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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for November, 2011

Albrecht Wild zeigt “Literatur der Armut”

Mittwoch, 23. November 2011

Man kann davon ausgehen, dass etwa 500.000 Kinder in Deutschland regelmässig nicht ausreichend ernährt werden und immer wieder Hunger leiden (Wolfram Hartmann, Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte BVKJ).

Weltweit hungern etwa 925 Millionen Menschen (Food and Agriculture Organization FAO, September 2010)

Die Dürrekatastrophe am Horn von Afrika bedroht das Leben von mehr als zwölf Millionen Menschen. Vor allem Somalia, Kenia und Äthiopien sind betroffen (terre des hommes).

Obwohl durch fragwürdige Geschäftsmethoden Millionen Menschen hungern müssen, bleiben die verantwortlichen Konzerne straffrei, weil Verstösse gegen das Recht auf Nahrung in vielen Staaten nicht als solche strafrechtlich verfolgt werden (Bernhard Walter, Brot für die Welt).

Jeder siebte Mensch hat nicht genug zu essen und jedes vierte Kleinkind in Afrika und Südasien ist stark untergewichtig (sos kinderdörfer).

Hunger dort, Überfluss hier: In den Industrienationen haben wir mehr als genug. Wir können gar nicht alles essen – bis zu einem Drittel unserer Lebensmittel landet im Müll. Die Versuchung, im Überfluss viel zu viel zu essen, ist riesig: 1,2 Milliarden Übergewichtige stehen 925 Millionen hungernden Menschen gegenüber (Das Erste.de)

Es darf nicht so bleiben, wie es ist, sondern es müssen sich grundsätzliche Dinge ändern. Ungerechtigkeit ist das Problem, das Armut schafft (Misereor).

Albrecht Wild, 1959 in Weinheim geboren, Studium an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule bei Professor Thomas Bayrle mit Meisterschülerabschluss, zeigt in seinem Studio im Atelierhaus an der Frankfurter Ostparkstrasse eine Reihe von Exponaten unter dem Titel “Literatur der Armut”. Wild erwirbt rund um den Globus Pappen mit Bitt-Texten von Bettlern und Obdachlosen, die er zum Teil mit nationaler Symbolik verbindet. Wir sahen sie zuletzt im Sommer 2010 in der Frankfurter KunstKulturKirche Allerheiligen. Ebenso bekannt sind seine Banner aus bedrucktem Stormflag-Fahnentuch sowie seine Bettler- und Obdachlosenpuppen.

Diese Arbeiten, denen sich Wild seit seinem Aufenthalt als Artist in Residence des National Museum of Contemporary Art Seoul 2007/2008 widmet, finden mehr und mehr weltweit Beachtung. Sie sprechen unzweideutig für sich selbst.

(Fotos: Albrecht Wild und FeuilletonFrankfurt)

 

Zero Reiko Ishihara öffnet ihr Bestiarium

Montag, 21. November 2011

“Fairy Tales, der Beweis für Nichts”

- so lautet der Titel der neuen Ausstellung der weitbekannten Künstlerin Zero Reiko Ishihara in der Frankfurter Galerie Wolfstädter – letztere ist seit langem geschätzt als Garant für qualitätshaltige Präsentationen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.

Galerist Jürgen Georg Wolfstädter

“Why do we exist in this universe? Where are we from and where are we going? These are questions that human beings have long asked” – mit diesen Fragen eröffnet die Künstlerin ihre Homepage. Und: “I believe it shows many possible forms of existence. There could be other ways to live. I could exist not as I, but despite the many possibilities I am who I am.

Wieso existieren wir in diesem Universum? Gibt es Beweise dafür, dass wir leben, herrschen und bestehen? Was ist Fiktion und was Realität – so steht es als Motto auch über der laufenden Ausstellung.

Natürlich beginnt alles mit dem bekannten Motiv der Künstlerin, dem wurmähnlichen Wesen, nennen wir es der Einfachheit halber hier schlicht Wurm, und denken wir dabei – noch einfacher – an den allgegenwärtigen Regenwurm: eine Millionen Jahre alte, unser Erstaunen auslösende androgyne Spezies, ein Zwitter, besitzt dieses Wesen doch an beiden Enden männliche und weibliche Geschlechtsorgane und pflanzt sich auf diese Weise in sich selbst fort; und nicht minder erstaunlich besitzt es die Fähigkeit der Regeneration nach Fremd- und sogar Selbstverstümmelung.

Ouroboros, 2011, Keramik mit Sockel, ca. 50 x 50 x 55 cm

Nun präsentiert uns die Künstlerin – wir erinnern uns ihrer Ausgangsfrage – dieses wundersame Geschöpf als Ouroboros, als “Selbstverzehrer”, ein schon in der altägyptischen Ikonografie bekanntes Symbol (der sich selbst in den Schwanz beissenden Schlange) für den geschlossenen Kreis als die vollkommenste aller Formen, für das vollkommenste, sich selbst erhaltende Wesen. Symbol auch für den einen Weltkreis, für die kosmische Einheit, für ein “Eins ist alles”.

Zum einen als Wurm und Keramik-Skulptur ausgeführt, zeigt uns Zero Reiko Ishihara den Ouroboros – nun in Gestalt eines geflügelten Drachens – auch als feinst ausgeführte Tuschezeichnung. Sie greift dabei auf eine mittelalterliche Darstellung (Stich von Lucas Jennis, 1590 bis 1630) zurück, die sie mit zusätzlichen, uns auf den ersten Blick als naturwissenschaftlich erscheinenden Zeichnungen und Texten in japanisch anmutenden Schriftzeichen ergänzt. Aber sie verführt uns auf eine listige wie humorvolle Weise: Es handelt sich bei diesen Texten keineswegs um wissenschaftliche Bildlegenden, sondern um Inhalte, die sie uns nicht verrät und die wir – über keinen Entschlüsselungsgscode verfügend – nicht dechiffrieren können.

Ouroboros, 2011, Tusche auf Papier, 29,4 x 42 cm

Und weiter geht es mit den ironisch-pseudowissenschaftlichen Zeichnungen: Vom hermaphroditischen Wurm ist es nicht weit zu den “Androgynos”, den Hermaphroditen in der Welt der Insekten und auch der Menschen. Der – wiederum wurmähnliche – Hinterleib des Insekts erhält in komischer Vergrösserung und Verfremdung einen evulutionsgeschichtlich auf den “Legebohrer” der Weibchen zurückgehenden Stachel.

Androgynos 1, 2011, Tusche auf Papier, 29,4 x 42 cm

Androgynos 2, 2011, Tusche auf Papier, 29,4 x 42 cm

Schon in den alten Mythen gab es die Vorstellung der Androgynie, wie übrigens letztlich auch in der Genesis des Alten Testaments, da Gott das Weib aus der Rippe des Mannes schuf. Umgekehrt in der griechischen Mythologie, in der Zeus dem Weib ein Stück Lehm entnahm und es dem Mann zur Vervollständigung hinzufügte (was ja, pardon, irgendwie plausibler erscheint).

Nun möchten wir natürlich auch hier allzu gern wissen, was sich zu diesen delikaten Themen in den Texten der Künstlerin verbirgt. Nur: Sie wird es uns ums Verplatzen nicht verraten. So bleibt uns denn die Vermutung, dass unsere Suche nach eigenen Antworten darauf Teil der künstlerischen Strategie ist.

Balaena monstrosa, 2011, Tusche auf Papier, 29,4 x 42 cm

Auch der Walfisch, genauer gesagt ein Wal aus der Familie der Balaenidae (Glattwale) muss herhalten, wenn Zero uns aufs (wie wortspielerisch) Glatteis ihrer Kunst führt. Ob sie nun schon einmal einen Balaena monstrosa gesichtet hat, wissen wir nicht wirklich; Wissenschaftlern (selbst japanischen) scheint dieses Tier bislang verborgen geblieben zu sein.

Aber im Ernst: Japan nimmt bekanntlich beim Thema Walfang eine höchst unrühmliche Rolle ein. Und es wunderte uns keinesfalls, wenn da ein Zusammenhang bestünde zwischen diesem traurigen Kapitel japanischer Un-Kultur und der intelligenten Kunst unserer von uns geschätzten Protagonistin.

Harpie, 2011, Tusche auf Papier, 29,4 x 42 cm

Sie sind verführerisch wie Zero Reiko Ishiharas Kunst: die Harpyien, Töchter des Thaumas und der Elektra. Wiederum zitiert die Künstlerin zunächst eine alte Gravur, hier von Mitte des 17. Jahrhunderts. Schön und attraktiv sollen sie nach den Überlieferungen der einen gewesen sein, hässlich und bösartig nach denen der anderen, diese Harpyien. Sie wohnten auf Kreta (nach anderen alten Erzählungen auf Inseln westlich des Peloponnes) und trugen die Seelen der Verstorbenen in den Tartarus.

Und nun kommen wir zum Drachen, dem schlangenartigen, zuweilen mehrköpfigen, oft geflügelten, mit Klauen und Krallen versehenen, meist feuerspeienden Wesen, das in den Mythologien aller Kulturen und so auch in der japanischen eine wesentliche Rolle spielt. Wobei der Drache im ostasiatischen Raum gar kein richtiger Bösewicht ist, sondern in all seiner Ambivalenz ersehnten Regen und Fruchtbakeit und vor allem auch Glück bringt. Und japanische Drachen sollen die Fähigkeit zur Metamorphose besitzen, sich in Menschen zu verwandeln, wie umgekehrt Menschen in Drachen wiedergeboren werden können.

Wiederum zitiert die Künstlerin zeichnerisch, jetzt einen japanischen Drachen, nach einem kolorierten Holzschnitt chinesischer Schule des 19. Jahrhunderts, in der Pariser Bibliothèque des Arts Décoratifs. Sie gesellt ihm eine Schlange, das im alten Griechenland heilige Tier, im jüdisch-christlichen Bereich zur Verführerin Adams und Evas mutiert, sowie zwei Hippocampi (Seepferdchen) hinzu, deren Vorfahren der griechischen Mythologie zufolge einst den Streitwagen des Meereskönigs und Zeus-Bruders Poseidon zogen. Nun haben Seepferdchen einen wurmartigen Hinterkörper, womit sich der Kreis schliesst und wir wieder zu Zero Reikos Lieblingstier zurückkehren.

Und noch immer wissen wir nicht, welche Weisheiten und Erkenntnisse uns die Künstlerin in den uns verschlossen bleibenden Texten vorenthält. Es bleibt uns nur, eines dieser Werke zu erwerben und täglich anzuschauen, so lange, bis wir eines Tages Zero Reikos schmunzelndes Wissen teilen.

Zero Reiko Ishihara vor “Drache”, 2011, Tusche auf Papier, 50 x 70 cm

Zero Reiko Ishihara, 1976 in Okayama geboren, studierte von 1995 bis 2000 an der Kyoto City University of Arts mit dem Abschluss Bachelor of Fine Art. Von 2000 bis 2005 schloss sie ein Studium an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule – in Frankfurt am Main an, das sie als Meisterschülerin im Fach Interdisziplinäre Kunst bei Professor Ayse Erkmen abschloss. Sie bestritt zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen in Frankfurt am Main und Umgebung, in Belgrad, Ellwangen, Fukushima, Gelsenkirchen, Istanbul, Iwaki, Krems, Kyoto, Lincoln, London, Salzburg, St. Petersburg und Strassburg. Sie erhielt eine Reihe von Preisen und Stipendien. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Und es soll nicht verschwiegen werden, dass sie eine sehr gute Geigerin ist, die auch mit ihrem Instrument in der Öffentlichkeit auftritt.

Zero Reiko Ishihara: “Fairy Tales, der Beweis für Nichts”, Galerie Wolfstädter, bis 3. Dezember 2011

(Abgebildete Werke © Zero Reiko Ishihara; Fotos/Scans: die Künstlerin und FeuilletonFrankfurt)

 

Karl-Ströher-Preis 2011 an Tobias Zielony

Donnerstag, 17. November 2011

Alle zwei Jahre nur wird der Karl-Ströher-Preis verliehen – mit 20.000 Euro einer der höchstdotierten Förderpreise für bildende zeitgenössische Kunst. Dieses Jahr wurde Tobias Zielony für sein vielseitiges Schaffen zwischen Fotografie, Film und Soundcollage mit der Auszeichnung bedacht – im Zollamtssaal des Frankfurter Museums für Moderne Kunst MMK ist seit dem 11. November 2011 seine Ausstellung “Manitoba” zu sehen.

Tobias Zielony, Ross, 2009 – 2011, © Tobias Zielony, KOW Berlin

Tobias Zielony,1973 in Wuppertag geboren, studierte von 1998 bis 2001 an der University of Wales in Newport Dolumentarfotografie und anschliessend an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, wo er Meisterschüler von Professor Timm Rautert wurde.

Inzwischen weltweit bekannt ist Zielony mit seinen Dokumentationen jugendlicher Subkulturen und Randgruppen, neben Grossbritannien unter anderem in Frankreich, Italien, den USA und Kanada. Ende 2009 übernahm er die Professur für Künstlerische Fotografie an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM). Zielony lebt und arbeitet in Berlin und Köln.

MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer mit dem Künstler am 10. November 2011  in der Pressekonferenz (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Ausstellungsansicht (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Von Tobias Zielony besitzt das MMK bereits die Zyklen “Le Vele di Scampia” (2009) aus der Serie “Vele” (2009-2010), einer gut neunminütigen Fotoanimation aus 7000 Einzelbildern sowie 16 Farbfotografien “Vele” (2010). Zielony beschäftigt sich darin mit dem Sozialbaukomplex “Le Vele” im Norden Neapels. Die Siedlung ist von Familien der Camorra besetzt und als Drogenumschlagplatz berüchtigt.

Im Gegensatz zu diesen grossformatigen Arbeiten von harter Bildsprache treffen wir jetzt im mit Raumteilern versehenen Zollamtssaal auf kleinformatigere, eher ruhige, fast stille Arbeiten. Der erstmals in vollem Umfang seiner 42 Bilder gezeigte Foto-Zyklus “Manitoba” entstand in der Hauptstadt Winnipeg der kanadischen Provinz Manitoba. Er handelt von jugendlichen indigenen Gang-Mitgliedern in ihrem Zwiespalt zwischen urbanem Lebensraum und Reservat und in einem von Perspektiv- wie Arbeitslosigkeit bis hin zu Kriminalität geprägten Milieu. Porträts und Gruppenaufnahmen zum Teil posierender Jugendlicher in westlichem Dresscode wechseln ab mit Architektur- und Landschaftsszenen.

Tobias Zielony, Downtown, 2009-2011, © Tobias Zielony, KOW Berlin

Ausstellungsansicht (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Zielonys Arbeit trägt Züge sowohl der klassischen Dokumentarfotografie als auch konzeptueller Fotokunst.

Wie bei seinen bisherigen Reportagen musste sich der Künstler zunächst das Vertrauen der betroffenen Personen und  Gruppen in ihrem sozialen Umfeld erwerben, um trotz aller distanzierten Beobachtung Fotografien von intimer Nähe wie zugleich grosser Intensität fertigen zu können. Zielony arbeitet mit analoger Kleinbildkamera und Farblabor, ohne Blitz und Stativ und ohne nachträglichem Beschnitt. Seine Protagonisten sind Ausdruck einer globalisierten Jugendkultur, die in der Gruppe ihre identitätsstiftenden standardisierten Marken-”Klamotten” einer globalisierten Konsumgüterindustrie ebenso zur Schau stellt wie ihr von vermeintlicher Lässigkeit und Souveränität getragenes Lebensgefühl, als Einzelne jedoch eher zerbrechlich und mitunter fast hilflos wirken. Und es geht um den Zwiespalt eines Teilhaben-Wollens dieser Menschen an der materiellen Güterwelt und einem von Herkunft und sozialer Situation bedingten Ausgestossensein an den Rand der Gesellschaft.

“Tobias Zielony gehört für mich zu den bemerkenswertesten Fotografen unserer Zeit. Ich freue mich, dass wir mit dieser Ausstellung eine weitere Facette seiner Arbeit vorstellen können, nachdem wir im vergangenen Jahr bereits die vollständige Serie “Vele” in unserer Sammlungspräsentation ausgestellt haben”, sagt MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer.

Tobias Zielony, Air, 2009-2011, © Tobias Zielony, KOW Berlin

Tobias Zielony, Tracks, 2011, © Tobias Zielony, KOW Berlin

Weiter im MMK-Zollamtssaal zu sehen ist Zielonys Schwarz-weiss-Film “The Deboard” aus dem Jahr 2008: Er handelt von der Geschichte des Ausstieg eines jugendlichen ehemaligen Bandenmitglieds aus einer Gang samt den damit verbundenen Ritualen.

“Manitoba” im MMK-Zollamt, bis 15. Januar 2012.

 

Tamara Grcic: “outside-here” – 16. November 2011

Mittwoch, 16. November 2011

… und es bewegt sich doch.


Das Wohnwagengespann von Tamara Grcic auf dem Frankfurter Rossmarkt am 16. November 2011

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

 

Carl Morgenstern, der “Frankfurter Italienmaler”

Dienstag, 15. November 2011

Wir haben uns zuletzt viel mit minimalistischer und konzeptueller Kunst befasst, zeitgenössische Installationen und Interventionen in den Blick genommen. Da tut es gut, einmal innezuhalten, sich zu vergewissern, wo man steht, im Bereich der Skulptur, vor allem auch des Tafelbilds, und sich dabei durchaus einem Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts wie dem Frankfurter Carl Morgenstern zuzuwenden, dem das Museum Giersch anlässlich des 2oo. Jahrestages der Geburt des Künstlers seine gegenwärtige Ausstellung widmet.

Carl, bereits in der vierten Generation der Malerdynastie Morgenstern (auch sein Sohn Friedrich Ernst, 1853 bis 1919, wird ihm in dieser Familientradition folgen), wird im Jahr 1811 geboren und von seinem Vater Johann Friedrich in der Tradition des damaligen Akademiebetriebs und einer dunkeltonigen, den altniederländischen Vorbildern verpflichteten Malweise unterwiesen. Mit 21 Jahren begibt er sich nach München, wo er sich – jenseit von Akademie und Hofmalerei – einer Gruppe junger Landschaftsmaler anschliesst, die vor allem in der Natur ihren Lehrmeister sehen.

1829 findet die längst klassische deutsche Italien-Sehnsucht mit der Veröffentlichung der “Italienischen Reise” von Johann Wolfgang Goethe einen vorläufigen Höhepunkt. Im Herbst 1834 bricht auch Carl Morgenstern zur Reise nach Italien auf, die ihn durch die Vielfalt der italienischen Landschaften bis nach Sizilien führt und von der er erst im Sommer 1837 zurückkehrt. Seine mit sensiblem handwerklichen Können auf das Feinste gefertigten Arbeiten – auf der Grundlage hunderter Skizzen in seinen Ateliers in Italien und in Frankfurt ausgeführt – bringen ihm den Titel “Frankfurter Italienmaler” ein.

Ihn faszinieren die südlichen Lichtverhältnisse, die Stimmungen des blauen Himmels und des blauen Wassers, die antiken Stätten, die üppige Vegetation, die kleinen Fischerorte am Meer. Die malerische Wiedergabe der zahlreichen verschiedenen Blautönungen und -schattierungen und der Intensität des Lichts sind ein herausragendes Merkmal dieser den südlichen Landschaften gewidmeten Malerei.

Carl Morgenstern, Capri bei Sonnenaufgang, 1836, Öl auf Leinwand, 74,5 x 105 cm, Privatbesitz

Carl Morgenstern, Terracina mit Fischfelsen, 1844, Öl auf Leinwand, 55 x 78 cm, Privatbesitz

Carl Morgenstern, Blick auf Terracina, 1837, Öl auf Leinwand, 50 x 78 cm, Privatbesitz

Carl Morgenstern, Italienische Ideallandschaft mit Hirten und Ziegenherde, 1837, Öl auf Leinwand, 58 x 78 cm, Sammlung Giersch

Diese bei manchen in Vergessenheit geratenen Bilder üben gerade heute wieder eine Faszination nicht nur auf den Italienliebhaber aus: Wenn wir heute von Rom aus durch Latium reisen, finden wir eine vor allem mit Industrieanlagen, aber auch mit allerlei Bauruinen und Schrotthalden weitgehend zersiedelte und zerstörte Landschaft vor – von der Verbetonierung der Meeresküsten einmal gar nicht zu reden.

Weitere Reisen des Künstlers folgen – innerhalb Deutschlands sowie nach Frankreich, an die französische und italienische Riviera, nach Venedig und in die Schweiz.

Carl Morgenstern, Canal Grande mit Blick auf Sta. Maria della Salute, 1843, Öl auf Leinwand, 30 x 45,8 cm, Privatbesitz

Einen grossen Namen erwirbt sich Morgenstern gerade auch mit Ansichten der Stadt Frankfurt, besonders mit dem Blick vom südlichen Mainufer aus auf die Leonhardskirche, den Dom und die markante Gebäudelinie.

Carl Morgenstern, Blick auf Frankfurt, 1854, Öl auf Leinwand, 52 x 80,5 cm, Privatbesitz

Carl Morgenstern entfaltet eine ungeheure Produktivität, er fertigt Auftragswerke, bei denen er auch auf Kundenwünsche eingeht, und entwickelt eine Reihe von “Standardmotiven”, die er zum Verkauf vorrätig hält.

Doch eilen wir im Zeitraffer voran: Seit den 1870er Jahren findet der einst so erfolgreiche Landschaftsmaler kaum mehr Zuspruch, so dass er, der seine Kunst eher als eine Dienstleistung versteht und weniger als ein Mittel zur Selbstentfaltung, an seinem Werk und seiner künstlerischen Arbeit zu zweifeln beginnt. Maler wie beispielsweise Gustave Courbet finden die öffentliche Aufmerksamkeit und den Erfolg, und mit ihm geben die anderen Maler des Realismus und anschliessend ebenso des Impressionismus die neue Richtung vor: 1859 stellt Édouard Manet im Salon de Paris aus; 1872 gibt Claude Monets berühmtes Seestück “Impression soleil levant” der Bewegung ihren Namen. Und schliesslich beginnt die Fotografie mit ihrem Siegeszug um die Welt. Es wird stiller um Carl Morgenstern. In den ersten Tagen des Jahres 1893 verstirbt der Maler – im Konflikt zwischen handwerklich-malerischer Tradition und Moderne, der er sich nicht mehr zurechnen kann.

Neben den in Öl ausgeführten Gemälden enthält die Ausstellung Ölskizzen und Ölstudien, Aquarelle, Zeichnungen und Skizzenbücher. Den Werken Carl Morgensterns werden Arbeiten von Zeitgenossen und Künstlerfreunden wie Carl Blechen, Johann Georg von Dillis, Ernst Fries, Christian Ernst Bernhard Morgenstern, Friedrich Nerly, Johann Heinrich Schilbach und Ernst Willers sowie von Frankfurter Malern wie Jakob Fürchtegott Dielmann, Johann Heinrich Hasselhorst, Adolf Hoeffler und Eduard Wilhelm Pose gegenübergestellt.

Eine Augenweide schliesslich ist der hervorragend gestaltete Katalog.

Eine äusserst sehenwerte Ausstellung “Carl Morgenstern und die Landschaftsmaler seiner Zeit” im MUSEUM GIERSCH, bis zum 29. Januar 2012.

Bildnachweis: Museum Giersch