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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

„Highly Accurate Shapes“: Malerei von Julian Lee

Julian Lee, Subcontinents (The coming of Asia), 2009, Öl / Acryl auf Leinwand, 190 x 150 cm (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Manchmal muss man sich zur Kunst an dafür unvermutete Orte begeben. Zum Beispiel den Frankfurter Riedberg „erklimmen“ und den dortigen weitläufigen Zweit-Campus der Goethe-Universität aufsuchen, wo bekanntlich die Welt der Biologie, Chemie, Mathematik und Physik zuhause ist, sich zum Biozentrum durchfragen, dann unter Mitwirkung mehrerer hilfreicher Menschen das Gebäude 101 auffinden und betreten, den Weg in die erste Etage nehmen und: ja, dann ist man am Ziel seiner nicht ganz unbeschwerlichen Reise zur Kunst angelangt, dem „KunstRaum Riedberg“ im Dekanat der Fachbereiche Biochemie, Chemie und Pharmazie. Beileibe nicht jeder Frankfurter Kulturmensch wird ihn kennen, unter den Kenntnislosen sicher auch solche Zeitgenossen, die ihn eigentlich kennen müssten, ist dort doch die bereits siebte Kunstausstellung seit seiner Eröffnung im Sommer 2009 zu sehen. Aber wer vermutet schon, pardon, Kunst bei Biologie, Chemie oder Physik, gar Pharmazie, jedenfalls auf den ersten Blick?

Nun, da wir unser Wissen möglichst täglich erweitern wollen, begaben wir uns also unlängst in besagten Raum nebst Flurbereich im äussersten Frankfurter Nordwesten, der von Carsten D. Siebert kuratiert wird. Dies fiel uns allerdings umso leichter, als wir dort einen Maler anzutreffen wussten, dessen Arbeiten uns bereits vor längerem aufgefallen sind, ja faszinierten: Julian Lee.

Highly accurate shapes, 2011, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm

Heimreise, 2011, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm

Julian Lee, 1972 in Liverpool geboren, studierte von 1989 bis 1991 am Southport College of Art und von 1996 bis 2000 an der Universität in Newcastle mit dem Abschluss Bachelor of Art. 2001 übersiedelte er nach Deutschland. Lee erhielt zahlreiche Preise und stellte in Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland wie auch europa- und weltweit aus. Seine Arbeiten sind in internationalen privaten Sammlungen vertreten. Der Künstler lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Neubau, 2009, Öl auf Leinwand, 180 x 180 cm

Es sind zunächst einmal und nicht nur vordergründig die Farben, die uns faszinieren, die verschiedenen Grüns, die Kombinations- und Variationsvielfalt dieser Grün- mit den Blaustufen, eine im Grunde nicht ganz unproblematische Gegenüberstellung der beiden im Lichtspektrum benachbarten und ineinander übergehenden, in der Verschmelzung im unreinen Türkis verschwimmenden Farben, zumal auch das Grün – und gerade in seinen vitalen bis hin zu den grellen Tönungen – offensichtlich von vielen Malern gemieden wird.

Und es sind zum anderen sowohl der Kontrast wie zugleich eine spannungsreiche Harmonie, mit der sich in Julian Lees Malerei geometrische, an Kristalle, aber auch an Architekturen erinnernde, gewissermassen geordnete Formen mit sozusagen ungeordneten, vital und vegetativ wuchernden begegnen, miteinander in einen Diskurs treten, der sich bis hin ins Unendliche verschwebt.

Nocturnal, 2010, Öl auf Leinwand, 110 x 90 cm

The Night, 2008, Öl auf Leinwand, 160 x 100 cm

Lees Malerei führt uns in fantastische Welten, die oft in besagten kristallinen und geometrischen Strukturen, auch in architektonischen Konstruktionen ihren Ausgang nehmen. Sie begegnen mal naturalistisch anmutenden, mal in der künstlerischen Fantasie geborenen Landschaften: Bäumen, Büschen und Sträuchern, begrünten Flächen, Teichen, Hügeln und Tälern. Menschen oder Tiere fehlen in diesen Räumen, der Homo sapiens hat seine Spuren in häuser- und turmähnlichen Gebilden hinterlassen. Prismenähnliche Brechungen, kaleidoskopartige Zerlegungen wechselwirken mit runden, weichen, Harmonie und Geborgenheit verheissenden Formen und Räumen in einer anscheinend unberührten und unverdorbenen Natur. Aber letztere ist doch bedroht, der „letzte Kastanienbaum“, von unheimlich erscheinenden Kräften aus der Bildmitte gezogen, legt Zeugnis davon ab.

The Last Chestnut, 2007,  Öl auf Leinwand, 140 x 120 cm

Die mit Farben in manchem ungewohnt bestückte Palatte, die der Künstler uns unterbreitet, berührt in besonderer Weise Augen und Sinne: Die verschiedenen Grüns, Symbol für von Menschenhand unbelastete und unbeschädigte Natur, für Naturschutz schlechthin, Symbol auch für das Gute, Richtige und Ordnungsgemässe (Grün als positive Signalfarbe) erweckt Gefühle der Sympathie, gepaart mit den Stufungen des Gelb verheisst es Frühlingshaftes und Frühsommerliches, junges Leben in Aufbruch und Entwicklung. Das Blau verspricht Ruhe, Ausgleich und Kontemplation, führt aber zugleich weiter zu Romantik und Sehnsucht, Ferne und Transzendenz. Das emotional aufreizende, mit Liebe und Leidenschaft, aber auch Konflikt und Aggression verbundene Rot meidet Lee, nur selten treffen wir es – und auch dann nur eher Ungutes verkündend – in seinen Arbeiten an.

Vanishing Tree, 2011, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm

Möchte Julian Lee in seiner Kunst die menschliche Welt mit all ihren Errungenschaften wie Fehlentwicklungen mit der Natur versöhnen, so könnte man vordergründig fragen? Oder führt und begleitet er uns nicht vielmehr in tiefere Dimensionen kosmischen Geschehens, das in der irdischen Natur den für uns Menschen wahrnehmbaren Ausgang nimmt? Und kommt es nicht allein auf den Standort des Betrachtenden an, darauf, ob er in den Linsensatz als Mikro- oder vom anderen Ende her als Teleskop schaut, in den Mikro- oder den Makrokosmos, die sich im Letzten doch so sehr ähneln?

Disappearing Tree, 2009, Öl auf Leinwand, 190 x 140 cm

(Werke / Fotografien © Julian Lee)

Julian Lee „Highly Accurate Shapes“, KunstRaum Riedberg der Goethe-Universität Frankfurt am Main, bis 29. Februar 2012

 

 

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