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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archive for Oktober, 2010

“Blindheit des Sehens” im Frankfurter KunstBlock

Samstag, 30. Oktober 2010

“Bildnisse sehen nicht? Du irrst Dich, die Bilder und Figuren sehen mit den Augen, die sie betrachten” schrieb der Literatur-Nobelpreisträger José Saramago.

Und der Philosoph und Essayist Paul Valéry: “Ein Kunstwerk sollte uns immer beibringen, dass wir nicht gesehen haben, was doch vor unseren Augen liegt.”

Blindheit des Sehens – so der Titel einer Ausstellung im Frankfurter KunstBlock (Bellavista Film), kuratiert von Florian Koch in Kooperation mit dem benachbarten DialogMuseum (“Blindenmuseum”) und dem Frankfurter Künstler Klaus Schneider. Provokation? Realität?

Gleich zu Beginn nimmt ein “Buch” unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Klaus Schneider hat es in der Bibliothek der Bellavista aufgestellt, es ist aus Holz, der Titel und die einzige aufklappbare “Seite” in Brailleschrift, auf der linken Innenseite mit Holzkugeln materialisiert, denen Versenkungen in der rechten entsprechen. Wir können sie nicht lesen. Nicht den Inhalt des Geschriebenen erfassen. Unsere Fingerkuppen gleiten hilflos über die Holzkügelchen.

Blinde lesen, was sie nicht sehen können.
Wir Nichtblinden sehen, was wir nicht lesen können.

Klaus Schneider, wer-wir B (oben) und A (unten), 1996 und 2001, Nussbaum- und Buchenholz, Scharniere, Holzkugeln, 30 x 25 × 6 und 25 × 25 × 6 cm (Fotos: Klaus Schneider)

Seit vielen Jahren setzt sich Klaus Schneider in “Sprachbildern” mit dem Phänomen der Kommunikation unter Menschen, mit den Möglichkeiten und Grenzen – visueller – Wahrnehmung, von Sprache und Schrift auseinander. In seinen Arbeiten – seien es Malereien oder Zeichnungen, Fotografien oder Installationen – konfrontiert er den Betrachter mit Blindenschrift. Oft bezieht er diesen selbst, wie in der Serie “autobiograf”, mittels bearbeiteter Spiegelflächen, durch Öffnungen, die die Blindenschrift in der Lackierung freigibt, in das zu Betrachtende unmittelbar ein.

Klaus Schneider, autobiograf, 2010, Spiegel, Acryllack, 40 x 65 cm (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Schneider, 1951 geboren, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Kunstpädagogik an der Frankfurter Goethe-Universität und anschliessend Malerei, Zeichnung und Druckgrafische Techniken an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg. Der Künstler lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Bernd Reich, madonna, 2010, Fotografie, gestochen, 18,7 x 12, 8 cm (Foto: Ausstellung/Klaus Schneider)

In seiner Werkreihe “Stupfarbeiten” perforiert Bernd Reich – in Anlehnung an die Prägung von Papier mittels der Brailleschrift – mit einer Nadel Fotografien, die von der ausgestellten Rückseite her eine fragmentarische Negativ-Darstellung des fotografischen Abbilds zeigen. Ob das “gestupfte” Papier tatsächlich einer entsprechenden rückseitigen Fotografie entspricht, lässt der Künstler jedoch offen und stellt damit die Abbildfunktion auf eine grundsätzliche Weise in Frage.

Bernd Reich, 1966 in Freudenstadt geboren, studierte mit Diplomabschluss an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung HfG.

Helga Griffiths, Trust II, 2008, Rauminstallation (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Auch Helga Griffiths knüpft in ihrer äusserst komplexen Video-Installation formal an die Brailleschrift an: Sie ordnet verspiegelte, undurchblickbare Linsen so an, dass sie das Wort “trust” wiedergeben. Darauf projiziert sie von einer Blinden aufgenommene Videobilder, die sich in fragmentierte Lichterscheinungen auflösen, und stellt damit das Vertrauen in Frage, welches wir im Zeitalter massenmedialer Bildüberflutung dem uns visuell Vermittelten entgegenbringen.

Helga Griffiths wurde 1959 in Ehingen geboren und studierte an der Rutgers University, Mason Gross School of the Arts, N. J., an der Kunstakademie Stuttgart und an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung.

Marie José Burki, Blindsight: Hibou (Videostill), 1993, Video (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Marie José Burki scheint in ihrer nicht minder komplexen, bei allem humorvollen Videoarbeit José Saramagos eingangs zitierte Erkenntnis umzusetzen. Ein (Video-) Bild schaut uns an: in Gestalt einer scharfblickenden Eule, in deren Iris und Pupille sich durchaus alltägliche Szenen abspielen, beispielsweise Reiter auf Pferden vorüberziehen. Wer blickt wen an? Wo entstehen die Bilder? Sehen wir die Realität oder das, was wir dafür halten?

Marie José Burki, 1961 im schweizerischen Biel geboren, studierte in Genf französische Literatur und besuchte die dortige Ecole Supérieure d’Art Visuel. Sie unterrrichtete an der Rijksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam und an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg; derzeit lehrt sie an der Ecole nationale supérieure des beaux-arts de Paris. Burki lebt und arbeitet in Brüssel.

Jelena Heitsch, Zierde und Halt, 2008, Papierpulp, 69,5 x 56,6 cm (Foto: Ausstellung/Klaus Schneider)

“Anwesenheit von Abwesenheit” ist das Thema von Jelena Heitsch; das “Verborgene und Imaginäre, welches einzig und allein in der Vorstellung und Phantasie des Betrachters aktiviert werden kann”. Ein Bilderrahmen ohne Rahmeninhalt unterbricht herkömmliche Sehgewohnheiten und öffnet eine Fläche für Projektionen des Betrachters.

Die 1982 in Dachau geborene Jelena Heitsch studierte Bildhauerei und Installation an der Akademie der Bildenden Künste München; ihr Studium schloss sie in diesem Jahr mit dem Examen ab.

Karsten Kraft, Dark, 2010, Acryl auf Leinwand, 150 x 200 cm (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Karsten Kraft nähert sich mit malerischen Mitteln der Thematik. Aus mannigfach aufgetragenen Farbschichten bestehen seine “schwarzen” Bilder. Schaut man lange genug darauf, erblickt man farbig-flächige Strukturen. Scheinbar Unsichtbares wird sichtbar.

Karsten Kraft, 1968 in Frankfurt am Main geboren, studierte an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule – bei Professor Hermann Nitsch und wurde Meisterschüler im Fach Interdisziplinäre Künstlerische Arbeit.

Nicole Ahland, Zwischengängerin, 2003, 2-teilig, C-Print, je 88 x 120 cm (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Wir kennen die mit analoger Technik arbeitende Künstlerin Nicole Ahland als eine Meisterin der fotografischen Bildsprache, in der sie oft das Sichtbare in das nur noch Erahnbare transformiert – in einer, könnte man sagen, ins Transzendente führenden Transparenz. Ihren Bildern von malerischer Anmutung eignet stets etwas Spirituelles, das uns in eine andere Dimensionen des Sehens und Erkennens zu führen vermag.

Nicole Ahland, 1970 in Trier geboren, studierte Freie Kunst an der Akademie für Bildende Künste der Universität Mainz. Sie lebt und arbeitet in Wiesbaden.

Weiter sind in der Ausstellung im Frankfurter KunstBlock, die man keinesfalls versäumen sollte, die Künstler

Evgen Bavcar
Martin Brüger
Markus Frohnhöfer
Jochem Hendricks und
Willes Meinhardt

vertreten.

“Die Ausstellung versammelt ausgewählte Arbeiten von Künstlern, die sich … mit dem Sichtbarmachen von Unsichtbarem auseindergesetzt haben”, schreiben Florian Koch und Klaus Schneider. “In der Summe geht es also um die Absenz des Sehens im visuellen Objekt. Die Ausstellung nähert sich diesem Thema aus verschiedenen Perspektiven und in unterschiedlichen künstlerischen Medien an.”

Frankfurter KunstBlock, Bellavista-Film, noch bis zum 20. November 2010

Begleitet wird die Ausstellung von einer 90minütigen Spezial-Tour durch einen musealen Erlebnisraum “Dialog im Dunkeln” im benachbarten DialogMuseum.

(Abbildungen © jeweilige Künstlerinnen und Künstler)

“Das Rheingold” an der Berliner Staatsoper

Freitag, 29. Oktober 2010

Das Rheingold” von Richard Wagner an der Berliner Staatsoper
Vorabend des Bühnenfestspiels “Der Ring des Nibelungen”

Natur und Musik im Einklang

Betrachtungen von Renate Feyerbacher

Die Musik dieses Wagner’schen Grossprojektes im Schillertheater: kann das gut gehen? Die Grösse des Gebäudes in der Bismarckstraße ist nicht zu vergleichen mit dem Staatsopern-Gebäude Unter den Linden, das nun saniert wird. Ja, es gelang. Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin beweisen es. Die Feinheiten der Musik kommen geschärft zur Geltung. Beinahe jedes Wort des Textes ist zu verstehen. Noch nie habe sie den Text in einer Wagner-Oper verstanden, heute Abend jedoch – so war eine Dame zu vernehmen.

FRICKA Ekaterina Gubanova FROH Marco Jentzsch FREIA Anna Samuil DONNER Jan Buchwald Tänzer der Eastman Company LOGE Stephan Rügamer WOTAN Hanno Müller-Brachman; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Dennoch gibt es einen Wermutstropfen in der Koproduktion mit der Mailänder Scala: Es war ein Zuviel des Tanzes. Wieso Tanz überhaupt? Es nervt, wenn während der Zwischenmusik getanzt wird. Wenn auch sehr gut getanzt wird, denn kein Geringerer als der weltberühmte Sidi Larbi Cherkaoui hat choreographiert. Packend sind auch die Tanzszenen, wenn sich Alberich verwandelt: Wie Knäuel rollen sich die Tänzerinnen und Tänzer der Eastman Company, die Cherkaoui im Januar 2010 gründete, dann zusammen, verschlungen sind ihre Körper, und wenn Wotan den Nibelung gefangen hält, hängen sie wie Kletten-Fesseln an ihm.

ALBERICH Johannes Martin Kränzle und Tänzerinnen der Eastman Company; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Den Alberich singt – wie auch schon an der Mailänder Scala – Johannes Martin Kränzle. Sehr differenziert gestaltet er die Rolle, fulminant steigert er seine baritonale Stimme, und wie immer spielt er fantastisch. Kränzle, Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, wurde wegen seiner Interpretation des Beckmesser in “Die Meistersinger von Nürnberg” von Wagner an der Oper Köln für den Theaterpreis Der FAUST nominiert. Allerdings hat er zwei starke Konkurrentinnen.

ALBERICH Johannes Martin Kränzle; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Stephan Rügamer gefällt als lyrischer Loge. Die Russin Ekatarina Gubanova, sie gab 2009 ihr Debut an der Metropolitan Opera New York, ist eine selbstbewusste, strahlende Fricka. Diese drei ragen in der ansonsten guten Sängerriege heraus.

FROH Marco Jentzsch FRICKA Ekaterina Gubanova WOTAN Hanno Müller-Brachmann LOGE Stephan Rügamer; Staatsoper Berlin, Foto: © Monika Rittershaus

Die Video-Projektionen zeigen die Naturelemente – beeindruckend. In der ersten Szene, dem neckischen Spiel zwischen den Rheintöchtern und Alberich, steht die Bühne unter Wasser. Eine schöne Idee, die aber auch sehr ablenkt von dem trügerischen Spiel des Nibelung und der Rheintöchter. Es fehlt der erotische Funken.

Da FeuilletonFrankfurt mittlerweile auch in Berlin gelesen wird: Nur noch einmal in dieser Spielzeit, am 31. Oktober 2010, wird “Das Rheingold” in der Staatsoper Berlin im Schillertheater in der Inszenierung von Guy Cassiers aufgeführt. Und: Mit ICE oder Billigflug ist es von Frankfurt am Main nach Berlin nur ein “Katzensprung”.

“Love kills – Betting on the Muse”

Dienstag, 26. Oktober 2010

“Love kills – Betting on the Muse”
Eine Ausstellung von Florian Heinke und Sandra Mann

Da kann man sich schon einmal, selbst in der experimentierfreudigen Frankfurter Kunstszene, verblüfft die Augen reiben: In einer – bei aller langen Zeit der aufwändigen wie sorgfältigen Vorbereitung – doch recht kurzfristig anberaumten Ausstellung begegnen wir allerlei Hochpreisigem und sicherlich kaum Erwerbbarem bereits arrivierter Grössen des Kunstbetriebs zwischen und neben Arbeiten aufstrebender Künstlerinnen und Künstler des heimischen Umfelds. Zur erstgenannten Kategorie dürfen wir Namen wie beispielsweise Thomas Bayrle, Anton Corbijn, Jack Goldstein, Barbara Klemm, Jonathan Meeze, Christa Näher, Nam June Paik, Tobias Rehberger oder gar Gerhard Richter nennen. In der Einladungskarte erscheinen sie bunt gemixt mit den Namen derer, die sich noch auf dem zumeist mühsamen Weg des Aufstiegs zum Gipfel des von den Kunstgöttern vereinnahmten Olymp befinden.

So freut sich denn auch Professor Jean-Christophe Ammann, der erste und langjährige Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, über den Mut und das Selbstbewusstsein der jüngeren Künstlergeneration, ihre aktuellen Arbeiten mit denen der im Betrieb längst Etablierten zu messen.

Sandra Mann, Florian Heinke und Jean-Christophe Ammann in der Ausstellung; Foto: FeuilletonFrankfurt

Florian Heinke arrangierte, in Zusammenarbeit mit Sandra Mann, die aktuelle Ausstellung, mit der er im Anschluss an die Werkschau im Commerzbank-Hochhaus im August dieses Jahres seine Serie “Love kills” aus dem Werkkomplex “Black Pop” beschliesst.

Heinke (Jahrgang 1981; “Meine Arbeiten, die ich in ‘Love kills’ zeige, beschreiben sowohl das Sterben der Liebe als auch das seelische Sterben durch die Liebe”) studierte Freie Malerei an der Städelschule und schloss als Meisterschüler bei Professor Christa Näher ab. Sandra Mann, 1970 geboren, studierte bei den Professoren Rudolf Bonvie, Lewis Baltz und Heiner Blum an der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Sie unterrichtet derzeit Fotografie an der AVA Academy of Visual Arts – Frankfurter Akademie. Beide sind Träger von Stipendien und auf zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland sowie in bedeutenden Museen und privaten Sammlungen vertreten. Florian Heinke und Sandra Mann leben und arbeiten in Frankfurt am Main.

Arbeiten von 44 Künstlerinnen und Künstlern präsentiert diese aktuelle – leider nur neun Tage währende und am 31. Oktober 2010 endende – ausserordentlich sehenswerte Zusammenstellung unterschiedlichster künstlerischen Postionen. Unmöglich, hier alle Namen zu nennen; ungerecht wie immer jede “Auswahl”.

Axel Geis, o. T., 2010, Malerei; Foto: FeuilletonFrankfurt

Eva Weingärtner, … we are ONE …, 2010, Film (Videostill); Foto: FeuilletonFrankfurt

“Was lässt den Künstler jeden Morgen aufstehen und erneut vor die Leinwand treten? Den Holzblock, das Papier, hinter die Kamera?” – so fragen die Ausstellungsmacher. Und weiter: “Eine Vision eint sie alle: Die eigene Seelendiskussion, fernab der Sicherheit einer Festanstellung oder garantierten Beförderung durch Fleiss und Einsatz. Statt dessen eint sie alle eine stolze Haltung gegenüber ihren Idealen. Diese Überzeugung, die Liebe zur eigenen Arbeit, führt den Künstler an die Grenze seiner Existenz.”

Ein ebenso liebevoll wie professionell gestalteter Katalog der Ausstellungsmacher unter Mitwirkung von Karsten Thormaehlen und Mirjam Platz dokumentiert die Exponate.

Jean-Christophe Ammann und Florian Heinke im Diskurs über Heinkes “Die Kümmernis”, 2010, Malerei; Foto: FeuilletonFrankfurt

Jean-Christophe Ammann vor: Sandra Mann, Snake/Saylor, 2009, Fotografie; Foto: FeuilletonFrankfurt

Florian Heinke, Die Kümmernis, 2010, Malerei; hier im Ausstellungsdiskurs mit: Anton Corbijn, David Bowie (The Elephant Man), 1980, Fotografie; Foto: © Andrew Alexander

Jean-Christophe Ammann reflektiert: Nam June Paik, Cage in Cage, 2000, Mixed Media; Foto: FeuilletonFrankfurt

“Love kills – Betting on the Muse”, temporäre Ausstellung vom 23. bis 31. Oktober 2010, Hanauer Landstrasse 136, 5. Stock, Frankfurt am Main; Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag und Freitag 18 bis 21 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 17 Uhr.

(abgebildete Werke © jeweilige Künstlerinnen und Künstler)

Bernhard Jäger – Späte Hommage zum 75. Geburtstag

Sonntag, 24. Oktober 2010

Bernhard Jägers Figuren – fantastisch, grotesk, seziert, analysiert, systematisiert
Späte Hommage zum 75. Geburtstag

Text und Fotografien: © Renate Feyerbacher
(1 Foto Ute Wittich)


Bernhard Jäger am 8. September 2010 in seinem Frankfurter Atelier

Aus Bernhard Jägers Dankesrede zur Verleihung des Preises der Heitland-Foundation Celle, am 16. Mai 1998:

“Ich danke meinem Vater, dass er mich gezeugt hat, aber nur dafür.

Ich danke meiner Mutter, die hochschwanger 1935 mit dem Flugzeug von Berlin nach München flog, um mich dort zur Welt zu bringen.

Ich danke Karl Valentin, dass er sich bereit erklärte, mein Patenonkel zu sein.

Ich danke den furchtbaren Erziehern, in den Kinderheimen und Internaten, die mich früh lehrten, die Rolle des Aussenseiters zu akzeptieren und mich dann die innere Welt entdecken liessen.

Ich danke den Lehrern der Schulen, die diesen Weg der Erziehung unbarmherzig weiterverfolgten.

Ich danke den Professoren der Frankfurter Universität, die mich dazu brachten, ein Biologiestudium rechtzeitig abzubrechen.

Ich danke den Dozenten der Offenbacher Werkkunstschule, die mich flüchten liessen vor Werbung, Design und rechtem Winkel …”

Aus der Mappe  „Selbstbildnisse“, 1979, 40 x 50 cm

Humorvoll dankt Bernhard Jäger. Er sagt wenig, aber die Rede enthält alles, was privat von ihm zu wissen wichtig ist und was hilft, seine Kunst zu verstehen. Ein feiner Sarkasmus ist ihm auch heute noch zu eigen. Sein spitzbübisches Lächeln kann aber schnell in analytisch-kritischen Ernst umschlagen.

Zurück zu den Anfängen, die im Jahr 1959 liegen. Farblithografien sind zunächst seine künstlerische Sprache, die er ein Leben lang weiter pflegt.

Die jungen Frankfurter Künstler Bernhard Jäger, 1935 geboren, und Thomas Bayrle, Jahrgang 1937, gründen 1961 die Gulliver-Presse, die sie bis 1966 gemeinsam betreiben. Mit dem Namen beziehen sie sich auf Jonathan Swifts (1667  bis 1745) utopisch-satirisches Buch “Gullivers Reisen”, das 1726 erschien und bereits ein Jahr später auf Deutsch vorlag. Darin nimmt Swift die menschlichen Schwächen aufs Korn.

In den Sechzigern baut sich in den Köpfen der Jungen der gesellschaftliche Druck auf, der dann später zur Explosion kommt. Die beiden Künstler Bayrle und Jäger gehören zu den “Respektlosen”, die sich durch Satire, Aggression und Aufklärung Luft verschaffen, indem sie den Druck künstlerisch ablassen.

Sie schaffen1963, angeregt von Bazon Brock, der damals in Frankfurt studierte und später Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an führenden deutschsprachigen Universitäten wurde und dessen Kunst-Thesen damals in vielen jungen Köpfen spukten, die Bloom-Zeitung, eine fotomechanische Wiedergabe der Bild-Zeitung. Bloom ersetzt den Namen von Bild, von Personenangaben, von Ortsangaben, von Markenbezeichnungen. Jägers/Bayrles “Bloom” wird Kult. Den Name entleihen sie von Leopold Bloom, dem Anzeigenwerber im “Ulysses”, dem berühmten Roman von James Joyce. “Schein-Bloom erwacht im Leichenhaus – Bloom will Kanzler bleiben … Bloom fürchtet abstrakte Kunst!” Hans Magnus Enzensberger schreibt: “Die Zeitung ist das totale Kunstwerk, das alle Träume der Avantgarde-Bewegungen, von der Aufhebung der Differenz zwischen Kunst und Leben bis zur kollektiven Produktion, liquidiert, indem es sie erfüllt.” Und der Frankfurter Schriftsteller, Galerist und Dozent Adam Seide (1929 bis 2004) charakterisiert die beiden Künstler 1964: “Der eine Kopf ist poetisch, fabulierend, erfindend (Thomas Bayrle). Der andere Kopf ist kritisch, analysierend, prüfend, erprobend, eine Synthese anstrebend (Bernhard Jäger).”

1968 produziert Jäger ein Dutschke-Plakat, das im Demonstrationszug gegen die Notstandgesetze 1968 in Bonn mitgeführt wird. Unter Dutschkes Foto steht: “Die Revolution stirbt nicht an Bleivergiftung”. Dutschke wurde am 11. April 1968 ermordet.

Arbeiten in Acryl, jeweils 160 x 40 cm, von links: Stadt-plan, 2008; Frankfurter Chaos, 2006; Frankfurt, 2006; Über der Stadt, 2006; Figuren über der Stadt, 2008

Bereits 1968 hat Bernhard Jäger eine Ausstellung bei der Frankfurter Marielies-Hess-Stiftung und im Offenbacher Klingspor-Museum. Drei Jahre stellt er im Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath aus. Die renommiertesten Galerien zeigen von da ab seine Werke.

In den 1970er Jahren kam mit dem Musical “Hair” eine neue Bewegung auf. Drogentrip war angesagt. Bernhard Jäger verliert sich nicht in diesen psychodelischen Flower-Power-Zeiten. Sein gesellschaftliches Engagement bleibt.

Er durchleuchtet, häutet die einzelnen Wesen, das Individuum. Hier kommt der Beruf seines Vaters und Bernhard Jägers einjähriges Biologiestudium ins Spiel. Sein Vater war Professor und leitete an der Universität Frankfurt das Institut für Kolloid-Forschung. (Kolloid ist der Stoff, der sich in feinster, mikroskopisch nicht mehr erkennbarer Verteilung in einer Flüssigkeit oder in einem Glas befindet.)

Papierflieger, 1974, Pastell und Bleistift, 48 x 65 cm

Beim Künstler Jäger wird das Innere sichtbar, aber nicht im Sinne von psychischem “Krankheitsbild”, wohl aber im Sinne von psychischer Mutation. Er hat keine Scheu, den Menschen mehr als unvorteilhaft darzustellen. Im Laufe der Zeit werden die Arbeiten farbiger. Oft sind seine Köpfe Masken, Fratzen wie die “Kalte Beziehung”. Burleske Heiterkeit kennzeichnet manches Werk.

Kalte Beziehung, 1988, Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm

Bernhard Jäger äussert sich 1977, wie wichtig ihm sowohl die Lithografie als auch das Zeichnen, die Malerei, und der Holzschnitt sind: “Ich treibe immer in wechselnden Medien zu neuen Themen und Lösungen vor.” Fast immer druckt er seine Grafiken selbst.

1983 ist er ein Jahr Gastdozent an der Frankfurter Hochschule für Bildende Künste, der Städelschule. Dann folgen 1984 sechs Jahre als Leiter der Städel-Abendschule. Dazwischen hat er eine Gastprofessur an der Pentiment – der Internationalen Sommerakademie für Kunst und Gestaltung in Hamburg (“Reuezüge” – vom Künstler vorgenommene Abänderungen auf Gemälden etc.).

In seiner Dankesrede in Celle am 16. Mai 1998 bedankt sich Bernhard Jäger bei seinen Vorbildern:

“Ich danke meinen Lehrern Francisco de Goya, Grandville, Gustave Doré, dem Mexikaner Posada, James Ensor, den Herren der Cobra-Gruppe, Jean Dubuffet und Willem de Kooning, die mir den Weg wiesen.

Ich danke den unbekannten afrikanischen Schnitzern von Masken und Figuren, die mir die Tür zu neuen Welten öffneten.”

Tisch im Atelier

Bernhard Jäger hat eine beachtliche Sammlung afrikanischer Kunst. Ab 1995 wendet er sich ausschliesslich der menschlichen Figur zu. Die Schutz- und Zauberfiguren Afrikas inspirieren ihn zu seinen “Prototypen”.

Plakatvorlage zur Ausstellung “Drunter und Drüber”, Städtisches Kunstmuseum – Spendhaus – Reutlingen, 2005

Prototypen 1999 – 2001, Öl und Acryl auf Leinwand

Dann kommen Bernhard Jägers “wildbewegte, äusserst dicht ‘bevölkerte’ Metropolen”. Noch sind die Bilder schwarz/weiss wie das “Frankfurt-Tryptichon”, das im Atelier des Künstlers hängt.

Frankfurt-Tryptichon, 1998, Öl auf Leinwand, je 100 x 100cm

“In diesen Menschenlandschaften kommen sich die Figuren ständig in die Quere. In den Ornamenten der Masse scheint die einzelne Gestalt unterzugehen”, schreibt Peter Joch, Direktor der Kunsthalle Darmstadt, anlässlich der Ausstellung “Signal und Figur” in der Regionalgalerie im Regierungspräsidium Darmstadt 2008.

Es sind die dichten Kommunikationsnetze, die ständigen Informationen, die auf die Menschen einströmen, ja herabprasseln, und sie zu Schablonen machen. Sie stürzen uns gesellschaftlich in eine grosse Unübersichtlichkeit. Immer farbiger sind diese Menschenknäuel im Laufe der Zeit geworden.

Bernhard Jäger arbeitet nicht nur mit Pinsel und Farbe, mit Holz und Stein, sondern auch mit Stahl, Bronze, Acryl und Edelstahl. Grosse und kleine Skulpturen und Halbreliefs schmücken Plätze und Häuser. Seine vorletzte Skulpturengruppe “Stell-dich-ein” schmückt den Vorplatz des Schulzentrums Nordanlage/Dammstrasse der Stadt Gießen, deren Wettbewerb Bernhard Jäger gewann.

Stell-dich-ein, 2010, Stahl, Lack, 350 x 140 cm; Foto: © Ute Wittich

Zwei Ausstellungen ehren den Künstler zurzeit: “Bernhard Jäger – Fünf Jahrzehnte Grafik, Malerei, Skulptur” im Oberhessischen Museum Gießen, Altes Schloss, Brandplatz 2, das mit der “Roten Grossstadtfigur” wirbt.

Rote Grossstadtfigur, 2008, Acryl, 80 x 60 cm

Diese Ausstellung vermittelt einen Überblick über das vielfältige Schaffen des Künstlers. In der geglückten Auswahl ist auch die Stahlskulptur “Tempo, Tempo” zu sehen.

Tempo, Tempo, 2006, Stahl, Höhe 75 cm

Die Gießener Schau kann bis zum 14. November 2010 täglich (ausser montags) von 10 Uhr bis 16 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei.

Die zweite Ausstellung “30 Bilder für Borges” wird in der Kunstbibliothek – Städelbibliothek (Standort Bockenheim), Senckenberganlage 31, Frankfurt am Main präsentiert. Sie wird unter anderem von der Goethe-Universität und dem Argentinischen Generalkonsulat in Frankfurt veranstaltet. Die Buchmesse mit dem Schwerpunkt Argentinien gab den direkten Anlass.

Plakat “Panther” (Buch Jorge Luis Borges “25. August 1983 und andere Erzählungen”)

Buchumschlag “Tausend und eine Nacht” nach Antoine Galland

Ab 2006 schuf Bernhard Jäger seine Aquarelle zur dreissigbändigen Ausgabe “Die Bibliothek von Babel” des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges. In ihr hat er die Erzählungen seiner Lieblingsautoren gesammelt. Es ist fantastische Literatur aus drei Jahrhunderten – Weltliteratur. Die dreissigbändige Künstlerausgabe, die zwischen März 2007 und März 2008 in der edition Büchergilde erschien, ist seit langem vergriffen, aber soeben dort neu erschienen.

“Barbarisch-archaische Illustrationen” nannte sie der ZEIT-Autor.

Peter Iden hatte 1968 zu Jägers Blättern von einer “eigenartigen Mischung von Brutalität und Komik, von Witz und Teufelei” geschrieben. Das gilt auch für die Borges-Aquarelle.

Bernhard Jäger in der Ausstellung

Noch bis zum 12. November 2010 sind Aquarelle und Buchausgaben in der Kunstbibliothek – Städelbibliothek zu sehen, montags bis donnerstags von 10 bis 20 Uhr und freitags von 10 bis 17 Uhr. Auch hier ist der Eintritt frei.

Apropos Bücher: Bernhard Jäger hat noch mehr Bücher illustriert. Sie erhielten dreimal von der Stiftung Buchkunst den Preis “Die schönsten Bücher des Jahres”.

Gerne denkt Jäger an die Zusammenarbeit mit Ernst Jandl (1925-2000), die über 40 Jahre zurück liegt. 1966 erschien in der Gulliver-Presse Bad Homburg Jandls “Hosi-Anna!” – gestaltet von Thomas Bayrle und Bernhard Jäger. In einem Brief bedankt sich der Sprachkünstler, der seine experimentelle Lyrik selbst vortrug, für die “herrliche Arbeit”. Und Adam Seide lobt die gelungene optische Umsetzung von Jandls Sprachenthüllungen.

Nun gibt es ein imposantes Buch, das Bernhard Jäger selbst ehrt:

Der schön gestaltete Foliant ist 2010 in der Edition Volker Huber, Offenbach, erschienen. Den Haupttext schrieb der Kunsthistoriker Friedhelm Häring, Leiter des Oberhessischen Museums Gießen. Es gefällt, dass der Autor alte Texte zu Bernhard Jäger und seinem Werk von namhaften Autoren, Ausstellungsmachern und Freunden ins Buch aufnahm. Der Preis beträgt 59 Euro. Es gibt auch eine Vorzugsausgabe mit einer Reliefskulptur und einer Originallithografie des Künstlers zum Preis von 290 Euro.

Karl-Ströher-Preis an Cyprien Gaillard

Samstag, 23. Oktober 2010

Ausstellungsansicht: Cyprien Gaillard, Geographical Analogies, 2006-2009; Foto: FeuilletonFrankfurt

Mit 20.000 Euro gehört der Karl-Ströher-Preis zu den höchstdotierten deutschen Preisen für Gegenwartskunst. Die Summe teilt sich in ein Preisgeld von 10.000 Euro unmittelbar für den Künstler und in den gleichen Betrag, der zum Ankauf eines Werkes des Preisträgers für das Frankfurter Museum für Moderne Kunst MMK bestimmt ist. Der Preis wird alle zwei Jahre von der Karl-Ströher-Stiftung verliehen, die 1983 auf Wunsch des 1977 verstorbenen Darmstädter Unternehmers und Sammlers Karl Ströher von dessen Familie gegründet wurde. Am 21. Oktober 2010 erhielt der französische Künstler Cyprien Gaillard die Auszeichnung.

Bei der Verleihung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst – Zollamt – führte MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer aus: “Die Karl Ströher-Stiftung würdigt mit dem Preis Gaillards neuen künstlerischen Ansatz, parallele Prozesse des Verfalls und der Verwandlung in Architektur und Gesellschaft zu beobachten und in bildmächtige Werke zu setzen. Die Vielfalt der künstlerischen Techniken wie Film, Video, Fotografie, Collage, Skulptur und Malerei, wie auch die überraschenden und klug gewählten Anknüpfungspunkte seiner Arbeiten sind einzigartig und überzeugend.” Das  MMK erwirbt Gaillards Film “Cities of Gold and Mirrors”, der als einTeil der derzeitigen, noch bis zum 24. Oktober 2010 laufenden Ausstellung in der MMK-Dependance Zollamt zu sehen ist.

Ausstellungsansicht: Cyprien Gaillard, Geographical Analogies, 2006-2009; Foto: FeuilletonFrankfurt

Kern der Ausstellung ist Gaillards grosse Arbeit “Geographical Analogies” aus den Jahren 2006 bis 2009. Auf seinen weltweiten Reisen fotografiert Gaillard mit der Polaroid-Technik historische Denkmäler und Ruinen wie auch zeitgenössische Gebäude. Jeweils neun dieser Aufnahmen stellt der Künstler anschliessend in einer Vitrine in rautenförmiger Anordnung als “Geographical Analogies” einander gegenüber. Auf diese Weise entstand eine Art Bilderatlas, dessen Volumen inzwischen auf über 100 Vitrinen angewachsen ist.

Cyprien Gaillard, Geographical Analogies, 2006 – 2009, Mixed media, jeweils 65 x 48 x 10 cm, Unikate, Courtesy Sprüth Magers Berlin London / Laura Bartlett Gallery, London / Bugada & Cargnel, Paris, © Cyprien Gaillard

Wie auch andere Künstler setzt Cyprien Gaillard in seiner Arbeit bewusst die – inzwischen sozusagen ausgestorbene – Polaroid-Fotografie ein. Die dabei entstehenden kleinformatigen Bildchen sind als solche einem unaufhaltsamen Verfärbungs- und anschliessenden Verfallsprozess ausgesetzt, versinnbildlichen also geradezu die Vergänglichkeit alles Irdischen.

Sinnfällig auch die aktuelle Ausstellungssituation selbst: Der Ausstellungssaal Zollamt grenzt unmittelbar an das Grundstück, auf dem sich das ehemalige Technische Rathaus der Stadt Frankfurt am Main befand, das inzwischen fast in Gänze abgebrochen wurde, um einer neuen, wenngleich zum Teil historisierenden Altstadtbebauung zu weichen.

Cyprien Gaillard untersucht und dokumentiert in seinen Arbeiten Überlagerungen, Umwandlungen und eine mitunter trivialisierende Wiederaufnahme von Architekturen wie auch von Geschichte im Gefolge eines globalisierten Tourismus. Dies geschieht ohne eine Anwandlung von Nostalgie oder gar Trauer um das Verlorene,  sondern mit einer gewissen, durchaus aggressiven Lust an der Verwandlung.

Rainald Pohl (Kuratorium Karl-Ströher-Stiftung, links), Susanne Gaensheimer und Cyprien Gaillard beim Überreichen der Preisurkunde; Foto: FeuilletonFrankfurt

Cyprien Gaillard wurde 1980 in Paris geboren. Er besuchte die schweizerische École cantonale d’art de Lausanne. Gaillard nutzt so unterschiedliche künstlerische Medien wie Film, Video, Fotografie oder Performance. Seine Arbeiten waren bislang bei zahlreichen internationalen Ausstellungen vertreten. Gaillard lebt und arbeitet derzeit in Berlin.

Die Ausstellung im MMK-Zollamt ist noch bis einschliesslich Sonntag, 24. Oktober 2010 zu sehen.