Archive for Dezember, 2011
“Arte Essenziale” im Frankfurter Kunstverein
Donnerstag, 29. Dezember 2011Gemeinschaftsausstellung mit der italienischen Collezione Maramotti
Über die Weihnachtstage waren wir zu Gast im Städel Museum, bei den Alten Meistern, genauer gesagt bei drei Madonnendarstellungen. Nun naht das “Neue Jahr”, und nicht nur deshalb begeben wir uns zu “neuer Kunst”, genauer gesagt zu zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, deren Arbeiten der Frankfurter Kunstverein unter dem Titel “Arte Essenziale” präsentiert – noch bis einschliesslich 1. Januar 2012. Es sind also nur noch ein paar Tage Zeit, genug jedoch, diese überaus sehenswerte – wenn auch etwas anstrengende – Ausstellung zu besuchen.
Arte essenziale – essenzielle, also grundlegende, wesentliche, unabdingbare Kunst? Was ist das?
Zunächst einmal gilt es, betont Holger Kube Ventura, Direktor des Kunstvereins, sehr genau hinzusehen auf das, was vor uns liegt, also das Material zu erforschen und zu definieren, um als Betrachter die Materialität der Objekte als Kunstwerke in ihrem räumlichen und zeitlichen Kontext zu erfassen, zu verstehen und auch zu hinterfragen. Federico Ferrari, Professor für Philosophie der Kunst an der renommierten Mailänder Accademia di belle Arti di Brera und Kurator der gemeinsam mit der Collezione Maramotti realisierten Ausstellung, auf den der Begriff Arte essenziale zurückgeht, sucht nach dem “Ursprung künstlerischer Praxis unter besondere Berücksichtigung des Wesens der künstlerischen Geste”. Er misst dabei dem künstlerischen Ausgangsmaterial eine entscheidende Bedeutung zu. Alltägliche, banale Materialien (wir denken an die Arte povera) können dabei zu “symbolisch aufgeladenen” Materialien wie zum Beispiel Marmor oder Bronze in Beziehung treten und einen neuen Sinnzusammenhang erschliessen.


Karla Black, “Nature Does The Easiest Thing”, 2011, Ausstellungsansichten
Gleich im offenen Treppenhaus empfängt uns eine an der Decke befestigte, über elf Meter an Länge messende Arbeit der 1972 in Alexandria (Schottland) geborenen Karla Black, die in Glasgow lebt und arbeitet. Kleine quadratische Folien aus Polyethylen, mit zart pastellfarbenem Kreidestaub bedeckt, hat sie aneinander geknüpft. Die hauchdünnen Materialien sind in ununterbrochener Bewegung, allein schon die normale Thermik in dem Treppenhaus lässt sie niemals zur Ruhe kommen. Der Kreidestaub auf den knitternden und sich kräuselnden Folien bringt zarte, zerbrechliche Strukturen zum Vorschein, die sich von Sekunde zu Sekunde verändern. Der von der halbkreisförmigen Treppe über die Etagen gebildete Raum gewinnt eine neue Dimension und eine neue Ästhetik.


Francesco Gennari, “Degeneration of Parsifal (Nativity)”, 2005-2010, Ausstellungsansichten
Eine wunderbare Kreation des 1973 in Pesaro geborenen Francesco Gennari, der dortselbst sowie in Mailand lebt und arbeitet: Ein Quader aus Mehl, mit 80 kg dem Körpergewicht des Künstlers entsprechend, wurde zunächst durch vier spiegelblanke Stahlplatten und Schraubzwingen zusammengepresst und -gehalten, die sodann gelöst wurden und nunmehr auf dem Boden liegen. Der Würfel aus der instabilen Masse Mehl erodiert an den Rändern und bildet tiefe Risse, die abgespalteten Teile “stürzen” herab wie etwa (dieser Tage geschehen mit einem zu beklagenden Todesopfer) Kreidefelsen auf Rügen. Eine die eigene Person und Existenz als Künstler reflektierende Arbeit, eine Metapher für Eingesperrtsein in überwiegend behüteter Bürgerlichkeit und einer – der Schutzlosigkeit ausgesetzten – künstlerischen Freiheit.

Karla Black, “Persuader Face”, 2011, (im Hintergrund “What To Ask Of Others”, 2011), Ausstellungsansicht

Karla Black, “What To Ask Of Others”, 2011
Und noch einmal Karla Black: Wunderbar auch zwei weitere ihrer Arbeiten , die in einem räumlichen Zusammenhang präsentiert werden. Auf dem Boden breitet die Künstlerin einen “Teppich” aus, er soll aus Make up-Puder in einem warmen, zarten Rosa bestehen (nach anderer Ausführung aus gefärbtem Gipspulver). Der Belag franst an den Rändern aus, bedeckt zunächst kaum wahrnehmbare, bei längerem Hinsehen aber immer deutlicher erkennbar werdende Strukturen. Wir denken an die Blütenstaub-Arbeit von Wolfgang Laib seinerzeit im MMK. Man bückt sich nieder, ist versucht, den “Teppich” mit den Fingern zu berühren, zu erkunden.
Ähnlich die Wandarbeit aus einer hauchdünnen, mit Kreidestaub bedeckten Folie, wiederum aus Polyethylen, einem trotz seiner Zartheit als widerstandsfähig und belastbar bekanntem Material. Assoziationen stellen sich ein: an Brautkleider, Schleier über Kinderwiegen, festlich dekorierte Tafeln und Räume. Auch diese Folie ist, der Luftzirkulation im Saal geschuldet, in ständiger Bewegung, reagiert sofort auf die einen Luftzug erzeugende Annäherung des Betrachters, weicht ihm aus oder kommt ihm entgegen. Jede Erscheinungsform in einer Millisekunde ist vergänglich, kehrt nie mehr wieder.

Gianni Caravaggio, “Shortly Before the Solar System”, 2008
Der studierte Bildhauer und Philosoph Gianni Caravaggio, 1968 im Dörfchen Rocca San Giovanni in den Abruzzen geboren, lebt und Arbeitet in Mailand und Stuttgart. Auf dem Boden ein an einen noch nicht gerundeten, mit Kratern übersäten Himmelskörper erinnerndes, etwa eineinhalb Meter hohes kugelähnliches Objekt aus Styropor, bei dem optische Massigkeit und physikalische Leichtigkeit des Materials in einem offenen Widerspruch stehen, darauf eine kleine Skulptur aus neun Kugeln unterschiedlicher Grösse und Materialität wie Bronze, Zink, Aluminium oder auch Soja. Dieses in sich schon fragile Gebilde – es könnte auf die nach älterer Definition neun Planeten des Sonnensystems anspielen – lagert unbefestigt in einer der kraterförmigen Vertiefungen des bodenstehenden Objekts. Instabilität, Zufälle auch im Universum? Oder ein spielender Creator, Demiurg?


Thea Djordjadze, “I trust the liar. With pleasure, tea”, 2011, Ausstellungsansichten
Thea Djordjadze, eine 1971 in Tiflis geborene Installations- und Objektkünstlerin, lebt und arbeitet in Berlin. Sie konstruiert einen häusliche Situationen zitierenden Raum aus den harten Materialien Stahl, Glas und Spiegeln, den sie mit wohnlichen, gleichsam “warmen” Objekten wie Teppichen und Decken oder auch gefässartigen Gebilden aus Keramik oder Ton ausstattet. Die Jalousie des Fensters ist heruntergelassen. Der Raum verharrt in einem “unfertigen” Zustand – wird hier etwas errichtet oder abgebrochen? Konstruktion wie Dekonstruktion spielen in der gezeigten Arbeit ebenso eine Rolle wie räumliche Inszenierungen, die beim Umschreiten der Installation erfahrbar werden.
Wir schauen aus einem der Installation benachbarten Fenster, mitten hinein in die umbrechende Stadtlandschaft. Und wenden uns wieder zurück zu Thea Djordjadzes Raumschöpfung.

Ausstellungs-Aussicht (durch ein Fenster des Ausstellungssaals auf Dom, Grossbaustelle “Altstadtbebauung” mit Graffiti-Zaun und Schirn Kunsthalle)
“Arte Essenziale” zeigt ausserdem Arbeiten von Alice Cattaneo, Jason Dodge, Ian Kiaer und Helen Mirra. Die Künstler haben ihre Werke im Auftrag der Collezione Maramotti in Reggio Emilia für die Ausstellung produziert. Nach einer ersten Präsentation in der Collezione Maramotti, dem von Achille Maramotti (Max Mara) begründeten Museum für zeitgenössische Kunst, wird “Arte Essenziale” derzeit – noch bis 1. Januar 2012 – im Frankfurter Kunstverein gezeigt.
(Fotos: FeuilletonFrankfurt)
Der Pianist Martin Stadtfeld
Mittwoch, 28. Dezember 2011Leidenschaft, Begeisterung und eiserner Wille
Text und Fotos: Renate Feyerbacher
März 2011, die Aula der Musterschule Frankfurt, ein Gymnasium, das sich als Zentrum zur Förderung musikalisch Begabter versteht.

Die Schulaula ist fast voll besetzt
Zu dem Schülerkonzert, genauer dem Gesprächskonzert mit dem Echo-Klassik-Preisträger Martin Stadtfeld, sind Schüler von Frankfurter Schulen gekommen. Dabei ist auch der 15jährige Lan Phien Pham aus Vietnam, der bereits an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Klavier studiert und beim Neujahrskonzert am 22. Januar 2012 im Holzhausenschlösschen spielen wird.

Lan Phien Pham
Gefördert hat die Veranstaltung das Bankhaus Metzler und initiiert hat sie die Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen, die sich für eine kindgerechte Vermittlung von klassischer Musik einsetzt. Zu Pianist Martin Stadtfeld hat der Geschäftsführer der Bürgerstiftung, Clemens Greve, schon länger gute Kontakte. Bereits 2003 ermöglichte die Frankfurter Bürgerstiftung Stadtfelds erste CD mit den “Goldberg-Variationen” von Johann Sebastian Bach.

Schulleiter Stefan Langsdorf, Musiklehrer Ulrich Bruggaier und Martin Stadtfeld nach dem Konzert
Ein Jahr zuvor, 2002, gewann der junge Pianist, der zuvor mehrfach Preisträger des Bundeswettbewerbs “Jugend musiziert” war, den ersten Preis des Internationalen Bach-Wettbewerbs in Leipzig und wurde über Nacht zum neuen deutschen Klavier-Star. Seitdem stehen ihm alle Konzertsäle offen. Auf die Frage eines Schülers, an welchem Wettbewerb er demnächst teilnehmen werde, antwortet Martin Stadtfeld: “Ich will nur einmal an einem Wettbewerb teilnehmen.”
Sehr ernst betrat der Künstler im März die Aula des Gymnasiums Musterschule. Er wirkte verschlossen, introvertiert. Wird er die Schüler interessieren können? Schon bald wird klar: er kann. Am Klavier sitzend, Bach spielend, erzählt er von seinem Lieblingskomponisten. Hin und wieder greift er zum Mikrofon und unterhält sich mit den Schülern. Er lässt nicht zu, dass über einen Schüler, der musikalisch nicht informiert ist, gelacht wird, als er eine Frage stellt. “Nicht lachen, es ist mutig.” Er lässt den Schüler nach vorne kommen.

Gesprächskonzert am 22. März 2011
Seit Jahren geht Martin Stadtfeld zu Kindern und Jugendlichen in Schulen, um ihnen von der klassischen Musik, von Komponisten, vom Klavierspiel, von seiner Arbeit als Pianist zu erzählen. Er versteht es als Mission und als Notwendigkeit. Er möchte das klassische Konzert wieder in der Mitte der Gesellschaft sehen, wie er einmal in einem Interview sagte. Aber er weiss, dass dieser Wunsch der Grundstimmung unseres Zeitgeistes widerspricht. Wenn man noch nie in einem klassischen Konzert war, nicht vertraut ist damit, was einen erwartet, dann bedürfe es Mut, der aber belohnt werde durch ein wunderbares Erlebnis. Klassische Musik und vor allem die von Johann Sebastian Bach löst Emotionen aus.

Martin Stadtfeld
Martin Stadtfeld spielt Stücke aus dem Zyklus “Das Wohltemperierte Klavier” und spricht zu den verschiedenen Passagen. Zum Beispiel: “Stille ist Zwiesprache des Menschen mit sich selbst”; oder zu einer Fuge: “Streitgespräch. Es geht hoch her.” Indem er ein Mädchen anblickt: “Mutter zur Tochter: ‘Du hast nicht gelernt’ – Mädchen: ‘Ich hab doch gelernt’ – Vater: ‘Du hast nicht’.” Oder als er in cis-Moll spielt: “Niedergeschlagenes, trauriges Gefühl. Schmerz kann durch Musik überwunden werden.” Er demonstriert, wie Bach aus der traurigen Stimmung zum Aufbruch gelangt und den Schmerz überwindet. So bezieht er die jungen Menschen ein, die nicht gelernt haben, diese Musik zu hören und zu verstehen, und vielleicht selbst darin Trost zu finden. Das ist sehr persönlich. “Leidenschaft ist wichtig – nicht wie in der Welt von Dieter Bohlen.” Danach spielt er die Stücke, die er erklärte, einfühlsam und lebendig ohne Unterbrechung.
Für Martin Stadtfeld sind gerade die Stücke des “Wohltemperierten Klaviers” eine Achterbahn der Gefühle. Bach hat als erster Komponist alle 24 Dur-und Moll-Tonarten in einem Klavierzyklus vereinigt. Feierlich, tänzerisch, virtuos, chromatisch geht es zu. Vielfältig sind die Ausdrucksformen.

Dank der Schülerinnen und Schüler
Elf Einspielungen stehen auf der Liste von Stadtfelds Diskographie. Die meisten sind Johann Sebastian Bach gewidmet. Die letzte CD erschien im Oktober 2011. Stadtfeld interpretiert die Klavierkonzerte D-Dur BWV 1054, g-Moll 1058 und A-Dur 1055, ausserdem acht kleine von ihm bearbeitete Präludien und Fugen für Orgel. Bereits 2006 hat er andere Bach’sche Klavierkonzerte und Solostücke eingespielt.
CD “Martin Stadtfeld, J. S. Bach, Klavierkonzerte Vol. II”,
Philharmonisches Kammerorchester München,
Leitung Lorenz Nasturica-Herschcovici;
mit freundlicher Genehmigung Sony Music Entertainment, 88697964732 – 2011; alle Rechte vorbehalten
Eine sehr persönliche Aufnahme: Bach und der Pianist gehören zusammen.
Martin Stadtfeld bleibt dem Bach’schen Gedanken eng verpflichtet, findet aber eine Interpretation, die wir heutigen Hörer verstehen: modern-lebendig und dennoch einem genauem Bach-Spiel verpflichtet. Mal spielt er beschwingt, mal sehr nachdenklich, sein Anschlag ist klar, zart, kraftvoll, sehr differenziert, nuanciert. Das, was er den Schülern an Emotionen erklärte, ist wiederzufinden. Das Philharmonische Kammerorchester München unter seinem Dirigenten Lorenz Nasturica-Herschcovici folgt seiner Diktion ebenso kraftvoll wie einfühlsam. Alles klingt wie aus einem Guss.
Wunderbar auch die kleinen Pretiosen für Orgel, von denen nicht sicher ist, ob sie alle von Johann Sebastian Bach stammen. Das tut nichts zur Sache. Stadtfeld hat sie für Klavier eingerichtet und interpretiert sie exzellent. Da zeigt sich, dass er, wie bereits im Schülerkonzert erlebt, sich den kleinen Stücken genauso hingibt.
Der 31jährige Pianist, in Koblenz geboren, gab mit neun Jahren sein erstes Konzert und studierte ab dem 14. Lebensjahr an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt bei Professor Lev Natochenny.
Jahr für Jahr stellt dieser russische Klavierpädagoge in der Alten Oper Frankfurt die Schüler seiner Meisterklasse vor, deren Pianistenkarriere bereits vorgezeichnet ist. Er war auch der “Meistermacher” von Martin Stadtfeld, der bereits viermal den Echo-Klassik Preis erhielt – nicht nur für seine Bach-Interpretationen.
CD “Martin Stadtfeld, Deutsche Romantik”;
mit freundlicher Genehmigung Sony Music Entertainment, 88697754502 – 2010; alle Rechte vorbehalten
Begeistern kann man sich für diese Ouvertüre zu “Tannhäuser” von Richard Wagner, die sein Schwiegervater Franz Liszt für Klavier bearbeitete. Wie das virtuos perlt. In allen Stücken auf dieser CD “Deutsche Romantik”, manche selten gehört oder wie die “Mondnacht” aus Robert Schumanns Liederkreis vom Pianisten für Klavier bearbeitet, fängt er die romantische Stimmung ein: feine schwärmerische Momente ohne pathetische Ausrutscher. Zweifellos wieder eine sehr persönliche Einspielung von Martin Stadtfeld.

Prall gefüllt ist Martin Stadtfelds Konzertkalender. Mehrfach im Jahr 2012 ist er in ganz Deutschland mit dem Philharmonischen Orchester München unterwegs. Seine Solo-Auftritte beginnen gleich am 13. Januar in der Kölner Philharmonie. Weiter geht es Schlag auf Schlag: am 25. März ist er dann bei einem Pro Arte-Konzert in der Alten Oper Frankfurt zu hören, wo er die acht kleinen Präludien und Fugen von Bach spielt und sechs “Moments musicaux” von Sergej Rachmaninow. Im Juli gastiert er im Wiesbadener Kurhaus und beim Rheingau Musik Festival.
Weihnachten 2011 mit Guercino
Montag, 26. Dezember 2011
Guercino (Giovanni Francesco Barbieri, 1591–1666), Madonna mit Kind, 1621/22, Leinwand, 64 × 50 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum – ARTOTHEK
Nun hat die FAZ in ihrer Heiligabend-Ausgabe diesen Städel-Neuerwerb bereits “verbraten”, was uns aber nicht daran hindern soll, wie geplant diese wiederum kleinformatige Madonnendarstellung von Guercino den beiden vorangegangenen von Fra Angelico und Perugino folgen zu lassen und gegenüberzustellen. Machen wir also von Perugino einen grossen Sprung um rund 120 Jahre – das sind rund vier Generationen – in das Barock-Zeitalter. Was sofort auffällt, ist die bei Guercino hier zu beobachtende Individualität und Intimität der Darstellung von Maria und Jesusknabe, verdichtet zu einer Darstellung von “Mutter und Kind” schlechthin. Der Blick des Betrachters geht gleichsam wie durch das Teleobjektiv einer Kamera auf eine Szene, die aus solcher Nähe zu sehen er sich vielleicht gar nicht anzuschicken wagt. Der Maler erreicht diese so sehr intime Nähe des Betrachters durch einen ungewöhnlichen, auf die ferne Fotografie verweisenden Bildschnitt (Marias Hand, der Kopf des Knaben). Faszinierend die Innerlichkeit, der Blick Marias voll Liebe und zugleich Sorge auf das Kind, in ihren Augen auch ein Hauch von die Passion erahnendem Schmerz – weit jenseits aller pathetischen Wucht und verherrlichenden Prachtentfaltung, mit der wir so oft barocke Malerei verbinden.
Guercino (der “Schieler”, so wegen eines Augenleidens genannt), eigentlich Giovanni Francesco Barbieri, lebte von 1591 bis 1666. Er gilt als weitgehender Autodidakt, zog nach Bologna (wo er später auch verstarb), gründete in seiner Geburtsstadt Cento eine eigene Mal- und Zeichenakademie und lebte zwischenzeitlich zwei Jahre in Rom. Zunächst dem Naturalismus verpflichtet, zählte er später neben Guido Reni und Caravaggio (Michelangelo Merisi da Caravaggio) zu den Meistern des italienischen Chiaroscuro, der Hell-Dunkel-Malerei. Guercino war ein ausserordentlich produktiver und erfolgreicher Maler, der es zu einem ansehnlichen Vermögen brachte.
Guercinos Madonna mit Kind kam Ende 2010 durch eine Schenkung des Ehepaares Barbara und Eduard Beaucamp in die Sammlung Alter Meister des Städel Museums.
Weihnachten 2011 mit Perugino
Sonntag, 25. Dezember 2011
Perugino (Pietro Vannucci, um 1445/50–1523/24), Madonna mit Kind und Johannesknaben, 1495–1500, Pappelholz, 67,7 × 51,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum – ARTOTHEK
Rund 70 Jahre – etwa zwei Generationen – später als Fra Angelico malte Perugino, der “Perugianer”, mit bürgerlichem Namen Pietro di Cristoforo Vannucci, dieses ebenfalls kleinformatige und deshalb den Andachtsbildern zuzurechnende Gemälde. Perugino wurde zwischen 1445 und 1450 in der Provinz Perugia geboren, wo er auch 1523 oder 1524 verstarb. Wir befinden uns mitten in der Renaissance.
Es ist vor allem wegen seines asymmetrischen Bildaufbaus ein ungewöhnliches Werk: Von der linken Seite her ragt, zwischen Hals und Schulter angeschnitten, der Johannesknabe in das Bild hinein, er scheint sich in inniger, schon ein wenig “altkluger” Weise mit dem Jesusknaben zu verständigen. Maria, schräg zum rechten Bildrand hin geneigt, was die Komposition dann doch wieder sehr ausgewogen erscheinen lässt, trägt ein rotes und darüber ein grünes Gewand. Die drei Personen werden, fernab etwa von Gruppendarstellungen oder architektonischen Strukturen, in freier Natur vor einer Ideallandschaft präsentiert. Maria ist von anmutiger Gestalt und trägt, wie auch die beiden Knaben, ausgesprochen individualistische Züge. Im Städel Museum geht man nach allem davon aus, das kein anderer als Raffael (Raffaello Santi, 1483 bis 1520), der berühmteste Schüler Peruginos, der umgekehrt auch die Arbeit seines Lehrmeisters befruchtete, an dem Werk mitgewirkt hat.
