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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Dezember, 2011

Weihnachten 2011 mit Fra Angelico

Samstag, 24. Dezember 2011

Fra Angelico (Frate Guido di Pietro da Mugello, 1399–1455), Thronende Madonna mit Kind, von Engeln umgeben, um 1420–1430, Pappelholz, 37,5 x 29,7 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum – ARTOTHEK

Mit knapp 40 mal 30 Zentimetern ist dieses in der Zeit zwischen 1420 und 1430 entstandene Andachtsbild, gemalt auf – wie damals üblich – Pappelholz, vergleichsweise klein und doch von einem enormen Detailreichtum. Maria, traditionell in einem blauen Gewand, sitzt auf einem in der Bildmitte zentrierten, üppig ausgestalteten Baldachinthron. Das Bild ist streng symmetrisch komponiert, den Thron umstehen jeweils zur Rechten und zur Linken sechs Engelsgestalten, eine jede Figur jedoch individuell in Gesichtsausdruck und Gestik sowie in einem individuellen Gewand. Eine malerisch auf das Feinste mit reicher Vergoldung ausgeführte Arbeit.

Fra Angelico (Frate Guido di Pietro da Mugello), auch Il Beato genannt, der Schutzpatron der christlichen Künstler, im Jahr 1982 selig gesprochen, wurde vermutlich 1399 in der Nähe von Florenz geboren und starb 1455 in Rom. Bereits als Maler ausgebildet trat er früh der Ordensgemeinschaft der Dominikaner bei. Er lebte und malte im Kloster San Marco in Florenz sowie in verschiedenen anderen Konventen, unter anderem in Cortona. Manche seiner Tafelbilder und Fresken sind heute nicht mehr erhalten. Fra Angelicos Grab befindet sich in der durch ihre bedeutenden Kunstwerke bekannten, aber auch als Schauplatz zahlreicher Inquisitionsprozesse belasteten römischen Dominikanerkirche Santa Maria sopra Minerva.

 

Weihnachten 2011

Freitag, 23. Dezember 2011

FeuilletonFrankfurt wünscht seinen geschätzten Leserinnen und Lesern ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

Wir sehen uns an den Weihnachtstagen wieder mit
Fra Angelico, Guercino und Perugino

(Bildnachweis: gif-paradies.de)

 

Das neue Städel – Kunst der Moderne

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Renovierung des Gartenflügels beendet: die “Moderne” in neuem Glanz

Doppelsinnig

Mit einem Vorlauf von vier Wochen vor den “Alten Meistern” im Mainflügel eröffnete das Städel Museum den ebenfalls renovierten Gartenflügel – Sitz der “Kunst der Moderne” (1800 bis 1945) mit dem Schwerpunkt deutsche und französische Malerei, darunter Schlüsselwerke der neueren Kunstgeschichte.

Auguste Rodins “Eva” (1881) vor Claude Monets “Das Mittagessen (Le déjeuner)” von 1868

Einer der grossen Ausstellungssäle mit neuem Oberlicht

Wechsel zwischen elegantem Grau und kräftigem Blau

Constantin Meuniers Bronze “An der Tränke” (1890) vor Wilhelm Leibls “Älterer Bauer und junges Mädchen; Das ungleiche Paar” (1876/1877), Gustave Courbets “Blick auf Frankfurt am Main” (1858) und Angilbert Göbels “Arme Leute” von 1858

Neu die Integration der Fotografie: Julia Margaret Cameron, “Mrs. Herbert Duckworth” (1867); daneben Albert von Kellers “Die Märtyrerin” (ca. 1890)

Im ersten Saal: Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins “Goethe in der römischen Campagna” (1787) und Carl Philipp Fohrs “Die Wasserfälle von Tivoli” aus dem Jahr 1817; davor Antonio Rossettis “Esmeralda mit der Ziege” (um 1856)

Malerei, Skulptur und Fotografie: “Kunst der Moderne”, rund 200 aus dem Bestand von rund 1200 Werken in 15 Sälen und Kabinetten: Städel Museum Frankfurt am Main

Fotos: FeuilletonFrankfurt

⇒⇒⇒  Das neue Städel – Alte Meister

⇒ ⇒ ⇒  Aufstieg in die World League: Max Holleins Städel Museum

Das Berliner Luftbrücke-Stipendium der Steuben-Schurz-Gesellschaft

Dienstag, 20. Dezember 2011

Feierliche Verleihung bei Thanksgiving am 22. November 2011 in Frankfurt am Main

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

Es war eine historische Begegnung. Beim diesjährigen Thanksgiving der Steuben-Schurz-Gesellschaft e. V. (SSG) – der ältesten deutsch-amerikanischen Freundschaftsorganisation – war Gail Halvorsen zu Gast. Rosinen-Bomber oder Candy-Pilot wird er genannt. In den USA heisst er “Mr. Luftbrücke” und ist viel bekannter als hierzulande.

SSG-Präsidentin Gräfin Ingrid zu Solms-Wildenfels und Gail Halvorsen

Kleine historische Erinnerung: Die Nachkriegsjahre. Die Sowjetunion verhängte zwischen dem 24. Juni 1948 und dem 12. Mai 1949 ein Blockade über West-Berlin, das mitten in der sowjetischen Besatzungszone lag. Damit sollte der Rückzug der West-Alliierten aus Gross-Berlin erzwungen werden. Die Versorgung der West-Berliner Bevölkerung war nicht mehr gesichert, weil Strassen- und Eisenbahnverbindungen gesperrt waren. Die West-Alliierten richteten innerhalb von zwei Tagen eine Luftbrücke ein – Operation Vittles (Proviant)  genannt.

Am 26. Juni flog die erste Maschine der US-amerikanischen Luftwaffe nach Berlin und startete damit die Operation Vittles. Zwei Tage später folgten die Briten, die auch mit Wasserflugzeugen auf der Havel landeten.

Gail Halvorsen war 28 Jahre alt, als er zum ersten Mal sein Flugzeug zum Flughafen Tempelhof, der im Westsektor lag, steuerte. Kurz vor der Landung warf er an kleinen Fallschirmen befestigte Süssigkeiten für die Berliner Kinder ab. Das geschah nicht nur einmal, sondern immer wieder. Und da die Versorgungsflugzeuge ununterbrochen landeten und die Kinder sein Flugzeug nicht erkennen konnten, machte er mit ihnen aus, kurz vor der Landung mit den Tragflächen zu “wackeln”. Das bescherte ihm den Spitznamen “Onkel Wackelflügel”. Viele Tonnen von Süssigkeiten hatten die Piloten am Ende der Blockade abgeworfen.

An diese Zeit erinnerte Gail Halvorsen, Träger des Grossen Bundesverdienstkreuzes, der mit seinen 91 Jahren Vitalität und Zuversicht ausstrahlt. Dank gilt ihm, der damals wie heute den Menschen Mut macht und sicher entscheidend die deutsch-amerikanische Freundschaft stärkte.

Gail Halvorsen mit der Autorin

Die weltpolitischen Veränderungen, die ökonomischen Turbulenzen fordern Solidarität, Tatkraft, Freundschaft, Zuversicht: “No one can deal alone … we must be partners in challenging times”, so formulierte es der amerikanische Generalkonsul Edward M. Alford in seiner Festrede.

Insbesondere betonte er auch den Austausch in Forschung und Lehre, der von der SSG praktiziert wird. Zwei Stipendien und ein studienbezogenes Praktikumsangebot für deutsche und amerikanische Studierende sind im Programm. Das diesjährige “Berliner Luftbrücke-Stipendium”, das an die Piloten erinnert, von denen eine grössere Anzahl bei den Versorgungsflügen 1948 und 1949 ihr Leben lassen musste, wurde der amerikanischen Physik-Studentin Elizabeth Boulton verliehen.

Begeistert sprach die 23jährige über ihre “wunderbaren Erfahrungen” in Deutschland und ihre Projektarbeit im GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung vor den Toren Darmstadts. GSI betreibt – wie das Unternehmen erläutert – eine grosse, weltweit einmalige Beschleunigeranlage für Ionenstrahlen. Forscher aus aller Welt nutzen die Anlage für Experimente, durch die sie faszinierende Entdeckungen in der Grundlagenforschung machen. Darüber hinaus entwickeln sie immer wieder neue und eindrucksvolle Anwendungen.

Stipendiatin Elizabeth Boulton mit Gräfin zu Solms-Wildenfels und Katharina Stüber (links), Leiterin des Luftbrücke-Komitees

Einer fehlte bei der feierlichen Übergabe: Klaus Scheunemann, einer der Urväter und langjähriger Vizepräsident der SSG. Er hatte 1988 die Idee zum “Berliner Luftbrücke-Stipendium” und 1989 auch zum alljährlich verliehenen Medienpreis der Gesellschaft.

Klaus Scheunemann bei der Verleihung des Medienpreises 2009 an Tom Buhrow, Moderator der ARD-Tagesthemen, am 20. April 2009 (rechts Werner Holzer, Preisträger 2007)

Der Hörfunk-Journalist Klaus Scheunemann, der mir viele Feature-Themen anvertraute, war über Jahrzehnte Redakteur im Hessischen Rundfunk. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit war das Recht auf hochwertige Bildung als Grundlage für demokratisches Handeln. Die Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union (HU) wählte Scheunemann, der bereits im Gründungsjahr der HU 1961 deren Mitglied wurde und lange den Ortsverein Frankfurt leitete, vor vier Jahren in ihren Beirat. Unvergesslich sind die politisch-brisanten Diskussionen, die er oft moderierte.

Bei einer kleinen Vorweihnachtsfeier, die sein ehemaliger Redakteurskollege Jürgen Gandela im Frankfurter Senioren- und Pflegeheim “Sonnenhof” organisiert hatte, erhielt Klaus Scheunemann als Erster die neugeschaffene Verdienstmedaille der SSG. Sichtlich gerührt liess er sich die Medaille von SSG-Präsidentin Gräfin Ingrid zu Solms-Wildenfels umhängen.

Verdienstmedaille der SSG

Klaus Scheunemann ist an vielen Projekten, so auch am Hessen-Wisconsin-Society-Kooperationsvertrag entscheidend beteiligt. Er ist ein unerschöpflicher Motor, der seine Energien schon in jungen Jahren in Richtung USA in Bewegung setzte.

Es gehört zu seinem Verdienst, die SSG mit ihren gelungenen Partnerschaften zwischen Deutschen und Amerikanern, die sich auch in Krisenzeiten bewährt haben, mit geschaffen und stabilisiert zu haben.

 

Aufbruch und Reise: Max Beckmann “Cabins”

Sonntag, 18. Dezember 2011

“Cabins” -

eines der bemerkenswertesten, uns am meisten berührenden Bilder der gegenwärtigen Sonderausstellung “Beckmann & Amerika” im Frankfurter Städel Museum – und keineswegs deshalb, weil es als Titelbild den Illustrationsreigen des Katalogs anführt.

Max Beckmann, 1884 in Leipzig geboren, lebt und arbeitet nach Studium in Weimar in Berlin, bevor er 1915 – nach physischem und psychischem Zusammenbruch als freiwilliger Sanitätshelfer im ersten Weltkrieg – nach Frankfurt am Main zieht. Ein persönlicher und künstlerischer Neuanfang beginnt. Er heiratet in zweiter Ehe und nimmt 1925 die Lehrtätigkeit an der Staatlichen Kunstgewerbeschule (der heutigen Städelschule) auf. Beckmann reist in Europa und gelangt zu nationalem und internationalem Ruhm. Es entstehen die bekannten Bilder beispielweise des Eisernen Stegs oder der Frankfurter Synagoge. 1930 hängen 13 seiner Arbeiten im Städelschen Kunstinstitut (dem heutigen Städel Museum).

Nach der Machtübernahme 1933 enlassen ihn die Nationalsozialisten sofort aus dem Lehramt. Beckmann zieht zunächst wieder nach Berlin. 1937 als “entarteter Künstler” verfemt, verlässt er mit seiner Frau Deutschland – es ist für immer. Das Paar verbringt die Zeit des Krieges im Amsterdamer Exil, kann aber die Stadt in der Besatzungszeit nicht verlassen. Derweil findet Beckmanns Malerei in den USA eine grosse Resonanz. 1947 reist er nach Amerika, schon immer dem Land seiner Träume, lehrt an der Washington University in Saint Louis, kehrt nach Amsterdam zurück, um Mitte September 1948 mit seiner Frau endgültig in die Vereinigten Staaten auszureisen. Am 27. Dezember 1950 stirbt er auf offener Strasse in seiner neuen Heimat am Central Park in New York.

“Cabins” aus dem Jahr 1948 ist ein aus mehreren Bildfeldern zusammengesetztes Gemälde. Bereits 1947 noch im Amsterdamer Atelier begonnen, entstand es ganz offensichtlich unter dem Eindruck der Überseepassagen des Künstlers. Wir können uns unschwer Kabinen im Inneren eines Schiffsrumpfes vorstellen. Das zentrale Motiv, ein Selbstbildnis Beckmanns in Matrosenkleidung mit einem auf einem Brett festgezurrten weissen, einen Menschen an Grösse übertreffenden Fisch, wird von rätselhaften Darstellungen umgeben, wie so oft bei Beckmann voller Symbolik und Metaphorik.

Max Beckmann (1884-1950), Cabins, 1948, Öl auf Leinwand, 140,5 x 190,5 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Foto: Walter Klein © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Im linken oberen Feld scheint eine Person im Sterben zu liegen, die Finger einer Hand zur Kralle erstarrt, neben ihr kauernd eine in Weiss gekleidete Gestalt mit bleichem, trauerndem Gesicht, sie hält eine Blume in den Händen. Rechts folgend: Ein athletischer Mann im Sportslip greift nach einer Frau, sie hat ihre Hände im Nacken verschränkt, erscheint in der Gestalt eines Engels, wiederum weiss gekleidet; weiter rechts in einem schiffsbullaugenförmigen Ausschnitt erneut eine weibliche Gestalt, in leicht geöffneter Bluse blickt sie über ihre linke Schulter zurück. In der Mitte links sowie am unteren Bildrand links und in der Mitte – voyeuristische – Blicke durch Bullaugenfenster.

Rechts im Bild zwei uns wesentlich erscheinende Darstellungen, auf das zentrale Motiv – Beckmann als reisender Matrose – Bezug nehmend: Eine offenbar jüngere Frau, ihre Strümpfe reichen nur bis unter das Knie, malt ein Überseeschiff mit einem Mast und zwei mächtigen Schloten, wie sie in der Dampfschifffahrt üblich waren, das Schiff diagonal nach rechts aufsteigend die Leinwand der Malerin teilend (ähnlich dem Fisch im Bildzentrum). Daneben rechts wieder ein Bullauge, um 90 Grad gedreht und zu einer Ellipse verzerrt, den Blick auf ein weiteres Dampfschiff mit zwei Schloten freigebend. Sie beherrschten damals die Weltmeere, diese Schiffe, man wird ihnen während der einwöchigen Passagen über den Atlantik zwischen Europa und der neuen Welt des öfteren begegnet sein, sie stehen in der Zeit vor den Interkontinentalflügen für die grossen Reisen rund um den Globus und in eine neue Zukunft.

Im Zentrum nun der grosse, von dem “Matrosen Beckmann” sorgsam, ja liebevoll gehaltene Fisch mit glatter weisser Haut – er drückt ihn an sich wie ein Kind seine Puppe oder seinen Teddybären. Bemerkenswert die fast menschlichen Augen des Tieres. Der Matrose hat ein inniges Verhältnis zu ihm, schätzt es als etwas Wertvolles.

Die Diagonale teilt in auffälliger Weise das Bild, wie bereits angemerkt, in zwei Hälften. Symbolisieren diese beiden Bildteile die alte und die neue Welt? Zwei leicht nach links geneigte Elemente kreuzen die Diagonale, links könnte man – mit Karoline Feulner im Ausstellungskatalog – eine Säule erkennen, rechts sehen wir eher eine Dalbe, wie sie noch heute in Häfen und Hafeneinfahrten üblich sind. Vielleicht mag man in der Säule, in blauer, Ferne signalisierender Farbgebung, das antike Europa vermuten, symbolisiert eben durch jene hellenistische oder römische Säule, rechts in der Dalbe, in roter Farbe und gleichsam nach “oben” aufsteigend, ein Symbol für Ausfahrt aus dem Hafen zum offenen Weltmeer, zum morgendlich-roten Horizont, zum Neubeginn, zur Zukunft.

Der Fisch, sehr oft in Beckmanns Gemälden anzutreffen, soll – so Karoline Feulner weiter – ein sexuell konnotiertes Symbol darstellen, aber auch für etwas wie den menschlichen Geist stehen. Uns drängt sich in erster Linie der Fisch als das Symbol der Ur-Christenheit auf, der Ichthys (ἰχθύς) als das geheime Verständigungszeichen unter der damals verfolgten, von Folter und Tod bedrohten jungen religiösen Minderheit, bis heute noch können wir den aus zwei Halbkreisen gebildeten stilisierten Fisch im Strassenverkehr als Aufkleber auf nicht wenigen Automobilen entdecken.

Und musste Beckmann damals nicht auch sein eigenes künstlerisches Innenleben im von den Nazis beherrschten Amsterdam verstecken, in seiner Bildsprache anderen, Kundigen, geheime Zeichen geben?

Und wir könnten uns vorstellen, dass der grosse weisse Fisch als Symbol für ein geistig-zivilisiertes Deutschland und Europa stand, das jedoch mit dem Nationalsozialismus und der von ihm entfesselten Barbarei des zweiten Weltkriegs untergegangen ist – aus der Sicht des Jahres 1948. Beckmann verlässt seine Heimat, seine “alte” Sozialisation, als er für alle Zukunft in die “neue Welt” genannten Vereinigten Staaten aufbricht, nicht ohne die Erinnerung an das Alte, sicher auch in Teilen Liebgewonnene mit sich zu führen.

“Beckmann & Amerika”, Städel Museum, bis 7. Januar 2012