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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Juli, 2011

Abschied von der Holbein-Madonna

Freitag, 29. Juli 2011

Sie wird Hessen verlassen, die “Schutzmantel-Madonna” von Hans Holbein dem Jüngeren, seit 2004 war sie als Leihgabe des Adelshauses Hessen im Frankfurter Städel Museum zu bewundern, davor im Stadtmuseum Darmstadt. Die Fachwelt rechnet das Bild zu den weltweit schönsten und bedeutendsten Altmeistergemälden, ja sie vergleicht es mit Raffaels berühmter “Sixtina” in Dresden. Noch in den letzten Ausstellungstagen im Städel huldigten ihm Tausende von Besuchern zum Abschied.

Hans Holbein der Jüngere (1497/98 – 1543), Die Madonna mit der Familie des Bürgermeisters Meyer(1525/26), Öl auf Nadelholz, 146,5  x 102,0 cm; Bildnachweis: Städel Museum Frankfurt am Main

Nun verkaufte die Eigentümer-Erbengemeinschaft die Holbein-Madonna an den Unternehmer und Kunstsammler Reinhold Würth, der aus dem klein-mittelständischen “Schrauben-Würth” ein global agierendes Unternehmensimperium mit rund 60.000 Mitarbeitern machte und der mit seinem Vermögen zu den zehn reichsten Deutschen zählen soll. Die Ikone ist, um es gleich vorweg zu sagen, bei Würth in guten Händen, denn er wird sie nicht in seinen Villen und Schlössern verstecken, sondern sie in einem seiner Museen, voraussichtlich in Schwäbisch-Hall, der Öffentlichkeit weiter zugänglich machen. Und ab und an soll sie auch wieder nach Frankfurt reisen können.

Der Verkauf fand ein recht lebhaftes und auch kontroverses Presseecho. Das Städel wollte das Gemälde im Rahmen einer Mäzenatengemeinschaft (und zuletzt sogar im Zusammenwirken mit Würth) für den eigenen Bestand erwerben, doch 40 Millionen Euro und noch einiges mehr reichten den Verkäufern nicht aus. So musste das Städel passen, und auch das Land Hessen mochte nicht weiter mit Steuermitteln helfen, sehr zu Recht, denn irgendwo ist die Grenze nicht nur des Zumutbaren und Verantwortbaren, sondern auch des Anständigen erreicht.

So aber bleibt ein Nachgeschmack, den wohl auch Rose-Maria Gropp auf der Zunge hatte, als sie in der FAZ vom 14. Juli 2011 schrieb: “Inzwischen strebt die ganze neureiche Welt danach,  für ihr viel zu vieles Geld Anlagemöglichkeiten in hochwertiger Kunst zu erlangen. Der Kunstmarkt lechzt geradezu nach Spitzenwerken. Mit Gemeinsinn oder Verantwortung  für die Gesellschaft hat das meist gar nichts zu tun.” Dem pflichten wir uneingeschränkt bei.

Ein Glück, dass Artikel 14 Grundgesetz (“Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen”) doch ein ganz klein wenig in diese Materialismus-Gesellschaft austrahlt: Die “Schutzmantel-Madonna” steht gemäss dem “Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung” auf der Nationalen Liste der zu schützenden Kulturgüter und unterliegt damit einem Ausfuhrverbot. Diese gesetzgeberische Segenstat schob zum Beispiel einem Angebot des J. Paul Getty-Museums einen Riegel vor, das sich auf einiges über 100 Millionen Dollar belaufen haben soll – Glück für Deutschland, Pech für den Hessen-Adel.

Sommerausstellung 2011 des Frankfurter Künstlerclubs im Nebbienschen Gartenhaus

Mittwoch, 27. Juli 2011

Wir widersprechen niemandem, der sagt, dies sei einer der schönsten kleinen Plätzchen in ganz Frankfurt: der Park um das Nebbiensche Gartenhaus in der Bockenheimer Anlage. Viele der ringsum im Zentrum der Stadt arbeitenden Menschen suchen ihn für ein paar Minuten der Erholung und Entspannung in den Mittags- und frühen Abendstunden auf. Und – wie wir alle längst wissen -: der Frankfurter Künstlerclub hat in jenem klassizistischen Kleinod sein Domizil.

Manchmal darf man ja müde sein – müde auch von allzu viel hochdotiertem Minimalismus und Minimalissimus, und wenn der besagte kleine Garten zum Verweilen lockt und – wenn auch selten in diesem Sommer – sogar die Sonne scheint, so lässt man sich gerne nieder auf den vom Regenwasser wieder getrockneten Bänken vor dem Gebäude, und man schaut herein, was sich derzeit im Künstlerclub tut, und greift dabei auch mal gerne in’s Volle. Wie jetzt bei der Sommerschau des Clubs. Der Frankfurter Hauptbahnhof war das vorgegebene Thema, und wir reiben uns erstaunt die Augen, welch breite Palette an Motiven und künstlerischen Techniken wir antreffen.

Hier ein kleiner Bilderbogen, leider lassen sich viele der geglasten Arbeiten wegen allzu starker Lichtreflexe nicht fotografisch wiedergeben:

Pia Grambart-Delalic, Dolores, Beton, Gips, Papier

Radovan Madzar, Gleise, Öl auf Leinwand

Klaus Kreuzer, Hauptbahnhof-Backside, Öl-Spachtel

Karin Tart, Un’ dahinne is de Bahnhof, Ölfarbe auf Leinwand

Ernst-Dietrich Haberland, Atlas auf dem Hauptbahnhof, Acryl

Dort grüsst die lebensgrosse, miniberockte poppig-freche Dolores mit ihrem Hündchen im Täschchen, hier lockern uns knallig-rote Pumps, nicht nur in Frankfurt gern auch Stöckelschuhe genannt, auf einem in die Ferne führenden Schienenstrang die in bürgerlich-grauem Flanell sittsam gebändigte Fantasie. Klaus Kreuzer zaubert in seiner unnachahmlichen Sparteltechnik das Schienen- und Oberleitungsgewusel des riesigen Gleisfeldes auf die Leinwand; ein Ölgemälde, einer Schwarz-Weiss-Fotografie ähnlich, ruft Erinnerungen an vergangene Zeiten hervor, und Ernst-Dietrich Haberland bannt die Perspektive über das Dach des Hauptbahnhofs zum bekrönten Gebäude der DZ-Bank auf das Blatt.

Renaissancebrunnen am Nebbienschen Gartenhaus

Wie luftig-leicht kann das Bahnhofsviertel im Aquarell erscheinen, während Klaus Straßheim – übrigens im Verbund mit einer beachtenswerten Dokumentation zur Geschichte des bekannten Gemäldes – dem weltberühmten Maler des Frankfurter Hauptbahnhofs huldigt, der sich für sein Werk seinerzeit eigens in einem Haus gegenüber dem Bahnhofsgebäude eingemietet hatte. Bemerkenswert eine schon einige Jahre zurückliegende Arbeit von Klaus Gajus Gorsler, und ein Traumpaar der gegensätzlichen Art: hier die menschenfeindliche Atemlosigkeit unseres heutigen Reisebetriebs, dort die spielerisch-nostalgische Reminiszenz an glückliche Kindertage, handwerklich wunderschön ausgeführt!

Peter Eleven, Hbf Frankfurt/Main, Aquarell

Klaus Straßheim, Unterwegs mit Max Beckmann, Gouache

Klaus Gajus Gorsler, Bahnverkehr, Mischtechnik

Marlies Odehnal, Einfahrender Zug, Digital Art

Gerhard Johannes Richter, o.T., Gouachezeichnung

Grosse Sommerausstellung des Frankfurter Künstlerclubs im Nebbienschen Gartenhaus in der Bockenheimer Anlage, mit Verkauf, noch bis 31. Juli 2011

“Spanischer” Brunnen westlich des Gartenhauses

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Biennale Arte Venedig 2011 (3): Die Goldenen Löwen

Dienstag, 26. Juli 2011

Er ist eine hohe Auszeichnung: der “Leone d’ Oro”, der Goldene Löwe, alle zwei Jahre anlässlich der Biennale Arte in Venedig verliehen. Wobei man nicht vergessen darf: Zur Biennale Venedig gehören neben der Kunst – zu unterschiedlichen Zeiten über das Jahr verteilt – auch die Sparten Architektur, Film (Internationale Filmfestspiele Venedig), Tanz, Musik, Theater und sogar “Historisches Archiv”.

Uns geht es – wie vor zwei Jahren – um die Kunst-Biennale. Heute stellen wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Gewinner der begehrten “Leone d’ Oro” vor (wobei wir nicht nur in Zeiten der Finanz- und Euro-Krise annehmen, das die Trophäe leider nicht aus dem heftig nachgefragten Edelmetall besteht, dessen Preis per Unze die 1600-Dollar-Grenze überschritten hat, bei vier dieser liebenswerten Tierchen vor Ort hätte dies längst die italienische und internationale Räuberszene auf den Plan gerufen, trotz der zahlreichen, im üblichen auffälligen Schwarz gekleideten Herren mit der Antennenspirale hinter dem Ohr).

Es ist der 4. Juni, ein herrlicher Sommertag, der Festakt findet gegen Mittag in den Giardini Pubblici unter freiem Himmel, zugleich einem riesigen Sonnensegel statt. Biennale-Präsident Paolo Baratta und Biennale-Direktorin Bice Curiger sprechen kurz zur Eröffnung.

Bice Curiger und Paolo Baratta

Überall Absperrungen und Gedränge, Kameras und Fotografen, im Hintergrund ein damals aktuelles politisches Transparent “SI al REFERENDUM”

Wie wir bereits ausgeführt haben: vier Goldene Löwen gab es zu verteilen, und traditionsgemäss einen Silbernen, letzteren für den besten unter den vielversprechenden Nachwuchskünstlern.

Nun, den einen Goldenen gewann – jetzt wird es etwas kompliziert – die Bundesrepublik Deutschland für den “besten nationalen Auftritt ‘Christoph Schlingensief’“. Biennale-Kuratorin (Kommissarin) Susanne Gaensheimer nahm ihn am 4. Juni in Empfang.

Aino Laberenz (Witwe Christoph Schlingensiefs), Susanne Gaensheimer, Biennale-Präsident Paolo Baratta und Bice Curiger, Direktorin der 54. Kunst-Biennale, während der Verleihung des Goldenen Löwen für den Beitrag Deutschlands

Wem gehört er nun eigentlich, der Goldene Löwe, der Bundesrepublik Deutschland? Der Kommissarin Susanne Gaensheimer? Posthum Christoph Schlingensief? Kunst-Juristen an die Arbeit!

Klarer ist die Situation bei dem “besten Künstler” der diesjährigen Biennale: Mit dem zweiten Leone d’ Oro ausgezeichnet wurde der US-Amerikaner Christian Marclay für seinen Film “The Clock” aus dem Jahr 2010.

Goldener Löwe für Christian Marclay

Mit jeweils einem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk wurden ausgezeichnet: Sturtevant und Franz West.

Paolo Baratta gratuliert Franz West zum Goldenen Löwen

Goldener Löwe auch für Sturtevant

Den silbernen “Nachwuchs-Löwen” erhielt Haroon Mirza aus Grossbritannien. Mit den “Besonderen Erwähnungen” wurden ausgezeichnet der Pavillon Litauens und die schwedische Künstlerin Klara Lidén.

Nehmen ein Bad in der Menge: Haroon Mirza, Aino Laberenz, Susanne Gaensheimer und Franz West

Biografische Notizen:

Sturtevant (eigentlich Elaine Sturtevant) wurde 1930 in Lakewood/Ohio geboren. In Frankfurt ist sie seit September 2004 bekannt: Udo Kittelmann widmete ihr das gesamte Museum für Moderne Kunst MMK für ihre erste grosse, 140 Werke umfassende Museumsausstellung “The Brutal Truth”. Die radikal-konzeptuelle Künstlerin befasst sich mit dem Dualismus von Original und Reproduktion und stellt dabei, Publikum wie Kunstmarkt gleichermassen irritierend und provozierend, das Original und dessen Originalität zur Disposition – eine unverändert aktuelle Thematik. Sie reproduziert oder besser gesagt wiederholt mit verblüffender handwerklicher Technik und zeitlicher Nähe zum “Original” Werke bekannter zeitgenössischer Künstler. “Sturtevant”, schreibt Mario Kramer, “stellte den Kunstprodukten, die alle Merkmale der Multiplikation, des Reproduktiven als auch des Seriellen in sich tragen, ein dupliziertes Original zur Seite.” Die Künstlerin lebt in Paris.

Sturtevant, Warhol Flowers, 1990, Siebdruck- und Acrylfarbe auf Leinwand, 295 x 295 cm, © Sturtevant, Jubiläumsausstellung 20 Jahre MMK

Franz West, 1947 in Wien geboren, wo er auch heute lebt, arbeitet hauptsächlich auf den Gebieten Skulptur, Collage und Installation. Weltweit bekannt wurde er durch seine “Passstücke”, kleine skulpturale Gegenstände, die die Ausstellungsbesucher erhielten und mit denen sie eine aktive Beziehung zu den zu betrachtenden Kunstwerken entwickeln sollten. Bekannt sind ebenso seine Sitz-Möbel-Skulpturen, die gleichermassen Kunstobjekte wie auch Gebrauchsgegenstände darstellen. 1993 gestaltete West den Pavillon Österreichs zur 45. Biennale Arte in Venedig. 1992 und 1997 nahm er an der Kasseler documenta IX und X teil. Zur aktuellen Biennale 2011 errichtete er einen sogenannten Para-Pavillon.

Franz West, Para-Pavillon (Detail), Biennale Arte 2011, Arsenale

Christian Marclay wurde 1955 im kalifornischen San Rafael geboren. Nach Studienjahren in Genf, wo er auch aufwuchs, kehrte er 1977 in die USA zurück. Zum einen bildender Künstler vor allem im Bereich der monumentalen Skulptur, untersucht Marclay zum anderen als Komponist in seinen Arbeiten Zusammenhänge zwischen Ton, Fotografie, Video und Film. Die Film-Collage “The Clock”, an der er zusammen mit sechs Assistenten zwei Jahre lang arbeitete, beinhaltet eine 24 Stunden umfassende Montage von ineinanderfliessenden Ausschnitten aus Tausenden von Kinofilmen. In den einzelnen Sequenzen laufen, zumeist in Echtzeit, Uhren aller Art und Beschaffenheit – Symbol für die unaufhaltsam vergehende Zeit – und Lebenszeit. Marclay lebt in New York und London.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

 

Stéphane Hessel: Widerstandskämpfer, Diplomat, Schriftsteller

Sonntag, 24. Juli 2011

Eine Begegnung in Frankfurt

von Renate Feyerbacher
Fotografien: Renate Feyerbacher und Schauspiel Frankfurt

Ein kleines Buch hat Stéphane Hessel zum Medienstar gemacht. Sein Titel: “Empört Euch!” Über 1,7 Millionen Mal wurde es bereits auf der ganzen Welt verkauft. Kultstatus hat es erreicht. Soeben ist das notwendige Folgebuch erschienen: “Engagiert Euch!”

Stéphane Hessel am 15. Mai 2011 im Schauspiel Frankfurt; Foto: Renate Feyerbacher

Der Europa-Politiker Daniel Cohn-Bendit hatte in der vergangenen Spielzeit am Schauspiel Frankfurt eine Gesprächsreihe, in der er Künstler, Wissenschaftler und Politiker miteinander konfrontierte. Sie fanden stets am Sonntagmorgen statt. Dieses Mal, am 15. Mai 2011, war das anders: die Veranstaltung begann erst um 18 Uhr mit Verspätung, denn an den Kassen hofften noch viele Menschen, vor allem junge, auf eine Eintrittskarte.

Hochkarätig war die Runde besetzt. Moderator Daniel Cohn-Bendit hatte den französischen Diplomaten Stéphane Hessel und den ehemaligen deutschen Aussenminister Joschka Fischer zur Diskussion eingeladen. Bevor sie sich in das Thema ”Realpolitik gestern – heute – morgen. Kann es so weitergehen?” vertieften, skizzierte Cohn-Bendit wichtige Lebensphasen des französischen Gastes. Dankbar erinnerte er daran, dass Stéphane Hessel 2009 erstmals nicht sozialistisch gewählt habe, sondern die Partei “Europe Écologie – LesVerts”, deren Spitzenkandidat Cohn-Bendit war.

“Joschka Fischer war schon mal stark empört, dann wurde er Diplomat” – so stellte er seinen Freund vor.

Die Vitalität Stéphane Hessels, der am 20. Oktober 1917 in Berlin geboren wurde, begeistert das Publikum. Lebhaft, in einwandfreiem Deutsch, erzählt der vornehme Monsieur Hessel von seinem Leben, nicht prahlend, aber stolz. Seine Eltern waren der Schriftsteller und Übersetzer Franz Hessel (1880 bis 1941) und die Journalistin Helen Grund (1886 bis 1982). Die Ehe verlief zeitweise turbulent. Die Eltern waren die Blaupause, so nennt es Cohn-Bendit, für den Film “Jules und Jim”. Darin geht es um eine Dreiecksbeziehung: Zwei Männer lieben eine Frau. Stéphanes Mutter hatte sich dem französischen Schriftsteller Henri-Pierre Roché (1879-1959), einem langjährigen Freund seines Vaters, zugewandt, der das jedoch akzeptierte. Der Vater habe erkannt, wie wichtig diese Beziehung für seine Frau gewesen sei. Die Drei seien Freunde gewesen, erzählt der Sohn in einem SPIEGEL-Interview. In dem von François Truffaut 1962 gedrehten Streifen spielt Jeanne Moreau die Mutter und Oskar Werner den Vater von Stéphane, Henri Serre den Jim alias Henri-Pierre Roché. Er schrieb den gleichnamigen Roman erst mit 73 Jahren. Er ist ein Manifest der freien Liebe. “Stéphane war schon bekannt, als er noch nicht bekannt war” frotzelt Daniel Cohn-Bendit. Man könne zwei Frauen gleichzeitig lieben, so wird Stéphane Hessel in SPIEGEL Online vom 7. Mai 2009 zitiert.

Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit und Stéphane Hessel; Foto: Schauspiel Frankfurt, Birgit Hupfeld

Stéphane Hessel hat ein Buch mit 88 Gedichten in seinen drei Muttersprachen veröffentlicht: “Ô ma mémoire. Gedichte, die mir unentbehrlich sind.” Übersetzt von Michael Kogon, dem Sohn von Eugen Kogon, erschienen im Grupello Verlag, 2010.

Hessel lässt sich nicht zweimal bitten und zitiert auswendig ein Hölderlin-Gedicht:

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Frenetischer Beifall belohnt den Rezitator.

Als er 20 Jahre alt ist, wird Hessel, der jüdische Wurzeln hat, Franzose. Zwei Jahre später, es ist das Jahr des Kriegsbeginns 1939, flieht er nach London und schliesst sich dem französischen Widerstand um General Charles de Gaulle (1890 bis 1970) an, der 1940 nach dort geflohen war. Viele Franzosen hätten Philippe Pétain gern gemocht und zu wenige hätten Widerstand geleistet. Die meisten Staaten haben damals das Vichy-Regime des Marschalls anerkannt.

1944 wird Stéphane Hessel nach Frankreich geschickt, um dort das Funknetz der Résistance zu organisieren. Ein Mitstreiter verrät ihn unter der Folter, er wird von der Gestapo verhaftet, kommt nach Buchenwald, er wird zum Tode verurteilt. “Es ist schön, wenn man zum Tode verurteilt wird und immer noch lebt” – humorvoll, mit feinem Lächeln auf den Gesichtszügen sagt er das.

Im Konzentrationslager Buchenwald trifft er Häftling Nummer 9093, Eugen Kogon, der sechs Jahre seines Lebens dort verbrachte und auf einer Exekutionsliste stand, die kurz vor der Befreiung des Lagers vollstreckt werden sollte.

An diesem 15. Mai 2011 erinnert Stéphane Hessel an diesen deutschen Widerstandskämpfer, der ihm das Leben gerettet hat.

Der Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler Eugen Kogon (1903 bis 1987) war einer der geistigen und moralischen Väter der Bundesrepublik Deutschland. Zusammen mit Walter Dirks gründete er die “Frankfurter Hefte”, eine linkskatholisch geprägte Zeitschrift für Kultur und Politik. Später wird Kogon Professor für Politikwissenschaften an der Technischen Hochschule Darmstadt, er ist Moderator und Leiter des ARD-Politikmagazins “Panorama”.

Für mich unvergesslich ist die Begegnung mit Eugen Kogon, der die letzten Lebensjahre in Königstein wohnte, anlässlich einer Vernissagefeier in meinem Haus. In meiner Erinnerung war das 1973,  anlässlich einer A. Paul Weber-Ausstellung in der Galerie im Amtsgericht Bad Vilbel, wo Kogon die Rede hielt. (Kogon hatte 1960 in A. Paul Webers Werk “Mit allen Wassern. Neue Geschichten vom alten Fuchs” das Vorwort geschrieben.)

Wie es komme, dass Hessel nach dem Krieg sofort für die deutsch-französische Versöhnung eingetreten ist, fragt Moderator Daniel Cohn-Bendit. “Es kam direkt aus der Erfahrung der KZs. In den Konzentrationslagern fühlte man sich als Europäer.” Er erinnert daran, dass zuerst Deutsche wie Eugen Kogon interniert waren, dann kamen die Ausländer dazu, und sie alle waren gewillt, das freie Europa zu bauen.

Alfred Grosser am 16. September 2010 in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt; Foto: Renate Feyerbacher

Stéphane Hessel zählt – wie der 1925 in Frankfurt geborene französische Publizist und Politologe Alfred Grosser – den Freund Eugen Kogon zu den drei eigentlichen “Schöpfern Europas”. Das ist an erster Stelle wohl Jean Monnet (1888 bis 1979), der erste Präsident der Montanunion und erster Ehrenbürger von Europa, auch “Vater Europas” genannt; dazu gehören auch der französische Aussenminister Robert Schuman und eben Eugen Kogon. Kogon war aktiv in der Union Europäischer Föderalisten, in der Europa-Union Deutschland und Präsident des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung.

Erweitert werde könnte der Kreis um Carlo Schmid (1896 bis 1979), Professor für Politische Wissenschaften unter anderem an der Frankfurter Goethe-Universität und SPD Politiker.

Stéphane Hessel nennt sich einen “falschen” Diplomaten. Er habe nicht wie die “echten”, die solches sein müssen, beliebt sein wollen und das Metier auch nicht gelernt.

Nachdem er 1945 aus einem Zug ins KZ Bergen-Belsen fliehen konnte, arbeitete er, zurückgekehrt nach Paris, bald in dem UNO-Ausschuss mit, der die 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte erarbeitete. Sie wurden am 10. Dezember 1948 – dem Geburtsjahr von Joschka Fischer, wie Cohn Bendit bemerkte – verkündet. Der wichtigste Tag im Leben des “Ambassadeur de France”, ein Titel, den ihm sein Land später verlieh.

Hessels Manifest “Empört Euch” hat ein Journalistenkollege “als energischen Gruss vom Grabesrand” bezeichnet. Es wiegele nicht auf, es berühre. Ich denke, es tut beides, und es bringt zum Nachdenken. Sicher es ist kein intellektuelles Büchlein, aber eines, das gegen die Gleichgültigkeit, die der Autor als das Schlimmste bezeichnet, angeht. Den jungen Menschen ruft er zu: “Seht Euch um, dann werdet ihr die Themen finden, für die Empörung sich lohnt – die Behandlung der Zuwanderer, der in die Illegalität Gestossenen, der Sinti und Roma … Suchet, ihr werdet finden!” Er prangert die Macht des Geldes an: “… niemals (war) sie so gross, so egoistisch wie heute, mit Lobbyisten bis in die höchsten Ränge des Staates.” Von Wutbürgern wird nicht geredet.

Er empört sich über die Situation im Gaza-Streifen, im Westjordanland, und kritisiert die uneinsichtige Haltung Israels. Mit dieser Kritik steht er nicht allein. Alfred Grossers israel-kritische Haltung führte sogar zu einem Eklat in Frankfurt, als die jüdische Gemeinde von der Oberbürgermeisterin dessen Ausladung als Redner verlangte. Er hielt am 9. November 2010 zum Gedenken an die Pogromnacht 1938 seine Ansprache in der Paulskirche. Die jüdische Familie Grosser musste 1933 Frankfurt verlassen. Daniel Cohn-Bendit: “Meine Sicherheit kann nicht bedeuten, dass ich die andern zerstöre.”

Hessel hat zusammen mit dem Philosophen und Schriftsteller Régis Debray (*1940), ehemals Mitstreiter Che Guevaras, im Oktober 2010 den Gaza-Streifen besucht. Er ist im Gegensatz zu Joschka Fischer davon überzeugt, dass sich Fatah und Hamas in Person von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und des Hamas-Führers Ismail Hanija einigen werden. Fischer: “Wie belastbar ist das?”

Ob er die Intervention in Libyen billige, beantwortet Stéphane Hessel mit einem “Ja”. Die Bevölkerung müsse gegen Tyrannei geschützt werden. Artikel 2 Ziffer 7 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte rechtfertige das. “Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz. Alle haben Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede Diskriminierung, die gegen diese Erklärung verstösst, und gegen jede Aufhetzung zu einer derartigen Diskriminierung.”

Die Mehrheit der Franzosen argumentieren so, anders viele Deutsche, die im Einsatz der NATO eine völkerrechtswidrige Handlung sehen. Auch Völkerrechtler sind sich uneins. Mehr als 700 Zivilisten wurden bereits getötet. Warum wird Libyen bombadiert und nicht auch Syrien, wo es ebenfalls einen Diktator gibt? Sind es doch wieder hauptsächlich wirtschaftliche Interessen, weniger die Menschenrechte, die den Westen bewegen?

Angesprochen auf den NATO-Einsatz im Kosovo-Krieg 1999 steht Joschka Fischer, damals Aussenminister, zu diesem Einsatz. Dennoch muss gefragt werden: Was hat er ausser Zerstörung gebracht? Stéphane Hessel: “In Sarajevo sind es drei Gruppen, die sprechen nicht mehr miteinander. Das politische Leben ist zerdrückt.”

“Welche Reform der UN ist möglich?” Hessels Antwort: “Es ist nicht wichtig, den Sicherheitsrat zu erweitern, sondern einen UN-Sicherheitsrat für Wirtschaft und Soziales zu gründen.” Notwendig sei ein Gremium, das wirklich Autorität besitze über die finanziellen Strippenzieher. “Nicht die Finanzmärkte dürfen entscheiden.”

Und nun legt Hessel nach: Es genüge nicht, sich nur zu empören. Es müsse gehandelt werden: “Engagiert Euch!” – so der Titel seines neuen kleinen Buches. Es dokumentiert ein Gespräch Hessels mit Gilles Vanderpooten, einem jungen französischen Journalisten und Ökoaktivisten. In diesem Diskurs fordert der Weltbürger, so nennt sich Hessel selbst, entschiedenes Handeln für die Ökologie.

Stéphane Hessel am 15. Mai 2011 im Schauspiel Frankfurt; Foto: Renate Feyerbacher

Zum Abschluss der Diskussion in Frankfurt gab Daniel Cohn-Bendit dem lebenslangen Widerstandskämpfer die Gelegenheit, das Publikum mit einem französischen Gedicht zu verabschieden. Er wählte “Le Pont Mirabeau” von Guillaume Apollinaire (1880 bis 1918).

Le Pont Mirabeau

Sous le pont Mirabeau coule la Seine
Et nos amours
Faut-il qu’il m’en souvienne
La joie venait toujours après la peine

Vienne la nuit sonne l’heure
Les jours s’en vont je demeure

Les mains dans les mains restons face à face
Tandis que sous
Le pont de nos bras passe
Des éternels regards l’onde si lasse

Vienne la nuit sonne l’heure
Les jours s’en vont je demeure

L’amour s’en va comme cette eau courante
L’amour s’en va
Comme la vie est lente
Et comme l’Espérance est violente

Vienne la nuit sonne l’heure
Les jours s’en vont je demeure

Passent les jours et passent les semaines
Ni temps passé
Ni les amours reviennent
Sous le pont Mirabeau coule la Seine

Vienne la nuit sonne l’heure
Les jours s’en vont je demeure

Stéphane Hessel: “Empört Euch!”, Ullstein 2010, und “Engagiert Euch!”, Ullstein 2011

20 JAHRE MUSEUM FÜR MODERNE KUNST FRANKFURT AM MAIN (4)

Donnerstag, 21. Juli 2011

Katharina Fritsch: Tischgesellschaft

Sie ist eines der bei der Frankfurter Bevölkerung beliebtesten Sammlungsstücke des MMK (vielleicht schliessen Stephan Balkenhols Pinguine mittlerweile auf), ja vielleicht sogar das Wahrzeichen des Museums, und sie darf deshalb bei der grossen Jubiläumsausstellung selbstverständlich nicht fehlen: die “Tischgesellschaft” von Katharina Fritsch.

FeuilletonFrankfurt hat diese wunderbare Arbeit bereits zu einem früheren Zeitpunkt in einem anderen räumlichen Zusammenhang vorgestellt (Installation in der MMK-Dependance Zollamt) und möchte darauf Bezug nehmen.

In der Jubiläumsausstellung residiert die 32 lebensgrosse Figuren umfassende schweigende Versammlung in der Ebene 2 des Stammhauses, umgeben von On Kawaras Date Paintings (Today Series). On Kawara, ein fast schon extremer Konzeptkünstler, begann diese heute über 2000 Tafeln umfassende Serie am 4. Januar 1966. Sie thematisiert und versinnbildlicht Zeit und Zeitlichkeit – seine eigene wie die allen Seins. Und letztlich auch der Kunst.

Tischgesellschaft und Date Paintings korrespondieren auf eine sehr berührende Weise. Wer sich im Dreieckssaal eine Weile aufhält, wird dies spüren. Denn auch die Auseinandersetzung mit der kontemplativen Tischgesellschaft macht Zeit auf ihre ganz eigene Weise erfahrbar. Es bedarf dazu keiner Worte.

Katharina Fritsch, Tischgesellschaft (1988), Holz, Polyester, Baumwolle

(Installationsansichten mit Date Paintings von On Kawara; Fotos: FeuilletonFrankfurt)