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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for September, 2011

Der Christus-Pavillon in Volkenroda

Montag, 12. September 2011

Er ist ein besonderes Bauwerk an einem besonderen Ort: der Christus-Pavillon in Volkenroda.

Volkenroda? Klingt irgendwie nach Thüringen. Richtig. Ein kleines Nest, wie man so sagt, nordöstlich von Mühlhausen im Thüringer Unstrut-Hainich-Kreis, gerade mal um die 180 Einwohner, doch mit einer grossen Vergangenheit und einer faszinierenden Gegenwart. Auf den Resten einer alten Reichsburg entstand im 12. Jahrhundert das Zisterzienserkloster Volkenroda. Das Kloster wurde aufgegeben und verfiel, nur die Klosterkirche blieb bis in die 1970er Jahre Dorfkirche, bis auch sie geschlossen wurde. In DDR-Zeiten sollte das Dorf  sogar “abgesiedelt” werden.

Dann jedoch kam die Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover. Volkenroda wurde zu einem der “Lebensform”-Projekte des Freistaats Thüringen, und ein Jahr später wurde der auf dem EXPO-Gelände errichtete überkonfessionelle Christus-Pavillon auf dem Grundriss des Langhauses der alten Klosterkirche  aufgestellt. Neues Leben zog in Volkenroda ein: Die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal pflegt das Klostergelände nebst Pavillon, Volkenroda ist ein Ort der Begegnung mit Seminaren und Exerzizien, Konzerten und Ausstellungen und dem jährlichen Kulturfestival “Junge Kunst”.

Ein mächtiger Kubus aus Stahl und Glas bildet den sakralen Raum voller ruhiger Erhabenheit und Würde, von auch archaischer Anmutung. Statt vieler Worte lassen wir nun in einem kleinen Bilderbogen die einzigartige Architektur des Christus-Pavillons (Entwurf: Meinhard von Gerkan) sprechen:

Im Kontrast zur archaisch wirkenden Architektur des Pavillons die Kapellen: Kleine, individuell gestaltete, den Kubus des Zentralbaus aufgreifende Nischen auf rechteckigem Grund in zarten, an Pastellmalerei anmutenden Farben laden zu kontemplativem Verweilen ein. Der Maler, Bildhauer und Glaskünstler Andreas Felger gestaltete sie für die Translozierung des Pavillons von Hannover nach Volkenroda.

Die doppelverglasten Aussenfenster sind abwechselnd mit transparenten Gegenständen des Alltags oder mit Naturprodukten verfüllt.

Der Christus-Pavillon wurde gemeinsam von der Evangelischen Kirche in Deutschland, der evangelischen lutherischen Landeskirche Hannover und dem Bistum Hildesheim initiiert.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Brief vom Amt

Samstag, 10. September 2011

Eine bissige Betrachtung

von Hans-Burkhardt Steck
Rechtsanwalt – Dipl.-Soziologe

Die Amts- und Gerichtssprache ist deutsch. Die geht ungefähr so:

Die Klage gegen den Landkreis Kummersdorf als untere Bauaufsichtsbehörde – Beklagter zu 1) -, mit der der Kläger begehrt festzustellen, dass den Nachbarn, Gewerbeoberlehrerin Greta Gründlich, Frau Bergassessor Bollmann und Herrn Berengar Bläulich – Beklagte zu 3) bis 5) -, die Baugenehmigungen vom 13. März 1976 und vom 28. Mai 1977 zur Errichtung und Änderung eines Wohngebäudes auf dem Grundstück Am Geierberglein 8 (Flurstück 18) in Grantlerschwaige im Schnakinger Moos illegal erteilt worden seien, kann keinen Erfolg haben.

Was ist los?

Quatschsätze erfinden kann jeder.

Nur ist das ein völlig ernstgemeinter, durch und durch typischer Satz. Stammt von einem deutschen Verwaltungsgericht. Nicht etwa aus Gemeinheit, sondern zufällig ausgewählt worden. Nur die Namen sind eine Spende. Natürlich von unser aller Dr. Erika Fuchs.

Was möchte uns das Verwaltungsgericht nahebringen? Ganz einfach:

Erfolg         (Subjekt des Satzes)
kann           (Prädikat Teil 1)
die Klage    (Objekt)
nicht          (Negation)
haben.       (Prädikat Teil 2)

Diese Aussage als solche wäre natürlich viel zu leicht verständlich. Da muss was geschehen!  Die überfrachten wir mit Zusatzinformatioanen, deren Notwendigkeit sich nicht unbedingt erschliesst. Nach dieser Kur sieht der Satz doch viel schöner aus:

Die Klage (Objekt des Satzes)
gegen den Landkreis Kummersdorf (Benennung des Gegners, obwohl dieser wenige Zentimeter drüber schon zu lesen war, wie alle anderen Angaben auch)
als untere Bauaufsichtsbehörde (Bezeichnung, in welcher Funktion der Gegner am Verfahren teilnimmt – an dieser Stelle nicht wirklich notwendig, aber eine hübsche Arabeske)
Beklagter zu 1) (Bezeichnung der Verfahrensrolle, steht auch weiter oben schon mal)
mit der der Kläger begehrt festzustellen (worauf sich das “mit der” bezieht, kann nur verstehen, wer in solchen Sätzen geübt ist. Grammatisch könnte es sich auf die untere Bauaufsichtsbehörde, die Beklagte zu 1 oder auch die Klage beziehen)
dass den Nachbarn (Beginn der Erklärung, worum es in der Klage geht, an dieser Stelle reichlich überflüssig)
Gewerbeoberlehrerin Greta Gründlich, Frau Bergassessor Bollmann und Herrn Berengar Bläulich (namentliche Aufzählung der Nachbarn, stehen wenige Zeilen weiter oben schon mal)
Beklagte zu 3) bis 5) - (Bezeichnung der Verfahrensrolle der Nachbarn, auch nicht neu)
die Baugenehmigungen vom 13. März 1976 und vom 28. Mai 1977 (Bezeichnung des allen Beteiligten bekannten und aus der weiteren Begründung unzweifelhaft hervorgehenden Gegenstands des Verfahrens, an dieser Stelle kein bisschen notwendig)
zur Errichtung und Änderung eines Wohngebäudes (weitere Präzisierung der verfahrensgegenständlichen Baugenehmigung – wozu eigentlich an dieser Stelle?)
auf dem Grundstück Am Geierberglein 8 (nähere Bezeichnung des Grundstücks, auf das sich die Baugenehmigung bezieht – wozu?)
Flurstück 18 (noch genauere Bezeichnung des Grundstücks, Notwendigkeit nicht erkennbar)
in Grantlerschwaige im Schnakinger Moos (Angabe des Ortes, der natürlich auch schon vorkam)
illegal erteilt worden seien, (Kern des Vorwurfs)
kann (Prädikat Teil 1)
keinen (Negation)
Erfolg (Objekt des Satzes)
haben. (Prädikat Teil 2)

Toll. Wer soll das kapieren? Jedenfalls keiner, der nicht darauf trainiert ist. Bei dieser wunderbar poetischen Abart der deutschen Sprache bevölkern zahlreiche Begriffe den Satz, deren Bedeutung und Funktion nicht sofort klar sind. Denn fast alle Worte haben schliesslich mehrere Bedeutungen. So einen herrlichen Satz zu analysieren und zu verstehen ist teufelsschwierig, vor allem weil die jeweils aktuelle Bedeutung der einzelnen Begriffe erst klar wird, wenn der Satz bereits verstanden ist, und zwar richtig. Das richtige Verstehen wiederum ist nur möglich, wenn die Begriffe richtig eingeordnet und verstanden werden. Ein wahrer Teufelskreis.

Ob da ein Wörterbuch hilft? “Google Translate” zeigt für fast jeden der wesentlichen Begriffe dieses Satzes mehrere Bedeutungen. Deutsch.

Englisch sieht das so aus:

1. Klage 12 Bedeutungen,
2. untere 4,
3. Beklagter 1,
4. Kläger 5,
5. begehrt 5,
6. feststellen 16,
7. Errichtung  5,
8. Änderung 7,
9. illegal 3 und schliesslich
10. Erfolg 9 Bedeutungen.

Daraus ergeben sich schlappe 18.144.000 Kombinationsmöglichkeiten, das Produkt der angebotenen Bedeutungen. Das Beispiel macht deutlich, wie komplex solche Sätze sind und welche Aufgabe sie einem nicht restlos mit der Materie vertrauten Leser stellen. Der Leser kann der Bedeutung der Worte und des Satzes nur auf die Schliche kommen, wenn er sich der jeweils richtigen, nämlich der gemeinten Bedeutung der mehrdeutigen Vokabeln auf dem Wege des Sinnzusammenhangs nähert. Nur setzt die Auswahl der richtigen Wortbedeutung eben voraus, dass Sinn und Zweck des Satzes bereits verstanden sind. Schomma gesagt? Macht nix.

Wackere Menschen tun das als Zahlenspiel und theoretische Erwägungen ab und seufzen bloss: “Übersetzungsprogramme, na ja …”. Trotzdem: Man sollte mal versuchen, das dolle Deutsch der Gesetze, Beschlüsse, Urteile, Verfügungen oder behördlichen Schreiben mit einem anerkannten Standard-Übersetzungsprogramm in eine Sprache, die man selbst beherrscht, auf ihre Verständlichkeit hin zu überprüfen. Das Programm als Prüfstein der Verständlichkeit – das wäre doch mal was! Sätze, die das Programm auf heutigem Stand der Technik falsch übersetzt, dürfte auch ein Nichtprofi nicht richtig verstehen. Nur bei Sätzen, deren Sinn auch in der Rückübersetzung erhalten bleibt, wollen wir mal glauben, dass sie auch von ausländischen Mitbürgern und von weniger Gebildeten verstanden werden.

Schlussfolgerung: Ein Deutsch, das auf der Basis von Grundkenntnissen der deutschen Sprache mit Hilfe eines Wörterbuchs oder mit einem Übersetzungsprogramm nicht richtig übersetzt werden kann, taugt natürlich auch nicht dazu, ernsthafte Informationen an den betroffenen Personenkreis zu vermitteln. Kein Wunder, wenn bei so einer Korrespondenz nichts, jedenfalls nichts Gutes, rauskommt.

Auf diesen Prüfstand gestellt, erlebt die zitierte Passage folgendes Schicksal:

The lawsuit against the district of Kummersdorf as lower Supervision Authority – Respondent to 1) -, with the desire of the plaintiffs noted that the neighbors, Mrs. Greta Gründlich, Frau Bergassessor Bollmann and Mr. Berengar Bläulich – defendant to three) to 5) – which permits the 13th of March 1976 and of 28th of May 1977 on the establishment and modification of a residential building on the property Am Geierberglein 8 (Flurstück 18)  in Grantlerschwaige im Schnakinger Moos were issued illegally, can not succeed.

Lässt man sie zurückübersetzen, dann ergibt sich folgendes:

Der Prozess gegen den Landkreis Kummersdorf als untere Supervision Authority – Beklagter zu 1) – mit dem Wunsch der Kläger darauf hingewiesen, dass die Nachbarn, Frau Greta Gründlich, Frau Bergassessor Bollmann und Herr Berengar Bläulich – Beklagte zu drei) bis 5) – die ermöglicht den 14. Januar 1993 und 24. Februar 1997 über die Errichtung und Umbau eines Wohnhauses auf dem Grundstück Am Geierberglein 8 (Flurstück 18) in Grantlerschwaige im Schnakinger Moos illegal ausgestellt wurden, nicht gelingen kann.

Die These, dass der betroffene Personenkreis einen solchen Text wie den eingangs zitierten jedenfalls nicht besser versteht, erscheint nicht sehr gewagt. Eine weitere Probe zeigt den Unterschied zwischen verständlichem und unverständlichem Deutsch. Was das Verwaltungsgericht sagen wollte, lässt sich auch anders ausdrücken:

Ursprungssatz  -  Übersetzung durch
Google-Translate -  Rückübersetzung durch Google-Translate:

Es geht um ein Grundstück in Grantlerschwaige im Schnakinger Moos. It’s about a plot in Grantlerschwaige im Schnakinger Moos. Es geht um ein Grundstück in Grantlerschwaige im Schnakinger Moos.

Der Beklagte baute dort ein Haus. The defendant built a house there. Der Beklagte baute dort ein Haus.

Der Landkreis Kummersdorf erteilte die Baugenehmigung. The district of Kummersdorf issued the building permit. Der Landkreis Kummersdorf hat die Baugenehmigung.

Der Kläger meint, daß die Baugenehmigung illegal war. The plaintiff says that the building permit was illegal. Der Kläger meint, dass die Baugenehmigung rechtswidrig war.

Das Gericht soll feststellen, dass die Baugenehmigung illegal ist. The court should determine that the building permit is illegal. Das Gericht sollte feststellen, dass die Baugenehmigung rechtswidrig ist.

Er hat deshalb die Nachbarn und den Landkreis Kummersdorf verklagt. He has, therefore, the neighbors and the county sued Kummersdorf. Er hat deshalb verklagt die Nachbarn und die Grafschaft Kummersdorf.

Die Klage hat aber keine Aussicht auf Erfolg. The lawsuit has no chance of success. Die Klage hat keine Aussicht auf Erfolg.

Deshalb erhält der Kläger keine Prozesskostenhilfe. Therefore, the plaintiff receives no legal aid. Daher erhält der Kläger keine Prozesskostenhilfe.

Ein Wunder! Es geht also doch! Man kann auch gerichtliche und behördliche Schreiben allgemeinverständlich formulieren. Wer hätte das gedacht! Dagegen ist die wunderschöne Sprache, mit der hierzulande der Bürger traktiert wird, leider zur Vermittlung von Informationen nur noch innerhalb der jeweiligen Fachkreise geeignet. Es ist ganz und gar kein Zufall, dass die Verbreitung dieser hoch elaborierten, künstlichen Fachsprachen parallel mit dem ungeheuren Erfolg der einfachen und eindeutigen Sprache von Bild (“Aussiedler gefasst – zwei Kilo Atom im Kofferraum” oder “Wir sind Papst”) und des beliebten Reality-TV geht. Was bei “Bauer sucht Frau” gesprochen wird, ist tatsächlich für jeden verständlich, der die deutsche Sprache einigermassen beherrscht. Schon bei der Tagesschau werden laufend Vokabeln verwandt, die nicht zum Grundwortschatz gehören und die die Verständlichkeit für weniger Gebildete empfindlich beeinträchtigen.

Also, lieber Amtssprachler: Google hin, Translate her – fünf Sekunden, und Du weisst: Dieses mein neues Gesetz versteht nun wirklich jeder. Oder auch nicht.

(Bildnachweis: Jan Dittberner)

Pisa von innen II (5, Schluss)

Donnerstag, 8. September 2011

von © Salias I.

Abitur-Ball

Dieses Jahr veranstalten unsere Abiturienten einen Abiball zusammen mit einem benachbarten Gymnasium, sagen wir: der Schillerschule, die zirka zehnmal so viele AbiturientInnen hat wie unser BG. Das ist bequem für unsere Schüler, die sich nur an die Organisation dranzuhängen brauchen, und noch bequemer für uns KollegInnen: Wir brauchen dafür nichts zu tun ausser 27 Euro Eintritt zu berappen. Aber die Eltern tun mir leid, die zusammen 54 Euro bezahlen müssen; die Getränke kosten sogar noch extra. Dabei jammern unsere Schüler sonst immer, wenn sie einmal im Schuljahr 5 Euro Materialgebühr aufbringen sollen (für Kopien u. a.). Aber da gibt‘s natürlich einen Riesenunterschied: ob man fürs tote Papier bezahlt oder für die schöne, heile Welt.

Als Etappe hin zur brave new world gestaltet sich nämlich ebendieser Abi-Ball 2011.

Jede Abiturientin zeigt, was sie wert ist: Ihre Körperformen werden im minikurzen Abendkleid und kräftigen, aber nicht gewagten Schminkfarben zum Leuchten gebracht, dazu kommen klassisch feminine Frisuren, makellos rasierte Beine und Achselhöhlen sowie der Habitus von angenommener Vornehmheit, von Höflichkeit und Selbstsicherheit, wie brüchig sie auch sein mag. All diese hübschen jungen Figuren haben sich offenbar erfunden in Germany’s Next Topmodels. Da sie gar keine schlechteren Kopien der Bildschirmmädchen darstellen, sondern dreidimensional, sogar zum Anfassen sind, mag ihr Auftritt berauschend wirken.

Dafür müssen sich die Jungs auch etwas einfallen lassen: Anzüge, schrille Krawatten, coole Frisuren sind das Mindeste. Wer seine Balldame beeindrucken möchte, orientiert sich an US-Serien wie “Sex and the City“. Vier Abiturienten haben sich verbündet, um eine Limousine zu mieten: Mit diesem Ami-Schlitten inklusive Bordbar haben sie ihre vier Tanzpartnerinnen zuhause abgeholt, um, very VIP, vorzufahren beim Sektempfang vor der Stadthalle, in der der Abschlussball stattfindet.
Passend zu “Sex and the City” wollen unsere junge Damen auch nicht, dass ein Mann empfindsam sei, seine Gefühle zeigen soll er nicht, sondern cool bleiben. Romantik ja, unbedingt – solange sie sich auf Äusseres beschränkt: Blumen, Sprüche, Limousinen; Liebe dagegen ist etwas viel zu Unsicheres, Grosses, Bedrohliches. Der junge Herr soll als unabhängig und unerschütterlich erscheinen, Frauen am besten geringschätzen, als wären sie nichts als süsses Beiwerk – das mache einen Mann attraktiv.

Wie bei den Geschlechtern, so muss beim Ball alles stimmen: reich geschmückte Tische, blitzende Weingläser, Sektgläser, professionelles Catering mit acht Sorten Fleisch und Fisch auf einem dreissig Meter langen Buffet; dazu eine gut bestückte Bar, Musikanlage, Leinwand, Beamer, Band. Auf den Orga-Treffen des Planungsteams, so erfahre ich von einem Schüler, habe man sich abendfüllend gestritten um die Wahl der Tischdecken, Tischblumen, Layout der Eintrittskarten etc.

Und was machen wir in dem geschmackvollen Ambiente? Essen, Trinken, nett unterhalten.
Das klappt am LehrerInnentisch vortrefflich: Lange unterhalte ich mich mit einem Geschichts-Kollegen der Schillerschule über unsere Prüfungserfahrungen. Wir vergleichen unsere Beurteilungen bei mündlichen Prüfungen und kommen zu dem Schluss, dass die BG-Schüler wahrscheinlich 3 bis 4 Punkte besser bewertet werden als Schillers Schüler. “Ja, wir haben einen hohen Anspruch”, sagt der Kollege. “Darauf sind wir stolz.” Und einem sprachlich so verstockten Prüfling, der kaum sprechen kann, wie würde es dem ergehen? “Ein oder zwei Punkte, naja, eher ein Punkt. Vielleicht auch null Punkte. Wir hätten wahrscheinlich nicht so mühevoll nachgefasst, wir haben da ja keine Holschuld, der Schüler hat die Bringschuld.”

Aufregend wird es, als eine prachtvoll glitzernde Schiller-Abiturientin an unseren Tisch tritt, mit ihrem Vater im Schlepp. Was glitzert denn da so am Finger? Ein Brillantring? – Ja, den habe sie von Mama geliehen.
Als die glitzernde Erscheinung abgerauscht ist, ihren Vater, Herrn F uns überlassend, fragen wir uns, warum dieser Jahrgang so auf Glamour aus ist. Die KollegInnen der Schillerschule meinen, dass dieses Phänomen dieses Jahr zum ersten Mal so extrem auftrete. Zur Erklärung wird (unabhängig von mir) die Medienthese aufgestellt: Germany’s Next Topmodels und ähnliche Sendungen seien schuld.
Aber ist das denn schlimm? Müssen wir nicht einfach akzeptieren, dass nicht nur die Mode, auch das Weltbild sich mit der neuen Generation ändert? Schon vor zweitausend Jahren klagten die Alten über die Jugend, die die Kultur in den Untergang treibe. Sollten wir das nicht gelassener sehen?
Naja, gegen die Mode haben wir doch gar nichts. Sie staffieren ihre jungen Körper doch sehr hübsch aus, und keineswegs provokant, oder?
Nein, sie zeigen keinen Hauch von Provokation, und vielleicht ist es das, was uns stört?
Ja, sie sind erstaunlich konform, was nicht schlimm wäre, wenn es sich aufs Äussere beschränken würde.
- Auf der Bühne stehen die SchülerInnen eines Leistungskurses aufgereiht, strahlend im Scheinwerferlicht; ihr Sprecher hält eine kleine Ansprache, in der er den Lehrern namentlich dankt. -
Da erzählt uns Herr F, dass seine Tochter glaube, dass wir den Klimawandel nicht wirklich fürchten müssten. Denn ihr Biolehrer habe bewiesen, dass die ganze Panikmache in den Medien nichts als Lüge sei: Der Klimawandel sei nicht so dramatisch, und der Mensch sei dafür sowieso nicht verantwortlich! Das Klima unterliege natürlichen Schwankungen, und eine Erwärmung um ein paar Grad sei doch viel besser als eine Eiszeit.
Noch schlimmer: Der ganze Bio-Leistungskurs glaubte dem Lehrer! Keiner hinterfragte das oder informierte sich besser.
Wir erklären es uns als menschliche Schwäche: Je lebenswichtiger und abstrakter eine Bedrohung ist, desto eher ziehen Schüler (und sogar Lehrer) Verschwörungstheorien und moderne Mythen zur Erklärung heran. Wissenschaftliche Sichtweisen dagegen sind komplex und führen selten zu eindeutigen Urteilen. In Zeiten der chronischen Unsicherheiten und globalen Bedrohung aber braucht der Mensch ein einigermassen verlässliches Weltbild. Und bloss nicht pessimistisch! Wer pessimistisch denkt, kann nicht glücklich sein. Wer kritisch über Kohlendioxid nachdenkt, kann auch nicht guten Gewissens Auto fahren.
So konstruiert man sich lieber eine bessere Welt: Keine Bedrohung durchs Klima, man muss nur den Manipulationen der Petro-Industrie glauben, oder sich die Auto-Katalysatoren so vorstellen, dass sie alles Böse herausfiltern.
Ein mythischer Glaube lässt sich im Zeitalter von facebook besonders leicht zusammenbasteln:
JedeR nimmt nur für wahr, was gefällt. Das funktioniert ganz einfach. Neue Informationen werden nicht geprüft, ob sie seriös sind; auch ihre Plausibilität wird nicht untersucht. Stattdessen wird jedwede Information ganz unverhohlen subjektiv beurteilt:
Entweder es “gefällt mir“, dann ist das “wahr”, und die Info wird an drei-, vier-, fünfhundert “Freunde” weitergemeldet, wodurch sie immer “wahrer” wird.
Oder aber: Es gefällt mir nicht, dann vergesse ich es sofort.
Mehr braucht man nicht zu tun, um sich seine Welt zu retten.

Nun belobigen unsere Abiturienten eifrig ihre Wegbereiter: Die TutorInnen werden von ihren Leistungskursen auf die Bühne gebeten, mit Sekt empfangen, mit Blumen beehrt; ihnen gelten brave Dankesreden, vorgetragen von schüchternen Jüngelchen, die sich hier viel trauen, bloss kein kritisches Wort, bloss keinen ironischen Anklang.
Was sollten sie auch kritisieren?
Dass ihre Schillerschule sie mit drei bis vier Punkten schlechter bewertet hat als ein Berufliches Gymnasium?
Dass ihr Biolehrer ihnen Lügen aufgetischt hat über den Klimawandel?
Dass ihre Schiller-Schulleitung es geduldet und sogar befördert hat, dass viele ihrer ehemaligen Mitschüler schon seit Jahren nicht mehr unter ihnen weilen, nur weil das Gymnasium sich nicht die Mühe machen will, pädagogisch zu handeln, sondern einfach selektiert?
Nein, dafür besteht kein Bewusstsein. Germany’s Next Topmodels & Co. erziehen die Jugend ja zum blinden Gehorsam: Du sollst deiner Lehrerin bzw. Meisterin (Heidi Klum) folgen, jeder Widerstand, jedes Widerwort kann zum Ausschluss führen. Also, am besten von vornherein gar nicht denken, dass es etwas zu kritisieren gäbe. Wer zweifelt, ist schon ein Ketzer.
Und was ist mit den kleinen Ungerechtigkeiten und Fiesheiten im Unterrichtsalltag? Was wird später mit den grossen Ungerechtigkeiten im Studium, im Berufsleben, als RentnerInnen?
Eine Deutsch-Kollegin meint, die junge Generation reflektiere gesellschaftliche Missstände kaum noch. Das sei während der Schulzeit noch nicht so virulent, da Schule und Elternhaus ihnen einen relativ gut geschützten Raum geben. Später aber könne ihnen dieser Mangel enorm schaden: Zu wenig Geld im Studium, keine Zulassung zu einem Master-Studienplatz, keine Chance auf eine wissenschaftliche Laufbahn, keine Stelle nach dem Studienabschluss, kein Geld fürs Praktikum, keine Perspektive für die eigene Karriere, keine Betreuungsplätze für eigene Kinder – all diese Sackgassen und Misserfolge im persönlichen Lebensweg, sie werden nicht reflektiert, sondern als persönliches Versagen angesehen. Es fehlt ihnen der Blick auf die Ungerechtigkeiten des gesellschaftlichen Systems: Dessen Sauereien zu erkennen, wäre für die eigene Psychohygiene viel gesünder, da es die Seele entlastet, wenn Misserfolge (wenigstens zum Teil) durch äussere Missstände entschuldigt werden können oder die Kritik sogar wütend herausgeschrien wird.
Die allermeisten jungen Leute nutzen aber keine linke Gesellschaftskritik, weil sie weder kritisch denken noch wissen, was links ist; sie fühlen keine Wut, jedenfalls nicht gegen die strukturelle Gewalt, selbst dann nicht, wenn sie ihnen weh tut. Stattdessen fressen sie den Frust in sich hinein, versuchen, sich noch mehr anzupassen, noch mehr zu leisten, und machen sich dabei kaputt.
Ja, und deshalb werden immer mehr junge Menschen psychokrank und therapiebedürftig.

Können wir als LehrerInnen nicht gegensteuern?
Wir sehen wenig Einflussmöglichkeiten – im Gegensatz zur Macht des unheilvollen Privatfernsehens.

Heute Abend findet die Show auf der Bühne statt: Wieder ein anderer Leistungskurssprecher findet artige Dankesworte für die Lehrer und die Schulleitung. Es ist immer dasselbe! Bunt ist der Abend nur äusserlich – das Programm ist eine stereotype Beschwörung der Nettigkeit.

Ich besorge neue Getränke an der Bar. Eine junge Abendschönheit steht vor mir.
“Hallo, du siehst ja fantastisch aus! Alles ist nett und schön bei euch”, spreche ich sie an.
“Danke, das haben auch schon andere zu mir gesagt.”
“Eure Bühnenauftritte sind auch alle nett. Aber warum haltet ihr denn immer nur Lobreden? Ohne ein kritisches Wort?”
“Wieso sollte man denn den schönen Abend mit Kritik verderben?”
“Na, ein bisschen Sarkasmus, ein paar ironische Bemerkungen geben doch erst die Würze!”
Das Mädchen lächelt mich nur noch kurz aus Höflichkeit an; als Gesprächspartner bin ich für sie gestorben.
Ich komme aus einer anderen Welt.

Meine Welt ist kritisch.
Meine Welt ist nicht gut.
Meine Welt steht vor dem Untergang.

Die Welt in den Augen der AbiturientInnen ist auch nicht durch und durch gut. In dieser Welt fehlt es an Geld und Karrieremöglichkeiten. Aber das ist hinzunehmen; man denkt einfach nicht so sehr daran.
Man macht etwas aus dem, was man hat. Das ist nicht wenig. Damit sucht man sein Glück. Das Glück findet sich im Moment des Glanzes, des Tanzes, des Geniessens, des Rausches.
Das Geheimnis noch tieferen Glücks liegt im Nichtwissen.
Das Leben des glücklichen Unwissenden: Wie ein Tier seinem Schicksal ausgeliefert.

Und das Schicksal wird zuschlagen: Klimatod, Atomtod, Umwelttod, Terrorismustod stehen als reale Möglichkeiten neben dem natürlichen Alterstod, der wahrscheinlich durch Armut, Umwelt- und Genussgifte sowie von Psycholeiden um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vorverlegt und von langem Siechtum angekündigt wird. Wenn das Leben nicht sogar kulturell abgekürzt wird wie in Huxley’s Brave New World, wo es kein bewusstes Sterben mehr geben darf.

“Nein”, will ich schreien, von der Bühne herab schreien, ins Mikrophon, auf dass der ganze Saal es höre in voller Lautstärke: “Wacht auf! Es gibt einen Unterschied, ob du würdig und erfüllt im Alter sterben kannst oder als ein Opfer menschengemachter Katastrophen!
Die Katastrophen können wir abwenden! Wir können uns über Risiken informieren, und wer informiert ist, kann handeln: protestieren, anders wählen, anders kaufen, anders konsumieren, alternativ leben oder auswandern. Wir haben so viele Möglichkeiten, die Welt um uns zu ändern. Ein grosser Erfolg der Demokratie ist der deutsche Ausstieg aus der Atomenergie – dazu hätte sich die Regierung gewiss nicht ohne die massiven Proteste durchgerungen.
Aber wie viele Bedrohungen müssen noch angegangen werden! Ihr aber wollt nichts davon wissen?
Nur fleissig Fernseher und facebook gucken? So denkt ihr, es sei damit getan, für eine Weile keine Gurken zu essen? Ihr seht im Fernsehen auf immer grösseres Elend in der dritten Welt und schaltet schnell auf einen anderen Sender? Bis es keinen Sender mehr gibt, der so etwas zeigt?
Gut. Dann lasst euch führen von denen, die eure Unwissenheit auszunutzen verstehen, die euch manipulieren, einlullen, betrügen, ausbeuten und ausnehmen. Lasst euch betäuben vom schönen Schein. So wollt ihr nicht sehen, dass die Lebengrundlagen schwinden, Gesundheit, Demokratie und Freiheit sterben, Gewalt und Verbrechen aufblühen?
Ihr werdet von Umweltgiften, Handystrahlen und Radioaktivität kontaminiert und merkt nichts, bis ihr unfruchtbar seid oder der Krebs gewuchert ist? Ihr schiebt das schlechte Gefühl lieber beiseite mit Alkohol, Tabletten, Actionfilmen? Ihr erleidet Stumpfheit, Betrug und Gewalt in euren Partner-Beziehungen und flüchtet euch in die virtuelle Welt der Illusionen, in Telenovelas, Computerspiele, Facebook, oder heim zu Muttern?
Bloss nicht erwachsen werden! Bloss keine gesellschaftlichen Verhältnisse reflektieren, bloss keine System-Ungerechtigkeiten kritisieren! Wenn ihr auch am inhumanen System zugrunde geht, das euch umgibt, wenn ihr Studiengebühren zahlen müsst, mies bezahlt, gemobbt oder arbeitslos werdet, so wollt ihr trotzdem nicht rebellieren, sondern alle Schuld des Scheiterns allein auf euch nehmen? Selbst wenn ihr euch angestrengt habt, wenn ihr objektiv im Recht seid, aber das Unrecht mächtiger ist, so werdet ihr glauben, es läge nur daran, dass ihr nicht genug geleistet hättet, nicht gut genug wärt?
So werdet ihr eben zweifach zugrunde gehen, äusserlich am Misserfolg, und innerlich am selbst erzeugten Gefühl des Versagens. Gegen das Versagensgefühl könnt ihr Medikamente schlucken, die euch keine Gesundheit bescheren werden, sondern eine weitere Abhängigkeit. Depressionen werden zum normalen Leben gehören. Oder solltet ihr, als Workaholics, doch beruflichen Erfolg haben, so wartet am Ende doch der Burn-Out auf euch, oder aber der Tod als Herzinfarkt!
Und das nur, weil ihr nicht hinterfragen, weil ihr nicht kritisieren, nicht denken wollt, sondern euch eure heile Welt einbilden wollt!
Und wenn ihr wirklich bis zur Rente leben solltet, werdet ihr nichts mehr haben als das, was ihr korrupten Politikern abgekauft habt, nämlich die Illusion der privaten Rentenversicherung, und spätestens dann, wenn eure Eltern euch nicht mehr retten können, wird die Armut erbarmungslos zuschlagen. Früher oder später wird die Quittung kommen, ihr müsst den Preis all eurer törichten Illusionen bezahlen, es wird bitter werden, bitter, bitter…”

Ich sage nichts. Sie würden mich für verrückt halten.
Ich muss aufpassen, nicht selbst zu verbittern. Wissen ist kein Segen.
Ich halte mich an meine KollegInnen, die ähnlich denken. Und an den Wein. Er ist gut, verdammt gut.

- Schluss -

Fotografien: Salias I.

⇒⇒⇒  Pisa von innen 2010 (1)

⇒⇒⇒  Pisa von innen II 2011 (1)

25 Jahre Artothek Frankfurt am Main

Dienstag, 6. September 2011

Das Haus der Artothek Frankfurt in der Sachsenhäuser Klappergasse (mit Geschäftsführerin Barbara Fuentes-Jelinek), in direkter Nachbarschaft des bekannten Frau Rauscher-Brunnens

Kunst zum Ausleihen – eine Idee, die viele Städte aufgreifen und realisieren, so auch Frankfurt am Main. Die entsprechenden Artotheken eröffnen Kunstinteressierten die Möglichkeit, Kunstwerke in den eigenen vier Wänden auf Zeit zu erproben und zu erleben, meist sogar mit der Möglichkeit, die Arbeiten später zu einem zuvor festgelegten Preis zu erwerben. Für die beteiligten Künstler bilden die Artotheken wiederum ein zusätzliches Forum, ihre Arbeiten zu präsentieren.

Die Artothek Frankfurt feiert in diesen Tagen ihren 25. Geburtstag. Sie hält im Schwerpunkt zeitgenössische Kunst ab etwa den 1960er Jahren bis in die Gegenwart bereit. Es handelt sich dabei um Zeichnungen, Aquarelle, Gouachen und Original-Druckgrafiken in limitierter und signierter Auflage sowie um Fotografien, sämtlich gerahmt und hinter Glas, ferner um Objekte und Kleinplastiken. Der Bestand der Artothek umfasst rund 1000 Werke von etwa 300 vielfach in der Region ansässigen Künstlerinnen und Künstlern. Sie berät die Besucher bei der Auswahl von Kunstwerken, informiert die Kunstinteressierten über Künstler, Stilrichtungen und künstlerische Techniken. Für die Auswahl steht ein bebilderter alphabetischer Katalog zur Verfügung.

Interessenten können sich bei einer einmaligen Aufnahmegebühr von 5 Euro registrieren lassen. Die Ausleihe eines Werkes an Privatpersonen für die Dauer von acht Wochen kostet 11 Euro, wobei mehrere Werke gleichzeitig entliehen werden können. Eine Verlängerung der Leihe ist oft möglich. Für Firmen und Institutionen gelten spezifische Regelungen. Die Arbeiten sind durch die Artothek versichert.

Die Artothek Frankfurt ist eine Einrichtung der “Gesellschaft der Freunde und Förderer Bildender Künstler e. V. (GFF)” und wird von der Stadt Frankfurt am Main  gefördert.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Hausgeister bei “Home Abroad”

Sonntag, 4. September 2011

Hausgeister sind selten geworden in unserer lärmenden und materialistischen Welt. In alten Zeiten schützten sie Haus und Hof, wachten sorgsam über Mensch und Tier. Dann vertrieben die Menschen die guten Geister. Aber es gibt sie auch heute hie und da, dort, wo Menschen noch Gutes tun. Im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen zum Beispiel, in dem wunderschönen, spätklassizistischen, unter Denkmalschutz stehenden Haus Schifferstrasse 66. Der Verein zur Förderung des künstlerischen und kulturellen Austausches in Europa “Home Abroad” hegt und pflegt sie dort seit dem Jahr 2005, und die Geister zeigen sich erkenntlich und wachen, genauso sorgsam wie früher, über die Werke, die Künstlerinnen und Künstler dort ausstellen. Heuer sind es Roberto Annecchini, Edwina Ashton, Urs Breitenstein, Wolfgang Klee und Christiana Protto, die Initiatorin des Vereins.

Eigenwillige, mitunter etwas zerschlissene Tapeten im Stil der 1950er bis 1970er Jahre bilden einen einzigartigen Kontrast, auf geheimnisvolle Weise jedoch auch eine einzigartige Harmonie mit den Exponaten zeitgenössischer Kunstschaffender aus ganz Europa.

Roberto Annecchini, 1962 in Rom geboren, zeigt im “Grünen Zimmer” sieben feinst gefertigte Assemblagen auf Papier aus der Serie “satellite area” (2011), allesamt Arbeiten voller Poesie und Inspiration. Der Künstler lebt und arbeitet in Bracciano und Rom.

Urs Breitenstein, 1951 in Basel geboren, befasst sich mit filmischen, fotografischen und situationsbezogenen Arbeiten in unterschiedlichen Techniken. Im “Sonnenzimmer” präsentiert er aus der Serie “Hausgeister” aus dem laufenden Jahr fünf Ausschnitte von aktuell vorgefundenen Fotografien, die er in extremem Massstab vergrössert und – ästhetisch perfekt und vollendet gerahmt – in Laserprints auf Fotopapier im Format 70 x 50 cm auf eine völlig neue Bildaussage konzentriert.

Christiana Protto belegt mit ihren Arbeiten den “Salon”. Sie überrascht dort -  neben Malarbeiten und Zeichnungen – mit einem Textilobjekt “ohne Titel” im Format etwa 100 x 140 cm. Dem äusserst fragilen Objekt – es droht tatsächlich von einem zum anderen Moment zu zerfallen – kommt zweifellos ein Vanitas-Charakter zu. Die Künstlerin sagt, sie habe das Objekt “gefunden”. Oder ist es vielleicht eher umgekehrt, hat das Objekt die Künstlerin gesucht? Wir denken uns in einen Kosmos an Werden und Vergehen hinein. Zumal das zentrale Feld des Objekts an einen Totenschädel erinnert – ein grandioses “Memento mori” – , doch leben wir heute und jetzt! Umso mehr?

In der “Herzkammer” stossen wir auf Arbeiten von Wolfgang Klee. “Stossen”? “Anstoss”? Ja und Nein, Nein und Ja. Klee, 1936 in Frankfurt am Main geboren, Mitgründer der berühmten “Klosterpresse”, Dozent für bildende und darstellende Kunst, Bühnenbildner, Regisseur, “provoziert” mit Darstellungen des männlichen Penis. Doch was heisst nun “provozieren”? Einer von kommerziell-sexistischem Schundfernsehen geprägten Gesellschaft, einem bestimmten Männlichkeitswahn den Spiegel vorhalten? Wie deutlich müsste ein Künstler denn noch werden, wenn es nicht einen Wolfgang Klee gäbe?

Ein Kontrast. Denn es gibt sehr unterschiedliche Hausgeister. Edwina Ashton, 1965 in London geboren, zeigt uns im “Flur” ein wunderbares, ergreifendes Video. Eine liebenswerte Puppe, sagen wir mal in Gestalt einer Raupe oder Made, bemüht sich verzweifelt, aber nicht ohne Komik, aus einer Kordel, einer Knetmasse und einem Napf etwas zu formen, zu arrangieren: vergeblich. Eine an den Gliedmassen verkrüppelt erscheinende Figur – möglicherweise ist die Künstlerin selbst in das von ihr entworfene Kostüm geschlüpft – bemüht sich hilflos, etwas Sinnvolles mit ihren “Händen” herzustellen. Als ihr auch noch der Napf zu Boden fällt, sinkt sie erschöpft in sich zusammen.

Wo leben denn nun diese selten gewordenen Hausgeister? In der Schifferstrasse 66. Schauen Sie selbst, liebe Leserinnen und Leser, wie schön es sich hier “hausen” lässt, im besten Sinne des Wortes, im denkmalgeschützten Haus mit dem kostbaren Portal und der herrlichen Rosette über ihm.

“Hausgeister”, Home Abroad, Schifferstraße 66 in Frankfurt am Main. Die Ausstellung ist bis zum 24. September 2011 freitags von 16 bis 19 Uhr und samstags von 11 bis 14 Uhr zu sehen, am heutigen Sonntag, 4. September, zusätzlich von 14 bis 18 Uhr. Vom 26. September bis zum 10. Dezember 2011 kann die Ausstellung noch nach Vereinbarung besucht werden (Telefon 069 / 622488).

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)