home

FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for September, 2011

Bröckelt der Mythos?

Freitag, 23. September 2011

Nachlese zu den 100. Bayreuther Festspielen

von Renate Feyerbacher

Pausenbläser auf dem Balkon des Festspielhauses, Foto: Andreas Praefcke/wikimedia commons GFDL

Die 100. Bayreuther Festspiele (25. Juli bis 28. August 2011) haben heftige Diskussionen ausgelöst. 30 Vorstellungen gab es auf dem sogenannten Grünen Hügel. Vor der offiziellen Eröffnung begeisterte zum dritten Mal das Projekt “Wagner für Kinder” mit dem “Ring” – 15 Stunden in 90 Minuten. Das muss ein Ereignis gewesen sein. Weitere Höhepunkte waren das Public Viewing mit “Lohengrin” und die erste Live-Übertragung dieser Oper in ARTE.

Das Festspielhaus am 12. August 2011 kurz vor dem Regen, Foto: Renate Feyerbacher

Der mühsame Weg der Kartenbeschaffung – vorbei?

Seit 2002 habe ich mich jährlich schriftlich um Karten bemüht. Und dann im 100. Jahr kam die Nachricht, es gäbe für mich Karten; zwar nicht für die Aufführung, die ich vor allem sehen wollte, nämlich “Lohengrin”, sondern für die “Meistersinger”. Auch wären es schlechtere Plätze. Ich habe die Karten akzeptiert, obwohl ich die verheerenden Kritiken von 2007 kannte, obwohl ich wusste, die Inszenierung ist ein Auslaufmodell. Ich wollte das erleben und tröstete mich, dass sie nicht teuer waren.

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung am 2. September befasste sich mit der “dubiosen Kartenvergabe” bei den Wagner-Festspielen, weil weniger als die Hälfte aller Karten nicht in den freien Verkauf gingen. Sogar der Staatsanwalt trat nun in Aktion.

Andererseits war zu sehen, dass Plätze frei blieben. In einer Zeitung versprach ein Wagner-Fan “100 Euro dazu, wenn Sie meine Meistersinger-Karten geschenkt abnehmen.”

Wie gesagt, zugteilt bekam ich “Die Meistersinger von Nürnberg” in der Inszenierung von Katharina Wagner (*1978), der Urenkelin von Richard Wagner und der Ur-Ur-Enkelin von Franz Liszt. Sie studierte Theaterwissenschaften, war Regieassistentin bei Harry Kupfer an der Staatsoper in Berlin und leitet seit 2008 zusammen mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier, beider Vater ist Wolfgang Wagner, die Bayreuther Festspiele.

Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier am 25. Juli 2009, Foto: Tafkas/wikimedia commons CC

Auslaufmodell “Die Meistersinger von Nürnberg”

“… gewiss ist aber, dass sie (Katharina Wagner) als Regisseurin ihr künstlerisches Profil noch finden muss”, hiess es 2007 in NZZ-Online (Neue Zürcher Zeitung). Die Kurzkritik in der FAS (FAZ am Sonntag) 2011 machte auch keine Freude. Es muss in den vier Jahren an der Inszenierung viel herum gefeilt worden sein: “… demnächst könnte daraus ein schöngeföhnter Klassiker werden”, schrieb Eleonore Büning am 31. Juli 2011, die sogar von sängerischen Fehlbesetzungen sprach und auch nicht begeistert war von dem in Frankfurt viel gepriesenen Generalmusikdirektor Sebastian Weigle. Er habe in vier Jahren nicht gelernt, “Bayreuths Akustik wirklich bei den Hörnern zu nehmen”. Seine ersten beiden “Ring”-Interpretationen der letzten Spielzeit an der Frankfurter Oper fanden hingegen grosses Lob.  Man muss wissen, dass über dem Bayreuther Orchestergraben ein Deckel liegt, so hat es Richard Wagner gewollt.

Diese harsche Kritik an der musikalischen Interpretation und den Sängern konnte ich nicht teilen, aber mich auch nicht in Begeisterung versetzen. Geärgert hat mich die Regie. “Wollen Sie diesen Flegel zum Schwiegersohn?” dachte ich ständig bei diesem rüpelhaften Stolzing, der mit Farbeimer und Pinsel alles anstrich, was rumstand und ihm in die Quere kam – auch Eva musste dran glauben und wurde bemalt. Es waren zu viele Gags, dann aber wieder gedehnte Passagen, die fast Langeweile aufkommen liessen. Das habe ich noch nie bei den “Meistersingern” erlebt. Besonders ärgerlich fand ich die Deutschtümelei.

Wagner-Büste, Foto: Renate Feyerbacher

Premierendebakel “Tannhäuser”

Premiere hatte in diesem Jahr der “Tannhäuser” von Sebastian Baumgarten. Ich habe ihn am Radio gehört – sängerisch Stadttheaterniveau. Nur Michael Nagy, der zum Ensemble der Oper Frankfurt gehört, gefiel als Wolfram. Der Chor war einmalig. Immerhin dirigierte Thomas Hengelbrock sehr einfallsreich das Werk. Überzeugendes kam aus dem Orchestergraben, während auf der Bühne das Chaos geherrscht haben muss. Bayreuth erlebte ein gnadenloses BUH-Konzert. Kusine Nike Wagner, Tochter von Wieland Wagner, die das Kunstfest Weimar leitet, plädierte sogar für eine Absetzung dieser Inszenierung.

Warum nach Bayreuth fahren, wenn es an anderen Theatern kompetentere Wagner-Aufführungen gibt, so kann man sich fragen. Woher kommt dieser Mythos?

Weil alle Welt glaube, dass nur in Bayreuth Wagners Opern wirklich erlebt werden können – so sieht es Konrad Beikircher, Kabarettist und Wagner-Kenner. Und als einen Grund nennt er: “… dass kein Komponisten-Clan so virtuos und effektiv an den eigenen Legenden gestrickt hat wie der wagnersche.” Er spottet, dass die Fans alles in Kauf nähmen: die unbequemen Sitze, die unerträglichen Catering-Zelte, in denen es nach Weisswürsten und Kaviar rieche. Die Bratwürstchen schmecken dennoch lecker, und Beikircher outet sich als Wagner-Fan und Bayreuth-Pilger, der gerne an dem “Wave-Gothic Treffen à la Wagner” teilnimmt. “Er (der Mythos) funktioniert auch, weil Bayreuth den Geruch des Authentischen hat, dass man sich ihm kaum verweigern kann” (zitiert nach ARTE Magazin 8.2011).

Festspielhaus Bayreuth, Zuschauerraum, Foto: Josef Lehmkuhl/wikimedia commons GFDL

Ich bin mir da nicht so sicher. Der Mythos könnte mit schlechten Inszenierungen, mit weniger guten Sängern bröckeln. Früher war Jahr für Jahr immer die erste Sängergarde in Bayreuth anzutreffen. 2011 verliehen wenigstens Annette Dasch und Klaus Florian Vogt im “Lohengrin” und Simon O‘Neill als Parsifal den Festspielen etwas Glanz.


Stefan Mickisch, Fotos: Renate Feyerbacher

Seit 1998 hält der Musikwissenschaftler und Pianist Stefan Mickisch in der Zeit von 10.30 Uhr bis 12 Uhr einen Einführungsvortrag im Evangelischen Gemeindehaus. Zu den “Meistersingern” habe ich es nicht schaffen können, mir dafür aber den “Tannhäuser” angehört. Humorvoll, unakademisch interpretiert er den Inhalt, vor allem aber zeigt er musikalische Querverbindungen auf. Bei welchem Kollegen hat Wagner sich Töne ausgeliehen? Das ist wirklich spannend zu hören. Stefan Mickisch ist in Bayreuth Kult, aber nicht nur in Bayreuth, sondern auch in Wien, in Bonn, in München und und und. Seine Gesprächskonzerte auch zu Richard Strauss, zu Beethoven und anderen Komponisten gibt es auch auf CD. Nächstes Jahr wird der gebürtige Oberpfälzer wieder in Bayreuth aktiv sein.

Spaziergänge in einer interessanten und schönen Stadt

Ein Bayreuth-Besuch erschöpft sich nicht im Besuch der Festspiele. Es lohnt sich, das barocke Markgräfliche Opernhaus zu besuchen, das noch bis Ende September 2012 besichtigt werden kann. Danach beginnt eine jahrelange Renovierung.


Markgräfliches Opernhaus Bayreuth, Foto: Renate Feyerbacher

Die Bayreuther hoffen, dass dieses Kleinod bald ins UNESCO-Welterbe aufgenommen wird.

Markgräfin Wilhelmine, preussische Prinzessin und Lieblingsschwester Friedrichs des Grossen, war eine der bedeutendsten Frauengestalten im Deutschland des 18. Jahrhunderts. Sie machte aus der Residenzstadt Bayreuth eine strahlende Kulturmetropole. Sie liess das Opernhaus erbauen und nahm Einfluss auf die Architektur und Gestaltung der Eremitage und des Neuen Schlosses.

Friederike Sophie Wilhelmine Prinzesssin von Preussen, Gemälde aus dem Umkreis des preussischen Hofmalers Antoine Pesne (1683 bis 1757)/wikimedia commons

Wagner, Franz Liszt und Jean Paul, das sind die bedeutenden Männer Bayreuths. Der Schriftsteller Jean Paul (1763 bis 1825) lebte 21 Jahre lang bis zu seinem Tod hier und band die Stadt immer wieder in seine Romane ein. Wertvolle Handschriften und Dokumente beherbergt das Jean-Paul-Museum, das heute im ehemaligen Haus der Wagner-Tochter Eva und ihres Mannes Houston Stewart Chamberlain (1855 bis 1927) untergebracht ist. Der in England geborene Schriftsteller war ein glühender Hitlerbewunderer.

Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen den Schlössern Eremitage und Fantaisie vergisst man die Enttäuschung, die einem auf dem Grünen Hügel beschert wurde.

Du liebes Baireut, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend dargeboten, man sollte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können.”
Jean Paul

 

Fotografie? Fotografie! Anette Babl im Frankfurter 1822-Forum

Mittwoch, 21. September 2011

Was sehen wir?

Impliziert diese Frage nicht sogleich die nächsten: Wie sehen wir? Wo befinden wir uns, wenn wir sehen (aber bitte nicht räumlich zu verstehen)? Was geht, wenn wir sehen, in uns vor? Was passiert mit uns selbst, wenn wir die Arbeiten der Künstlerin Anette Babl betrachten?

“Direction” aus der Serie “Mental Landscapes”, 2008 – 2011, Pigment Print, 60 x 80 cm

Was wir sehen, sind Fotografien, ob wir es dem allerersten Anschein nach glauben wollen oder nicht. Es sind grossenteils Fotografien in analoger Technik. Zu sehen sind sie im Frankfurter 1822-Forum, der Fördergalerie für junge Kunst in der Fahrgasse, ein qualitätsorientierten Kunstinteressenten wohlbekannter Ort. Wir können nur den Rat geben: hingehen und sehen. Noch bis zum kommenden Samstag, 24. September 2011, 16 Uhr.

“Die Welle” aus der Serie “Mental Landscapes”, 2008 – 2011, Pigment Print, 60 x 80 cm

Die Frankfurter Künstlerin Anette Babl “schenkt” uns diese wundervollen Arbeiten. (Wobei eine Künstlerin ihre Werke ebenso wenig verschenken kann wie ein Büroangestellter seinen 8-Stunden-Arbeitstag seinem Arbeitgeber, versteht sich.) Und was heisst “wundervoll”: Voller Wunder eben, und was ist ein Wunder? “Ein Ereignis in Raum und Zeit, das menschlicher Vernunft und Erfahrung und den Gesetzlichkeiten von Natur und Geschichte scheinbar oder wirklich widerspricht”, lehrt uns das Lexikon.

Kunst und Wunder scheinen wesensgleich. Kunst führt – und verführt – auf eine sinnliche und ästhetische Weise zu Erkenntnis. Führt und verführt in eine andere Welt, in unsere innere Welt, eine Welt der unbegrenzten Wahrnehmungen und Möglichkeiten, wenn wir sie denn nur zulassen. Ein kleiner Rostfleck, eine winzige Alge können zu grossartigen Landschaften werden, können uns in ferne Kontinente führen – und entführen. Das Kleine liegt im Grossen beschlossen wie auch umgekehrt das Grosse im Kleinen.

“Break out” aus der Serie “Mental Landscapes”, 2008 – 2011, Pigment Print, 80 x 60 cm

“Cosmic” aus der Serie “Mental Landscapes”, 2008 – 2011, Pigment Print, 80 x 60 cm

Anette Babl fotografiert. Das lässt sich so leichthin sagen, denn viele Menschen fotografieren. Weltweit werden täglich Millionen von “Bildern” fotografisch produziert. Millionen oft irrelevanter fotografischer Vorgänge, bedeutsam höchstens als Erinnerungen an zwar Erlebtes, aber oft nur durch das Objektiv der Kamera Gesehenes, jedoch kaum “Verstandenes”.

Anette Babl fotografiert auf eine andere Weise. Sie geht mit ihrer Fotografie den Dingen auf den Grund. Sie sucht nach dem Wesen der Dinge. Und wir sehen, dass sich das Wesen in dem, was wir “Bilder” nennen, erahnen, im Glücksfall darstellen, festhalten, ausdrücken lässt. Die Künstlerin zeigt uns, was uns kein Wissenschaftler mit dem Rasterelektronenmikroskop und kein forschender Mediziner zeigen kann: das Eigentliche der Dinge, will sagen das Verborgen-Wirkliche hinter den Dingen. Seit jeher bleibt solches den Künstlerinnen und Künstlern dieser Welt vorbehalten.

“Zitadelle”, aus der Serie “Zéphyr”, 2010 / 2011, Pigment Print, 80 x 60 cm

In dem zur Ausstellung erschienenen Katalog vergleicht Lilian Engelmann die fotografische Herangehensweise der Künstlerin mit der subjektiven Fotografie eines Otto Steinert: “Die Arbeiten von Anette Babl”, schreibt Engelmann, “erweisen sich insofern als selbständige fotografische Bilder, als sie die von ihr festgehaltenen Objekte und Situationen aus ihrer alltäglichen Existenz herauslöst und sie zu eigenen bildnerischern Ereignissen werden lässt, denen eine Repoetisierung der Welt innewohnt … Die Kamera bei Babl arbeitet gleich einem Mikroskop: Der Betrachtende bekommt etwas zu sehen, das ihm in der alltäglichen Wahrnehmung meist entgeht. Was das Objektiv vollzählig erfasst und beiläufig verkleinert hat, erscheint auf ihren Abzügen nun wieder vergrössert … Sie beschäftigt sich in ihren Serien mit der kulturellen Bedeutung des fotografischen Abbildes, indem sie die Technik des Mediums und die Möglichkeiten der Bildherstellung reflektiert. Dabei gelingt es ihr, eine kühle Bildanalyse mit suggestiven Bildern zu verbinden.”

“La mer sauvage”, aus der Serie “Zéphyr”, 2010 / 2011, Pigment Print, 80 x 60 cm

Sie müssen also nicht, liebe Leserinnen und Leser, in den Arbeiten der Künstlerin nach Abbildungen suchen, auch wenn jenen Abbildungen zugrunde liegen mögen. Lassen Sie sich mit diesen Bildern auf eine Reise ein, eine Reise nach einer Sicht der Dinge hinter den Dingen, hinter die Vordergründigkeit der von uns oft so banal für sichtbar und deshalb für real gehaltenen Welt.

Anette Babl, 1970 in Singen geboren, studierte zunächst Freie Kunst an der Kunsthochschule in Kassel und anschliessend Interdisziplinäre Kunst an der Frankfurter Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule – bei Professor Hermann Nitsch. 2006 schloss sie ihr Studium als Meisterschülerin von Professor Wolfgang Tillmans ab. 2009 war sie als Auslandsstipendiatin des Frankfurter Kulturamts in Dubrovnik. Seit dem Jahr 2000 stellt sie regelmässig im Rhein-Main-Gebiet und in Berlin aus. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Anette Babl, “Le vent me portera”, 1822-Forum, bis 24. September 2011

(Fotos: © Anette Babl)

20 JAHRE MUSEUM FÜR MODERNE KUNST FRANKFURT AM MAIN (6)

Montag, 19. September 2011

Andreas Slominski, Fallensteller

“Zitronenpresse”, 1995, Herrenrad, halbierte und ausgepresste Zitronen, Masse variabel, Fahrrad 115 x 170 x 55 cm, © Andreas Slominski

Ob sich die Fahrradindustrie über die Objekte von Andreas Slominski wirklich freut, wissen wir nicht so recht, veranstaltet der Künstler mit den Zweirädern doch allerlei Unerwartetes oder gar Unerhörtes. Wir kennen seine mit Plastiktüten voller erbärmlicher Habseligkeiten behangenen Fahrräder, wie wir sie tagtäglich in der Realität der Obdachlosigkeit in Frankfurt antreffen. Aber er stellt auch eines dieser Fahrzeuge als “Zitronenpresse” aus. Es scheint ein ganz gewöhnliches Herrenrad zu sein, sogar ordentlich mit Lichtanlage und Klingel versehen, kein Polizist könnte Anstoss an ihm nehmen.

Nur fahren kann man nicht mit ihm. Jedenfalls solange der Sattel steil nach oben fixiert ist; das könnte man ja noch ändern. Aber: man kann vor allem deshalb nicht mit ihm fahren, weil es im Frankfurter Museum für Moderne Kunst steht, genauer gesagt in der grossen Jubiläumsausstellung im Main Tor-Areal, man trifft es dort in der 6. Ebene an. Es ist ein handelsübliches “Fahrrad” und doch ist es wiederum keines, sondern ein Kunstwerk. Wer oder was nun macht ein Fahrrad zum Kunstwerk? Der Künstler; das Kunstmuseum, welches das “Fahrrad” in seinem Kontext als Kunstwerk erkennt und affirmiert; der Betrachter, der es als ein Kunstwerk ebenfalls anerkennt und versteht.

Slominski konterkariert in seinen Arbeiten die Erwartungshaltung, die Wahrnehmungsgewohnheiten des Betrachters: Natürlich kann man mit einem Fahrrad nicht nur fahren, sondern halbierte Zitronen auspressen, wenn man über sie rollt, wieso denn nicht? Das erscheint uns Zivilisierten zwar unvernünftig und abstrus. Und die Zitronensaftschmiere auf dem Museumsboden sieht wahrhaftig nicht besonders schön aus. Doch werden wir, und das sollen wir durchaus,  nachdenklich: Was kann man mit den uns – angeblich so vertrauten – Alltagsgegenständen tun – jenseits aller als “selbstverständlich” tradierten Zweckbestimmungen? Und welche Konsequenzen haben solche Erkenntnisse für unser Wahrnehmungsverhalten? Dies will Slominski fragen und hinterfragen.

Und wenn wir uns ärgern über solch eine “Kunst” (und damit im Grunde genommen ja über uns selbst), so sind wir bereits in die Slominski-Falle getappt!

“Vogelreusen” (aus der Serie “Fallen”), 1998, Weidengeflecht, Vogelfutter, je 85 x 139 cm, © Andreas Slominski

Ach ja, der Künstler ist ja als “Fallensteller” berühmt. Hier sehen wir zum Beispiel eine Vogelfalle: Vogel sieht Vogelfutter, fliegt gierig durchs kleine Loch hinein, frisst sich dumm und dusselig, findet nicht mehr heraus. Aber mal im Ernst: Kennt man das nicht irgendwie? Vielleicht bereits aus der die Welt und alle Politik beherrschenden Finanzwirtschaft: hohe Renditen kassieren wollen, sich in obskure Transaktionen einlassen, mitgegangen – mitgefangen – mitgehangen, das Geld ist weg, im Besitz der anderen, der cleverer bis krimineller Spekulierenden, man selbst also in der Falle?

Honi soit, qui mal y pense, pflegen wir da immer mal wieder zu sagen.

Das MMK widmete Andreas Slominski 2006/2007 eine grosse Ausstellung (und stellte im Sommer vergangenen Jahres in der Reihe “Double” seine Arbeit “Fallen-Hochsprunganlage – Berg Sportgeräte” aus). Es besitzt, wenn wir richtig gelesen haben, über 40 Werke dieses so überaus bedeutenden zeitgenössischen Künstlers, insbesondere eine Reihe von Arbeiten aus der Serie “Fallen”, darunter je eine Fuchs-, Hamster-, Iltis- und Schildkrötenfalle sowie zwei Elritzenfallen. Uff, mal rasch googeln, Elritze … hätten wir es Ihnen nicht gleich sagen können, ein Fisch natürlich, Süsswasserfisch. Schon wieder in die Slominski-Falle getappt? Oder sind wir, wenn wir vor den beiden Vogelreusen stehen, nicht doch ein wenig nachdenklicher und kritischer geworden im Umgang mit unseren eigenen Sehgewohnheiten?

“Man kommt in einer Welt an, in der alles auf dem Kopf steht, in der alle Erwartungen ins Gegenteil verkehrt werden, in der Komödie schnell zur Tragödie wird und umgekehrt, wo an jeder Ecke Fallen lauern, jederzeit bereit, den Betrachter zu übertölpeln, zu peinigen oder auch zu erfreuen” schreibt die bekannte Kuratorin Nancy Spector.

Der 1959 in Meppen geborene Künstler studierte zunächst Philosophie und anschliessend Kunst an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Nach einer Professur in Karlsruhe lehrt er an der besagten Hamburger Hochschule. Slominski lebt und arbeitet in Hamburg und im brandenburgischen Werder.

(Fotos der Ausstellungsansichten: FeuilletonFrankfurt)

Biennale Arte Venedig 2011 (6): Foto-Splitter zur Halbzeit

Freitag, 16. September 2011

Man muss ja mit allem rechnen, wenn man sich auf die Kunstreise begibt. Haben wir also ein Kunstwerk vor uns, stationiert im venezianischen Bahnhof Santa Lucia, oder gar ein durch die Lande rollendes mobiles? Wir wissen es nicht so ganz genau, nehmen aber einfach mal an, dass es sich um die üblichen “Verschönerungen” von Eisenbahnwaggons durch Sprayer handelt. Immerhin kannten diese den Munch’schen “Schrei”, was man ihnen durchaus zugute schreiben kann, und Atomkraft-Gegner waren sie überdies auch. Tutto bene.

Mit majestätischer Grösse und Würde empfangen uns die Arsenale; den Eingang zur grossen Kunst-Schau, dekoriert im typischen Biennale-Rot, kann man nicht verfehlen. Dahinter, jedenfalls zur Preview-Zeit, ein gepflegt auftretendes Publikum mit – wie es sich gehört – Highheels und Sakko (kleine Anmerkung: Die Highheels-Damen werden die Auswahl ihrer Schühchen angesichts des venezianischen Pflasters noch bereuen). Man verliert sich nicht in den engen Gassen des Arsenale-Geländes, der riesigen ehemaligen Schiffswerft und Flottenbasis der alten Republik Venedig. Alles ist ausreichend beschildert, und nach langen Wegen gelangen wir ins Pressezentrum im Teatro alle Tese, wo uns die venezianischen geflügelten Löwen begrüssen.

Betritt man die zweite grosse Ausstellungsfläche, die Giardini pubblici mit den nationalen Pavillons, so trifft man alsbald auf den säulenbestandenen Eingang des Biennale-Palastes (auch als Italienischer Pavillon bezeichnet). Schlechte Karten hat, wer dort unbedingt mal “muss”: das Volumen des Palastes steht in einem erstaunlichen Kontrast zu dem äusserst bescheidenen Anbau mit den drei oder vier winzigen Klokabinchen, vor denen man, eilig den roten Schildern folgend, leicht eine Hundertschaft Wartender vorfinden kann – je nach “Bedürfnislage” sich geduldig fügend oder in einem schon recht zappeligen Zustand.

Demgegenüber in aufgefrischter Verfassung treffen wir die zur letzten Biennale vor zwei Jahren eingerichte Cafeteria von Tobias Rehberger an: das Vexierspiel von Spiegeln, Farben und Formen überrascht und verwirrt aufs Neue. Irgendwie finden wir doch noch den Weg zur Kaffee-, Sandwich- und Kuchentheke. Der Caffè schmeckt – doch ist bei aller Flüssigkeitsaufnahme Zurückhaltung geboten: siehe vorangehenden Absatz!

Wo Kunst ist, ist oft die Politik nicht fern: Zur Preview-Zeit herrschte in Italien Wahlkampf um die vier Referenden zur Privatisierung öffentlicher Dienste, zu den Tarifen für Wasserdienste, zur Kernenergie und zur sogenannten Lex Berlusconi (strafprozessuale Fragen). Zum “Si al Referendum” fordert das Transparent am Festival-Zelt auf. Eindrucksvoll vor der Kulisse des mächtigen, die Giardini pubblici passierenden Kreuzfahrers: das kleine Segelboot mit der Parole “Liberta acqua – vieta l’ uranio – vota Si”.

Die 54. Biennale Arte Venedig schliesst am 27. November 2011. Sie, liebe Leserinnen und Leser, waren tatsächlich noch nicht dort? Gewiss, es sind noch einige Wochen bis zur Schliessung. Aber so langsam sollte man jetzt doch die Reise nach Venedig vorbereiten.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Wo Katzen über die Toten wachen …

Donnerstag, 15. September 2011

… auf dem römischen Friedhof “Acattolico” neben der Cestius-Pyramide

Dulde mich, Jupiter, hier, und Hermes führe mich später, Cestius’ Mal vorbei, leise zum Orkus hinab.

Johann Wolfgang Goethe, Römische Elegien, VII

Johann Wolfgang Goethe war von jenem Ort ergriffen, den er in seiner Siebten Römischen Elegie verewigte. Von jenem Friedhof, auf dem sein Sohn August, der 1830 noch zu Lebzeiten des Vaters während einer Italienreise in Rom verstarb, von Künstlerfreunden beigesetzt wurde.

Auch und gerade in unseren Tagen ist der berühmte Friedhof “Acattolico” (auch als “protestantischer” oder “englischer” Friedhof bekannt) an der verkehrsumtosten Piazza di Porta San Paolo, neben der Cestius-Pyramide, dem im 2. Jahrzehnt v. Chr. errichteten Grabmal des Prätors und Volkstribunen Caius Cestius, ein Ort der Stille und des Innehaltens.

Bestattungen nichtkatholischer Verstorbener fanden dort schon seit den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts statt, doch offiziell eröffnet wurde der Friedhof erst im Jahr 1821, also lange nach Johann Wolfgang Goethes Besuch von Pyramide und Grabstätten (und dessen Römischen Elegien). Vor allem viele bildende Künstler und Schriftsteller haben auf dem “Acattolico” ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Und doch ist der Friedhof von einem – wenn auch ebenfalls stillen – Leben erfüllt. Seit 1984 kümmert sich eine Gruppe von Tierfreundinnen und Tierfreunden unter der Leitung von Frau Matilde Talli um die heimatlosen Katzen, die sich dort schon seit langen Jahrzehnten auf der Flucht vor dem lebensfeindlichen Strassenverkehr und vor den Grausamkeiten so mancher Menschen angesiedelt hatten. Die Tiere werden gefüttert und gepflegt, sterilisiert und tierärztlich versorgt. Sie danken es den ihnen Wohlgesonnenen mit Zutraulichkeit und Zärtlichkeit.

Man braucht nur wenige Schritte im Schatten der Schirmpinien und Zypressen zwischen den gepflegten Grabstätten zu gehen, um hinter einem Stein ein Katzenköpfchen hervorlugen zu sehen. Die Katzen geniessen sichtlich die Ruhe, schreiten auf ihren Samtpfötchen behutsam über die Platten und Wege, begegnen sich mit Begrüssungsritualen und auch mal einem neckischen Haschen. Und stets wahren sie die Würde dieser besonderen Stätte. Eine kleine Gedenktafel aus dem Jahr 2006 ist dem Kater Romeo gewidmet.

Die Katzen der Pyramide in Rom warten, liebe Leserinnen und Leser, auf Ihren Besuch, und sei er zunächst nur virtuell. Nehmen Sie sich ein wenig Zeit, die Aktivitäten der Gruppe um Frau Matilde Talli näher kennenzulernen.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)