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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Februar, 2011

“Mein blaues Cello” – Frank Wolff

Sonntag, 27. Februar 2011

Dokumentation des Filmemachers Wolfgang Würker

Von Renate Feyerbacher

Wer kennt ihn nicht, den “tanzenden” Cellisten Frank Wolff, der nicht nur in Frankfurt am Main, sondern auf der ganzen Welt, auch in China, mit seinem Instrument tanzt? Der Weltmusiker streicht sein Cello auf grossen und kleinen Bühnen, bei Ausstellungseröffnungen, Hochzeiten und Beerdigungen von Freunden. Berühmt wurde Frank Wolff mit dem originellen “Frankfurter Kurorchester”, das er 1981 mit der Sängerin und Pianistin Anne Bärenz, die 2005 starb, gründete. Mit ihr musizierte und lebte er. Ab 2002 spielten die beiden im “Neuen Frankfurter Schulorchester” mit Sabine Fischmann, Ali Neander und Markus Neumeyer.

Angefreundet hat sich Frank Wolff mit dem Cello, als er zehn Jahre alt war. Er vertiefte diese Zuneigung im Musikstudium in Freiburg, wechselte aber dann nach Frankfurt zum Studium bei dem Soziologen und Komponisten Theodor W. Adorno.

Er und sein Bruder KD Wolff, heute erfolgreicher Verleger in Frankfurt, werden Ende der 1960er Jahre Sprecher der studentischen Protestbewegung. Nach deren Ende kehrt er wieder zu seinem Instrument zurück. Seitdem verzaubert er durch zarte, kräftige, aber auch schrille Töne, wie in seiner Version des Deutschlandliedes, sein Publikum.

Der in Frankfurt lebende Filmemacher Wolfgang Würker wurde für seine im letzten Jahr fertiggestellte Dokumentation über Frank Wolff mit dem Sonderpreis der Jury des Hessischen Filmpreises 2010 ausgezeichnet.

Würker, wie Frank Wolff aus dem hessischen Hinterland kommend, studierte zunächst Physik, promovierte, war Physiklehrer in Hanau und widmete sich schliesslich den Geisteswissenschaften. Er organisiert das Göttinger Filmfest, wird Redakteur bei der FAZ, lernt dort Sylvia Strasser kennen, mit der er PAOLO-FILM gründet. Seit mehr als 20 Jahren produzieren sie Dokumentationen unter anderem für das ZDF und gelegentlich für private Auftraggeber.

Der Titel des Films “Mein blaues Cello” erinnert an ein Gedicht von Else Lasker-Schüler. Bei der Dichterin ist es nicht das Cello, sondern

“Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier
Die Mondfrau sang im Boote
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür
Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir
Ich ass vom bitteren Brote
Mir lebend schon die Himmelstür
Auch wider dem Verbote.“

Dieses Gedicht umschreibt für Frank Wolff die Klangfarbe seines Instruments.  “Das Cello hat ja nicht nur etwas Sentimentales und Romantisches, sondern auch etwas Melancholisches. Das bin ich auch, nicht nur vom Gefühl und der seelischen Verfassung. Es ist auch ein Teil von meinem Körper.”

Der Film wurde in Frankfurt und Umgebung, an der Mosel und auf Helgoland, in Berlin und Oslo gedreht. Es wirken weiter mit: der Pianist, Sänger und Dirigent Markus Neumeyer, die Sängerin Ingrid El Sigai, der Kulturredakteur Hans Riebsamen, die Malerin Friederike Walter, der Politiker Wolfgang Thierse, der Winzer Ulrich Stein und nicht zuletzt die Fotografin Barbara Klemm.

Frank Wolff und Markus Neumeyer (Foto: Renate Feyerbacher)

Gezeigt wird “Mein blaues Cello” am Dienstag, den 1. März 2011 um 20 Uhr im Naxos-Kino in der Frankfurter Naxos-Halle (Zugang derzeit nur über Waldschmidtstrasse gegenüber Mousonturm).

Frank Wolff und Wolfgang Würker sind beim anschliessenden Filmgespräch anwesend.

Weitere Termine: 20. März 2011, 17 Uhr im Gloria Palast, Kassel; 14. April 2011, 19 Uhr im Kommunalen Kino Mainspitze / Burg-Lichtspiele, Ginsheim-Gustavsburg

Matthew Brannon im Frankfurter Portikus

Samstag, 26. Februar 2011

Vor dem Betreten der Halle: Hände desinfizieren!

Wo sind wir? Im Ausstellungshaus Portikus auf der Frankfurter Maininsel. Was sehen wir? Eine ortsspezifische Installation des US-amerikanischen Künstlers Matthew Brannon. Ihr – wie so üblich alles oder eben auch nichts sagender oder positiv gewendet neugierig machender – Titel:  “A question answered with a quote”. Ihre Bestandteile: eine Sprühflasche in Schwarz und Chrom; acht Holzgestelle mit insgesamt 24 Letterpress-Drucken hinter Glas in vitrinenartigen schwarzen Bildträgern; eine Wandtapete mit schwarzweissen Ornamenten; die Skulptur einer von der Decke herabhängenden schwarzen Glühbirne; ein schwarzer Plattenspieler mit einer Schallplatte in Weiss mit rotem Etikett, darüber ein Letterpress-Druck mit der Aufschrift “gag”, eine Sound-Arbeit, aus Lautsprechern ertönen Würge- und Erbrechenslaute eines Menschen.

Portikus-Kuratorin Sophie von Olfers und Matthew Brannon

Der Betrachter sollte seine Aufmerksamkeit nicht sogleich auf die einzelnen Druckgrafiken fokussieren, sondern zunächst das Ausgestellte in seiner Gesamtheit erfassen. Er sollte dazu auf die Empore der Halle steigen, von der sich der Blick auf das Ensemble der Installation erschliesst. Er wird alsbald den Kontext wahrnehmen zwischen den Blättern selbst und ihrer bewusst ungewöhnlichen Inszenierung. Denn er hätte – so steht zu vermuten – eher eine wandhängende Präsentation solcher Grafiken erwartet.

Ausstellungsansicht vom Balkon

Brannon entwickelte die Installation speziell für die Ausstellungshalle Portikus. Die 24 Blätter sind hinter Glas in schwarzen, wie ein Display anmutenden Bildträgern untergebracht, die schräg nach hinten geneigt auf hölzernen Gestellen ruhen, die in der Städelschule nach Angaben des Künstlers und auf das Perfekteste gefertigt wurden. Anders als bei einer üblichen Wandhängung werden die Blätter dem Betrachter vergleichbar einer Schaufensterauslage in fast aufdringlicher Weise präsentiert.

Ausstellungsansicht

Ausstellungsansicht

Bei den Blättern handelt es sich um in feiner und penibler Handwerklichkeit ausgeführte, allesamt gleichformatige Grafiken, die Darstellungen verschiedener Objekte werden mit Texten kombiniert. Die ältesten Blätter datieren aus dem Jahr 2004. Brannon lässt sie als hochwertige Letterpress-Unikate drucken. Ihre Schönheit und Ästhetik, das aufwendige Produktionsverfahren stehen in einem spannungsreichen Kontrast zu den Inhalten: “Abgefressene Festmahle, verlassene Bürolandschaften, Erwachsenen-Spielzeuge und andere Accessoires der Entertainment-Industrie, Alltagsgegenstände der Pseudo-Luxusklasse sowie diverse Alkoholika und gastronomische Genüsse – Klischees des globalisierten Jet-Sets” – so lesen wir in einer Veröffentlichung des Portikus, mit der Brannons Sujets zutreffend beschrieben werden. Die Texte enthalten scharfzüngige, zum Teil makabre Aussagen unter Anspielung auch auf die menschliche Sexualsphäre.

“A Difference of Hours”, 2010, Letterpress auf Papier, 61 x 45,7 cm

“A Well Pissed On Tree” und “Steak Dinner”, jeweils 2007, Letterpress auf Papier, 61 x 45,7 cm

Brannon will uns eine “verrottete” Konsumgesellschaft aufzeigen, wobei er sich auf den bekannten Filmregisseur Jean Renoir bezieht; eine globalisierte Gesellschaftsschicht geprägt von Oberflächlichkeit, Überfluss und Gier, von Exzessen und einem überbordenden Hedonismus. In der Tat ein Stück realer Welt des globalen Kapitalismus und seiner zügellosen Ausschweifungen, nicht die Welt des grösseren Teils der Menschheit und schon gar nicht der inzwischen knapp eine Milliarde Hungernden.

Hierzu setzt Brannon ergänzend und verstärkend die Sound-Installation “gag” ein: unablässig ertönt ein Würgen und Erbrechen. Wir denken an das Phänomen der in den westlichen Wohlstandsgesellschaften anzutreffenden Bulimie. Wobei sich der Künstler wohl der Ambivalenz dieses Begriffes bedient: “gag” bedeutet im Angelsächsischen auch “Knebel” oder “Maulkorb”, zugleich steht er für Witz und Idee, aber auch für Tricks und Schwindel. “Matthew Brannon untersucht”, verlautet es aus dem Portikus, “mit solch einer Gegenüberstellung nicht nur die Komplexität gesellschaftlich etablierter Zeichen und ihrer Lesarten, sondern fordert darüber hinaus Bedeutungen an, die durch den perplexen Betrachter entstehen”.

Sound-Arbeit “Gag”, 2010, Plattenspieler, Letterpress Blatt

Etwas perplex stehen wir auch vor der von Brannon entworfenen ornamentalen Tapete, die die gesamte Westwand der Halle bedeckt und das seit langer Zeit erstmals wieder freigelegte, den Blick auf die Maininsel öffnende grosse doppelflügelige Fenster des Portikus umschliesst.

“Wallpaper by Matthew Brannon for Raoule de Verande Inc.”, 2010, Detail

Der Blick schweift zur nordwestlichen Ecke der Halle: Die geschwärzte Holzskulptur einer Glühbirne hängt von der Decke herab. Kein Zitat sicherlich – aber vielleicht eine Anspielung oder Persiflage auf die berühmten Glühbirnenketten von Felix Gonzalez-Torres, zeitlich parallel zu sehen im Frankfurter Museum für Moderne Kunst und auf dem Paulsplatz.

“Bright ideas and lower exspectations”, 2010, Balsaholz, Farbe, Garn

Matthew Brannon wurde 1971 in St. Maries, Idaho geboren. 1995 erwarb er an der University of California, Los Angeles, den Titel eines Bachelor of Arts und 1999 an der Columbia University, New York, den eines Master of Fine Arts. 2010 stellte er unter anderem in Los Angeles, Mailand und im belgischen Löwen aus, in den Jahren zuvor in London, Mailand, New York und Toronto. Ferner war er an zahlreichen Gruppenausstellungen beteilig, in Deutschland 2009 im Badischen Kunstverein, Karlsruhe. Der Künstler lebt und arbeitet in New York.

Nun verlassen wir wieder nach all dem, was wir gesehen, gehört und – hoffentlich – verstanden haben, den Portikus und die so perfekte, klinisch reine Installation. Alles wird gut – die Knebelungs-, Würge- und Kotzgeräusche, was soll’s, sie kamen ja vom Tonträger. Unsere Hände sind sauber geblieben. Von der schwarzen Desinfektions-Sprühflasche am Eingang müssen wir keinen Gebrauch machen.

(Installation © Matthew Brannon; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Semesterausstellung im Institut für Kunstpädagogik

Donnerstag, 24. Februar 2011

Über mangelnden Zuspruch konnte sich das Institut für Kunstpädagogik der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität in der Vernissage just am diesjährigen Valentinstag nicht beklagen: Zahlreich strömte zum Eröffnungsakt ein vorwiegend junges Publikum in die Ausstellungshalle auf dem Gelände der alten Fabrik des Uni-Campus Bockenheim. Dort sowie auf dem übrigen Fabrikgelände, ferner im Jügel-Haus in der Mertonstrasse sowie in Räumen der Dantestrasse 9 waren vor allem die Abschlussarbeiten aus dem Wintersemester 2010/2011 ausgestellt – aus den vier Fachbereichen des Instituts Grafik, Malerei, Plastik und Neue Medien.

Sehr kurz – drei halbe Tage nur – währte diese Präsentation; umso ärgerlicher war es deshalb, dass der Saal der stillgelegten Bibliothek im Jügel-Haus, in dem die meisten Arbeiten der Hauptklasse Malerei des Wintersemesters untergebracht waren, für das allgemeine Publikum alsbald aus nicht näher vermittelten und deshalb nicht nachvollziehbaren Gründen gesperrt wurde – Anlass für FeuilletonFrankfurt, gezielt einige der sehr bemerkenswerten, gerade in diesem Saal anzutreffenden Arbeiten vorzustellen.

Wie stets bedauern wir, an dieser Stelle wiederum nur eine Auswahl treffen zu können.

Nina Balzer, über die wir auch im Ausstellungskatalog leider keine näheren biografischen Notizen finden (ausser dass sie im Winter im dritten Semester studierte), arbeitet mit Fliesen und MDF-Platten und überzeugt dabei mit einer Reihe sorgfältig komponierter, kleinformatiger Acryl-Arbeiten in meist pastellener Farbgebung.

Nina Balzer, (jeweils) Ohne Titel, Acryl auf MDF-Platte

Irina Ender, 1976 in Karaganda (UdSSR) geboren, wartet mit kraftvollen Farben und Strukturen auf. Unsere besondere Aufmerksamkeit fand ein auf die Farben Grün und Blau konzentriertes mittelformatiges Diptychon, dessen beiden Teile in einen ruhigen wie zugleich expressiven Dialog miteinander treten.

Irina Ender, Ohne Titel, Bleistift, Aquarell, Pastell-Ölkreiden auf Papier

Irina Ender, Ohne Titel, Acryl auf Leinwand

Sophia Salome Sprengel, 1986 in Hannover geboren, vereint 96 Aquarelle zu einem grossflächigen malerischen Objekt. “Mit meinen reduziert gemalten und fliessenden Gesichtern thematisiere ich die Formbarkeit des Menschen durch Entscheidungen und Zufall sowie das Spannungsverhältnis zwischen Individualität, Masse und Anonymität”, schreibt sie zu ihrer in der Ausstellung dominanten Arbeit.

Sophia Salome Sprengel, Ohne Titel, Aquarell auf Papier, jeweils ca. 25 x 25 cm

Detail

Detail

Susanne Bassenauer wurde 1987 in Heppenheim geboren. Sie setzt sich mit einem Frauenbild auseinander, “das durch Modezeitschriften gestaltet wird … Ich frage mich, was hinter diesen Kleidern steckt. Wer sind diese Frauen und wo stehen sie?”

Susanne Bassenauer, (jeweils) Ohne Titel, Acryl und Bleistift auf Leinwand

Margareta Zwolinska, 1987 in Konin (Polen) geboren, zeigt sehr anspruchsvolle Arbeiten in Öl auf Leinwand. Sie setzt sich mit dem komponierten Spiel von gleichermassen Farben und Strukturen auseinander. Mit den Malgeräten kratzt sie, oft rasterartig, den Farbauftrag auf, was ihren Gemälden eine reliefartige Oberfläche verleiht.

Margareta Zwolinska, (jeweils) Ohne Titel, Öl auf Leinwand

“Aus dem Material der Farbe die Farbe formen. Die Form, das Wie der Materie. Das Was, die Materie der Form. Substanz und Idee verknüpfen … Die Bilder als Speicher der Orte und Erinnerungen. Utopie und Pathos. Die Malerei ist die Möglichkeit und der Ort dazwischen …” schreibt Professor Michael Jäger, Hauptklasse Malerei, in dem schon erwähnten, sehr informativen Katalog zur Ausstellung “kunstFABRIK 5.0″, der die Studierenden mit einer Kurzvita und ausgewählten Arbeiten aufführt.  Exemplare müssten noch verfügbar sein im Institut für Kunstpädagogik, zum Nachblättern und Nachspüren. Von vielen dieser jungen Künstlerinnen und Künstler möchten wir gerne noch hören und – vor allem – sehen.

(abgebildete Werke © jeweilige Künstlerinnen;
Fotos:FeuilletonFrankfurt)


Jutta Heun und der Genius loci

Montag, 21. Februar 2011

Es gibt ihn: den Genius loci; Orte, die inspirieren, die mit dafür empfänglichen Menschen kommunizieren, die auf geheimnisvolle Weise Ideen, Energien und Kräfte mobilisieren. Oder man kommt zu dem Schluss: Alles hängt mit allem zusammen. Oder wie Shakespeare Hamlet sagen lässt: “There are more things in heaven and earth, Horatio,  than are dreamt of in your philosophy”.

Im Garten des Kunsthauses am Lohrberg

Da gibt es also, unweit des gleichnamigen Hanges, der gern auch als der Hausberg Frankfurts bezeichnet wird, das “Kunsthaus am Lohrberg”. Und der Lohrberg, eine in Teilen noch naturbelassene, des Sommers blütenreich duftende, von gaukelnden Schmetterlingen bevölkerte parkähnliche Landschaft im Osten Frankfurts hoch über der Mainebene, beherbergt den einzigen noch im Stadtgebiet verbliebenen, den südlich einfallenden Sonnenstrahlen ausgesetzten Weinberg, im städtischen Weingut keltert man seine Rieslingtrauben als Kabinett und Spätlese zum “Frankfurter Lohrberger Hang”, durchaus einem ordentlichen Tropfen, Geheimtip einheimischer Schenkender, ihre auswärtigen Gäste zu überraschen. Ach, wir schweifen ab …

Oder eben auch nicht. Mit ihrem “Kunsthaus am Lohrberg” nämlich hat sich Jutta Heun, eine Malerin, Skulpturenformerin und begnadete Zeichnerin, einen Lebenstraum erfüllt: ein luftig-lichtdurchflutetes Atelierhaus inmitten eines üppigen wie lauschigen Gartens; ein mit Teichrosen besetztes Gewässer lädt zu meditativem Verweilen ein. Auch im Atelierhaus begegnen wir dem Garten, mit zigtausend feinster Bleistiftstriche gezeichnet, das Graphit des Stiftes verwandelt sich in unserem Inneren zu freundlich wucherndem, üppigem, lebensvollem Grün. Und wir sind uns gewiss über die Existenz und die Kraft des Genius loci, der dort, in diesem Haus am Fuss des Lohrbergs waltet.

“garden”, 2008, 180 x 140 cm, Bleistift und Acryl auf Leinwand

Atelier im Kunsthaus am Lohrberg

Jutta Heun – als Initiatorin des alle zwei Jahre verliehenen Kunstpreises  “ZONTA Art Contemporary” tat und tut sie übrigens viel zur Förderung junger Künstlerinnen der Region – öffnet ihr vor rund zehn Jahren erbautes Kunsthaus nicht nur ihren Schülerinnen und Schülern, sondern nach Absprache auch allen ernsthaft Kunstinteressierten.

Wir plauderten mit ihr über mancherlei, aber über ihre Arbeiten mag sie nicht sonderlich reden – und sie soll es unserer Auffassung nach auch gar nicht. Denn Jutta Heun ist Malerin und Zeichnerin und nicht Schriftstellerin.  Ihre grossformatigen, narrativen Zeichnungen selbst sind es, die zu uns “sprechen” und uns unmittelbar erzählen.  Und en passant: dem zunehmenden Trend nach allerlei “Künstlergesprächen” begegnen wir ohnehin mit Skepsis:  “Bilde Künstler, rede nicht” schrieb schon Johann Wolfgang Goethe.

Wir sprechen von Zeichnungen und beleuchten damit nur ein Segment aus dem breiten Schaffensspektrum der Künstlerin, denn Jutta Heun, die in einer zurückliegenden Epoche ein reiches Werk von zumeist grossformatigen Gemälden in Öl auf Leinwand schuf,  widmet sich derzeit im Schwerpunkt dieser Technik: Buntstifte und Bleistift sind die Werkzeuge  für ihre in 2010 entstandenen, wiederum grossformatigen Arbeiten auf  Papier, von denen wir hier drei näher vorstellen.

Jutta Heun vor “redlife”, 2010, 150 x 150 cm, Buntstifte und Bleistift auf Papier

“redlife”, Detail

Eine Andeutung, die wir als Lesehilfe verstehen können, haben wir ihren Ausführungen dennoch entnommen: Die mit dem Bleistift zart aufgetragenen, matt-schwarzweissen Zeichnungen bilden das erzählerische Zentrum ihrer Arbeiten, um das herum sich die farbigen Bilderwelten entfalten. Wiederholt sind es Darstellungen junger Mädchen, die diesen Mittelpunkt bilden, zeichnerisch auf das Feinste ausgeführt. Es liegt nahe, in diesen Motiven einen autobiographischen Ansatz zu vermuten. In “redlife” liegt dieses Mädchen in entspannter Haltung mit unter dem Kopf verschränkten Händen auf dem Rücken, seine Träume und Fantasien scheinen sich in kosmischen Dimensionen zu verlieren, in denen Sonnen aufscheinen, energetische Ströme entsendend. Die kontemplative Ruhe des Mädchens steht nur vordergründig in einem Kontrast zu dem es umgebenden stetigen universellen Energiefluss, denn alles scheint sich mit allem in einem Einklang zu befinden, was sich auch in der ausbalancierten Bildkomposition widerspiegelt.

Auch in der folgenden Zeichnung sehen wir ein Mädchen, nachdenklich, fast ein wenig verstört in sich gekehrt, im überwiegend mit dem Graphitstift ausgeführten, hier kreisrunden, in der Mitte durch ein mächtiges vegetatives Gebilde geteilten Bildkern. Daneben einen sorgfältig mit Tafelgeschirr, Gläsern und Bestecken gedeckten Tisch, der uns erschauern lässt: Auf ihm liegt ein totes Reh, eine offene blutende Wunde am Rücken, Beine und Teile des Tierkörpers sind im gleichen Zartrosa gehalten wir der Rock des Mädchens, wie ein Fanal flattert über der Szenerie ein blutroter Wimpel. Träume und Alpträume lösen einander ab. Das Reh auf dem Tisch, eine Metapher für Jagd, Gewalt und Tod, das die Bildmitte beherrschende, phallisch wirkende gewächsartige Gebilde, das Motiv der rechten Bildhälfte, das sich assoziativ mit Weiblichkeit verbinden liesse, eine in die linke Bildhälfte hereinbrechende, maskulin anmutende Gestalt könnten als eine Auseinandersetzung mit dem Herauswachsen aus kindlicher Mädchenhaftigkeit in eine beginnende Welt der Geschlechtlichkeit gelesen werden. Zumal die Künstlerin selbst von “flashback”-Zeichnungen spricht, von Arbeiten – so Jutta Heun -, “die den diagnostischen Blick auf einzelne gelebte eigene und fremde Zustandsphasen mit zarten Mustern und organischen Bildstrukturen verbinden”.

“untitled”, 2010, 150 x 150 cm, Buntstifte und Bleistift auf Papier (Foto: Jutta Heun)

Detail

Eine in ihren Ausmassen gewaltige Zeichnung von dreieinhalb Metern Breite bedeutet den vorläufigen Höhepunkt dieser Werkreihe. Eine bescheidene Wohnlichkeit bildet – wiederum fein schwarzweiss mit Graphitstift ausgeführt – den Ausgangspunkt für den Betrachter: ein gardinenloses Fenster, davor ein Tisch, eher kärglich eingedeckt für zwei Personen; steht nicht am rechten unteren Rand dieses Motivs noch ein puppenstubenkleines Kastenbett?

“untitled”, 2010, 350 x 150 cm, Buntstifte und Bleistift auf Papier

Detail

Unter dem “Leitmotiv” ein feines Spieltisch-Möbel, eine Orchidee entwächst einer aufgesprungenen Knolle. Links im Bild eine fein bekrönte Prinzessin, von rechts tritt ein junger Mann in die Szene. Zwischen beiden Figuren Geschichten, Assoziationen und Träume im Spannungsfeld zwischen den Geschlechtern. Man kann lange vor dieser Arbeit stehen und unentwegt detailreiches Neues entdecken: Personen, organische, vegetativ-wuchernde wie allegorische Gebilde, und immer wieder ein Schachbrett-Muster. Ist das Leben – vielleicht auch – ein Schachspiel?

Detail

Detail

Wir haben derart aufwendige, grossdimensionierte und zugleich filigrane, mit fast unendlich erscheinender Hinwendung und Geduld ausgeführte Zeichnungen, zusammengefügt aus vielleicht Hunderttausenden feinster Striche, noch nirgendwo gesehen, obschon wir viel “unterwegs” sind.

Wohin wird ihre künstlerische Reise gehen, fragen wir Jutta Heun. “Heute entferne ich mich bewusst von dieser persönlichen Sicht, weil nicht mein Ich mit einer persönlichen Botschaft die Grundlage meiner Arbeit sein soll. Mit dieser Entfernung entsteht ein vielschichtiger neuer Bildzyklus.”

“allcyclelife”, 2010, 160 x 120 cm, Buntstifte und Bleistift auf Papier (Foto: Jutta Heun)

Jutta Heun knüpft, ihre besondere Zeichentechnik fortführend, feine, mit Synapsen durchsetzte Gewebe, wir möchten sie gern als “Erinnerungsteppiche” bezeichnen. Es scheint die Welt des Mikrokosmos zu sein, die sie zu erkunden sucht, eine Welt, in der sich, den Erkenntnissen von Relativitätstherie und Quantenmechanik folgend, Materie in Energie auflöst. Etwas Neues, noch kaum fassbar Grosses tut sich auf.

Jutta Heun, gebürtige Frankfurterin, studierte an der heimischen Goethe-Universität Kulturanthropologie, Kunstgeschichte und Kunstpädagogik mit dem Magister-Abschluss. Längere Arbeitsaufenthalte führten sie nach New York und Montevideo. Seit 1998 beteiligt sie sich an Ausstellungen, in Frankfurt am Main in der Galerie Maurer und der Galerie Söffing, weltweit in Galerien in Malaga, New York, Honolulu und in Punta del Este, Uruguay.

(Fotos, soweit nicht anders angegeben: FeuilletonFrankfurt)

WANDA PRATSCHKE – EIN KÜNSTLERISCHER PROZESS / 8

Donnerstag, 17. Februar 2011

Sie wird ihre Metamorphose in Kürze vollzogen haben, vom weissen Gipsmodell zum patinierten Bronzeguss: die “GROSSE LIEGENDE” der Frankfurter Bildhauerin Wanda Pratschke.

Wir blicken zurück: Ende 2008 lernten wir die bekannte und bedeutende Bildhauerin kennen – viele ihrer Arbeiten befinden sich in der Stadt Frankfurt am Main und im Rhein-Main-Gebiet im öffentlichen Raum, die Zahl der Sammler ihrer Skulpturen ist gross – , und wir erhielten ihre Zustimmung, den schöpferischen Werdensprozess einer Skulptur von den ersten Anfängen bis zur Vollendung zu begleiten.

Eine überlebensgrosse Skulptur in Bronze – die “Grosse Liegende” – war angesagt: Die Künstlerin gönnte sich eine solche Arbeit zu ihrem 70. Geburtstag. Auch die Stadt Frankfurt am Main zeigte sich erkenntlich und stellte ihr für den Zeitraum von drei Monaten die Sachsenhäuser Ausstellungshalle 1 A als ein “offenes Atelier” zur Erarbeitung des Gipsmodells und zugleich für eine Jubiläumsausstellung zur Verfügung.

Der Weg zu einem solchen grossvolumigen Werk ist lang und durchaus mühevoll. FeuilletonFrankfurt hat ihn in bislang sieben Folgen mitverfolgt und beschrieben. Jetzt ist es soweit: Die “Grosse Liegende” wurde in der Kunstgiesserei Otto Strehle im bayerischen Neuötting in ihren Einzelteilen gegossen, die anschliessend zusammengeschweisst werden. Wir geben einen fotografischen Zwischenbericht:

Verschiedene Silikonformen werden vorbereitet

Wachsmodell mit Abstandshaltern und Gusskanälen

Blick in einen der Ausschmelzöfen

Guss einer Schamottwanne für die Form (hier für den Torso)

Schamottform für den Guss, umschlossen mit Holzbalken und Schraubzwingen

Zentnerschwer: Paletten mit Bronzebarren

Glühende Bronzeschmelze: Guss des Kopfes

Viel Rauch: nach dem Guss der grossen Form (Torso)

Der Rauch verzieht sich nach gelungener Arbeit: Wanda Pratschke mit dem Bronzegiesser-Team

In einer nächsten Ausgabe gehen wir auf das Ziselieren und Patinieren der Bronzeskulptur ein.

(Fotos: Wanda Pratschke)