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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Der Frankfurter “Jedermann”

Geld, Gier, Glamour –
der Frankfurter “Jedermann” in der Naxos Halle – Theater Willy Praml

Text: Renate Feyerbacher

Sie rennen, stolzieren, schlenkern ihre Business-Köfferchen mit Akten und Geld, schiessen, tanzen zu poppiger Musik – es sind die Gäste, die in grosser Abendrobe Jedermanns Einladung gefolgt sind. So wird das Publikum, während es in die ausverkaufte Halle strömt, eingestimmt.

Dann geht die Party genauso hüpfend, tanzend, stolzierend und springend weiter mit dem Prolog: “Ladies and Gentlemen. Wir spielen heute ein altes Stück. Es heißt “Everyman”. The leading part is everyman. That means: everyone, you and I and all of us”. Mit diesen Worten hat Max Reinhardt, österreichischer Theaterregisseur, Intendant und Theatergründer, der 1937 das deutschsprachige Theatergeschehen verlassen musste, 1940 in Hollywood eine Werkstattaufführung des “Jedermann” eingeleitet. Zusammen mit dem österreichischen Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal, der die alte Legende deutschsprachig wiederbelebte, hatte er bereits 1911 “Jedermann”, “das Spiel vom Sterben des reichen Mannes” im Berliner Zirkus Schumann uraufgeführt. 5000 Zuschauer waren damals dabei. Dann gründete er zusammen mit Hofmannsthal, Richard Strauss und anderen 1920 die Salzburger Festspiele, die im selben Jahr den Jedermann zeigten, der heute noch eine unendliche Geschichte ist – Jahr für Jahr auf den Treppen vor dem Salzburger Dom, wenn es nicht regnet. Dazu hätte die Eröffnungsrede des Schweizer Globalisierungs-kritikers Jean Ziegler “Der Aufstand des Gewissens – Ein Traum für Salzburg”, die er nicht halten durfte, vorzüglich gepasst: “Wunder könnten in Salzburg geschehen: Das Erwachen der Herren der Welt. Der Aufstand des Gewissens! Aber keine Angst, dieses Wunder wird in Salzburg nicht geschehen … Gegen das eherne Gesetz der Kapitalakkumulation sind selbst Beethoven und Hofmannsthal machtlos.”

Die grandiose Salzburger Kulisse hat Regisseur Willy Praml nicht zur Verfügung, aber immerhin die Naxoshalle, deren Weiträumigkeit, deren Architektur diesmal aber nicht zum Zuge kommt. Michael Weber, auch für die Figur des Jedermann verantwortlich, ist wie immer für die Bühne und die Kostüme zuständig. Dort, wo sonst das Publikum sitzt, wird agiert. Die Stufen verhelfen dem dramatischen Geschehen im zweiten Teil zu dem Höhepunkt, den es anfangs nicht immer gibt.

Zunächst spielen die Schauspieler ganz nah beim Publikum auf einem lilafarbenen Teppich. Wir gehören dazu: everyman. Dennoch: Jedermann und seine Freunde sind Banker? Die Aktenköfferchen deuten darauf hin. Der Tanz ums Geld wird durch Projektionen visualisiert: Attribute von Reichtum (Bulgari-Uhren, Brilliantenkolliers, feinste Dessous) flirren über die seitlichen Installationswände. Dazu ununterbrochen Musik. Musik, wie sie auf den “After Work-Partys” in Frankfurt die Leute einlullt.

Die Grundidee fasziniert, wird aber hektisch und wenig variierend umgesetzt.

Die Akteure kommen und verschwinden wie in Alfred Schnitzlers “Reigen”, einer nach dem andern, schlenkern ihre Aktenköfferchen und sagen den Hofmannsthalschen Text mehr oder weniger auf. Er geht unter.

Szenenbilder: © 2011 THEATER WILLY PRAML, Frankfurt am Main; Fotos: Seweryn Zelazny

Michael Weber als Jedermann gibt sich aalglatt, oberflächlich, die ständige After-Work-Stimmung lässt ihm aber keine Chance, die Rolle zu vertiefen. Dann in der Stunde des Todes, bei der Suche nach Gefährten, die ihn ins Jenseits begleiten sollen, ist er aggressiv, verzweifelt, wütend und schliesslich geläutert. Sein Spiel gewinnt Konturen. Ebenso Birgit Heuser: als Buhlschaft ohne erotische Momente, verkörpert sie nun Jedermanns erbärmlich anzusehende “Werke”. Da ist sie gut, und Jedermann, dem seine Buhlschaft gleichgültig schien, verliebt sich geradezu in die Werke und wirbt zärtlich um sie.

Der Tod als Frau und Mann: sie im schwarzen Paillettenkleid und er als Sensen-Mann im weißen Frack. Von Anfang begleiten sie das Geschehen tanzend und schreitend. Das sind eindrückliche Momente der Praml’schen Inszenierung mit ihrem Schwerpunkt: Mensch, denke dass du sterblich bist.

Grossartig die Szene des Todespaares, wenn jeder der Gäste die Zwischentexte von Bret Easton Ellis, Michel Houellebecq, Philipp Roth, Andy Wahrhol und Christoph Schlingensief sprechen und der Tod Grimassen schneidend beziehungsweise die Sense schwingend daneben agiert. In glitzernder schwarzer langer Abendrobe, die Haare durch einen Turban gebändigt, verleiht Andreina Conti (alias Andreina Coatto) dieser Rolle unglaubliche schauspielerische Augenblicke. Als Gerichtsrat Walter hat sie schon in “Der Zerbrochene Krug” auf sich aufmerksam gemacht. Ausdrucksstark ihr Compagnon Andreas Bach.

Die Idee, Musik einzusetzen, überzeugt. Aber auch, wenn sie am Mischpult durch Gregor Praml und Jakob Rullhusen grossartig realisiert wurde, es ist zuviel Musik. Die ganze Zeit wummert ein Bass. Besinnung dann, wenn der Club-Sound von Wolfgang Amadeus Mozarts “Requiem” – Fragmenten durchbrochen wird. Da gibt es Emotionen.

Fremd bleibt des Teufels Auftritt ganz zum Schluss: Die ganze Zeit hat er sich nicht blicken lassen, genauso wenig wie Gott, der nur zu Beginn durchs Ensemble sagen lässt: “Mag länger das nit ertragen, dass alle Kreatur gegen mich, ihr Herz verhärtet böslich …”. Es war konsequent, beide nicht auftreten zu lassen. Nun doch noch der Teufel in Person von Willy Praml in knallrotem Strassenanzug, spitze Teufelshörner auf dem Kopf: das war überflüssig, denn drei Stunden lang, zu lang, ging es ja um ihn, und um die Eigenschaft, die er den Menschen ständig schmackhaft macht: Gier.

Alles in allem aber: eine aussergewöhnliche Inszenierung à la Praml, die nicht verpasst werden sollte. Viele im Publikum waren begeistert.

Das Premierenpublikum fordert viele “Vorhänge” (Fotos: Renate Feyerbacher)

Weitere Aufführungen im August und September2011 im Theater Willy Praml Frankfurt am Main.

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