlerin “die Gänze” nennt, drängt hervor zum Licht, zum Leben. Es klingt in uns wie der mächtige C-Dur-Schlusssatz der Fünften der Beethovenschen Sinfonien. Es wächst und wuchert und bricht sich allerorten Bahn. Doch zugleich erfüllt verhaltener Sonnenschein Lichtungen im Wald, schenkt Freiraum und Heiterkeit, treiben wechselndes Licht und wandernde Schatten ein fröhliches Spiel.

Dickicht, 2009, Öl auf Leinwand, 90 x 65 cm

Wald, 2007, Acryl auf Leinwand, 110 x 100 cm

Gewächs und Wurzelwerk durchdringen sich und verschmelzen, es ist die “Gänze”, die “ihr Wesen treibt” – wir erinnern an Uta Mallins eingangs zitierte Worte. Der Blick des Betrachters geht gleichsam wie durch einen Tunnel in das Geheimnis des Werdens und Lebens: Mannigfache Assoziationen können sich einstellen – warum nicht auch an Weiblichkeit und Geburtsweg? Diese neuere Arbeit aus dem vergangenen Jahr scheint uns – wie auch immer – ein “Schlüsselwerk” der Ausstellung zu sein.

In den Wald hinein, 2011, Tusche und Acryl auf Leinwand, 140 x 110 cm

Abschliessend ein Blick auf ein Detail, zugleich auf die Kunstfertigkeit der Zeichnerin Uta Mallin: Feinste Verästelungen vegetativer Komplexe – sind es wuchernde und schlingende Pflanzen, sind es arterielle und venöse Gebilde, sind es kleinste Strukturen von Alveolen, in denen der lebenspendende Gasaustausch mit dem Blut stattfindet?

o. T., 2011, Tusche, Feder, laviert, 26 x 26 cm

Uta Mallin präsentierte ihre Arbeiten vielfach in Gruppen- und Einzelausstellungen in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet, unter anderem in der Frankfurter Volksbank Bad Vilbel, der ehemaligen Galerie Wildwechsel, im ATELIERFRANKFURT und zuletzt in der Ateliergemeinschaft Borsig 37.

Uta Mallin: Moment Natur, Galerie Das Bilderhaus, bis 27. Januar 2012

(Fotos: © Sabine Lippert)