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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for März, 2011

Pisa von innen (23, Schluss)

Mittwoch, 23. März 2011

Pisa von innen
Eine authentische Erzählung

von © Salias I.

Dritter Teil (23, Schluss)

NAT-Fachkonferenz

30.4.8,  NAT-Konferenz: Die kleine Runde unserer Physik- und Chemie-Kollegen sitzt zusammen, verwaltet die Stundeneinsätze für das kommende Schuljahr, organisiert Anschaffungen, plagt sich mit bürokratischen Antragspapieren zur „Lizenzierung zur Europaschule in Hessen“ ab, muss sich dazu erniedrigen, zu überlegen, was Controlling im naturwissenschaftlichen Unterricht bedeuten soll, und – unter Verschiedenes – endlich befasst sie sich mit meinen Anträgen auf Niveausenkung.

ad 1) In der Stundentafel der FOS ist neuerdings von den drei Unterrichtsstunden Physik eine Stunde gekürzt worden, und daraus folgt, dass wir das Niveau senken müssen – obwohl der Lehrplan unverändert geblieben ist. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Unverantwortlichkeit des Kultusministeriums weiterzugeben an die Hochschulen, die dann eben schlechter gebildete Studenten bekommen (weiterlesen…)

BERLINALE 2011 (1)

Dienstag, 22. März 2011

Impressionen von der 61. BERLINALE (Teil 1)

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

Mich als Journalistin zu akkreditieren, darauf hatte ich verzichtet. Es waren familiäre Gründe – genauer die Ankunft von Kyra, der zweiten Enkelin, und das Oma-Mehr-Engagement bei der zweijährigen Zoë.

Der Verzicht auf die Akkreditierung heisst, keine Chance, an einer der Pressekonferenzen, auch mit gültigem Journalistenausweis, teilzunehmen. Heisst: pokern um Karten für die Wettbewerbsbeiträge, Sonderaufführungen, die Specials etc. Das geschieht im Internet, wenige Tage vor Beginn der Filmfestspiele. Schnell muss man sein und Glück haben. Bei einigen gewünschten Filmen habe ich Erfolg, bei einigen nicht. Die Fahrt zur BERLINALE kann stattfinden, nachdem sieben Filme feststehen. Jetzt kann ich nur hoffen, mir noch Karten für weitere Filme an den Vorverkaufskassen – im wahrsten Sinne des Wortes – zu erstehen. Auch hier bin ich teilweise erfolgreich.

Später lese ich, dass 300 000 Eintrittskarten verkauft wurden.

Nachteilig ist, dass das Berlinale Journal, das alle Aktivitäten beinhaltet, erst mit Beginn der Festspiele vorliegt. “Im Internet suchen”, höre ich sagen. Sehr mühsam ist das. Es ist schwer, den Überblick über die etwa 400 Filmangebote zu bekommen.

Wartende Journalisten vor dem Berlinale Palast

Präsentiert wurden im Wettbewerbsprogramm 22 Filme, von denen 16 um die Bären konkurrieren. Zwei Sondervorführungen gab es, und vier Beiträge liefen ausser Konkurrenz.

Zur Internationalen Jury gehörten Weltstar Isabella Rossellini als Präsidentin, eine englische Kostümbildnerin, eine australische Produzentin, ein indischer Schauspieler, ein kanadischer Regisseur und Autor und die deutsche Schauspielerin Nina Hoss, die nicht nur in Filmen mitwirkt, sondern eine grossartige Bühnendarstellerin ist.

Grosse Leinwand: Übertragung von Diskussionen und Interviews im Berlinale Palast mit Konterfei von Nina Hoss

Sie ist Ensemblemitglied am Deutschen Theater in Berlin und spielt zurzeit als Jelena Nikolajewna in Maxim Gorkis “Kinder der Sonne”. Faszinierend ihre Interpretation an der Seite von Ulrich Matthes, Katharina Schüttler und anderen. Die Vorstellungen sind schon Wochen vorher ausverkauft. Restkarten kann es geben.

Ein Stuhl der Berlinale-Jury blieb frei. Es war der von Jafar Panahi, dem iranischen Regisseur, Autor, Cutter und Produzenten. Ein iranisches Gericht hatte ihn im Dezember zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt. Er darf keine Journalisten treffen und nicht ins Ausland reisen. Ihm wird vorgeworfen, einen regimekritischen Film produzieren zu wollen, der sich mit den Wahlen und den damit verbundenen Ausschreitungen beschäftigt.

Demonstrationswagen zwischen den Limousinen “Wo bleibt Panahi?”

In einem Brief an die BERLINALE schreibt Panahi:

“In der Welt eines Filmemachers fliessen Traum und Realität ineinander. Der Filmemacher nutzt die Wirklichkeit als Inspirationsquelle, er zeichnet sie in den Farben seiner Vorstellungskraft. Damit schafft er einen Film, der seine Hoffnungen und Träume in die sichtbare Welt trägt.

Die Wirklichkeit ist, dass mir ohne Prozess seit fünf Jahren das Filmemachen untersagt wird. Jetzt wurde ich offiziell verurteilt und darf auch in den nächsten 20 Jahren keine Filme realisieren. Trotzdem werde ich in meiner Vorstellung weiterhin meine Träume in Filme übersetzen. Als sozialkritischer Filmemacher muss ich mich damit abfinden, die alltäglichen Probleme und Sorgen meines Volkes nicht mehr zeigen zu können …

Letztendlich bedeutet die Wirklichkeit meiner Verurteilung, dass ich sechs Jahre im Gefängnis verbringen muss. In den nächsten sechs Jahren werde ich in der Hoffnung leben, dass meine Träume Realität werden. Ich wünsche mir, dass meine Regiegefährten in jedem Winkel der Welt in dieser Zeit so grossartige Filme schaffen, dass ich, wenn ich das Gefängnis verlasse, begeistert sein werde, in jener Welt weiterzuleben, die sie in ihren Werken erträumt haben …

Ich stelle mich der Wirklichkeit der Gefangenschaft und der Häscher. Ich werde nach den Manifestationen meiner Träume in Euren Filmen Ausschau halten: In der Hoffnung, dort das zu finden, was mir genommen wurde.”

Jafar Panahi in der Fotogalerie der Jury im Berlinale Palast

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin haben am 11. Februar, dem Jahrestag der iranischen Revolution, zur Solidarität aufgerufen mit Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof, einem ebenso bedeutenden iranischen Regisseur, der ebenfalls verurteilt wurde.

Der 11. Februar ist der erste reguläre Tag der BERLINALE. “Offside”, Panahis Film,  für den er 2006 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, wird nachmittags als Sonderaufführung im Berlinale Palast gezeigt. Es ist die manchmal lustige und traurige Geschichte der jungen, weiblichen Fans, die sich den Zugang ins Fussballstadion von Teheran erzwingen wollen. Ein feines soziales Gesellschaftsstück.

Einige Prominente sind gekommen, um ihre Solidarität zu zeigen. Sie tragen um den Hals an grünen Bändern – Grün ist die Farbe der iranischen Demonstranten – das Konterfei von Jafar Panahi.

Senta Berger, Iris Berben, Bruno Ganz

Joachim Król und Bruno Ganz

Volker Schlöndorf

Dabei sind Iris Berben, Bruno Ganz, Volker Schlöndorf, Joachim Król, natürlich Dieter Kosslick, der Festivaldirektor, und viele andere Filmschaffende und Politiker.

Ein Schwerpunkt im Festival galt dem iranischen Film. Und einer von ihnen im Wettbewerb machte das ganz grosse Rennen: “Jodaeiye Nader az Simin” (“Nader und Simin, Eine Trennung”). Er gewann den begehrten Goldenen Bär für den besten Film, den Silbernen Bär für die beste Darstellerin – das Schauspielerinnen-Ensemble – und für den besten Darsteller – das Schauspieler-Ensemble. Schon im Vorfeld keine Chance, eine Karte zu erwischen.

Am Tag zuvor, dem Eröffnungstag, hatte es auf dem roten Teppich etwas Hollywood-Glanz gegeben. Der Film “True Grit” der Brüder Joel und Ethan Coen, Ikonen des amerikanischen Independent-Kinos, lief ausser Konkurrenz. Die Stars Jeff Bridges, Josh Brolin und die 14jährige Hailee Steinfeld liessen sich vom Berliner Publikum feiern. Die Neuinterpretation des Western-Klassikers war für zehn Oscars nominiert, ging aber in Hollywood leer aus. Zu Recht sagen Fachleute, die den Streifen kennen. Der Film läuft bereits in den Kinos.

“The King‘s Speech”, auch bereits in den Kinos – der beim BERLINALE Special lief -, war der Oscar-Gewinner.

Der erste Wettbewerbsbeitrag, der um einen Bären konkurrierte, war der US-amerikanische Film “Margin Call”. “In the margin” bedeutet am Rand. Der Titel steht für den gefürchteten Anruf eines Brokers bei seinem Auftraggeber, damit dieser Geld nachfliessen lässt. Kevin Spacey, zweifacher Oscar-Preisträger, spielt die Hauptrolle. Er war bei der internationalen Premiere in Berlin dabei.

Es geht um die Finanzmarktkrise vom Herbst 2008 – genauer um den Vorabend. Die leitenden Chefs einer New Yorker Investmentbank werden darüber informiert, dass ein Desaster bevorsteht. In 24 Stunden wird versucht, die Situation in den Griff zu bekommen. Die Ereignisse überschlagen sich, Entscheidungen, auch persönliche, müssen getroffen werden. Der Zusammenbruch ist unvermeidlich. Keiner verlässt das Bankgebäude mit reiner Weste, auch nicht Kevin Spacey als Senior-Chef, der zunächst den Moralisten gibt. Er lässt sich am Schluss gut bezahlen. Die Sorge um den toten Hund beschäftigt ihn mehr.

Es ist der erste Spielfilm von Regisseur JC Chandor, der auch das Drehbuch schrieb. Ihm geht es um die moralische Verantwortung, aber nicht allgemein um bösartige Banker, wie Chandor, früher Werbefilmer und Immobilienmakler, in einem Gespräch sagte. Sein Drehbuch basiert auf den Erfahrungen seines Vaters, der Jahrzehnte lang Investmentbanker war, und anderer Kenner des Finanzwesens. Ein spannender Film, der sich nur auf das Geschehen in einer Nacht konzentriert. Fesselnd auch dank der grossartigen Schauspieler Kevin Spacey, Jeremy Irons, Demi Moore, Paul Bettany, Zach Quinto. Ein Film, der allerdings Ratlosigkeit hinterlässt und keine Lösung aufzeigt. Geht der Wahnsinn so weiter? Warum bezahlen wir als Steuerzahler die hohen Gewinne der Zocker? Nach aktuellen Meldungen spitzt sich die Situation derzeit ja wieder zu.

“Bizim Büyük Çaresizligimiz” (“Our Grand Despair” – “Unsere grosse Verzweiflung”) war ein türkischer Beitrag im Wettbewerb.

Kurz vor der Erstaufführung im Berlinale Palast hatte die internationale Plattform zur Filmproduktion im digitalen Zeitalter “eDIT – 14. Filmmakers Festival” zum Filmgespräch mit Kamerafrau Birgit Gudjonsdottir und der Regisseurin und Grimme-Preisträgerin Annette Ernst in die Berliner Bar “Meisterschueler” eingeladen. Gudjonsdottir erzählte über ihre Arbeit in der Türkei, die sie als sehr kooperativ und respektvoll beschrieb. Überzeugende Bilder hat sie in dem türkisch-deutsch-niederländischen Film “Bizim Büyük Çaresizligimiz ” eingefangen.

Kamerafrau Birgit Gudjonsdottir

In seinem zweiten Spielfilm erzählt Seyfi Teoman die Geschichte von zwei in Ankara lebenden Freunden, die in ihre Männer-WG die Schwester eines in Berlin beheimaten Freundes aufnehmen. Die Eltern der beiden Geschwister starben bei einem Autounfall. Anfangs gibt es grosse Schwierigkeiten, weil sich das Mädchen total verschliesst; dann, als sie sich öffnet, verliebt sich jeder der Freunde, ohne es vom andern zu wissen, in die junge Frau. Ein feiner Film, der dem Klischee von den türkischen Macho-Männern widerspricht.

“Bizim Büyük Çaresizligimiz”: die drei Hauptdarsteller im Berlinale Palast

Einen Silbernen Bär nahm der deutsche Regisseur Ulrich Köhler für seinen Film “Schlafkrankheit” in Empfang. Köhler ist kein Unbekannter mehr, seine Streifen zeigte er seit 2002 auf der BERLINALE. Die Dreharbeiten der deutsch-französisch-niederländischen Koproduktion hatten vor einem Jahr in Kamerun begonnen. Dort spielt auch die afrikanische Ärzte-Geschichte. Ebbo, Leiter einer Klinik für Schlafkrankheit, bereitet mit seiner Frau die Rückkehr nach Deutschland vor. Lange hatte das Paar in Kamerun gelebt, die Tochter jedoch in einem deutschen Internat untergebracht. Aber dann entscheidet sich Ebbo anders: Er bleibt zurück und verwahrlost so nach und nach. Ein junger kongostämmiger, französischer Arzt untersucht im Auftrag der WHO den Nutzen und die Effektivität dieser Klinik. Die Epidemie ist vorbei und die Klinik nicht mehr notwendig, die Gelder veruntreut. Da treffen sich zwei Männer, der eine, der sich in Afrika verliert, der andere, zunächst ohne Bezug zu Afrika, der versucht, sich dem Kontinent zu nähern.

Der Film hat spannende Momente, starke Bilder, handhabt souverän die räumlichen Möglichkeiten. Aber immer wieder gibt es Lücken in der Erzählweise. Es bleibt die Frage, was er uns über Afrika sagen will, was über europäische Menschen, die für immer dort bleiben wollen. Geht es um Heimatlosigkeit oder um die Auseinandersetzung mit den Problemen der Entwicklungshilfe? Um beides. Trotz einiger Einwände lohnt es sich, den Film anzusehen.

Auch der Wettbewerbsbeitrag “Coriolanus” des englischen Regisseurs Ralph Fiennes, der 2009 als Schauspieler mit dem Film “Der Vorleser” in Berlin Gast war, hinterlässt beim Zuschauer zwiespältige Gefühle.

Die Leinwandadaption von Shakespeares Werk ist Fiennes Regiedebut. Er verlegt das Geschehen des Dramas, das im 4. Jahrhundert vor Christus spielt, in die Gegenwart, in den Bosnienkrieg. Das ist grosses Theater. Ist es ein Filmstoff? Ich meine ja. Manchmal allerdings in den brutal-kriegerischen Szenen ist die Shakespear’sche Sprache unangebracht, zu theatralisch. Ralph Fiennes spielt die Titelrolle, überzeugt jedoch nicht durch subtiles Spiel, wie es aus dem “Englischen Patienten” bekannt ist. Hervorragend dagegen Vanessa Redgrave als seine Mutter, die ihn zum harten, unnachgiebigen Krieger erzog, ihn zugleich in seiner Nachgiebigkeit unterstützt bis auf den Moment, wo auch sie ihn, den römischen Helden, in Verbannung schickt. Überheblichkeit und Arroganz gegenüber dem einfachen Volk haben Coriolan zu Fall gebracht. Der Konflikt zwischen Mutter und Sohn kulminiert, als sich Coriolan mit dem Feind Roms verbündet, um die Stadt zu vernichten. Für diese Rolle hätte sie einen Bären verdient.

Schon mehrfach war ich bei der BERLINALE, und mir gefällt die Stimmung, die Lockerheit , die Möglichkeit für jeden teilzunehmen. Die Eintrittspreise sind moderat: 12 Euro für die Wettbewerbsfilme im Berlinale Palast oder die Gala im Friedrichstadtpalast, ansonsten 9 Euro oder 8 Euro in den anderen Spielstätten. Es gibt keinen Starrummel, wohl aber Begeisterung für Stars.

⇒ ⇒ ⇒  BERLINALE 2011 (2)

Felix Gonzalez-Torres: Retrospektive im Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main (3)

Sonntag, 20. März 2011

In diesen Tagen ist “Halbzeit” im Frankfurter MMK, konkret der grossen Retrospektive auf das Œuvre von Felix Gonzalez-Torres, und damit verbunden auch “Seitenwechsel”, um erneut die Fussballsprache zu bemühen: Mit Tino Sehgal löst ein – in der Sammlung des MMK vertretener – Künstler Elena Filipovic in der Aufgabe des Kurators ab. Sehgal wird der seit ihrer Eröffnung am 28. Januar 2011 gezeigten Ausstellungsversion durch eine sozusagen Re-Installation ein neues interpretatorisches Gepräge geben. Teile der Ausstellung sollen täglich neu eingerichtet werden. Das war von Anfang an so geplant und gewollt und liegt im Verständnis des früh verstorbenen Gonzalez-Torres selbst begründet, der seine Werke nicht als in statischer Gegenständlichkeit verhaftet, sondern als in stetem Wandel befindlich und mit der Subjektivität künftiger Betrachter korrespondierend verstanden wissen wollte.

Heute präsentieren wir noch einmal einige Ausstellungsansichten aus der ersten Phase der Werkschau.

“Untitled” (Orpheus, Twice), 1991, Spiegel, gesamt 190,5 x 139,7 cm, zwei Teile je 190,5 x 64,7 cm, Privatsammlung

Immer wieder symbolisiert Gonzalez-Torres Paare, Paarbeziehungen, so auch in dieser Arbeit, bei der zwei gleich grosse Spiegel bündig in die Wand – und damit unverrückbar und in ihrer Paarsituation unverbrüchlich – eingelassen sind. Es erstaunt immer wieder, wie der Künstler mit minimalen Mitteln, hier im Grunde alltäglichen Spiegeln, den Betrachter, der sich seinem Spiegelbild nicht entziehen kann, ganz unmittelbar und sinnlich in das künstlerische Geschehen einbezieht.

“Untitled” (Blood), 1992, je nach Installation unterschiedliche Masse; François Pinault Collection

Ähnlich im Falle der Arbeit “Blood” – wir konnten eine Variante bereits in François Pinaults fantasischem Museum “Punta della Dogana” in Venedig erleben – : Der Betrachter durchschreitet Vorhänge aus leuchtenden Perlenschnüren, diese gleiten in sanfter Berührung über ihn hinweg. Sie vermitteln ihm das Gefühl, sich in einen anderen Erlebnisraum zu begeben. Um diesen wieder verlassen und sich in die “Normalität” zurück begeben zu können, muss er ein weiteres Mal durch den Vorhang schreiten. Zwar sind auch diese Materialien “banal”, doch denken wir kaum an die bunten Perlenvorhänge vor Campingmobilen oder Küchen südländischer Kneipen: Zu sehr gemahnt uns das “Blut” an die bekannte AIDS-Erkrankung des Künstlers, die er uns in seiner sensiblen künstlerischen Sprache wiederum so sinnlich vermittelt.

“Untitled”, 1990, Druck auf rotem Papier, unlimitierte Auflage, 73 x 56,6 cm, ideale Höhe 71,1 cm, Centre National des Arts Plastiques – Ministère de la Culture et de la Communication, FNAC, Frankreich



“Untitled”, 1990, Details

Politischer und mitunter agressiver viele seiner skulpturalen “Papierstapel”-Arbeiten: als Beispiel der Stapel tiefroter Blätter mit dem Aufdruck “Himmler, Hate, Hole, Helms” und umseitig dem Aufschrei “How many times? For how long? Why?”

Wiederum mit einfachsten Mitteln und auf sensible Weise bringt Gonzalez-Torres seine Verachtung gegenüber dem Nationalsozialisten Heinrich Himmler oder dem 2008 verstorbenen, erzkonservativen republikanischen US-Senator Jesse Alexander Helms zum Ausdruck, der für seine agressive, rassistische und ausfällige Politik gegen Minderheiten, vor allem Homosexuelle und Lesben, und gegen die Gleichberechtigung von Farbigen und Weissen im öffentlichen Leben berüchtigt war.

Und wiederum dürfen und sollen die Betrachter Blätter von den Papierstapeln mitnehmen: zum Zeichen einer Auseinandersetzung mit den politischen Positionen des Künstlers, ja deren Aneignung; durch den ständigen Zu- und Abtrag der Stapel: Zeichen zugleich für Wachsen, Werden und Vergehen.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Reisen: Myanmar / 3

Freitag, 18. März 2011

Eine Reise durch Myanmar / 3

Text und Fotos: © Ingrid Malhotra

Nach dem Abendessen dann noch einmal auf die Terrasse und einen unglaublich ruhigen und schönen Sonnenuntergang erleben – dann musste ich wieder mein Köfferchen packen, denn am nächsten Tag sollte es weitergehen nach Mandalay.

Und da es von Heho aus morgens keinen Flug dorthin gab, machten wir noch einen Abstecher nach Pindaya. Davon hatte ich noch nie zuvor gehört und war schon überrascht, als wir auf eine riesenhafte Anlage mit gewaltigen überdachten Treppen und sogar einem gläsernen Turm mit Aufzug zufuhren, der in dieser Umgebung so völlig deplaciert wirkte.

Pindaya

Ich bin natürlich die Treppen hinauf gegangen, denn an jeder Kehre hat man eine neue herrliche Aussicht.

Oben angekommen, fand ich eine riesige Tropfsteinhöhle vor. Allerdings waren Stalaktiten und Stalagmiten fast völlig ausgetrocknet, denn die Höhle war nicht nur randvoll von Touristen, sondern über und über mit Buddhas zugestellt, Buddhas in allen Grössen und Formen. Und natürlich reichlich mit Blattgold bedeckt …

Anschliessend flog ich dann nach Mandalay.

Mandalay – ein Name, der auf der Zunge zergeht. Zum ersten Mal kam ich mit diesem Wort in Berührung, als ich “Rebecca” las, von Daphne du Maurier. Damals fand ich den Namen so zauberhaft und romantisch, dass ich nachforschte, woher er stammte, und herausfand, dass Mandalay die ehemalige Hauptstadt von Birma war. Jetzt war ich natürlich sehr gespannt und fand auch tatsächlich, dass es in Mandalay sehr viel Schönes zu entdecken gab. Allerdings nicht so viele alte Sachen, wie man eigentlich erwarten dürfte. Die Stadt wurde ja erst 1857 gegründet und hervorragend neu geplant, es gab hier vorher keine nennenswerte Siedlung. Sie war allerdings nur 26 Jahre lang Hauptstadt. Dann kamen die Engländer, schickten den König ins Exil und verlegten die Verwaltung nach Rangoon.

Ufer bei Mandalay

Leider gibt es in Mandalay auch sehr häufige Feuersbrünste, so dass nicht mehr viele der älteren Gebäude überlebt haben – fast alle aus Holz! Aber die wenigen, die es noch gibt, sind sehr eindrucksvoll mit ihren prächtigen Schnitzereien. Und Rauchen ist in ihrer Nähe strengstens verboten!

Holzhaus

Auch die Palastanlage ist den Flammen zum Opfer gefallen, aber von meinem Hotelfenster aus konnte ich die alten Strukturen noch teilweise erkennen. Einiges ist wohl auch mehr oder minder originalgetreu wieder aufgebaut worden, aber ich durfte nicht hinein.

Natürlich gibt es auch in Mandalay viele, viele Pagoden. (Man denkt schon manchmal unwillkürlich an die Geschichte der Reiseführerin in Europa, die einer amerikanischen Touristin über die Schulter sah, als diese in ihr Reisetagebuch schrieb “ABC”. Die Führerin erkundigte sich neugierig nach der Bedeutung und erfuhr, dass dort stand “Another Bloody Cathedral”!)

Pagode in Mandalay

Aber die interessantesten und sehenswertesten Pagoden finden sich auf der anderen Seite des Irawaddy, dem bedeutendsten Fluss des Landes.

Interessant ist ja auch schon das An-Bord-Gehen – über eine schmale Planke, aber an die Balanciererei sollte ich mich bald gewöhnen.

Wann immer ich in Burma auf ein Boot oder ein Schiff wollte, dann musste ich über schmale Planken balancieren und brachte die Einheimischen zum Lachen. Am Ufer lagen neben Booten und Fähren auch Unmengen riesiger Flösse, denn hier ist ein wichtiger Umschlagplatz für Tropenhölzer, die in den höher gelegenen Wäldern geschlagen werden. Die Menschen leben auf ihren Dampfern und Flössen.

Der Irawaddy ist ein enorm breiter, aber nicht sonderlich tiefer Fluss. Zur Trockenzeit könnte man eigentlich auch hinüber waten und dabei schauen, was die Bauern auf den gewaltigen Sandbänken in der Mitte des Flusses anbauen. Aber wenn der Monsun kommt …

… sieht das hier völlig anders aus. Da gibt es keine Sandbänke mehr, und die provisorischen Hütten der Bauern und Fischer werden weggeschwemmt. Und nach dem grossen Regen tauchen die Sandbänke an völlig anderer Stelle wieder auf, die Bauern rudern hin, bauen neue Hütten und bald grünt und blüht es wieder auf den Sandbänken.

Aber inzwischen haben wir den Fluss mit dem Boot überquert und sehen oben auf dem Ufer als erstes zwei gewaltige Steinelefanten.

Und hinter denen erhebt sich etwas, das einmal eine Stupa werden sollte. Aber nicht irgendeine Stupa, sondern die grösste Stupa der Welt, 150 m hoch. Dafür, dass sie nie fertig gebaut wurde, gibt es zwei Begründungen: die eine lautet, die Statik habe ganz und gar nicht gestimmt, so dass der Bau wegen Rissbildung abgebrochen werden musste; die andere besagt, dass der Bau abgebrochen wurde, weil dem zuständigen König (Bodawpaya, 18. Jhdt.) geweissagt worden sei, er müsse sterben, sowie die Stupa fertig sei.

Nun, irgendwann ist er sicher trotz des Abbruchs der Bauarbeiten gestorben, so etwas bleibt auch Königen nicht erspart. Aber dass die Statik nicht in Ordnung war, erwies sich im März 1839 bei einem heftigen Erdbeben, das gewaltige Risse verursachte, die sich durch die gesamte Höhe des Bauwerks ziehen.

Auf der Oberfläche sind diese Risse so breit und furchteinflössend, dass ich mich über den grössten nicht zu springen traute. Aber eine Schulklasse bildete eine Art Kette, fasste mich lächelnd an den Händen und half mir hinüber.

Seither grübele ich, was 12- oder 13jährige Schüler hier wohl in vergleichbarer Situation veranstaltet hätten – Spott und Hohn? Wahrscheinlich. Oder gleichgültiges Wegschauen – das können wir ja alle gut.

Aber die Aussicht von dort oben ist es wert, überall hin zu gehen, Risse hin oder her. Man hat einen weiten Blick über das Land mit Unmengen von Pagoden überall, über den Irawaddy und über die benachbarte wunderschöne und strahlend weisse Hsinyume- oder Myatheindan-Pagode, die dem mythischen Berg Meru nachempfunden sein soll.

Beide, Stupa und Pagode, sind nicht nur extrem sehenswert, sondern auch extrem heilig, so dass sich hier alle Burmesen einmal einfinden, um zu schauen und ihre Reverenz zu erweisen.

Buddhistische Nonnen

Es gibt ein Altersheim, in dem alte Frauen, deren Familien schon weggestorben sind, vorbildlich versorgt werden (und es finanziert sich nur aus Spenden!), eine Statue eines besonders verehrungswürdigen Mönchs mit Brille

und natürlich Händler, die Devotionalien (meist Made in China) und höchst interessante Lebensmittel verkaufen.

Fast Food


Fortbewegungsmittel

Wieder zurück in Mandalay war noch eine ganze Menge anzusehen. Denn hier gibt es bei der Kutho Daw Pagode das “grösste Buch der Welt”.

Unzählige kleine Pagoden stehen in Reih und Glied, und jede enthält eine eng beschriebene Steintafel mit den Lehrsätzen des Buddhismus.

Auch die Pagode selbst ist sehenswert – sehr bunt. Übrigens gibt es häufig gleich neben den buddhistischen Tempeln auch welche für die Nats, die alten animistischen Gottheiten. Sie werden auf höchst irdische Weise dargestellt – mit schicken Klamotten, Lippenstift und lackierten Nägeln. Und so gut es eben geht, werden sie in den Buddhismus integriert – man kann ja nie wissen …

Nat

Und es gibt sogar auch noch ein sehenswertes Museum.

Im Museum

Schön und stimmungsvoll war der Blick über die Stadt zum Irawaddy vom Mandalay Hill aus bei Sonnenuntergang. Und am nächsten Tag wollten wir zügig weiter nach Sagaing. Leider hatten wir dann aber erst einmal einen platten Reifen, was beim Fahrer für grosse Aufregung sorgte und mir Gelegenheit gab, frühmorgendliche Strassenszenen zu fotografieren.

Als von irgendwoher ein Ersatzreifen ausgeliehen worden und montiert war, ging es weiter. Da ich wusste, dass die beste Jade aus Burma kommt, bat ich den Fahrer anzuhalten, als wir an einem Jadegeschäft vorbei kamen – ich hätte mir gerne einen Armreif aus apfelgrünem Jadeit gekauft – aber der Laden war fest in chinesischer Hand, und die Verkäuferin hatte solche irren Preisvorstellungen, dass ich den Plan seufzend wieder aufgab.

Zur Entschädigung schauten wir noch bei einem Steinmetz vorbei, der wie alle seine Kollegen in dieser Strasse unbeirrt einen Buddha nach dem anderen aus Marmor schnitt – nichts für Touristen.

Da war der Besuch in der kleinen Werkstatt, in der Blattgold hergestellt wurde, schon ergiebiger. Erst einmal war es interessant zu sehen, wie lange und wie kräftig die schmächtigen Kerlchen ein Klümpchen Gold hämmern mussten, bis es hauchdünn war. Und anschliessend war es durchaus unterhaltsam, den Frauen im nächsten Raum zuzuschauen, wie sie winzige Blattgoldquadrate auf Trägerpapier pappten und Pflanzenblätter mit einer dünnen Goldschicht überzogen.

Herstellung von Blattgold

Aber danach gab es kein Halten mehr. Der Fahrer bestand auf schneller Weiterfahrt, denn vor Sagaing musste er unbedingt noch zu einer Werkstatt, um den kaputten Reifen ausbessern zu lassen – der Ersatzreifen wirkte nicht richtig überzeugend.

Und wie eine burmesische Werkstatt ausschaut, sehen wir in der nächsten Folge.

⇒ ⇒ ⇒ Reisen: Myanmar / 1

⇒ ⇒ ⇒ Reisen: Myanmar / 4

Bea Emsbach: “Zeichen und Wunder” in der Weissfrauen Diakoniekirche (2)

Donnerstag, 17. März 2011

(Foto: FeuilletonFrankfurt)

“Zeichen und Wunder”

Fünf Zeichnungen von Bea Emsbach

(Zeichnung und Foto: Bea Emsbach)

Passion 2011

Freitag, 18. März 2011,  12 Uhr
Weissfrauen Diakoniekirche Frankfurt am Main: Mittagsgebet mit Orgelstück

Deine Pfeile stecken in mir, Psalm 38
Johann Sebastian Bach (1685 – 1750), Präludium in G-Dur (BWV 568)

Gerald Hintze, Liturgie / Michael Berg, Orgel

anschliessend SamowarBar

(Foto: FeuilletonFrankfurt)