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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for November, 2011

Kunsthalle Mainz: “km 500 4″

Mittwoch, 30. November 2011

Von Vera Mohr

Die Kunsthalle in Mainz präsentiert zum vierten Male die Werke der Kunststipendiaten des Landes Rheinland-Pfalz und des Künstlerhauses Schloss Balmoral unter dem Titel “km 500 4″. 13 Künstlerinnen und zwei Künstler, die zum überwiegenden Teil in den Siebzigern geboren wurden, zeigen bis Mitte Januar 2012 ihre Werke.


Kunsthalle Mainz – Aussenansicht (Foto: Kunsthalle Mainz)

Draussen beherrschte der Nebel die Stadt und fast möchte man “endlich” sagen in diesem Jahrhundert-November, der so viel Farbe und Glanz nach Mainz brachte, dass man kaum den Blick wenden mochte. Doch an jenem diesigen Freitag war man froh für die schützenden Mauern der Kunsthalle, während man erste Blicke auf die “rheinland-pfälzischen” Kunstwerke warf, die sich nur selten auf ein Medium beschränkten, wie der Kurator und Leiter der Kunsthochschule Mainz, Justus Jonas, bei seiner Einführung versprach.

Die aus dem Iran stammende Sara Rajaei lässt uns in einen verfallenen Hinterhof von Bad Ems blicken, dessen Trostlosigkeit von spärlich spriessenden Pflanzen in Blumentöpfen gebrochen wird. Eine mit Wasser gefüllte Badewanne scheint ihr Überleben zu sichern, und die leicht geöffnete Tür garantiert den Ausstieg aus der Szene. Eine Anspielung auf den Kurort? Denn schon längst sind die guten Zeiten des Badeortes vorbei, der vor mehr als 100 Jahren die Mächtigsten der Nation anzog und Weltgeschichte schrieb. Nur Kassenpatienten sicherten in der jetzigen Republik das Überleben, bis auch die Krankenkassen den Geldhahn zudrehten. Könnte “Wellness” der Ausweg sein? Aber für Rajaei ist das Bild nur der Hintergrund, denn gleichzeitig lässt sie einen Text aus dem Off vorlesen. Es kommen Hinterbliebene zu Wort, die an die Opfer erinnern, die in einem iranischen Flugzeug sassen, das abgeschossen wurde. Für die Insassen gab es damals keinen Fluchtweg. Der morbide Hinterhof mit Badewanne signalisiert viel grössere Bedrohung, jenseits der bundesrepublikanischen Interpretation.

Sara Rajaei, A leap year that started on a Friday, 2010, Videostill, Foto: Kunsthalle Mainz

Sara Rajaei: Anwesenheitsstipendium Künstlerhaus Schloss Balmoral. 1976 geboren in Abadan, Iran. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Den Haag und Teheran. 1996-1998 University of the Arts, Teheran, 1999-2002 Royal Academy of Art, Den Haag, 2005-2006 Leiden University, Leiden.

Sandra Schäfer, Wire the Pictures, 2011, Foto: Vera Mohr

Auch in den Videos von Sandra Schäfer spielt die politische Situation im Iran eine Rolle. Die ausgebildete Filmerin bereist seit zehn Jahren Afghanistan und Iran. Sie engagiert sich in Projekten, die sich mit der Rolle der Frau in jenen Ländern beschäftigen. Ihr Interesse gilt aber auch der Frage, wie es zur islamischen Revolution im Iran kommen konnte, die das Weltgeschehen so grundlegend veränderte. Welche Rolle spielten die Medien? Ihr Video “Wire the Pictures”, das parallel auf zwei Leinwänden abgespielt wird, informiert über die westliche Berichterstattung, bevor Khomeini in den Iran zurückkehrte.

Sandra Schäfer: Balmoral Stipendium für TrAIN, University of the Arts, London. 1970 geboren in Altenkirchen. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin. 1991-1998 Studium der Freien Kunst, Soziologie und Politikwissenschaften, Universität Kassel, 1996-1997 Studium der Freien Kunst, Slade School of Fine Arts, University College London, 1999-2004 Postgraduiertenstudium Medienkunst/Film, Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

Karina Nimmerfall, The Glass House (Modern Contemporary), 2010, Mixed Media Installation, Installationsansicht, Foto: Kunsthalle Mainz

Mit ganz anderen Vorurteilen beschäftigt sich Karina Nimmerfall, deren “Glas House” die Interdependenz von Architektur und medialer Beachtung im wahrsten Sinn durchleuchtet. Während die kastenförmige, schnörkellose Architektur des Bauhauses bei uns als fortschrittlich, modern, ja sogar als demokratisch gefeiert wurde, ist es gerade dieser Bautyp, der nach Nimmerfalls Recherchen in zahlreichen Filmen die Kulisse für kriminelle Handlungen gab. Villen der gefeierten Architekten Philipp Johnson und Richard Neutra wurden so zum Hort des Bösen.

Karina Nimmerfall: Projektstipendium des Landes Rheinland-Pfalz. 1971 geboren in Deggendorf. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin. 1990–1995 Studium der Kunstgeschichte an der Universität Wien, 1996–2001 Studium der Freien Kunst an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

Rebecca Ann Tess, Missing Image # 1 (From the Green Belt), 2010, Digital C-print, courtesy Rebecca Ann Tess und Figge von Rosen Galerie, Foto: Kunsthalle Mainz

Das Böse lauert auch in der Fotoreihe von Rebecca Ann Tess. Oder? Zu sehen ist es jedenfalls nicht. Denn nur wenige Stellen der Bilder sind ausgeleuchtet, der Rest liegt im Dunkeln und entzieht sich der Kontrolle. Dargestellt sind Jugendliche, die sich nachts zum “Cruisen” im Park und am Flussufer treffen. Posen, die auf sexuelle Bereitschaft schliessen lassen, erhöhen das Interesse des Betrachters, mehr sehen zu wollen. Doch vieles bleibt im Dunkeln und nährt den Verdacht, dass im Schattenreich jenseits der Norm agiert wird.

Rebecca Ann Tess: Balmoral Stipendium für Residency Unlimited und Flux Factory, New York. 1980 geboren in Annweiler. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. 2002-2007 Studium der Bildenden Kunst, Universität der Künste Berlin, 2004-2005 Studium der Bildenden Kunst, Chelsea College of Art and Design London, 2006 Gaststudium MFA Visual Arts Program, Columbia University New York City, 2007-2009 Studium der Bildenden Kunst, HfBK Städelschule Frankfurt am Main.

Sabine Boehl, Keeping, 2010, Glasperlen auf Leinwand, Foto: Kunsthalle Mainz

Den Aspekt der Kunstfertigkeit thematisiert Sabine Boehl in ihrem Werk “Keeping”, und sie stemmt sich gegen die weit verbreitete Meinung, die “Können” und “schön” in den Bereich Handwerk und Design verbannte. Aus winzigen Glasperlen, die sie auf die Leinwand stickt, entstehen Figuren und geometrische Figurationen, die an arabisch-islamische Ornamente erinnern.

Sabine Boehl: Anwesenheitsstipendium Künstlerhaus Schloss Balmoral. 1974 geboren in Darmstadt. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Düsseldorf. 1995-1999 Hochschule für Gestaltung, Offenbach, 1999-2003 Kunstakademie Düsseldorf bei Professoren Gerhard Merz und Daniel Buren, 2003 Meisterschülerin von Gerhard Merz.

Zhu Hong, Le génie des arts, 2010, Öl auf Leinwand, Foto: Kunsthalle Mainz.

Fides Becker, Wandmalerei (Vor Ort-Malerei), Foto: Vera Mohr

Auf “Vergangenes” beziehen sich auch die Werke von Zhu Hong und Fides Becker. “Le génie des arts” greift das Kopieren alter Meister auf, das als Lehrfach an Kunstschulen noch heute in Asien grosse Tradition hat, und verfremdet seine Motive, die wie überdimensionierte verpixelte Fotoausschnitte daherkommen. Während die Wandmalereien von Becker an Architekturskizzen erinnern, mit denen Auftraggebern das Geld für zukünftige Bauten aus der Tasche gelockt werden sollte, damals vor der Computeranimation. So richtige “Eyecatcher” in ihrer Farbigkeit.

Zhu Hong: Austauschstipendium des Landes Rheinland-Pfalz mit Burgund. 1975 geboren in Shanghai. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Dijon. 1993-1997 Shanghai University Fine Arts College, Spezialisierung auf Ölmalerei, Bachelor of Art, 2004-2007 Ecole Nationale Supérieure d’Art (ENSA) de Dijon, Diplôme National Supérieur d’Expression Plastique.

Fides Becker: Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz für die Cité Internationale des Arts, Paris. 1962 geboren in Worms. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. 1981-1985 Studium an der Städelschule, Frankfurt am Main, 1985-1988 Studium an der Academie voor Beeldende Kunsten, Rotterdam, 1986-1989 Studium an der Hochschule der Künste, Berlin, 1985-1996 Rotterdam, seit 1996 wieder in Frankfurt am Main.

Heike Bollig, Ohne Titel, 2011, Kunststoff, Stahl, Emaille, Foto: Vera Mohr

Auf das Hier und Heute reagieren dagegen die Werke von Heike Bollig, die der Abfallgesellschaft die Rohstoffe für ihre Installationen abgewinnt. Eine auf Ampel getrimmte Skulptur entpuppt sich als Halter für ausrangierte Deckel von Kochtöpfen.

Heike Bollig: Anwesenheitsstipendium Künstlerhaus Schloss Balmoral. 1973 geboren in Karlsruhe. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin. 1994-1997 Ausbildung zur Holzbildhauerin an der Berufsfachschule in Berchtesgaden, 1997–2004 Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste, München, 2001–2002 Studium der Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

Verónica Aguilera, Parkplatz, Parken auf eigene Gefahr, 2010-2011, Installation im Aussenraum, Farbausdruck, Ausschnitt Dokumentation, Foto: Kunsthalle Mainz

Wie einfach es sein kann, bestehende Systeme zu verändern und das Verhalten von Mitmenschen zu beeinflussen, demonstriert Verónica Aquilera. Sie traut sich und malt Linien auf einen verwilderten Parkplatz. Und, was passiert? Ab jetzt stehen die parkenden Autos in Reih’ und Glied.

Verónica Aguilera: Anwesenheitsstipendium des Künstlerhauses Schloss Balmoral. 1976 geboren in Barcelona. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Barcelona. 1999 Kunststudium an der Universität Barcelona, 2000 Aufbaustudium der Experimentellen Raumkonzepte bei Professor Heiner Blum an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, seit 2007 Ph. D. Studies, Doktorarbeit an der Universität von Barcelona.

Ausser den genannten Künstlerinnen sind Susanne Bürner, Nicky Coutts, Michael Heym, Sebastian Meschenmoser, Johanna Reich und Denise Ritter an der Ausstellung beteiligt.

Ausstellung “km 500 4″ in der Kunsthalle Mainz, bis 15. Januar 2012

 

Wohin mit dem Herbstlaub?

Dienstag, 29. November 2011

Holzhausen- / Ecke Klettenbergstrasse (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Auf de’ schwäb’sche Eisebahne …

Montag, 28. November 2011

Schtuagart, Ulm und Biberach, Mekkabeure, Durlesbach …

Nach der Volksabstimmung: hier geht’s zum unvergessenen Willy Reichert

Stuttgart 21, Volksabstimmung, toll!

Sonntag, 27. November 2011

Behörden-Deutsch ist schrecklich.
Juristen-Deutsch ist noch schrecklicher.

Der GAU (Grösster Anzunehmender Unfall) passiert, wenn Behörden- und Juristen-Deutsch zusammentreffen.

So geschieht es bei der Volksabstimmung über “Stuttgart 21″. Hier einer der Stimmzettel:

Ein Kreuz mit dem Kreuz! Wo macht nun sein Kreuz, wer gegen “Stuttgart 21″ ist? Gute Frage, meinen Sie? Meinen wir auch! Könnten wir uns wirklich trauen, irgendwo ein Kreuzchen zu machen, ohne zuvor einen Blick in das “Gesetz über die Ausübung von Kündigungsrechten bei den vertraglichen Vereinbarungen für das Bahnprojekt Stuttgart 21 (S 21-Kündigungsgesetz)” zu werfen? Aber meinen Sie denn, liebe Leserinnen und Leser, Sie könnten dieses Gesetz wirklich “lesen”, also verstehen?

Vorbildlich dagegen: Sudanesischer Stimmzettel zur Volksbefragung 2011:

(Bildnachweis: gulfnews.com/wikimedia commons cc)

Oder unser Vorschlag (nicht nur für Modelleisenbahnfreundinnen und -freunde): Einfach ein Bildchen mit Grün- und Rotstift in die Wahlkabine legen:

(Bildnachweis: Ellywa/wikimedia commons GFDL)

 

Deutscher Theaterpreis DER FAUST 2011

Freitag, 25. November 2011

Glanzvolle Festveranstaltung in der Oper Frankfurt

Text:   Renate Feyerbacher
Fotos: Renate Feyerbacher (11), © Mirjam Wählen / Schauspiel Frankfurt (2)

Die deutsche Theaterlandschaft ist einzigartig in der Welt. Nirgendwo werden so viele Bühnen bespielt. Aber sie ist auch gefährdet, weil kleineren und freien Theatern das Geld fehlt und sie von Schliessung bedroht sind.

Erst seit 2006 gibt es den Theaterpreis DER FAUST, der jenen Künstlerinnen und Künstlern verliehen wird, die in der vergangenen Spielzeit mit herausragenden Leistungen auf sich aufmerksam machten. Über 500 Vorschläge der deutschen Theater gab es, 24 Künstler vom Star bis zum Newcomer wurden nominiert, 20 Bühnen vom kleinen freien Theater bis zum weltberühmten Staatsballett gehörten dazu.

Die Theater schlagen vor. Es ist also ein Preis für ihre Künstlerinnen und Künstler. Jedoch darf es keine eigene Produktion  sein. Jeweils drei Kandidaten für die acht Kategorien wählt die Jury, Intendanten, Ballettdirektoren, Regisseure und andere Theaterschaffende, aus. Schliesslich stimmen die Mitglieder der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste über die Vorschläge schriftlich ab.

Veranstalter der Preisverleihung am 5. November 2011 in der Oper Frankfurt waren der Deutsche Bühnenverein, die Kulturstiftung der Länder, die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste sowie das Land Hessen.

Oper Frankfurt nach der Preisverleihung des FAUST(Foto: Renate Feyerbacher)

Die hessischen Nominierten

Allein aus Hessen kamen sechs Nominierte. Es waren die Schauspielerinnen Bettina Hoppe für ihre Rolle als Cäcilie in Goethes “Stella” (Regie Andreas Kriegenburg) und Valery Tscheplanowa für ihre Darstellung der Maria Stuart im gleichnamigen Stück von Schiller (Regie Michael Thalheimer). Beide sind Ensemblemitglieder am Schauspiel Frankfurt. Es war schade, dass zwei so hervorragende Schauspielerinnen miteinander konkurrieren mussten.

Bettina Hoppe (Foto: Schauspiel Frankfurt, © Mirjam Wählen)

Valery Tscheplanowa (Foto: Schauspiel Frankfurt, © Mirjam Wählen)

Nominiert war die Sängerin Claudia Barainsky für die Titelpartie in “Medea” von Aribert Reimann an der Oper Frankfurt.

Die Choreografin, Direktorin des Tanztheaters am Staatstheater Darmstadt, Mei Hong Lin, war nominiert für “Die Brautschminkerin”. Die Choreografien der Taiwanesin sind von eindrucksvoller Aussagekraft und haben gesellschaftkritischen Bezug. Für die Inszenierung und Choreografie der Lorca-Oper “Ainadamar” 2008 von Osvaldo Golijov erhielt sie den Grammy Award. Eine aufwühlende, mahnende Produktion.

Stephan Thoss und Giuseppe Spota

Nominiert, aber diesmal nicht ausgezeichnet, wohl aber bereits FAUST-Preisträger 2007, war der Choreograf Stephan Thoss, seit vier Jahren Ballettdirektor am Wiesbadener Theater, der “Blaubarts Geheimnis” choreografierte. Der 46jährige Leipziger gehört schon seit Jahren zu den bedeutendsten Choreografen Deutschlands.

Zu den hessischen Nominierten zählt auch Giuseppe Spota.  Er tanzt den Blaubart in der Thoss-Choreografie.

Acht der zehn Ausgezeichneten

Die Preisträger

Der Deutsche Theaterpreis ist undotiert. Die Preisvergabe erfolgt in acht Kategorien. Das sind:

1. Regie Schauspiel: Preisträger Regisseur Stephan Kimmig, Deutsches Theater Berlin für “Kinder der Sonne” von Maxim Gorki

Auch ich war begeistert von dieser konzentrierten, klaren Inszenierung, die der Regisseur mit einem grossartigen Ensemble verwirklichen konnte. Dazu gehörten unter anderem Nina Hoss, Ulrich Matthes und die damals schwangere Katharina Schüttler.

Stephan Kimmig

2. Darstellerin/Darsteller Schauspiel: Preisträger Martin Wuttke, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin für seine Darstellung des Dr. J. Duval in “Schmeiss Dein Ego weg” von René Pollesch.

Gegen Wuttke, als Tatort-Kommissar dem Fernsehpublikum bekannt, hatten die beiden Frankfurter Schauspielerinnen keine Chance. Die eigenartige Komik dieses Vollblut-Akteurs, die mich schon in Bertolt Brechts 1941 geschriebenem Stück “Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui” 1995 am Berliner Ensemble faszinierte, wurde zu Recht ausgezeichnet.

Martin Wuttke mit Filmschauspielerin Hannelore Elsner

“Mit anarchischer Energie und groteskem Slapstick pflügt Wuttke durch den Text: Ein hysterisch fuchtelnder Verrückter, dem im Eifer die Stimme verrutscht”, heisst es im Nominierungs-Text. “Schmeiss Dein Ego weg” ist ein typisches Pollesch’sches “Diskurs-Gebrabbel”, für das Wuttkes “Verrücktheit” genau passt. “Mut zum Irrsinn” ist die Parole. Bei Jacques Duval geht es um einen Typ, der nach 200 Jahren aus der Gefriertruhe steigt.

3. Regie Musiktheater: Preisträger Benedikt von Peter, Staatsoper Hannover für “Intolleranza 1960″ von Luigi Nono.

Dem Regisseur, so die Jury, ist die kühnsten je gesehenen “Intolleranza”-Aufführungen gelungen. “Unversehens wird spürbar, dass nichts von dem, was Nono thematisiert, historisch erledigt ist.” Es geht um Gefangenschaft, Folter, Unterdrückung.

4. Sängerdarstellerin/Sängerdarsteller Musiktheater: Preisträgerin Claudia Barainsky, Oper Frankfurt / Koproduktion Wiener Staatsoper für “Medea” von Aribert Reimann.

Die Oper hatte in der letzten Saison Premiere in Frankfurt. Die Uraufführung am 28. Februar 2010 in der Wiener Staatsoper wurde im Radio live übertragen. Musik und Interpretation elektrisierten. Das Wiener Publikum feierte den Komponisten und die Sängerin der Titelpartie stürmisch.

In Frankfurt wagte sich Claudia Barainsky an diese Rolle. Die international gefeierte Sopranistin, als “Sängerin des Jahres” 2007 und mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, präsentierte eine “interpretatorische Leistung von bemerkenswerter Intelligenz und Eigenständigkeit”. Beeindruckend, wie sie diese musikalisch schwierige Rolle – Reimann fordert mit einer kunstvollen Koloraturpartie heraus – auch schauspielerisch meisterte, den Schmerz der verzweifelten Mutter, die ihre Kinder zurücklassen soll, weil sie, die Fremde,  das Land verlassen muss. Von vokaler Subtilität, von filigraner Feinnervigkeit der Stimmführung ist die Rede. Zu Recht wurde die gebürtige Berlinerin mit dem Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet.

Claudia Barainsky

5. Choreografie: Preisträger Christian Spuck, Theaterhaus Stuttgart Gauthier Dance / Koproduktion mit Les Théâtres de la Ville de Luxembourg und Kooperation mit dem Theater Bonn, der Schauburg München und Achtfeld Berlin.

Christian Spuck war bereits zum zweiten Mal für den FAUST nominiert. Diesmal erhielt er ihn. Claudio Monteverdis Werk “L’incoronazione di Poppea” (Die Krönung der Poppea) ist eine Oper und kein Tanzstück. Der Choreograf verwandelte das Werk in ein tänzerisches Experiment. Es gelang ihm, “Poppea //Poppea” in Stuttgart, wie der kleine Filmausschnitt am Verleihungsabend zeigte, “wirkungsmächtig schlicht wie effektvoll und affektgeladen, eben schonungslos emotional” zu realisieren.

6.  Darstellerin/Darsteller Tanz: Preisträger  Guiseppe Spota, Hessisches Staatstheater Wiesbaden, für seine Darstellung des Blaubart in “Blaubarts Geheimnis” – Musik Henryk Górecki und Philip Glass.

Für diese Darstellung hatte Spota bereits beim 25. Internationalen Choreografen-Wettbewerb in Hannover den 2. Preis erhalten. Der junge Süditaliener, der in einem Zeitungsinterview erzählt, er habe heimlich zum Ballettunterricht gehen müssen, hat in Stuttgart seine ersten Erfolge verbuchen können. Seit einem Jahr gehört er zum Ensemble des Staatstheaters in Wiesbaden, wo er vom Publikum gefeiert wird.

Giuseppe Spota mit Preis

Spota gelingt es, die vielschichtigen Ebenen von Blaubarts Persönlichkeit zu verkörpern – “eine extreme Entwicklung, die Spota in makelloser Technik und zarter Eleganz vollendet” (Nomierungs-Text). Am Ende schleppt sich der blutrünstige Schlossherr, der die Freundinnen tötet, nur Judith nicht, die sein Geheimnis lüftet, aber nicht aufgibt, zu ihr. Aus dem “harten Brocken” ist alle Überlegenheit gewichen.

7.  Regie Kinder- und Jugendtheater: Preisträger Neco Çelik, Junge Oper Stuttgart, für “Gegen die Wand” von Fatih Akin (gleichnamiger Film), Musik: Ludger Vollmers.

Dem Berliner Regisseur mit türkischen Wurzeln ist es gelungen, den gleichnamigen Film in Musiktheater umzusetzen, “weil Inhalt und Ästhetik sinnfällig zusammenwirken und die Oper hier eine Geschichte aus dem Deutschland von heute erzählt.”

8.   Ausstattung Kostüm/Bühne: Preisträger Johannes Schütz, Schauspiel Köln Bühne und Kostüme, für “Das Werk / Im Bus / Ein Sturz” von Elfriede Jelinek.

Faszinierend, was da in dem kleinen Filmspot zu Jelineks Drei-Stücke-Abend – inszeniert von der mehrfach ausgezeichneten Regisseurin und Kölner Intendantin Karin Beier, die nach der Spielzeit 2012/2013 Chefin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg wird – zu sehen war. Zunächst ist die Ausstattung unspektakulär, dann wird es turbulent mit dem Presslufthammer, um schliesslich im ständig rieselnden Sand- und Wasserbad zu enden. “Schütz ist wahrlich nicht der erste, der das Wasser auf die Bühne bringt – doch selten verband es sich so organisch und sinnvoll mit dem Spiel”.

In Jelineks Stück “Ein Sturz” werden die Verantwortlichkeiten für den Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 belangt. Diese Produktion wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Johannes Schütz, der Bühnenbildner des verstorbenen Regisseurs Jürgen Gosch, der zu den bedeutendsten seines Fachs gehört, der viele internationale Auszeichnungen erhielt, bedankte sich schriftlich, weil er im Ausland weilte.

Zwei Sonderpreise wurden noch vergeben:

Stehend applaudierten die Gäste bei der FAUST-Preisverleihung minutenlang dem Regisseur Wolfgang Engel, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Wolfgang Engel

1943 in Schwerin geboren, 1962 Abitur, aber zunächst ohne Studienplatz, begann als Bühnenarbeiter am Theater seiner Geburtsstadt. Das Theater liess ihn nicht mehr los. Ein Weg vom Schauspieler zum Regisseur zunächst an kleineren Bühnen, dann Dresdner Staatsschauspiel, nach der sogenannten Wende Schauspiel Frankfurt am Main unter der Intendanz von Peter Eschberg, komplizierte Jahre für ihn, und schliesslich von 1995 bis 2008 Intendant am Leipziger Stadttheater. Und er arbeitet immer noch an allen deutschen Bühnen. Furore machte er mit der Bühnenfassung von Uwe Tellkamps DDR-Roman “Der Turm” im September 2010 in Dresden. Es war seine 100. Inszenierung.

“Immer neu und immer aufrecht”, so ist Wolfgang Engels Lebenswerk überschrieben. Seine Stärke war und ist es, aktuelle Bezüge herauszufinden. Im Oktober 1989, als sich die Situation in der DDR zuspitzt, geht er mit Theatermachern in Dresden auf die Strasse: “Meinungsfreiheit, Demonstrationsrecht, Versammlungsfreiheit”, so der Text ihres Spruchbandes. Die aktuelle Probenarbeit zu “Faust” wurde abgebrochen, weil es Wichtigeres zu tun gab.

Erika Fischer-Lichte

Der Präsident des Bühnenvereins vergibt den FAUST- Theaterpreis für Leistungen, die im Theater herausragende Bedeutung haben.

Erika Fischer-Lichte wurde ausgezeichnet. Sie studierte in den 1960er Jahren an der Freien Universität Berlin Theaterwissenschaft, Germanistik, Slawistik – in diesem Fach wurde sie promoviert – und noch andere Fächer. 1973 wurde sie Professorin am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Frankfurter Universität, dreizehn Jahre später übernahm sie einen Lehrstuhl in Bayreuth, fünf Jahre später wurde sie Direktorin des Instituts für Theaterwissenschaften an der Mainzer Universität. Seit 1996 hat sie diese Aufgabe an der Freien Universität Berlin inne. Aber damit nicht genug. International ist sie auch aktiv und schreibt dicke Bücher über das Theater.

Über ihre Berliner Studienzeit im Fach Theaterwissenschaft sagt sie “… das war grauenvoll. Es gab keine vernünftigen Methoden. Die einen haben Anekdoten erzählt, andere mit dummem Geschwätz bramabasiert; es gab höchstens ein wenig positivistische Theatergeschichte: Man sammelte Fakten und vergass die  wichtigsten.”

So habe ich es in meinem Studium an der Kölner Universität auch empfunden. Da gab es zu viel Anekdotisches. Erika Fischer-Lichte betont auch die politische Belastung damaliger Professoren wie Heinz Kindermann in Wien und Hans Knudsen in Berlin, die einst überzeugte Nazis waren.

Es ist ihr Verdienst, die Theaterwissenschaft als Wissenschaft etabliert zu haben. “Es ist kein kleines Orchideenfach mehr … Theaterwissenschaft ist per definitionem ein interdisziplinäres Fach”. Schauspielkunst, Literatur, Musik, Fragen des Raumes, der Bildenden Kunst gehören dazu. Sie ist “keine intellektuelle Totengräberin des Theaters” (Professor Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins).

Ein grandioser Moderator war Michael Quast, der das Bühnenbild (Jens Kilian) der aktuellen “Siegfried”- Inszenierung (Vera Nemirova) mit einbezog: mal schreitend, mal turnend, gelegentlich unterstützt vom Salontanzorchester. “Deutscher geht es nicht.”

Berühmte Namen auch unter den Laudatorinnen und Laudatoren: Die Theater- und Filmschauspielerin Patrycia Ziolkowska – unter anderem Kriemhild in der Kölner “Nibelungen”-Inszenierung, Nominierung für den FAUST, Lotte in Fatih Akins preisgekröntem Film “Auf der anderen Seite” – für Stephan Kimmig.

Der Theaterschauspieler, Comedystar und Tatort-Kommissar Matthias Matschke – für Martin Wuttke.

Die weltberühmte Sopranistin Christine Schäfer, eine Frankfurterin, die an der hiesigen Oper die Lucia sang, “Sängerin des Jahres”, auf allen internationalen Bühnen präsent -  für Benedikt von Peter.

Brigitte Fassbaender

Brigitte Fassbaender, eine der bedeutendsten Mezzosopranistinnen des 20. Jahrhunderts, ab 1995 Intendantin in Braunschweig, Innsbruck, Professorin. Hoch dekoriert mit dem “Pour le Mérite” und dem Bundesverdienstkreuz – für Claudia Barainsky.

Christopher Roman, Mitglied der Forsythe Company, Choreograf, selbst FAUST-Preisträger 2009 – für Christian Spuck.

Die Filmschauspielerin Karoline Herfurth, unter anderem Mirabellenmädchen in Tom Tykwers Film “Das Parfüm”, als Lilli in Caroline Links Familiendrama “Im Winter ein Jahr” -  für Giuseppe Spota.

Volker Ludwig

Volker Ludwig, der das Jugendtheater in den 1970ern wie kein anderer prägte, der das legendäre Grips Theater in Berlin gründete, der als Texter für “Sesamstrasse”, für “Scheibenwischer” und vielem anderen arbeitete – für Neco Çelik.

In Hans-Christian Schmids Film “Requiem” spielte Sandra Hüller eine an Epilepsie leidende junge Frau, die sich selbst vom Teufel besessen glaubt. Sie hielt die Laudatio für – Johannes Schütz.

Der Publizist, Herausgeber, emeritierte Professor für Literaturwissenschaft und Heiner Müllers Privatbibliothek verwaltende Frank Hörnigk – für Wolfgang Engel.

Last not least Klaus Zehelein, Theatermann, unter anderem von 1991 bis 2006 Intendant der Staatsoper Stuttgart, Professor, jetzt Präsident des Deutschen Bühnenvereins – für Erika Fischer-Lichte.

Danach wurde gefeiert.