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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Oktober, 2011

Tamara Grcic: “outside-here” auf dem Frankfurter Rossmarkt

Sonntag, 30. Oktober 2011

Tristesse und Stadtverschandelung haben in Frankfurt am Main einen Namen: Rossmarkt, Goetheplatz, Rathenauplatz. Besonders der Rossmarkt: Man achtet diesen Platz nicht beim hastigen Überqueren, man richtet den Blick auf das rettende Ufer, damit einen nicht die Krise packt und der heilige Zorn übermannt. Als Frankfurter schämt man sich vor auswärtigen Besuchern dafür, dass gestalterische und geschmackliche Inkompetenz der damals Planenden und Handelnden das Gutenberg-Denkmal in solch einer Basaltwüste, “designt” wohl einzig für das mühelose Befahren mit der Kehrmaschine, seinem Schicksal überliess. Und wir bedauerten den grossartigen Künstler Tomás Saraceno, der es auf sich nahm, im Dezember 2010 als erster diesen Platz mit einer Skulptur zu “bespielen”.

Der totbasaltierte Frankfurter Rossmarkt, im Sommer zu heiss, im Winter zu kalt, öde, leer, trostlos und von allen guten Geistern verlassen, da konnte auch Tomás Saracenos Skulptur “Cloud Cities/Air-Port-City” nicht helfen

Tomás Saracenos – an der Situation unschuldiger – Skulptur haftete jenes Stigma an, das allzu oft “Kunst am Bau” und “Kunst im öffentlichen Raum” – verurteilt zur Erträglichmachung bedeutungsloser oder vermurkster Architektenhervorbringungen – kennzeichnet. Niklas Maaks Analyse vom 6. Januar 2011 in der FAZ hat dies schonungslos wie überzeugend dargelegt.

Tamara Grcic: “outside-here” auf dem Frankfurter Rossmarkt

Nun aber spricht einiges dafür, dass der zweiten “Bespielung” des unsäglichen Platzes ein besseres Schicksal beschieden ist. Die bekannte wie renommierte Frankfurter Künstlerin Tamara Grcic scheut nicht den “Ritt über den Bodensee”, nimmt sich der Zumutung und Herausforderung an und fährt eine Installation – oder vielleicht besser gesagt eine Intervention – mit dem Titel “outside-here” in der Nähe des Gutenberg-Denkmals auf den Ort der Trostlosigkeit auf, die aufschauen und ebenso aufhören lässt.

Das fing schon recht vielversprechend damit an, dass das verdächtig erscheinende Wohnwagengespann in der Fussgängerzone – ein älterer Mercedes-Kombi der Baureihe 124 nebst einem ebenso in die Jahre gekommenen doppelachsigen Wilk-Trailer, beide ohne amtliche Kennzeichen, der Zugwagen überdies mit  hässlichem Loch, wo als Kühlerfigur der Stern prangen sollte – am Aufstellungs- und Eröffnungstag rund zehn Mal den Unmut der Frankfurter Polizei hervorrief, wie Kuratorin Juliane von Herz augenzwinkernd bemerkte. Und schon vor der feierlichen Eröffnung des Ereignisses durch Frankfurts Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth näherten sich zahlreiche Neugierige dem Wohnwagen, der mit seinen vier riesigen, sich alsbald als Lautsprecher entpuppenden trichterförmigen Öffnungen so gar nicht dem gleicht, was man sich unter einem normalen Wohnwagen vorstellt.

Die Neugier, die Erwartungshaltung sind gross: Mag da vielleicht etwas aus dem Lautsprecher herausflattern? Wohl kaum, aber zu hören gibt es Erstaunliches!

Tamara Grcic vor einem der vier Lautsprecher

Kulturdezernent Felix Semmelroth eröffnet “outside-here”

Was  nun verkünden uns diese Lautsprecher? Was sind das für Botschaften, die über den Platz hastende Menschen zum Zuhören, zum Innehalten bewegen sollen? Nun, es ist das Ticken von Uhren, in Beständigkeit und unbeirrbarer Konsequenz, denn die soeben noch “gehörte” Sekunde ist bereits verstrichen, wird niemals wiederkehren. Es ist die Besinnung auf das vielleicht Kostbarste, was wir Menschen besitzen: die Zeit.

Es spricht uns stets in besonderer Weise an, wenn sich Künstlerinnen und Künstler mit dem Phänomen Zeit beschäftigen, wenn sie Zeit zu erfassen und zu visualisieren versuchen, wenn sie den Ablauf von Zeit bewusst und erlebbar machen, wenn sie uns Zeit-Zeichen setzen in einer rastlosen Welt.

Zeit vor den Frankfurter Bankentürmen, in denen im Computerhandel in der soeben vergangenen Sekunde Millionen-, wahrscheinlich Milliardenbeträge rund um den Globus gejagt wurden, zum Profit der einen, zum Ruin der anderen.

Stehenbleiben, Hören, den Blick ruhen lassen, warum nicht auch auf den Hunderten und Tausenden der absatzgrossen Pflastersteine des Platzes, ihrem Bogenverlauf folgen. Wieviel an Frankfurter Geschichte und Geschichten mögen unter ihnen verborgen sein?

Im kleinen dahinfliessenden Sekunden-Ticken das grosse Raster finden, den Orientierung gebenden Stundenschlag: Von 8.00 bis 20.00 Uhr ertönt zum Ticken der Uhren jeweils zur vollen Stunde eine Klangkomposition, in ihrer zeitlichen Dauer aufsteigend bis zu über sechs Minuten um 19.00 Uhr. Auch Zinken und Trompeten, die uralten Musikinstrumente, kommen zum Einsatz. Wie werden sich diese Klänge zu den Stundenschlägen der Kirchturmuhren ringsum verhalten?

Das Werk “outside-here” wird sich im Lauf der sechsmonatigen Ausstellungszeit auf dem Rossmarkt fortbewegen und sich in seiner räumlichen und klanglichen Situation verändern. Im Fenster des Wohnwagens wechselt das ankündigende Programm. Kein Zweifel: Es macht uns neugierig. Wir werden den ungeliebten Platz des öfteren aufsuchen, werden schauen und hören, was sich dort ereignet. Wird es uns gar zu neuen An- und Einsichten führen?

Nun sind Tomás Saraceno und Tamara Grcic nicht von ungefähr auf den Frankfurter Rossmarkt gekommen: Da gibt es, unter der Leitung von Juliane von Herz, das Skulpturenprojekt namens ROSSMARKT³ – “Rossmarkt hoch drei”; drei deshalb, weil sich zum Gutenberg- und zum Goethe-Denkmal jeweils für einen befristeten Zeitraum ein wechselndes drittes hinzugesellen soll. Das ambitionierte Unterfangen wird von der Stadt Frankfurt und prominenten Sponsoren wie der Stiftung Polytechnische Gesellschaft unterstützt. Das Besondere dabei: Eine Gruppe von Frankfurter Schülerinnen und Schülern gymnasialer Oberstufen bildet die Jury zur Auswahl des jeweiligen Künstlers, begleitet von einem Expertengremium aus den Bereichen Kunst, Architektur und Städtebau.

ROSSMARKT³-Projektleiterin und Kuratorin Juliane von Herz

“Partizipation sei der tragende Gedanke des modellhaften Projektes”, so heisst es vielversprechend, und die Mitglieder der Auswahljury seien “Repräsentanten der gesamten Bürgerschaft und des Bürgerwillens”. Schön und gut und aller Anerkennung wert, aber warum erst jetzt, wo das Kind längst im Brunnen liegt, und nicht bereits zuvor? Mag der “nach der letzten bürgerfernen Umgestaltung … völlig entleerte, steinige Platz” (Zitate ROSSMARKT³) jenseits seiner auch kommerziellen Nutzung dank solcher Initiativen durchaus zu einer Art Bühne für Kunst und Kultur werden. Doch schauen wir genauer hin und sehen: mehr oder weniger ein Feigenblatt nur für vorangegangene städtebauliche Verfehlungen der bösen Art im Herzen Frankfurts. Denn solche Einsichten kommen spät, viel zu spät. ROSSMARKT³ rettet den Rossmarkt nicht; nur eine weitgehende Umgestaltung könnte solches erreichen.

Tamara Grcic

Tamara Grcic, 1964 in München geboren, studierte zunächst in Wien Kunstgeschichte und anschliessend bis 1988 Kulturanthropologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 1988 bis 1993 folgte ein Studium an der Städelschule. Im Zentrum ihrer Arbeiten stehen Fotografie, Filme und Video sowie Installationen. Grcic stellte vielfach aus und erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderen den begehrten Maria Sibylla Merian-Preis und den Kunstpreis der 1822-Stiftung. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

(Installation © Tamara Grcic; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

 

Zeitgenossen / 5

Samstag, 29. Oktober 2011

Bonsai-Karl, © habust

FeuilletonFrankfurt ist international

Freitag, 28. Oktober 2011

FeuilletonFrankfurt freut sich:

über seine Internationalität!

Rund 80 % der Einschaltungen kommen aus Deutschland, rund 8 % aus den USA, 4 % aus Österreich, 3 % aus der Schweiz und 1 % aus Grossbritannien. 87 andere Länder machen zusammen rund 4 % aus, an der Spitze Russland und Frankreich.

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Biennale Arte Venedig 2011 (9): “Gloria” von Allora & Calzadilla

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Auch sie ein ultimativer Hingucker der diesjährigen Biennale in Venedig: die mehrteilige Installation im und vor dem Pavillon der Vereinigten Staaten von Amerika, jenem 1930 in einem “Presidential”-Stil errichteten Gebäude in den Giardini pubblici, mit repräsentativ-antikisierendem Portikus und einer – wenn auch gegenüber dem Washingtoner Capitol verschwindend kleinen – Kuppel über der mittleren Rotunde.

Das Künstlerduo Allora & Calzadilla bespielt, mit eigens dafür entwickelten Arbeiten, den US-amerikanischen Pavillon in diesem Jahr, organisiert, will sagen kuratiert vom Indianapolis Museum of Art.

Jennifer Allora, 1974 in Philadelphia geboren, erwarb an der University of Richmond den Bachelor of Arts und am Massachusetts Institute of Technology den Master of Science. Guillermo Calzadilla wurde 1971 in Havanna geboren. Er beendete sein Studium an der Escuela de Artes Plásticas in San Juan, Puerto Rico, mit dem Bachelor of Fine Arts. Anschliessend studierte er am Bard College in Annandale-on-Hudson, New York, mit dem Abschluss Master of Fine Arts.

Die beiden Künstler, die sich in Florenz kennenlernten, leben und arbeiten seit 1995 in San Juan. Ihre Werke befinden sich unter anderem im New Yorker Museum of Modern Art (MOMA), der Tate Modern in London und im Pariser Centre Georges Pompidou.

Allora & Calzadilla warten auf dem Freigelände vor dem Pavillon sowie in dessen Rotunde und Galerien mit einer insgesamt sechsteiligen Installation auf, in der sich unter dem Titel “Gloria” Skulpturen, Performances, Video und akustische Elemente miteinander verbinden.

“Track and Field” – Leichtathletik – auf schwerem Gerät. Vor dem Repräsentationsportal ein umgedreht, wie der Kafka’sche Gregor-Samsa-Käfer hilflos auf dem Rücken liegender sandfarbener 60 Tonnen-Panzer; auf einer seiner beiden Ketten ein Laufband aus dem Sportstudio, auf dem zu festgelegten Zeiten bei ohrenbetäubend lärmendem Kettenantrieb ein Athlet läuft. Schwerter zu Pflugscharen – Panzer zu Fitnesstrainern? Rüstungs- zu Freizeitindustrie? Kriegsgerät lächerlich gemacht – Symbol auch und gerade für nicht gewinnbare Kriege, Vietnam, Irak, Afghanistan lassen grüssen.

“Track and Field”

In ähnlicher Weise kritisch die Arbeit “Armed Freedom Lying on a Sunbed”, mit der sich Allora & Calzadilla wiederum mit der US-amerikanischen Gesellschaft, ihrer patriotischen Symbolik und zugleich mit deren nationalem Auftritt auf der Biennale auseinandersetzen: Die Statue der “Freedom”, die die Kuppel über der Rotunde des Washingtoner Capitols – einer Stätte nationalen Rangs – bekrönt, liegt als eine auf rund ein Drittel verkleinerte Kopie in der Rotunde des Pavillons auf einer Sonnenbank! Wellness statt Frieden?

“Armed Freedom Lying on a Sunbed”

Und wieder treten Athletinnen und Athleten auf, die zu bestimmten Tageszeiten während der Dauer der Biennale den Zuschauern Gymnastisches wie Tänzerisches vorführen – balancierend auf nachgebautem, edel-konfortablem First- und Business Class-Gestühl für zahlungskräftige wie spesenfreudige Geschäftsreisende der American Airlines und der Delta Air Lines.

oben: “Body in Flight (American)”; unten: “Body in Flight (Delta)”; hier ohne die temporären Darbietungen

Und dann “Algorithm”: die zum Bankautomaten umgebaute – sprich garstig degenerierte – Klais-Orgel: Den Spieltisch mit Manualen, Pedal und Registerzügen hat das Künstlerpaar gegen einen Diebold ATM Bankomaten ausgetauscht; steckt man eine Kreditkarte hinein, entweicht hässliches Geräusch den Pfeiffen, und ein Zufallsgenerator bringt wirre Noten auf den Bildschirm. Kultur und Finanzwelt prallen aufeinander – unversönlich.

“Algorithm”

Das Indianapolis Museum of Art als Biennale-Kommissariat, vertreten durch dessen Senior-Kuratorin Lisa D. Freiman, hat für den US-Pavillon eine ungemein kritische künstlerische Arbeit nach Venedig gebracht, die sich mit der Dominanz von Kommerz und Finanzwirtschaft, mit Militärdoktrin und Grossmachtgebaren, mit den Zusammenhängen von Krieg und Wirtschaft, mit dem allgegenwärtigen Wettbewerbs- und Leistungsdenken, mit Hochleistungssport, Wellness und Körperkult, mit Patriotismus wie auch der Gefahr bedrohlichen Macht- und Bedeutungsverlustes in vehementer und schockierender Weise auseinandersetzt. Und zugleich mit dem Zusammenhang von Kunst, Politik und nationaler Identität und Repräsentation.

Installationskomplex “Gloria” © Allora & Calzadilla; Fotos der Ausstellungsansichten: FeuilletonFrankfurt

Die Biennale Arte di Venezia endet am
27. November 2011.


Sei, was du scheinen willst … (Sokrates)

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Alles ist ganz furchtbar

ein Kommentar von Hans-Burkhardt Steck
Rechtsanwalt und Dipl.-Soziologe

So geben wir mit leichter Hand
das letzte Hemd für Griechenland
(Angela Merkel)

Die Nation zankt sich. Allen voran die Politik. Griechenland ist überschuldet, und wir sollen es vor der – ja, vor was eigentlich “retten”. Doch wohl dafür, dass Banken und andere Gläubiger, die dem Land Geld geliehen haben, nicht alles zurückkriegen. Es geht im Ergebnis also wieder um Staatsknete an die Banken. Und wie soll man sich eine “Insolvenz Griechenlands” vorstellen? Alle Griechen ausweisen und ihr Land versteigern? Und was ist mit den anderen Ländern? Und was eigentlich mit uns, uns armen, bedauernswerten, immer benachteiligten, von der Natur verlassenen, isolierten, schlecht gemanagten Deutschen? Ist’s nicht ein Wunder, daß es uns noch gibt? Kiesinger sagte nur: Kina, Kina, Kina! Und Indien. Und Brasilien. Die werden uns alle überholen. Und Japan. Und Korea. Und die USA. Oh jemine, oh Jammer und Not! Alles ist ganz furchtbar.

Eins muss man allerdings, objektiv betrachtet, sagen: Als der liebe Gott die Reste vom Garten Eden verteilt hat, da haben die Germanen gleich dreimal “Hier!” geschrien. Noch lauter waren sie nur, als die Undankbarkeit verteilt wurde.

Zeig mir ein anderes Land, in dem zwar nur selten Zitronen blühn, in dem aber ansonsten einmalige Verhältnisse herrschen:

So gut wie alle Varianten von Wetter, Klima und Landschaft, die man sich nur wünschen kann. Von eigenen kleinen Meeresgestaden, noch dazu zweier Meere unterschiedlichsten Charakters, über Tiefebenen, Grund- und Endmoränen, riesige, glücklicherweise erloschene Vulkane und ein gewaltiges Binnenmeer bis hin zu himmelhohen und von ewigem Schnee bedeckten Alpengipfeln.

Bedeutende Bodenschätze, Eisenerz und Kohle satt, wenn’s auch jetzt bald alle ist, vor allem aber das Allerwichtigste: Süsswasser in Hülle und Fülle. Wunderschöne Flüsse, wie man sie zur Versorgung von 80 Millionen Menschen nicht besser planen könnte, die niemals trocken fallen und anständigerweise nur massvolle, weitgehend vorhersagbare Überschwemmungen produzieren.

Wald vom Urwald bis zur Fichtenplantage, Wiesen und Felder aller Art, Heide, Geest, Marsch, Watt, Moor, zahllose Gesteine und Böden, allen voran ein ungeheurer Schatz an nicht oder kaum erodierendem Mutterboden, der den Anbau fast jeglichen Grundnahrungsmittels erlaubt. Allein was wir in Wehrheim im Taunus im vergangenen Vierteljahrhundert erleben durften, von 25 Grad Minus bei meterhohen Schneewächten bis hin zu Wochen sengender Hitze ohne einen Tropfen Regens, dafür müssen andere Völkerschaften um die halbe Welt reisen.

Diese Ausstattung des Fleckchens Erde Mitteleuropa, von dem sich die Germanen den grössten Teil geschnappt und verständlicherweise gegen alle fremdländischen Eroberer vom Schlage Attila & Co. verteidigt haben, stellt einen dermassen gigantischen Wettbewerbsvorteil dar, dass der Erfindungsreichtum seiner Bewohner nicht weiter Wunder nimmt. Gutenbergs Buchdruck, Ottos und Diesels Motoren, Siemens’ Dynamo und Elektromotor, Lilienthals Segelflug, nach neuesten Erkenntnissen auch der erste Motorflug, Göbels Glühbirne, Philipp Reis’ Telefon, Otto Hahns (ja, ja, und Lise Meitners – aber muss man sich über diese Entdeckung freuen?) Kernspaltung, Konrad Zuses Computer, Gottlieb Daimlers und Carl Benz’ Auto sind nur die Highlights einer unglaublichen Fülle an Erfindungen, von denen die meisten dazu dienen, mit den Outdoor-Bedingungen klarzukommen oder sie zu nutzen. Ernährung, Obdach und Transport. Darum dreht sich das meiste. Und da haben wir – komplett für umsonst - den vermutlich weltgrössten Wettbewerbsvorteil: Wir können alle Erfindungen und Neuerungen sofort im eigenen Land unter allen denkbaren Bedingungen – ausser Erdbeben, Tsunami und Hurrikan – ausprobieren, noch dazu mit jeder Menge einschlägig erfahrener Mitbewohner, die nur darauf brennen, ihre Erkenntnisse und Einsichten zu verbreiten. Du hast eine neue Methode der Konservierung frisch gefangenen Fischs in der Pipeline? Angler jeder Fachrichtung, Fluss-, Binnen- und Hochseefischer, Werften mit Programmen vom Bodensee-Nachen bis zur schwimmenden Fischfabrik, Hersteller jeden nur erdenklichen Fischereibedarfs stehen Schlange, Dir zu helfen, Dich zu beraten und Deine tolle Erfindung zu testen. Selbst in Absonderlichkeiten wie Wankelmotor, Schneller Brüter, Hochtemperaturreaktor, BMW C 1 (der ulkige überdachte Roller von Wachtmeister Meier) wird noch jede Menge investiert.

Dazu kommt eine Sprache, die sich für Technik und Philosophie gleichermassen eignet und in ihrer englischen Version lingua franca der Welt geworden ist.

Diese ganzen schönen Dinge haben uns nicht daran gehindert, die entsetzlichsten Verbrechen zu begehen und die Welt in Schutt und Asche zu legen. Sie sind aber immer noch da und wettbewerbsbevorteilen uns nach Strich und Faden.

Allerdings gehört auch zu unseren Lebensverhältnissen, dass viele von uns wie die Irren arbeiten und an allen möglichen Zivilisationskrankheiten zugrundegehen (was dann wieder Pharmazie und Medizintechnik erblühen läßt).

Von den Römern haben wir den Wert von Recht und Organisation gelernt und halbwegs sogar verinnerlicht. Der Dank ist bekannt.

Natürlich führen diese zäh verteidigten Wettbewerbsvorteile zu einer irren Überproduktivität. Was wir wie im Rausch zuviel machen, wird gnadenlos und mit Begeisterung exportiert. In die ganze Welt. Und es funktioniert sogar. Ist ja daheim unter allen Bedingungen getestet worden.

Kurz: Wettbewerbsvorteil, Dein Name ist Deutschland. Der geht so weit, dass wir sogar Überlebens- und Nichtüberlebensklima haben. Man kann ja wohl vermuten, dass es für jedes Lebewesen einen Riesenunterschied macht, ob es die Nacht ohne Vorsorge lebend überstehen kann oder nicht. Einfach so im Freien schlafen – an vielen Tagen im Jahr ungefährlich nichts Besonderes in Mitteleuropa. An anderen Tagen beziehungsweise in den zugigen eisigen Winternächten absolut tödlich. Menschen erfrieren auf der Parkbank – wenige Monate später feiern sie die ganze Nacht durch im Garten und verschönern der Nachbarschaft die Nachtruhe.

Wenn eine Region einen derart irren Wettbewerbsvorteil hat – kann da ein gemeinsamer Wirtschaftsraum mit andersartigen, viel weniger beglückten Ländern gutgehen? Wie, zum Teufel, sollen diese Lebensverhältnisse auf Griechenland und ähnliche Länder übertragen werden? Und wenn es gelänge, wer soll denn dann die ungeheure Exportproduktion dieses Wirtschaftsraums kaufen und vor allen Dingen bezahlen? Und will der Südeuropäer sich überhaupt totarbeiten und am liebsten Fabriken und Kraftwerke sehen, wenn er die Augen aufschlägt?

(Bildnachweis: wikimedia commons)

Deutsch- und Griechenland haben nur eins gemeinsam: Beider Territorien spielen in der Champions League der Paradiese. Grade das ist aber der entscheidende Punkt.

Deutschland ist das Paradies der Werktätigen, Griechenland das der Untätigen. Nein, das ist zu gemein. Sagen wir das Paradies der Erholungsbedürftigen. Und wer ist nicht alles erholungsbedürftig!

Die Sonne strahlt vom azurblauen Himmel, die Luft ist seidig und voll Vogelsang, Wohlgerüche umschmeicheln dich, und Meer ist einfach überall. Kurz: In diesem herrlichen Land treibt dich die Natur in den Liegestuhl und nicht unbedingt an die Drehbank. Keiner weiss das besser als der Deutsche. Der reist genau deswegen dahin. Und zwar oft, gern und lang. Und da meckert er nicht über zuwenig Fabriken und Kraftwerke.

Die EWG fing mal mit Frankreich, Italien, Benelux und Westdeutschland an. Vom Mezzogiorno abgesehen, hätte das vielleicht irgendwann mal ein einheitlicher Wirtschaftsraum werden können, Aber die jetzige Eurozone könnte das nie und nimmer, schon die naturgegebenen Unterschiede sind viel zu gross.

Hinzu kommt ein weiteres:

Nach dem, was man so hört und liest, zahlen die reichen Griechen nur sehr mässig Steuern, obwohl die Gesetze anderes besagen. Es ist bislang nicht gelungen, daran was zu ändern, obwohl die Begleichung der Steuerschulden für die Sanierung der staatlichen Haushalte angeblich ausreichen würde. Also gehört “Die Reichen zahlen keine Steuern” zu den griechischen Lebensverhältnissen, ist geradezu Teil der griechischen Kultur (wie z. B. das unermüdliche Einsperren von Menschen Teil der US-Kultur ist).

Dass Staaten für die Schulden anderer Staaten bei Banken etc. einspringen, ist schlicht abwegig. Es kann nicht funktionieren, weil so was keine in der Natur der Sache liegenden Grenzen kennt. Schliesslich stammen unsere Milliarden dank der souveränen Finanzpolitk unserer Berliner Asse ja schon jetzt auch aus Neuverschuldung!

Wenn die Griechen in Not geraten, müssen wir ihnen helfen. Aber ist es Not, wenn man sich Geld leiht und nicht zurückzahlt? Da gerät doch eher der Darlehensgeber in Not. Und der hat sehenden Auges und auf eigenes Risiko gehandelt. Ist es nun gut oder schlecht, dass wir mit den Herrschaften Hellenen dieselbe Währung haben? Natürlich ist das ein grotesker Unfug von Anfang an gewesen. Eine gemeinsame Währung führt automatisch zu der Staatsaufgabe, in ihrem Geltungsbereich vergleichbare Lebensverhältnisse wenigstens anzustreben. Und das ist ein dermassen absurdes und lächerliches Ziel, dass man sich nur noch an den Kopf greifen kann.

Denn wie der Herr Kirchhof der Politik die wichtigsten Steuerungsinstrumente aus der Hand schlagen will, hat sich die Politik mit dem albernen Euro selbst entmannt und ohne Sinn und Verstand das wichtigste Mittel zur Linderung der Folgen unterschiedlicher wirtschaftlicher Entwicklungen aufgegeben – die Auf- und Abwertung. Angesichts der auseinanderstrebenden Entwicklungen in Deutsch- und Griechenland wäre die Drachme in den Eurojahren gegenüber der D-Mark vielleicht so um fünf bis zehn Prozent im Jahr abgewertet worden. Pech für die Staatsanleihenkäufer. Die Anlage ist zwar sicher, aber ihr Wert sinkt. Wie das eben so ist.

Euro dagegen ist Euro, da gibt’s keine Unterschiede. Also entsteht ein heimlicher Abwertungsstau. Und wie das so ist – der Stau steigt solange die Staumauer hoch, bis sie bricht. Jetzt sollen die gutgläubigen Käufer von Staatsanleihen, die dachten, sie wären mit dieser konservativsten Anlage auf der ganz sicheren Seite, auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten. Im Ergebnis auch kein grosser Unterschied zu fünf Prozent Abwertung im Jahr auf zehn Jahre, aaaber:

Man konnte nicht mit einem blauen Auge aussteigen, wie z. B. nach zwei oder drei Abwertungsrunden.

Die Warnfunktion der Abwertung wurde bewusst zerstört.

Auch die konjunkturbelebende Wirkung einer Abwertung – Exporte werden billiger – ist dahin.

Ein zentrales Prinzip wurde sinnlos preisgegeben: Der Staat ist kein sicherer Schuldner mehr. Konsequenz: Es gibt überhaupt keine sicheren Schuldner mehr. Konsequenzen der Konsequenz? Nicht absehbar.

Und so wird eines immer erschütternder: Die Lebensleistung von Helmut Kohl.

Die vollständige Abschaffung der Kompetenz bei der Postenverteilung. (Vor Kohl sollte der begünstigte Parteifreund wenigstens ein winziges Zipfelchen Erfahrung und Sachkunde haben.)

Weitgehender Verzicht auf Fleiss, Sorgfalt, Sachkunde und Ehrlichkeit bei der konkreten Umsetzung der Wiedervereinigung.

Geltung von Kohlrecht bei Fragen nach Parteispenden und ähnlich morastigen Themen.

Jetzt reicht’s erstemal.

(Gastkommentare spiegeln nicht in jedem Fall die Auffassung des Herausgebers wider.)