home

FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for August, 2011

Biennale Arte Venedig 2011 (5): Christoph Schlingensief oder: der Gold-Pavillon

Mittwoch, 31. August 2011

Einst waren wir Papst! Sind wir heute Biennale Venedig? Wir wissen es nicht, denn FeuilletonFrankfurt ist keine Bild-Zeitung, und das ist auch gut so!

GOLD für Deutschland, endlich einmal nicht in Form von Medaillen für Menschen in ekligbunter, mit Werbung der aufdringlichsten Art bedruckter Kunststoffkleidung, die ihre ach so kurze Lebenszeit in “Muckibuden” vergeuden oder, schlimmer noch, mit Anabolika, Beta-2-Agonisten oder Cannabinoiden versüssen. Nein, GOLD für Deutschland heisst heuer:

GOLD für KUNST!

GOLD für den “besten nationalen Auftritt ‘Christoph Schlingensief’“ zur diesjährigen Biennale in Venedig, für den Deutschen Pavillon, für die Kuratorin (“Kommissarin”) Susanne Gaensheimer, für – posthum – Christoph Schlingensief.

Susanne Gaensheimer und Aino Laberenz (Witwe Christoph Schlingensiefs, links) mit dem Goldenen Löwen

Wir gestehen – nicht weil wir wie die meisten Leute hinterher klüger sind als vorher -: den Deutschen Pavillon haben wir schon bei unserem ersten Besuch am Eröffnungstag mit “weichen Knien” verlassen. Christoph Schlingensiefs künstlerische Arbeit ist für uns auf eine unerhört aktuelle Weise bedeutsam und relevant geworden.

Wie wir alle wissen: Im Frühjahr 2010 hatte Susanne Gaensheimer Christoph Schlingensief berufen, den Deutschen Pavillon zur Biennale 2011 zu gestalten; am 21. August 2010 erlag der Künstler seinem Krebsleiden. In enger Kooperation mit Schlingensief-Witwe Aino Laberenz sowie Mitarbeitern und Vertrauten des Künstlers gestaltete Gaensheimer den Pavillon, im Zentrum mit der Bühneninstallation des Fluxus-Oratoriums von Schlingensief zur Ruhr-Triennale 2008

“Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir”.

Unseren geneigten Leserinnen und Lesern empfehlen wir, dem Link zu folgen und sich mit dieser einzigartigen Arbeit eingehender zu beschäftigen.

Wer hineingeht, kommt meist als ein anderer wieder heraus: Eingang zum Deutschen Pavillon

Zwei junge Besucherinnen, kniend in der “Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” im Deutschen Pavillon

Der Bühnenaufbau stellt die Kirche in Oberhausen nach, in der Schlingensief in seiner Jugend viele Jahre als Ministrant gewirkt hatte. Mit Kirchengestühl für die Besucher zum Niedersetzen und Niederknien. Mit Musik und akustischen Elementen, mit einer Vielzahl von Filmprojektionen. Mit Zitaten und Allegorien, Metaphern und Assoziationen. Eine grossartige, fantastische Raum-Klang-Bild-Installation, deren unvermittelte Wucht und deren Magie uns in Bann ziehen.

Schlingensief verfasste das Oratorium als zweiten Teil seiner Krankheitstrilogie, nach der Entnahme eines Lungenflügels und einer längeren Chemotherapie. Es ist, schreibt Susanne Gaensheimer im Katalog zur Ausstellung, “vielleicht das persönlichste Stück von Christoph Schlingensief, in dem er seine Krankheit in aller Offenheit und Schonungslosigkeit darstellt und anhand seiner eigenen Betroffenheit den existenziellen Kreislauf von Leben, Leiden und Sterben thematisiert”.

Man hat Schlingensief vorgeworfen, er instrumentalisiere seine Krebserkrankung in seiner Arbeit, ja er vermarkte sie gewissermassen in seinen Produktionen. Auch dies ist barer Unsinn. Krankheit gehört zum Leben wie Geburt und Tod. Was gäbe es an Wichtigerem für einen Künstler, mit welchem er sich auseinandersetzen könnte?

Eine knappe Stunde Zeit nimmt die multimediale “Aufführung”, der “Loop” im Deutschen Pavillon in Anspruch. Eine Stunde wertvoller, unwiderbringlich verstreichender Lebenszeit. Der Besuch des Pavillons gehört zweifellos zum Besten, was man aus dieser Stunde Lebenszeit in diesem Jahr, bis zum Ende der Biennale am 27. November, in Venedig machen kann.

“… am Ende will ich sicher sein können, dass meine Arbeit einen sozialen Gedanken hat” (Christoph Schlingensief)

Im rechten Seitenflügel des Pavillons befindet sich ein Kino, in dem während der Öffnungszeiten der Biennale sechs Filme Schlingensiefs aus unterschiedlichen Schaffensperioden gezeigt werden. Im linken Seitenflügel wird Schlingensiefs Projekt des Operndorfes nahe Ouagadougou in Burkina Faso präsentiert.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

 

Andreas Scholl – weltberühmter Countertenor

Montag, 29. August 2011

Eine musikalische Rheingau-Reise

Text und Fotografien: Renate Feyerbacher

“Eine wunderbare Idee” nannte Andreas Scholl die Veranstaltung am 16. Juli 2011, die das Rheingau Musik Festival ausgezeichnet organisiert hatte. Wunderbar deshalb, weil er den Menschen, seinem Publikum, nahe sein konnte wie im Kirchhof von Hallgarten und nicht – wie nach einem Konzert in den Kulturtempeln – Anzug und Krawatte auszieht und verschwindet.

Andreas Scholl im Kirchhof von Mariae Himmelfahrt Hallgarten / Oestrich-Winkel

Deshalb, weil er seine Heimat vorstellen durfte, in die er nach 20 Jahren Aufenthalt in Basel und weltweit zurückgekehrt war. Deshalb, weil er seine Lieblingsensembles und wohl auch seine Lieblingsmusikerin, die Lebensgefährtin Tamar Halperin, einladen konnte. Die israelische Cembalistin und Musikwissenschaftlerin, die über ihren favorisierten Komponisten Johann Sebastian Bach (1685 bis 1740) an der renommierten Juilliard School in New York promovierte, spielte Bachs Suiten beim ersten Halt in der Schiersteiner Christophoruskirche.

Tamar Halperin und Andreas Scholl nach dem Konzert am 16. Juli 2011

Das Team des Rheingau Musik Festivals hatte zuvor die Teilnehmer am Wiesbadener Hauptbahnhof eingesammelt und in fünf Bussen zum ersten der drei vorgesehenen Konzertorte bringen lassen: nach Wiesbaden – Schierstein.

Die protestantische Kirche Christophorus im Stadtteil Schierstein wurde von 1752 bis 1754 im Stil des ausklingenden Barock und Rokoko gebaut. Es ist die schönste Rokokokirche Hessens. Sie wurde grösstenteils von Frankfurter Patriziern finanziert, die dort ihre Landhäuser hatten. Noch heute gibt es ihre Kirchenstühle.

Der Saalbau, dessen Grundriss dem Goldenen Schnitt entspricht, hat eine gute Akustik. Selbst auf der oberen Empore erklingt die Cembalo-Musik und der Gesang des Gastgebers Andreas Scholl klar und durchdringend.

Hochaltar in Christophorus

Der elegante Kanzelaltar – Altar (Sakrament), Kanzel (Wortverkündigung), Orgel (Lobpreis) – entspricht protestantischer Auffassung. Ihn flankieren Säulen und Putten. Fliessend geht er über in die Orgelempore, die wie die Gesamtkirche in eindrucksvoller Farbgebung gehalten ist.

Dieses Ambiente ist fantastisch für die Bach-Suiten, die Tamara Halperin spielte. Suite – der Name beziehungsweise der Begriff leitet sich vom ursprünglich vulgären Fachbegriff “la suite” (die Folge) her, stieg dann aber in die oberen Kreise auf und wurde hoffähig. Aus dem feinen, französischen “à la suite” wurde “en suite” für jedermann. Die Musik übernahm den Begriff. Die “Französische Suite” G-Dur BWV 816 setzte die Tänze Allemande (deutsch), Courante (französisch), Sarabande (spanisch) und so weiter “en suite” hintereinander. Die sympathische Künstlerin Tamar Halparin interpretierte sie differenziert: mal sanft, feinfühlig, dann stürmisch, impulsiv. Eine Entdeckung für mich. Sie erhielt schon verschiedene Preise, unter anderem den ECHO Jazz 2010 für die CD “Wunderkammer” zusammen mit dem Jazzpianisten Michael Wollny. Die Beiden kombinieren verschiedene Tasteninstrumente.

Andreas Scholl gibt in Christophorus die erste Kostprobe seiner wunderbaren Stimme. Er singt aus Henry Purcells Schauspielmusik zu “Oedipus, King of Thebes” die Arie “Music for a while”, ein Loblied auf die Schmerzen lindernde Kraft der Musik.

Es kann nicht überzeugender interpretiert werden.

Der Sänger hält es für eines der schönsten Lieder, die je geschrieben wurden. Die Musik habe “etwas Hypnotisches, von dem man angezogen wird”. Der Barockhit ist auf Scholls neuer CD “O Solitude purcell” mit der Accademia Bizantina unter der Leitung von Stefano Montanari zu hören, ebenso der berühmte sogenannte “Cold Song” aus der Semi-Oper “King Arthur or The British Worthy”. Semi-Oper ist eine spezielle Form der englischen Barockoper: gesprochenes Drama mit langen gesungenen, getanzten und instrumentalen Szenen.

 

Musik-Audiofile: bitte anklicken:

Andreas Scholl – What Power Art Thou – Cold Song – Snippet

© – Alle Rechte vorbehalten – Decca / Universal Music

 

“What power art thou”

“Was bist du nur für eine Macht,
die mühsam mich und wider Willen
von meinem tiefen Bett aus ewigem Schnee emporgebracht?
Sieh’ doch, dass uralt ich und steifgefroren,
die Kälte kaum noch mag ertragen,
schwer nur noch atme und die Regsamkeit verloren!
Geh, lass mich erfrieren in des Frostes Nacht.”

Wie Andreas Scholl diese Arie interpretiert, ist fulminant. Der kalte Schauer durchläuft den Körper. Diese berühmteste Szene des Werkes will beweisen, wie die Macht der Liebe (Cupido) imstande ist, jedes noch so kalte Herz aufzutauen.

Seine Liebe zur Musik Henry Purcells (1659 bis 1695), den überragenden Barockkomponisten Englands, hat der Sänger während seiner Baseler Studienzeit an der bedeutenden Schola Cantorum Basiliensis entdeckt. Immer wieder hat er Purcells Lieder gesungen, aber erst jetzt erstmals aufgenommen. Zu zwei Gesängen dieser neuen CD hat er den französischen Countertenor Christophe Dumaux eingeladen, mit dem er an der Metropolitain Opera in New York debütierte. Dabei sind auch seine Freunde von der Accademia Bizantina, mit denen er schon lange musiziert.

Vier dieser Musiker begleiteten ihn auch auf der musikalischen Rheingaureise, deren nächste Station das Weindorf Hallgarten war, das zwischen Wiesbaden und Rüdesheim etwas abseits vom Rheinufer, am Fusse der 580 Meter hohen “Hallgartener Zange” liegt.

Andreas Scholl und Mitglieder des Freundeskreises Mariae Himmelfahrt

Im Kirchhof hatte der Freundeskreis der Katholischen Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt zunächst für das leibliche Wohl der Teilnehmer gesorgt, zu denen sich Michael Herrmann, der vielbeschäftigte Geschäftsführer des Rheingau Musik Festivals, kurze Zeit gesellte und wie immer die Gäste begrüsste.

Die Freunde der Pfarrkirche unterstützen mit dem Verkauf des “Hallgartener Glockeschoppe”, eines mundigen Weines, unter anderem die Pflege des Kircheninventars. Dazu gehört vor allem die Hallgartener Madonna, die sogenannte Schröter-Madonna.

Hallgartener Madonna – auch Schrötermadonna genannt

Die Weinschröter waren angesehene Männer. Sie mussten die weingefüllten Eichenfässer mittels Schrotbaum und Schrotleiter vom Keller zum Fuhrwerk verladen, eine schwere Arbeit. Sie stifteten dieses Kleinod der Legende nach aufgrund wundertätiger Hilfe der Jungfrau Maria. Das Hauptwerk eines unbekannten mittelrheinischen Meisters stammt aus der Zeit um 1415. Die 113 Zentimeter hohe gotische Figur ist aus gebranntem Ton und hat eine “Schwester” im Louvre, “La belle Allemande” (Die schöne Deutsche) oder “Vierge de mayence” (Jungfrau von Mainz) genannt, die 1803 während der Säkularisierung aus dem Kloster Eberbach entführt worden war.

Hallgartener Madonna (Ausschnitt)

Das Jesuskind hält Weintrauben in seiner Hand und die in der Kunstgeschichte als “Madonna mit der Scherbe” bekannte Maria einen kleinen Weinkrug (mundartlich Scherbe genannt). Sie steht auf einem untergehenden Gesicht (Mond). “Das im Verhältnis zur Plastik ungewöhnlich grosse Männerantlitz könnte als die der Vergänglichkeit (Mond als Symbol der Vergänglichkeit) verfallene Menschheit insgesamt gedeutet werden. Es könnte aber auch das Gesicht Adams sein, der nach der Erlösung durch Christus ausschaut”, so die theologische Deutung im “Kleinen Führer” der Kirche.

Hallgartener Madonna – Ausschnitt Mond

Die Baugeschichte von Mariae Himmelfahrt, die noch weitere Kleinode besitzt, beginnt im 12. Jahrhundert. Mehrfach wurde sie bis ins 20. Jahrhundert baulich verändert.

Im vorderen Teil des Chorraumes vor den Glasmalereien (1962) in den drei gotischen Masswerkfenstern musizieren Mitglieder der Accademia Bizantina.

Stefano Rossi (Violine und Leitung), Tiziano Bagnati (Laute), Marco Frezzato (Violoncello), Francesco Baroni (Cembalo und Orgel)

Das Quartett spielte italienische Werke aus dem 17. Jahrhundert und begleitete Andreas Scholl bei Purcells Abend-Hymne “Now that the sun hath veiled his light”. Purcells Musik “ist keine Musik für Musikologen, es ist Musik für den Menschen”, so schreibt Andreas Scholl im Textheft zur CD. Und der Künstler singt für die Menschen, die in der Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt dabei sind. So wird es wirklich empfunden.

Andreas Scholl und Mitglieder der Accademia Bizantina

Der 1967 in Eltville geborene Andreas Scholl erhielt seine erste musikalische Ausbildung bei den Kiedricher Chorbuben. Seit 1333 gibt es diese Einrichtung in dem etwa 4000 Einwohner zählenden Rheingauer Weindorf Kiedrich. Der Chor, Jungen und Männer, singt “an erster Stelle Gregorianik, aber hier in einer gotischen Variante des Gregorianischen Chorals im sogenannten Germanischen Dialekt, aufgezeichnet mit gotischen Hufnagelnoten in grossen Folianten, dem Kiedricher Graduale. Melodisch wirkt dieser Gesang, der sich nur noch hier im Proprium (den wechselnden Texten des Gottesdienstes) erhalten hat, durch erhöhte Spitzentöne frischer, an anderen Stellen auch unbekümmerter, lebendiger“ (Homepage der Kiedricher Chorbuben). Aber auch die Mehrstimmigkeit kommt zum Zuge.

Elisabeth Scholl, seine Schwester, war das erste Mädchen, das in den Chor aufgenommen wurde. Sie ist heute auch eine gefragte Interpretin alter Musik. (Die Geschwister gaben einen Tag später ein Konzert in Kloster Eberbach.)

Fünfmal in der Woche proben die Kiedricher Knaben, die Männer zweimal. Etwa einhundert Mal im Jahr tritt der Chor in Aktion. Sonntags kann man ihn im Choralhochamt in der Basilika St. Valentin zu Kiedrich im Rheingau hören – eine der schönsten gotischen Bauwerke dieser Kulturlandschaft. Sie ist dem Heiligen Valentinus und dem Heiligen Dionysius gewidmet und hat eine der ältesten bespielbaren Orgeln der Welt. Besonderheiten sind der Lettner und die fast komplette gotische Innenausstattung.

In dieser Kirche nahm Andreas Scholl 2010 die CD mit Liedern von Oswald von Wolkenstein auf.

Ensemble White Raven und Andreas Scholl

Ein Lied des im Spätmittelalter lebenden Lyrikers, Komponisten, Ritters, Politikers und Botschafters Oswald von Wolkenstein gehörte zum Programm der letzten Station der Rheingaureise. In der Mittelheimer Basilika St. Aegidius, deren Bausubstanz fast unverändert aus dem 12. Jahrhundert stammt, erklang nun ein anderer musikalischer Stil.

Das Ensemble White Raven sang traditionelle irische Lieder, die Kathleen Dineen, Gründerin dieser A-Capella-Formation, meistens arrangiert hat. Wie Andreas Scholl hat die Irin an der Schola Cantorum Basiliensis studiert, wo sie heute lehrt. Mit von der gesanglichen Partie waren der Tenor Robert Getchell und der Bariton Raitis Grigalis. Natürlichkeit und Einfachheit gepaart mit sängerischer Könnerschaft zeichnet das Terzett aus, das durch Andreas Scholl manchmal zum Quartett erweitert wird. Dineens klarer, natürlicher Sopran begeistert. Die Stimmung der Künstler übertrug sich auf die Zuhörer. Ihnen gefiel der “mühelose Gesang”. “Kunst ist es, wenn es nicht nach Kunst klingt”, scherzte Andreas Scholl.

Ein sonniger Tag verwandelte sich in einen Unwetter ankündigenden Abend. Nibelungenhaft dunkel wurde es nach und nach.

Der Rhein bei Oestrich-Winkel am Abend des 16. Juli 2011

Das Frankfurter Musikpublikum hat am 24. Januar 2012 die Gelegenheit, den Lied-, Oratorien- und Opernsänger Andreas Scholl, der seit Jahren zu den besten Countertenören der Welt gehört und vielfach ausgezeichnet wurde, in der Oper Frankfurt als Liedsänger zu erleben. Tamar Halperin wird ihn am Klavier begleiten.

 

Pisa von innen II (3)

Sonntag, 28. August 2011

von © Salias I.

Mittwoch, 4.5.11

Alles hat geklappt: wecken, wickeln, trösten, anziehen, tränken, das Baby Abschied nehmen lassen von der Mama, die heute so früh zur Arbeit muss; dann selber aufs Klo gehen, schnell frühstücken, das Baby befrieden, beruhigen, bändigen, nebenbei die Sachen packen, Jacke, Schuhe anziehen, dann hat es sich nochmal eingeschissen: alles wieder ausziehen, wickeln, wieder anziehen; und am schlimmsten: sein Gesicht mit Sonnencreme einschmieren, das will die KiTa bei Ankunft schon erledigt haben.
Nur das Essen hat nicht geklappt: das Baby wollte noch nichts. Um rechtzeitig in der KiTa zu sein, drücke ich ihm zwei Reiswaffeln in die Hände, die es auch festhält, aber leider nicht isst; so brechen wir auf, mag es unterwegs die Waffeln essen, die es weiter festhält.
Um 9 Uhr treffe ich mit dem Baby in der KiTa ein, gerade noch rechtzeitig (die Bringzeit endet um 9.00), aber gerade jetzt fängt es an, seine Reiswaffeln anzuknabbern. So ein Pech: rennt es nun mit der bröckelnden Reiswaffel ausgerechnet in die Arme von G, unserer strengsten Erzieherin!
G’s Rüffel war vorhersehbar: “Du weisst doch, dass die Kinder nichts zu essen mitbringen sollen!”
Ich gebe mein Vergehen zu (weiterlesen…)

Der Unmensch

Freitag, 19. August 2011

Ein Kommentar
von Hans-Burkhardt Steck

Rechtsanwalt und Dipl.-Soziologe

Magnus Gäfgen ist ein scheusslicher Mensch. Keiner mag ihn leiden, und er tut mit Hingabe und kongenialer anwaltlicher Vertretung alles, damit das so bleibt.

Eigentlich ein richtiger Unmensch. Aber gibt es eigentlich Unmenschen? Urmenschen schon, aber Unmenschen? Und wenn es Unmenschen gibt, müsste es doch eigentlich auch Untermenschen geben …

Woran könnte man solche Herrschaften erkennen? Zum Beispiel daran, dass sie weniger Rechte als wir anständigen, braven und gerechten Bürger haben. Selbst dran schuld, an ihrem unmenschlichen Charakter.

In so einer anwaltlichen Praxis beobachtet man ein interessantes Phänomen: Ein Gutteil der Mandanten ist von dem Drang beseelt, nachzuweisen, dass es sich bei ihrem Prozessgegner um einen schlechten Menschen handele, der den ganzen Tag lüge und betrüge und deshalb auch den aktuellen Prozess unbedingt verlieren müsse. Man brauche nur dem Gericht die Niedertracht und Schlechtigkeit dieses Gegners nahezubringen, schon habe man den Sieg im Rechtsstreit so gut wie in der Tasche.

Weil es schön ist und viel Freude macht, schlechte Sachen über andere Menschen schreiben zu dürfen und dafür auch noch Geld zu kriegen, kommt so mancher Anwalt dem gerne nach. Zumal Gegenseiten ja auch wirklich das Letzte sind.

Spätestens in der mündlichen Verhandlung muss sich der Mandant dann aber vom Gericht sagen lassen, dass der Charakter des Prozessgegners nicht das geringste mit dem Verfahren zu tun habe. Auch die bösesten Menschen können Recht haben und Prozesse gewinnen. Kaufst Du zum Beispiel einem Mörder ein Auto ab, wirst Du es wohl bezahlen müssen. So schwer es Dir fällt.

Auch der Herr Gäfgen ist natürlich nicht rechtlos und kann einen Prozess ganz oder teilweise gewinnen, wenn er im Recht ist. Das war er mit seiner Schmerzensgeldklage ohne jede Frage, denn etwas Verboteneres als die Tortur und ihre Androhung gibt es nicht. Wer foltert oder damit droht, verletzt die Menschenwürde seines Opfers. Egal, warum er es macht.

Wie, was, Menschenwürde? Hat der Gäfgen die vielleicht geachtet? Wie kann er da auf seine pochen? Hat er die nicht verwirkt oder wie das heisst? Er ist doch nun wirklich ein Unmensch! Wer sonst, wenn nicht er?

Viele meinen nun: Folterverbot geht klar, das ist eine gute Sache. Aber in so einer Situation wie bei Herrn Gäfgen, wo der selber behauptet, das Kind lebe noch, aber nicht damit rausrücken will, wo er es eingesperrt hat – da wird man ihn doch unter Druck setzen dürfen. Da kann es doch nicht verboten sein, den mit Drohungen zum Reden zu bringen. Schliesslich geht es doch um das Leben eines Kindes!

Das stimmt natürlich, und das ist auch ein ganz schlimmes Dilemma für die Polizei gewesen. Aber man darf eines nicht vergessen (von der unseligen Vergangenheit ganz abgesehen): Man stelle sich vor, das Kind wäre aufgrund der Folterdrohung oder, noch schlimmer, erst aufgrund einer durch Schmerzzufügung erzwungenen Aussage gerettet worden. Das wäre natürlich ein ganz grosses Glück für die Familie von Metzler gewesen – aber um welchen Preis? Was wäre dann für eine Diskussion losgebrochen! Mit der Bildzeitung als Speerspitze wäre die Wiedereinführung der Folter verlangt worden. Natürlich nicht ganz so schlimm wie im Mittelalter und unter ärztlicher Aufsicht, aber schon ordentlich, sonst bringt es ja nichts. Selbstverständlich dürfen nur Schuldige gefoltert werden, das ist ja wohl sonnenklar. Unschuldige auf keinen Fall. Und da bist du auch schon am Ende. Wie willst du die voneinander unterscheiden? Siehe nur Kachelmann

Erste Ausgabe des Bundesgesetzblatts I vom 23.05.1949 mit dem Text des Grundgesetzes; Foto: Milgesch

Allein so eine Diskussion wäre ein wirkliches, schweres Unglück für unser Land gewesen. Denn es gibt Dinge, die darf und sollte man nicht ernsthaft diskutieren. Wer Folter oder die Drohung damit in Ausnahmefällen für vorstellbar hält, der ist, das kann man nicht anders ausdrücken, ein Verfassungsfeind. Das Grundgesetz hat der Menschenwürde, die untrennbar mit der Unwürdigsten aller Behandlungen, nämlich der Folter, verknüpft ist, gewissermassen den Status der Nichtdiskutierbarkeit gegeben. Bei der Menschenwürde gibt’s nämlich nichts zu diskutieren, nichts zu pochen und nichts zu verwirken. Denn die wichtigste Lehre, die aus den Greueltaten des Dritten Reichs gezogen wurde, sind sechs Worte: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ein einmaliger Begriff, der sich in keinem anderen Gesetz findet. Er meint vor allen Dingen: Nichts und niemand darf die Menschenwürde beeinträchtigen – auch nicht der Mensch selbst! Die eigene Menschenwürde ist der Selbstbestimmung entzogen! Ja, auch Du darfst Deine Menschenwürde nicht einmal antasten!

Logische Folge: Niemand kann auf seine Menschenwürde verzichten, niemand kann sie verwirken, und wenn er noch so greuliche Dinge tut. Meine Menschenwürde gehört eben nicht mir, wie mein Bauch. Ihre Unantastbarkeit ist die Grundregel unseres Zusammenlebens. Das hat die Nazizeit auf entsetzlichste Art und Weise ein für allemal bewiesen. Ihrer Würde beraubte Menschen werden rechtlos und vogelfrei. Der Schritt zum Un- und Untermenschen lockt, aber in den Abgrund.

Wer nun meint, Herr Gäfgen habe kein Schmerzensgeld verdient, der verkennt, dass der Herr Gäfgen ein Mensch ist. Das reicht, um seine Menschenwürde unantastbar zu machen. Un- und Untermenschen gibt es nämlich nicht. Die sind durch Artikel 1 des Grundgesetzes schlicht und ergreifend abgeschafft worden. Es kommt überhaupt nicht darauf an, wer gefoltert oder damit bedroht wird. Jeder, der so behandelt wird, hat einen Anspruch auf Schmerzensgeld, auch wenn er selber ein noch so niederträchtiger, bösartiger Halunke ist.

Wie hoch der Gesetzgeber einen solchen Anspruch ansiedelt, das steht seit eh und je im Bürgerlichen Gesetzbuch. Da heißt es in Paragraph 393: “Gegen eine Forderung aus einer vorsätzlichen unerlaubten Handlung ist die Aufrechnung nicht zulässig.” Das ist eigentlich ein ziemlicher Hammer. Es bedeutet nämlich, dass die ganzen Geschichten über Gegenforderungen an den Herrn Gäfgen, zum Beispiel die Kosten des Prozesses, die er ja zu vier Fünfteln tragen muss, oder auch die Kosten aus seinem Strafverfahren, so nicht richtig sind. Die können nicht gegen den Schmerzensgeldanspruch aufgerechnet werden. Der Gesetzgeber hat dem Schmerzensgeld in diesem Punkt denselben Rang gegeben, wie einem Anspruch auf Unterhalt. Woran man sieht, wie wichtig er ihn nimmt. Allerdings: Wenn das Geld erst mal auf dem Eigengeldkonto des Herrn Gäfgen in der Justizvollzugsanstalt oder auf einem Konto seines Rechtsanwalts gelandet ist, können die Gläubiger, allen voran das Land Hessen, natürlich eine Kontopfändung ausbringen. Aber das wissen die selbst am besten.

Faksimile des Grundgesetzes von 1949, wie es jedes Mitglied des Parlamentarischen Rates erhielt (Exemplar von Theodor Heuss im Theodor-Heuss-Haus Stuttgart; Eigentum Familienarchiv Heuss); Foto: Andreas Praefcke

Reisen: Apulien

Mittwoch, 17. August 2011

Apulien – Eine Bahnreise in den Stiefelstöckelabsatz

Text: © Juliane Adameit

Bitte einsteigen, die Fahrt geht ’gen Süden immer geradeaus.

Per Bahn führt der Weg ab Frankfurt am Main quer durch Bella Italia. Zunächst geht es mit Umsteigen über Basel oder Zürich über die Alpen durch die Schweiz. Die Durchreise dauert nicht lange. In Eile, aber mit Weile fährt der Zug bei Chiasso dann schliesslich nach Italien ein. Zuerst kommt Como, dann aber gleich Mailand, die italienische Partnerstadt von Frankfurt. Nach den grünen Weiden, der Alpenidylle und den vielen Seen entlang der Zugstrecke durch die Schweiz ist man nun wieder mitten in der Stadt. Der erst kürzlich umfassend renovierte Bahnhof von Mailand erwartet den Reisenden geschäftig, umtriebig und hastig. Viele Menschen rennen noch dem Zug hinterher oder man trifft sich rasch auf einen Kaffee in der Bar. Am Kiosk wird noch schnell eine Zeitung mitgenommen. Dann geht es aber auch schon weiter. Die Verbindungen sind für die Reisenden ab Mailand in andere italienische Städte und Regionen sehr gut, weshalb die Weiterfahrt per Bahn wirklich empfehlenswert ist. Noch viel mehr lässt sich sagen: nichts scheint nach den vielen Erfahrungen auf Reisen durch Italien besser zu sein als der Zug. Trenitalia ist ein perfekter Partner für die Touren durch das Stiefelland. So fährt der italienische Eurostar-Zug klimatisiert in etwa neun Stunden von Mailand direkt bis nach Lecce. Am besten fährt es sich in der Nebensaison, wenn nicht viele Reisende unterwegs sind. Die Monate Juli und August sollte man meiden – wenn man es kann. Denn so ist es im Zug bequemer, gemütlicher und ruhiger. Aber nicht nur das, auch vor Ort in Apulien ist es dann ebenfalls gemütlich, ruhig und idyllisch.

Die Reise geht der Länge nach durch Italien, vorbei an Bologna, Ancona und dann immer weiter nach Foggia, Barletta, Bari, Brindisi bis nach Lecce. Überall kann man aussteigen und einen Kurzbesuch machen. Ab Ancona geht der Blick durchs Zugfenster immer auf die Adria, denn der Zug fährt auf der Strecke bis nach Lecce etwa fünf bis sechs Stunden immer am Meer und vor allem am Sandstrand entlang. Bei Sonnenschein schillert hier die Adria in allen Türkistönen. Atemberaubend ist es, das Farbspiel zwischen Meer und Himmel aus dem Zugfenster zu beobachten. Es lässt einen nicht mehr los. Es geht durch Tunnel, an den Trabucchi (traditionelle, ins Meer gebaute Fischerhäuschen aus Holz) vorbei, bis links vom Zug die ersten Hügel des Gargano sichtbar werden. Apulien ist erreicht.

Foto: © Caroli Hotels, Caroli House & Boat

Foggia ist der erste Halt in Apulien. Die Stadt ist sozusagen im Norden das Tor in diese landschaftlich, kulturhistorisch sowie kulinarisch spannende Südregion von Bella Italia. Ab Foggia verfärbt sich die Erde in den Farben braun, rot, rötlich und terracotta. Man sieht immer mehr Olivenbäume. Mit ihren bizarren Formen sind die Jahrhunderte alten Bäume besonders fotogen. Die Olivenbäume reihen sich wie an einer Schnur auf, die von Foggia bis nach Santa Maria di Leuca reicht. Auf etwa 60 Millionen schätzt man ihre Zahl. 60 Millionen Einwohner zählt auch ganz Italien. Hat damit jeder Italiener einen Olivenbaum? Selbst Patenschaften können für Olivenbäume vereinbart werden. So etwas ist wohl weltweit einzigartig.

Im Fürstengarten der Familie Duca Guarini; Foto: © Juliane Adameit

Zu den Schätzen der Region gehört deshalb auch das Olivenöl. Man nennt es das Gold der Region. Und es gibt so viele und exzellente Olivenöle. Auf der Suche nach dem “Gold von Apulien” erwarten den Reisenden in dieser Region mehrere “Olivenölstrassen” (Strade dell’Olio). Einer der ältesten Hersteller in der Region ist die Fürstenfamilie des Duca Carlo Guarini von Scorrano im Salento, der seit dem 11. Jahrhundert für seine Olivenöle bekannt ist.

Foto: © Juliane Adameit

Die Palastgärten duften nach mediterranen Kräutern: alles Ingredienzen dieser so wahrlich wohltuenden salentinischen oder apulischen Küche. Salzige Highlights sind für zwischendurch das Rustico (Blätterteigtasche mit Mozzarella und Tomaten gefüllt) sowie Calzone (Pizzateigtasche unterschiedlich gefüllt), ferner Arancino (Reisbällchen mit Mozzarella und Tomaten frittiert). Zu den süssen Spezialitäten zählt morgens das Cornetto (Hörnchen mit warmer Schokoladen- oder Vanillencreme) oder der Pasticiotto (eine salentinische Spezialität, auch mit Creme gefüllt). Und gehen Sie an keiner Eisdiele vorbei! Hier schmeckt das Gelato, noch in eigener Herstellung, cremig, milchig und nach reiner Frucht oder Schokolade. Als Dessert oder auch zum Nachmittagskaffee gibt es eine Crostata, die Torte mit Fruchtkonfitüre von Feigen, Trauben oder auch Zitrusfrüchten an Mürbeteig, wahrlich ein genussvolles Erlebnis.

Foto: © Juliane Adameit

Beispiellos gut ist hier im Süden auch der Cappuccino. Der Kaffeeduft hüllt ein, sobald man eine der unzählig vielen Cafebars an der Piazza betritt. Ein Tipp hierfür ist das Caffe Alvino mitten in Lecce. Für den kleinen Hunger bestellt man sich am besten in der Bar einen Crodino. Im Neobarock lässt sich das Menü bei Donna Lisa (Maglie) oder im historischen Palazzo bei Li Jalantuumene (Monte Sant’Angelo) geniessen. Gereicht bekommt der Reisende dabei ein Aperitifgetränk wie den San Bitter und dazu eine kleine Platte mit allen kulinarischen Spezialitäten im Miniformat. Dazu gehören auch Oliven und Nüsse. Und das Menü besteht natürlich aus Pasta.

Donna Lisa, Maglie; Foto: © Juliane Adameit

Regional sind die Orecchiette (Öhrchennudeln) der ganze Pastastolz der Region. Apulien ohne Orecchiette wäre nicht vorstellbar. Gerade in Apulien bieten viele Restaurants frische Pasta: eine echte Delikatesse. Einen Namen unter den Herstellern hat sich vor allem die Pasta von Benedetto Cavalieri aus Maglie, auch Geburtsort von Aldo Moro, gemacht. In seiner historischen Manufaktur in der Altstadt wird seit mehreren Generationen die Pasta mit viel Passion produziert. Nichts kann schöner sein, als sich genau hier in Italien zeigen zu lassen, wie nach alter Tradition die Pasta hergestellt wird. Und 1875 begann in Maglie auch die Schokoladengeschichte von Maglio Arte Dolciaria, die heute international ein Geheimtipp in anspruchsvollen Schoko-Insider- und Genusskreisen ist.

Foto: © Juliane Adameit

In traditionsreichen Familienunternehmen produziert man teils schon über die Jahrhunderte, hält man Rezepturen als Geheimnis, erhält man Auszeichnungen und zeigt sich heute mit Markenbewusstsein auf den internationalen Märkten, Messen und in den Medien. Viele Produzenten sind Mitglieder der Slow Food-Bewegung, und so finden die kulinarischen Spezialitäten von Apulien zu einem neuen Image.

So ist jährlich Anfang August in Maglie der “Mercatino del Gusto”, das Genussfestival, immer ein besonderes Ereignis. Handgemacht, in kleinen Manufakturen hergestellt oder gar gekocht wie zuhause bei Mamma sind Produkte aus Apulien ein Glückserlebnis für Gourmets. Das kann man schon vor Ort testen. Vielerorts können die Produkte direkt beim Hersteller gekauft werden. Schnell verliebt sich das Gourmetherz und bald füllen Flaschen, Gläser und Schachteln den Koffer für die Rückreise. Dabei erweist sich erneut: eine Zugreise kann dafür mitunter sehr praktisch sein. Sollte ein Koffer nicht reichen, kann man bestenfalls auch einen Karton mitnehmen. Dies ist bei Flugreisen undenkbar.

Foto: © Juliane Adameit

An den Hügeln und in der Ebene wechseln sich Olivenbäume und Weinreben ab. Berühmt ist nämlich auch der Wein aus Apulien. Voller Aromen von lieblich, fruchtig bis herb und trocken sind die verschiedenen Sorten. Berühmt sind die Rotweinsorten Primitivo di Manduria, Negroamaro und der Salice Salentino von Due Palme (Cellino San Marco / Bari), Conti Zecca (Leverano / Lecce) oder Il Falcone (Barletta). Rundreisen auf den sogenannten “Weinstrassen” (Strade del Vino) sind ein besonderes Erlebnis in Apulien. Das Weinfest “Cantine Aperte” findet am letzten Sonntag im Mai, nicht nur in ganz Apulien, sondern auch italienweit, in Kooperation mit den Weinkellereien statt. Jährlich kommen tausende Besucher von nah und fern.

Doch die Region hat noch viel mehr zu bieten. Apulien gehört zu den grössten italienischen Regionen und kann sich dabei über mehr als 800 Küstenkilometer freuen. Erholung pur tut sich hier an Sandstrand oder Felsküste auf.

Foto: © Caroli Hotels, Caroli House & Boat

Die Region gleicht mit ihren Naturschutzparks, Thermalquellen, Fahrradwegen und endlosen Stränden einem Wellness-Areal. Möglichkeiten, die Region und das Reiseziel zu geniessen, gibt es unzählig viele. Zunehmend hat sich die Region in den letzten zwanzig Jahren dafür mit viel Liebe zum Detail stilvolle und interessante Ideen einfallen lassen. Übernachtungen beispielsweise über die Caroli Hotels (in Südapulien zwischen Bari, Gallipoli, Santa Maria di Leuca) im Leuchtturm, Kloster oder Trullo sind eine besonders schöne Idee. Weiter typisch für die Region ist ein Urlaub auf dem Land in einer “Dimora Storica”, einem historischen Gutshaus, der “Masseria” wie der Masseria Alchimia (Fasano), Masseria Panareo (Otranto) oder einem Stadtpalazzo à la Corte dei Francesi (Maglie). Lifestyle, Luxus und Schönheit sind hier im Trend. Kochkurse, Trekkingausflüge, Nachtwanderungen oder Radtouren bieten jede Menge Abwechslung.

Und in Sachen Mode, Design sowie Stil hat Apulien einige echte Knüller zu bieten. Natürlich ist alles immer Geschmackssache. Den besten Rat bekommt man direkt von den Italienern vor Ort. Namhafte Adressen sind dafdesign (Lecce / Taschen), Filanto (Casarano / Schuhe), Lopardo (Maglie / Accessoires) oder Fondazione Le Costantine (bei Otranto / Stoffe, Textilien). Das schönste Kaufhaus für Haute Couture in Apulien ist aber doch das traditionsreiche Candido in Maglie, welches hier als Familienunternehmen seit 1859 in einem prachtvollen Altstadtpalazzo mitten an der Piazza liegt.

Foto: © Juliane Adameit

Schon länger ist Apulien deshalb kein Geheimtipp mehr. Für Italiener ist die Region mittlerweile eines der führenden Reiseziele im eigenen Land. Wer wenig Zeit hat und schnell in die Sonne möchte, der nimmt einfach das Flugzeug und dann am besten einen Mietwagen für die Weiterfahrt aufs Land. Von Deutschland aus ist Apulien per Flugzeug über die Flughäfen in Bari und Brindisi verbunden. Die Sehenswürdigkeiten und Traumbuchten liegen in unmittelbarer Nähe. Doch Zugreisende sehen mehr von der Schönheit der Region. Nirgendwo ist der Olivenbaum in Italien so präsent am Wegesrand wie auf der Fahrt ab Foggia nach Süden.

Dabei führen alle Wege, seien es die Weinstrassen, Olivenölstrassen oder Küstenrouten, stets an den Sehenswürdigkeiten dieser Region vorbei. Im Norden erwartet den Reisenden das berühmte Castel del Monte des Staufenkaisers Friedrich II. Weiter südlich liegt Alberobello, die Hauptstadt der Trulli oder auch weissen Zipfelmützenhäuser. Grossstadtflair bieten Foggia, Bari und Brindisi. Lecce ist mit seinen Palästen und Kirchen das Barockjuwel der Region. Otranto an der Adria, vor allem durch seine Kathedrale und den prächtigen Steinmosaikfussboden berühmt, sollte auch auf der Reiseroute liegen. Viele kleine Ortschaften auf dem Land oder an der Küste haben Burgen, Schlösser, Festungsmauern und vor allem eine lange, lange Geschichte. Endstation der Reise ist Santa Maria di Leuca. Hier ist Italien wirklich zuende. Ein Leuchtturm und eine Wallfahrtskapelle sowie bezaubernd schöne Villen an der Uferpromenade runden das Bild ab.

Villa La Meridiana; Foto: © Caroli Hotels, Caroli House & Boat

Die Villa La Meridiana in pompeijanisch gelb-rot sollte man sich unbedingt anschauen und dabei eine Verköstigung mit La Dispensa di Caroli geniessen. Sehenswert sind hier ausserdem die Ausflugsangebote zu den zahlreichen Grotten von Santa Maria di Leuca.

Santa Maria di Leuca; Foto: © Caroli Hotels, Caroli House & Boat

Das Endziel der Bahnreise ist erreicht. Und der Blick geht dabei endlos weit aufs Meer – hier, wo ionisches Meer und die Adria zusammenfliessen.


Bucht von Otranto; Foto: © Juliane Adameit