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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Mai, 2011

50 Jahre Amnesty International (AI)

Montag, 30. Mai 2011

Frankfurt feiert die Menschenrechte

Text und Fotografien: Renate Feyerbacher

Was wäre diese Welt ohne Amnesty International, die Menschenrechtsorganisation, die 1961 gegründet wurde? Da hatten zwei Studenten in einem Lissaboner Café auf die Freiheit angestossen, eine wunderschöne Geste. Jemandem muss das nicht gefallen haben und hat sie angezeigt. Die beiden wurden zu sieben Jahren Haft verurteilt. Zur Erinnerung: Damals herrschte in Portugal noch Diktator Antonio de Oliveira Salazar. Er hatte 1930 den Estado Novo (Neuer Staat), eine autoritäre, klerikal-faschistische, Linksorientierte verfolgende Diktatur ausgerufen. Erst 1974 wurde diese Diktatur durch die sogenannte Nelkenrevolution, initiiert durchs Militär, beendet. Ihren Namen erhielt sie, weil den Soldaten bei einem Volksfest Nelken in die Gewehrläufe gesteckt wurden.

Der britische Anwalt Peter Benenson las von der Verhaftung der portugiesischen Studenten, schrieb an die Zeitung Observer einen Brief und rief zur Kampagne auf, um Gefangene zu schützen und aus der Vergessenheit zu holen. AI war geboren. Zu den Gründern der deutschen Sektion von AI gehörten die politische WDR-Kommentatorin Carola Stern (1925  bis 2006) und ihr Kollege Gerd Ruge (*1928), dessen Reportagen aus Afghanistan und Sibirien faszinierten.

Auch heute wird nicht in allen Ländern dieses Ereignis der Gründung und der Existenz von AI gefeiert. Liest man im jährlich erscheinenden Report von AI “Zur weltweiten Lage der Menschenrechte” (Verlag S. Fischer, Mai 2011), so verschlägt es einem den Atem, in wie vielen Ländern die Menschenrechte mit Füssen getreten werden beziehungsweise derzeit in den afrikanisch-arabischen Ländern mit Kanonen zerschossen werden.

Auch über Deutschland wird geklagt, zum Beispiel über seinen Umgang mit Asylanten und Flüchtlingen oder über seine Abschiebepraxis. Oder was spielt sich ab in den Geheimgefängnissen für Terrorverdächtige in den USA? Es gibt auch Menschenrechtsverletzungen in den Ländern der westlichen Welt.

Eren Keskin – türkisch-kurdische Anwältin und Menschenrechtlerin

Eren Keskin ist Ehrengast der Frankfurter AI-Geburtstagsfeier im Schauspielhaus Frankfurt. Sie spricht über die Situation in der Türkei. Es bestürzt immer wieder zu hören, wie in diesem Land, eines der liebsten Reiseländer der Deutschen, Menschen verfolgt, gefoltert und sogar getötet werden. Selbst Starautor Orhan Pamuk kommt immer wieder in Konflikt mit den staatlichen Einrichtungen. Der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink wurde im Januar 2007 auf der Strasse ermordet. Ein Gericht hatte ihn zuvor wegen Beleidigung des Türkentums verurteilt, weil er über den Völkermord an den Armeniern 1915/1916, den übrigens Deutschland damals akzeptierte, geschrieben hatte. Die Türkei leugnet den Völkermord heute noch. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gab 2010 den türkischen Behörden eine Mitschuld an der Ermordung von Hrant Dink, weil sie den Journalisten nicht vor den ihn bedrohenden Nationalisten geschützt hatten. 57 Journalisten sitzen derzeit im Gefängnis und ganz neu gibt es eine Internetzensur.

Eren Keskin mit Ruth Fühner

Eren Keskin arbeitet als Anwältin in Istanbul. Sie setzt sich für die Rechte des kurdischen Volkes und der Frauen ein. Seit 25 Jahren ist sie Mitglied des Menschenrechtsvereins IHD und leitet dessen Istanbuler Sektion. Vor 14 Jahren gründete sie ein Rechtshilfeprojekt “Rechtliche Hilfe für Frauen, die von staatlichen Sicherheitskräften vergewaltigt oder auf andere Weise sexuell misshandelt wurden”.

Sie wurde eingeschüchtert und verhört, mit Berufsverbot belegt und erhielt vielfach Morddrohungen. Zurzeit laufen 21 Strafverfahren gegen Eren Keskin, die 2004 den Aachener Friedenspreis erhielt und 2001 den Menschenrechtspreis von Amnesty Internation Deutschland. Diese Auszeichnung ist “kein Preis wie jeder andere”, schreibt AI; er schütze sie bei ihrer Arbeit, sagt die Anwältin.

Der ägyptische Komponist und Oud-Spieler Basem Darwisch lebt in Deutschland. Sein Spiel auf der orientalische Laute wurde vom Pianisten und Komponisten Matthias Frey begleitet. Im Gespräch mit hr 2-Moderatorin Ruth Fühner berichtet er von seinem Aufenthalt in Ägypten. Sehr kritisch sind seine Äusserungen über die augenblickliche Situation in seinem Heimatland. Er sieht eine Blockade der arabischen Länder und fürchtet die Manipulation der Bevölkerung, die zu 80 Prozent Analphabeten sind. Er hat Bedenken, “dass wir es nicht so schaffen, wie wir es gedacht haben”. Er bedauert den Tod von 800 Demonstranten.

Basem Darwisch und Matthias Frey

An der Feier in Frankfurt nimmt Wolfgang Grenz teil, der stellvertretende Generalsekretär von Amnesty International Deutschland. AI habe viel bewegt. Er berichtet, dass immerhin 40 Prozent der Aktionen erfolgreich waren. Zur Zeit sind AI-Leute in den libyschen Städten Misrata und Bengasi unterwegs. Er hofft auf ein Jahr der Zeitenwende. Er erinnert daran, dass sich AI seit 1973 weltweit dafür einsetzt, dass die Todesstrafe abgeschafft wird. Mit Erfolg. Dennoch: Allen voran China, Iran, Saudi-Arabien, Pakistan und die USA waren 2008 für 93 Prozent der Hinrichtungen verantwortlich. Wolfgang Grenz, der die Abteilung “Länder, Themen und Asyl” der Deutschen Sektion leitet, mahnt: “Die Flüchtlinge kommen ja nicht zum Vergnügen nach Europa, sondern weil sie keine andere Wahl haben und unseren Schutz brauchen” (aus der Schrift “50 Jahre Amnesty International”).

Schauspieler der iranischen Theatergruppe

Schauspieler einer iranischen Theatergruppe zitierten aus den “Tagebüchern der Zeitzeugen” – wie die Revolution ihre Enkel frisst. Brutale Realität im heutigen Iran. Als wir vor Jahrzehnten, noch zu Schahs Zeiten im Iran waren, mussten wir bei Treffen mit Freunden im Restaurant flüstern (“man weiss nicht, wer vom Geheimdienst ist”.) Wir hofften auf den Sturz des Schahs. Aber wir konnten uns ansonsten frei bewegen – sogar als Frau ohne Kopftuch gehen. Und heute?

Der Iraner Nasim Ghadimi spielte auf seiner Geige ein modernes Stück eines palästinensischen Komponisten und sein Landsmann Arman Sigarchi auf der Oud. Es war ein schöner Tag für ihn, denn ihm war soeben in Deutschland Asyl gewährt worden.

Arman Sigarchi

Ursula Illert, Anka Hirsch und Peter Lehmann

Mitglieder des Günes-Theater (Gallus) waren mit türkischen Texten (die Ursula Illert, die bekannte hr 2 kultur-Sprecherin, übersetzte), mit Cello und Experimental-Klavier aktiv. Sehr lebendig und locker diese vier Frauen.

In der guten Sache engagierten sich auch Frank Wolff, der “tanzende” Cellist, mit Markus Neumeyer und der Sängerin Ingrid El Sigai, die oft im Hessischen Rundfunk zu hören und zu sehen ist. Sie interpretierten Stücke von Bertolt Brecht.

Frank Wolff und Ingrid El Sigai

Der Pole Vitold Rek unterrichtet Jazz-Kontrabass an den Musikhochschulen von Mainz und Frankfurt, und ich kenne ihm vom Emil Mangelsdorff-Quartett. Ausgefallen war sein experimentelles Kontrabass-Solo, dass er noch durch Gesang erweiterte.

Nicht nur mir, sondern auch dem Publikum ging die Interpretation von Pablo Nerudas (1904 bis 1973) Canto aus “Die Höhen von Machu Picchu” nahe, das der chilenisch-deutsche Schauspieler Peter Lehmann vortrug, der sein Land verlassen musste. Es erinnert an die Leiden der Erbauer dieser gewaltigen Stätte Machu Picchu. Wer wie ich 1974 dort war, kann Nerudas überwältigende Eindrücke, die er in seinen Cantos ausdrückt, nachempfinden.

Yasna Schindler

Nicht vergessen erwähnt zu werden darf die Tänzerin Yasna Schindler, die begleitet von Frank Wolff und dem chilenischen Hang-Spieler Rafael Sotomayor, einen ausdrucksstarken Tanz darbot, der als Ringen um die Freiheit interpretiert werden kann.

Alle Künstler traten unentgeltlich auf. Der Veranstaltungserlös war für Amnesty International bestimmt.

Jeder kann helfen, es muss nicht mit Geld sein, aber durch eine Unterschrift auf eine Petition, um zum Beispiel ein Todesurteil zu verhindern, die Freilassung von politischen Gefangenen zu erwirken oder durch ehrenamtlichen Einsatz, wie es die 15jährige Frankfurter Schülerin Sina Lucy Dubuque macht. Sie ist erst seit kurzem Mitglied bei AI und schon in Schulen entsprechend aktiv.

Sina Lucy Dubuque, Ruth Fühner, Elisabeth Abendroth und Monika Wittkowski

Zusammengestellt hatte diese eindrucksvolle Geburtstagsfeier “50 Jahre Amnesty International” im Frankfurter Schauspielhaus Elisabeth Abendroth, die von ihrem Mann Herbert Kramm-Abendroth unterstützt worden war.

Bei der 50-Jahr-Feier von Amnesty International am vergangenen Wochenende in Berlin wurde auch der Menschenrechtspreis  2011 verliehen. Ausgezeichnet wurde der Mexikaner Abel Barrera Hernández. Er setzt sich in Guerrero, einem der gefährlichsten Bundestaaten Mexikos, für die Rechte der indigenen Bevölkerung ein. Permanent werden er, seine Familie und seine Mitarbeiter bedroht. Sein bester Schutz ist die Öffentlichkeit, die Amnesty International mobilisiert.

“Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.”
Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, 1948


Annegret Soltau erhält Marielies Hess-Kunstpreis

Freitag, 27. Mai 2011

Annegret Soltau:
Generativ, Trans-Generativ. Fotografie als Fetisch der Genealogie

Von Brigitta Amalia Gonser
Kunstwissenschaftlerin

Die Ausstellung “Generativ”, die anlässlich der heutigen ersten Verleihung des Marielies Hess-Kunstpreises in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main zu sehen ist, zeigt einen repräsentativen Überblick über das Œuvre der renommierten Darmstädter Künstlerin Annegret Soltau.

Aus der Reihe ihrer als Positiv-Negativ-Collagen und -Decollagen mit Fotoübernähungen respektive Fotovernähungen realisierten Self-Performings sind es die frei im Raum hängenden, vier triptychonartigen Installationen von “Generativ” und “Trans-Generativ”, der Konfrontation der Generationen mit Urgrossmutter, Grossmutter, Mutter, Tochter, Vater und Sohn, sowie ihre miniaturhaften “Zeit-Erfahrungen” und die grosse Projektion der “female und trans hybrids”.

Annegret Soltau wurde 1946 in Lüneburg geboren und lebt seit 1973 in Darmstadt.

Von 1967 bis1972 studierte sie Malerei und Graphik an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. 1973 erhielt sie das DAAD-Stipendium für Mailand. 1986 bis 1987 arbeitete sie als Stipendiatin in der Villa Massimo in Rom.

Seit Mitte der 1980er Jahre hat sie auch an den Hochschulen von Offenbach, Bielefeld, Salzburg, Mainz und Darmstadt gelehrt.

1998 erhielt sie den Maria Sibylla Merian-Preis für bildende Künstlerinnen in Hessen.

2000 wurde sie dann mit dem Wilhelm Loth-Preis der Stadt Darmstadt ausgezeichnet.

Und nun erhält sie den Marielies Hess-Kunstpreis 2011.

In Darmstadt hatte sie 1974 ihre erste Einzelausstellung mit Radierungen und Zeichnungen und präsentierte 1975/76 öffentlich ihre Performance “permanente Demonstration”, in der sie sich selbst mit schwarzem Faden “bezeichnete“ oder umschnürte und auch mehrere Personen miteinander verband. 1975 entwickelte sie die Fotoübernähung und 1977 die Fotovernähung.

Annegret Soltau sagt zu ihrem künstlerischen Schaffen: “Mein zentrales Anliegen ist, körperliche Prozesse in meine Bilder miteinzubeziehen, um Körper und Geist als gleichwertig zu verbinden”.

Gezeigt hat sie ihre Werke während der letzten vierzig Jahre in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen sowie in Performances in Deutschland, Europa, USA und Japan.

Ihre Arbeiten befinden sich in Museen und Kunsthallen im In- und Ausland, auch in grossen privaten und öffentlichen Sammlungen wie der Deutschen Bank und der DZ-Bank in Frankfurt am Main oder im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien.

Annegret Soltau im Atelier, vor der Arbeit “Tagblick”;  Foto: Julia Wehmeyer

Annegret Soltau ist eine Collagekünstlerin der Body-Art.

Ihr exemplarisches und nicht exhibitionistisches Medium ist der Körper, ihr eigener sowie der ihrer Nächsten. Sie arbeitet mit deren fotografischem Material. Darin spiegeln sich versatzstückhafte Verbundenheit und die radikalen Vanitas-Erfahrungen von vier Generationen. Wobei die Fotografie, wie ich meine, als Fetisch der Genealogie eingesetzt wird.

“Für mich”, sagt Annegret Soltau, “ist der Körper eine Erkenntnisquelle, der ich mich nicht verschliessen möchte. Nur so kann ich teilhaben an der Darstellung eines veränderten Frauenbildes, indem ich ohne Rücksicht auf andere den offensten Ausdruck meines Selbst finde, um vorgeprägte Bilder zu durchbrechen … und Gegenbilder zu schaffen“ .

In ihr steckt noch der Appell der 1970er Jahre, dass das Private auch politisch ist.

Es ist eine ihrer Arbeitsmethoden, Fragmente von existentiellen Erlebnissen in einen neuen öffentlichen und exemplarischen Zusammenhang zu stellen. Beim Aus- und Zerreissen geht es ihr dabei nicht um die Zerstörung an sich, sondern um das Finden von neuen Bedeutungs- und Sinnzusammenhängen.

Seit dem Futurismus wird die Zeit vermittels der fotografischen Montage direkt bildkünstlerisch umgesetzt, so dass Abläufe offenbar werden. Auch Annegret Soltau demontiert Repliken / Abbilder der Wirklichkeit , um sie durch Vernähen zu einer neuen Einheit zusammzufügen, aber nach dem Prinzip der positiv-negativen Collage und Decollage.

Soltau hat das Vernähen von Fotos erfunden und damit Andy Warhols früheste Nähexperimente um sieben Jahre vorweggenommen.

Weshalb in dieser Ausstellung ihre Arbeiten so präsentiert werden, dass sie sowohl von der Vorder- als auch von der Rückseite zu sehen sind: Auf ersterer erscheinen die Fäden und Vernähungen als verbindendes Mittel, als plastische Präsenz, während sie auf letzterer die “gezeichneten” Linien anthropomorpher Silhouetten ergeben.

Detail: Transgenerativ negativ (Rückseite), 2005, Fotovernähung, 270 x 127 cm; Foto: Heinz Hefele

Für Christian Metz ist die Fotografie “das stille Rechteck aus Papier”, ein Fetisch , weil sie oftmals als Ersatz für eine unwiederbringliche Realität betrachtet würde. Eigentlich ist sie ein Ausschnitt aus der Existenz. William Ganis bezeichnet Soltaus Fäden als “augenfälligen Fetisch, da sie diesem Ausschnitt zuwiederlaufen, weil die Fäden das Foto mit der Fülle der Existenz, der Fülle des Lebens, der Fülle der Erotik wiedervereinen sollen”. Ausserdem manifestiere sich in Soltaus Arbeiten Metz‘ Behauptung, dass “sowohl Bewegung als auch Pluralität Zeit implizieren”.

Andere Interpreten sehen im Schaffen Annegret Soltaus Parallelen einerseits zu Pablo Picasso, dessen Angehörige ihm auch Modell standen, und nennen sie “Frau Picasso”, wie Karin Struck, oder andererseits, wie Lutz Fichtner, zu Francis Bacon, wegen der Vergleichbarkeit mit dessen maskenhaften Fratzen der sonderbaren Mutationen zwischen Mensch und Tier.

Wieder andere sehen das Schockierende ihrer Bilder darin, dass sie die Würde und Integrität des jeweils eigenen Köpers zu verletzen scheinen.

Die Rituale des Fotografierens und Posierens, des Ausreissens, Selektierens, Collagierens und Vernähens hinterlassen in den Werken Annegret Soltaus Spuren, die auf die Komplexität des Lebens selbst verweisen. Die Haut – sagt Gilles Deleuze – verfügt über eine potentielle vitale Energie, die spezifisch oberflächenartig ist. Ereignisse gehen in die Oberfläche ein, die Ort des Sinns ist. Da existiert das Leben wesentlich.

Soltau hat schon früh versucht, die dokumentarischen Fotos zu ihren künstlerischen Performances zum Leben zu erwecken, indem sie sie mit Fäden übernähte.

“Der Faden” bedeutet für Annegret Soltau aber auch “etwas Verbindendes, Reparierendes, was die Risse (die Zerissenheit einer Persönlichkeit) zusammenbringt und -hält.”

Generativ – Selbst mit Mutter,Tochter, Grossmutter, 110, 1994/2005, Fotovernähung, 3 Bahnen je 262 x 127 cm; Fotografie: Heinz Hefele, Montage: FeuilletonFrankfurt


Generativ negativ – Selbst mit Mutter,Tochter, Grossmutter, 111, 1994/2005, Fotovernähung, 2 Bahnen je 278 x 127 cm, 1 Bahn 278 x 123 cm, Fotografie: Heinz Hefele, Montage: FeuilletonFrankfurt

In den Triptychen “Generativ” und “Generativ negativ”, beide entstanden 1994/2005, bleiben die Risse im Lebenslauf sichtbar wie die Falten als Lebensspuren. Anhand von vier Generationen von Frauen: Urgrossmutter, Grossmutter, Mutter und Tochter stellt Soltau die matrilinearen Verbindungen dar. Der auf Krücken gestützte Akt der Urgrossmutter birgt den jungen Brustkorb der Urenkelin, die deren schlaffe Brüste trägt und mit ihrem Blick in die Welt schaut , oder Mutter und Tochter tauschen ihre Brüste und Augen. In den beiden Triptychen wird aber nicht nur die Zuordnung der Körper zu den Kopf- und Brustpartien, sondern auch deren Reihenfolge von links nach rechts vertauscht .

Transgenerativ – MutterVaterTochterSohn, 81, 2005, Fotovernähung, 3 Bahnen je 275 x 105 cm; Fotografie: Heinz Hefele, Montage: FeuilletonFrankfurt


Transgenerativ negativ – MutterVaterTochterSohn, 80, 2005, Fotovernähung, 3 Bahnen je 270 x 127 cm, Fotografie: Heinz Hefele, Montage: FeuilletonFrankfurt

In den familiären Transgender-Triptychen “Trans-Generativ” und vor allem in “Trans-Generativ negativ”, beide 2005 entstanden, bedient sich Soltau zudem direkt der Freudschen Ikonographie des Fetischs, indem sie männliche und weibliche Körperteile und Genitalien ausreisst und unter den Familienmitgliedern, Mutter, Vater, Tochter, Sohn vertauscht.

So werden die hereditären und erotischen Verbindungen zwischen ihnen offenbar und aufrecht erhalten.

Generell wirken die negativen Collagen malerischer und mystischer durch die dunklen, an Röntgenschatten oder Urschlamm erinnernden Häute und Hüllen, die die Körper umgebenden.

Für die beiden 2002 bis 2010 sukzessive entstandenen Werkzyklen “female hybrids” und “trans hybrids” hat Annegret Soltau Restfotofragmente ihrer generativ-Arbeiten eingescannt und sie digital im Computer zu fantastisch anmutenden Hybridgestalten ohne umgebende Körperhülle zusammengesetzt und sie mit weiblichen oder transgenerativen Attributen ausgestattet. “In einer Art Recyclingverfahren habe ich die Restabschnitte wiederverwertet. Ich wollte das Ganze soweit treiben”, sagt sie, “dass es nur noch immateriell sichtbar ist und man sich fragt: Was bleibt übrig?” Die hybrids treten nun in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks als kurze Wandprojektionen wie flüchtige Eindrücke in Erscheinung.

Die journalartige Serie der an die 100 minaturhaften “Zeit-Erfahrungen” der Jahre 1975/1977 bis 2011 umfassen frühe, mit schwarzem Faden übernähte Fotoporträts und Vernähungen in DIN A4-Größe von fragmentierten, zerissenen Fotos, jeweils als Paar von Vorder- und Rückseite entlang der Wände der Goldhalle angeordnet. Sie zeigen Verletzungen und “Operationen”, Versuche, Gegensätzliches, Verlorenes, auch Nahestehendes in einem Bild wieder zu vereinen und fest zusammenzuhalten. Als Echo und Pendant begleiten sie das gesamte Schaffen und die Biografie von Annegret Soltau. Es sind die Folgen: “Selbst” , “Schwanger”, “Mutter-Glück” , “Grima – mit Kind und Tier”, “Doppelkopf – mit Tochter und Sohn”, “Generativ – selbst mit Tochter, Mutter und Grossmutter”, “KALI-Tochter doppelt”, “N.Y.FACES – chirurgische Operationen”, “Personal identity”, “Transgenerativ – MutterVaterTochterSohn”, “Doubleface” und “Orificia corporis humani”.

Soltau übt Gewalt aus, sowohl gegen Bilder als auch gegen Körper. Durch Tabubrüche kritisiert sie den medienüblichen Umgang mit Bildern des menschlichen Körpers.

Der Leib löst sich auf in disponible Fragmente für eine technische Reproduktion des Menschen. Und die Betroffenen bemerken gar nicht, was ihnen geschieht. Grotesk wirken so die lächelnden Gesichter, denen das Gemetzel an ihren Gliedern nichts auszumachen scheint.

Es ist keine christliche Ikonographie, kein Scherzensmann, auch keine Schmerzensfrau, der wir da begegnen.

Soltau schafft mit raffinierten chirurgischen Eingriffen und einer schockierend authentischen Ästhetik Bilder von hoher Emotionalität. Sie macht es sich und uns nicht leicht, sondern konfrontiert und provoziert den Betrachter, denn sie neigt mehr zu den dunkeln und problematischen Seiten unseres Seins. Dennoch faszinieren ihre Bilder, wenn man manche auch abstossend finden mag, aber verschliessen kann man sich ihnen nicht.

Soltaus Kunst ist nicht nur ein Protest gegen tradierte Ästhetik, sondern zugleich auch einer gegen Prüderie und Pornografie.

Sie setzt die Fotografie als Fetisch der Genealogie ein, indem sie seit vierzig Jahren kontinuierlich ihre sezierende Geschlechter-, Familien- und Ahnenforschung mit einem spezifischen künstlerischen Formenrepertoir exemplarisch betreibt.

Die Ausstellung ist in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks bis zum 26. Juni 2011 täglich zwischen 9 und 19 Uhr zu sehen. Veranstalter ist die Marielies Hess-Stiftung e.V.

Professor Michael Crone, Marielies Hess-Stiftung, überreicht Annegret Soltau den erstmals verliehenen Kunstpreis der Stiftung; Foto: FeuilletonFrankfurt

 

Reisen: Myanmar / 5

Montag, 23. Mai 2011

Eine Reise durch Myanmar / 5

Text und Fotos: © Ingrid Malhotra

Nach diesem Erlebnis ging es weiter zur Mohnyin Than Buddhe Pagoda, auf die man sehr stolz ist, weil dort mehr als 500.000 Buddhas sitzen – naja, die meisten sind winzig.

Gezählt habe ich sie nicht, aber es waren schon enorm viele. Aber die Pagode war auch enorm bunt und enorm heftig dekoriert (ich habe einmal heftig gegoogelt und mein Verdacht hat sich bestätigt: die Pagode ist neu, erbaut von 1939 bis 1952 – ich glaube, das erklärt die Buntheit). Aber man fragt sich doch, ob all die bezaubernden Kunstwerke und Wandmalereien aus alter Zeit auch einmal so knallbunt angefangen haben …

Prächtige Wandmalereien

Weiter ging die Fahrt nach Pakokku, einem Städtchen am Ufer des Irawaddy, von wo es per Schiff nach Bagan gehen sollte. Aber unterwegs gab es auch noch einige interessante Stops.

Zunächst erreichten wir einen See, an dessen Ufer unglaubliche Mengen winzig kleiner Fische zum Trocknen ausgebreitet waren.

Trocknende Fische

Die Fischer erzählten, dass daraus die berühmte thailändische Fischsauce hergestellt würde, und zwar – erstaunlicherweise – überwiegend in Indien. Man kommt ja, wenn man thailändisch kocht, an der Fischsauce nicht vorbei, aber nach dem, was ich dort gesehen und erfahren habe, gab es einige Monate zuhause, in denen ich versucht habe, auf Fischsauce zu verzichten. Interessant ist auch, wie die Fischer die Genehmigung erhalten, dort ihre Netze auszuwerfen. Die Pachtrechte am See – der dem Staat gehört – werden alle paar Jahre versteigert.

Der See

Und da die kleinen Fische ein gutes Einkommen abwerfen, werden die Gebote immer höher, so dass sich mittlerweile drei Gemeinden zusammenschliessen mussten, um das notwendige Geld aufzubringen.

Fischeridylle

Das macht den Fischern zwar Sorgen, denn sie wissen nicht, wie sich diese Entwicklung fortsetzen wird, aber im Moment haben sie ein für Burma enorm hohes Nettoeinkommen von knapp $ 2000 pro Jahr. Das ist dort viel …

Zwischen den trocknenden Fischen spielen Kinder aller Altersklassen. Nur wenige Jungen erhalten die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, damit sie rechnen lernen – das sei für die Fischer wichtig, dass immer jemand da ist, der rechnen und Verträge lesen kann. Mädchen gehen nicht zur Schule.

Bei Pakokku hielten wir dann noch an einem alten hölzernen Kloster, in dem ein Eremit lebt. Ich hatte zuerst durchaus gewisse Hemmungen, in das Gebäude hinein zu gehen, denn von Eremiten hatte ich die Vorstellung, dass sie absolut dagegen sind, dass fremde Frauen in leichter Kleidung zu ihnen ins Haus kommen und wie wild Fotos machen.

Das Kloster des Eremiten

Aber dieser Eremit war ganz anders. Er war sehr, sehr freundlich und sehr beglückt, dass jemand zu ihm kam. Er sprach fliessend Englisch, war erstaunlich gut über die Vorgänge – nicht nur in seinem eigenen Land, sondern auch im Rest der Welt – informiert und posierte bereitwillig für ein paar Fotos.

Wir hielten noch kurz an, um uns zu stärken – ich mit Bier und Bananen, Fahrer und Führer mit scharfen Sachen und Coca Cola,

Vor Pakokku

und nach einem kurzen Stopp bei einem farbenprächtig geschmückten Haus, in dem gerade die Einführung des zehnjährigen Sohnes in sein erstes Jahr in einem buddhistischen Kloster gefeiert wurde,

Initiationsfeier

kamen wir zum Fluss, der hier enorm breit ist. Das Verladen des Autos auf die Fähre war, wie immer, sehr spannend. Auch das der Lastwagen, Lieferwagen und Pferdefuhrwerke – ein unglaubliches Gewimmel.

Zur Fähre

Seltsamerweise ging die Fähre nicht unter und machte sogar einen so zuverlässigen Eindruck, dass sich ein paar kleine Ruderboote mit Seilen hinten anhängten und sich gegen die Strömung mitschleppen liessen.

Die Fahrt war sehr beschaulich, am mässig steilen Ufer lagen Felder und Gärten. Frauen mit Giesskannen stiegen hinab zum Fluss, holten Wasser und begossen ihre Pflanzen.

Wir kamen an anderen Schiffen vorbei, die ebenso bizarr und seeuntauglich wirkten wie unser eigenes, und dann landeten wir in Bagan.

Wieder eine spannende Angelegenheit – aber alle kamen trocken ans sandige Ufer, und dann die kurze Fahrt nach Bagan und Einchecken in einem wunderschönen Hotel, dem Tharabar Gate. Das war wieder mal eins, das die Einstufung als “Superior” verdiente – wunderschöne, geräumige und komfortable Zimmer in Bungalows, die in einer weitläufigen Gartenanlage verstreut lagen, grosse Terrasse mit einer prächtigen Bar, die ich natürlich sehr schnell aufsuchte – und nicht einmal, weil ich so grossen Durst hatte. Aber um die Bar waren die Piloten der Ballons versammelt, und ich wollte noch schnell sicherstellen, dass für mich ein Platz in einem der Ballons reserviert war. Denn in diesem Punkt waren meine Reiseunterlagen etwas unklar.

Es war gut, dass ich mich darum sofort gekümmert habe, denn tatsächlich war kein Platz für mich reserviert, und ich habe gerade noch den allerletzten ergattert.

Naja, und dann bin ich gleich dort geblieben. Die Piloten waren alle Engländer und haben sich weidlich darüber lustig gemacht, dass man in Deutschland mit einem Ballon “fährt” – wo denn da bitte die Räder seien, wollten sie von mir wissen. Und als ich besorgt fragte, ob sie mich auch mit leichten Schuhen mitnehmen, weil ich keine richtigen Schnürschuhe dabei hatte, wie man sie in Deutschland zum Ballonfahren anlegen soll, haben sie mir gleich vor Mitleid einen Drink ausgegeben und mir versichert, dass im Rest der Welt Sandalen völlig ausreichten.

Es wurde ein gemütlicher Abend. Auf der Terrasse baute man dann ein gewaltiges Bufett auf, und weil das Hotel so luxuriös und sauber war, habe ich mir ein paar Tomatenscheibchen geleistet.

Es wurde eine ungemütliche Nacht. Um 4 Uhr früh wurden alle Ballonfahrer abgeholt.

Ich krümmte mich die ganze Zeit, die wir oben waren. Aber es war trotzdem ein unvergleichlich schönes Erlebnis. Der Sonnenaufgang – diese unglaublich vielen Pagoden im leichten Morgennebel – am Rande der Ebene der Irawaddy –  hie und da eine Bauernhütte mit Baumwollfeldern und einem kläffenden Hund – und immer noch mehr Pagoden. Absolut unglaublich. Falls ich noch einmal nach Bagan kommen sollte, werde ich das auf jeden Fall wieder machen.

Nur schade, dass ich mich so oft krümmen musste, denn während man sich krümmt, kann man naturgemäss nicht fotografieren – ich muss da unbedingt noch einmal hin, wenn ich so darüber nachdenke!

Nach der Landung und dem Umtrunk ging es dann zurück ins Hotel, und dort hatte tatsächlich inzwischen jemand eine Apotheke gefunden, die Imodium führte.

Ich war ja so dankbar!

Jetzt gab es erst noch einmal zwei Stunden Schlaf, und dann wurden die Pagoden zu ebener Erde besichtigt. Jetzt wurde mir erst richtig bewusst, welche Vielfalt an Pagoden es hier gibt: winzig kleine, riesengrosse, schlichte und prachtvolle, uralte, fast vergessene, neue, in die noch immer die Gläubigen strömen.

Grosse Pagode … aus der Luft und auf dem Boden

Eine war immerhin noch so beliebt, sei es bei den Einheimischen oder den Touristen, dass vor dem Eingang eine Budengasse entstanden war, wo Schnitzarbeiten, Bilder in den verschiedensten Techniken, Spielzeug und – natürlich – Blattgold verkauft wurde.

Dort habe ich einen wunderschön geschnitzten Buddha gefunden, der auf einer riesigen zusammengeringelten Kobra sass. Ich habe nie wieder einen ähnlichen Buddha gesehen – und die Leute dort sagten auch, es sei ein sehr ungewöhnliches Stück, nach dessen Anfertigung der Künstler gestorben sei, und sonst schnitze niemand in dieser Art. Die Einheimischen hatten ein wenig Angst vor diesem Buddha, aber mir hat er kein Unglück gebracht – nur einen erfreulich günstigen Kaufpreis.


In manchen der älteren Pagoden findet man wunderschöne Wandmalereien, bei deren Anblick man dankbar ist für die Erfindung von Photoshop – denn mit Blitz möchte man dort wirklich nicht arbeiten, und ohne ein wirklich gutes Bildbearbeitungsprogramm hat man zuhause nicht sehr viel von den Fotos.

Wandmalerei

Auch hier gibt es natürlich einen Markt – wie überall,

und auch hier gibt es – sicherheitshalber – noch den einen oder anderen Nat-Tempel. Man kann ja nie wissen …

Nat-Tempel

Und so ganz allmählich wird mir immer klarer, dass Burma viel mehr ist, als man hierzulande weiss. Dieses Land ist nicht nur reich an Bodenschätzen, es ist auch unglaublich reich an Kultur und landschaftlicher Schönheit. Wäre es doch auch reich an Freiheit!

⇒  ⇒  ⇒  Reisen: Myanmar / 1

⇒ ⇒ ⇒ Reisen: Myanmar / 6

Welttag der Kultur am 21. Mai

Samstag, 21. Mai 2011

Unser Beitrag zum UNESCO-Welttag der Kultur (eigentlich: Welttag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung) an jedem 21. Mai:

“Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft cultivirt. Wir sind civilisirt bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns für schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehr viel.”

 

Immanuel Kant (1724 bis 1804, Philosoph der Aufklärung), Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784)

“Kunst privat” am Frankfurter Flughafen

Freitag, 20. Mai 2011

Bereits im siebten Jahr: “Kunst privat” am Frankfurter Flughafen

Text und Fotografien: Johanna Wenninger-Muhr

Rund 30 hessische Unternehmen gewähren im Rahmen des Projekts “Kunst privat” am 28. und 29. Mai 2011 Einblick in ihre sonst nicht zugänglichen Kunstsammlungen.

Im siebten Jahr von “Kunst privat”, der Veranstaltung des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung, öffnet auch Lufthansa Kunstinteressierten ihre Pforten. Das Lufthansa Aviation Center, von Lufthanseaten kurz LAC genannt, am Frankfurter Flughafen am Airportring, beteiligt sich zum dritten Mal an “Kunst privat”.

Lufthansa hat das 2006 bezogene LAC zu einem Ort der Kunst gemacht. Noch während der Bauphase wurde in Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Architekten Christoph Ingenhoven, den Kuratoren Max Hollein und Nicolaus Schafhausen und Michael Neff, Projektleiter “Kunst am Bau”, ein Konzept entwickelt, das nicht auf der Idee einer Kunst-Sammlung basiert, sondern auf einer Auswahl von sieben Künstlern, die von ihrer künstlerischen Haltung auf das Unternehmen Lufthansa reagieren.

“Das Lufthansa Aviation Center soll das angeborene Bedürfnis der Menschen nach Gespräch und Austausch fördern”, so die Idee von Architekt Christoph Ingenhoven. Kommunikation und Transparenz sind die Kernbotschaften. Die Transparenz wird im Lufthansa Aviation Center durch den Einsatz von viel Glas realisiert. Das markante Dach erinnert an Elemente aus der Welt der Luftfahrt. Neun Gärten mit Pflanzen und Bäumen aus verschiedenen Kontinenten bieten den Mitarbeitern Entspannung und Erholung. Die Unterschiedlichkeit der Gärten soll ein Zeichen für die Internationalität des Unternehmens Lufthansa sein. Überspannt von einer Glas-Gitter-Schale sorgen die grünen Atrien dafür, dass das Gebäude “atmen” kann. Sie sind Wärme-, Kälte- und Lärmpuffer zugleich. Ein wärmeaktives Thermosystem sorgt dafür, dass der Energieverbrauch nur ein Drittel desjenigen eines “konventionellen” Gebäudes beträgt.

International renommierte Künstler haben sich mit dem Entwurf von Christoph Ingenhoven und den Vorstellungen der Lufthansa auseinandergesetzt und mit subtilen Eingriffen in den Bau eigene Akzente gesetzt.

Liam Gillicks “Oneunitofenergyoneunitofoutput” und Thomas Demands “Wald”

“one unit of energy one unit of output”, “two ideas two actions”, “three units of input three units of stability”, “four units of decision four units of operation”.

Die vom britischen Künstler Liam Gillick entworfenen Schriftbänder, die direkt an den tragenden Säulen des Eingangsbereichs des Lufthansa Aviation Centers angebracht sind, sollen abstrakte unternehmerische Handlungsmodelle darstellen. Sie kreisen um Schlüsselwörter wie Energie und Output, Idee und Aktion, lassen aber offen, auf welchen Kontext sich diese beziehen. Vor dem LAC positioniert, sollen sie dem Besucher Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, zu denen er sich in Beziehung setzen muss.

Die Spruchbänder von Liam Gillick am Eingang des LAC sollen unternehmerische Handlungsmodelle darstellen

In der Kantine des LAC ist eine Täuschung an die Wand gebracht. Sie gibt den Anschein, als handele es sich um eine Fototapete mit dem Motiv “Wald”. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch klar, dass nicht nur die Grösse der einzelnen Blätter an den Bäumen nicht stimmen kann, sondern auch, dass die Blätter selbst nicht natürlich sind. Für seine Arbeit “Lichtung/-Clearing” hat Thomas Demand 2005 für das Abbild einer Baumgruppe im Park der Venedig-Biennale in seinem Studio 270 000 Einzelblätter an Papierbäume geheftet, anschliessend fotografiert und das Werk neben dem eigentlichen Park als eine Art Trompe-l’œil installiert.

Im Lufthansa Aviation Center ergibt sich ein ähnlicher Effekt: Die Wandarbeit “Lichtung/-Clearing” mit dem Bild des dicht belaubten Waldes basiert auf einer künstlichen Nachschöpfung dieser Bäume. Sie suggeriert die Präsenz eines Waldes, aber es handelt sich nur um eine das Auge täuschende Fotografie, die eine Natur aus Pappe und Papier wiedergibt. Das Pendant hängt im Museum of Modern Art in New York.

Thomas Demands Täuschung “Wald”

Michael Beutlers Pagodenturm und Carsten Nicolais Sinuswellen

Michael Beutlers Pagodenturm, mit dem “mfi-Preis Kunst am Bau” ausgezeichnet, steht in einem der neun Atrien. Die Pagode aus Aluminium besteht aus neun aufeinandergeschichteten unterschiedlich konstruierten Hütten. Metallisch glänzend vermitteln sie verschiedene Kulturen und machen dadurch gleichzeitig auf die weltweite Vernetzung der Lufthansa-Flugstrecken aufmerksam. Die Themen Fernweh und Reiselust werden hier aufgegriffen.

Palmen, die das Kunstwerk umgeben, lassen einen oasenhaften Charakter entstehen und sollen zugleich als Symbol für die Sehnsucht nach exotischen Reisezielen stehen.

Der “mfi-Preis Kunst am Bau” ist einer der grössten Kunstpreise in Europa. Er zeichnet herausragende Kunstprojekte aus und würdigt die gelungene Zusammenführung von Kunst und Bauwerk.

Die Sinuskurve, die im Zentrum des von Nicolai gestalteten Bodenmosaiks im Parterre des LAC steht, ist ein wiederkehrendes Motiv seines Werkes. Nicolai, der im Bereich der elektronischen Musik ebenso tätig ist wie in der bildenden Kunst, nimmt die Sinuswellen zum Ausgangspunkt einer grafischen Darstellung der an sich kaum hörbaren Frequenzen. Die Verflechtung von Kunst, Klang und Raumarchitektur findet eine visuelle Entsprechung, die gleichzeitig wie ein wegleitendes System funktioniert.

Michael Elmgreens und Ingar Dragsets Türen, Cerith Wyn Evans Neonskulptur “Flugrouten” und die grossformatigen Fotografien von Beat Streuli

Das Künstlerduo Elmgreen & Dragset arbeitet mit architektonischen Elementen, die es verändert und deren Funktion es anschliessend hinterfragt. Im Lufthansa Aviation Center haben die beiden Künstler acht Bürotüren “modifiziert” und unbenutzbar gemacht. Auf den ersten Blick sehen diese Türen aus wie alle anderen Türen des Gebäudes. Bei näherer Betrachtung fallen Sicherheitsketten auf, die eine Tür verschliessen. In eine gläserne Tür ist ein Guckloch eingelassen, eine weitere weist ein Einschussloch auf. Bei einer anderen ist eine Türklinke an der falschen Seite montiert.

Die modifizierte Bürotüren des Künstlerduos Elmgreen-Dragset

Die hoch oben in einem der Atrien aufgehängte, aus speziell hergestellten Neonröhren gebaute Skulptur des walisischen Künstlers Cerith Wyn Evans soll die Flugrouten des Unternehmens symbolisieren. “Die Bögen globaler Bewegung” sind vom Inneren des Gebäudes aus zu sehen, aber auch nach aussen weithin sichtbar. Vor allem abends lenkt die riesige Neonskulptur die Aufmerksamkeit, unter anderem der Autofahrer der A 3, auf sich.

Der Künstler Beat Streuli ist angetreten, mit seinen grossformatigen Farbfotografien der “Flüchtigkeit des Alltags ewige Dauer zu verleihen”. Er fotografiert Menschen in den Metropolen dieser Welt. Aus den Bildern spricht jene Offenheit und Intimität, die jemand ausstrahlt, der sich nicht beobachtet fühlt. Leicht und transparent auf Glaswände montiert, sollen Streulis Bilder nicht den Blick verstellen, sondern auf eine kosmopolitische Aussenwelt verweisen.