Gewalt, Tod, Würde, Utopie: Marco Evaristti in der Frankfurter Galerie Heike Strelow
Galerie Heike Strelow: die Wände kalkweiss, der Boden ein kaltes Grau. Nach dem Eintreten wissen wir, dass ein Stück Arbeit auf uns zu kommt, harte Arbeit. Eine Konfrontation. Es sind künstlerische Arbeiten, die uns konfrontieren – mit wem oder was letztlich? Der Welt, unserer realen Welt, unserem Sein, unserer Vergangenheit und Gegenwart. Und unserer Zukunft. Unseren Hoffnungen und Utopien.
Was wir sehen, spricht für sich. Worte verlören sich in Geschwätz.

3 Punching Bags, 2010; jeweils ⌀ 25 cm, Höhe 110 cm
Einer dieser im Boxsport üblichen Trainingssäcke ist mit Haar von Christen, ein anderer mit Haar von Juden und der dritte mit Haar von Moslems gefüllt. Sagt jedenfalls Marco Evaristti, der Künstler. Möchte es jemand auf seinen Wahrheitsgehalt hin untersuchen? Aber auf was für eine Wahrheit? Und dann: Ist jemand unter uns, der zuschlagen möchte?

Leichensack, 2009, Bronze silberpatiniert, 215 x 89 cm

“Terrorealista”, 2010, Bronze silberpatiniert, diverse Abmessungen

“Terrorealista”, Detail
Der Anblick ist schwer zu ertragen, die Leichenteile eines bei einem Terroranschlag zerrissenen Menschen sind datailliert in Bronzeguss nachgebildet. Die Bronze hat Evaristti in einem aufwändigen und kostspieligen Verfahren mit einem Silberüberzug patiniert. Vorbild war ein Polizeifoto, von einer Szenerie, wie sie nach einem terroristischen Selbstmordanschlag von den Einsatzkräften in ordnender Absicht zusammengefügt wurde. Evaristti lässt bewusst offen, ob wir Teile allein eines unschuldigen Opfers oder auch des Terroristen sehen: die Sinnlosigkeit der Tat umgreift alle und alles. Dieses Offenlassen ist ein Kernpunkt seiner künstlerischen Position.
Im Erschrecken verharren bliebe oberflächlich: Evaristti gibt in der zuwendenden, schon fast fürsorglichen Ausführung seiner Arbeit aus wertvollen Materialien, die Flächen feinstens poliert, dem zerrissenen Individuum ein Stück seiner menschlichen Würde zurück. Der an der nahen Wand lehnende Leichensack, aus den gleichen Materialien gefertigt, wacht in schweigender Erhabenheit, einer monumentalen Grabstele gleich, über der Stätte.
Doch: Es sind insgesamt drei Leichensäcke – stehen auch sie für die drei grossen monotheistischen Weltreligionen? Zwei weitere lehnen an einer anderen Wand, sie sind ebenfalls in Bronze gegossen und gleichen Ausmasses wie der erste, jedoch nicht silberpatiniert, sondern in Weiss und in Pink lackiert: Weiss, im westlichen Kulturkreis Farbe der Unschuld, der Unsterblichkeit, Unendlichkeit, zugleich wiederum Trauerfarbe in vielen asiatischen Kulturen; Pink als Evaristtis Leitfarbe, Symbol für eine bessere, vernünftigere, ideale wie utopische Welt, seinen “Pink State“?

Leichensäcke, 2009, Bronze, in Weiss und in Pink lackiert, jeweils 215 x 89 cm

Objekte “Untitled”, auch als “Imploded World” bezeichnet, 2010, Bronze, silberpatiniert, diverse Abmessungen; dahinter Bilder “Black and White”, 2010, Mischtechnik auf Leinwand, 80 x 60 cm und 100 x 100 cm (Foto: Galerie Heike Strelow)

Detail
Kugelförmige Objekte unterschiedlicher Grösse, wiederum aus silberpatinierter Bronze, assoziieren eine implodierte, in sich kollabierte Welt, von Totenschädeln übersäht, Gebäudeteile, mit Antennen ähnlichen Gebilden bestückt, vor allem Leitern ragen hilflos aus dem Chaos der Apokalypse heraus.

“Black and White”, 2010, Mischtechnik auf Leinwand, 80 x 60 cm (Foto: Galerie Heike Strelow)

“Black and White”, 2010, Mischtechnik auf Leinwand, 50 x 40 cm (Foto: Galerie Heike Strelow)
Apokalyptische Szenarien auch in neuartigen Bildern des bislang primär durch seine Aktionen und Objekte bekannten Künstlers. Evaristti bearbeitet die waagerecht liegende Leinwand mit Farben und Säuren, bedient sich zusätzlich einer Kratztechnik, so dass reliefartige Oberflächen entstehen. Stets wiederkehrend auch hier das Motiv der Leitern, für den Abstieg in Abgründe menschlichen Handelns stehend, wie auch einen möglichen Aufstieg, besser Wiederaufstieg aus einem Inferno.
Stets kritisch hat Evaristti die Rolle der Religionen im Visier – wir erinnern uns an die Trilogie der Punching Bags -, als Schöpfer wie zugleich auch Zerstörer einer zivilen humanen Gesellschaft, wenn religiös fundierter Hass sich in Gewalttaten entlädt. Doch nie begibt sich Evaristti in die Rolle des Moralisten: Stets überlässt er es – wie in seiner beispielhaften, spektakulären Performance “Helena” – dem Betrachter, sich seinen Arbeiten in voyeuristischer, sadistischer oder moralistischer Intention zu nähern.
“Patterns of Hatred” – Muster, Spuren des Hasses – lautet der Titel der mehrere Werkkomplexe umfassenden Ausstellung. Heike Strelow präsentiert in ihrer Galerie zum wiederholten Male Arbeiten von Marco Evaristti, einem durch und durch politischen Künstler, zu dessen künstlerischen Mitteln der Bruch von Tabus, die aggressive Provokation gehört, die auch vor staatlichen Droh- und Machtgebärden nicht halt macht, sondern jene im Gegenteil als eben solche entlarvt. Gewalt, Dekonstruktion und Tod, aber auch Kreation und Wiedergeburt sind ebenso wie utopische Entwürfe seine Themen. Neben den hier beispielhaft herausgegriffenen Reihen sind bei Heike Strelow ferner gewaltträchtige farbige Comics, aber auch “Broken Dolls” oder eine Reihe bizarrer, mitunter an Schmuckstücke erinnernder Gegenstände des Künstlers zu sehen.
Galerie Heike Strelow, bis 20. Oktober 2010. Für diesen Tag lädt die Galerie ab 18 Uhr zu einer Abendveranstaltung mit einem Abschlussgespräch über die Ausstellung ein.
(abgebildete Werke © Marco Evaristti; Fotos, soweit nicht anders bezeichnet: FeuilletonFrankfurt)
