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Das Online-Magazin von Erhard Metz

Annegret Soltau erhält Marielies Hess-Kunstpreis

Annegret Soltau:
Generativ, Trans-Generativ. Fotografie als Fetisch der Genealogie

Von Brigitta Amalia Gonser
Kunstwissenschaftlerin

Die Ausstellung „Generativ“, die anlässlich der heutigen ersten Verleihung des Marielies Hess-Kunstpreises in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main zu sehen ist, zeigt einen repräsentativen Überblick über das Œuvre der renommierten Darmstädter Künstlerin Annegret Soltau.

Aus der Reihe ihrer als Positiv-Negativ-Collagen und -Decollagen mit Fotoübernähungen respektive Fotovernähungen realisierten Self-Performings sind es die frei im Raum hängenden, vier triptychonartigen Installationen von „Generativ“ und „Trans-Generativ“, der Konfrontation der Generationen mit Urgrossmutter, Grossmutter, Mutter, Tochter, Vater und Sohn, sowie ihre miniaturhaften „Zeit-Erfahrungen“ und die grosse Projektion der „female und trans hybrids“.

Annegret Soltau im Atelier, vor der Arbeit „Tagblick“;  Foto: Julia Wehmeyer

Annegret Soltau wurde 1946 in Lüneburg geboren und lebt seit 1973 in Darmstadt.

Von 1967 bis1972 studierte sie Malerei und Graphik an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. 1973 erhielt sie das DAAD-Stipendium für Mailand. 1986 bis 1987 arbeitete sie als Stipendiatin in der Villa Massimo in Rom.

Seit Mitte der 1980er Jahre hat sie auch an den Hochschulen von Offenbach, Bielefeld, Salzburg, Mainz und Darmstadt gelehrt.

1998 erhielt sie den Maria Sibylla Merian-Preis für bildende Künstlerinnen in Hessen.

2000 wurde sie dann mit dem Wilhelm Loth-Preis der Stadt Darmstadt ausgezeichnet.

Und nun erhält sie den Marielies Hess-Kunstpreis 2011.

In Darmstadt hatte sie 1974 ihre erste Einzelausstellung mit Radierungen und Zeichnungen und präsentierte 1975/76 öffentlich ihre Performance „permanente Demonstration“, in der sie sich selbst mit schwarzem Faden „bezeichnete“ oder umschnürte und auch mehrere Personen miteinander verband. 1975 entwickelte sie die Fotoübernähung und 1977 die Fotovernähung.

Annegret Soltau sagt zu ihrem künstlerischen Schaffen: „Mein zentrales Anliegen ist, körperliche Prozesse in meine Bilder miteinzubeziehen, um Körper und Geist als gleichwertig zu verbinden“.

Gezeigt hat sie ihre Werke während der letzten vierzig Jahre in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen sowie in Performances in Deutschland, Europa, USA und Japan.

Ihre Arbeiten befinden sich in Museen und Kunsthallen im In- und Ausland, auch in grossen privaten und öffentlichen Sammlungen wie der Deutschen Bank und der DZ-Bank in Frankfurt am Main oder im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien.

Annegret Soltau ist eine Collagekünstlerin der Body-Art.

Ihr exemplarisches und nicht exhibitionistisches Medium ist der Körper, ihr eigener sowie der ihrer Nächsten. Sie arbeitet mit deren fotografischem Material. Darin spiegeln sich versatzstückhafte Verbundenheit und die radikalen Vanitas-Erfahrungen von vier Generationen. Wobei die Fotografie, wie ich meine, als Fetisch der Genealogie eingesetzt wird.

„Für mich“, sagt Annegret Soltau, „ist der Körper eine Erkenntnisquelle, der ich mich nicht verschliessen möchte. Nur so kann ich teilhaben an der Darstellung eines veränderten Frauenbildes, indem ich ohne Rücksicht auf andere den offensten Ausdruck meines Selbst finde, um vorgeprägte Bilder zu durchbrechen … und Gegenbilder zu schaffen“ .

In ihr steckt noch der Appell der 1970er Jahre, dass das Private auch politisch ist.

Es ist eine ihrer Arbeitsmethoden, Fragmente von existentiellen Erlebnissen in einen neuen öffentlichen und exemplarischen Zusammenhang zu stellen. Beim Aus- und Zerreissen geht es ihr dabei nicht um die Zerstörung an sich, sondern um das Finden von neuen Bedeutungs- und Sinnzusammenhängen.

Seit dem Futurismus wird die Zeit vermittels der fotografischen Montage direkt bildkünstlerisch umgesetzt, so dass Abläufe offenbar werden. Auch Annegret Soltau demontiert Repliken / Abbilder der Wirklichkeit , um sie durch Vernähen zu einer neuen Einheit zusammzufügen, aber nach dem Prinzip der positiv-negativen Collage und Decollage.

Soltau hat das Vernähen von Fotos erfunden und damit Andy Warhols früheste Nähexperimente um sieben Jahre vorweggenommen.

Weshalb in dieser Ausstellung ihre Arbeiten so präsentiert werden, dass sie sowohl von der Vorder- als auch von der Rückseite zu sehen sind: Auf ersterer erscheinen die Fäden und Vernähungen als verbindendes Mittel, als plastische Präsenz, während sie auf letzterer die „gezeichneten“ Linien anthropomorpher Silhouetten ergeben.

Detail: Transgenerativ negativ (Rückseite), 2005, Fotovernähung, 270 x 127 cm; Foto: Heinz Hefele

Für Christian Metz ist die Fotografie „das stille Rechteck aus Papier“, ein Fetisch , weil sie oftmals als Ersatz für eine unwiederbringliche Realität betrachtet würde. Eigentlich ist sie ein Ausschnitt aus der Existenz. William Ganis bezeichnet Soltaus Fäden als „augenfälligen Fetisch, da sie diesem Ausschnitt zuwiederlaufen, weil die Fäden das Foto mit der Fülle der Existenz, der Fülle des Lebens, der Fülle der Erotik wiedervereinen sollen“. Ausserdem manifestiere sich in Soltaus Arbeiten Metz‘ Behauptung, dass „sowohl Bewegung als auch Pluralität Zeit implizieren“.

Andere Interpreten sehen im Schaffen Annegret Soltaus Parallelen einerseits zu Pablo Picasso, dessen Angehörige ihm auch Modell standen, und nennen sie „Frau Picasso“, wie Karin Struck, oder andererseits, wie Lutz Fichtner, zu Francis Bacon, wegen der Vergleichbarkeit mit dessen maskenhaften Fratzen der sonderbaren Mutationen zwischen Mensch und Tier.

Wieder andere sehen das Schockierende ihrer Bilder darin, dass sie die Würde und Integrität des jeweils eigenen Köpers zu verletzen scheinen.

Die Rituale des Fotografierens und Posierens, des Ausreissens, Selektierens, Collagierens und Vernähens hinterlassen in den Werken Annegret Soltaus Spuren, die auf die Komplexität des Lebens selbst verweisen. Die Haut – sagt Gilles Deleuze – verfügt über eine potentielle vitale Energie, die spezifisch oberflächenartig ist. Ereignisse gehen in die Oberfläche ein, die Ort des Sinns ist. Da existiert das Leben wesentlich.

Soltau hat schon früh versucht, die dokumentarischen Fotos zu ihren künstlerischen Performances zum Leben zu erwecken, indem sie sie mit Fäden übernähte.

„Der Faden“ bedeutet für Annegret Soltau aber auch „etwas Verbindendes, Reparierendes, was die Risse (die Zerissenheit einer Persönlichkeit) zusammenbringt und -hält.“

Generativ – Selbst mit Mutter,Tochter, Grossmutter, 110, 1994/2005, Fotovernähung, 3 Bahnen je 262 x 127 cm; Fotografie: Heinz Hefele, Montage: FeuilletonFrankfurt


Generativ negativ – Selbst mit Mutter,Tochter, Grossmutter, 111, 1994/2005, Fotovernähung, 2 Bahnen je 278 x 127 cm, 1 Bahn 278 x 123 cm, Fotografie: Heinz Hefele, Montage: FeuilletonFrankfurt

In den Triptychen „Generativ“ und „Generativ negativ“, beide entstanden 1994/2005, bleiben die Risse im Lebenslauf sichtbar wie die Falten als Lebensspuren. Anhand von vier Generationen von Frauen: Urgrossmutter, Grossmutter, Mutter und Tochter stellt Soltau die matrilinearen Verbindungen dar. Der auf Krücken gestützte Akt der Urgrossmutter birgt den jungen Brustkorb der Urenkelin, die deren schlaffe Brüste trägt und mit ihrem Blick in die Welt schaut , oder Mutter und Tochter tauschen ihre Brüste und Augen. In den beiden Triptychen wird aber nicht nur die Zuordnung der Körper zu den Kopf- und Brustpartien, sondern auch deren Reihenfolge von links nach rechts vertauscht .

Transgenerativ – MutterVaterTochterSohn, 81, 2005, Fotovernähung, 3 Bahnen je 275 x 105 cm; Fotografie: Heinz Hefele, Montage: FeuilletonFrankfurt


Transgenerativ negativ – MutterVaterTochterSohn, 80, 2005, Fotovernähung, 3 Bahnen je 270 x 127 cm, Fotografie: Heinz Hefele, Montage: FeuilletonFrankfurt

In den familiären Transgender-Triptychen „Trans-Generativ“ und vor allem in „Trans-Generativ negativ“, beide 2005 entstanden, bedient sich Soltau zudem direkt der Freudschen Ikonographie des Fetischs, indem sie männliche und weibliche Körperteile und Genitalien ausreisst und unter den Familienmitgliedern, Mutter, Vater, Tochter, Sohn vertauscht.

So werden die hereditären und erotischen Verbindungen zwischen ihnen offenbar und aufrecht erhalten.

Generell wirken die negativen Collagen malerischer und mystischer durch die dunklen, an Röntgenschatten oder Urschlamm erinnernden Häute und Hüllen, die die Körper umgebenden.

Für die beiden 2002 bis 2010 sukzessive entstandenen Werkzyklen „female hybrids“ und „trans hybrids“ hat Annegret Soltau Restfotofragmente ihrer generativ-Arbeiten eingescannt und sie digital im Computer zu fantastisch anmutenden Hybridgestalten ohne umgebende Körperhülle zusammengesetzt und sie mit weiblichen oder transgenerativen Attributen ausgestattet. „In einer Art Recyclingverfahren habe ich die Restabschnitte wiederverwertet. Ich wollte das Ganze soweit treiben“, sagt sie, „dass es nur noch immateriell sichtbar ist und man sich fragt: Was bleibt übrig?“ Die hybrids treten nun in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks als kurze Wandprojektionen wie flüchtige Eindrücke in Erscheinung.

Die journalartige Serie der an die 100 minaturhaften „Zeit-Erfahrungen“ der Jahre 1975/1977 bis 2011 umfassen frühe, mit schwarzem Faden übernähte Fotoporträts und Vernähungen in DIN A4-Größe von fragmentierten, zerissenen Fotos, jeweils als Paar von Vorder- und Rückseite entlang der Wände der Goldhalle angeordnet. Sie zeigen Verletzungen und „Operationen“, Versuche, Gegensätzliches, Verlorenes, auch Nahestehendes in einem Bild wieder zu vereinen und fest zusammenzuhalten. Als Echo und Pendant begleiten sie das gesamte Schaffen und die Biografie von Annegret Soltau. Es sind die Folgen: „Selbst“ , „Schwanger“, „Mutter-Glück“ , „Grima – mit Kind und Tier“, „Doppelkopf – mit Tochter und Sohn“, „Generativ – selbst mit Tochter, Mutter und Grossmutter“, „KALI-Tochter doppelt“, „N.Y.FACES – chirurgische Operationen“, „Personal identity“, „Transgenerativ – MutterVaterTochterSohn“, „Doubleface“ und „Orificia corporis humani“.

Soltau übt Gewalt aus, sowohl gegen Bilder als auch gegen Körper. Durch Tabubrüche kritisiert sie den medienüblichen Umgang mit Bildern des menschlichen Körpers.

Der Leib löst sich auf in disponible Fragmente für eine technische Reproduktion des Menschen. Und die Betroffenen bemerken gar nicht, was ihnen geschieht. Grotesk wirken so die lächelnden Gesichter, denen das Gemetzel an ihren Gliedern nichts auszumachen scheint.

Es ist keine christliche Ikonographie, kein Scherzensmann, auch keine Schmerzensfrau, der wir da begegnen.

Soltau schafft mit raffinierten chirurgischen Eingriffen und einer schockierend authentischen Ästhetik Bilder von hoher Emotionalität. Sie macht es sich und uns nicht leicht, sondern konfrontiert und provoziert den Betrachter, denn sie neigt mehr zu den dunkeln und problematischen Seiten unseres Seins. Dennoch faszinieren ihre Bilder, wenn man manche auch abstossend finden mag, aber verschliessen kann man sich ihnen nicht.

Soltaus Kunst ist nicht nur ein Protest gegen tradierte Ästhetik, sondern zugleich auch einer gegen Prüderie und Pornografie.

Sie setzt die Fotografie als Fetisch der Genealogie ein, indem sie seit vierzig Jahren kontinuierlich ihre sezierende Geschlechter-, Familien- und Ahnenforschung mit einem spezifischen künstlerischen Formenrepertoir exemplarisch betreibt.

Die Ausstellung ist in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks bis zum 26. Juni 2011 täglich zwischen 9 und 19 Uhr zu sehen. Veranstalter ist die Marielies Hess-Stiftung e.V.

Professor Michael Crone, Marielies Hess-Stiftung, überreicht Annegret Soltau den erstmals verliehenen Kunstpreis der Stiftung; Foto: FeuilletonFrankfurt

 

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