home

FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Solidarität mit dem Frankfurter Kunstverein Familie Montez

Hat man soetwas schon einmal gesehen? Eine grosse und immer noch wachsende Zahl nicht nur in Frankfurt am Main ansässiger Kunstprofessoren, Künstlerinnen und Künstler erweist ihre Solidarität mit dem unverhofft in Not geratenen Kunstverein Familie Montez.

Was ist geschehen?

Der Leuchtturm weist den Weg: die alte Gemüsehalle in der Breiten Gasse, Heimat des Kunstvereins Familie Montez

Nun, zum 15. November 2010 untersagte die Frankfurter Bauaufsicht – mitten in einer laufenden Ausstellung und völlig überraschend – die öffentliche Nutzung der vom Kunstverein Familie Montez seit Jahren bespielten Gemüsehalle in der Breiten Gasse 24, mit der Begründung, es mangele dort an den notwendigen Brandschutz- und Sicherheitseinrichtungen. Der „Lola Montez Club“ nutzte seit rund zehn Jahren die – morbid-charmant „heruntergekommene“, aber voll funktionstüchtige – Halle als Partyclub mit Kunstausstellungen. 2007 gründeten die Städelschul-Absolventen  Mirek Macke und Anja Czioska den „Kunstverein Familie Montez e. V.“, das Gebäude wurde – nun gleichsam umgekehrt – zu einem Ausstellungszentrum für zeitgenössische Kunst mit Partybetrieb. Der Verein organisiert ebenso Vortragsreihen, Filmprogramme, Performances oder diverse Musikveranstaltungen. Inzwischen ist Mirek Macke alleiniger Chef der nicht nur in der sogenannten „Off“-Szene bekannten, beliebten und auch wegen ihrer Ausstellungen vielbeachteten Einrichtung.

Jetzt droht dem Verein samt Ausstellungsbetrieb das endgültige Aus.

Beliebter Kunst- und Kulturtreff: der Kunstverein Familie Montez

Arbeiten von Stefan Wieland und Kai Teichert im Kunstverein Familie Montez

Das wiederum rief die Frankfurter Kunstszene samt den sie unterstützenden gesellschaftlichen Kräften auf den Plan. Das Kulturdezernat, das den Verein bislang schon förderte, ist in besonderer Weise aufgerufen:

„Diesen wichtigen Teil der Frankfurter Kulturszene mit einer Nutzungsuntersagung dicht zu machen, ist reine Bürokratie“ kritisiert Renate Wolter-Brandecker, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Rathaus Römer. Und weiter: „Es ist Aufgabe des Magistrats, dem Montez unter die Arme zu greifen, anstatt die Türen dicht zu machen.“

Die Vorstandssprecher der in der Stadt mitregierenden Frankfurter GRÜNEN, Martina Feldmayer und Bastian Bergerhoff, beschwichtigen: „Die Bauaufsicht ist in der Tat gezwungen, die Brandschutz- und andere Vorschriften zu überprüfen und auf ihre Einhaltung zu achten. Wir sind aber guter Hoffnung, dass im anstehenden Gespräch zwischen dem Kulturamt, der Bauaufsicht und dem Kunstverein konstruktiv nach Wegen gesucht wird, um den Kunstverein Familie Montez in zentraler Lage zu erhalten. Die Off-Kultur mit ihren Zwischennutzungen und kreativen Umnutzungen wird immer eine Herausforderung für Behörden und Genehmigungsverfahren darstellen – und sich so auch immer selber in einem Zwischenraum bewegen. In Frankfurt hat sich hier aber ein gutes Zusammenspiel ergeben. Darauf bauen wir auch in diesem Fall“.

Im Kulturamt bemüht man sich derzeit um eine Lösung für den Verein: „Wir würden gerne zwischen ihm und der Bauaufsicht vermitteln.“ Hoffentlich folgen den Worten auch Taten.

Stets interessiert an aktuellen künstlerischen Positionen: Städel-, Schirn- und Liebieghaus-Direktor Max Hollein im Kunstverein Familie Montez vor einer Arbeit von Jens Lehmann, im Hintergrund Malerei von Bettina Sellmann

In dieser Situation ergreifen, wie bereits erwähnt, Professorinnen und Professoren der beiden renommierten Kunsthochschulen in Frankfurt und Offenbach sowie über 50 Künstlerinnen und Künstler eine in dieser Form bislang einzigartige Initiative:

Am Donnerstag, den 16. Dezember 2010 um 19 Uhr,
findet in der Ausstellungshalle 1 A, Schulstrasse 1a,
eine Kunstauktion

zur Finanzierung der notwendigen, von der Stadt Frankfurt am Main auferlegten Umbaumassnahmen des Kunstvereins Familie Montez statt.

Eine Vorbesichtigung der Werke ist am 15. Dezember 2010 zwischen 12 und 20 Uhr möglich.

Über 50 Professoren, Künstlerinnen und Künstler haben sich bereit erklärt, Arbeiten dem guten Zweck zur Verfügung zu stellen:

Heather Allen, Deniz Alt, Helene Arendt, Dirk Baumanns, Thomas Bayrle, Bikinirama, Heiner Blum, Leonie Bodeving, Sascha Boldt, Karsten Bott, Matti Braun, Peter Braunholz, Galia Brener, Stefan Bressel, Mariola Brillowska, Birgit Brinkmann, Mario Gaetano Brucculeri, Maria Bubenik, Il-Jin Atem Choi, Anja Conrad, Hannah Cooke, Simone Decker, Mathias Deutsch, Jos Diegel, Elizabeth Dorazio, Rosangela Dorazio, Thomas Draschan, Thomas Erdelmeier, Harald Etzemüller, Swetlana Gerner, Nathalie Grenzhäuser, Tamara Grcic, Uwe Groß, Raul Gschrey, Thomas Hartmann, Florian Heinke, Tilo Heinzmann, Valeria Heisenberg, Kai Helmstetter, Nina Hollein, Berthold Hörbelt, Jin-Kyoung Huh, Katja Jüttemann, Anne Kaminsky, Katja Kämmerer, Thomas Kilpper, Franziska Kneidl, Zachary Kraemer, Karsten Kraft, Caroline Krause, Kerstin Krone Bayer, Piotr Kurz, Julian Lee, Marko Lehanka, Jens Lehmann, Fiona Leus, Kerstin Lichtblau, Martin Liebscher, Monika Linhard, Christoph von Loew, Jan Lotter, Ruth Luxenhofer, Mirek Macke, Charlotte Malcolm-Smith, Sandra Mann, Corinna Mayer, Ramo Mayer, Leonid Matthias, Eva Moll, Mrs. Velvet G. Oldmine, Christa Näher, Hanna Rut Neidhardt, Nikolaus Nessler, Martin Neumaier, Hermann Nitsch, Thomas Nolden, Jerome North, Katja Ostermeyer, Max Pauer, Manfred Peckl, Jonathan Penca, Peyman Rahimi, Tobias Rehberger, Michael S. Riedel, Andreas Rohrbach, Anke Röhrscheid, Lionel Röhrscheid, Monika Romstein, Edwin Schäfer, Ralf Schmitt, Vroni Schwegler, Vladimir Combre de Sena, Sandip Shah, Valentina Stanojev, Simon Starling, Clemens Stecher, Daniel Stern, Stefan Stichler, Sebastian Stöhrer, Sven Tadic, Kai Teichert, Willi Tomes, Christiaan Tonnis, Oliver Tüchsen, Gil Vicente, P. W. Voigt, Milena Vrtalova, Ralf Werner, Stefan Wieland, Albrecht Wild, Wolfgang Winter, Ronald Wullems, Günter Zehetner

Mit weiteren Zusagen kann gerechnet werden.

Grosse Aufmerksamkeit fanden insbesondere die fünf Ausstellungen der Reihe „My Generation“ als „organisch gewachsenes Kunstprojekt von einem weniger nostalgischen, als nach vorne treibenden, anarchischen Geist“ mit Arbeiten von Städelschülerinnen und -schülern und Städelprofessorinnen und -professoren seit 1993. 2010 zeigte der Kunstverein unter anderem die Gemeinschaftsausstellung „Der Meister und seine Muse“ von Hermann Nitsch und Vroni Schwegler.

Arbeiten von Wolfgang Liebscher, Andreas Rohrbach und Anja Czioska im Kunstverein Familie Montez

(Bildnachweis: Kunstverein Familie Montez / Mirek Macke)

Ein Kommentar zu “Solidarität mit dem Frankfurter Kunstverein Familie Montez”

  1. stadtkindFFM
    10. Dezember 2010 12:01
    1

    So viel Einsatz hätte man sich auch beim Naxos-Union-Gelände gewünscht.

Schreib´ einen Kommentar